[ Bevölkerungsforschung ] [ News ] [ Homepage ]

 
       
   

Jürgen Dorbritz: Bilokale Paarbeziehungen

 
       
     
       
     
       
   

Jürgen Dorbritz in seiner eigenen Schreibe

 
   

NADERI, Robert/DORBRITZ, Jürgen/RUCKDESCHEL, Kerstin (2009): Einleitung - Der Generations and Gender Survey in Deutschland.
Zielsetzung, Verortung, Einschränkungen und Potenziale,
in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Heft 1-2, S.5-30

NADERI/DORBRITZ/RUCKDESCHEL sehen in einer differenzierteren Betrachtung von Lebensformen den Vorteil des Generations and Gender Survey (GGS):

"Ein unbestrittener Vorteil des GGS ist (...), dass etwa im Vergleich zum Mikrozensus auch haushaltsübergreifende Lebensformen in die Analysen  einbezogen werden können. (...).
Eine Lebenslaufperspektive eröffnet sich, wenn die Lebensformen nach Alter, Elternschaft bzw. Kinderlosigkeit und dem Zusammenleben mit Kindern im Haushalt betrachtet werden. So wird festgestellt, ob Elternschaft vorliegt oder nicht und ob die Kinder noch im Haushalt der Eltern/des Elternteils leben. Dies bietet den Vorteil, dass bei den älteren Befragten tatsächliche Elternschaft aufgefunden wird. Gleichzeitig wird ausgeschlossen, dass etwa Alleinstehende oder bilokale Paarbeziehungen mit Kind als Alleinerziehende identifiziert werden, die es de facto nicht mehr sind. Ergebnis dieser Betrachtungsweise sind 14 mögliche Lebensformen".

In der folgenden Tabelle sind die 14 Lebensformen aufgelistet und ihr prozentualer Anteil ersichtlich:

Tabelle: Struktur der Lebensformen des GGS, 1. Welle; Erhebungsjahr: 2005
Lebensformen Insgesamt

Altersgruppen

18-29 30-49 50-79
Alleinlebend, keine Elternschaft 14,2 37,3 9,2 9,6
Alleinlebend, Elternschaft, kein(e) Kind(er) im Haushalt 9,1 0,7 3,1 18,1
Alleinlebend,
Elternschaft, Kind(er) im Haushalt
4,5 3,6 6,9 2,6
BP, keine Elternschaft 5,9 22,5 4,1 0,9
BP, Elternschaft, kein(e) Kind(er) im Haushalt 1,6 0,4 1,5 2,2
BP, Elternschaft,
Kind(er) im Haushalt
1,3 1,4 2,5 0,3
NEL, keine Elternschaft 3,8 12,4 3,1 0,9
NEL, Elternschaft, kein(e) Kind(er) im Haushalt 1,4 0,2 1,1 2,2
NEL, Elternschaft,
Kind(er) im Haushalt
2,6 4,0 4,4 0,4
NEL, keine Elternschaft, Kind(er) im Haushalt 0,2 0,3 0,3 0,0
Ehe, keine Elternschaft 8,1 4,1 6,6 10,9
Ehe, Elternschaft, kein(e) Kind(er) im Haushalt 18,4 0,6 3,9 39,0
Ehe, Elternschaft, Kind(er) im Haushalt 28,8 12,6 53,0 12,7
Ehe, keine Elternschaft, Kind(er) im Haushalt 0,2 - 0,4 0,2
Insgesamt 100,0 100,0 100,0 100,0
BP = Bilokale Paarbeziehung; NEL = Nichteheliche Lebensgemeinschaft

Quelle: NADERI/DORBRITZ/RUCKDESCHEL 2009, S.27

Der Begriff "Alleinlebend" (Single im Sinne von DORBRITZ 2009) ist insofern irreführend, weil er nicht Einpersonenhaushalt meint, sondern Partnerlosigkeit bzw. amtsstatistisch  dem Begriff "Alleinstehend" nähersteht, aber wiederum davon abweicht, weil Alleinerziehende ohne Partner darunter fallen. Alleinerziehende mit Partner fallen dagegen unter den Begriff der bilokalen Paarbeziehung.    

DORBRITZ, Jürgen (2009): Bilokale Paarbeziehungen.
Die Bedeutung und Vielfalt einer Lebensform,
in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Heft 1-2, S.31-56

DORBRITZ, Jürgen; & Robert NADERI (2012): Stabilität bilokaler Paarbeziehungen - Rahmenbedingungen und Entwicklungspfade.
Eine Analyse der ersten und zweiten Welle von pairfam,
in: Comparative Population Studies, Heft 3-4, S.393-428.

Neu:
DORBRITZ, Jürgen & Robert NADERI (2013): Getrennt leben und eine intime Beziehung führen.
Bilokale Paarbeziehungen in Deutschland,
In: beziehungsweise, Nr.11 , S.1-4

 
       
   

Stabilität bilokaler Paarbeziehungen − Rahmenbedingungen und Entwicklungspfade  (2012).
Eine Analyse der ersten und zweiten Welle von pairfam
(zusammen mit Jürgen Dorbritz)
In:
Comparative Population Studies, Heft 3-4, S.393-428;
Erstveröffentlichung: 07.03.2013

 
   
     
 

Inhaltsverzeichnis

1 Getrennt leben und eine intime Beziehung führen
2 Stabilität bilokaler Paarbeziehungen − Stand der Forschung
3 Hypothesen
4 Methodische Vorgehensweise und Datengrundlage
5 Häufigkeit bilokaler Paarbeziehungen im Vergleich zu anderen Lebensformen
6 Situation und Entwicklung bilokaler Paarbeziehungen – deskriptive Befunde

