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Didier Eribon: Rückkehr nach Reims

 
       
     
       
   

Aktuellster Beitrag

 
       
   

Didier Eribon in seiner eigenen Schreibe

 
       
   
ERIBON, Didier (2017): Ein neuer Geist von '68.
Warum die Präsidentschaftswahl in Frankreich uns vor Augen führt, in welcher Krise sich das linke Denken befindet. Und wie wir es erneuern können,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 16.04.

Didier ERIBON ("Rückkehr nach Reims") kritisiert in dem Artikel den sozialistischen Präsidentschaftskandidaten Emanuel MACRON als neoliberalen Technokrat und Jean-Luc MÈLANCHON als linken Populisten, die beide keine Alternativen zu Marine Le PEN seien. Es wird uns jedoch kein Ausweg aus dem Dilemma genannt, sondern lediglich eine linke Utopie, die für den jetzigen Präsidentschaftswahlkampf irrelevant ist, weil sie keinem Kandidaten zuordenbar ist. ERIBON ist in diesem Sinne Teil des Problems der Linken und wohl deshalb so populär bei den deutschen Mainstreammedien.

 
       
   

Didier Eribon im Gespräch

 
       
   
RÜHLE, Alex (2016): Wirklich Klasse.
Wann wurde es cool, rechts zu sein? Ein Gespräch mit dem französischen Soziologen Didier Eribon über weltfremde Protestbewegungen, die Krise der Demokratie und sein Buch zur Stunde,
in: Süddeutsche Zeitung
v. 25.11.

Didier ERIBON beschreibt zwar, dass den modernen Linken durch die Aufgabe des Klassenbegriffs die soziale Frage aus dem Blick geraten ist, andererseits kann er nicht über den Schatten seiner Kulturlinken-Position springen. Das Interview zeigt die Unfähigkeit der kulturellen Linken zur Revision ihrer überkommen Position. Sie überlassen lieber den Rechten das Feld und ziehen sich in den Schmollwinkel zurück. Das wird die Rechten freuen.

KOESTER, Elsa (2016): Die Linke ist schuld am Aufstieg der Rechten.
Der französische Soziologe Didier Eribon über das Verschwinden der Arbeiterklasse in der öffentlichen Debatte,
in:
Neues Deutschland v. 01.12.

Der französische Soziologe Didier ERIBON kritisiert, dass die Sozialdemokraten in den 1980er Jahren die Arbeiterklasse aufgegeben haben. Mit der Individualisierungsthese von Ulrich BECK begann in Deutschland ebenfalls in den 1980er Jahre diese Entwicklung, bei der Klassen durch Lifestyle ersetzt wurde. Das individualisierte Milieu wurde zum Inbegriff der Mittelschicht stilisiert. ERIBON sieht diesen Paradigmenwechsel zur Individualisierung als Voraussetzung zum Sozialabbau, der bei uns nach der Wiedervereinigung forciert stattfand:

"Wenn es nur noch für sich selbst verantwortliche Individuen gibt, kann man den Abbau sozialer Sicherungssysteme rechtfertigen: Fragen der Sozialversicherung und des Rentensystems wurden so gelöst."

ERIBON setzt auf eine neue starke soziale Linke mit starken Gewerkschaften, aber auch auf plurale soziale Bewegungen. Die Frage ist jedoch inwiefern z.B. der Feminismus integriert werden kann, der in Deutschland nur noch ein Elitenfeminismus ist, der auf die Privilegierung der Doppel-Karriere-Familie abzielt, deren Dienerschaft sich aus einer neuen Dienstbotengesellschaft rekrutiert. Ein solcher Elitenfeminismus setzt die Klassengesellschaft voraus. Von daher stellt sich die Frage, ob ERIBON nicht naiv ist, wenn er glaubt, dass es ein Bündnis von kultureller und sozialer Linke geben könnte. Die Fronten sind zu verhärtet als dass es hier noch rechtzeitig zu einer Neubesinnung kommen könnte. In Deutschland regiert im linken Spektrum Abschottung, statt Bündnispolitik - Die Rechten dürfen sich darüber freuen.

REHBERG, Peter (2017): "Wir brauchen ein Europa der sozialen Bewegungen".
Didier Eribon warnt, dass der charmante Emmanuel Macron jene neoliberale Politik fortsetzt, die die EU gespalten hat,
in:
Freitag Nr.17 v. 27.04.

Neu:
REHBERG, Peter (2017): Interview mit Didier Eribon,
in: Merkur, Nr.818, Juli

Didier ERIBON spricht über das Dasein als sozialer Aufsteiger und die Bedeutung der Homosexualität und der Herkunft aus dem Arbeitermilieu für sein Denken. ERIBON verteidigt die Minderheitenpolitik gegen jene, die darin nur ein Vehikel des Neoliberalismus sehen wollen:

"Du kämpfst um dein Überleben und jemand sagt dir, das wäre eine Art von Luxus, die dem Neoliberalismus den Weg bereitet hat! Soviel ich weiß, haben Ronald Reagan und Margaret Thatcher nicht gerade die Rechte von Lesben und Schwulen unterstützt. Wenn jemand die feministische Bewegung, die lesbisch-schwule Bewegung oder die antirassistische Bewegung als Trojanisches Pferd des Neoliberalismus bezeichnet, nehme ich ihm das sehr übel. In meinen Augen ist das eine Beleidigung gegenüber Millionen von Menschen, die für ihre Rechte gekämpft haben und immer noch kämpfen."

Aber auch ERIBON muss einsehen, dass Teile der feministischen Bewegung nicht die Sache aller Frauen vertreten, sondern einem Elitenfeminismus frönen, bei dem es nur noch um die Karriere von weiblichen Eliten geht. Dem Konzept der Intersektionalität steht ERIBON kritisch gegenüber, weil es seiner Meinung nach zu sehr vereinseitigt wird. Es ginge stattdessen darum zu zeigen,

"wie einige beherrschte und herabgewürdigte Identitäten mehr beherrscht und herabgewürdigt werden als andere, weil sie sich an der Schnittstelle mehrerer Formen von Herrschaft befinden. Und wir müssen uns (...) auf diese am meisten beherrschten und prekarisierten - oder verletzbaren - Identitäten konzentrieren."

