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Luc Boltanski: Der neue Geist des Kapitalismus & Abtreibungen

 
       
     
       
     
       
   

Luc Boltanski in seiner eigenen Schreibe

 
   
  • BOLTANSKI, Luc (2007): Leben als Projekt.
    Frisst der Kapitalismus seine Kinder? Nein, er verstrickt sie in Projekte. Glücklich macht das trotzdem nicht. Weder bei der Arbeit noch im Privatleben,
    in: TAZ v. 20.10.
 
       
   

Luc Boltanski: Porträts und Gespräche

 
   
LITERATUREN-Schwerpunkt: Geschlechterkampf.
Neue Runde

MEISTER, Martina (2007): Was es heißt, eine Frau zu sein.
Der französische Soziologe Luc Boltanski hat über das Tabu der Abtreibung geforscht. Beim Ungeborenen findet er die Paradoxien der menschlichen Existenz. Ein Porträt,
in: Literaturen, Nr.5 , Mai

 
       
   

Luc Boltanski in der Debatte

 
   

WAGNER, Peter (2004): Soziologie der kritischen Urteilskraft und der Rechtfertigung: Die Politik- und Moralsoziologie um Luc Boltanski und Laurent Thévenot. In: Stephan Moebius & Lothar Peter (Hrsg) Französische Soziologie der Gegenwart, Konstanz: UVK/UTB, S.269-295

 
       
   

Soziologie der Abtreibung (2007)
Frankfurt a/M: Suhrkamp

 
   
     
 

Klappentext

"Die Abtreibung gehört auch heute noch zu den umstrittensten Fragen unserer Gesellschaft. Weder findet sie eine breite gesellschaftliche Akzeptanz, noch wird offen über sie gesprochen. Abtreibung ist nach wie vor ein gesellschaftliches Tabu. Eine merkwürdige Grauzone umgibt sie. Das mag durchaus überraschen, da die Abtreibung in den westlichen Ländern unter bestimmten Voraussetzungen legal ist. Das Recht auf Abtreibung gehört zudem zu den Errungenschaften der Frauenbewegung und des Kampfes um die Selbstbestimmung der Frau.

Der französische Soziologe Luc Boltanski versucht, diese paradoxe Situation zu erklären. Dabei greift er zum einen auf ausführliche Interviews mit einhundert Frauen zurück, die von ihren persönlichen Erfahrungen mit der Abtreibung berichten, und rekonstruiert zum anderen eine umfassende Geschichte der gesellschaftlichen Abtreibungspraxis von der Antike bis zur Gegenwart. Die Entscheidung für oder gegen Abtreibung, so skizziert Boltanski seine Hauptthese, erweist sich dabei als unauflösbarer Widerspruch, der der gesellschaftlichen Ordnung insgesamt innewohnt: Einerseits ist jedes einzelne menschliche Wesen einzigartig und unersetzbar, andererseits ist seine Austauschbarkeit Grundvoraussetzung dafür, daß sich die Gesellschaft fortwährend demographisch erneuert. Diese Paradoxie wiederholt sich in der symbolischen Ordnung, die der Schwangerschaft, der Geburt und der Abtreibung ihre gesellschaftlichen Regeln gibt.

Boltanskis Buch führte in Frankreich zu einer heftigen und überaus kontroversen Debatte, in der es um nichts weniger ging als um die Grundregeln der gegenwärtigen Gesellschaft."

 
     
 
       
   

Rezensionen

RUTSCHKY, Katharina (2007): Gescheiterte Experimente.
Der französische Soziologe Luc Boltanski erforscht die Gründe für Abtreibungen,
in: Berliner Zeitung v. 22.05.

"Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche ist zwar seit der Reform des Paragraphen 218 kontinuierlich gesunken - zuletzt von 135 000 im Jahr 2001 auf knapp 120 000 im Jahr 2006 - aber immer noch hoch. (...). Verfügt nicht jede Frau, jedes Paar über eine ganze Palette von Methoden zur Empfängniskontrolle? Ist Sexualkunde nicht Thema bereits in der Grundschule? Oder sollen wir umgekehrt die hohe Zahl der Abbrüche nicht auf Unwissen, sondern auf die kinder- und familienfeindliche deutsche Gesellschaft zurückführen?
            
Frankreich, dessen Verhältnisse Luc Boltanski in seiner »Soziologie der Abtreibung« zum Anschauungsstoff einer bahnbrechenden Studie macht, wird uns oft als Vorbild empfohlen. Die Geburtenquote dort ist vergleichsweise hoch, weil die Franzosen auch kleinste Kinder rabenmütterideologiefrei fremdbetreuen lassen und überall Krippen anbieten. Von den Vorzügen der traditionellen Ganztagsschule zu schweigen. So liest man immer wieder.
            
Nichts dagegen von 220 000 registrierten Schwangerschaftsabbrüchen bei unseren Nachbarn. Liegt die Abbruchquote in Deutschland bei 7,6 je tausend Frauen, so ist sie in Frankreich mit 16,2 mehr als doppelt so hoch. Kommt das daher, dass die Beratungspflicht dort 2001 abgeschafft und der Abbruch seit jeher auf Kassenkosten ging? Müssten die Franzosen sich also diesbezüglich bei uns belehren, während wir umgekehrt nach ihrem Vorbild Krippen einrichten und so die Geburtenquote anheben?" fragt sich Katharina RUTSCHKY.
PAWLIK beschäftigt sich vor allem mit dem postmodernen Ideal des projektgebundenen Kindes, das die Frucht einer weitgehenden Abkopplung der Sexualität von der Zeugung ist, und die damit verbundene Sicht auf die Abtreibung:

"Mit dem Ideal des projektgebundenen Kindes scheint die Autonomierhetorik der philosophischen und publizistischen Abtreibungsbefürworter sich durchgesetzt zu haben. Wie Boltanski auf der Basis zahlreicher Gespräche mit betroffenen Frauen darlegt, ist dem aber keineswegs so.
             (...).
Der Fötus (...) ist demnach in der Sicht derer, die über sein Schicksal entscheiden, weder Person noch Nichtperson. An ihm bricht sich die binäre Logik des Rechts. Boltanski hält daher die Abtreibung zwar einerseits für nicht legitimierbar, andererseits aber auch für nicht strafbar."

 
       
   

Der neue Geist des Kapitalismus (2003)
(zusammen mit Eve Chiapello)
Konstanz:
UVK

 
   
     
 

Klappentext

"Luc Boltanski und Ève Chiapello beschreiben den Kapitalismus als ein normatives System, dem es unter sich wandelnden Bedingungen immer wieder gelingt, Menschen zu gewinnen und davon zu überzeugen, sich am Prozess der kapitalistischen Akkumulation zu beteiligen. Den Autoren zufolge verdankt der Geist des Kapitalismus sein Anpassungsvermögen der gegen ihn gerichtete Kritik und seiner Fähigkeit, diese Kritik konstruktiv zu verarbeiten. In seiner jüngsten Ausprägung wurzelt er im Mai 1968, als sich Künstler und Intellektuelle gegen sämtliche durch den Kapitalismus bedingten Prozesse der Entfremdung auflehnten.

In den Unternehmen und Fabriken, die in jenen Jahren von Streiks und Arbeitskämpfen massiv betroffen waren, wurde diese emanzipatorische Kritik von jungen Führungskräften und Beratern aufgegriffen und in einer neuen Organisation der Produktion umgesetzt. Ergebnis dieses Umbaus ist das »schlanke« Unternehmen der Gegenwart. In einem detaillierten qualitativen Vergleich zwischen der Management-Literatur der 1960er-Jahre und der 1990er-Jahre zeigen Luc Boltanski und Eve Chiapello die normativen Verschiebungen, die die Neuorganisation der Produktion in den Unternehmen begleiten haben.