Paarspezifische Erwerbstätigkeit
Dauer der Beziehung
Institutionalisierung der Partnerschaft
Kontakthäufigkeiten und Distanzen
Kinder
Familienstand
Beziehungsepisoden
Status: Bildung und Einkommen
Zusammenzugsabsicht
Heiratsabsichten
Partnerschaftszufriedenheit
Präferenz Partnerschaft
Trennungsabsichten
Ein erstes Fazit

7 Multivariate Analyse der Entwicklung bilokaler Paarbeziehung

Erwerbstätigkeit oder berufliche Ausbildung in Welle 1
Distanz der Wohnorte beider Partner in Welle 1
Gemeinsam verbrachte Nächte in Welle 1
Beziehungsdauer in Jahren bis zum Zeitpunkt der ersten Welle
Anzahl vorangegangener Kohabitationen des Befragten in Welle 1
Partnerschaftszufriedenheit der Befragten in Welle 1
Bildungshomogamie in Welle 1
Zusammenzugsabsicht der Befragten in Welle 1
Absicht zu heiraten seitens der Befragten in Welle 1
Absicht der Befragten oder der Partner, die Beziehung zu beenden in Welle 1
Beurteilung des Gesamtmodells

8 Diskussion

Zitate:

Gegenstand des Beitrags

"Ziel des Beitrages ist es, anhand der ersten und zweiten Welle des Surveys pairfam die Rahmenbedingungen bestehender bilokaler Paarbeziehungen und deren Einfl uss auf ihre zukünftige Stabilität zu untersuchen. Gefragt wird, welche Bedingungen zum Fortbestehen bzw. zur Auflösung einer bilokalen Paarbeziehung oder zum Zusammenzug führen"
(2012, S.393)

Begriff der bilokalen Paarbeziehung

"Der Begriff bilokale Beziehung bezeichnet eine Partnerschaftsform, die aus zwei Partnern besteht, die zum Zeitpunkt ihrer Betrachtung keinen gemeinsamen Haushalt führen. Gleichzeitig definieren beide Partner die Situation als intime Beziehung und sind folglich nur räumlich getrennt."
(2012, S.394)

Bilokale Paarbeziehungen als Überbegriff für Living apart together und Fernbeziehungen ohne gemeinsamen Haushalt

"Hinsichtlich der Begrifflichkeit herrschte lange Zeit die Bezeichnung Living Apart Together vor. Die Autoren haben sich nach Huinink und Konietzka (2007: 31) für den Begriff der bilokalen Paarbeziehungen entschieden, ohne den des Living Apart Together aufzugeben (Dorbritz 2009: 36). Die Begründung dafür liegt in der Auffassung, dass der Begriff Living Apart Together nur einen spezifischen Teil der Partnerschaften mit getrennter Haushaltsführung abdeckt. Als Living Apart Together-Beziehungen werden Paare verstanden, die eine Nahbeziehung führen, den Wohnort des Partners relativ schnell erreichen können und häufigere Face-to-Face-Kontakte haben. Trotz getrennter Haushalte liegt hier die Betonung auf dem »Together«. Von den Living Apart Together Beziehungen zu unterscheiden sind die Paare in einer Long Distance Relationship, die sowohl als Single wie auch als Paar agieren. Sie sind durch seltenere Kontakte und größere Distanzen zwischen den Wohnungen gekennzeichnet. Die Unterscheidung zwischen Living Apart Together-Beziehungen und Long Distance Relationships ist wesentlich für die Charakterisierung der bilokalen Paarbeziehungen, da sie für zwei wichtige Trends des gesellschaftlichen Wandels stehen – die gegebene Individualisierung der Lebensformen und die wachsenden Mobilitätserfordernisse. Die bilokale Paarbeziehung ist die Lebensform, in der sich Intimität und Unabhängigkeit ideal vereinbaren lassen, wodurch die typischen Probleme, die ein Zusammenwohnen mit sich bringt, wegfallen (Peuckert 2008: 79). Schneider (2009: 679) stellt die Situation folgendermaßen dar: »Die Partner gehen eine feste Beziehung ein, wollen aber auf Distanz bleiben, weil ihnen eine größere individuelle Autonomie und persönliche Freiräume wichtig sind und sie diese im Fall des gemeinsamen Wohnens beeinträchtigt sehen.« Andererseits sind es die wachsende berufliche Mobilität und die Karrierebestrebungen, die dazu zwingen, in zwei getrennten Haushalten relativ weit voneinander entfernt zu leben. Das Privatleben wird dann an die Flexibilitäts- und Karriereanforderungen angepasst. Das Entstehen von Long Distance Relationships trägt daher häufiger das Merkmal der Unfreiwilligkeit. Generell werden bilokale Paarbeziehungen als die Lebensform bezeichnet, die am besten den gesellschaftlichen Bedingungen der Post-Moderne angepasst ist. Gleichzeitig ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass bilokale Paarbeziehungen in dieser Form dauerhaft bestehen."
(2012, S.395)

Der Begriff "bilokale Paarbeziehung" in der Untersuchung

"Bilokale Paarbeziehungen wurden auf Basis der Daten so rekonstruiert, dass die Befragten eine getrennte Haushaltsführung aufweisen bei Ausschluss der Beziehungen, die erst im Jahr der ersten Befragungswelle entstanden sind. Durch die Formulierung der Frage in pairfam haben nur Personen geantwortet, die diese Beziehung selbst als intime Paarbeziehung definieren. Dem Merkmal, sich als Paar zu definieren, wurde durch das Kriterium „gemeinsame Übernachtungen“ entsprochen (häufiger als nie ab einen Monat vor der Befragung). Eine Variable zum vierten Kriterium, ob die bilokale Paarbeziehung von anderen als Partnerschaft wahrgenommen wird, ist in pairfam nicht enthalten. Auf eine explizite Unterscheidung zwischen Living Apart Together-Beziehungen und Long Distance Relationships wird im Untersuchungsdesign aus Fallzahlgründen verzichtet. Aus diesem Grund wird im Folgenden nur noch der Begriff Bilokale Paarbeziehung verwendet, der hier als übergeordneter Begriff beider Kategorien Living Apart Together-Beziehungen und Long Distance Relationships verstanden wird."
(2012, S.395f.)