Wessen Anliegen am dringendsten sind, das könnte durchaus für Streit sorgen, denn in welchem Rahmen soll dies geschehen? Wenn ERIBON den Mai 68 als Modell bezeichnet, das dem "linken Populismus" entgegengesetzt werden müsste, dann wird darin auch eine Überhöhung eines kurzen historischen Moments deutlich. Im politischen Alltag können solche Mystifizierungen sehr schnell zu Enttäuschungen führen. Affekte wie die Scham sieht ERIBON nicht als solide Grundlage für eine Politik.

"Hillary Clinton hat aufgrund von einhunderttausend Stimmen in vier deindustrialisierten Regionen verloren. In Großbritannien gibt es genau die gleiche Situation, und wenn man sich die Landkarte in Frankreich anguckt, sind es auch genau dieselben Leute, die für den Front National stimmen",

meint ERIBON, der den Norden Frankreich zum typischen FN-Gebiet erklärt:

"Es sind die, in denen die Kommunistische Partei oder die Sozialistische Partei früher die überragende Mehrheit hatten."

Der Süden Frankreichs passt jedoch nicht in dieses Erklärungsschema, was bei ERIBON ausgeblendet wird. Und der Einwurf von REHBERG ist wohl auch zu einfach, wenn er sagt:

"Es gibt Leute, die gebildet sind, aber nicht wohlhabend, die für Hillary Clinton gestimmt haben, so wie es umgekehrt Wohlhabende gibt, die aber ungebildet sind und die Trump gewählt haben."

Hier hat man es eher mit Ressentiments zu tun, d.h. Gebildeten wird unterstellt, dass sie CLINTON hätten wählen müssen und umgekehrt. TRUMP wäre jedoch niemals ohne die Unterstützung von Gebildeten zum Präsidenten gewählt worden.

 
       
   

Didier Eribon in der Debatte

 
       
   

REHBERG, Peter (2016): Scham und Haltung.
Geistesleben: Didier Eribon war der Intellektuelle des Jahres 2016. Er steht für eine neue Art politischen Denkens,
in:
Freitag Nr.49 v. 08.12.

Peter REHBERG nimmt die Auftritte von Didier ERIBON in Berlin zum Anlass, um eine neue Rolle des Intellektuellen zu proklamieren: den schamhaften Intellektuellen. Mehr als Ratlosigkeit bleibt dabei nicht übrig.

STROHSCHNEIDER, Tom (2017): Der Eribon-Effekt, Identitätspolitik und die Linken.
Falsche Selbstbezichtigung, soziale Frage: Anmerkungen zur Rezeption von »Rückkehr nach Reims« eine Woche vor der Frankreich-Wahl,
in:
Neues Deutschland Online v. 16.04.

Tom STROHSCHNEIDER bezeichnet den FAS-Text von Didier ERIBON zu Recht als ein "Dokument der Ratlosigkeit". Das dies ganz in Ordnung sei, zeigt das ganze Ausmaß der desolaten Lage der Linken in Deutschland. STROHSCHNEIDER kritisiert außerdem die FAZ-Artikel zu einem Sammelband über Michel FOUCAULT und die Kritik von Nancy FRASER am "progressiven Neoliberalismus". Weigert sich aber Position zur linken Politik zu beziehen. Angriff ist nicht immer die beste Verteidigung, sondern zeigt nur die eigenen Defizite umso mehr. Von anderen zu fordern, dass sie Roß und Reiter nennen sollen, dies aber selber nicht zu tun, ist nicht weiterführend. Die Linke wird mit ihrer Verweigerungshaltung scheitern. Wer soll eine Linke wählen, die gar nicht weiß was sie will, sondern nur was sie nicht will? Die Verteidigung der Identitätspolitik ist fadenscheinig, wenn sie mit Beispielen aus anderen Ländern operiert, denn wie STROHSCHNEIDER richtig sieht: Frankreich oder die USA sind nicht Deutschland. Nur dahinter verstecken reicht nicht. Es heißt für die Linke Farbe zu bekennen, statt sich in Ausflüchte retten zu wollen: Ich bin gar nicht gemeint, sondern die anderen Linken (wer das ist, das weiß ich doch nicht!) sind die Übeltäter.

BAHNERS, Patrick (2017): Wählt Deutschland?
Verblüffung über ein Orakel: Didier Eribon in München,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 21.04.

Patrick BAHNERS erregt sich über eine Veranstaltung mit Didier ERIBON, weil sich die Deutschen erdreisten würden den Franzosen vorzuschreiben, wen sie zu wählen hätten:

"Wenn Macron siege, könne Le Pen Präsidentin werden - in fünf Jahren. Verblüfft schließen die Zuhörer Bekanntschaft mit einem politischen Interessenkalkül, für das »Europa«, die Chiffre für den Status quo, keinen alternativlosen Höchstwert darstellt."

KRAUSE, Tilman (2017): Unsere Revolution wird der Sex sein.
Von der Psychologie zur Politik und wieder zurück: Eine kleine Geschichte der schwulen Literatur Frankreichs von Proust über Eribon bis zum zornigen Mathieu Riboulet,
in:
Welt v. 17.06.

Tilman KRAUSE diffamiert Didier ERIBON, indem er ihn in die linksradikale Ecke eines Mathieu RIBOULET ("Und dazwischen nichts") stellt:

"Das (...) Gebräu, das Riboulet uns hier mit dem Pathos heiligen Ernstes auftischt, ist literarisch ohne Belang. Aber es erreicht uns in einem Moment, in dem die schwule Literatur Frankreichs von zwei Autoren geprägt wird, die im vergangenen Jahr hierzulande regelrecht Furore machten. Damit wird auch Riboulet interessant. Die Rede ist von Didier Eribon und Édouard Louis.
Vor allem den 64-jährigen Eribon, aber auch den 40 Jahre jüngeren Louis darf man, genauso wie Riboulet, getrost als militanten Linken bezeichnen."

