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Antje Schrupp: Methusalems Mütter

 
       
   
  • Kurzbiographie

 
       
   

Antje Schrupp in ihrer eigenen Schreibe

 
   

SCHRUPP, Antje (2006): Die neue F-Klasse hat Startprobleme.
Barbara Bierach erkundet, warum in deutschen Unternehmen fast nur Männer Top-Positionen einnehmen. Thea Dorn stellt erfolgreiche weibliche Rollenbilder vor,
in: Frankfurter Rundschau v. 01.11.
 

Die Babyboomerin Antje SCHRUPP schreibt anlässlich der aktuellen Veröffentlichung der Geburtenzahlen für das Jahr 2011 und einer Erzählung Kann ich gleich zurückrufen? von Barbara STREIDL über den "alltäglichen Wahnsinn einer berufstätigen Mutter":

"Der »Modellmensch«, auf den die Arbeitswelt, die Sozialversicherungen und vieles andere abzielt, ist der von Fürsorgepflichten befreite, nur für sich selbst zuständige erwachsene Mann - und an diesem Modell sollen sich heute eben auch erwachsene Frauen orientieren.
Ich persönlich habe aus genau diesem Grund keine Kinder bekommen."

STRUPP wundert sich deshalb, dass heute immer noch so viele Kinder geboren werden, obgleich die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für sie meist nicht mehr als Lippenbekenntnisse sind. STRUPP hält die berufstätige Mutter für das offizielle Leitbild, was insofern stimmt als auch die Befürworter des Betreuungsgeldes dieses als Hilfe für berufstätige Mütter vermarkten, um ihm das Image der "Herdprämie" zu nehmen. Das politische Leitbild ist dagegen die so genannte Wahlfreiheit, denn schließlich ist Kristina SCHRÖDER emanzipiert.

Für Soziologinnen wie STRUPPs Generationsgenossin Cornelia KOPPETSCH hängt das individualisierte Milieu, dem die Politikwissenschaftlerin STRUPP angehört, einer Illusion der Gleichheit an. In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Emma beschreibt sie die Vorteile von traditionellen Beziehungen, die sowohl bei den Eliten als auch im Facharbeitermilieu vorkommen:

"Während (...)(emanzipierte Frauen) sich die untergeordnete Rolle als »Schwäche«, als persönliches Scheitern zurechnen, wirkt die Geschlechterordnung im traditionellen Milieu wie eine lebensweltliche Barriere gegen die Verunsicherungen, die hier mit dem weiblichen Schicksal verbunden sind. Auch wenn es zynisch klingt: Die Frau in der traditionellen Beziehung ist geschätzter und weniger einsam. Denn die Unterlegenheit der Frauen ist hier ein kollektiver Status, den sie mit anderen Frauen teilen, der aber keine persönliche Diskriminierung ist."

Aus dieser Sicht der "einsamen" bzw. von Schuldgefühlen geplagten, emanzipierten Mutter erscheint die Überwindung der Isolation von Müttern das dringendste politische Problem.

JUNGLE WORLD-Thema: Wettlauf für Deutschland.
Mutterschaft und Demographie

SCHRUPP, Antje (2015): Hurra wir sterben aus.
Immer mehr Menschen geht es immer besser. Sie bleiben länger gesund und leben länger. Doch anstatt sich darüber zu freuen, lamentieren Politiker und Publizisten über das Aussterben der Deutschen. Schuld an der Misere seien verantwortungslose und spaßgeile Frauen, die dem Land kein Kind schenken wollen,
in: Jungle World Nr.25 v. 18.06.

"Den Anfang der Debatte machte 2003 eine Prognose des Statistischen Bundesamtes, die für das Jahr 2050 vorhersagte, dass die Anzahl der alten Menschen deutlich größer und die der jungen deutliche niedriger sein werde als bisher angenommen und dass die bestehenden Sozialsysteme für diesen Wandel nicht ausgerichtet seien. Es folgte auf dem Fuße der Journalist Frank Schirrmacher mit seinem Bestseller »Das Methusalem-Komplott«, der die Richtung des nun folgenden Diskurses vorgab: Der demographische Wandel, so lernten wir, ist eine Katastrophe, es wird alles ganz, ganz schlimm kommen.
Und wer ist schuld? Der medizinische Fortschritt, der dafür sorgt, dass die Lebenserwartung der Menschen seit Jahrzehnten stetig ansteigt? Nein, schuld sind die Frauen, die nicht ausreichend viele Kinder kriegen, um den Überschuss an Alten am unteren Ende der Skala wieder auszugleichen. »Deutschland hat zu wenige Kinder« ist seither das Mantra, das in den entsprechenden Debatten immer wiederkehrt",