Instabilität: bilokale Paarbeziehungen zwischen Trennung und Zusammenzug

"Die kurzen Beziehungszeiten der bilokalen Paare können einerseits Ausdruck einer hohen Trennungshäufigkeit sein, andererseits muss das Ende der bilokalen Beziehungsform nicht das Ende der Beziehung sein, nämlich dann, wenn ein Zusammenzug erfolgt"
(2012, S.396f.)

Die Stabilität bilokaler Paarbeziehungen als bevölkerungspolitisches Problem

"Eines der prägenden Merkmale der bilokalen Paarbeziehungen ist, dass die Paare kaum Kinder haben und der Kinderwunsch sowohl der Frauen als auch der Männer niedriger als bei zusammenlebenden Paaren ist. So hat der Generations and Gender Survey gezeigt, dass sich Frauen in einer bilokalen Paarbeziehung durchschnittlich 1,5 Kinder wünschen. In einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft sind es 1,64 und verheiratete Frauen wünschen sich 2,1 Kinder (Dorbritz 2009: 49). Einer der auffälligen Gründe für diese Unterschiede ist die Befürchtung, dass durch ein Kind eine stärkere Bindung an den Partner entsteht. Dadurch, dass in bilokalen Beziehungen seltener Elternschaft vorliegt und Kinderwünsche niedriger sind, fehlt eines der zentralen Zusammenzugs- bzw. Heiratsmotive."
(2012, S.399f.)

Datengrundlage: Pairfam und Operationalisierung des Begriffs "bilokale Paarbeziehung"

"Die Erhebung der ersten Welle fand in den Jahren 2008 und 2009 und die der zweiten Welle jeweils ein Jahr später statt. Für diesen Beitrag wurden nur die Daten aus der Befragung der Ankerperson und davon nur die zwei Kohortengruppen 1981 bis 1983 und 1971 bis 1973 verwendet. (...).
Grundlage für die Konstruktion der abhängigen Variable ist die Angabe der sogenannten Ankerperson (Hauptperson der Befragung – pairfam weist ein multiactordesign auf), eine Beziehung zu führen. Es wurde eine dichotome Variable erstellt, welche aus bilokalen Beziehungen auf der einen und Kohabitationen auf der anderen Seite besteht. Ob die Ankerperson verheiratet ist, bleibt dabei unberücksichtigt. Im deskriptiven Teil des Artikels werden zunächst die prozentualen Verteilungen zwischen verschiedenen unabhängigen Variablen und bilokalen Paarbeziehungen innerhalb der ersten Welle dargestellt. Hierfür werden die im Datensatz vorhandenen Angaben von den Befragten herangezogen, ob diese einen Partner haben mit dem sie nicht zusammenwohnen. Eingeschränkt wird die betrachtete Gruppe noch dadurch, dass die Partnerschaft nach der Definition bereits im Vorjahr der Erhebung der ersten Welle existiert haben muss und dass die Partner einen Monat vor der Befragung wenigstens selten bzw. unregelmäßig in einer Wohnung übernachtet haben. Es wurden also die Befragten ausgeschlossen, die angeben, dass sie »nie« im letzten Monat gemeinsame Nächte miteinander verbracht haben.
Die so in Anlehnung an die vorn erläuterte Definition identifizierten bilokalen Beziehungen bilden damit die Grundlage für die Analyse und werden in ihrer Entwicklung innerhalb eines Jahres betrachtet."
(2012, S.403f.)

Dauerhaftigkeit von bilokalen Paarbeziehungen bei den 35-37 Jährigen

"Bei den 1971-1973 Geborenen sind es 17,0 % aller bilokalen Paarbeziehungen, die bereits 10 Jahre oder länger bestehen."
(2012, S.409)

Kritik: Da nicht zwischen Nah- und Fernbeziehungen bzw. der Freiwilligkeit unterschieden wird, wäre es fragwürdig die Stabilität der erhöhten Optionsvielfalt, die in der Individualisierungsthese bei DORBRITZ unterstellt wird, zuzuschreiben.  

Der Institutionalisierungsgrad einer Paarbeziehung als Indikator für die Stabilität der Partnerschaft

"Der Grad der Institutionalisierung einer Partnerschaft gilt als entscheidender Faktor für ihre zukünftige Perspektive. Die Annahme lautet: Je stärker eine bilokale Paarbeziehung institutionalisiert ist, desto größer ist ihre Stabilität bzw. ihre Chance, in eine gemeinsame Haushaltsführung zu münden. In pairfam wird die Institutionalisierung der Partnerschaft anhand von vier Merkmalen gemessen: 1. ob man den Partner bereits den Eltern vorgestellt hat, 2. ob man sich als Paar gegenseitig gesagt hat, sich zu lieben, 3. ob Gegenstände in der Wohnung des Partners deponiert wurden und 4. ob in der Wohnung des Partners gemeinsam übernachtet wurde."
(2012, S.409)

Die vorhandenen Kinder und der Kinderwunsch in bilokalen Paarbeziehungen bei den 25-27 Jährigen im Vergleich mit den 35-37 Jährigen