Dagegen bezeichnet Pascal JURT in der Spex das Buch von RIBOULET als eine linksradikale Version von Didier Eribons Rückkehr nach Reims und macht damit die Unterschiede deutlich, die KRAUSE zu verwischen versucht.

 
       
       
   

Rückkehr nach Reims (2016)
Berlin: Suhrkamp Verlag

 
   
     
 

Klappentext

"Als sein Vater stirbt, reist Didier Eribon zum ersten Mal nach Jahrzehnten in seine Heimatstadt. Gemeinsam mit seiner Mutter sieht er sich Fotos an – das ist die Ausgangskonstellation dieses Buchs, das autobiografisches Schreiben mit soziologischer Reflexion verknüpft. Eribon realisiert, wie sehr er unter der Homophobie seines Herkunftsmilieus litt und dass es der Habitus einer armen Arbeiterfamilie war, der es ihm schwer machte, in der Pariser Gesellschaft Fuß zu fassen. Darüber hinaus liefert er eine Analyse des sozialen und intellektuellen Lebens seit den fünfziger Jahren und fragt, warum ein Teil der Arbeiterschaft zum Front National übergelaufen ist. Das Buch sorgt seit seinem Erscheinen international für Aufsehen. So widmete Édouard Louis dem Autor seinen Bestseller Das Ende von Eddy."

 
     
 
       
   

Rezension von single-generation.de

Die sozialen Aufsteiger und ihr Verhältnis zum Herkunftsmilieu - Die netten Jahre sind vorbei (Teil 4). Was uns die Bücher Rückkehr nach Reims von Didier Eribon und Proleten Pöbel Parasiten von Christian Baron über die Gesellschaft lehren

 
       
   

Weitere Rezensionen

SEIBT, Gustav (2016): Der Verrat der Linken.
Der Vater Arbeiter, der Sohn Soziologieprofessor: Didier Eribons düstere Selbsterkundung "Rückkehr nach Reims" ist ein großes Buch über Frankreich,
in: Süddeutsche Zeitung v. 21.05.

KRAUSE, Tilman (2016): Nichts ist so schwierig wie einfache Verhältnisse.
Mit einer Foucault-Biografie ist Didier Eribon bekannt geworden. Längst gehört er zu den führenden Intellektuellen Frankreichs. Doch seine Autobiografie zeigt einen Menschen voller Scham,
in: Welt v. 18.07.

MÜLLER-LOBECK, Christiane (2016): Negative Leidenschaften.
Didier Eribon über französische Zustände: Seine essayistische Autobiografie „Rückkehr nach Reims“ liest sich, als wäre sie eigens anlässlich des Aufwindes der Rechtspopulisten geschrieben,
in: taz v. 23.07.

CELIKATES, Robin (2016): Abschied vom Vater.
Didier Eribon "Rückkehr nach Reims": Im Milieu seiner Herkunft, der Arbeiterklasse, galt der Bücherwurm Didier Eribon schon im Kindesalter als Verräter. Jetzt hat sich der Intellektuelle, zu dem er wurde, dieser Herkunft gestellt,
in: Süddeutsche Zeitung v. 06.08.

BITTERMANN, Klaus (2016): Irrationalität und Rechtsruck.
Didier Eribons Analyse der französischen Zustände lässt sich auch als Befund dessen lesen, was Deutschland noch bevorsteht,
in:
Jungle World  Nr.39 v. 29.09.

 
       
   

Das Buch in der Debatte

MARKWARDT, Nils (2016): Wo bleibt der Stolz?
Klassenkampf: Wenn die Linken die "kleinen Leute" noch erreichen wollen,  müssen sie ihre Sprache ändern,
in:
Freitag Nr. 32 v. 11.08.

Nils MARKWARDT liest die Bücher Rückkehr nach Reims von Diedier ERIBON und Die Opferfalle von Daniele GIGLIOLI unter dem Aspekt, warum die Linke bei den "kleinen Leuten" von den Rechtspopulisten abgelöst wurde. MARKWARDT sieht das Hauptproblem darin, dass es an einer linken Identitätspolitik für die "kleinen Leute" mangelt, denn die Linken befassten sich bislang lediglich mit "postmaterialistischen Identitätsfragen statt mit wirtschaftlichen Verteilungskonflikten".

MARKWARDT beschreibt den so genannten "Dritten Weg", der in Deutschland mit der soziologischen Individualisierungsthese von Ulrich BECK begründet wurde, als Ausgangspunkt des Niedergangs:

"Denn in dem Moment, wo Teile der Linken den »Dritten Weg« beschritten und plötzlich von Eigenverantwortung und Ich-AG sprachen, manifestierten sie ja nicht nur eine Dauerprekarisierung ganzer Milieus, sie zerstörten auch die letzten Reste eines Klassenbewusstseins. Das zeigt sich schon sprachlich. Aus Arbeitern wurden »Geringverdiener«, aus Proletariern »sozial Schache«. Aus einem Kollektivsubjekt, das Rechte einforderte, wurde ein Sammelsurium von Opfern und Hilfsempfängern."

