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Michaela Kreyenfeld: Der Geburtenrückgang in Ost- und Westdeutschland

 
       
   
  • Zur Person

    • 1969 in Dortmund geboren
    • Studium der Sozialwissenschaften
    • Mitherausgeberin des Buches "Ein Leben ohne Kinder"
      (1. Auflage: 2007; 2.Auflage 2013)
    • Professorin für Soziologie an der Hertie School of Governance
 
       
     
       
   

Michaela Kreyenfeld in ihrer eigenen Schreibe

 
       
   

KREYENFELD, Michaela (2001): Employment and Fertility. East Germany in the 1990s.
Dissertation an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Rostock

KREYENFELD stellt in ihrer Dissertation u. a. Kohortenvergleiche bezüglich des Anteils von Kinderlosen an (siehe Tabelle). Dabei werden die gravierenden Mängel der Datenlage sichtbar (die Geburtenfolge wird z.B. nur innerhalb bestehender Ehen erfasst).

  Anteil der Kinderlosen in Westdeutschland (in %)
  1940 1945 1950 1955 1960 1965 1970
Sozioökono-misches Panel (SOEP) 11 13 15 19 24    
Dorbritz & Schwarz (1996) 10 13 15 19 23    
Mikrozensus 1997         27 40 71
Family and Fertility Survey (FFS) 1992       25      

KREYENFELD, Michaela (2004): Politikdiskussion fehlt verlässliche statistische Grundlage.
Datenprobleme in der Demografie am Beispiel der Kinderlosigkeit in Deutschland,
in: Demografische Forschung aus erster Hand, Nr. 3

KONIETZKA, Dirk & Michaela KREYENFELD (2004): Angleichung oder Verfestigung von Differenzen?
Geburtenentwicklung und Familienformen in Ost- und Westdeutschland,

in: Berliner Debatte Initial 15, 4, S.26-41

KONIETZKA, Dirk & Michaela KREYENFELD (2005): Nichteheliche Mutterschaft und soziale Ungleichheit im familialistischen Wohlfahrtsstaat.
Zur sozioökonomischen Differenzierung der Familienformen in Ost- und Westdeutschland,
in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Heft1,
März, S.32-61

KONIETZKA, Dirk & Michaela KREYENFELD (2007): Mehr Kinder pro Frau in Ost- als in Westdeutschland.
Warum die Diskussion zum Zusammenhang von Kinderkrippen und Geburtenrate verkürzt ist,
in: demografische Forschung aus erster Hand Nr.2, Juli

Bereits im Jahr 2004 haben Michaela KREYENFELD und Dirk KONIETZKA nachgewiesen, dass die von den Bevölkerungswissenschaftlern erfasste Geburtenrate (TFR) aufgrund des steigenden Erstgebäralters das erreichte Geburtenniveau in Deutschland nur verzerrt wiedergibt.
            
Der aktuelle Aufsatz schreibt nun die Geburtenrate nicht nur für die Kohorten 1964, 1968 und 1972 fort, sondern vergleicht die west- und ostdeutschen Kohorten 1965 - 1974
            
Für die 39jährigen Frauen des Geburtsjahrgangs 1965 ergibt sich in Westdeutschland eine Geburtenrate von 1,47, in Ostdeutschland sogar 1,58. Beide Zahlen liegen über der Geburtenrate (TFR), die in den letzten Jahren um 1,3  schwankte. Das Geburtenniveau des Frauenjahrgangs 1965 könnte sogar noch eine Geburtenrate von 1,6 erreichen, weil die Zahlen des Statistischen Bundesamtes, die KONIETZKA & KREYENFELD verwendet haben, ebenfalls mit Unsicherheiten behaftet sind.
            
Bereits im Jahr 2003 hat single-generation.de die Frauen der Generation Golf gegen Susanne GASCHKE ("Die Emanzipationsfalle") verteidigt und darauf hingewiesen, dass die Fruchtbarkeitsdifferenzen zwischen den 68ern und Nach-68ern geringer ausfallen werden, wie das damals üblicherweise in den Medien dargestellt wurde. Die Zahlen von KONITZKA & KREYENFELD zeigen, dass die damaligen Vorwürfe berechtigt waren.
            
Im Buch "Die Single-Lüge" wird ausführlich darauf eingegangen, warum die traditionelle Bevölkerungswissenschaft nicht in der Lage ist, das Geburtenverhalten der Nach-68er angemessen einzuschätzen.

KREYENFELD, Michaela (2008): Ökonomische Unsicherheit und der Aufschub der Familiengründung. In: Marc Szydlik (Hg.) Flexibilisierung. Folgen für Arbeit und Familie, Wiesbaden: VS Verlag, S.232-254

KONIETZKA, Dirk & Michaela KREYENFELD (2009): Zwischen soziologischen Makrotheorien und demographischen Vorausberechnungen - Möglichkeiten und Grenzen des Blicks in die Zukunft der Familien- und Geburtenentwicklung. In: Burkart, Günter (Hg.) Zukunft der Familie, Sonderheft der Zeitschrift für Familienforschung, Opladen, S 51-71

KREYENFELD, Michaela/SCHMIDTKE, Kerstin/ZÜHLKE, Sylvia (2009): Eignet sich das Mikrozensus-Panel für familiensoziologische Fragestellungen?
Untersuchung am Beispiel der Frage nach den ökonomischen Determinanten der Familiengründung,
in: Zeitschrift für Familienforschung, Heft 3, S.264-285

KONIETZKA, Dirk & Michaela KREYENFELD (2010): Familienformen und Lebensbedingungen in Ost und West. Zur sozioökonomischen Lage von Müttern in Deutschland, Frankreich und Russland. In: Peter Krause & Ilona Ostner (Hg.) Leben in Ost- und Westdeutschland. Eine sozialwissenschaftliche Bilanz der deutschen Einheit 1990 - 2010, Campus Verlag, S.123-144

Michaela KREYENFELD & Dirk KONIETZKA betrachten in ihrem Beitrag folgende vier demografischen Indikatoren, die Auskunft über den demografischen Wandel in Deutschland, Frankreich und Russland geben sollen:

