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Dirk Knipphals: Die Kunst der Bruchlandung

 
       
   

Kurzbiographie

 
       
   
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    Dirk Knipphals in seiner eigenen Schreibe

     
       

    KNIPPHALS, Dirk (2001): Warten auf den Knall.
    Glaubt man dem öffentlichen Diskurs, so sind die 1968 Geborenen ganz anders als ihre einst rebellischen Eltern: gesetzter, aber auch bindungsgestört, orientierungslos. Hat da wer versagt?
    in: TAZ v. 21.04.

    Eine Einführung in die Generationendebatte

    KNIPPHALS, Dirk (2001): Kampf der Kränkungen.
    Bei der Familiendebatte geht es immer um Geld. Scheinbar. Tatsächlich prallen Ängste aufeinander. Singles fühlen sich als biologische Versager, Familien als Verlierer,
    in: TAZ v.24.04.

    KNIPPHALS, Dirk (2002): Distanz, lebenslänglich.
    Die Mutter ist ein unter Schmerzen gebärendes und lebendes Wesen. Gerade in Deutschland hat sie die Zeiten erst noch vor sich, in denen sie nicht die Verzichtende geben muss. Notizen zum morgigen Muttertag, angereichert mit Betrachtungen zum Lebenslauf Hannelore Kohls und zu einem Film von Ingmar Bergman,
    in: TAZ v. 11.05.

    KNIPPHALS verabschiedet - wohl verfrüht - die deutsche Mutter. Aus John LENNONs Mother und Michael LENTZ' Muttersterben leitet er den heutzutage typischen Mutter-Sohn-Generationenkonflikt der 68er & ff ab:

    "Dass diese Dynamik nun nicht als Kampf, als Auseinandersetzung zwischen Kindern und Eltern lodert (der Kampf gegen die Väter: das große Achtundsechzigerthema, die Mütter spielten damals keine große Rolle), sondern sozusagen schwelend in der Bewusstwerdung und im Eingeständnis der Distanz, das ist dabei wohl das Neue, das in den aktuellen Generationenkonflikten bedacht werden muss. Michael Lentz wurde 1964 geboren, im letzten der geburtenstarken Jahrgänge, ehe der Pillenknick einsetzte. Zugleich war es einer der ersten Jahrgänge, die die zivilisatorischen Errungenschaften der Achtundsechzigerjahre selbstverständlich aufnehmen konnte, Selbstverwirklichungsdrang, Individualisierung und sexuelle Liberalisierung inklusive."

    Die Frau an seiner Seite - verkörpert durch Hannelore KOHL - ist KNIPPHALS' Gegenbild zum Hedonismus und zur Ichsuche. Was KNIPPHALS als Generationenkonflikt erscheint, das könnte jedoch auch ein Milieuunterschied sein! Ralf ROTHMANN hat mit Milch und Kohle ein anderes Mutterbild der sprachlosen Generation entworfen.

    "Wer Eltern hat, die sich tatsächlich beim Bier über ihr Glücklichsein unterhalten können, wird beim Abschiednehmen sicherlich andere Probleme haben als die von Fremdheit. Wahrscheinlich wird dabei wirkliche Trauer eine Rolle spielen",

    heißt das Credo von KNIPPHALS. Dahinter steckt die Annahme, dass Reden Bindung stiftet. Trauerarbeit setzt Beziehungsarbeit voraus. Die nächste Generation könnte auch diesen Mythos widerlegen.

    KNIPPHALS, Dirk (2002): Hinein ins immer schon Gesagte.
    in: TAZ v. 30.05.

    KNIPPHALS, Dirk (2002): Softies an der Macht.
    Die Intellektuellen in den Wochen des Wahlkampfs: Große Leidenschaftlichkeit kommt nicht auf. Zum Aufreger gerät allein Schröders Mythologisierung der Mitte. Und was, verdammt, waren noch mal die Berliner Republik und das rot-grüne Projekt?,
    in: TAZ v. 31.08.