Dass dieser Begriffswandel dem Umbau des Sozialstaats und der Zerstörung kollektiver Sicherungssysteme wie z.B. der gesetzlichen Rentenversicherung, die der Umstellung auf individualistisches Vorsorgesparen weichen sollte, geschuldet ist, das verschweigt MARKWARDT. Ob die "Kultivierung der Passivität", die gerne den  traditionellen Sicherungssystemen zugeschrieben wird, weil sie Hemmnisse zu Lasten der individualistischen Milieus darstellen, das Problem ist, darf bezweifelt werden. Vielmehr sehen die "kleinen Leute" in den "Ideen der Ermächtigung", die von den Linken propagiert werden, in erster Linie leere Versprechungen. Dies liegt auch daran, weil individualistische Aufstiegsvorstellungen mit der Leugnung der eigenen Herkunft verbunden sind. Das wird z.B. bei ERIBON deutlich, der "alle Verbindungen gekappt hatte". Das ist kein Einzelfall, sondern Notwendigkeit eines erfolgreichen Aufstiegs gegen das eigene Herkunftsmilieu. Der Rechtspopulismus hätte dann nur ein Vakuum genutzt, das die Linken hinterlassen haben. Davon lesen wir aber nichts bei MARKWARDT. Und möglicherweise ist angesichts der Stärke nationalkonservativer Strömungen in Deutschland der Punkt of no return längst überschritten. Der Zeitpunkt zum Handeln wäre Anfang des Jahrtausends gewesen als der Nationalkonservatismus als Demografisierung gesellschaftlicher Probleme in der Mitte der Gesellschaft hegemonial wurde. Aber damals beschäftigten sich Linke lieber mit den eigenen Befindlichkeiten statt dem Nationalkonservatismus Paroli zu bieten.

WALTHER, Rudolf (2017): Vom Feuilleton verwurstet.
Front National: Der französische Soziologe Didier Eribon wird als Welterklärer missverstanden - und seine Autobiografie für Wahlanalysen missbraucht,
in:
TAZ. 21.02.

Rudolf WALTHER wendet sich gegen die Interpretation, dass die Arbeiter von den Kommunisten zum FN abgewandet seien. Sie seien statt dessen zu Nichtwählern geworden:

"Entgegen dem Gerücht besteht die Wählerbasis des FN nicht aus Arbeitern, Arbeitslosen und sozial Abgehängten, sondern zu 71 Prozent aus Menschen, die sich zur Mittelschicht zählen. Arbeiter, sozial Abgehängte und Arbeitslose bilden dagegen das wachsende Reservoir der Nichtwähler - besonders in den entindustrialisierten Zentren im Norden und Nordosten des Landes. Die Masse der FN-Wähler wohnen nicht in Städten, sondern auf dem Land und in Kleinstädten unter den durch Kredite »verbürgerlichten« Einfamilienhausbesitzern - Gegenden, die in Frankreich banlieue pavillaire (in etwa »Reihenhaus-Banlieue«) heißen.
Bei den Nichtwählern ist der Anteil von Arbeitern bedeutend höher als bei den FN-Wählern. Dass dennoch Arbeiter zum FN abwanderten, ist unbestreitbar und hat vor allem mit dem Niedergang der KPF nach 1989 zu tun, wie die empirisch gestützte Analyse des Politologen Sebastian Chwala (»Der Front National«) belegt".

LINCK, Dirck (2016): Die Politisierung der Scham.
Didier Eribons "Rückkehr nach Reims",
in: Merkur Online v. 21.05.

RIEXINGER, Bernd (2016): Bewusstsein bestimmt.
Klassenkampf: Linken-Chef Bernd Riexinger studiert Didier Eribon und überträgt dessen Ideen auf Deutschland
in:
Freitag Nr.39 v. 29.09.

"Als ich aufs Gymnasium ging, wurde mein Vater - ein Arbeiter - nicht müde, gegen 'die Studenten" zu wettern. Sie, die 'alles besser wissen', wurden in zehn Jahren zurückkommen, »um uns zu regieren'« So steht es in Didier Eribons Buch. Und weiter: Und so ist es schließlich auch gekommen (...). Nach oftmals verblüffenden Karrieren sind sie politisch, intellektuell und persönlich in der Komfortzone der sozialen Ordnung angekommen und verteidigen nunmehr den Status quo einer Welt, die ganz und gar dem entspricht, was sie geworden sind",

zitiert Bernd RIEXINGER aus dem Buch Rückkehr nach Reims von Didier ERIBON. Wer in der Arbeiterschicht aufgewachsen ist, der wird diese Sicht nachvollziehen können. Für Deutschland wurde diese Sicht auf dieser Website und auf single-generation.de bereits im September 2003 in den Themenbeiträgen Terror der Individualisierungsthese und Rückkehr der Klassengesellschaft beschrieben. Die jetzigen Entwicklungen sind keineswegs erstaunlich und sie waren schon Anfang des Jahrtausends vorauszusehen, wie diese Website und single-generation.de beweist.

"Um den Verstummten ihre Stimme zurückzugegeben, muss die verlorene Sprache wiedergefunden werden. Das geht nicht mit verstaubter Klassenkampf-Rhetorik, sondern mit einer Radikalität, die sich aus Ehrlichkeit und Überzeugung speist",

schreibt RIEXINGER. Leider kommt er über verstaubte Klassenkampf-Rhetorik nicht hinaus. Statt die Politik einer Demografisierung gesellschaftlicher Prozesse als Grundübel anzuprangern, wird lediglich diese Rhetorik verdoppelt. Eine Kritik des Neoliberalismus muss deren demografische Grundlagen auseinander nehmen und damit deren Substanzlosigkeit aufzeigen. Solange sich Bevölkerungsgruppen durch die Demografisierung gesellschaftlicher Probleme gegeneinander ausspielen lassen, so lange wird es kein Bewusstsein einer gemeinsamen Lage geben. Die Demografiedebatte ist eine neoliberale Spaltungsdebatte und keine Debatte der Schaffung eines gemeinsamen Bewusstseins.

MÜLLER, Michaela Maria (2016): Von links nach rechts.
Für sie gelesen: Soziologe Eribon schreibt über Trump und Rechtsruck,
in:
Frankfurter Rundschau v. 19.11.