Tabelle: Demografische Indikatoren nach Kalenderjahr in Frankreich, Russland, Ost- und Westdeutschland
  1960 1970 1980 1990 2000 2004
Zusammengefasste Geburtenziffer  
Frankreich 2,73 2,47 1,95 1,78 1,88 1,91
Westdeutschland 2,37 2,02 1,44 1,45 1,41 1,37
Ostdeutschland 2,33 2,19 1,94 1,52 1,21 1,31
Russland 2,56 2,00 1,86 1,90 1,21 1,33
 
Alter bei Geburt  
Frankreich 27,6 27,2 26,8 28,3 29,4 29,6
Westdeutschland 27,9 26,9 27,1 28,3 28,9 29,5
Ostdeutschland 26,4 25,4 24,5 25,1 27,7 28,3
Russland 28,1 26,9 25,7 25,2 25,8 25,9
 
Anteil nicht-ehelicher Geburten  
Frankreich 6,1 6,8 11,4 30,1 42,6 46,4
Westdeutschland 6,3 5,5 7,6 10,5 18,6 22,0
Ostdeutschland 11,6 13,3 22,8 35,0 51,5 57,8
Russland 13,1 10,6 10,8 14,6 28,0 29,8
 
Zusammengefasste Scheidungsziffer  
Frankreich 0,10 0,12 0,22 0,32 0,38 0,42
Westdeutschland - 0,15 0,23 0,31 0,42 0,48
Ostdeutschland 0,16 0,19 0,32 0,24 0,34 0,40
Russland 0,17 0,34 0,42 0,40 - -
Anmerkungen: Zusammengefasste Geburtenziffer West- und Ostdeutschland ohne Berlin 1990-2004 ohne Berlin; Zusammengefasste Scheidungsziffer für Westdeutschland 2000 und 2004 mit Berlin und für Ostdeutschland ohne Berlin; Die zusammengefasste Scheidungsziffer in Frankreich wurde nicht 2004, sondern 2003 erfasst
(Dirk Konietzka & Michaela Kreyenfeld 2010, S.125)

Frankreich, Russland und Deutschland werden dabei als Repräsentanten unterschiedlicher familienpolitischer Regime betrachtet.

Anhand des Generations and Gender Suvey (GGS), der 2005 in Deutschland und Frankreich sowie 2004 in Russland durchgeführt wurde, ergibt sich für die wahrgenommene finanzielle Belastung in diesen Ländern folgende Situation:

"Westdeutsche Frauen mit Kindern geben seltener finanzielle Schwierigkeiten an als ostdeutsche Frauen. Das Ausmaß der bekundeten Probleme liegt bei den französischen Frauen sogar höher als bei den ostdeutschen Frauen. Die größten finanziellen Probleme äußern dagegen russische Frauen, von denen die Hälfte angibt, finanzielle Schwierigkeiten zu haben." (2010, S.129) 

KRAPF, Sandra & Michaela KREYENFELD (2010): Nur eine Alternative für hoch qualifzierte Frauen?
Kleinkinderbetreuung in Deutschland: Erhebliche Unterschiede zwischen Ost und West,
in: Demografische Forschung aus erster Hand, Heft 4, Dezember

Michaela KREYENFELD et al. (2011): Fertility data for German-speaking countries.
What is the potential? Where are the pitfalls?
in: Arbeitspapier des Max-Planck-Institut für demografische Forschung, WP 2011-003, Januar

KREYENFELD et al. stellen u. a. die Problematik der Erfassung der Kinderlosigkeit in Deutschland dar, die z.B. für die 1960-1964 geborenen westdeutschen Frauen in den 5 verglichenen Datensätzen zwischen 14 und 22 % differiert:

"If one turns to the trends in childlessness (...), one must consider that there is no benchmark (like vital statistics data) to compare estimates to. Against this background, it is even more disturbing to see that the share of childlessness radically differs between the five sources of data. Pension data, microcensus and SOEP suggest that childlessness has increased since the 1940s cohorts. The GGS would suggest that it has declined, while the Birth Survey suggests that it has levelled off recently. However, if one disregards the GGS, one can at least conclude that childlessness has increased since the 1950s cohorts. For the most recent cohorts completing their reproductive life, childlessness is around 20 percent in all of the surveys (apart from the GGS)."

Ursache ist die fehlende Vergleichsbasis, da mit dem Mikrozensus 2008 zwar erstmals die Anzahl der leiblichen Kinder erhoben wurde, nicht jedoch die biologische Geburtenfolge, die zur Berechnung des Anteils der Kinderlosen notwendig ist:

"After the recent reform of the microcensus law, a question on the number of children ever born has finally been included into the microcensus. The law stipulates that fertility information are to be collected every four years for female respondents aged 15-75. The microcensus from the year 2008 is the first one which provided this information. Unfortunately, the birth dates of the children are not surveyed in the microcensus. This information would be highly desirable, in order to generate agespecific fertility rates."

Zudem kritisieren die Autoren das Erhebungsdesign, das zu einem relativ hohen Ausfall von Antworten geführt hat:

"Most of the questions in the microcensus are compulsory, i.e. respondents are required by law to provide information. Unfortunately, the question on the number of children is not among them and the respondent can choose whether or not to answer to this question. Furthermore, the question on the number of children has been placed at the end of the questionnaire, where it is asked rather out of context. These two aspects taken together might explain that the item non-response for this question is unusually high. About 12 percent of the respondents failed to answer this question in 2008. It is likely that childless respondents more commonly refused to answer this question than others."

KREYENFELD et al präsentieren aufgrund der vermuteten Unterschätzung der Kinderlosigkeit im Mikrozensus 2008 eine fehlerkorrigierte Tabelle (siehe auch PÖTZSCH 2010):

Quelle: Kreyenfeld et al. 2011, S.21

Im Gegensatz zur üblichen Praxis wurde Berlin zu den neuen Bundesländern dazu gerechnet, während die veröffentlichten Daten des Mikrozensus 2008 lediglich für die neuen Bundesländer ohne Berlin ausgewiesen werden. Außerdem wurden andere Altersgruppen zu Kohorten zusammengefasst als in der Originalveröffentlichung.     

