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Georg Seeßlen: Der Kleinbürger in uns

 
 
     
 
     
 
   

Georg Seeßlen in seiner eigenen Schreibe

 
 

SEEßLEN, Georg (2000): Die neue Lust am Leiden.
Wir haben uns fast zu Tode amüsiert, die Spaßgesellschaft läuft leer. Jetzt haben Filme wie "Dancer in the Dark" Konjunktur, die weh tun wollen. Und einen neuen religiösen Text für das Kino entwerfen,
in: Tagesspiegel v. 21.10.

"Eine Kultur, die sich selbst als 'Spaßgesellschaft' verachtet, kann so heiter nicht sein. Die Spaßgesellschaft hat keinen Augenblick an sich selbst geglaubt. Und sie hat sich als Falle erwiesen, meint Georg SEEßLEN zur Spaßgesellschaft.

SEESSLEN, Georg (2001): Das Maß aller Dinge.
Die Krawatte macht den Mann. An ihr ließen sich schon immer Wirtschaftskrisen und politische Machtwechsel ablesen: Wenn sich der Schlips ändert, dann tut sich was in der Gesellschaft. Mit dem Niedergang der New Economy wird er nun wieder wichtig - und schmal,
in: Die ZEIT Nr.20 v. 10.05.

SEEßLEN, Georg (2001): Fremd ist der Fremde auch nicht in der Fremde.
Wer heute von einer Urlaubsreise zurückkommt, hat manchmal etwas zu erzählen. Nur zuhören will niemand. Denn entweder waren die Nachbarn selbst schon mal da, oder sie kennen alles Sehenswerte aus dem TV. Ein Rückblick auf die bürgerliche Reise,
in: Tagesspiegel v. 30.06.

Der Untergang der bürgerlichen Familie am Beispiel des Reisens, wird uns von SEEßLEN geboten:

"Zu den Katastrophen in einem bürgerlichen Leben gehört der »getrennte Urlaub«. Er läutet die große, vielleicht letzte Krise des Paares ein, er macht schmerzhaft bewusst, dass die Kinder das Haus verlassen werden. Logisch, dass jede Krise der Familie auch zu einer Krise der Urlaubsreise führt. So wird daher von der Anbieterseite das Zentrum, der Familienurlaub, vom Rand her aufgerollt. Das Angebot wird aufgefächert, ohne das Zentrum mythisch in Frage zu stellen. Die »Single-Reisen« versprechen die Möglichkeit einer Paarbildung, bei der Gruppe in der Abenteuerreise schwärmt jeder glückliche Beteiligte davon, wie sehr man einander, irgendwo im Busch, »zur Familie« geworden ist. Sogar der Individualtourist, der die Massentouristen in den Betonburgen verachtet, ist erst richtig glücklich, wenn er anderen Individualtouristen trifft. Wenn drei, vier, viele Individualtouristen zusammenkommen (und das tun sie immer), machen sie sich merkwürdigerweise kaum Gedanken darüber, dass sie nun nicht mehr ganz so individualtouristisch, sondern nur unerträglich sind.
Und auch für die Familie gibt es neue Möglichkeiten. Die Familie bricht im Urlaub nicht katastrophisch auseinander, weil das Ferienparadies bereits eine Inszenierung des Auseinanderbrechens anbietet: Im Club Mediterranée und seinen vielen Nachkömmlingen werden durch die besonderen Angebote die Kinder den Eltern, die Eltern einander »abgenommen«. Ein perfekter Mythos: die Familie, die zugleich gemeinsam und getrennt Urlaub macht."

Wer die Individualisierung der Familie und das Alleinreisen nicht mit dem Untergang des Abendlandes verwechselt, der findet bei single-generation.de Infos zum Alleinreisen.

SESSLEN, Georg (2002): Hinter deutschen Gardinen.
Das Fernsehen taugt nicht als Geschichtsschreiber. Lieber zeigt es Gesichter und erzählt die Geschichten von Familien. Denn dem Medium fehlt der "weite Blick". Es kennt nur den Blick durchs Schlüsselloch.

in: Tagesspiegel v. 06.01.

Wie Susanne GASCHKE findet Georg SESSLEN die Modernisierung des Familienbildes im Fernsehen unbefriedigend.

SEEßLEN, Georg (2002): Mythologie des schönen Scheiterns.
Zerschossene Träume auf der Berlinale-Retrospektive "Europeans 60S". Jeder Film das Dokument eines Überlebenskampfes,
in: Freitag Nr.8 v. 15.02.

SEEßLEN hält Rückschau: "Das Kino der sechziger Jahre, wie es sich als Alternative zum traditionellen Genrekino empfahl (...) zerbricht in der Rückschau nur zu leicht in den bescheidenen Anteil des ästhetischen Widerstandes, der Verinnerlichung oder der sozialen Fürsorglichkeit (jenes Kinos, das sich eines gesellschaftlichen Problems »annimmt« (...). Die Geschichte des deutschen Kinos von den sechziger Jahren bis heute kann auch geschrieben und gelesen werden als Spiegel eben nicht eines Umbruchs, sondern eines langen Weges durch die Institutionen, vom Sit-In zur Neuen Mitte.
Und dennoch: die einzige Chance des europäischen Films lag in der Verknüpfung von Film und sozialer Bewegung."