Unsere Eliten beklagen nun die Wanderung der Arbeiter von links nach rechts. Aber folgen sie dabei nicht in dieser Hinsicht nur der Wanderung linker Demagogen? Gunnar HEINSOHN, einst linker Guru, hetzt inzwischen als Rechtspopulist gegen die Abgehängten. Der Ex-Linke Jürgen ELSÄSSER ist Chef eines rechtspopulistischen Hetzblatts, das im Gegensatz zur sonstigen Presse an Auflage gewinnt. Und das sind nur die prominentesten Seitenwechsler.

Michaela Maria MÜLLER stellt uns das Buch Rückkehr nach Reims vor, das gegenwärtig das Kultbuch jener ist, die uns die Arbeiterschicht erklären wollen.

"Das Buch wird immer wieder zitiert, um den Erfolg rechtsgerichteter politischer Parteien zu erklären. Dazu taugt es nur bedingt. Es entlarvt die Entfremdung der bürgerlichen Linken zu dem Milieu, deren Wähler einst auf sie setzten",

meint MÜLLER. Auch das ist nur die halbe Wahrheit. Der homosexuelle Soziologe Didier ERIBON, Biograf von Michel FOUCAULT, gehört zur kulturellen Linken - im Gegensatz zur sozialen Linken. Identitätspolitik ist diesen Linken immer wichtiger gewesen als die soziale Frage. Was aber soll die "bürgerliche Linke" sein? Anhänger von Schwarz-Grün? Mitglieder der Öko-FDP?

Bereits in den 1960er und 1970er Jahren erinnerten bürgerliche Soziologen, die im Grunde gegen die Bildungsexpansion waren, daran, dass Aufstieg durch Bildung zur Entfremdung mit dem Herkunftsmilieu führt. Links oder Rechts ist dabei völlig egal. Bei den Linken führte das jedoch im Dunstkreis des dortigen Moralismus durchaus zu Kontroversen. Es muss als Ironie der Geschichte bezeichnet werden, dass ausgerechnet die SPD als soziale Linke, deren Gewerkschaftsmilieu eher auf den kollektiven Aufstieg der Arbeiterklasse gesetzt hat, zur Partei der erfolgreichen Aufsteiger mutiert ist und dadurch sich selbst von der Arbeiterklasse entfremdet hat.

Alle gegenwärtigen Erklärungsversuche sind angesichts der Komplexität der Entwicklung simplifizierend. Die Geschichte des Rechtspopulismus lässt sich nicht linear erklären, sondern nur aus den Wechselwirkungen der verschiedenen Strömungen, die mit ihren ureigensten Ressentiments und Welterklärungsdeutungen zur heutigen Situation einer gespaltenen Gesellschaft beigetragen haben.

MISIK, Robert (2016): Es fehlt eine linke Integrationsfigur, die Arbeiter nicht verachtet.
Durch die Woche,
in:
TAZ v. 08.10.

Der Salonsozialist Robert  MISIK kommt auf die neue Bibel jener kulturellen Linken zu sprechen, die sich vor dem Trümmerhaufen ihrer Identitätspolitik wähnen: Die Rückkehr nach Reims. Ihnen geht es nicht um die Arbeiterschicht, die sie verachten, sondern darum wie sie verlorene Macht zurückerobern können. MISIK stilisiert nun Robert F. KENNEDY zur Idealfigur einer Rückeroberung der Macht. Inhalte? Uninteressant - einzig die Strahlkraft soll zählen:

"Seine Partei wäre Schutzmacht der kleinen Leute und Kraft der Modernisierung zugleich"

Diesen rhetorischen Spagat versucht längst Siegmar GABRIEL, der zwischen dem "Boss der Genossen" und Robin Hood wechselt, je nachdem, ob er vor Wirtschaftsvertretern oder Gewerkschaften und Sozialverbänden spricht. Erfolgreichen Aufsteigern jedoch wird die Verachtung ihrer Herkunft meistens zur zweiten Haut. Sie stinken sozusagen danach, um das einmal drastisch zu sagen. Dieser Geruch lässt sich nicht per Rhetorik aus der Welt schaffen!

 
       
   

Der Rechtsruck der Arbeiterklasse und die französische Linke in der Debatte

WERNICKE, Christian (2017): Front normal.
Um Frankreichs Hauptstadt legt sich ein Gürtel trister Kleinstädte. Wer hier lebt, hat oft keinen Job, dafür aber große Wut auf eigentlich alles. Es ist das Terrain der Verlierer, das Terrain der Marine Le Pen. Vom Wahlkampf in Villers-Cotterêts,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 19.04.

"Seit April 2014 regiert im Rathaus von Villers-Cotterêts ein Parteifreund von Marine Le Pen, der Front-National-Chefin. Die 10.000 Einwohner große Stadt im Nordosten von Paris war damals eine von landesweit elf Gemeinden, in denen der FN die Macht erobert hat",

berichtet Christian WERNICKE über die Stadt, die zum suburbanen Gürtel um die Hauptstadt Paris gehört.

"Soziologen nennen die Kleinstädte und Siedlungen im Umkreis von 40 bis 80 Kilometern um die französischen Metropolen herum das »periurbane Frankreich«. In diesem Frankreich bauen sich die kleinen Leute ihre Fluchtburgen, ein kleines Reihenhaus mit Garten, eine billige Mietwohnung. Hier leben die »petite Blancs«, die angelernten Arbeiter und die einfachen Angestellten. Die wählen mehr als andere Le Pen. Im periurbanen Gürtel kommt der FN meist über 30 Prozent, manchmal sogar über 40",

erklärt uns WERNICKE diese No-go-Area für anständige Wohlstandsbürger. Das Frankreichbild unserer Mainstreammedien zu den politischen Verhältnissen ist schlicht: Die Guten wohnen in den Großstädten, die Bedürftigen in den Banlieues (Vororten) und die Bösen im ländlichen Raum oder in suburbanen Gemeinden. Die Realität sieht anders aus: In allen Gebieten gibt es Gewinner und Verlierer des globalen Finanzkapitalismus und die Segregation führt nicht nur in Frankreich dazu, dass die geografischen Ungleichheiten noch verstärkt werden.

