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Pascal Bruckner: Letzter Ausweg - Abenteuer Alltag

 
       
     
       
     
       
   

Pascal Bruckner im Gespräch

 
   

SCHRÖDER, Lina (2003): "Wirtschaft ist keine Religion".
Schwerpunkt Eliten: Ob Marxisten, Neo-Liberale oder Globalisierungsgegner - alle glauben an die Allmacht der Wirtschaft. Der französische Philosoph Pascal Bruckner nicht,
in: brand eins, Oktober

 
       
   

Verdammt zum Glück (2001).
Der Fluch der Moderne
Berlin: Aufbau Verlag

 
   
     
 

Klappentext

"Wie er sein Gesicht nach einem ästhetischen Leitbild zuschneiden lässt, den Busen mit Silikon stylt, sich in Fitness-Studios martert, hat der Mensch auch das Glück als ein Diktat zu verstehen. Unglück, Trauer, Schmerz sind ein Makel. Die Verpflichtung zum Glück bewegt die größte Industrie unserer Zeit, und sie ist zugleich die neue ethische Ordnung. Bruckner analysiert den historischen Wandel des Glücksbegriffs seit seiner Verlagerung aus einem religiösen Jenseits ins weltliche Diesseits. Und er beschreibt seine radikale Neuinterpretation in den 60er Jahren, als das Glück von der Sehnsucht zum Programm avanciert. Er durchleuchtet unsere Alltagskultur auf ihre Banalisierung unter dem Mythos des Glücklichseins und schließt mit einem flammenden Plädoyer für das Recht des Menschen, auch unglücklich zu sein - und damit frei zu bleiben"

 
     
 
       
   

Rezensionen

LOCH, Harald (2001): Pfeif drauf - und lebe gut.
Eleganter Essay zum gesellschaftlichen Pflichtprogramm Glück,
in: Saarbrücker Zeitung v. 07.06.

LÜTKEHAUS, Ludger (2001): Verdammt zum Glück.
Eine sokratische Traumreise ins glücksphilosophische Wunderland,
in: Die ZEIT Nr.28 v., 05.07.

MARTIN, Marko (2001): Der Westen ist glücklich.
Pascal Bruckner: Verdammt zum Glück,
in: Welt v. 04.08.

HILLER, Eva (2002): Leiden verboten.
In unserer Moderne geriet das "Gutdraufsein" ganz allmählich zum Dogma. Wehe dem, der ihm nicht nacheifert. Gilt das auch nach dem 11. September?,
in: Rheinischer Merkur Nr.01 v. 04.01.

Neu:
VORMWEG, Christoph (2002): Pascal Bruckner. Vedammt zum Glück,
in:
Büchermarkt. Sendung des DeutschlandRadio v. 15.02.

 
       
   

Das Abenteuer um die Ecke (1981).
Kleines Handbuch der Alltagsüberlebenskunst
(zusammmen mit Alain FINKIELKRAUT)
München:
Hanser

 
   
     
 

Klappentext

"Seit die letzten weißen Flecke von unseren Landkarten verschwunden und die verwegenen Abenteurer in die Romanwelt verbannt sind, ist unser Alltag grau geworden. In einer Gesellschaft der Pflichtversicherten ist für den ungebärdigen Helden und den Bohemien kein Platz. Der regierende Zwang zur Anpassung ans Mittelmaß hat den neuen Herrn Jedermann geschaffen. Doch auch in dessen Brust rumort die Sehnsucht nach der Befreiung vom täglichen Einerlei. Wo er das Abenteuer sucht und was er dort findet, analysieren Bruckner und Finkielkraut mit Witz und Ironie.
Schicht für Schicht wird der Berg der Mythologien des Alltagsabenteuers abgetragen. Es geht um Mythen des Krieges und der Guerilla, um die Flucht in den Urlaub, die Fallstricke der Zweierbeziehung, das Reisen einst und jetzt, die Großstadt und die coole Generation. Schließlich folgt noch ein bittersüßer Nachruf auf das große Happening, das den hermetischen Trott mit Phantasie sprengen wollte: der Mai '68 und die Folgen. Am Ende haben die beiden Autoren nicht nur die Lebenskunst des neuen Jedermann aus den Angeln gehoben. En pasant ist auch ein hellsichtiges Psychogramm des Lebensgefühls in den siebziger Jahren entstanden."