"In den Geburtsjahrgängen 1981-1983 gehören zu bilokalen Paarbeziehungen nahezu keine Kinder. Die durchschnittliche Kinderzahl beträgt 0,16, der Anteil Kinderloser erreicht sehr hohe 87,5 %.
Personen in bilokalen Paarbeziehungen, insbesondere wenn sie jünger sind, haben seltener vor, in den nächsten 2 Jahren Mutter oder Vater zu werden (aktueller Kinderwunsch). Einbezogen wurden nur die Antworten »ja, bestimmt« und »nein, bestimmt nicht«. Danach haben 23,7 % in der jüngeren Altersgruppe in bilokalen Paarbeziehungen mit »ja, bestimmt« geantwortet. Bei den nichtehelichen Lebensgemeinschaften waren es 50,3 % und bei den zusammenlebenden Ehepaaren 70,5 %. In der älteren Vergleichsgruppe sind die Unterschiede nicht mehr so auffällig. Bei den bilokalen Paarbeziehungen (64,3 %) und den nichtehelichen Lebensgemeinschaften (71,4 %) steigt der Anteil derjenigen, die bestimmt in den nächsten zwei Jahren ein Kind möchten, bei den Ehepaaren sinkt er auf 45,5 % ab. Es wird angenommen, dass Verheiratete im Alter von 35-37 Jahren schon Kinder haben, was dazu führt, dass der Kinderwunsch geringer ist im Vergleich zu Paaren die noch am Anfang der Familiengründung stehen."

Kritik: Es wird nicht zwischen Nah- und Fernbeziehungen und damit nach dem Grad der Erzwungenheit der bilokalen Paarbeziehung unterschieden. Da sich beide Formen erheblich voneinander unterscheiden und sich zudem Fernbeziehungen im Vergleich zu Nahbeziehungen vermehrt bei Akademikern finden, bei denen der Aufschub der Elternschaft zur Normalität geworden ist, sind die Ergebnisse wenig erhellend. Wir haben es hier mit dem typischen Fall zu tun, dass die niedrige Fallzahl die Erkenntnismöglichkeiten beschränkt.

Die Instabilität bilokaler Paarbeziehungen ist in erster Linie dem Zusammenzug mit dem Partner geschuldet

"Der häufigste Wechsel vollzog sich (...) durch den Übergang in eine nichteheliche Lebensgemeinschaft mit einem gemeinsamen Haushalt. Aufgelöst haben sich in Geburtsjahrgängen 1981 bis 1983 15,7 % und in den Geburtsjahrgängen 1971 bis 1973 11,5 % der bilokalen Paarbeziehungen. Die jeweils kleinste Gruppe bilden diejenigen, die als verheiratetes Paar zusammengezogen sind. Die bilokalen Paarbeziehungen in der älteren Gruppe zeigen im Übergang von der ersten zur zweiten Welle ein höheres Maß an Stabilität."
(2012, S.417)

 
     
 
       
   

Beiträge von single-generation.de zum Thema

Fernbeziehungen - Wie der veränderte Arbeitsmarkt unsere Liebesbeziehungen prägt

Thema Mobilität - Eine Studie möchte die Umzugsmobilität fördern (Psychologie Heute, April 2002, S.44-49

HAUSTEIN, Sonja/Hans W. BIERHOFF: Zusammen und getrennt wohnende Paare - Unterschiede in grundlegenden Beziehungsdimensionen (Zeitschrift für Familienforschung, Heft1, 1999, S.59-76)

 
       
   

Bilokale Paarbeziehungen (2009).
Die Bedeutung und Vielfalt einer Lebensform
In: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Heft 1-2
, S.31-56

 
   
     
 

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung und Zielstellungen
2 Definition, Identifikation und Häufigkeit des Vorkommens im GGS
3 Charakterisierung bilokaler Paarbeziehungen anhand der GGS-Daten

Bilokale Paarbeziehungen in der Struktur der Lebensformen
Kontakthäufigkeiten
Dauer des Bestehens
Bilokale Paarbeziehungen nach Bildung, Alter und Familienstand
Ein Zwischenfazit

4 Ableitung der Hypothesen
5 Hypothesenüberprüfung
6 Zusammenfassung und Diskussion

Zitate:

Begriff der bilokalen Paarbeziehung

"Lebensformen, in denen beide Partner in getrennten Haushalten leben, (werden)(...) häufig als Living Apart Together (LAT) bezeichnet (...). Die ursprüngliche Definition als Partnerschaftsbeziehung bei getrennter Haushaltsführung ist im Licht der aktuellen Forschung für diesen Beitrag nochmal zu überprüfen. Neuere Ergebnisse insbesondere aus der individualisierungstheoretischen Sicht und der Forschung zur beruflichen Mobilität zeigen, dass die Definition des LAT differenzierter erfolgen muss, wobei das ursprüngliche LAT nicht mehr als Oberbegriff verwendet wird.
Die nachfolgenden Betrachtungen sind unverändert auf Partnerschaften mit getrennten Haushalten gerichtet. Solche Partnerschaften werden nunmehr als biolokale Paarbeziehungen (BP) und nicht mehr ausschließlich als LAT bezeichnet. Vor allem die getrennte Haushaltsführung wird strenger definiert. Damit werden Beziehungen wie beispielsweise Wochenpendler oder Personen mit einem anderen Pendelrhythmus ausgeschlossen, in denen der Pendelnde immer wieder in den gemeinsamen Haushalt zurückkehrt. (...). Für eine bilokale Paarbeziehung müssen damit folgende Bedingungen erfüllt sein:

1. Die Partner müssen darin übereinstimmen, ein Paar zu sein. Die Partnerschaft sollte bereits einen gewissen Zeitraum (häufig wird ein Jahr vorausgesetzt) bestehen.
2. Sie müssen in separaten Haushalten wohnen.
3. Sie müssen von anderen als Paar wahrgenommen werden."
(2009, S.33)

Bilokale Paarbeziehungen als Oberbegriff für Nahbeziehungen (Living apart Together) und Fernbeziehungen (Long Distance Relationship)

