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Lothar Baier: Double Income, no Kids als Konsumentenideal

 
       
     
       
     
       
   

Nachrufe zum Tod von Lothar Baier

 
     
   
 
 

Aus den Nachrufen

"Mit dem Ende der achtziger Jahre wuchsen Baiers Enttäuschungen. Rückblickend auf 1968 sah er in der Revolte nicht viel mehr als eine «Entfesselung individualistischer Triebregungen», ein Nebenprodukt eines Konsumismus, der sich ohnehin durchgesetzt hätte, nur dies eben dank der «rebellischen Aura» noch etwas rascher tat."
(Joachim Güntner in der Neuen Zürcher Zeitung vom 15.07.2004)

"Dem Konformismus des 68er Juste Milieu, das sich für Karriere und politisch-intellektuelle Begradigung seiner Geschichte mehr interessiert als für das Erbe von Kritik und Aufklärung, konnte er schon vor 1989 nichts abgewinnen. Danach attackierte er die rundgeschliffenen unter seinen Gefährten mit Vehemenz."
(Rudolf Walther in der Frankfurter Rundschau vom 15.07.2004)

"Die große Zeit des 1942 in Karlsruhe geborenen Essayisten waren die siebziger und achtziger Jahre. Er spielte eine zentrale Rolle bei der Entdogmatisierung der bundesrepublikanischen Linken. Er tat es nicht als einer der Renegaten. Er war nie orthodoxer Linker gewesen. Er überzeugte nicht durch Argumente, sondern durch sein Beispiel. Er widerlegte nicht, sondern er spornte an, es ihm nach zu tun."
(Arno Widmann in der Berliner Zeitung vom 15.07.2004)

"Als Nachgeborenen der so genannten 68er riss mich Baier mit seiner Melange aus Leidenschaft und Ernüchterung in seinen Bann, mit der er die ergraute neue Linke im Büßerhemd betrachtete, während er sich ihren umfunktionierten Avantgarden auf ihrem Marsch durch die Institutionen zunehmend entfremdete. (...). Was mittlerweile eine indiskutable Minderheitenposition ist, die den Urheber ins politische wie ins gesellschaftliche Abseits befördert, ließ sich in den achtziger Jahren in einer halbwegs funktionierenden Öffentlichkeit noch artikulieren, (...).
In diesen Jahren gab Klaus Wagenbach das Terrain für eine Reorientierung der Linken frei, doch kulminierte das vorgeblich neue Denken schließlich in der Annäherung ehemaliger Autonomer wie Thomas Schmid an die Fleischtöpfe der Renegaten-Presse oder in der bruchlosen Angleichung einstiger totalitärer Mundstücke aus dem Bockenheimer Abschnitt der Weltrevolution an den bürokratischen Apparat rosa-olivgrüner Prägung. (...). In Projekten wie »Die Linke neu denken!« oder »Die Früchte der Revolte«, an denen Baier mitwirkte, schien er fehl am Platz, denn mit der »libertär« gestylten Einbettung von der Geschichte ausgemusterter Intellektueller ins Lager der Klientelpolitiker und Unterhaltungsbarden (der postmodernen Form der Prostitution) hatte er nichts gemein."
(Jörg Auberg in Literaturkritik.de, August 2004)

 
 
 
       
   

Lothar Baier in seiner eigenen Schreibe

 
     
       
   

Lothar Baier in der Debatte

 
   
  • Neu:
    BRAUN, Michael (2004): Zerwürfnisse.
    Zeitschriftenrundschau. Die österreichische Zeitschrift "Wespennest" wird 35 Jahre alt,
    in: Freitag Nr.37 v. 03.09.
    • Inhalt:
      BRAUN geht auf den kürzlich verstorbenen 68er Lothar BAIER ein, der im Jubiläumsheft der Zeitschrift "Wespennest" mit einem Text vertreten ist:

            
        "Der zweite bewegende Text im neuen Heft ist ein Aufsatz von Lothar Baier, eine kleine diskrete Autobiographie. Baier bilanziert hier sein Dasein als nomadisierender Städtebewohner, den es endgültig nach Montréal und in die kanadische Provinz Quebec verschlagen hat. In seinem letzten Lebensjahr wohnte Baier im Montréaler Stadtteil Saint-Henri, einer Hochburg der Elendsprostitution. Hier, unter den Ärmsten der Armen, hat er noch einmal jene »Wärme« gefunden, die ihm im »lieblosen« Frankfurt versagt blieb. Am Ende seines Textes berichtet Baier von seinem Versuch, das lärmende »Stadtgetriebe« hinter sich zu lassen. Dies gelingt ihm im einsamen »Zwiegespräch mit einer Katze«, die der Autor in »Montréaler Französisch« anspricht. Woraufhin die Katze zu schnurren beginnt. Mit diesem zarten Schlussbild hat sich Lothar Baier aus der Welt verabschiedet."
 
       
   

Die Früchte der Revolte (1988).
Über die Veränderung der politischen Kultur durch die Studentenbewegung
Berlin: Verlag Klaus Wagenbach

 
   
 
 

Klappentext

"Dieser Band, von 68ern geschrieben, die wesentlich an der Studentenrevolte beteiligt waren, wirft mit der Erfahrung von heute einen prüfenden Blick zurück. Er geht der ungeheuren Emphase der Revolte nach, die sich als Idee und Praxis verstand, dem Traum von einer anderen Wirklichkeit und der Wirklichkeit dieses Traums."