HUININK, Johannes/KREYENFELD, Michaela/TRAPPE, Heike (2013): Familie und Partnerschaft in Ost- und Westdeutschland. Eine Bilanz, in: Johannes Huninink/Michaela Kreyenfeld/Heike Trappe (Hrsg.): Familie und Partnerschaft in Ost- und Westdeutschland. Sonderheft 9, 2012, der Zeitschrift für Familienforschung, S.9-28

KREYENFELD, Michaela (2015): Die Geburten- und Familienentwicklung in Deutschland. In: Franz-Xaver Kaufmann & Walter Krämer (Hg.) Die demografische Zeitbombe. Fakten und Folgen des Geburtendefizits, Paderborn: Ferdinand Schöningh, S.19-38

Neu:
KREYENFELD, Michaela (2015): Was soll dieser Vereinbarkeitspessimismus?
Familie oder Beruf? Mit siebzig Prozent berufstätigen Frauen liegt Deutschland noch vor Frankreich, doch das täuscht,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 08.08.

Die Soziologin Michaela KREYENFELD hat Wehklagen aus ganz unerwarteten Richtungen vernommen, die sich gegen die neoliberale,  bevölkerungspolitische Wende der Familienpolitik richtet:

"Feministinnen monieren den familienpolitischen Kurswechsel. Sie klagen darüber, dass die familienpolitischen Reformen vor allem durch profane ökonomische und demographische Beweggründe motiviert waren. Und Väter stellen plötzlich ihr gewähltes Familienmodell, mit dem nicht nur sie, sondern auch ihre Frauen Karriere machen, in Frage: Karriere und Familie könnten nicht in Einklang gebracht werden, meinen die Autoren Marc Brost und Heinrich Wefing und bringen ihr Dilemma auf den Begriff »Vereinbarkeitslüge«. Selbst die Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard, die sich lange für die Vereinbarkeit von Kind und wissenschaftlicher Karriere eingesetzt hatte, sagte jüngst in einem Interview mit der »Zeit«, dass wahre Wissenschaft und Kindererziehung doch nicht vereinbar seien und schließlich nicht »alle Kinder kriegen müssen«".

KREYENFELD wirft dagegen ein, dass es sich bei der Mehrheit der berufstätigen Frauen nicht um Spitzenmütter an der Belastungsgrenze handelt und nimmt sich deshalb die EUROSTAT-Statistik für das Jahr 2014 vor. Statt jedoch, wie man annehmen müsste, die Erwerbstätigkeit von Müttern zu betrachten, vergleicht KREYENFELD die Frauenerwerbstätigkeit, bei der Deutschland vor dem angeblichen familienpolitischen Musterland Frankreich liegt. Mit diesem statistischen Kniff lenkt KREYENFELD den Blick auf die Tatsache, dass Deutschlands Frauenerwerbstätigkeit nur deshalb so hoch ist, weil es hierzulande über 20 Prozent kinderlose Frauen gibt. Das liegt weit unter den noch vor wenigen Jahren prognostizierten ein Drittel Kinderloser, die es hierzulande angeblich geben sollte. Ein weiterer Grund seien die vielen "marginal beschäftigten Mütter", während die Vollzeiterwerbstätigkeit stagnierte. Erst seit 2007 - also seit Einführung des Elterngeldes - sei ein Anstieg erkennbar. Danach lenkt KREYENFELD den Blick auf Ostdeutschland, wo die Vollzeiterwerbstätigkeit von Müttern - im Gegensatz zum Westen - selbstverständlich sei. Vor allem im Ausbau der Kinderbetreuungsinfrastruktur sieht KREYENFELD den Hauptfaktor, der zur Erhöhung der Müttererwerbstätigkeit - jenseits der "marginal beschäftigten Mütter" - beitrug. Außerdem weist sie darauf hin, dass - weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit - die Kinderlosigkeit unter Akademikerinnen rückläufig sei.

Ein Hindernis sei insbesondere, dass die Unternehmen "vom voll flexibel einsetzbaren männlichen Ernährer" verwöhnt sei. KREYENFELD plädiert deshalb dafür, dass sich die "Vereinbarkeitspessimisten" lieber für einen diesbezüglichen Wandel der Arbeitswelt einsetzen sollten, statt lediglich zu jammern.

 
       
   

Michaela Kreyenfeld im Gespräch

 
       
   

SCHWENTKER, Björn (2004): Schuld ist natürlich das Volk.
In Deutschland werden zuwenig Kinder geboren ,heißt es. Doch gesicherte Daten für Prognosen gibt es nicht. Weil sich niemand richtig nachzufragen traut,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 31.10.

Björn SCHWENTKER widmet sich einem Thema, das in Deutschland ein Tabu ist: die katastrophale Datenlage zu Kinderlosen in Deutschland. Einzig single-dasein.de und single-generation.de haben immer wieder auf diesen Missstand hingewiesen, weswegen der folgende Satz mehr als merkwürdig ist:

"Einig sind sich die deutschen Demographen (...), daß die deutschen Kinderlosenzahlen in Europa einzigartig unzuverlässig sind".

Aber hat überhaupt jemals ein einziger deutscher Demograf auf diesen Missstand hingewiesen? Man muss sich nur die Aussagen unserer Demografen anschauen, dann wird schnell klar, dass ihnen gar nichts an Aufklärung liegen kann. Vielmehr tragen Polarisierer wie Herwig BIRG dazu bei, das Problem zu verschleiern.