behauptet historisch kurzsichtig Antje SCHRUPP. Deutschland stirbt bereits seit über hundert Jahren ständig aus. Das Rentensystem der Nachkriegszeit wird bereits seit Ende der 1970er Jahre ständig als vom demografischen Wandel bedroht beschrieben. Seit 40 Jahren warten wir bereits vergeblich auf den endgültigen Zusammenbruch der Sozialsysteme aufgrund des demografischen Wandels.

2003 markierte nicht den Anfang der Debatte, sondern höchstens einen für die verschnarchte Ex-Linke. Frank SCHIRRMACHER war kein Pionier der Debatte, sondern ein zeitgeistiger Mitläufer, der lediglich absahnte. Seine Bücher fassten das für verschlafene ex-linke Neubürgerliche zusammen, was die bevölkerungspolitische Strategie der Vergangenheit war, während längst die nächste Stufe der Demographiepolitik eingeläutet war.

Antje SCHRUPP möchte den Blick auf die steigende Lebenserwartung lenken. Das Institut für Bevölkerungsforschung hat jedoch gerade wieder deutlich gemacht, dass der Geburtenrückgang das Problem zu sein hat. In seinem Aufsatz Folgen der dauerhaft niedrigen Fertilität in Deutschland von Martin BUJARD sagt dies bereits die Überschrift. Das Strickmuster der Analyse ist simpel:

"Zur Analyse der Folgen dieses Geburtenrückgangs bedarf es einer analytischen Trennung zwischen Alterung und Schrumpfung (u.a. Swiaczny 2014). Beide Phänomene implizieren höchst unterschiedliche Folgen. Die Bewertung der Gesamtfolgen des Geburtenrückgangs in Deutschland variiert in der Literatur dahingehend, ob die Alterung die »schlimmere« Entwicklung sei (Sinn 2013) oder der Bevölkerungsrückgang (Birg 2003; Kaufmann 2005). Bei Bevölkerungsprojektionen unterscheidet sich der Einfluss der drei zentralen Parameter – Lebenserwartung, Migrationssaldo und Geburtenrate – im Hinblick auf Alterung und Schrumpfung fundamental."

Man erkennt auf den ersten Blick, dass innerhalb von einem Jahrzehnt der Fokus der Aufmerksamkeit von der Schrumpfung auf die Alterung als Hauptproblem verschoben wurde. Der Hintergrund ist einleuchtend, denn im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends rechnete man noch mit einer unabänderlichen schnellen Schrumpfung. Nachdem dies in den letzten Jahren unhaltbar wurde, musste zwangsläufig die Alterung das Hauptproblem werden. Noch im Jahr 2007 wurde ein Buch mit dem Titel Das große Schrumpfen auf den Markt geworfen, in dem erläutert wurde, dass Deutschland jedes Jahr unausweichlich um 200.000 Menschen schrumpft, während es seit mehreren Jahren um mehr als 200.000 Menschen wächst. Deutschlands Zukünfte können sich also sehr schnell ändern, egal was uns die Geschichtenerzähler vom demografischen Wandel gerade erzählen...

 
       
   

Methusalems Mütter (2007).
Chancen des demografischen Wandels
Ulrirke Helmer Verlag

 
   
     
 

Klappentext

"Niedrige Geburtenraten, leere Renten- und Pflegekassen – die Lage retten sollen jetzt die Frauen, indem sie mehr Kinder bekommen und noch mehr Alte pflegen? Sorry, aber der Ruf nach Methusalems Müttern wird ungehört verhallen. Entgegen den Behauptungen ist die Geburtenziffer, also die Anzahl der Kinder pro Frau, in Deutschland gar nicht zurückgegangen. Gesunken ist allein die Geburtenrate, was sich dadurch erklärt, dass Menschen heute älter werden. Wollen wir die nachhaltige Gesundheit der Bevölkerung aber wirklich als Defizit begreifen? Ist sie nicht gar eigentlich der Gewinn einer modernen Gesellschaft? Und welche Rolle spielt bei dieser Entwicklung die Emanzipation – auch in Zukunft? Antje Schrupp zeigt Möglichkeiten auf, im Potential des Alters künftig ein Plus, kein Minus zu sehen. Sie malt aus, welche gesellschaftliche Rolle älteren Menschen – und speziell den Frauen – zukommen könnte."