"Die in diesem Beitrag verwendeten Bezeichnungen orientieren sich im Wesentlichen an den von Schneider (2009) sowie von Schneider, Limmer und Ruckdeschel (2002) verwendeten Begriffen. Der Ausgangspunkt der Überlegungen zu den Begrifflichkeiten basiert aber auf der Definition von Paaren mit getrennter Haushaltsführung, die Huinink und Konietzka (2007: 31) vorschlagen: »Die Mitglieder einer Lebensgemeinschaft wohnen und wirtschaften zusammen, sie bilden einen privaten Haushalt. Zwei Personen, die eine Paarbeziehung, aber keine Lebensgemeinschaft (Paargemeinschaft) unterhalten, haben dagegen eine bilokale Paarbeziehung oder eine 'Living Apart Together' (LAT)-Beziehung«. Nach dieser Definition wird der Begriff der bilokalen Paarbeziehung als Oberbegriff für Partnerschaften mit getrennter Haushaltsführung verwendet. Der LAT-Begriff soll aber nicht gleichbedeutend verwendet werden. Hier folgt der Autor der Charakterisierung von Schneider (2009: 679): »Die Partner gehen eine feste Beziehung ein, wollen aber auf Distanz bleiben, weil ihnen eine größere individuelle Autonomie und persönliche Freiräume wichtig sind und sie diese im Fall des gemeinsamen Wohnens beeinträchtigt sehen.« Diese Form der Partnerschaft mit dem zentralen Merkmal des getrennten Zusammenlebens, das nur möglich ist, wenn eine relativ problemlose gegenseitige Erreichbarkeit (Nahbeziehung) gegeben ist, wird zukünftig als Living Apart Together (LAT) bezeichnet. Als Kriterium für eine Nahbeziehung wird zugrunde gelegt, dass der Wohnort des Partners in weniger als 2 Stunden erreichbar ist.
Die Untersuchungen von Schneider, Limmer und Ruckdeschel zum Zusammenhang von berufsbedingter Mobilität und Lebensformen zeigen, dass sehr viele derjenigen, die in BP legen, dies ausschließlich aus beruflichen Gründen tun. (...). Diese Beziehungen werden als Long Distance Relationship (LDR) bezeichnet. Sie sind in aller Regel durch die Umstände der Erwerbstätigkeit erzwungen und nach den Ergebnissen der Studie »Job Mobilities and Family Lifes in Europe« durch relativ große räumliche Entfernungen zwischen den Haushalten gekennzeichnet. Der Begriff der Long Distance Relationship wird für die weiteren Analysen übernommen, kennzeichnet aber nicht nur Paare, die aufgrund der beruflichen Situation relativ weit voneinander entfernt wohnen, sondern alle Paare, die zur Wohnung des Partners mehr als 2 Stunden benötigen. Dieses Differenzierungsmerkmal ist auch darin begründet, dass die unterschiedlichen Distanzen und damit Kontakthäufigkeiten zu Besonderheiten im Leben der Paarbeziehungen führen dürften."
(2009, S.35f.)   

Die Untererforschtheit bilokaler Paarbeziehungen aufgrund der haushaltsbezogenen Datenerhebung

"Die biolokalen Paarbeziehungen gehören noch immer zu den weniger betrachteten Formen partnerschaftlichen Zusammenlebens, da diese Lebensformen häufig auf der Grundlage des Haushaltsbezugs betrachtet werden und BP aus dem Definitionsraster fallen. Dies galt übrigens auch lange Zeit für die multilokalen Mehrgenerationenfamilien (Bertram 2000: 117f): »Die These von der isolierten Kleinfamilie ist Bestandteil vieler theoretischer Konzepte zur Beschreibung der Entwicklung der Moderne. Weder Parsons noch die heutigen Theoretiker der Postmoderne haben sich der Mühe unterzogen, die tatsächlich gelebten Beziehungen von Menschen zu untersuchen, sondern vertrauen den Indikatoren der amtlichen Statistik, ohne zu reflektieren, ob die darin zum Ausdruck kommenden Ordnungsvorstellungen tatsächlich auch von den Menschen gelegt werden«. Beklagt wird in der Literatur daher häufig, dass die BP in den Analysen kaum Beachtung finden, sei es aufgrund der Nichtbeachtung bei der Datenerhebung wie z.B. im Mikrozensus oder der ungenügenden Fallzahlen in Surveys. Dennoch liegen einige Untersuchungen zu den Fernbeziehungen vor. Zu nennen sind aus der deutschsprachigen Sicht an dieser Stelle in erster Linie die Arbeiten von Schneider bzw. Schneider et al., sowie von Asendorpf und Klein et al.. In diesen Beiträgen wird die wenige verfügbare Literatur relativ ausführlich reflektiert, sodass an dieser Stelle (...) darauf verzichtet wird."
(2009, S.33f.)

Die Operationalisierung bilokaler Paarbeziehungen (BP) im GGS

"Im GGS werden die BP zunächst mit der Frage »Haben Sie gegenwärtig eine intime Beziehungen zu jemandem, mit dem Sie nicht zusammen wohnen?« identifiziert. Das können z.B. Ehepartner, die nicht zusammenleben, Pendler, die eine Wochenendbeziehung führen oder sich seltener sehen und auch gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften sein. Das ist die ursprüngliche Version des LAT, die hier begrifflich mit den Bilokalen Paarbeziehungen abgedeckt wird.
Nach Sichtung der Literatur erscheint es erforderlich, weitere Merkmale der Konstituierung von BP einzubeziehen, um eine exaktere Zuordnung zu erreichen. Erstens sollte ein gewisses Ausmaß an Stabilität vorhanden sein. Hradil (1995:9) weist in diesem Zusammenhang auf Probleme bei der Identifikation hin (...). Burkart (1997: 148) hält dagegen, dass Partnerschaften an einem »definitiven Übergangspunkt« gelangen, ab dem sie sich als Paar definieren. Die Entwicklung bis zu dem Punkt ist zeitlich schwer zu erfassen und wird im GGS nicht geleistet. Es erfolgt an dieser Stelle die Zuordnung, das alle BP, die erst im Jahr der GGS-Befragung 2005 entstanden sind, nicht in die Analyse einbezogen werden. Zweitens wird eine Regelmäßigkeit der Kontakte vorausgesetzt. Es sind alle BP mit Kontakthäufigkeiten »nie« ausgeschlossen worden. Darüber hinaus haben drittens diejenigen Beziehungen keinen Eingang gefunden, die als Grund für das Entstehen der BP angegeben haben, dass der Partner in einer anderen Familie lebt."
(2009, S.36f.)