Zitat:

DINKs als neues Konsumtenideal

"Zwanzig Jahre nach 1968 wird die Frage diskutiert, ob die Revolte überhaupt mehr hinterlassen hat als die allmähliche Entfesselung individualistischer Triebregungen. Und wenn die Hinterlassenschaft hauptsächlich im Individualismus besteht, läßt sich fragen, ob sich die Geschichte der letzten vierzig Jahre den Umweg über 1968 nicht auch hätte sparen können. Denn es liegt auf der Hand, daß der Adenauersche Versuch, permanentes Wachstum mit der Restauration einer ständisch gegliederten, an traditionellen Werten orientierten Gesellschaft zu vereinen, so oder so zum Scheitern verurteilt war. Entfesseltes Wachstum verlangte auch nach dem entfesselten Konsumenten, der sich weder Kleiderordnungen noch Familienpflichten vorschreiben läßt. Ohne die Revolte und ihre rebellische Aura hätte sich die Modellierung des neuen, lustgetriebenen, anspruchsvollen, gegen jede kulturelle Bevormundung allergischen Konsumenten wahrscheinlich etwas langsamer durchgesetzt, aber durchgesetzt hätte sie sich in jedem Fall. Denn eine wachstumsfördernde Inlandsnachfrage kann sich nicht auf die Bedürfnisse kinderreicher Familien stützen, deren Haushaltsvorstände in den Regalen der Supermärkte nach Kartoffelbreisonderangeboten kramen. Sie braucht den Konsumenten, der dürre Bedürfnisse durch pralle Wünsche ersetzt hat und den Kaufakt selbst als befreienden Akt erlebt, durch den sich ihm die Welt als Spiegel seiner Sehnsüchte erschließt. Wenn die Revolte von '68 auch dazu beigetragen haben mag, in Gestalt des double-income-no-kids-Paares den idealen neuen Konsumverein zu formen, so lag seine Herausbildung jedenfalls im Zug der ökonomischen Entwicklung, und eine intensive Werbekampagne hätte möglicherweise das 68er Werk getan."
(aus: Lothar Baier "Lob der Extreme - ein Rückblick aus dem Reich der Mitte", S.78f.)

 
 
 
       
   
  • Die Beiträge des Buchs

  • SCHMID, Thomas - Die Wirklichkeit eines Traums. Versuch über die Grenzen des autopoietischen Vermögens meiner Generation
  • SICHTERMANN, Barbara - 1968 - ein Symbol
  • REICHE, Reimut - Sexuelle Revolution - Erinnerung an einen Mythos
  • BAIER, Lothar - Lob der Extreme - ein Rückblick aus dem Reich der Mitte
  • GOTTSCHALCH, Wilfried - Als Hochschullehrer zwischen APO und Studentenbewegung
  • SCHMIERER, Joscha - Der Zauber des großen Augenblicks. 1968 und der internationale Traum
  • SOFRI, Adriano - Das große Sackhüpfen
 
   
  • Das neue Konsumentenideal in der Debatte

  • BROST, Marc (2002): Konjunktur ohne Kinder.
    Wie die Babyboomer für Wachstum sorgen,
    in: Die ZEIT Nr.12 v. 14.03.
    • Kommentar:
      "Sie sind jung? Sind verheiratet und haben keine Kinder? Schämen Sie sich!
      Längst ist es zum Schimpfwort geworden, ein Dink zu sein: double income, no kids," so beginnt BROST seine Verteidigung der Marketingzielgruppe "DINK".

            
      Die Volkswirte der Investmentbank UBS Warburg haben dieses Phantom der Sozialpolitiker angeblich studiert. Der Autor liefert jedoch keinerlei demografische Daten, sondern schließt aus der zahlenmäßigen Stärke der 30- 49jährigen, dass sich in dieser Gruppe besonders viele DINKS tummeln müssen. Falls dies zuträfe, dann ergäbe sich folgender positive Effekt:
            
      "Viele Dinks bedeuten (...) hohe Produktivität und hohe Wachstumsraten, sagen die Investmentbanker. Und weil die Rente unweigerlich näher rückt und weil die Dinks das wissen, sparen sie verhältnismäßig viel - und hohe Sparquoten drücken die Inflation."
            
      Die DINKs sind jedoch ein Phantom, das sich einerseits aus der Differenz zwischen Haushaltsstatistik und Verheiratetenziffern und andererseits aus der Ausblendung der Lebenslaufperspektive ergibt.
            
      Per Haushaltsstatistik werden Eltern in Kinderlose umdefiniert, d.h. die älteren DINKs sind mehrheitlich Doppelverdiener, deren Kinder nicht mehr in der elterlichen Wohnung leben.
            
      Bei den jüngeren DINKs handelt es sich dagegen mehrheitlich um Paare vor der Familiengründung.
            
      Lebenslang Kinderlose sind - entgegen dem Gerede der Sozialstaatsgegner - weiterhin eine Minderheit, die garantiert keinen Wachstumsschub auslösen wird.
 
       
   

Keine Zeit! (2001).
18 Versuche über die Beschleunigung
München: Antje Kunstmann

 
   
 
 

Klappentext

"In achtzehn Kapiteln rund um die Zeit erzählt Lothar Baier von dem historischen Wandel des Zeitbegriffs und des Zeitgefühls, zeigt die philosophischen und politischen Bezüge und die physikalischen und sozialen Konzepte, auf denen unser Zeitverständnis beruht. In dieser klugen und nachdenklichen Betrachtung über die Zeit steht immer die Frage im Mittelpunkt: Wie wollen wir leben? Ein brillant geschriebener Rettungsversuch der kostbarsten Ressource des Menschen, der Zeit."

 
 
 
       
     
   

Weiterführende Links

 
     
   
 
     
   
 
   
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Update: 02. September 2004
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