Zitate:

Der Club Méditerranée als höchste Entwicklungsstufe des klassischen Tourismus

"Den Club Méditerranée, die Wochenendversion einer Gesellschaft ohne Klassen, ohne Geld und ohne Arbeit, eine wahrhaft konkrete Utopie, die Tag und Nacht funktioniert, Jahr um Jahr, Ort der idealen Ehe des Neuen Menschen mit einer zauberhaften Natur." (S.60)

"Ausbeutung durch die Einsamkeit in der Fabrik oder im Büro, Ausbeutung der Einsamkeit im Urlaub und das Aufkommen eines neuen Wirtschaftszweiges der Begegnungsindustrie. Märchenhafter Zynismus einer Gesellschaft, die an beiden Enden der Kette jene Krankheit verwaltet, die sie verursacht, um sozusagen doppelten Gewinn aus ihr zu schlagen."(S.62)

"Das wahre Leben, das der Club auf seine Fahnen schreibt, ist (...) der Gegenalltag: Leben ohne Flaute, Genuß ohne Hindernis. Diese alte Platte der Situationisten ist zum Losungswort und zur Verheißung des Clubs geworden, denn er verkehrt ins Wünschenswert-Positive jene Prinzipien, die die industrielle Gesellschaft ablehnt: Lässigkeit, Sinneslust, Nichtstun, spontane Ernährung, Gleichheit aller vor der Fülle und dem Überfluß. Der Club ist die genaue Umkehrung der Welt von Arbeit und Verdienst." (S.64)

"Gewiß ist der Club Méditerranée (...) ein gewährtes, also vorgegebenes Vergnügen. Dennoch zwingt er niemanden zum sexuellen Konsum, sondern genügt sich damit, die Voraussetzungen des Liebesabenteuers zu schaffen. Er ist eine Utopie, die weiß, wo sie haltzumachen hat, die die Initiative nicht unterdrückt, keinerlei Kontakte verordnet und den Narzißmus nicht antastet." (S.67)

Die Krise der Ehe als Krise der Gesellschaftsordnung

"Was ist von einer Analyse zu halten, die jede Unbeständigkeit, also auch die Leichtfertigkeit gegenüber der Ehe, als Pathologie oder Verwirrtheit denunziert? Von einer Krise zu sprechen heißt, sich angesichts der Unbeständigkeit auf die Seite der Dauer zu schlagen (...). Der Begriff der Krise verurteilt die Deserteure der Ewigkeit zu chronischem Unbehagen und sucht in jeder Unschlüssigkeit des Gefühls die ohnmächtige Nostalgie jener Zeit, da die Ehe fürs Leben eine Selbstverständlichkeit war. Nun ist aber die Verantwortlosigkeit keine häusliche Krankheit. Die unverheirateten Eheleute sind weder Opfer noch zuchtlos, sie sind Adepten des Vagen. Wenn man schon unbedingt in Begriffen von Verwirrung und Störung denken will, so wäre festzustellen, daß sich die Ordnung in der Krise befindet und nicht die Verhaltensweisen, auf denen nicht mehr der Zwang zur Beständigkeit lastet." (S.92)

Die Ursachen der Unbeständigkeit

"Das Eigentum schuf beständige Wesen, die Lohnabhängigkeit schafft flatterhafte Geschöpfe. Nichts in der Hand, nichts auf der hohen Kante, so sind wir Bräute ohne Brautschatz, ähnlich jenen Weißnäherinnen und Wäscherinnen des Ancien Régime, die zum Heiratsmarkt nicht zugelassen waren, weil sie keine Mitgift hatten (...) Mit der generellen Ausbreitung der Lohnarbeit verlor die Zweierbeziehung ihre Funktion, das Familienvermögen zu vergrößern. Auf der anderen Seite brauchten die Frauen nur massenhaft Zugang zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit zu finden, und schon befanden sich »ewig« und »Liebe« nicht mehr automatisch in derselben Gedichtzeile (...). Die Moralordnung geht unter, getroffen von einem Doppelschlag: von der wuchernden Ausbreitung bohemehafter Liebschaften und von der juvenilen Leichtfertigkeit, die die Grenzen der Jugend weit überschreitet." (S.95)

Die Auflösung der Entwicklungsstufen

"Auf die einst lebenslängliche Ernsthaftigkeit nach einer organischen Zeit der Reife folgt heute eine pikareske Zeit, eine Folge ohne Zusammenhang, eine Akkumulation für nichts, ein Lebensstil, der die Erfahrungen inkonsequent und beziehungslos aneinanderreiht (...). Wir altern, ohne zu reifen, weil unsere Leidenschaften uns nichts mehr lehren: keine Erziehung des Herzens krönt jemals ihre wirre Folge." (S.95)