Die Verbreitung bilokaler Paarbeziehungen im GGS

"Wird nur die Frage nach der getrennten Haushaltsführung beachtet, so finden sich im GGS 870 Fälle (8,7 %), die in der Altersgruppe von 18 bis 80 Jahren den BP zuzurechnen sind. Nach den genannten Ausschlusskriterien verbleiben noch 726 Fälle (7,2 %), die der entwickelten Definition der bilokalen Paarbeziehungen entsprechen. Davon sind die überwiegende Mehrheit von 634 Fällen (87,3 %) dem LAT und 92 Fälle (12,7 %) den LDR zuzurechnen. Der überwiegende Anteil der reduzierten Fallzahl ist auf den Ausschluss der kurzzeitig bestehenden BP zurückzuführen."
(2009, S.37)

Die Verbreitung bilokaler Paarbeziehungen im Vergleich zu anderen Untersuchungen

"Schneider und Ruckdeschel (2003: 249) geben auf der Basis des DJI-Familiensurvey einen BP-Anteil von 8 % (darunter 2 % mit einer Dauer von unter einem Jahr) für die Altersgruppe zwischen 18 und 61 Jahren an. Ein Anteil von 9 % ist jeweils im Familiensurvey 1994 (Altersgruppe 18 bis 61 Jahre) und im Soziooekonomischen Panel 1997 (Altersgruppe 20 bis 59 Jahre) aufgefunden worden. Im GGS in der Altersgruppe 18 bis 59 Jahre beträgt der Anteil der BP 8,9 %. Anhand der aktuellsten Befragung (pairfam) leben 13,1 % in den befragten drei Altersgruppen in dieser Lebensform. Im GGS sind es in der Altersgruppe 18 - 39 Jahre 13,9 %."
(2009, S.37)

Die Individualisierungsthese begründet theoretisch die Zunahme bilokaler Paarbeziehungen

"In der Literatur wird in der längerfristigen Betrachtung auf einen Bedeutungszuwachs der Lebensform hingewiesen (Asendorpf 2008: 756). Unter Bezug auf die Daten des SOEP 1992 bis 2006 ist ein Anstieg der bilokalen Paarbeziehungen (dort LAT) von 8,5 auf 10,6 % zu verzeichnen. Dieser Trend scheint außerordentlich plausibel, können doch bilokale Paarbeziehungen nur in einem sich individualisierenden gesellschaftlichen Kontext an Bedeutung gewinnen. Bis dahin waren sie eine exklusive Lebensform, beschränkt mehrheitlich auf »Künstler und Menschen, die sich bewusst abseits der bürgerlichen Normen bewegten« (Zeitschrift Brigitte 2008).

Singles als partnerlose Alleinlebende und Alleinerziehende bei Asendorpf (2008)

"Der Singleanteil bleibt mit 19,4 % relativ hoch, allerdings ist hier zu beachten, dass dazu auch die Alleinerziehenden zählen, da die Dimension Elternschaft an dieser Stelle ausgeblendet ist."
(2009, S.39)

Die Entstehungszeit bzw. Dauerhaftigkeit von bilokalen Partnerschaften

"Es wurden BP unterschiedlichster Dauer aufgefunden. Die älteste in der Stichprobe enthaltene BP ist bereits im Jahr 1952 gegründet worden. (...). 79,1 % der BP entstanden in der Zeit zwischen 2000 und 2004, 18,2 % sind in den 1990 Jahren, 1,7 % in den 1980er und 1,1 % zwischen 1979 und 1952 gegründet worden. Unterschiede in der Verteilung nach der Bestehensdauer zwischen den LAT und LDR bestehen nicht. (...) Selbst in der Altersgruppe der über 50-Jährigen ist die Mehrheit der BP (53,8 %) in der Zeit zwischen 2000 und 2004 entstanden. 37,7 % stammen aus den 1990er Jahren, 3,1 % aus den 1980er Jahren und 5,4 % wurden vor 1980 gegründet."
(2009, S.40)

Bilokale Partnerschaften sind nicht auf das individualisierte Milieu beschränkt

"Unter den LDR (57,7 %) ist der Anteil mit einem höheren Bildungsabschluss deutlich höher als unter den LAT (35,2 %). Bereits dieses Ergebnis bestätigt, dass dei BP nicht mehr eine exklusive Lebensform sind, wie sie es Anfang der 1990er Jahre noch waren. Burkart und Kohli stellten 1992 (254) noch fest: »Das Modell der individualisierten Partnerschaft entspricht auf der allgemeinen Ebene der Paarbeziehungen im Akademikermilieu am besten«."
(2009, S.41)

Die Freiwilligkeit bilokaler Paarbeziehungen

"LAT und LDR unterscheiden sich hinsichtlich der Freiwilligkeit des Entstehens (...) erheblich. Bei den LDR dominieren mit 78,3 % ganz eindeutig die äußeren Umstände, die zur getrennten Haushaltsführung zwingen. Bei den LAT geben dies nur 40,7 % an. In 33,8 % der Fälle ist das LAT durch einen Partner gewollt, hier muss zumindest für den anderen Partner die Lebensform nicht unbedingt gewollt sein, wobei die Situation anhand der vorliegenden Daten nicht exakt bewertbar ist. Bei 25,5 % der LAT sind es beide Partner, die die getrennte Haushaltsführung anstreben."
(2009, S.45)

Die Dauerhaftigkeit der bilokalen Paarbeziehungen als Indikator für Individualisierung oder Grad der Erzwungenheit?

