[ Singles in Großbritannien ] [ Debatte: Familien contra Singles ] [ News ] [ Homepage ]

 
       
   

Nikolas Rose: Regieren durch Community

 
       
     
       
     
       
   

Nikolas Rose in seiner eigenen Schreibe

 
       
   

ROSE, Nikolas (1996): The Death of the Social? Refiguring the Territory of Government,
in: Economy and Society, 25, 3, S. 327-356

Neu:
ROSE, Nikolas (2000): Tod des Sozialen? Eine Neubestimmung der Grenzen des Regierens. In: Ulrich Bröckling, Susanne Krasmann und Thomas Lemke (Hg.) Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen, Frankfurt a/M: Suhrkamp, S.72-109

 
       
   

Tod des Sozialen? (2000)

 
   
     
 

Zitate

Die neuen Reaktionäre und der Sozialstaat

"Wie Hirschman (1992) gezeigt hat, breitete sich eine vielfältige »Rhetorik der Reaktion« aus und beklagte die paradoxe »Entsozialisierung des Sozialstaats« - man sprach von Kosten, die er verursacht, von den Lasten, die er zu tragen hat, und von den Ungerechtigkeiten, die er produziert -, eine Rhetorik, die fast auf allen Seiten des politischen Spektrums zu hören war. (...). Obwohl diese politisch-moralische Kritik am Sozialstaat auf jeweils ganz unterschiedlichen Voraussetzungen beruhte, ist eine gewisse »Familienähnlichkeit« zwischen den kritischen Positionen unverkennbar. Die Argumente von Libertären aus dem linken wie rechten Lager, Fortschrittsbefürwortern und Menschenrechtsaktivisten, Verfechtern von Bürgerrechten und Anwälten einer Stärkung von Basisinitiativen stimmten insbesondere darin überein, dass sie die Subjekte, die regiert werden sollten, in neuer Weise definierten. Menschen, die es zu regieren galt - Männer wie Frauen, Reiche und Arme -, wurden nunmehr als Individuen begriffen, die selbst einen aktiven Part bei diesem ihrem Regiertwerden zu übernehmen hatten. Ihre Mitverantwortung wurde nicht länger als ein Verhältnis gesehen, das Bürger und Gesellschaft einander verpflichtet und das durch Vermittlung des Staates umgesetzt und geregelt wird, sondern als ein Verhältnis, durch das Einzelne denen gegenüber gebunden und verantwortlich ist, die ihm am nächsten stehen und deren Schicksal er teilt." (S.77f.) 

Von der Community als Gegengift zum Regieren durch Community

"Bereits Anfang der sechziger Jahre bemühten Soziologen die »Community« als mögliches Gegengift gegen die Einsamkeit und Isolierung des Einzelnen in der »Massengesellschaft«. Anfangs entfaltete sich diese Vorstellung von der Gemeinschaft als verloren gegangener Authentizität und Zusammengehörigkeit im sozialen Raum als Teil der Kritik und Opposition gegen eine bürgerferne Bürokratie. Wer sich als Aktivist für die Gemeinschaft stark machte, war kein Vertreter des wohlfahrtsstaatlichen Systems, das ja gerade als Entmündigungs-, Überwachungs- und Kontrollinstanz galt; »Community«-Aktivisten waren im Gegenteil jene, die dem System in irgendeiner Form ausgeliefert waren, die Bewohner von Wohnsiedlungen, Sanierungsgebieten und Ghettos. Annähernd zeitgleich wurde der Gemeinschaftsdiskurs auch von den Behörden, beispielsweise der Polizei, übernommen, um die Probleme zu begreifen, mit denen sie in »sozialen Brennpunkten« konfrontiert waren (...).
Umgekehrt intensivierte die Soziologie unter dem Stichwort der Gemeinschaft ihre empirische Forschungstätigkeit über das menschliche Zusammenleben und untersuchte die kulturellen Bande und lokalen Verankerungen, die als Grundlage der moralischen Ordnung galten. Innerhalb kurzer Zeit verwandelte sich das, was als Diskurs des Widerstands und der Gegenkultur begonnen hatte, aus zweifellos höchst ehrenwerten Motiven in einen Expertendiskurs und verfestigte sich zu einem professionellen Aufgabenfeld. »Community« war fortan etwas für Gemeinschafts-Entwicklungsprogramme; sie kam unter die Obhut der öffentlichen Hand (...).
Was auf diese Weise Gestalt annahm, war eine neue Art und Weise, einen Bereich des Regierens abzugrenzen, dessen Kräfteverhältnisse mobilisiert, integriert und in neuen Programmen und Techniken genutzt werden konnten. Diese beruhten auf er Instrumentalisierung persönlicher Loyalitätsbeziehungen und der Bereitschaft, aktiv Verantwortung zu übernehmen: Regieren durch Community. In ebendieser Bedeutung hat sich der Terminus »Community« in neueren politischen Debatten in den Vordergrund gespielt (z.B. Etzioni 1995; Grey 1996)." (S.80f.)