Vom "den Hof machen" zur Technik des Aufreißens

"Ein Abenteuer des Gefühls verlangte einst drei Protagonisten: Romeo, Julia und die anderen. Heute bleiben die Verliebten unter sich (...). Der Tod aus Liebe ist veraltet, weil es kein mörderisches Kollektiv und keinen allmächtigen Vater mehr gibt, die sich zwischen die Partner stellen könnten(...). Durch diese Tilgung des Dritten entstand vor noch nicht so langer Zeit die Begegnung. Die zufällige Berührung zweier fremder Schicksale kann nur in einer anonymen Welt stattfinden (...). Die Kontingenz ersetzt die Mittlerfunktion der Gemeinschaft." (S.97)

"Der Bedeutungsverlust der Gesellschaft bedingt andererseits, daß sich die alten Verführungsriten in die Technik des Aufreißens verwandelt haben (...). In diesem Zweipersonenstück ist der andere zugleich der Preis und die Jury. Selbst an den rituellen Orten des Aufreißens (in der Disko oder beim Samstagsabendschwoof) bewirkt die Unpersönlichkeit des Umfelds eine vehemente Personalisierung unserer Begegnungen; die Neutralität der Umgebung verhindert beiläufige Annäherungen und macht aus dem Gespräch unter vier Augen sofort einen Ort der Verführung. Schon der erste Kontakt trägt ehelichen Charakter. Auf Anhieb ist man Du und Ich, vom ersten Moment an ein Paar." (S.98f.)

Der Aufstieg des Paars

"Nichts entzieht sich dem Imperialismus der Zweierzahl, nicht einmal die ersten zögernden Schritte zu einer Gefühlsverbindung. Die Gesellschaft ist tot und die Zweierbeziehung ihr Universalerbe. In ungeheurem Maß profitiert die Ehe von der Auflösung der gesellschaftlichen Existenz. Genau in dem Augenblick, da die Ehe nicht mehr unwideruflich ist, wird es die Zweierbeziehung (...). Wir erleben nicht die Krise sondern die Morgenröte der Zweierbeziehung, die Geburt der Zahl zwei." (S.99)

Die Entkopplung von Ehe und Familie

"Mag sie schließlich noch so sehr nach Orthodoxie streben, die Zweierbeziehung hat kein Nachher mehr, eine familiäre Zweckbestimmtheit, deren Werkzeug sie wäre (...). Kinder sind beispielsweise nicht mehr ihr Schicksal. Einst war fruchtbare Sexualität die Norm und spielerische Erotik ihre Perversion. Wer würde heute noch behaupten wollen, es sei ein Vergehen gegen die Natur, also widernatürlich, wenn man der Fruchtbarkeit vorbeugt? Die Begriffe haben sich umgekehrt. Natürlich ist es, zu lieben, künstlich ist es zu zeugen." (S.102)

Das Wunschkind als Problem der Wahlfreiheit

"Niederschmetternd die Freiheit einer gänzlich programmierbaren Geburt, eine so totale Wahlfreiheit, daß sie schon wieder lähmt. Sind wir schon reif? Glücklich genug zusammen? Unser selbst sicher genug? Sind wir bereit, unserem Baby unsere gesamte Freizeit zu opfern?" (S.102)

Die Nutzlosigkeit der alten Ehe im Postpillen-Zeitalter

"Sobald die Zeugung aus ihrem natürlichen Bezugssystem herausfällt, bricht ein ganzes symbolisches Universum zusammen. Die Zweierbeziehung läßt sich nicht mehr als transitorische und funktionelle Form erleben, die von einer überlegenen Macht gewählt wurde, um für die Fortdauer der Geschöpfe zu sorgen. Wozu dient sie dann, die Ehe? Zu gar nichts. Sie ist eine unnütze Veranstaltung, eine willkürliche Verbindung (...). Ob sich der Haushalt Kinder zulegt oder nicht - sie sind fortan weder seine Bestimmung, noch seine Erfüllung. Wir haben Kinder (oder nicht), eine Nachkommenschaft haben wir kaum noch. Die Natur entzieht und verflüchtigt sich, was dem Eheleben verbietet, die Reproduktion zu seinem Grundprinzip zu machen." (S.103)

Der Sinn der neuen Ehe

"Was will nun aber die eheliche Dyade heute? Nur dies: den Wahnsinn in die Wohnung schmuggeln, das heißt, die Dauer in den Dienst der Lust stellen und sich alle Empfindungen wieder aneignen, die als unvereinbar mit häuslichem Leben galten" (S.104)

Die Scheidung als Folge des neuen Eheideals

"Heute hat man vorm Überdruß mehr Angst als vor der Trennung (...). Die Routine ist ein Abstieg, den nichts mehr rechtfertigt. Neben dieser allmählichen Katastrophe - der Ehe - erscheint die Scheidung als das kleinere Übel."