"Rentner, ein Bauch wie eine Kugel, roter Trainingsanzug - sagt: »wir wählen Front National«",

liefert uns WERNICKE auch gleich noch das Medienbild eines Rentners im Unterschichtenlook, von dem sich der anständige Bourgeois abhebt. Oder wie Kristof SCHREUF in dem Song Bourgeois with guitar singt:

"Es ist mir egal für wen Ihr mich haltet, Hauptsache für dünn"

OERTEL, Barbara (2017): Die Stadt, sie schläft und stirbt.
Albi ist ein Traum in Backstein. Sehr lebenswert findet Florian Jourdain, der deswegen hierherzog. Doch der Stadtregierung ist es "scheißegal", dass das historische Herz ausblutet, sagt Jourdain und organisiert Widerstand,
in:
TAZ v. 19.04.

Die taz, die längst zum linksliberalen Mainstream gehört, beschäftigt sich anlässlich des französischen Präsidentschaftswahlkampfes in einer mehrteiligen Reportageserie mit Frankreich. Heute geht es um Albi:

"Hauptstadt des südfranzösischen Départements Tarn in der Region Okzitanien mit rund 49.000 Einwohnern."

Im Mittelpunkt steht die Kritik von Florian JOURDAIN, die bereits im März in der New York Times zu lesen war und in Frankreich für Empörung sorgte. Nichts davon lesen wir in dem sehr einseitigen Artikel von Barbara OERTEL. Die taz hängst sich stolz an die einst glorreiche Zeitung Libération, die von Didier ERIBON ("Rückkehr nach Reims") zur Reaktion in Frankreich gezählt wird, die er für den Rechtsruck verantwortlich macht:

"Libération, einer aus dem Geist von 68 und mit der Unterstützung Sartres und Foucaults gegründeten Zeitung. (...).  Ich blieb nicht lange bei dieser Zeitung, die sich schon bald in einen der wichtigsten Vektoren der in diesem Buch mehrfach beschriebenen konservativen Revolution verwandeln sollte." (2016, S.224)"

Was die Libération für Frankreich, ist die taz für Deutschland: Ein Hort der neubürgerlichen Wende, wo ein akademisches Milieu (das sich auch aus sozialen Aufsteigern rekrutiert, die ihre Herkunft als Makel betrachten) verachtend auf die Arbeiterklasse herabblickt, weil ihr Bild immer noch von der Nachkriegszeit geprägt ist.

JOURDAIN und seine Mitstreiter werden zu Robin Hoods der Stadtentwicklung verklärt. Diese Art der Ökologisierung gesellschaftlicher Probleme interessiert sich nicht für die soziale Frage, sondern ist Interessenpolitik der französischen Bobos, d.h. der akademischen Mittelschicht, die für die Gentrifizierung der innenstadtnahen Wohngebiete verantwortlich ist. Es ist deshalb nicht ohne Ironie, wenn sich diese Kämpfer gegen das Ausbluten der Innenstädte einsetzen und die Suburbanisierung beklagen. Sie sind jedoch Teil des Problems, statt deren Lösung!

Während die Welt gerade den Wut-Rentner entdeckt hat, heißt es in der taz:

"Viele Anwohner seien Rentner, die nicht mehr die Kraft hätten, sich aufzulehnen."

VEIEL, Axel (2017): Rechts oder gar nicht.
Wie im Örtchen Vendoeuvres geht es vielen Menschen in der französischen Provinz: Sie fühlen sich vom Fortschritt abgehängt und wollen von der Politik aus Paris nichts mehr wissen. Bei der Präsidentschaftswahlen werden sie die Rechtspopulisten Marine Le Pen wählen - oder gleich zu Hause bleiben,
in:
Frankfurter Rundschau v. 20.04.

Axel VEIEL berichtet über den 1.200 Einwohner zählenden Ort Vendoeuvres im Department Indre. Im Gegensatz zu den meisten Artikeln, die derzeit über den ländlichen Raum in Frankreich geschrieben werden, ist das wirklich tiefste Provinz, über die nicht einmal das deutsche Wikipedia viel zu berichten weiß. Für VEIEL hat das Dorf noch, was anderen Orten des zentralfranzösischen Departments bereits fehlt:

"ein Postamt, eine Arztpraxis, zwei Metzgereien, einen Bäcker, ein Café, das zugleich auch Bar ist."

Die Betonung liegt jedoch auf noch, weshalb uns VEIEL mit einem Meinungsforscher vorrechnet, dass der Front National von Geschäftsschließungen profitiert:

"Wenn sich die Post zurückziehe, trage das dem FN ein Plus von durchschnittlich 3,4 Prozentpunkten ein. Mache ein Lebensmittelgeschäft dicht, seien es 2,5, im Fall einer Bank 2,3 und eines Restaurants 2,1 Prozentpunkte."

Man darf solch schlichte Rechnungen getrost für Seemannsgarn halten, denn ländlicher Raum ist nicht gleich ländlicher Raum. So hat z.B. eine Studie des berüchtigten Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung über die Zukunft der Dörfer für Deutschland ergeben, dass die Zufriedenheit von Dorfbewohnern nicht allein von der Infrastruktur eines Ortes abhängt, sondern von dessen Einbindung in die Infrastruktur der umliegenden Orte. So sind z.B. die Orte des westdeutsche Vogelbergkreis. den Orten im ostdeutschen Kreis Greiz in dieser Hinsicht unterlegen, obwohl beide Regionen ähnlich schlecht dastehen. Wichtig ist jedoch, dass Verluste kompensiert werden können. Politik, die das nicht berücksichtigt, wird scheitern.

SCHMID, Bernard (2017): Wahlen als Sprungbrett.
ND-Tagesthema Frankreich vor der Wahl: Radikale Linke in Frankreich orientieren sich stärker auf künftige soziale Kämpfe. Ihr KandidatInnen haben ohnehin keine realistische Chance,
in:
Neues Deutschland v. 21.04.

