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Barbara Sichtermann: FrauenArbeit

 
       
   

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FrauenArbeit (1987).
Über wechselnde Tätigkeiten und die Ökonomie der Emanzipation
Berlin: Verlag Klaus Wagenbach

 
   
     
 

Klappentext

"Die Auseinandersetzung um die Emanzipation der Frauen hat den häuslichen Herd verlassen und ist zu Markte gegangen, genauer: zum Arbeitsmarkt.
Dort stellen sich heute die entscheidenden Fragen: Wie verändert sich die Arbeit, wenn Frauen sie ergreifen? Was bietet ihnen der Arbeitsmarkt? Was darf die Emanzipation kosten? Wie hoch sind Gewinn und Verlust - nicht nur für Frauen?
In ihren Beiträgen zur Ökonomie der Emanzipation beschreibt Barbara Sichtermann, daß sich für lange Zeit der soziale Wandel der Gesellschaft am klarsten in Frauenpolitik und Frauenpraxis äußert. Und sie entwirft eine Perspektive: die Zukunft des weiblichen Unternehmungsgeistes.
"

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Frauenarbeit. Zur Geschichte des Konflikts Hausarbeit/Beruf

Wechselfälle. Perspektiven im Zusammenhang der Arbeitszeitverkürzung - nicht nur für Frauen

Gegen eine politische Ökonomie der Hausarbeit

Die Kunst, miteinander auszukommen. Bemerkungen über einen Verlust

Der Feminismus der CDU

Selbständige Frauen. Die ökonomische Seite der Emanzipation

Goldspinnerei. Die Geschäftsfrau als Ahnin der Emanzipation

Vom richtigen Leben mit Schulden und von der Kreditfähigkeit der Frau

Zitate:

Die Hausfrau oder die Familie als letztes Bollwerk gegen den Kapitalismus

"Tradiert wird immer noch das frühbürgerliche, heute praktisch überholte Bild von der Frau, die einfach nur »zuhause bleibt« (selbst wenn sie sich, dableibend, abschuftet): für den Mann, für Söhne und Töchter und für Gott. Was da so stark ist, daß es dieses Bild bis heute erhält, ist (...) ein überfraktionelles und unterbewußtes Schutzbedürfnis der Gesellschaftsglieder vor den Gewalten, die die Akkumulation losgetreten hatte.
Das war es also, was die Frau, die »zuhause bleibt« tat: dasein für die Familie. In dem Sprachgebrauch, mit dem ich aufgewachsen bin (...), klingt das alles noch mit: der Widerstand gegen die kapitalistische Vergesellschaftung, die Sehnsucht nach einem Fluchtpunkt, auf den sie alle zustreben könnten". (S.25)

"Die Vorstellung, daß Hausarbeit und Familienpflege sich der kapitalistischen Vergesellschaftung sprich Marktgesetzlichkeit, bis zu einem gewissen Grade entzieht, verdient bewahrt und zur Grundlage einer Strategie gemacht zu werden, innerhalb derer sich die Privatsphäre, ob nun in der sozialen Form der Familie oder nicht, als Widerstandsmoment gegen das Verwertungsfieber halten oder besser noch: stabilisieren, ausbauen, innerhalb derer sich die Fähigkeiten, die Frauen infolge ihrer langen häuslichen Geschichte einfach »mitbringen«, bestätigen, kultivieren, qualifizieren lassen. Die Idee eines Schutzwalls gegen das abstrakte Funktionieren war nicht verkehrt, sie war sogar nötig, sie sollte weitergedacht werden, aber ihre Realisierung kann heute nicht mehr reine Frauensache sein. Das Haus, wenn es denn gelingen sollte (...), müßte von beiden Geschlechtern, Männer und Frauen gemeinsam gehütet werden." (S.31f.)

Die Christdemokratische Familienpolitik und die Verschiebung der Konfliktlinien

"- Stichwort »Gleichberechtigung«: In den früheren Jahren bezog es sich auf die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen. Im Zuge der Tendenzwende wird eine andere Vergleichsebene aufgebaut: die Gleichberechtigung zwischen berufstätigen Frauen und Hausfrauen.
(...).
- Stichwort »Benachteiligung«: Früher war damit die Benachteiligung von Frauen gegenüber Männern gemeint, insbesondere in der Berufswelt. Jetzt wird auch hier eine neue Vergleichsebene aufgebaut, nämlich Frauen untereinander und gegeneinander: In den Mittelpunkt wird die Benachteiligung der »Familienfrau« gegenüber der »Berufsfrau« gestellt."
(...).
Besieht man sich die neue Familienpolitik im Kontext dieser Umdeutung, so wird klar: Die Leistungen des Staates sind jetzt keine Ersatzleistungen mehr für entgangenes Erwerbseinkommen, sondern Belohnungen fürs Kinder-Aufziehen, Salär für die »berufliche (!) Aufgabe in der Familie«. Der bevölkerungspolitische Nebensinn ist genauso deutlich wie die Absicht, den Arbeitsmarkt von ehrgeizigen jungen Frauen zu entlasten." (S.53)