Obwohl es seit Jahren ein offenes Geheimnis ist, dass unsere ehezentrierte Statistik aufgrund der hohen Scheidungsraten und der Zunahme unehelicher Geburten gar nicht in der Lage ist, das Ausmaß der Kinderlosigkeit zu beziffern, wurde dies in der öffentlichen Debatte noch nie so offen ausgesprochen wie bei SCHWENTKER:

"Die Standesämter melden zwar ordnungsgemäß jede Geburt, geben aber die Reihenfolge der Kinder in der Familie nur innerhalb einer bestehenden Ehe an. Zudem wird die große und steigende Zahl unehelicher Geburten ganz ohne Reihenfolge der Kinder erfaßt. Wieviel unverheiratete Kinderlose erstmals Mutter werden, ist aus den Zahlen der Standesämter nicht ersichtlich. Und in der Geburtenstatistik wird etwa eine Frau mit zwei Kindern, die sich scheiden läßt und neu heiratet, als kinderlos gezählt."

Single-generation.de hat diesen Skandal der Überschätzung dauerhaft Kinderlosen als Ergebnis einer "katholischen Statistik" kritisiert. Die Soziologin Michaela KREYENFELD vom Max-Planck-Institut für demographische Forsching in Rostock beschreibt die Folgen:

"Die Kinderlosigkeit wird (...) generell überschätzt, (...) das führt etwa zu der Horrormeldung von 40 Prozent Kinderlosigkeit bei Akademikerinnen."

Dieses Phänomen wurde von single-generation.de bereits vor längerem als politische Konstruktion der Geburtenkrise kritisiert. Auch wenn man den Mikrozensus, statt der Geburtenstatistik zweckentfremdet, wird die Erfassung der Kinderlosen nicht besser, denn hier werden nur Kinder erfasst, die im Haushalt der Eltern leben. Mit dem Neuentwurf des Mikrozensusgesetzes ist durch den Bundesrat wiederum eine Chance vergeben worden, die Kinderlosigkeit genauer zu erfassen. Es ist offenbar von Seiten der Politik nicht erwünscht, genauere Daten zu erhalten, denn es könnte sonst offenbar werden, dass es gar nicht so viele dauerhaft Kinderlose gibt, wie das von Sozialpopulisten behauptet wird.

HOLM, Carsten (2005): Lücken im Register.
Immer wieder entdecken Experten eklatante Fehler in amtlichen Datenbanken auf. Eine neue Volkszählung könnte Abhilfe schaffen - zwei Drittel der Deutschen sind schon dafür,
in: Spiegel Nr.13 v. 26.03.

Carsten HOLM erläutert u. a. am Beispiel der Akademikerkinderlosigkeit die katastrophale Datenlage in Deutschland:

"Dass (...) gerade Akademikerinnen häufig älter sind, wenn sie schwanger werden, ignorieren die Statistiker. Zudem fragt der Mikrozensus nicht nach der tatsächlichen Kinderzahl, sondern nur nach den im Haushalt lebenden Kindern. Schon erwachsene Kinder oder Sprösslinge im Internat werden nicht erfasst. Das alles hat zu der viel diskutierten Alarmmeldung geführt, dass vier von zehn Akademikerinnen ohne Nachwuchs blieben.
Statistik-Expertinnen wie Michaela Kreyenfeld vom Rostocker Max-Planck-Institut für Demographie wiesen um die geringe Aussagekraft der verfügbaren Datensammlungen: »Die deutschen Kinderlosenzahlen sind im europäischen Vergleich einzigartig unzuverlässig.«"

REINECKE, Stefan (2006): "Wir können von Schweden lernen".
In Deutschland bekommen Frauen oft Kinder, wenn sie keinen Job haben. Danach bleiben sie zu Hause. Dieses Muster soll das Elterngeld ändern, das Karriere und Kinder fördert. Eine gute Idee, so die Demografin Michaela Kreyenfeld,
in: TAZ v. 14.01.

ARETIN, Felicitas von (2007): Noch stimmen die Rahmenbedingungen nicht.
Das Niveau der Kinderlosigkeit ist in den alten Bundesländern gegenüber anderen europäischen Staaten relativ hoch,
in: Tagesspiegel v. 24.11.

Gespräch mit Michaela KREYENFELD & Dirk KONIETZKA über Kinderlosigkeit in Deutschland.

WEIßMÜLLER, Laura (2009): Zu spät gibt es nicht.
Wann Frauen Kinder bekommen. Gespräch mit Michaela Kreyenfeld,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 17.02.

WEIßMÜLLGER befragt Michaela KREYENFELD zum Anstieg der Spätgebärenden in Deutschland. Dass dieser Anstieg von den Demografen nicht ausreichend berücksichtigt wurde, ist von single-generation.de frühzeitig kritisiert worden.

STORZ, Franziska (2012): "Was heißt schon früher?"
Michaela Kreyenfeld, Juniorprofessorin für Demografie an der Universität Rostock, kennt gute Gründe für stetig sinkende Geburtenraten,
in: Neon,
Januar

Michaela KREYENFELD betrachtet das Kinderkriegen aus der Perspektive der Karrieremutter, der es um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht. Die Kinderlosigkeit in Deutschland ist dann vor allem durch neue Kitas und flexiblere Arbeitszeiten zu verringern. Die Grenzen einer solchen Bevölkerungspolitik, die das Phänomen Kinderlosigkeit auf die Vereinbarkeitsfrage reduziert, zeigt dagegen Diana AUTH auf.

FESTL, Florian (2012): Geburtenrate zu niedrig,
Deutschland rutscht immer tiefer in die Methusalem-Falle
in: Focus Online
v. 03.07.

"»Wir können nach den gestrigen Daten aus Wiesbaden noch nicht sagen, ob auch die Geburtenrate sank«, (...). Denn: Dafür müssen die Geburtenzahlen in Bezug zur Bevölkerung gesetzt werden, und verlässliche Zahlen hierzu wird es erst später im Jahr geben."

wird die kompetenteste deutsche Bevölkerungsstatistikerin in Sachen Geburtenentwicklung, Michaela KREYENFELD, zitiert.

Während die nationalkonservativen Bevölkerungswissenschaftler um Herwig BIRG im  letzten Jahrzehnt mit ihren Interpretationen weit daneben lagen, wies KREYENFELD frühzeitig darauf hin, dass die Geburtenrate der jüngeren Frauenjahrgänge in Ost- und Westdeutschland zu niedrig und die Kinderlosigkeit in Deutschland zu hoch eingeschätzt wird.