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Demografie: Zur Konjunktur eines alten Themas

Schluss mit der Verschleierung
Warum es keine demografische Katastrophe gibt
Werden Frauen die Welt retten?
Sorry, aber das ist eine Illusion
Von Alterspyramiden und anderen Irrtümern: Die Tücken der Statistik
Lebenserwartung, Zuwanderung, Geburtenrate: Faktoren der Bevölkerungsstruktur
 

Aktionismus in der Sackgasse: Überlegungen zur "Kinderfrage"

Hundert Jahre Verspätung: Kleine Historie der Geburtenrate
Warum es ein Wunder ist, dass so viele Kinder geboren werden
Vätermangel: Ein Problem, das nichts mit Windelnwechseln zu tun hat
Schluss mit der Normfamilie: Weil Idealmaße uns nicht weiterbringen

Nichts bleibt, wie es war: Bilder vom Alter und vom Altern

Die stille Revolution
Altersbilder im Wandel
Wie alt ist eigentlich alt?
Von kalendarischen, biologischen und anderen Uhren
Es geht nicht um Alte, sondern um alle: Wie Lebensläufe sich verändern
Diskriminiert und umworben: Ärger und Freude mit den Alten
Ab siebzig geht's bergab?
Was uns im Alter droht - und was nicht
 

Keine Sache der Demografie: Der Sozialstaat und seine Probleme

Geht die Rente aus?
Rechenmodelle zwischen Panik und Gelassenheit
Erneuerung der gemeinsamen Welt: Bildungspolitik geht uns alle an
Kommt der Pflegenotstand?
Warum das keine Frage des Geldes ist
Ausblick: Verantwortung übernehmen

Zitate:

Zielsetzung des Buches

"Vielleicht lässt sich ja die derzeitige Aufgeregtheit um die niedrigen Geburtenzahlen nutzen, um dem Wollen und Wünschen von Frauen mehr politisches Gehör zu verschaffen. Wenn es stimmt, dass feministisches Engagement schon immer nicht in erster Linie auf Gleichstellung mit den Männer abgezielt hat, sondern auf eine umfassendere Neuordnung gesellschaftlicher und kultureller Gegebenheiten, dann ist jetzt die Gelegenheit, diese wieder aufs Tapet zu bringen." (2007, S.57f.)

Zeugungs- statt Gebärstreik

"Nicht zufällig verweigern (...) derzeit nicht etwa die Frauen, sondern die Männer das Kinderkriegen - viel mehr Männer als Frauen sind kinderlos, und wenn man die Kinderwünsche anschaut, dann fällt der Unterschied noch viel größer aus. Aus dem befürchteten Gebärstreik der Frauen ist längst ein »Zeugungsstreik« der Männer geworden." (2007, S.29)

"Männer wollen heute viel weniger Kinder haben als noch vor wenigen Jahren. Der chronische Vätermangel ist, obwohl erst seit kurzem in der Diskussion, vermutlich eine der wichtigsten Ursachen für die niedrigen Geburtenzahlen. Fast die Hälfte der kinderlosen Frauen, nämlich 44 Prozent, geben als Grund an, dass sie keinen geeigneten Partner finden. Seit den Männern das Modell der fürsorglichen, aufopfernden Ehefrau abhanden gekommen ist, haben sie offenbar die Lust am Gründen einer Familie in erschreckendem Ausmaß verloren." (2007, S.89)

"Nach aktuellen Studien wollen 26 Prozent der Männer keine Kinder haben - gegenüber 11 Prozent der Frauen -, wobei sich die »Kinderunlust« der Männer seit 1992 mehr als verdoppelt hat, während sie bei den Frauen nur wenig gestiegen ist. Der männliche »Zeugungsstreik« ist also ein relativ junges Problem das deshalb möglicherweise sogar noch zunehmen könnte" (2007, S.90)

Die Frauenbewegung aus differenzfeministischer Sicht: Emanzipation als männliche Idee