Habitusgemeinschaften

"Heute ist man (...) der Auffassung, dass unser gesellschaftlicher Zusammenhalt aktuell oder potenziell durch eine Vielzahl von »Gemeinschaften« bestimmt wird: (religiöse, ökologische oder feministische) Überzeugungsgemeinschaften, Habitusgemeinschaften (die sich über ihre Geschmacksvorlieben, ihren Modevorstellungen oder Lebensformen definieren, Betroffenengruppen (Behinderte, Selbsthilfegruppen bei speziellen Krankheiten, Bürgerinitiativen) und so weiter. Gelegentlich werden sie nach den geografischen Koordinaten definiert, die sich auf winzig kleine Räume beziehen. In anderen Fällen handelt es sich um »virtuelle Gemeinschaften«, die durch keinen »wirklichen« Raum beziehungsweise keine »wirkliche« Zeit, sondern durch ein Netz kommunikativer Relais wie etwa Symbole, Bilder, Moden und sonstige Formen der Identifikation, miteinander verbunden sind". (S.82)

Eingegliederte unternehmerische Einzelne und die Marginalisierten

"Unter Eingegliederten verstehe ich diejenigen, die gesellschaftlich integriert sind: Personen und deren Familien, die über ausreichende finanzielle, bildungsmäßige und moralische Möglichkeiten verfügen, um die Rolle von aktiven Bürgern in selbstverantwortlichen sozialen Zusammenhängen zu übernehmen. Um weiter dazuzugehören, muss der Einzelne sich bewusst entschließen, sein Leben als »Unternehmen« zu führen.
(...).
Demgegenüber sind die Marginalisierten diejenigen, denen man die Zugehörigkeit zu diesen anerkannten und zivilisierten kulturellen Gemeinschaften abspricht. Entweder gelten sie aufgrund ihrer Unfähigkeit, ihr Leben selbstbestimmt in den Griff zu bekommen, als grundsätzlich in kein Kollektiv integrierbar, oder sie werden als zu irgendeiner »Anti-Gemeinschaft« gehörig betrachtet, deren Moralvorstellungen, Lebensstil und Gebaren als Bedrohung oder Vorwurf an die Adresse öffentlicher Zufriedenheit und der politischen Ordnung wahrgenommen werden.

Risikoindustrie, Risikopolitik und Angstgesellschaft

"Die Sozialversicherung wurde eine Bestandteil der staatsbürgerlichen Rechte. (...). Selbstverständlich trat im Verlauf des 20. Jahrhunderts jenes ältere Gebot persönlicher Vorsorge zum eignen Wohl und dem seiner Angehörigen nicht völlig in den Hintergrund. Gleichwohl lässt sich sagen, dass es heute zu einer strategischen Wende in der Politik der sozialen Sicherheit gekommen ist. Erneut fordern Politiker und andere den Einzelnen auf, selbst die Verantwortung für seine soziale Sicherung und die seiner Familie zu übernehmen (...). Diese »neue Versorgerrhetorik« (O'Malley 1992) nutzt die aus der Konsumptionssphäre vertrauten Techniken - Werbung, Marktforschung, Marktnischen ausnutzen und dergleichen -, um die Zukunftsängste des Einzelnen um sich und seine Nächsten zu schüren, um uns dazu zu bringen, diese Risiken unter Kontrolle zu halten und unser Schicksal durch den Erwerb einer für uns und unsere spezielle Situation maßgeschneiderten Versicherung zu meistern. Ganz offensichtlich ist hier eine »Risikoindustrie« am Werk, die im eigenen Profitinteresse für ihre Produkte nach Märkten sucht und solche schafft. Doch es gibt daneben auch eine Politik des Risikos, wenn sich etwa Politiker in Warnungen über die Zukunft der Altersrenten und der sozialen Sicherungssysteme ergehen". (S.96f.)

Lebensstil-Optimierung als Imperativ des Risikomanagements

"Die Moral einer Lebensstil-Optimierung, an die sich eine Logik anschließt, nach der ein Schuldiger für alles gefunden werden muss, was die »Lebensqualität« des Einzelnen zu gefährden droht, setzt den unerbittlichen Imperativ des Risikomanagements frei. (...). Diese Mechanismen, durch die der Einzelne wiederum für das Management der ihn bedrohenden Risiken verantwortlich gemacht wird, eröffnen ein Feld, dessen Kennzeichen Unsicherheit, Unübersichtlichkeit und Angst sind und das infolgedessen förmlich dazu einlädt, beständige neue Probleme zu konstruieren und neue Lösungen marktfähig zu präsentieren." (S.98f.)

 
     
 
       
   
  • Beitrag von single-generation.de zum Thema

Von der Spaßgesellschaft zur Angstgesellschaft?
 
       
   

Powers of Fredom (1999).
Reframing Political Thought
Cambridge University Press

 
   
     
 

Klappentext

"Powers of Freedom offers a compelling new approach to the analysis of political power which extends Foucault’s hypotheses on governmentality in new and challenging ways. Nikolas Rose sets out the key characteristics of this approach to political power and analyses the government of conduct in new fields and in new ways. He analyses the role of expertise, the politics of numbers, technologies of economic management and the political uses of space. He illuminates the relation of this approach to contemporary theories of ‘risk society’ and ‘the sociology of governance’. Uniquely, he argues that freedom is not the opposite of government but one of its key inventions and most significant resources. He also seeks some rapprochement between analyses of government and the concerns of critical sociology, cultural studies and Marxism, to establish a basis for the critique of power and its exercise. The book will be of interest to students and scholars in political theory, sociology, social policy and cultural studies."

 

 

 

 

 
       
   

Governing the Soul (1999).
The Shaping of the private Self, 2.A.
Free Associations Books (Original: 1989, Routledge)

 
   
     
 

Klappentext

"Governing the Soul is now widely recognised as one of the founding texts in a new approach to analysing the links between political power, expertise and the self. This 'governmentality' perspective has had important implications for a range of academic discipline including criminology, political theory, sociology and psychology. This second edition adds materials setting out the methodological and conceptual bases of this approach and considers the implications of recent developments."

 
     
 
       
   

weiterführende Links

 
       
     
       
   
 
   

Bitte beachten Sie:
single-generation.de ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten

 
   
 
     
   
 
   
© 2002-2016
Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 19. Juni 2003
Update: 14. November 2016