Das von KREYENFELD mitherausgegebene Buch Leben ohne Kinder fasste im Jahr 2007 erstmals den sozialwissenschaftlichen Stand der Forschung zur Kinderlosigkeit in Deutschland zusammen. Der Band zeigte insbesondere, dass auf diesem Gebiet einiges im Argen lag. Die Datenlage zur Kinderlosigkeit hat sich in den vergangenen Jahren durch Gesetzesänderungen (die angeblich vorher nicht möglich waren) zwar verbessert, dennoch lässt die Veröffentlichungspraxis der gewonnenen Erkenntnisse zu wünschen übrig. Es steht zu befürchten, dass die Ergebnisse für den kommenden Bundestagswahlkampf missbraucht werden sollen. Anders lässt sich nicht erklären, warum die erhobenen Daten nicht jetzt schon publiziert werden.

MPIDR (2013): Ein Leben ohne Kinder.
In Kürze erscheint ein neues Buch über Kinderlosigkeit. Im Interview erklärt die Herausgeberin Michaela Kreyenfeld, welche Aussagekraft amtlichen Daten tatsächlich haben und räumt mit dem Vorurteil auf, dass vor allem Akademikerinnen sich gegen das Mutterwerden entscheiden,
in: Pressemeldung Max-Planck-Institut für demografische Forschung v. 24.09.
     

 
       
       
   

Ein Leben ohne Kinder (2013).
Ausmaß, Strukturen und Ursachen von Kinderlosigkeit
(herausgegeben zusammen mit Dirk Konietzka)

Wiesbaden: Springer VS

 
   
     
 

Klappentext

"Trotz der offensichtlichen sozialpolitischen Relevanz und großen medialen Aufmerksamkeit des Phänomens Kinderlosigkeit sind das Ausmaß, die Ursachen und die Konsequenzen der Kinderlosigkeit in Deutschland bislang unzureichend untersucht worden, mit der Folge, dass in öffentlichen Debatten häufig unkritische und irreführende Diagnosen über Kinderlosigkeit erstellt werden. Das Ziel des Bandes besteht vor diesem Hintergrund darin, das Phänomen der Kinderlosigkeit in Deutschland analytisch differenziert zu durchdringen und belastbare Daten und Ergebnisse über das Ausmaß und die Struktur, die Ursachen und Folgen von Kinderlosigkeit zu präsentieren. Die vorliegende zweite Auflage ist grundlegend aktualisiert und erweitert worden."

     
 
       
   
  • Die Beiträge des Buchs

  • Einleitung
  • KREYENFELD, Michaela & Dirk KONIETZKA - Kinderlosigkeit in Deutschland: Theoretische Probleme und empirische Ergebnisse
  • "Kinderlose Akadermikerinen" - Hochschulbildung und Kinderlosigkeit
  • SCHAEPER, Hildegard/GROTHEER, Michael/BRANDT, Gesche - Familiengründung von Hochschulabsolventinnen. Eine empirische Untersuchung verschiedener Examskohorten
    BOEHNKE, Mandy - Hochschulbildung und Kinderlosigkeit: Deutsch-deutsche Unterschiede
    NEYER, Gerda/HOEM, Jan M./ANDERSSON, Gunnar - Kinderlosigkeit, Bildungsrichtung und Bildungsniveau. Ergebnisse einer Untersuchung schwedischer und österreichischer Frauen der Geburtsjahrgänge 1955-59
    WIRTH, Heike - Kinderlosigkeit von hochqualifizierten Frauen und Männern im Paarkontext - Eine Folge von Bildungshomogamie?
  • Erwerbstätigkeit und gesellschaftliche Rahmenbedingungen von Kinderlosigkeit
  • BERNARDI, Laura & Sylvia KEIM - Anfang dreißig und noch kinderlos? Lebenswege und Familienmodelle berufstätiger Frauen aus Ost- und Westdeutschland
    KÖPPEN, Katja/MAZUY, Magali/TOULEMON, Laurent - Kinderlosigkeit in Frankreich
    STEGMANN, Michael & Tatjana MIKA - Kinderlosigkeit, Kindererziehung und Erwerbstätigkeitsmuster von Frauen in der Bundesrepublik und der DDR und ihre Auswirkungen auf das Alterseinkommen
    DORBRITZ, Jürgen & Kerstin RUCKDESCHEL - Kinderlosigkeit: differenzierte Analysen und europäische Vergleiche
  • Lebenskonzepte und Kinderwünsche
  • MARBACH, Jan H. & Angelika TÖLKE - Frauen, Männer und Familie: Lebensorientierung, Kinderwunsch und Vaterrolle
  • ECKHARD, Jan & Thomas KLEIN - Die Motivation zur Elternschaft. Unterschiede zwischen Männern und Frauen
    TRAPPE, Heike - Assistierte Reproduktion in Deutschland. Rahmenbedingungen, quantitative Entwicklung und gesellschaftliche Relevanz
  • KAHLERT, Heike - Die Kinderfrage und der halbierte Wandel in den Geschlechterverhältnissen
  • BURKART, Günter - Eine Kultur des Zweifels: Kinderlosigkeit und die Zukunft der Familie
 
       
       
   

Zwischen soziologischen Makrotheorien und demographischen Vorausberechnungen - Möglichkeiten und Grenzen des Blicks in die Zukunft der Familien- und Geburtenentwicklung (2009).
(zusammen mit Dirk Konietzka)
In: Zeitschrift für Familienforschung, Sonderheft 6
Opladen & Farmington Hills: Verlag Barbara Budrich

 
   
     
 

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
2. Die Zukunft der Familie im Licht der Geburtenentwicklung

2.1 Perioden- oder kohortenspezifische Geburtenraten?
2.2 Probleme der Vorausberechnung von Geburtenzahlen
2.3 Wandel der Partnerschaftsmärkte
2.4 Fortschritt in der Informations- und Kommunikationstechnologie