"Die so genannte »Kinderfrage« - nicht die Abtreibungsfrage - war das bestimmende Thema der Frauenbewegung der 1970er Jahre" (2007, S.39)

"Der »Emanzipationismus« war ja keineswegs die Hauptströmung der Frauenbewegung. Die größten Kritikerinnen einer reinen Gleichstellungspolitik sind schon immer Feministinnen gewesen. (...) Protagonistinnen wie die Berliner Filmemacherin Helke Sander haben in den 1970er Jahren die »Kinderfrage« zum Schwerpunkt ihres Engagements gemacht. (...). In den 1980er Jahren lieferten sich so genannte »Differenz-« und »Gleichheitsfeministinnen« rhetorische Auseinandersetzungen. (2007, S.71)

"Die Emanzipation ist doch eigentlich eine Erfindung der Männer - denn das männliche Denken war es schließlich, das die Idee der Gleichheit aller Menschen hervorgebracht hat." (2007, S.72)

"Besonders bedauerlich ist (...), dass auch Frauen, die heute für einen neuen Feminismus plädieren wie zum Beispiel Katja Kullmann oder Thea Dorn, diese feministische Ideengeschichte nicht zur Kenntnis nehmen." (2007, S.74f.)

Prognosen zu Geburtenentwicklung

"Die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau liegt bei ungefähr 1,6. Für eine vollständige Reproduktion müsste sie jedoch bei gut 2 liegen. Deshalb wird die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter (15 bis 49 Jahre) von knapp 20 Millionen im Jahr 2001 auf gut 14 Millionen im Jahr 2050 sinken und entsprechend die Zahl der geborenen Kinder abnehmen - von knapp 800.000 auf unter 600.000." (2007, S.40)

"Die Frauen aus der so genannten »Babyboomer«-Generation (die Jahrgänge 1960-1969) befinden sich bereits am Ende ihres gebärfähigen Alters. (...). Die nächste Geburtendekade (Jahrgänge 1970-1979) ist zahlenmäßig schon weit schwächer. Und für die Zeit danach gilt: Die Mütter, die in 20-30 Jahren fehlen werden, sind heute schon nicht geboren worden - und das kann auch nicht mehr nachgeholt werden. Es ist deshalb unverantwortlich, wenn manche Politiker oder Journalisten den Eindruck erbreiten, man könne mit einer Einflussnahme auf die Geburtenentwicklung das demografische »Problem« in den Griff bekommen." (2007, S.55) 

Die "Alterspyramide" ist nicht das Bild einer "idealer" Gesellschaft, sondern die Säule

"Es ist (...) recht zynisch, die Alterspyramide als Ideal oder als wünschenswerter Zustand darzustellen. Denn sie bedeutet faktisch, dass immer eine gewisse Zahl von Kindern und jungen Menschen sterben muss - nur so könnte ihre absolute Zahl ja pro Jahrgang abnehmen. Das Schaubild für eine »ideale« Gesellschaft, die sich mit zwei Kindern pro Frau kontinuierlich reproduziert und in der alle Menschen möglichst alt werden, würde keine Pyramide ergeben, sondern eine Säule." (2007, S.41)

Zuwanderung ist keine Lösung

"Zuwanderung kann die strukturellen Herausforderungen nicht lösen, wie sich an den Zahlen leicht ablesen lässt. In den vergangenen Jahren lag der »Zuwanderungsüberschuss« in Deutschland, also die Zahl der Zugezogenen abzüglich der Weggezogenen, zwischen einer geringen negativen Zahl und maximal 200.000 im Jahr. Nach Berechnungen der Vereinten Nationen benötigte Deutschland aber in Zukunft jährlich 344.000 Zuwanderinnen und Zuwanderer, um den Bevölkerungsrückgang aufzufangen, und fast 500.000, um das Potenzial an Arbeitskräften konstant zu halten. Wollte man das Verhältnis zwischen Rentnern und Erwerbstätigen konstant halten, müssten sogar 3,6 Millionen Menschen jährlich zuwandern (...) und der Altersdurchschnitt könnte nur stabil bleiben, wenn bis zum Jahr 2050 unter dem Strich 188 Millionen junge Menschen mehr einwandern würden." (2007, S.50)