Wider die Verstaatlichung und die Privatisierung der Kinderbetreuung

"Die Entstaatlichung, die von rechts versucht wird, ist ja als solche nicht falsch, und sie trifft auf einen breiten Konsens in der Bevölkerung - die Frage ist nur, wie die Entstaatlichung aussieht, ob es eine Privatisierung im Kleinfamiliensinn sein muß. Seniorenheime und Kinderkrippen können doch nicht im Ernst Elemente einer realen Utopie sein, aber Opa und Baby im Zweizimmer-Appartement und die berufslose Mutter als Betreuerin - das geht erst recht nicht. Wie also? (...).
Das ganze breite Mittelfeld zwischen staatlicher Institution und familiärem Privatbereich (...) kann und sollte von unten politisch beackert und von oben mit Geld gedüngt werden; »Staatsknete für Stillgruppen«, das wäre so etwa die Losung." (S.60f.)

Die Biologie als Verbündete gegen die Ökonomisierung des Sozialen

"Wer die Gebärfähigkeit von Frauen eine natürliche Potenz nennt, gerät sofort in den Verdacht, den § 218 zu befürworten und berufstätige Mütter moralisch zu verurteilen. Es ist seltsam, daß so vielen engagierten Verfechterinnen der Frauenemanzipation nicht auffällt wie bedrohlich die Annahme einer Totalvergesellschaftung und Vollfunktionalisierbarkeit aller menschlichen Eigenschaften und Fähigkeiten wäre. Es gilt zu begreifen, daß die Annahme »natürlicher« Potenzen und Grenzen etwas Befreiendes an sich hat (...). Die Leibbezogenheit der Hausarbeit jedenfalls bleibt die differentia specifica zu jeder anderen Arbeit." (S.71ff.)

Die Vormoderne als Ideal

"Noch erscheint es mir fruchtbarer zu fragen: Was haben wir verloren? (...) Und da stoße ich auf eine ganz bestimmte Fähigkeit, die in vorkapitalistischen Gesellschaften gelernt werden mußte und die uns heute zunehmend abhanden kommt: die Kunst, miteinander auszukommen. Genauer: in einem Kreis von  Familienmitgliedern und anderen Mitbewohnern, die sich nicht aufgrund eines freien Entschlusses und einer individuellen Wahl zusammengefunden haben, ein Alltagsleben zu führen." (S.78)

Die politische Konstruktion einer Verfallsgeschichte des ganzen Hauses Großfamilie

"Es mag empirisch belegbar sein, daß in einer Vielzahl der alten Familienverbände auch nicht mehr als zwei Generationen unter einem Dach lebten; das entsprach jedoch nicht den familialen Gesellungsvorstellungen, -geboten und -idealen jener Zeit. Es waren Notlösungen, von den Umständen erzwungen, und immerhin gab es Stände oder Klassen, die das Ideal verwirklichen konnten: der Adel in Stadt und Land und das frühe Großbürgertum. Daß in diesen hochmögenden Familien die Söhne häufig den Heimgang des Patriarchen ersehnten, um selbst die Zügel in die Hand zu bekommen, ist kein Einwand gegen die in jener Zeit mächtig wirkende Tendenz, eine Familie ähnlich einem (tierischen) Schwarm oder einer Herde gegen alle zentrifugalen Kräfte zusammenzuhalten und zu stärken, wobei in den reichen Klassen auch die Dienstboten, die ja oft über Generationen hinweg bei einer Herrschaft blieben, eine wichtige Rolle gespielt haben. Jener Tendenz zum Zusammenhalten, die auch Seitenzweige, angeheiratete Verwandtschaft sowie die Loyalität nicht-verwandter Familienverbündeter wie Berater, Helfer, Lieferanten und Dienstboten umgriff, ist heutzutage der Boden entzogen worden (...).
Wenn man den Vergleich in dieser Weise organisiert, also (...) nach den Strebungen, Politiken und Praktiken fragt, (...) dann erkennt man, wie grundlegend die Wandlungen sind, die das Familienleben in den letzten zwei Jahrhunderten durchgemacht hat; daß eben doch einst wegen der Dominanz der Familie als sozialem Brennpunkt (...) sich die Bemühungen um Familieneinfluß und (auch numerischer) -stärke, in allen Schichten bemerkbar gemacht haben dürften - während heute mit der Ein-Kind-Familie, der zunehmenden Heiratsunlust und der Single-Bewegung (die weit mehr als eine Mode ist) das andere Ende der »Familienfreundlichkeits«-Skala erreicht hätten. Die Großfamilie - hier gefaßt als sozialer Verband, der zwei bis vier Generationen sowie entferntere Verwandte und Gesinde zusammenschließt - hat es gegeben, wenn auch für manche Stände oder Klassen eher als Idee und Vorbild denn als Realität, und es gibt sie heute nicht nur kaum noch, sie ist auch als Ideal und Wunschvorstellung aus den Lebensplänen und Zukunftsphantasien der jungen Generation verschwunden." (S.79f.)