    KNIPPHALS kritisiert den Historiker Paul NOLTE, weil dieser in der FAZ das Problem der Nachwuchs-Nichtnaturwissenschaftler zum allgemeinen Problem hochgespielt hat. Dagegen hält er es lieber mit Heinz BUDE und dessen Intellektuellen-Schelte. Es geht dabei um die Überwindung der Errungenschaften der Bonner Republik und um eine Ablösung der Flakhelfer-Generation. Verschwiegen wird von KNIPPHALS jedoch, dass BUDE darüber frustriert ist, dass seine Marke Generation Berlin z. Z. große Absatzprobleme hat. Dabei möchte BUDE so gerne Führer einer Jugendbewegung sein. Beim Aufbruch zu neuen Ufern sind aber offensichtlich die sozial Schwachen auf der Strecke geblieben, weswegen jetzt selbst BUDE nicht mehr nur eine Politik für die sozial Starken fordern kann, sondern auch "Respekt" für die sozial Schwachen übrig hat.
    Gefördert müssen jedoch in erster Linie sozial Starke werden, denn diese können abwandern. Sozial Schwache werden nur gewalttätig, weswegen Sicherheit bei der Elite der Neuen Mitte Thema Nr.1 ist (siehe hierzu das Interview von Heinz BUDE in der Frankfurter Rundschau vom 14.06.2002, auf das sich auch KNIPPHALS beruft).

    KNIPPHALS, Dirk (2002): Mehrheit für die Normfamilie.
    Die zutiefst konservative Gesellschaftspolitik der Union hinkt der Realität hinterher - doch auch die rot-grüne Regierung betreibt nur eine halbherzige Modernisierung,
    in: TAZ v. 12.09.

    KNIPPHALS entrüstet sich: "es komme jetzt bitte niemand mit Katherina Reiche! Ohne Trauschein Kinder zu bekommen mag innerhalb gewisser katholischer Milieus immer noch als Skandal oder emanzipativer Akt gehandelt werden. In Wirklichkeit aber sollte es mittlerweile doch nur noch eins sein: vollkommen normal".

    KNIPPHALS, Dirk (2002): Für meinen Geldbeutel sehe ich blau.
    Geiz ist geil! - behauptet der aktuelle Werbespot einer Multimediakette. Das Geldausgeben ist in Verruf geraten - schreiben junge Schriftstellerinnen. Statt Konsumfreudigkeit zu propagieren, entdeckt die werbetreibende Branche derzeit den Spaß an der Sparsamkeit. Es ist eben Rezession, Baby,
    in: TAZ v. 07.11.

    KNIPPHALS, Dirk (2002): Abwehrleser.
    Jonathan Franzen "Anleitung zum Einsamsein"
    in: TAZ v. 13.11.

    KNIPPHALS nutzt die Besprechung des Essaybands Anleitung zum Einsamsein, um die Negativkritik von Iris RADISCH und Mariam LAU an seinem Liebling FRANZEN ins Positive zu wenden. Zugleich stilisiert er FRANZEN zum Autor, der sich gerade vom Abwehrleser (Saulus) zum Paulus wandelt:

    "Shirley Brice Heath (...) hat (...) den Typus des »Abwehrlesers« erfunden. Das sind Leser, die als Kinder Einzelgänger waren und in Büchern eine Fantasiewelt fanden, die sie mit niemandem teilen können. Aus diesen Abwehrlesern entstehen, Frau Heath zufolge, häufig Schriftsteller des »antisozialen« Typs - auf die deutschen Verhältnisse übertragen wären das wohl diejenigen, die ständig »Gegenbücher« schreiben müssen.
    Jonathan Franzen, scheints, ist ein Abwehrleser, der sich dagegen wehrt, ein antisozialer Schriftsteller sein zu müssen.
    "

    So kreiert man Helden im Zeitalter der Normalisierung! FRANZEN als eine Art Joschka FISCHER der Literatur...

    KNIPPHALS, Dirk (2002): Streben nach Aufstand.
    Der Ruf nach einer Revolution stellt das Wesen der Republik in Frage - aber Alternativen gibt es keine,
    in: TAZ v. 21.11.

    KNIPPHALS stellt die Debatte unter das Motto "Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand" von Rolf Dieter BRINKMANN:

    "Was derzeit zu erleben ist, ist der Ansatz eines Schulterschlusses der Geiz-ist-geil-Generation, die gerade die Reize des Sparens entdecken muss und wenig Anreize hat, weiterhin für die Renten der älteren Generation aufzukommen, mit den konservativen Kadern, denen nicht nur die ganze Richtung des rot-grünen Weiterwurstelns nicht passt. Sondern auch des ja ebenso vorhandenen Weiterwurstelns in seiner CDU/CSU-Variante. Die Verweise auf die Ermattung aller politischen Parteien und auf das Scheitern der Konsensmodelle im Ganzen sind ja nicht zufällig."

