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Jürgen Theobaldy: Ausbruchsversuche

 
       
   
  • Kurzbiographie

 
       
   

Jürgen Theobaldy in der Debatte

 
     
       
   

Sonntags Kino (1978)
Berlin: Rotbuch (vergriffen)
(1992 Neuausgabe Palmenpresse)

 
   
 
 

Zitat:

Kino und Alltag

"Betäubt und wütend stand Dotz auf, das Licht wurde langsam heller, bis es aufflammte, die anderen reckten sich und kamen träge hoch, Jochen gähnte; während Dotz auf dem Gang nach den Ärmellöchern in seinem Mantel lange, rempelte ihn jemand an, und Dotz stieß ihn sofort weg, paß auf, du Sau, sage er, und gleich umringten zwei Gruppen einander, wie sich Eisenspäne anordnen, in die ein Magnet gehalten wird, ein lautloses Aufeinanderzurücken, wie oft trainiert, drohend und ernst sah Dotz dem anderen in die Augen, in seinem Gesicht sollte keine Linie zuviel sein. Doch das Gedränge, das allmählich im Seitengang entstand, schwemmte etwas vom Bedrohlichen dieser Situation hinweg, Dotz konnte sie nicht ausspielen, Bemerkungen von anderen glitten dazwischen, geht hier der Film weiter? Jemand lachte, also lenkten sie ein, war ja weiter nichts passiert, geschlagen hatte keiner, nur ein bißchen gerempelt, ein bißchen gedrückt, was machst du auch nur, sagte Risiko zu Dotz draußen vor der Tür, im Freien, in das sie hinausgetreten waren wie durch eine kalte Wand hindurch.
Inzwischen war es vollkommen dunkel geworden, doch die Lichter wirkten noch frisch wie Pfefferminz, die Neonreklamen, die Röhren in den Schaufenstern, den Schaukästen der Kinos schienen kühl auf die Straße hinaus. Feierabend, jetzt hätte Riko bereits Feierabend, wäre heute nicht ohnehin Sonntag, damit war der freie Tag vorbei, jetzt gab es nur mehr einen Abend vor dem nächsten Arbeitstag, fünf Tage im Büro hatte Riko wieder vor sich, ein zäher Schlamm von Stunden, in den er sich hineinsetzen mußte und warten und nicht schreien, so laut wie möglich, wo schon die bloße Länge der Stunde ihn folterte. Das Bier, das sie nachher noch in der Stechuhr trinken wollten, bedeutete nicht viel mehr als einen Aufschub, eine Pause vor den Toren eines modern und luxuriös ausgestatteten Gefängnisses mit Fahrstuhl, eingewachsten Fußböden, Schreibunterlagen auf den Tischen und jeder Menge Aktenordner".

Stimmen zum Roman

"Was diesen Roman (...) von vielen anderen in letzter Zeit erschienen Büchern über die 50er Jahre unterscheidet, ist seine besessene und dabei doch distanzierte Präzision, durch die sich der Zusammenhang zwischen Nachkriegsjugend und Studentenrevolte einfach ergibt, ohne daß Theobaldy auch nur ein einziges Mal mit dem Zeigefinder absichtsvoll in Richtung Apo deuten muß.
Die jungendlichen Protagonisten erscheinen (...) als in sich selber eingesperrte Tagträumer, die vor ungeduldiger Langeweile platzen und sich aus Notwehr Phantasien hingeben (...).
Das stellen sie sich immer noch besser vor, als in den Familien-Sonntagen unterzugehen (...).

          
(...).
»Sonntags Kino« (ist) ein literarischer Akt der Befreiung, der Befreiung vom Eis der kalten 50er Jahre."
(Christian Schultz-Gerstein im Spiegel vom 18.12.1978)

"Heute ist »68« in seinen Zeugnissen stumm.
Es wurde viel photographiert damals; aber die Bilder übermitteln wenig, vor allem eine geradezu vorzeitliche Starre, einen großen Ernst. Sie sehen eher nach Drei-Personen-Haushalt als nach Revolution aus. Das sind noch die Kinder von Schelsky und Coca Cola, fast ängstlich wirken sie, buchstabengläubig und guten Willens und nicht gut eingerichtet in einer Zwischenzeit, deren Ende sich noch nicht abzuzeichnen scheint. Noch stecken sie in den alten Kleidern. Zu Beginn eines Romans, der ein paar Jahre früher spielt, heißt es: »In diesen Tagen hatten sie nichts Bestimmtes vor, keiner von ihnen (...) Ein Pulk unter der Straßenlampe, der sich allmählich verlief, in spätere Jahre, ohne Begründung«"
(aus: Thomas Schmid "Die Wirklichkeit eines Traums", 1988, S.10)