3. Die Zukunft der Familie und der "zweite demographische Übergang"
4. Geburtenentwicklung und Wandel der Familienformen in Ostdeutschland

4.1 Entwicklung nichtehelicher Geburten nach 1990
4.2 Sozialstruktur nichtehelicher Elternschaft
4.3 Ökonomische Unsicherheit und Geburtenentwicklung

5. Fazit und Diskussion

Zitate:

Die bevölkerungswissenschaftliche Einschätzung der weiteren Entwicklung der Geburten als Trugschluss auf Basis der zusammengefassten Geburtenziffer (TFR)

"Im Bereich der Geburtenentwicklung geht der Konsens dahin, dass Niedrigfertilität (»low fertility«) ein Strukturmerkmal der europäischen sowie letztlich aller modernen westlichen Gesellschaften ist (Lesthaeghe/Willems 1999: 227; Billari 2005: 56; Billari/Kohler 2004; Frejka/Sobotka 2008:20). Die Szenarien zukünftiger Entwicklung schwanken lediglich zwischen der Annahme der Stabilität des Status quo und einem weiteren Absinken des gegenwärtigen Niveau der »Niedrigstfertilität«. Die Annahme, dass kein weiterer Rückgang der Geburtenrate erfolgen und sich stattdessen das gegenwärtig erreichte Niveau stabilisieren wird, wird bereits vielfach als vorsichtig oder moderat betrachtet.
Auch das Statistische Bundesamt nimmt im Rahmen seiner Bevölkerungsvorausberechnungen (Statistisches Bundesamt 2006) einen solchen Standpunkt ein. (...).
Können wir also begründet davon ausgehen, das sich in Westdeutschland die Kinderzahl bei 1,4 Kindern pro Frau eingependelt hat und auch in Zukunft auf diesem Niveau verharren wird? In Bezug auf die Situation in Westdeutschland scheint diese Annahme angesichts einer Konstanz der zusammengefassten Geburtenziffer seit etwa 1970 auf den ersten Blick mehr als plausibel. Trotzdem hält dieser Schluss einer genaueren Überprüfung nicht stand. Der Befund der Stabilität des Geburtenverhaltens ist nämlich nicht zuletzt  das Ergebnis einer spezifischen - periodenspezifischen - Betrachtungsweise bzw. Art der Messung von Geburtenintensitäten."
(2009, S.53ff.)

Die kohortenspezifische Geburtenziffer (CFT) ist höher, weist aber kontinuierlich nach unten

"Während sich die westdeutsche TFR seit den 1970er Jahren auf einem stabilen und niedrigen Niveau eingependelt hat, zeigen die entsprechenden Kohortendaten (...), dass die durchschnittliche Kinderzahl einerseits durchweg höher geblieben, andererseits kontinuierlich und stetig zurückgegangen ist. Die TFR verzerrt die Geburtenentwicklung also in doppelter Weise. Sie suggeriert ein stabiles Verhaltensmuster und unterschätzt zugleich das tatsächliche Geburtenniveau. Beispielsweise haben westdeutsche Frauen der Geburtskohorte 1962 im Schnitt 1,56 Kinder bekommen. Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre, als diese Frauen überwiegend ihre Kinder geboren haben, lag die geschätzte durchschnittliche Kinderzahl laut TFR jedoch zwischen 1,28 und 1,45 Kindern pro Frau (...). Anders formuliert hatte bislang kein einziger realer Frauenjahrgang in Westdeutschland auch nur annähernd eine so geringe Kinderzahl, wie sie die TFR bereits seit der Mitte der 1970er Jahre durchgängig angibt. Die aus der zusammengefassten Geburtenziffer abgeleitete Behauptung, dass die durchschnittliche Kinderzahl in Westdeutschland seit drei Jahrzehnten konstant ist, steht entsprechend auf wackligem Boden."
(2009, S.56)

Fehlprognosen zur Geburtenentwicklung in Deutschland

"Es zeigt sich, dass in Deutschland bereits in den vergangenen Jahrzehnten Versuche, einen Blick in die demographische Zukunft zu werfen, gnadenlos scheiterten. Die folgenden zwei Beispiele zeigen exemplarisch, dass Berechnungen von Geburtenzahlen die empirische Geburtenentwicklung sowohl deutlich über- als auch deutlich unterschätzen können.
Das erste Beispiel betrifft eine Vorausberechnung der Geburtenzahlen in der Bundesrepublik für die Jahr 1960 und 1964, welche die Autoren Horstmann und Hage am Anfang der 1950er Jahre veröffentlicht haben. Die Autoren haben alternative Szenarien verfolgt, wobei sie die Variante für 1960 798.000 Geburten und für 1964 827.000 Geburten berechneten (Horstmann/Hage 1953: 535). Die realen Geburten lagen jedoch im Jahr 1960 bei 969.000 und im Jahr 1964 bei 1.065.000 - also deutlich über den geschätzten Werten. Ein anderes Beispiel ist eine ähnliche Studie von Schwarz aus dem Jahr 2963. Schwarz (Schwarz 1963: 732) schätzte für die Bundesrepublik (ohne Berlin) im Zeitraum 1995-1999 jährliche Geburtenzahlen in einer Spannbreite zwischen 1.119.000 und 932.000. Die tatsächlichen Geburtenzahlen lagen im früheren Bundesgebiet im Jahr 1995 bei 681.000 und 1999 bei 664.000, also weit unter den demographischen Berechnungen.
Man kann aus diesen Beispielen lernen, dass demographische Vorausberechnungen zwar sehr präzise Angaben etwa über die zukünftige Zahl an Geburten machen können, dass die entscheidende Bedeutung jedoch den jeweils zu Grunde liegenden Annahmen zukommt. Es handelt sich um Wenn-dann-Aussagen, welche unter den gegebenen Annahmen immer zutreffend sind. Über deren empirische Relevanz ist damit noch nicht viel gesagt. (...). Genau in dieser Einschränkung - der Annahme unveränderten Verhaltens - liegen die entscheidenden Schwächen von Vorausschätzungen der Geburten. Die Methodik der Vorausberechnung hat ein strukturkonservatives Element, soweit sie lediglich bereits beobachtete demographische Trends in die Zukunft fortschreibt, ohne die Möglichkeit einer Trendumkehr in den Modellen zu berücksichtigen."
(2009, S.57)