Der neue Geist des Kapitalismus definiert sich durch Flexibilität, Mobilität, Kreativität und Eigenverantwortung, die die employability der Menschen bestimmen. Wer über diese Eigenschaften verfügt, kann die Möglichkeiten nutzen, die der projektbasierte Kapitalismus des 21. Jahrhunderts bietet. Zugleich stellt sich aber die Frage der Gerechtigkeit, vor allem für jene, die nicht Teil der vernetzten Welt des projektbasierten Kapitalismus sind. Einstweilen bleibt die Kritik an diesem neuen Kapitalismus machtlos, weil sie die Gegenwart an vergangenen Idealen misst und die sozialen Konflikte der Gegenwart mit Begriffen zu klären versucht, die in der ökonomischen Realität des 21. Jahrhunderts keinen Sinn mehr ergeben. Neue Interpretationsmuster und ein Wiedererstarken der Kritik aber werden den Legitimationsdruck auf den Kapitalismus erhöhen. Der Geist des Kapitalismus wird seine Antwort auf die Frage nach neuen Formen der Gerechtigkeit nicht schuldig bleiben."

 
     
 
       
   

Rezensionen

HARTMANN, Martin (2003): Der Kapitalismus frisst seine Kritiker.
Alles, was Ihr Wollt: Luc Boltanski und Eve Chiapello beschreiben die Widersprüche der Netzwerkgesellschaft auf neuestem Stand,
in: Frankfurter Rundschau v. 12.12.

"Um sich zu rechtfertigen, hat sich der Kapitalismus der Gegenwart Argumentationsfiguren zu eigen gemacht, die aus der Kapitalismuskritik der sechziger und siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts stammen. Ob dort vom eindimensionalen Menschen die Rede war, von entfremdeter Arbeit oder instrumentellem Handeln - stets verband sich mit diesen Schlagworten die Kritik an einer unpersönlichen Fabrikdisziplin. Im Namen von Authentizität und Selbstverwirklichung, so Boltanski und Chiapello, formulierten linke Intellektuelle eine Kritik, die weniger an Gerechtigkeit orientiert war als an der Schaffung erweiterter Möglichkeiten für die Persönlichkeitsentfaltung in den Unternehmen. So stand einer gewerkschaftlich artikulierten »Sozialkritik« eine »Künstlerkritik« zur Seite, die sich von dem Nonkonformismus und der freiwilligen Außenseiterrolle der Großstadtdandys des 19. Jahrhunderts inspirieren ließ.
Der Kapitalismus hat auf diese Kritik reagiert, er hat gleichsam seine Kritiker gefressen,
"

fasst HARTMANN die Kernthese der französischen Wissenschaftler zusammen. Der bourgeoise Bohemien (Bobo) und der "privileged poor" verkörpern - auf je unterschiedliche Weise - den neuen Geist des Kapitalismus. Trendforscher wie Matthias HORX  haben jene neuen Ideologien des individualisierten Spaßarbeiters popularisiert, deren Kehrseiten nun im Zusammenhang mit dem neoliberalen Sozialabbau zunehmend deutlicher sichtbar werden. Der Poptheoretiker Diedrich DIEDERICHSEN hat dagegen in Sexbeat auch die Gefahren des "glücklichen Arbeitssklaventums" beschrieben. Im Bild der Popökonomie wird die Religion dieser neuen Form des Arbeitens auf den Punkt gebracht.

VOGEL, Berthold (2003): Soziale Kampfeinheiten.
Luc Boltanski und Ève Chiapello haben eine neue Soziologie der Kapitalismuskritik formuliert. Ihre Studie setzt die Reihe der großen Gesellschaftsanalysen fort, die Pierre Bourdieu und Robert Castel begründeten
in: TAZ v. 20.12.

Infos zu: Berthold Vogel - Autor der Single-Generation
 
   

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Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 12. Dezember 2003
Stand: 29. März 2015