Die Individualisierung der Ehe

"Vor dem Wir das Ich - der einzelne weigert sich, ganz in der ehelichen Identität aufzugehen. Gegen den häuslichen Imperialismus setzt er das »eigene Zimmer«. Fortan müssen die Paare mit dem störrischen Egoismus ihrer Bestandteile rechnen (...). Statt eine Metamorphose zu feiern, gibt man der Entscheidung für die Ehe alle Züge der Entscheidung für ein Junggesellendasein. Die Hochzeit war das obligate Protokoll einer binären Welt, in der es noch einen gewissen Sinn hatte, kein Blaustrumpf bleiben zu wollen oder sein Leben als Hagestolz zu verbringen. Ihr folgt eine Zwitterwelt, in der die Liebenden bestrebt sind, lediglich partielle Veränderungen zu erfahren, in der man zugleich das eine und das ganz andere sein möchte, alleinstehend und verheiratet.

Ehe und Single-Dasein nähern sich einander an

"Ehe, freie Verbindung, Zölibat - diese Dreiteilung ist veraltet. Es gibt immer mehr offiziell Verheiratete, die als »Singles« leben, spießige Ehen ohne Trauschein, in denen die Partner leben wie Mann und Frau, und schließlich Leute, die man keiner der drei Kategorien zurechnen kann, da sie allen dreien zugleich angehören."

Der puritanische Hedonist

"Der puritanische Hedonismus, dieses moderne Ungeheuer, ist entstanden aus der Verbindung von Lustprinzip und Prinzip des Nicht-Müßiggangs (...).
Wir haben eine kaufmännische Vorstellung vom abenteuerlichen Leben und das macht uns zu Geschäftsführern der Lust, mit dem einzigen Ziel, die Erfahrungen zu maximieren und den Gebrauch noch des unbedeutesten Augenblicks zu intensivieren." (S.205)

Suburbanität ersetzt Urbanität

"Was Verstädterung genannt wird, ist nicht die monströse Geburt einer Megalopolis, sondern die weit monströsere einer Megalosuburbia, einer riesigen nicht abreißenden Vorstadt. In New York, dieser irrsinnigen Konzentration, wo sich auf engstem Raum eine ungeheure Menge von Energie entfaltet, wird Amerika sich selber fremd. Man wird kein neues Manhattan bauen, die Zukunft der Menschheit ist Los Angeles, die im Raum sich verlierende Stadt." (S.215)

Die kinderlose Stadt

"Kinderreiche Familien werden an die Peripherie gedrängt, während im Inneren der Hauptstadt nur kinderlose Ehepaare leben. »Ein Erwachsener, zwei Erwachsene, drei Erwachsene, aber in 60 % der Haushalte keine Kinder.« Mit einem Haufen schreiender Gören kann man nicht in einem Einzimmerapartment für 1000 Francs im Monat leben. So sehen sich viele junge Pariser vor ein noch nie dagewesenes Dilemma gestellt: entweder Sterilität oder Emigration. Zunächst verflüchtigt sich die Kindheit aus der Großstadt. Wohlhabende und geschäftige Erwachsene halten den Stadtraum besetzt." (S.217)

Cocooning

"Noch vor zwanzig Jahren waren abendliche Unterhaltung und Ausgehen synonym (...). Was noch vor kurzem aushäusliches, ja »antihäusliches Vergnügen« (Fourier) war, ist zur Stubenhockerlust verkommen (...). Alle Gesellschaften bis zu unseren waren Gesellschaften des Spektakels - man versammelte sich im Tempel, im Zirkus, im Theater und selbst noch im Kino. Erst wir verfügen über das technische Wunderwerk eines Spektakels ohne Gesellschaft, eine Zerstreuung, die uns zwar von unseren Problemen ablenkt, aber an unsere Wohnungen fesselt, eines Vergnügens, das sich im gleichen Moment eine Vielzahl vereinzelter, auf ihre Häuslichkeiten verteilter Individiduen zu Gemüte führt (...). Das Fernsehen (...) ist das Meisterstück einer Gesellschaft, die sich unablässig atomisiert, ihre Mitglieder isoliert und nach dem Prinzip des Jeder-für-sich funktioniert." (S.221f.)