"21 % aller bilokalen Paarbeziehungen sind vor dem Jahr 2000 gegründet worden. Sie tragen in zweierlei Hinsicht einen besonderen Charakter: Erstens hinsichtlich der Absicht eines späteren Zusammenzugs. 57,3 % der BP möchten in den nächsten 3 Jahren sicher oder wahrscheinlich nicht zusammenziehen (BP aus den Jahren 200 und später: 30,0 %). Und auch die Heiratsabsichten unterscheiden sich erheblich. 85,0 % der länger bestehenden BP wollen in den nächsten drei Jahren sicher nicht heiraten (bei den kürzer bestehenden BP: 47,4 %) Zweitens ist die getrennte Haushaltsführung bei den länger bestehenden BP häufiger von einem oder beiden Partner gewollt. Bei den vor 2000 eingegangenen Partnerschaften sind dies 63,2 %, bei den zwischen 2000 und 2004 entstandenen 52,2 %. Mit steigendem Lebensalter ändern die bilokalen Paarbeziehungen dann ihren Charakter. Sie werden zunehmend zu einer auf Dauer angelegten Lebensform, in der Zusammenzugsabsichten kaum noch vorliegen. (...).
Bilokale Paarbeziehungen entstehen sowohl gewollt als auch ungewollt, sind also nicht ausschließlich als Erscheinungsform der Individualisierung privater Lebensformen zu werten."
(2009, S.46)

Der Kinderwunsch und das Vorhandensein von Kindern als Indikator für die Kinderarmut von bilokalen Paarbeziehungen

"In Deutschland, so zeigen es die Ergebnisse des Mikrozensus 2008, ist die Lebensform noch immer ausschlaggebend für die Zahl der geborenen Kinder. Es findet sich nach wie vor die Situation einer relativ engen Verknüpfung zwischen verheiratet sein und Kinder haben, die im früheren Bundesgebiet stärker als in den neuen Bundesländern ausgeprägt ist. Nichteheliche Lebensformen haben im Durchschnitt weniger Kinder und sind häufiger kinderlos (Dorbritz 2010: 11). Für die BP als Lebensform, die die größte Distanz zu den Verhaltensorientierungen der Institution Ehe/Familie aufweist, war daher eine besondere Fertilitätssituation zu erwarten (...).
In der Hypothese 2 wird untersucht, inwieweit sich bilokale Paarbeziehungen von Ehepaaren und nichtehelichen Lebensgemeinschaften hinsichtlich der Elternschaft generell und beabsichtigter Fertilitätsentscheidung (aktueller Kinderwunsch) innerhalb der nächsten drei Jahre unterscheiden. Die abhängige Variable Elternschaft wird durch die Merkmale Kinderlosigkeit auf der einen und zumindest ein Kind haben auf der anderen Seite gebildet. Im zweiten Modell bezüglich des aktuellen Kinderwunsch wird unterschieden zwischen den Intentionen, innerhalb der nächsten drei Jahre ein Kind bzw. kein Kind haben zu wollen. In der Variable Paare wird zwischen den bilokalen Paarbeziehungen und zwischen Paaren unterschieden, die gemeinsam in einem Haushalt leben (Ehepaare, nichteheliche Lebensgemeinschaften).
(2009, S.47)

Tabelle: Kinderwunsch nach Lebensformen (%) der 25-40 Jährigen (Generations and Gender Survey 1. Welle 2005)
Lebensformen gewünschte Kinderzahl Ø
0 1 2 3 4 +  
Single Frauen 26,5 23,2 37,0 8,8 4,5 1,43
  Männer 67,1 10,6 16,7 4,3 1,3 0,63
  Insgesamt 47,8 16,1 26,3 6,5 2,8 1,01
bilokale Paarbeziehung Frauen 27,2 18,3 38,4 13,8 2,1 1,50
  Männer 40,4 9,3 40,4 8,6 1,1 1,21
  Insgesamt 34,5 13,3 39,5 10,9 1,8 1,34
Nicht-eheliche Lebensgemeinschaft Frauen 20,0 20,4 40,8 14,1 4,7 1,64
  Männer 29,4 21,9 39,3 6,5 3,0 1,36
  Insgesamt 24,1 21,1 40,1 10,7 4,1 1,52
Ehe Frauen 5,1 20,0 47,7 20,4 6,7 2,06
  Männer 9,6 21,7 44,3 17,2 7,1 1,93
  Insgesamt 6,6 20,6 46,6 19,3 3,8 2,02
Quelle: Jürgen Dorbritz, 2009, S.49