"Schon jetzt gibt es (...) unübersehbare Spannungen zwischen manchen Migrationskulturen und dem, was vielen als »deutsche Leitkultur« gilt. Und das, obwohl die überwiegende Mehrheit der Zugewanderten bislang aus dem europäischen Kulturraum kommt (...). In Zukunft wird aber ein größer werdender Anteil von Migrantinnen und Migranten nicht mehr aus diesen Ländern kommen, denn auch dort sind die Fertilitätsraten niedrig. Gleichzeitig werden sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen durch die Entwicklung der Europäischen Union weiter angleichen, sodass die Menschen aus anderen europäischen Ländern immer weniger Interesse haben werden, nach Deutschland zu ziehen." (2007, S.52)

Die Kluft zwischen Kinderwunsch und tatsächlich Geborener als Ansatzpunkt der Bevölkerungspolitik

"(Es werden) weniger Kinder geboren (...), als Frauen sich wünschen. Hier klafft also eine erhebliche Lücke zwischen den Lebensvorstellungen von Frauen und der gesellschaftlichen Realität. (...).
Leider gibt es in diesem Zusammenhang derzeit eine ungute Scheinfront (...) zwischen einer als patriarchal-national gezeichneten Phalanx von Demografen einerseits, die Frauen wieder in ihre Rolle an Heim und Herd zurückdrängen will, und einer emanzipatorisch-individuell verstanden Liberalitätsfront andererseits, die für die weibliche Autonomie und das Recht der Frauen auf Kinderlosigkeit streitet." (2007, S.56)

"Familienpolitik kann Menschen, die kinderlos bleiben wollen, nicht zum Kinderkriegen animieren. Das heißt aber überhaupt nicht, dass entsprechende Maßnahmen überflüssig wären. Denn die Rahmenbedingungen sind durchaus wichtig für alle, die sich zwar (mehr) Kinder wünschen, aber Zweifel hegen, ob sie diesem Wunsch auch tatsächlich nachgeben sollten. Und das sind viele.
Zahlreiche Studien haben belegt, dass Frauen in Deutschland deutlich mehr Kinder haben wollen, als sie tatsächlich bekommen. Nach einer Erhebung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden aus dem Jahr 2005 wünschen sich nur rund 11 Prozent der Frauen keine Kinder, während rund 30 Prozent von ihnen tatsächlich kinderlos bleiben" (2007, S.77)

Die Kinderlosigkeit der Akademikerinnen und der Beitrag Kinderloser und kinderreicher Familien zur Geburtenrate

"Besonders in die Diskussion geraten ist in letzter Zeit die Tatsache, dass eine große Gruppe von Frauen in Deutschland, etwa ein Drittel, gänzlich kinderlos bleibt. Speziell in der Schusslinie stehen in diesem Zusammenhang die Akademikerinnen und die so genannten »Karrierefrauen«, die angeblich noch weniger Kinder bekommen als andere Frauen. (...).
Zunächst einmal ist das ein typisches Beispiel dafür, wie mit verdrehten Zahlen operiert wird: Die überall kursierende Zahl von 40 Prozent kinderloser Akademikerinnen ist nämlich einfach falsch. (...).
(Der) Anteil der Kinderlosen unter Akademikerinnen (ist) nicht höher als in anderen Bevölkerungsgruppen (...).
Die falsche Meldung über die horrend kinderlosen Karrierefrauen konnte sich doch nur deshalb so unhinterfragt verbreiten, weil sie ein weit verbreitetes Plausibilitätsgefühl traf, weil sie das entsprechende Klischee bediente." (2007, S.79)

"Noch nie gab es so viele Akademikerinnen mit Kindern wie heute - wenn das keine gute Nachricht ist!
Die schlechte Nachricht hingegen lautet, dass wir auch heute noch nicht alle Frauen, unabhängig von ihrer Lebensform, zum Kinderhaben ermutigen und beglückwünschen. Was früher für Akademikerinnen galt, gilt heute zum Beispiel für Lesben." (2007, S.84)