SEEßLEN, Georg (2002): Beichten und Büßen in Serie.
Das 500. Mal: Der "Tatort" als kleines Kompendium bewältigter Lebenskrisen,
in: Frankfurter Rundschau v. 17.05.

Bei SEEßLEN werden die TATORT-Kommissarinnen bzw. Kommissare zu Heldinnen und Helden, die uns

"Anleitung zur Bewältigung der großen Lebenskrisen (geben). Wir sehen ihnen bei den letzten Stadien des Erwachsenwerdens zu, bei einigen auch dabei, dass es dazu nie kommt, nicht nur bei Oberkommissarin Charlotte Sänger, die immer noch zu Hause wohnt. Wir sehen ihnen bei der Bewältigung der Midlifecrisis zu, dort, wo man erkennen muss, dass nichts mehr kommt als mehr von der selben Scheiße (aber eben: die Scheiße muss ja getan werden), dass zur gleichen Zeit aber immer mehr verloren geht; und wir sehen ihnen dabei zu, wie man, unter Freunden und Kollegen, mit mehr oder weniger Würde alt wird."

Tatort - Liebe, Sex, Tod

SEEßLEN, Georg (2002): Und jetzt alle zusammen!
Die Spaßgesellschaft bekommt gerade ihren nächsten hysterischen Anfall von rechts,
in: Jungle World Nr.50 v. 04.12.

Das Ende der Spaßgesellschaft - revisited

SEEßLEN, Georg (2002): Warte bis es dunkel wird.
Geht im Kino das Licht aus, ist alles möglich: Das Schönste. Und das Schrecklichste,
in: Die ZEIT Nr.52 v. 18.12.

SEEßLEN, Georg (2003): Der Realismus der D-Klasse.
Literarischer Kuschelrock. Doris Dörrie und die Kultur des Unentschieden,
in: Freitag Nr.15 v. 04.04.

Eine umfangreiche Werkschau zu Doris Dörrie. SEEßLEN ist der Filmemacherin und ihren kleinbürgerlichen Neue-Mitte-Figuren nicht wohl gesonnen. Begriffe wie "Pilcherismus der Neuen Mitte" deuten darauf hin. SEEßLEN bringt das Werk auf einen knappen Nenner:

"Doris Dörrie beschreibt die Chronik der Thirty-Somethings der Me-Generation, den Weg vom Traum der Jugend in den Alltag der Korruption".

Im Gegensatz zu David BROOKS, der den Bobo als Schnittmenge von Yuppie und Hippie UND Aufsteiger definiert, beschreibt SEEßLEN den DÖRRIE-Bobo folgendermaßen:

"Der Yuppie hat den Hippie in sich, und umgekehrt, der Aufsteiger den Verlierer".

SEEßLEN hätte mit diesen Bobo-Figuren offenbar gut leben können, wenn sich nicht inzwischen die Lage geändert hätte:

"Vermutlich sind die Probleme, die Doris Dörrie beschreibt, genau die, die das neueste Kleinbürgertum so hatte, bevor es seinen nächsten Verelendungs- und Korruptionsschub erlebte, in der Krise nämlich, in der wir uns augenblicklich befinden, und in der zwischen Jaguarfahrer und Leistungsverweigerer ein Mord wahrscheinlicher ist als ein Rollenspiel".

SEEßLEN, Georg (2004): Madonna mit Kind.
Freundliche Übernahme. Oder warum auch dieser Superstar verschwinden muss,
in: Freitag Nr.17 v. 16.04.

"Madonna Ciccione spielt den Familienroman der nachpatriarchalen Gesellschaft; sie ist die Frau, die ihre Identität finden muss jenseits der Organisation einer verlässlichen Familie (aber nicht unbedingt gegen sie, wie der traditionelle »ödipale« Rebell)", schreibt Georg SEEßLEN in einem ausufernden Artikel

  • SEESLEN, Georg (2005): Jugend ist Leiden.
    ZEITleben-Spezial: In deutschen Filmen haben es junge Menschen auffallend schwer,
    in: Die ZEIT Nr.20 v. 12.05.

Hans Weingartner - Die fetten Jahre sind vorbei

"Pop gibt es nicht, Pop geschieht. Anders, als die meisten Theoretiker des Pop meinen, kann nicht alles zu Pop werden, vielmehr kann mehr oder weniger alles in Popform geschehen. Dennoch gibt es einige charakteristische Diskurse des Pop",

meint Georg SEEßLEN und arbeitet sich dann an einem 13-Punkte-Programm des Pop ab, das von Hedonismus bis Coolness reicht.