    KNIPPHALS, Dirk (2002):Wir sind die Hagenströms.
    Die Buddenbrooks und die aktuellen Erzählungen vom deutschen Niedergang,
    in: TAZ v. 22.11.

    KNIPPHALS definiert Deutschland in Anlehnung an die Münchner Yuppie-Soziologie als "Gesellschaft der Sozialaufsteiger". Er sieht sich deshalb von "Hagenströms" und nicht von niedergehenden "Buddenbrooks" umzingelt. Die "günstigste Verteilung des erwirtschafteten Reichtums" und nicht die Verarmung von "Familien mit altem Geld" sind deshalb für KNIPPHALS das Problem dieser Republik. Hätte sich KNIPPHALS jedoch nicht nur mit den "Erzählungen der Soziologie", sondern mit der soziologischen Empirie befasst, dann wüsste er, dass erstens eine Elitenforschung oder gar eine Soziologie der Oberschicht in Deutschland so gut wie inexistent ist, denn das Lieblingssujet der Soziologen sind die "gefährlichen Klassen". Folgt man den wenigen Empirikern und nicht den sprachgewaltigen Popsoziologen, dann ist Deutschland im Kern eine geschlossene Gesellschaft. Die Sozialaufsteiger tummeln sich stattdessen am Rande in Politik und Medien. Das dadurch entstehende Getöse mag darüber hinwegtäuschen, dass die "aufwärtsmobile Gesellschaft" in erster Linie eine Fiktion ist. Die nicht im Scheinwerferlicht der Medien stehen, die sieht man eben nicht...

    KNIPPHALS, Dirk (2003): Dorn am Auge.
    "Ich bin ein Spießer": Der Handballer Stefan Kretzschmar unterläuft mit Piercings und öffentlichen Bekenntnissen den Zwang zur Subversion,
    in: TAZ v. 20.01.

    Das neue Bürgertum formiert sich und KNIPPHALS betätigt sich als sein scheinbarer Frontkämpfer. In Frankreich ist man als Ex-Hippie gerade stolz ein Reaktionär zu sein. In Deutschland ist man deshalb nun stolz ein Spießer zu sein. Das ist ungefähr so originell, als ob man sich 1967 als Hippie geoutet hätte oder 1983 Mut zur Erziehung gehabt hätte. Was KNIPPHALS hier sagen will, das hat Maxim BILLER bereits in den Tempojahren (1991) geschrieben:

    "Wandten sich die Beats gegen die »squares«, die Spießer, so sind ihre Schüler, Nachfolger und Enkel heute selbst nichts als »squares« (...), sie reproduzieren lediglich alte Verhaltensweisen, die einst rebellisch und ein bißchen weise waren".

    »Hip to be squares«, mit diesem Schlachtruf aus den Yuppie-Jahren, lassen sich nur noch offene Türen einrennen. Der konservative Journalist David BROOKS hat vor Jahren den Bobo entdeckt. Diese Mischung aus Ex-Hippie und Yuppie ist das Markenzeichen der Bobokratie, die sich gerade in der Festung "Neue Mitte" verschanzt. KNIPPHALS ist einer von ihnen.

    KNIPPHALS, Dirk (2003): Bildungsroman mit Landei.
    Hier kommt Lolle: mit einem Gegenentwurf zum Luder-Programm und zu den Bildern der Neuen Mitte aus den Neunzigern. Heute Abend startet die zweite Staffel von "Berlin, Berlin". Das ist die Vorabendserie, auf die sich derzeit alle einigen können,
    in: TAZ v. 22.04.

    Während Wilhelm GENAZINO in seinem neuen Roman dem Motto Verschwende Deine Jugend fröhnt, führt Ich-bin-stolz-ein-Spießer-zu-sein-KNIPPHALS die Jugend an die neue Ernsthaftigkeit heran:

    "Nur Sven hat ein richtiges Problem. Er kann sich zwischen Familienwunsch und der wahlverwandtschaftlichen Ersatzfamilie rund um Lolle nicht entscheiden. (...). Und dann kommt Lolle. Es ist diese Figur, die in diese Mischung aus Tagträumerei und Pragmatismus Druck hineinbringt. Sie (...) treibt unterschwellig noch eine ganz andere Frage um: Mache ich hier wirklich das Richtige?"