Bernard SCHMID fasst unter dem Begriff der "radikalen Linken" die trotzkistische Aktivistenpartei Lutte Ouvrière (LO; Kandidatin: Nathalie ARTHAUD) und die Neue Antikapitalistische Partei (NPA; Kandidat: Philippe POUTOU), ehemals LCR (Ligue Communiste Révolutionnaire) zusammen.

EPSTEIN, Renaud (2017): Die Missachtung der Banlieus.
Frankreich: Um die Großsiedlungen hat sich Hollande nur wenig gekümmert. Auch die aktuellen Präsidentschaftskandidaten haben für sie keine Rezepte,
in:
TAZ v. 21.04.

Der Politikwissenschaftler Renaud EPSTEIN stellt uns Alnay-sous-Bois als typische Pariser Vorstadt vor. In Deutschland würde man von einem sozialen Brennpunkt sprechen. In der so genannten Banlieue sitzen aber auch die Wohlhabenden, z.B. in Neuilly-sur-Seine. Nicht die Banlieues sind das Problem, sondern die Segregation, was verdeckt wird, wenn EPSTEIN einfach nur Durchschnittswerte (Arbeitslosigkeit, Armut) der Banlieues den anderen Gebieten gegenüberstellt.

Den hohen Anteil von Nichtwählern in den Banlieues erklärt EPSTEIN mit deren sozioökonomischen Status:

"Vor allem, weil dort eben viele Zuwanderer leben, die kein Wahlrecht besitzen, ebenso wie prekäre Bevölkerungsgruppen, die von diesem Recht weniger Gebrauch machen als andere (...). Aber auch weil die linken Kandidaten nicht mehr gehört werden. Man erinnert sich in den Siedlungen nur zu gut an die gebrochenen Versprechungen von François Mitterand und François Hollande."

Oder anders formuliert: Weil die Wählerschaft in den Banlieues nach Meinung von Politik, Wissenschaft und Medien nicht wahlentscheidend ist, werden diese Gruppen vernachlässigt, was wiederum diesen politischen Trend verstärkt.

FINKENZELLER, Karin (2017): Im Tal der traurigen Engel.
Frankreich: Arbeiter haben Marine Le Pen groß gemacht. Sie stimmen nicht länger für die Sozialisten oder Kommunisten, sie sind stramm rechts. Wie kam es dazu?
in:
Wirtschaftswoche Nr.17 v. 21.04.

Karin FINKENZELLER berichtet über Orte in Lothringen wie Uckange oder Hayange, wo mit dem Niedergang von Eisen- und Stahlindustrie der Front National gestärkt wird. Bei den Wählern kommt es an, dass der FN gegen Einwanderer polemisiert, die die Sozialkassen plündern. Einen Vorwurf, den in Deutschland auch die FAZ und die Welt verbreiten, was deutlich macht, dass Neoliberalismus und Nationalkonservatismus den Boden für den Rechtspopulismus fruchtbar gemacht haben.

TZERMIAS, Nikos (2017): Raue Sitten bei den "Schwarzfüssen"..
Der Front national schürt Ängste und hat an der Côte d'Azür Erfolg damit - auch wegen der kolonialen Vergangenheit in Algerien,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 21.04.

"Im Unterschied zu den traditionell »roten« Regionen in dem von einer massiven Deindustrialisierung geplagten Norden grub der Front national im Süden nicht in erster Linie der Linken, sondern der traditionellen Rechten das Wasser",

erklärt uns Nikos TZERMIAS, der das südfranzösische Frejus mit seinen rund 53.000 Einwohnern als Vorzeigestadt des Front National beschreibt:

"Fréjus gilt als ein Schaufenster des Front national, hier will die Partei demonstrieren, dass sie regierungsfähig ist. Nach dem 7. Arrondissement von Marseille ist Fréjus die zweitgrösste der 12 Stadtgemeinden, die vom Front national regiert werden".

Als Grundlage der Herrschaft des FN in Südfrankreich sieht TZERMIAS die so genannten Pieds-Noirs, also die rund eine Million Algerienfranzosen, die nach dem Algerienkrieg nach Frankreich flüchteten, und ihre Nachfahren. 

BOPP, Lena (2017): Ein Akt politischer Notwehr.
Wie konnte der Front National in Frankreich gerade in der Arbeiterklasse so stark werden? Die Antwort führt weit in die Familiengeschichten zurück, wie drei aktuelle Bücher von Didier Eribon, Aurélie Filippetti und Edouard Louis zeigen,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 22.04.

Lena BOPP stutzt die Bücher von Didier ERIBON, Jahrgang 1953 ("Rückkehr nach Reims"), Aurélie FILIPPETTI, Jahrgang 1973 ("Das Ende der Arbeiterklasse"), und Edouard Louis, Jahrgang 1992 ("Das Ende von Eddy"), so zusammen, dass daraus ein Bild der französischen Arbeiterklasse entsteht:

"Ihre Mütter waren Hausfrauen, ihre Väter arbeiteten in »der Fabrik« oder fuhren als Bergarbeiter in die Mine. Eine höhere Schulbildung hat kein Familienmitglied jemals genossen. Im Gegenteil besuchte ein jeder nur so lange die Schule, wie es Kindergeld dafür gab, und verließ sie sofort, um seinerseits in die Fabrik und die Mine zu gehen, sobald das möglich war."

Das mag der bürgerlichen Familienidylle entsprechen, aber nicht der französischen Realität: Die Frauen der Arbeiterklasse mussten dort vielfach auch in der Fabrik schuften, was bei Didier ERIBON anklingt. Ohne das Geld, das seine Mutter in der Fabrik verdiente, hätte er gar nicht erst studieren können.