Theorien zur Fundierung von Zukunftsprognosen zu Geburtenentwicklung

"Ansätze (...) reichen von soziologischen Makrotheorien über ökonomische bis hin zu sozialpsychologischen Ansätzen (Huinink/Konietzka, 2007; Peuckert 2008). Die an die Theorie des postmaterialistischen Wertewandels (Inglehart 1977, 1990) anschließende These des »zweiten demographischen Übergangs« (van de Kaa 1999; Lesthaeghe/Surkyn 2008) ist dabei der vermutlich einflussreichste Ansatz einer Erklärung des Wandels der Familienstrukturen und -dynamik seit den 1960er Jahren."
(2009, S.58)

Die Theorie des zweiten demographischen Übergangs

"Eine wichtige Erkenntnis besteht darin, dass der »zweite demographische Übergang« nicht primär, wie häufig behauptet wird, eine Theorie des Rückgangs der Geburtenrate unter das Reproduktionsniveau ist (van de Kaa 2004). Er kennzeichnet grundlegender einen Umbruch familialer Verhaltensweisen, der mit einem umfassenden Bedeutungsverlust des bürgerlichen Ehe- und Familienmodells und einer gestiegenen Vielfalt familialer Verhaltensmuster und Lebensformen einhergeht. Im Kern der theoretischen Überlegungen stehen soziokulturelle Wandlungsprozesse, insbesondere im Bereich der Wertorientierungen (van de Kaa 2004). Die dem Wandel der Lebensformen zu Grunde liegende Dynamik wird veränderten, auf persönliche Entwicklung und Entfaltung ausgerichteten Wertprioritäten, einem Wandel der Geschlechterrollen und -beziehungen und einer Abkehr von kinder- und familienzentrierten Lebenskonzepten in den jüngeren Geburtskohorten zugeschrieben. Lesthaeghe und van de Kaa als Begründer der These haben ihre Überlegungen explizit an die Theorie des Wertewandels (Inglehart 1977, 1990) sowie Ariès (1980) These einer veränderten Kindorientierung gekoppelt. Ausgehend von diesen Prämissen wird der in den 1960er Jahren einsetzende soziokulturelle Umbruch als dauerhaft und irreversibel und letztlich universell betrachtet (van de Kaa 2004). Das Konzept des »zweiten demographischen Übergangs« hat daher den Anspruch, übergreifende Entwicklungstrends zu benennen, die früher oder später in allen industrialisierten Ländern auftreten. (...)"
Welche Schlüsse erlaubt der »zweite demographischen Übergang« also im Hinblick auf die »Zukunft der Familie«? Das Konzept erlaubt einige allgemeine Aussagen über die Grundlinien oder auch dominante Trends des familialen Wandels. Demnach wird die Zukunft der Familie durch niedrige Gesamtfertilität, späte Erstelternschaft, hohe Anteile zeitlebens kinderloser Frauen, hohe Anteile nichtehelich geborener Kinder, hohe Scheidungsziffern und eine breite Vielfalt der Lebensformen geprägt sein."
(2009, S.59)

 
     
 
       
   
Beitrag von single-generation.de zum Thema

Skepsis gegenüber Rückschlüssen von der Vergangenheit auf die Zukunft der Familie ist angebracht

 
       
       
   

Ein Leben ohne Kinder (2007).
Kinderlosigkeit in Deutschland
(herausgegeben zusammen mit Dirk Konietzka)

Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften

 
   
     
 

Klappentext

"In fast allen europäischen Ländern sind die Anteile kinderlos bleibender Männer und Frauen in den letzten Jahrzehnten gestiegen. Deutschland nimmt in dieser Hinsicht eine Spitzenposition ein.
Die Medien haben das Thema in jüngster Zeit für sich entdeckt; dort ist Kinderlosigkeit immer stärker in den Brennspiegel der Diskussionen um die »Krise« der Familie, den demografischen Wandel, den Umbau des Sozialstaats und eine gerechte Verteilung der Kosten der gesellschaftlichen Alterung gerückt.
Der überwältigenden sozialpolitischen und medialen Aufmerksamkeit steht jedoch ein Mangel an Fakten gegenüber. Ausmaß und Ursachen der Kinderlosigkeit in Deutschland sind bislang nur unzureichend empirisch untersucht worden. In der öffentlichen Debatte herrscht ein unkritischer und missverständlicher Gebrauch statistischer Daten vor. Auf der Grundlage eines lückenhaften empirischen Wissens werden häufig voreilige Diagnosen über die Ursachen und »Verantwortlichen« eines komplexen Aspekts des sozialen und kulturellen Wandels getroffen.
Die in diesem Band versammelten Beiträge leisten eine Bestandsaufnahme eines Phänomens, die über moralische Schuldzuweisungen, mediale Kampagnen und kurzschlüssige Lösungsvorschläge wie »Strafsteuern« für Kinderlose weit hinausgeht. Sie zeigen das Ausmaß, die sozialen Hintergründe und die Folgen von Kinderlosigkeit in Deutschland und im internationalen Vergleich auf. Damit bieten sie dem Leser einen fundierten Einblick in die unterschiedlichen Ausprägungen und Dimensionen eines zentralen Phänomens des gegenwärtigen demografischen Wandels."