"«Sonntags Kino», erschien 1978 und war der eigenen Herkunft gewidmet. Theobaldy ist in Mannheim aufgewachsen. Er machte die mittlere Reife und anschliessend eine dreijährige kaufmännische Ausbildung bei der Mannheimer Niederlassung des Rothrister Strebelwerks (Heizung und Warmwasser): «Dieses Eingesperrtsein zwischen acht und fünf nachmittags», erinnert er sich, «empfand ich als Gefängnis. Ich wollte weg, ich wollte eine andere Perspektive, als die nächsten Jahre fürs Häusle zu sparen.»
(...).
Mitte der siebziger Jahre schreibt Theobaldy eine kurze Erzählung über die Jugendszene in Mannheim und merkt: Da ist mehr drin. Er steht vor der Alternative, sich hinter die Magisterarbeit über Walt Whitman und seine Rezeption in Deutschland zu setzen oder hinter eine eigene literarische Arbeit: «Ich sagte mir: Wenn mir die gelingt, lasse ich das Studium sausen.» Im Winter 1977/78 baut er in Berlin die alte Erzählung über die Mannheimer Jugendszene aus: Er schildert fünf Tage im Leben von sechs Jugendlichen Ende der fünfziger Jahre, die «immerzu dasselbe reden und auf den grossen Knüller warten» – Bier saufen, Fussball spielen, mit Frauen herumknutschen, aktuellen Jazz hören, sonntags ins Kino gehen und sich danach sehnen, etwas zu können, «womit sich alles sagen liess, was sich wie ein Stück Blei in den Körper senkte». Der abschliessende Ausbruchsversuch des einen Jugendlichen in die Existenzialistenkeller von Paris scheitert noch im Bahnhof Mannheim."
(Fredi Lerch in der WochenZeitung vom 29.05.2003)

 
 
 
       
   
  • Rezensionen

  • SCHULTZ-GERSTEIN, Christian (1978): Vegetative Unruhe,
    in: Spiegel Nr.51 v. 18.12.
 
       
   

Spanische Wände (1981)
Reinbek: Rowohlt (vergriffen)

 
   
 
 

Klappentext

"Jürgen Theobaldy beschreibt in seinem zweiten Roman den widersprüchlichen Zerfall einer Liebe und den erneuten Aufbruch aus psychischer und politischer Erstarrung. Inmitten eines betonierten Touristendorfes an der Costa Brava stößt das Paar an die Mauern, die es in seiner zehnjährigen Ehezeit zwischen sich aufgeschichtet hat. Martin als wissenschaftliche Hilfskraft auf dem Abstellgleis einer Hochschullaufbahn gelandet. Er hat seine Gefühle und Meinungen in die Balance gebracht, aber in seinem Leiden an der Verstümmelung seiner Phantasien fühlt er sich unbestätigt von seiner Frau. Renates Mut und Lebenswünsche sind in den Dienstanweisungen ihres Lehrerberufs erstickt, die Wunschbilder nach Gemeinsamkeit mit ihrem Mann aber, die sie dagegensetzt, wirken für diesen nur bedrohlich. Nach dem revoltierenden Aufbruch ihrer Anfänge finden sie sich wieder, verstrickt in einem Netz von Rollenverteilungen und Schuldzuweisungen, alle Fraglosigkeiten ihrer Liebe sind aufgezehrt. Ein Anschlag in dem Touristenort bleibt nicht nur symbolisches Fanal, sondern bringt die versteinerten Verhältnisse zwischen Renate und Martin in Bewegung.
»Spanische Wände« ist das poetische Porträt einer Generation, die deine Vergangenheit bekommen hat."

Stimmen zum Roman

"1981 erschien bei Rowohlt sein zweiter Roman, «Die spanischen Wände»: Renate und Martin – sie ist Lehrerin, er Tutor an der Universität Heidelberg – versuchen in ihren Ferien in Estartit an der Costa Brava ihre Ehe zu retten und scheitern: Sie reist ab und gerät in Heidelberg in die gewaltsame Räumung des «Collegiums», eines linken Studentenwohnheims, er bleibt in Spanien zurück mit den Erfahrungen der zerbrochenen Ehe und des gescheiterten Kulturrevolutionärs im Kopf.
Die Kritik reagiert auf den Roman zwar alles in allem wohlwollend. Für Lothar Baier ist er gar «eines der wichtigsten Bücher vom Beginn der achtziger Jahre» («Die Zeit», 13. 11. 1981). Aber Theobaldys Selbstkritik ist stärker. «Zwar stimmte die Anlage der Handlung», sagt er, «aber das Buch war unfertig, weil es sprachlich noch zu wenig dicht war.» Er setzt sich hinter den gedruckten Text, «weils mir keine Ruhe gelassen hat, weil ich das Buch nicht in diesem Zustand zurücklassen wollte». In mehreren Arbeitsgängen streicht und verdichtet er auf der Suche nach «der eigenen Sprache». Schliesslich habe er jede Seite «so oft umgeschrieben und überarbeitet», wie es sonst nur bei Gedichten geschehe. Der Umfang des Textes schrumpft von 300 auf schliesslich noch 180 Seiten und erscheint 1984 als Rororo-Taschenbuch mit dem Zusatz «Neue Fassung». Die Erfahrung mit diesem Roman, sagt er heute, sei für ihn als Schriftsteller «eine grosse Verunsicherung» gewesen."
(Fredi Lerch in der WochenZeitung vom 29.05.2003)

 
 
 
       
   
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Update: 15. August 2005
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