"Was ist ein Einwohner? Einer, der nicht mehr ausschwärmt, der die Straße vergißt zugunsten seines trauten Heims, die Menge zugunsten seiner Familie, das Draußen zugunsten seines Kokons; ein Mensch des Innenraums, der sich außer Reichweite der Massen und ihrer Zersetzungskraft bringt." (S.240)

Die Kinder des Wohlfahrtsstaats

"Wir sind (...) das Produkt der infamen Hochzeit von Komfort und Banalität, die Kinder von McDonald's und der Sozialversicherung. Verlorene Generation? Verloren hat diese Generation lediglich Ereignis und Unrast. Bequeme Generation, Generation von Etappenschweinen, von Nachtmützen, die das Frösteln zur Lebensform erhoben haben und immer zu tief hinauswollen (...) Die sechziger Jahre: das Reich der Banalität mit seinen beiden Provinzen Überdruß und Simulation." (S.255)

Wir Zaungäste

"wenn der erste Teil des Jahrhunderts tragisch gewesen ist, in Gestalt von Stalinismus und Faschismus (...), so sind die folgenden dreißig Jahre ständige Farce und Mimikry gewesen, ein großes Massengrab für die Clowns, die ihre Jugend damit vergeudet haben, ihre Vorväter nachzuäffen und all die Mythologien auszupressen, die jene ihnen als geistigen Mundvorrat mit auf den Weg gaben. Das letzte Vierteljahrhundert wird ihnen nun vielleicht zur Romantik geraten, doch es wird eine unruhige Romantik sein (...). Das ist unsere Lage heute, da fortgeschrittenes Machertum und Krisenmanagement den revolutionären Messianismus ersetzt haben und die Geschichte sich in lauter Pastiches der eigenen Episoden aufsplittert. Als nüchterne Kinder eines maßlosen Jahrhunderts, die wir als geistiges Gepäck nur eine unbestimmte Sehnsucht und eine maßlose Unentschlossenheit mitbekommen haben, wissen wir nicht so recht, welche Rolle wir übernehmen, welche Persönlichkeit wir uns zulegen, welche Maske wir uns auf unser Gesicht schminken sollen, das die eignen Nacktheit so schlecht erträgt. Mit einem Wort, wir sind die Kinder der Desillusionierung und des Zögerns." (S.256)

Von der Revolte zurück in den Alltag

"Wir sind Ex-Gläubige, und dieser Atheismus ganz neuer Art veranlaßt uns, uns den Dingen, um die es in der Politik geht, um so bereitwilliger zu widmen, als wir ihnen sehr wenig von uns selbst widmen. Denn nur die enttäuschten Liebhaber und die eifernden Frömmler verkünden heute das Ende der Politik." (S.261)

Von der politischen Bewegung zum Dienstleistungsstaat

"Die Leute erwarten Dienstleistungen, aber was ihnen die Politiker statt dessen andienen wollen, ist ein Schicksal. Vorbei die großen Epen von Ordnung und Revolutionen. Parteien und Gewerkschaften spielen fortan die gleiche Rolle wie die Versicherungsanstalten. Fürsorgeinstitutionen sind sie, von denen wir verlangen, daß sie unser Recht auf Leben garantieren, nicht aber, daß sie unserem Leben einen Sinn geben.
(...).
Politik ohne Utopie, ohne seelische Zutat ist, eine materielle und eben nicht mehr religiöse Politik. Mobilisiert werden wir heute nicht mehr vom Marxschen »die Welt verändern« oder vom Rimbaudschen »das Leben verändern«, diesen abgedroschenen Imperativen, diesen Losungen einer bereits veralteten Modernität. Mobilisiert werden wir von dem bescheidenen und prosaischen »Recht auf...«. Recht auf Glück, auf Sicherheit, auf Gesundheit, auf Mindestlohn. Unveräußerliches Recht, als solches über alle Pflicht gestellt." (S. 263)

Pluralisierung statt Polarisierung

"die Minderheiten haben recht behalten gegenüber der von der Revolutionsidee verhängten Einheitsdisziplin. Jede Konfrontation ist ein Sonderfall, die Kämpfe werden jeder für sich ausgefochten (...). Alle Proteste und Verweigerungen sind heute partiell und minoritär (sogar der Klassenkampf), denn abhanden gekommen ist uns der Ort der Großen Verweigerung (...). In einem politischen Raum, der nirgends mehr einen Mittelpunkt hat, führt kein Weg von der Vielfalt zu Einheit (...). Ende aller Hierarchien, Unmöglichkeit jeder logischen Unterordnung." (S.272)