     
 
       
   
  • Rezension von single-generation.de

Ein Leben ohne Kinder.
Ein von Michaela Kreyenfeld und Dirk Konietzka herausgegebener Sammelband fasst erstmals den sozialwissenschaftlichen Stand der Forschung zur Kinderlosigkeit in Deutschland zusammen und zeigt eindrucksvoll, wie durch die Unvereinbarkeit von Beruf und Familie die ungewollte Kinderlosigkeit zunimmt

 
       
   
  • Die Beiträge des Buchs

  • Einleitung
  • KREYENFELD, Michaela & Dirk KONIETZKA - Die Analyse von Kinderlosigkeit in Deutschland: Dimensionen - Daten - Probleme
  • Kinderlosigkeit in Deutschland im europäischen Vergleich
  • DORBRITZ, Jürgen & Kerstin RUCKDESCHEL - Kinderlosigkeit in Deutschland - Ein europäischer Sonderweg? Daten, Trends und Gründe
  • KÖPPEN, Katja/MAZUY, Magali/TOULEMON, Laurent - Kinderlosigkeit in Frankreich
  • NEYER, Gerda/HOEM, Jan M./ANDERSSON, Gunnar - Kinderlosigkeit, Bildungsrichtung und Bildungsniveau. Ergebnisse einer Untersuchung schwedischer Frauen der Geburtsjahrgänge 1955-59
  • Sozialstruktur der Kinderlosigkeit in Ost- und Westdeutschland - Die Rolle von Bildung und Erwerbsverlauf
  • SCHAEPER, Hildegard - Familiengründung von Hochschulabsolventinnen. Eine empirische Untersuchung verschiedener Examenskohorten
  • WIRTH, Heike - Kinderlosigkeit von hochqualifizierten Frauen und Männern im Paarkontext - Eine Folge von Bildungshomogamie?
  • STEGMANN, Michael & Tatjana MIKA - Kinderlosigkeit, Kindererziehung und Erwerbstätigkeitsmuster von Frauen in der Bundesrepublik und der DDR und ihre Auswirkungen auf das Alterseinkommen
  • Kinderwunsch und Familienorientierung von Männer und Frauen
  • MARBACH, Jan H. & Angelika TÖLKE - Frauen, Männer und Familie: Lebensorientierung, Kinderwunsch und Vaterrolle
  • ECKHARD, Jan & Thomas KLEIN - Die Motivation zur Elternschaft. Unterschiede zwischen Männern und Frauen
  • BOEHNKE, Mandy - Hochschulbildung und Kinderlosigkeit: Deutsch-deutsche Unterschiede
  • BERNARDI, Laura & Sylvia KEIM - Anfang dreißig und noch kinderlos? Lebenswege und Familienmodelle berufstätiger Frauen aus Ost- und Westdeutschland
  • Erklärungsansätze der Kinderlosigkeit
  • KAHLERT, Heike - Die Kinderfrage und der halbierte Wandel in den Geschlechterverhältnissen
  • SCHRÖDER, Torsten - Geplante Kinderlosigkeit? Ein lebensverlaufstheoretisches Entscheidungsmodell
  • BURKART, Günter - Eine Kultur des Zweifels: Kinderlosigkeit und die Zukunft der Familie
 
       
       
   

Angleichung oder Verfestigung (2004).
Geburtenentwicklung und Familienformen in Ost- und Westdeutschland
(zusammen mit Dirk Konietzka)
in:
Berliner Debatte Initial 15, Heft 4, S.26-41

 
   
     
 

Zitate:

Der Geburteneinbruch 1992 - 1994 in Ostdeutschland ist ein statistischer Trugschluss

"Nach einem drastischen Rückgang in den Jahren 1992 - 1994 auf einen historischen Tiefstand von 0,8 stieg die zusammengefasste Geburtenziffer schließlich in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre wiederum an. Im Jahr 2000 lag sie in den neuen Ländern bei 1,2 und damit (nur noch) etwas niedriger als in den alten Ländern.
(...).
Die Geburtenentwicklung könnte demnach auf die Formel
»erst Krise, dann Angleichung« an das (niedrige) westdeutsche Geburtenniveau gebracht werden.
Diese Interpretation scheint zwar durch den Verlauf der zusammengefaßten Geburtenziffer gedeckt. Sie ist nichtsdestotrotz ein Trugschluß über die Geburtendynamik, der eng mit den Eigenschaften der statistischen Maßzahl der zusammengefaßten Geburtenziffer zusammenhängt." (S.27f.)

Die Geburtenrate ist bei steigendem Erstgebäralter ein ungeeigneter Indikator für die Kinderzahl pro Frau

"Es ist wichtig zu betonen, daß die zusammengefaßte Fertilitätsziffer idealerweise ein Indikator der endgültigen Kinderzahl pro Frau ist. Dies gilt unter der Voraussetzung, daß das Geburtenalter bzw. die altersspezifischen Geburtenraten langfristig konstant bleiben. Verschiebt sich die Verteilung des Alters von Frauen bei Geburten, wird die Aussagekraft dieses Periodenmaßes der Fertilität gravierend beeinträchtigt."

Die Zahl von 1,4 Kindern pro Frau für Westdeutschland ist zu niedrig

"Die vielzitierte Zahl von 1,4 Kindern pro Frau, die sich aus der aktuellen westdeutschen Geburtenziffer ergibt, ist (...) als Schätzwert für die endgültige Kinderzahl der Frauen zu niedrig angesetzt. Ein realistischeres Bild liefern kohortenspezifische Analysen, die z.B. auf einen Wert von 1,6 Kindern für Frauen, die um 1960 geboren sind, verweisen". (S.28f.)

Gravierende Mängel der deutschen Bevölkerungsstatistik

"Die verfügbaren Indikatoren geben (...) nur bedingt Einblick in die Entwicklung des Geburtenverhaltens. Eine partitätsspezifische Betrachtung erlauben die amtlichen Daten nicht, da nur nach der Ordnung eines Kindes in der bestehenden Ehe, nicht jedoch nach seiner biologischen Rangfolge unterschieden wird. Dies hat zur Folge, daß demographisch elementare Informationen wie das Alter der Frauen bei der Geburt des ersten Kindes oder der Anteil kinderloser Frauen auf der Basis der amtlichen Statistik für Deutschland nicht berechnet werden können." (S.29) 

 
     
 
       
     
       
     
       
   

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Update: 28. Januar 2017