Die Vereinzelung ist zwar vordergründig eine Befreiung, aber letztlich ein gesellschaftlicher Leistungsverlust

"Natürlich hat uns diese Entwicklung etwas eingebracht: Der Individuation jener Familienglieder (im weiten Sinn), die früher in dienender Position im und am Haus beschäftigt waren, der Bediensteten, von der Zofe bis zum Gärtner, der Hausfrauen, der unverheirateten weiblichen Verwandten und - je nachdem, wie vermögend die Familie war - der heranwachsenden Kinder ist breiterer Raum gegeben. Die Familie hat gleichsam ihre Hand aufgehoben und die früher von ihr Ausgebeuteten und Geschützten der verlockenden, aber auch kalten Luft der Emanzipation ausgesetzt. Das gilt nur in Grenzen, denn die überlebende Kleinfamilie absorbiert immer noch die Arbeitskraft (zu) vieler Frauen. Heranwachsende Kinder aber haben in der Regel die Möglichkeit, sich der elterlichen Kontrolle ab einem bestimmten Alter zu entziehen; die ledige Tante genießt ihre Freiheit in ihrem eigenen Appartement, anstatt sich der Familie des Bruders gleichsam beiordnen zu lassen und auch die Großeltern kümmern sich - meist - um ihren eigenen Kram. Dienstpersonal schließlich gibt es gar nicht mehr, genauer gesagt: es ist nur noch für eine winzige Oberschicht erschwinglich. Das »überzählige« Kind aus armer Familie hat heute wenigstens theoretisch akzeptable Alternativen zum »In-Stellung-Gehen« (sei es bei einer Herrschaftsfamilie oder bei Kommiß). So vorteilhaft es zunächst unterm Strich für alle Beteiligten aussieht, soviel zuträglicher es der Würde des Individuums zu sein scheint, daß die Familie ihre Diktatur über ihre Glieder und Diener gelockert hat - so nötig ist es auf der anderen Seite, den Preis der Freiheit abzuschätzen und bekanntzumachen. Denn die neuen Familienformen bzw. das, was sich aus den Resten hergestellt hat, leisten offenbar nicht genug." (S.80f.)    

Die Arbeiterbewegung ist für die Abschaffung der Dienstbotengesellschaft verantwortlich 

"Die bürgerliche Hausfrau als Herrin der Dienstboten wurde indirekt durch die Arbeiterbewegung abgeschafft. Nachdem der Durchschnittslohn eine gewisse Höhe erreicht und gehalten hatte, war schließlich auch für das Großbürgertum Personal in nennenswertem Umfang kaum noch finanzierbar. Parallel zum Verschwinden von Diener und Stubenmädchen aus der Liste der proletarischen Berufe schrumpften Häuser und Wohnungen auch in der besseren Mittelschicht auf das heutige Einfamilienmaß - die die Frau mußte ja nun allein klarkommen. In das, was die Kleinbürgersfrau schon lange geübt hatte, schickte sich nun auch die bessere Dame: höchstselbst die Kinder in die Schule fahren, einkaufen, sogar kochen und sich über die träge Putzhilfe ärgern. Hausfrau-Sein verlor (endgültig in der jüngsten Nachkriegszeit) die letzen oder doch vorletzten Spuren von Muße und Kunst." (S.25f.)

Der Trend zum Single-Haushalt als Entweiblichung und als Ende der Leitbildfunktion der Hausfrauenehe

"Während die Erwerbstätigkeit von Frauen, auch von Müttern, in der jüngeren Vergangenheit weiter zunahm, bis - in der Bundesrepublik seit sechs Jahren - das knappe Arbeitsangebot hier eine Grenze zog, zeigen andererseits die Reproduktionspflichten und -leistungen eine Tendenz zur Entweiblichung: die Zahl der Ein-Personen-Haushalte, in denen eben zunehmend auch Männer spielend sich selbst versorgen, steigt, die Hausfrauenehe verliert ihre Leitbildfunktion, »sorgen« und »pflegen« werden als Neigungen und Fähigkeiten von Männern entdeckt und von Frauen suspendiert. Diese Trends gelten natürlich nicht für Mehrheiten, aber für solche Minderheiten, deren soziale Experimentierlust bislang stets zur Nachahmung angeregt hat." (S.29)

 
     
 
       
   

Beitrag von single-generation.de zum Thema 

Der Kampf der Lebensstile und die Normalfamilie der Neuen Mitte
 
   

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Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 10. August 2006
Update: 06. Februar 2015