Kritik: Aus der Tabelle ist nicht ersichtlich, ob es sich um den Kinderwunsch eines Kinderlosen oder von Eltern handelt, die sich nur kein weiteres Kind mehr wünschen. Die Lebensform Single beinhaltet neben partnerlosen Alleinlebenden/Alleinstehenden auch partnerlose Alleinerziehende. Außerdem sind die Altersgruppen nicht differenziert genug, wie Jürgen DORBRITZ im Jahr 2013 selber zugab. Da die befragten Ehepartner in der Regel älter sind als Singles, ist auch eine Verzerrung der Ergebnisse durch das Alter nicht auszuschließen. Kerstin RUCKDESCHEL (2007) hat dagegen den Kinderwunsch Kinderloser differenziert dargestellt, jedoch nicht nach Lebensformen unterschieden. Die Erhebung fand jedoch ca. 5 Jahre früher, d.h. im Jahr 2003 statt; In einer anderen Tabelle von RUCKDESCHEL wird sichtbar, wie unterschiedlich die Verteilung von Kinderlosen auf die Lebensformen ist. Und nicht zuletzt hat sich inzwischen herausgestellt, dass der Rückgang des Kinderwunsches lediglich ein kurzzeitiges Phänomen war, das auf dieser Website der bevölkerungspolitischen Debatte zugeschrieben wurde. Trotz dieser Unzulänglichkeiten dieser Kinderwunschforschungspraxis findet sich diese Tabelle selbst in dem Buch Gesellschaft ohne Kinder des nationalkonservativen Bevölkerungswissenschaftlers Stefan FUCHS unreflektiert wieder (2014, S.153). Eine grundlegende Aufarbeitung der bisherigen Kinderwunschforschung hinsichtlich der Kinderwünsche von Kinderlosen wäre deshalb dringend erforderlich.   

Eine differenzierte Betrachtung der bilokalen Paarbeziehungen hinsichtlich des Kinderwunsches ist aufgrund der Fallzahlen nicht möglich

"Für die Analysen zum Kinderwunsch wird nur auf die Altersgruppe der 25- bis unter 40-Jährigen zurückgegriffen. Dies hat zur Konsequenz, dass aufgrund der sonst zu niedrigen Fallzahlen nicht nach den BP-Formen differenziert werden kann. (...).
Der Einfluss der Partnersituation zeigt sich deutlich in der nach Lebensformen differenzierten Betrachtung (...). Der geringste Kinderwunsch ist bei den Singles aufgefunden worden (1,01). (...). Die BP kennzeichnet mit im Durchschnitt 1,34 gewünschten Kindern ein etwas höherer Kinderwunsch. (...). Bei den nichtehelichen Lebensgemeinschaften und den verheirateten Paaren ist der Kinderwunsch mit 1,52 bzw. 2,02 deutlich höher (...).
Geschlechtsspezifische Unterschiede bestehen in jeder der vier Lebensformen. Generell ist der Kinderwunsch bei Frauen stärker ausgeprägt als bei Männern (...), wobei sich Frauen in BP und in den NEL kaum Unterscheiden."
(2009, S.48f.)

Kritik: Die Operationalisierung des Kinderwunsches bei DORBRITZ ist gemäß der Untersuchung von Petra BUHR (2013) sehr fragwürdig. Zum einen ist der Kinderwunsch eines 25-jährigen Kinderlosen anders zu beurteilen als derjenige eines 40-jährigen Kinderlosen. DORBRITZ schreibt die Unterschiede den Werten zu, obwohl nicht nach dem Grad der Erzwungenheit der bilokalen Partnerschaften unterschieden wird. Es wird nicht berücksichtigt, dass Paare ihre aktuellen Lebensumstände bei Kinderwünschen reflektieren, als ob diese keinen bevölkerungspolitisch anerkannten Grund darstellt. Wir haben es hier also mit hochgradig ideologischen Bewertungen zu tun, statt mit einer empirischen Überprüfung.

Die vollmobile Paarbeziehung statt des vollmobilen Single ist die am besten angepasste Lebensform an die heutige Gesellschaft

"Bilokale Paarbeziehungen sind die Erscheinungsform zweier zentraler Trends der heutigen Gesellschaft - der zunehmenden Individualisierung der Lebensformen und der wachsenden Mobilitätserfordernisse. Da das vollmobile Single als Lebensform von der Mehrheit der Menschen nicht angestrebt wird, scheinen die bilokalen Paarbeziehungen zu der Lebensform geworden zu sein, die am ehesten beiden Seiten dieses Prozesses entsprechen."
(2009, S.53)

 
     
 
       
   

Bilokale Partnerschaften in den Medien

BRODMERKEL, Anke (2014): Ein Paar, zwei Wohnungen.
Zusammensein in einer festen Partnerschaft, aber getrennt wohnen: Immer mehr Paare sehen darin keinen Widerspruch. Vor allem im mittleren Alter wächst die Zahl derer, die zwar ihr Leben, nicht aber Küche und Schlafzimmer mit dem Partner teilen. Was sind die Vorteile dieser Beziehungsform – und was die Stolpersteine?
in: Psychologie Heute,
Dezember

 
   

Bilokale Partnerschaften in der Wissenschaft

NOYON, Alexander & Tanja KOCK (2006): Living apart together.
Ein Vergleich getrennt wohnender Paare mit klassischen Partnerschaften,
in:
Zeitschrift für Familienforschung, H.1, S.27-45

REUSCHKE, Darja (2010): Multilokales Wohnen. Raum-zeitliche Muster multilokaler Wohnarrangements von Shuttles und Personen in einer Fernbeziehung, Verlag für Sozialwissenschaften

LOIS, Daniel & Nadia LOIS (2012): "Living apart together" - eine dauerhafte Alternative?
Zur Bedeutung von beruflichen Lagen und Partnerschaftsbildern für das Leben in getrennten Haushalten,
in: Soziale Welt, Heft 2, S.117-140

FUCHS, Tatjana & Andreas Ebert (2012): Haushalt, Familie und soziale Nahbeziehungen. In: Forschungsverbund SOFI, ISF, INFES u.a. (Hrsg) Berichterstattung zur sozioökonomischen Entwicklung in Deutschland. Teilhabe im Umbruch. Zweiter Bericht, S.565 - 595

 
   

weiterführende Links

 
     
   
 
   

Bitte beachten Sie:
single-generation.de ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten

 
   
 
     
   
 
   
© 2002-2014
Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 13. Dezember 2014
Update: 15. Dezember 2014