    Jugend wird hier aus der Perspektive des Mittdreißigers gedacht. Der Begriff Family Values wird zwar abgelehnt (man ist reaktionär, aber nicht konservativ!), aber nichtsdestotrotz läuft alles darauf hinaus. Es ist diese Doppelmoral, die das neue Bürgertum der Ära Schröder kennzeichnet.
    Dazu gehört auch das Berlin-Bild, in dem Kreuzberg nur noch für Nostalgie steht, aber nicht mehr für den Aufbruch in eine bessere Gesellschaft.

    Dienstleistungsmetropole Berlin - Die Hauptstadt der Singles?

    KNIPPHALS, Dirk (2003): Das Model und der Märchenprinz.
    Von Beziehungsprojekten und Ausweitungen der Kampfzone, Phantomschmerzen in Sachen Bürgerlichkeit und Emanzipationsgewinnen: Eine Woche Liebesdiskurs mit Claudia Strunz und Stefan Effenberg,
    in: TAZ v. 07.05.

    Das Buch von Stefan EFFENBERG - den Titel kennt hoffentlich jeder - hat sich Dirk KNIPPHALS persönlich zur Brust genommen. Da sein Publikum Neue Mitte ist und nicht BILD-Proll, darf der Leser den Entstehungsprozess des Artikels nachvollziehen. In Tagebuchform wird der Leser zum Endresultat hingeführt. Das schwankt dann zwischen ein bisschen Bewunderung für die Kampagne:

    "Die Verbindung mit den Sprüchen ist eine geniale Idee. »Liebe kennt kein Fairplay.« - »In der Liebe bin ich Egoist.« Vieles an dieser Kampagne ist absehbar, das nicht. Es betont den asozialen und amoralischen Aspekt, den die Liebe eben auch hat."

    Die anfängliche Bewunderung kippt angesichts eines Kinderspielplatzes in Berlin-Schöneberg ins ratlos Sozialmoralische um:

    "Es ist doch gerade die Aufgabe unserer Generation, einen Weg zu finden, der Verantwortung mit den sozialen Emanzipationsgewinnen verbindet. Die Erzählungen vom großen Verzicht, die man von den Elterngeneration hört (siehe etwa Gerhard Henschel: »Die Liebenden«), helfen da wenig. Die amoralische Volte Effenbergs hilft natürlich auch nicht."

    Und landet zuletzt beim populärsten Topos der paarorientierten Gesellschaft:

    "Lauer Abend in Berlin. Wie geschaffen zum Flirten. Wer jetzt keinen Partner hat, wird sich ziemlich einsam vorkommen."

    Da der Artikel zum Feuilletonteil gehört, dürfen die Gewährsmänner des neubürgerlichen Liebesdiskurs von Niklas LUHMANN ("Liebe als Passion") bis Michel HOUELLEBECQ ("Ausweitung der Kampfzone") und Jonathan FRANZEN ("Korrekturen") nicht fehlen. Dazwischen geraten ist die Kontingenz in Form eines Merkur-Artikel des Soziologen Rainer PARIS ("Doing Gender"). Dafür fehlen KNIPPHALS - im Gegensatz zu single-generation.de - die Argumente und er begnügt sich mit Halbstarken-Rhetorik: "haut in die Vollen" und "trägt ein bisschen dick auf". Sicherer fühlt sich KNIPPHALS dagegen im popkulturellen Diskurs. Mit Bryan FERRYs Fool for Love kommt ein bisschen anti-hippieske Mode & Verzweiflung in die Sache. Tragisch wird es dann bei Norbert Kron und dessen Akzente-Aufsatz: Nur wo mit dem Leben bezahlt wird, ist Liebe groß und wahr. KNIPPHALS schaut hier in die Psyche von seinesgleichen:

    "Ein Phantomschmerz in Sachen bürgerlicher Ordnung!".

    KNIPPHALS, Dirk (2003): Gegen die Wand gefahren.
    Die Heiapopeia-Jugend probt die Selbstkritik: Florian Illies schreibt eine Fortsetzung seines Bestsellers "Generation Golf" und entdeckt angesichts der Rezession, etwas verspätet, das melancholische Bewusstsein. Ein Trendsetter will er nie gewesen sein,
    in: TAZ v. 09.07.

    TAZ-DOSSIER: Deutsche, wollt ihr ewig leben?
    Arbeit, Rente, Gesundheit: Der Nation gehen die Jungen aus. Ein Dossier zum demografischen Wandel der Gesellschaft

    KNIPPHALS, Dirk (2003): Alter, mach kein Stress!
    Wie alt bin ich, wenn ich alt bin? Jedenfalls sicher nicht so alt, wie es mein Großvater einmal war,
    in: TAZ v. 13.09.