"Die letzten zwanzig Jahre waren Jahrzehnte, in denen lesbische Frauen sich weitgehende gesellschaftliche Anerkennung erkämpft haben. (...) Das Recht auf Mutterschaft hingegen konnten sie noch nicht durchsetzen.
Zufällig sind aber die letzten zwei Jahrzehnte auch genau die Zeitspanne, in der die Babyboomer-Generation der in den 1960er Jahren Geborenen im gebärfähigen Alter war. Wenn aber ein Jahrgang zahlenmäßig besonders stark ist, hat die Fertilitätsrate dieses Jahrgangs eine besonders große Auswirkung auf die Entwicklung der absoluten Kinderzahlen. Fünf Prozent der weiblichen Bevölkerung (so vorsichtige Schätzungen über den Anteil lesbischer Frauen), die zur Kinderlosigkeit genötigt werden, fallen da durchaus ins Gewicht. Während ältere Lesbengenerationen meist durchaus Mütter waren (...), sind solche Doppelleben heute nicht mehr nötig. (...). Der Preis, den sie für diese Freiheit zahlen, ist die Kinderlosigkeit - hier liegt eine wichtige Ursache für die »ausgefallene Generation«, die Demografen beklagen. Die nie geborenen Töchter der heute 40- bis 50-jährigen Lesben fehlen nämlich jetzt als potenzielle Mütter." (2007, S.85f.)

"Die Zwei-Kind-Normfamilie aus Vater, Mutter, Tochter, Sohn schwebt als Idealbild über allem. Kinderlose Frauen gelten ebenso als bevölkerungspolitische Irrgängerinnen wie Frauen, die mehr als drei Kinder haben. (...).
Für das bevölkerungspolitische Ziel, die Fertilitätsrate zu erhöhen, ist das Ideal der Zwei-Kind-Familie schädlich. In den USA oder in Schweden etwa ist die Quote der lebenslang kinderlosen Frauen fast genauso hoch wie in Deutschland, und dennoch liegt die Fertilitätsrate im bestandserhaltenden Bereich: weil diejenigen Frauen, die Mütter sind, dort nicht ein oder zwei, sondern drei, vier oder fünf Kinder haben." (2007. S.97)

"44 Prozent der kinderlosen Frauen geben an, dass sie ohne Kinder zufrieden sind - woraus sich durchaus schließen lässt, dass diese Frauen auch bei großzügigster Familienförderung an ihrem Lebensstil nichts ändern würden. Maßnahmen, die effektiv sein wollen, müssen sich also sinnvollerweise auf die 56 Prozent kinderloser Frauen richten, die mit diesem Zustand nicht zufrieden sind." (2007, S.98)

Die Zuspitzung der bevölkerungspolitischen Debatte auf den Konflikt zwischen Kinderlosen und Eltern ist falsch. Wichtiger ist die Differenz zwischen Familien mit einem und zwei Kindern   

"Eine schlichte Aufteilung in Kinderlose und Eltern ist (...) vollkommen unsinnig. Quantitativ gesehen ist das Missverhältnis im generativen Beitrag (und damit das Ungerechtigkeitsverhältnis) zwischen einer Frau mit einem Kind und einer mit drei Kindern doppelt so hoch wie das zwischen einer Kinderlosen und einer Frau mit nur einem Kind. Und qualitativ kann der generative Beitrag einer Kinderlosen, die sich zum Beispiel ehrenamtlich in der Hausaufgabenhilfe für sozial schwache Kinder engagiert oder die Ausbildung ihrer Nichten und Neffen finanziell unterstützt, höher sein als der eines biologischen Vaters, der ansonsten nichts zur Erziehung seiner Kinder beiträgt. (...). Eine schlichte Aufteilung in die Kinderlosen als Nutznießer und Nutznießerinnen auf der einen und biologische Eltern auf der anderen Seite wird weder der Komplexität des Themas gerecht noch ist sie sinnvoll im Hinblick auf eine effektive Veränderung des Zustandes.
Hinter der offenbar unausrottbaren Aufteilung von Frauen in sich gegenüberstehende Spezies namens »Mütter« und »Kinderlose« steckt in Wahrheit (...) die Vorstellung, erst durch die Mutterschaft werde eine Frau komplett und vollständig. (...). Nicht die Kinderlosen haben sich in erster Linie verändert, sondern die Mütter: Sie bekommen heute nur noch zwei oder noch häufiger sogar nur ein Kind" (2007, S.99)