Betrachtet man die Esskultur in Deutschland mit fremdem Blick, so wie der französische Soziologe Jean-Claude KAUFMANN in seinem Buch Kochende Leidenschaft, dann erscheinen die Deutschen als jene, die das gesunde Essen mehr schätzen als die Franzosen. Aus der Sicht des deutschen Kleinbürger-Kritikers SEEßLEN erscheint dagegen Italien als Sehnsuchtsland des Feinschmeckers. Eine Gemeinsamkeit gibt es also: die Esskultur des eigenen Landes erscheint zwangsläufig defizitär im Vergleich zum jeweiligen Sehnsuchtsland.

Darüber hinaus liefert KAUFMANN jedoch eine umfangreiche Kulturgeschichte des Kochens und Essens, die über die Eindimensionalität der Kleinbürgerkritik hinaus geht. Mit Blick auf die deutschen Kochshows resümiert SEEßLEN:

"Besonders wichtig ist den Sendern dabei, dass die Kochshow vor allem in der begehrten Zuschauergruppe der 14- bis 49-Jährigen gut ankommt. Das führt im übrigen auf eine weitere Fährte: Die Reduzierung und »Verprollung« der deutschen Kochshow ist Symptom nicht nur für eine Konfliktlinie der Klassen und Geschlechter, sondern auch der Generationen. Diese Kochshows machen das Kochen nicht nur single-kompatibel sondern auch »jung«."

  • SEEßLEN, Georg (2008): 68 : 24.
    Öffnungen: Wie kinematografisch war die Revolte, und wie revolutionär war das Kino? Bescheidener Vorschlag, im Rückblick nicht nur politische Filme zu sehen, sondern Filme auch politisch zu sehen,
    in: Freitag Nr.25 v. 20.06.

  • Neu:
    SEEßLEN, Georg (2014): Klassismus und Kulturkritik.
    Kritik nach oben, nach unten, immer aus der Mitte, oder wie jetzt?
    in: TAZ v. 22.01.

    • "Wenn man Kulturkritik historisch und moralisch übertreibt, nennt man das »Kulturpessimismus«, und Kulturpessimismus ist verboten oder wird mit einem Hipster-Tänzchen beantwortet. Erfolgreichen Kulturpessimismus von rechts aber verwandelt der Buchmarkt in Bestseller. Wenn man es indes mit der Politik und der Ökonomie in der Kulturkritik übertreibt, und man spricht von »Entfremdung« oder »Kulturindustrie« oder gar »Bewusstseinsindustrie«, dann ist man ein »Altlinker«, leidet unter Verschwörungsfantasien oder hat den Zeitgeist nicht verstanden. Der Spielraum für Kulturkritik in einer demokratisch-kapitalistischen Gesellschaft ist gering",

      doziert Georg SEEßLEN, der mit ein bisschen Pierre BOURDIEU seine öde Kleinbürger-Kritik aufpeppt. Das ist lediglich das linke  Äquivalent zur rechten Unterschichten-Verachtung. Spießer sind eben immer die anderen. Wer nicht an der sozialen Ungleichheit rütteln will, der betreibt gerne Kulturkritik. Da sind sich Linke und Rechte grundsätzlich einig.

      "Klassen, so wissen wir von Pierre Bourdieu, werden stets sowohl durch Ökonomie als auch durch Kultur erzeugt. So heißt linke Kulturkritik erst einmal Kritik der kulturellen Erzeugung der Klassen",

      weiß SEEßLEN. Nur dass daraus keinerlei Konsequenzen resultieren, sondern es reicht lediglich für Partysmalltalk unter seinesgleichen.

 
 

Der Tag, als Mutter Beimer starb (2001).
Glück und Elend der deutschen Fernsehfamilie

Berlin: Edition Tiamat

 
     
 

Klappentext

"Eine fundamentale Geschichte der deutschen Fernsehserien von 1945 bis heute, wobei Georg Seeßlen untersucht, auf welche Weise sich die Ängste und Hoffnungen des deutschen Kleinbürgers in diesen Serien spiegeln und wie sein langsamer und unaufhaltsamer Untergang darin vorgenommen wird."

Pressestimmen

"Allein die Lindenstraße (...) ist fortschrittlich. Das traute Heim nämlich entpuppt sich im von Problemfällen heimgesuchten Mietshaus als pure Illusion, und die Familie tritt fast nur in Form ihrer Bruchstücke in Erscheinung. Seeßlen nimmt die wöchentliche Serie als Spiegel der deutschen Realitäten und als notwendigen moralischen Kommentar ausgesprochen ernst."
(Andreas Rosenfelder in der FAZ vom 09.10.2001) 

 
     
 
 

Rezensionen

ROSENFELDER, Andreas (2001): Beimers Sohn Klausi lacht.
Zur Krippenlage der Nation: Georg Seeßlen als Traumdeuter im trauten Heim der Fernsehfamilie,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 09.10.

   

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Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 05. April 2003
Update: 14. August 2015