FILIPETTI war keineswegs ein schlichtes Arbeiterkind wie uns BOPP weismachen möchte, sondern ihr Vater war Bürgermeister einer lothringischen Kleinstadt, was mit den Verhältnissen in denen ERIBON oder LOUIS aufwuchsen kaum zu vergleichen ist. Ihr Familienroman Les Derniers Jours de la Classe ouvrière ist bereits 2003, also lange vor dem Buch von ERIBON erschienen, aber erst 2014 in Deutschland erschienen. Das Buch En finir avec Eddy Bellegueule erschien erst 2014 und wurde bereits ein Jahr später in Deutschland veröffentlicht. Allein schon diese Daten zeigen, dass das Thema Rechtspopulismus in Verbindung mit der Arbeiterklasse in Deutschland erst sehr spät aufgegriffen wurde. Zudem spielt in den Büchern der beiden Franzosen die Homosexualität und deren Anfeindung im Arbeitermilieu eine zentrale Rolle, die bei BOPP und anderen ausgeblendet oder unterbelichtet wird. Ihre Homosexualität mach sowohl ERIBON als auch LOUIS zu Außenseitern in ihrem eigenen Milieu - eine Tatsache, die bei der ganzen Diskussion um die soziale Frage ausgeblendet wird. Damit wird auch die historische Dimension der Debatte vernachlässigt, denn die Gelegenheitsstrukturen für soziale Aufsteiger sind dem gesellschaftlichen Wandel unterworfen. Dieser Wandel bleibt in allen Berichten unberücksichtigt. Die politische Debatte bleibt hinter der Dynamik der Realität zurück, wenn dieser Aspekt ausgeblendet wird.

SCHUBERT, Christian  (2017): Das tiefe Frankreich.
Gräben ziehen sich durch die Republik, die am Sonntag wählt. Die Start-up-Unternehmen erblühen, doch abseits der Städte verwelken die Regionen. Sie kämpfen gegen das Vergessenwerden,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 22.04.

Christian SCHUBERTs Frankreichbild kennt drei Facetten: das ländliche Frankreich ("France profonde"), das anhand der Kleinstadt Guéret (Geschäftsschließungen im Stadtzentrum) skizziert wird, die Großstadt Amiens (Werksschließungen) im Norden Frankreichs und die Metropole Paris (Start-up-Unternehmen). Anhand ersterer wird der Niedergang der Sozialistischen Partei und der Aufstieg des Links- und Rechtspopulismus veranschaulicht, Amiens demonstriert den Niedergang der Republikaner und Paris wiederum soll den Hoffmungsträger Emamanuel MACRON verkörpern.

QUATREMER, Jean (2017): Nur ein Stern im Viergestirn.
Frankreich: Europa ist das eigentliche Thema dieser Wahlen: Von den vier Favoriten hat allein Emmanuel Macron die richtige Einstellung dazu,
in:
TAZ v. 22.04.

CROLLY, Hannelore(2017): Die Hauptstadt der Marine Le Pen.
Kandidatin des Front National zeigt sich am Wahltag als einzige Kandidatin nicht in Paris. Sie ist in ihrem Wahlkreis, in der Kleinstadt Hénin-Beaumont. Der Ort dient Le Pen zur Illustration ihrer Kritik an den Eliten,
in:
Welt v. 24.04.

"Die sozialen Probleme in der früheren Bergbaustadt sind groß, 18 Prozent Arbeitslosigkeit drücken aufs Gemüt, 20 Prozent der Bürger des Départements um Hénin-Beaumont leben unter der Armutsschwelle. Das ist Rekord für das französische Festland. Anders als im Saarland oder in Nordrhein-Westfalen hat es die Zentralregierung versäumt, nach dem Ende des Bergbaus in den Strukturwandel zu investieren. Nun bekommt der Staat dafür die Quittung - in Form massiver Stimmengewinne für die Rechtsextremen",

berichtet Hannelore CROLLY aus der über 26.000 Einwohner zählenden nordfranzösischen Kleinstadt nahe Belgien und Calais, das anders als z.B. die südfranzösische Stadt Frejus, zur deutschen Erzählung vom Rechtsruck der Arbeiterklasse passt. CROLLY bezeichnet die Stadt als "Stammgebiet der Sozialisten". Die Arbeiterklasse wählte gemäß Didier ERIBON ("Rückkehr nach Reims") jedoch nicht die Sozialisten, sondern die Kommunisten. Eine Analyse der Situation in Nordfrankreich bleibt aber CROLLY schuldig, denn wichtiger als Fakten, sind die großen Erzählungen!

BALMER, Rudolf (2017): Die republikanische Front bröckelt.
Analyse: Eine breite Allianz von links bis konservativ gegen Le Pens Front National war in Frankreich lange geradezu selbstverständlich. Doch jetzt ist dieser Cordon sanitaire durchlässig geworden,
in:
TAZ v. 28.04.

Weil sich der Linke Jean-Luc Mélanchon bislang weigert, eine Wahlempfehlung für den Neoliberalen Emmanuel MACRON abzugeben, entrüstet sich Rudolf BALMER. Eine Analyse gibt es nicht, sondern lediglich Moralismus. Bezeichnenderweise wird als einziges französisches Meinungsmedium der Nouvel Observateur genannt, der seit den 1980er Jahren den Neoliberalismus glorifiziert. Kann man die soziale Frage aber damit kaltstellen, dass man die Alternativlosigkeit des neoliberalen Kandidaten beschwört? Am Ende könnte Didier ERIBON Recht behalten: MACRONs Sieg wird ein Pyrrhussieg sein, der Frankreich noch tiefer in die Krise einer gespaltenen Gesellschaft hineinführen wird.

Der Artikel Enthaltung, Macron, Le Pen? von Barbara OERTEL bringt auch keine weiteren Aufschlüsse darüber, wen die Wähler, die beim ersten Wahlfang MÉLENCHON unterstützt haben, am 7. Mai wählen werden - falls sie überhaupt zur Wahl gehen.

 
       
   

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Stand: 21. Juli 2017