"Neuere soziologische Studien zeigen, das sich der Lebensstil von Menschen mit einem Kind immer mehr dem von Kinderlosen angleicht (...). Vielleicht ist es kein Zufall, dass diejenigen, die derzeit versuchen, der Demografiedebatte eine antifeministische Wende zu geben - Schirrmacher, Gaschke, Herman - selbst zu genau diesem Typus der erfolgreichen Karrieremenschen mit exakt einem Kind gehören.
Der größere Einschnitt, die wirklich einschneidende Umstellung des Lebens, kommt heutzutage nicht mehr mit dem ersten, sondern mit dem zweiten Kind. Jetzt stellt sich nämlich doch die Frage nach der größeren Wohnung. Freundinnen und Großeltern winken immer öfter ab - auf zwei Kinder aufzupassen ist unglich anstrengender. Nun beginnt as wirklich aufwändige Koordinieren von Terminen - das eine muss zur Schule und zum Fußball, das andere in den Kindergarten und zum Geigenunterricht. Und nun stellt sich auch die Frage, ob es nicht vielleicht doch notwendig ist, beruflich kürzer zu treten. (...). So gesehen ist es dann fast schon absurd, dass nach dem zweiten Kind meistens Schluss ist. Denn wenn erst einmal die gesamte Lebensplanung und Infrastruktur auf »Familie mit Kindern« umgestellt ist, müsste der Schritt zu weiteren Kindern doch eigentlich eher leicht fallen. Aber ausgerechnet die »unökonomischte« Lebensform, wenn man so will, nämlich die Zwei-Kind-Familie wurde zum Ideal erklärt." (2007. S.100f.)

"Die irreführende Einteilung von Frauen in Mütter und Nichtmütter hat vermutlich mehr zu der niedrigen Geburtenzahl beigetragen als das Phänomen der »Kinderlosen«. Sicher, es gibt heute mehr Frauen als früher, die sich bewusst für die Kinderlosigkeit entscheiden. Ihnen gegenüber stehen aber zahlreiche Frauen, die sich mit Hilfe moderner Reproduktionstechniken ihren Kinderwunsch erfüllen und die früher als »unfruchtbar« gegolten hätten. Und würden wir die Möglichkeiten für allein lebende und lesbische Frauen fördern, auch ohne Paarbeziehung mit einem Mann Kinder zu haben, dann wäre es kein Problem, die Wünsche anderer Frauen nach Kinderlosigkeit zu akzeptieren.
Die einzig sinnvolle Weise, eine höhere Kinderrate politisch zu fördern, ist es, den Kinderwunsch dort zu unterstützen, wo er zwar vorhanden, aber nicht realisiert ist: Also bei jenem Fünftel aller Frauen in Deutschland, die ungewollt kinderlos sind, sowie bei der in den Debatten bisher so gut wie überhaupt nicht berücksichtigten Anzahl von Müttern, die weniger Kinder haben, als sie eigentlich wollen. Dass diese Förderung nicht in ausreichendem Maße geschieht, liegt vor allem daran, dass die Debatten häufig um die Frage des idealen Familienmodells kreisen, anstatt alle möglichen Konstellationen zu fördern." (2007, S.103)

Das bedingungslose Grundeinkommen als Lösung angesichts der Ausweitung haushaltsnaher Dienstleistungen

"Im immer wichtiger werdenden Dienstleistungssektor (...) ist eine Produktivitätssteigerung nicht möglich: Pflege, Erziehung, Bildung - all das sind Felder, die sich nicht unbegrenzt automatisieren lassen, die zeitintensiv sind, und bei denen sich eine gute Qualität nicht über den Markt herstellen lässt. (...).
Eine langfristige Lösung dieses Dilemmas wird nur möglich sein, wenn Erwerbsarbeit und Einkommen stärker entkoppelt werden - zum Beispiel durch die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens". (2007, S.172)      

 
     
 
       
     
   

Rezensionen

 
   

Die Kinderfrage bei gleichgeschlechtlichen Paaren in der Debatte

SCHULZE, Jana (2007): Abenteuer Familie.
Anna ist Mama, Heike ist Mami,
in: Frankfurter Rundschau v. 13.09.

SCHAAF, Julia (2007): Mutter - Mutter - Kind.
Von der Ausnahme zum Trend: Eine neue Generation von Lesben kriegt selbstverständlich Kinder. Einige machen auf Kleinfamilie, andere leben Utopien. Aber wo bleibt die Biologie?
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 30.09.

 
   

Antje Schrupp im WWW

www.antjeschrupp.de

 
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 17. Dezember 2013
Update: 20. Dezember 2015