Der kleinbürgerliche Individualismus der Angestellten in der polarisierten Gesellschaft

"»Was ist, altes Haus, du amüsierst dich, und im Ruhrgebiet sind Arbeiter entlassen worden?« Um diesen alltäglichen Verrat zu bezeichnen, spricht man auch gelegentlich von kleinbürgerlichem Individualismus. Dieser Ausdruck ist übrigens ein Pleonasmus, denn wer sonst als der Kleinbürger sollte sich in der Falle des Individualismus fangen? Als Angehöriger einer Zwischenklasse muß er ganz natürlich zu der Auffassung gelangen, daß sich die wesentlichen Dinge des Lebens außerhalb des Klassenkampfes abspielen. Wenn er sich mehr für sich selbst als für Politik interessiert, so weil er nicht mit Leib und Seele Akteur des gesellschaftlichen Konfliktes ist (...). Egoistisch weil nebensächlich, ist der Kleinbürger das Stiefkind der Geschichte. In diesem Melodrama für zwei Personen nimmt er den Platz des Parasiten ein. Metaphysisch ist er eine Null, weil er im Gegensatz zum Proletarier nicht den Auftrag hat, dem Menschen das Heil zu bringen. Ideologisch ist er zurückgeblieben, weil er anders als der Kapitalist stets eine mystische Auffassung von der gesellschaftlichen Totalität hat. Moralisch schließlich ist er schuldig, weil er in Selbstgerechtigkeit erstickt. Der Kleinbürger ist der Antiheld der Geschichte (...). Dennoch läßt die revolutionäre Logik diesem Armseligen die Möglichkeit, sich freizukaufen. Er kann Abbitte leisten, indem er sich für die Sache der Arbeiterklasse engagiert, und engagieren heißt für diese nutzlose Kreatur zuallererst, sich dafür zu entschuldigen, daß sie zu nichts dienlich ist und im Kielwasser der Geschichte dahintreibt. Die sozialistische Ideologie hat die Politik um die unvergeßliche Schöpfung eines Sühneaktivismus bereichert. Politisches Engagement als Bußübung"
(S.273f.)

Auf dem Weg in die Neue Mitte

"das Arbeiter-Überich ist tot, überall nehmen die individualistischen Kleinbürger überhand, die sich ebensowenig mit der sozialistischen Ordnung einrichten können wie mit den überlieferten moralischen Imperativen." (S. 276)

Die Politik der Neuen Mitte für die individualisierte Gesellschaft

"Heute ist der Marxismus in lobenswertem aggiornamento darum bemüht, sich der Realität der Arbeiterklasse anzupassen." (S.276)

Die Individualisierungsthese

"Wenn alle Klassen sich einander annähern und miteinander mischen, begegnen sich ihre Angehörigen mit Gleichgültigkeit und wie Fremde. Kleinbürger, das heißt im modernen Westen eine Lebensweise, die vom Topmanager zum angelernten Arbeiter allen eigen ist, der Kleinbürger ist ein universeller Mensch. Die sozialen Klassen konstituierten noch vor kurzem, nach der Familie und der Nation, die letzte Heimat. Heute bildet keine Klasse mehr einen dichten und geschlossenen Körper, jede hat ein bißchen an allen anderen teil - eine konfuse Gesellschaft, der man nur noch ein bißchen mehr Konfusion wünschen kann; und obwohl es Kleinbürger gibt, gibt es keine Kleinbürgerklasse, weil die Kleinbürger weder eine gemeinsame Tradition noch eine gemeinsame Hoffnung haben. Es gibt noch Glieder, aber keinen Körper mehr, jeder läßt die Rollen im Stich, die Gesellschaft und Geburt für ihn vorgesehen hatten. Wäre der Jedermann also der Mann ohne Eigenschaften? Oder ist er nicht vielmehr aus so widersprüchlichen Eigenschaften gemacht, daß man kein Porträt von ihm zeichnen kann. Eher inkonsequent als indifferent, ist er weniger der Mann ohne Bestimmung als der Mann ohne Stabilität - und daher der Mann ohne Persönlichkeit." (S.282)

 
     
 
       
   

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Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 22. März 2002
Stand: 05. Juli 2015