    KNIPPHALS, Dirk (2003): Einer, der auszog, den Ekel zu lernen.
    Das Märchen von Onkel Heinz, dem Kunstreligiösen: Fantasien über den Typus des ewigen Kopfschüttlers, nebst einigen kopfnickenden Ausflügen ins Nachdenken über diese unsere Medienwelt und Populärkultur - von Dieter B. bis hin zu Adorno,
    in: TAZ v. 18.10.

    "Getrieben von Moritz Baßlers Ausführungen zu Popliteratur und Popfeuilleton, ließ sich Jessen zudem zum Ruf hinreißen, er empfinde »Ekel, Hass und Verachtung« gegenüber der gegenwärtigen Gesellschaft. Wortwörtlich: »Ekel, Hass und Verachtung»",

    hebt KNIPPHALS am 22.09. in der taz hervor. Nun erzählt KNIPPHALS das Märchen vom angeblich vorbildlosen Onkel Heinz:

    "So schaltet sich Onkel Heinz angewidert durchs Fernsehprogramm und sieht dabei seltsam aus: Die Fernbedienung hält er nach vorn Richtung Glotze, der Zeigefinger bleibt auf den Programmknöpfen liegen, den Rücken drückt er vom Fernseher weg tief in die Sessel hinein. Natürlich könnte er auch ein gutes Buch lesen. Aber das ist das Seltsame an Onkel Heinz: Er kann es nicht lassen - auch wenn er bald nur noch Hass, Verachtung und Ekel spürt. Jawohl, Hass, Verachtung und Ekel gegenüber diesem ganzen Schund. Ist die Welt denn total verblödet? Das kann doch alles nicht wahr sein!"

    Bei der Verteidigung des Pop spielt auch ein Interview von Peter FUCHS im Rolling Stone eine Rolle. Fragt sich nur, ob es heutzutage noch reicht, dass ein selbsternannter Spießer den Pop gegen seine neobildungsbürgerlichen Verächter verteidigt, gleichzeitig jedoch Loblieder auf den Sozialabbau singt (das war jetzt etwas provokant dahin geschrieben!!!), nur um sich distinktionstheoretisch gegen ein paar gehasste FAZ-Journalisten abgrenzen zu können. Jenseits dieser selbstreferentiellen Mitte existieren jedoch Milieus ohne Stimme, in denen die Wut wächst...

    KNIPPHALS, Dirk (2003): Hamburg,
    in: TAZ v. 25.11.

    Christoph Twickel - Läden, Schuppen, Kaschemmen

    KNIPPHALS, Dirk (2004): Die Neue Übersichtlichkeit.
    Der Schwanengesang eines Claus Koch, der Lackmustest eines Jürgen Habermas und der Auftritt eines Frank Schirrmacher bei "Verstehen Sie Spaß?": Ein Versuch über die veränderte Rolle des kritischen Intellektuellen in der zeitgenössischen Gesellschaft,
    in: TAZ v. 07.06.

    KNIPPHALS beschäftigt sich u.a. mit Frank SCHIRRMACHER:

    "Die Riesendemonstrationen gegen den Irakkrieg und auch gegen die Agenda 2010 beweisen eher, dass es inzwischen keine universalen Intellektuellen mehr braucht, um sich zu engagieren und zu empören. Vielmehr muss heute jeder kritische Intellektuelle mit der Gefahr umgehen, nur noch offene Türen einzurennen. Dafür hat es neulich ein schlagendes und auch lustiges Beispiel gegeben: Frank Schirrmachers unfreiwilliger Auftritt bei der Fernsehsendung »Verstehen Sie Spaß?«. Von den Feuilletons war der Herausgeber der FAZ ja sehr dafür gescholten worden, dass sein neues Buch »Der Methusalem-Komplex« sich geradezu wie eine Parodie auf die Figur des leidenschaftlichen universalen Intellektuellen liest.
    Tatsächlich enthält das Buch vom notwendigen Bewusstseinswandel bis hin zum Untergangsszenario alle Gassenhauer aus den einschlägigen diskursiven Arsenalen, grundiert mit allen Stilmitteln einer Wachrüttelrhetorik. (...). Und dem Publikum gefällts: Das Buch ist ein Riesenerfolg. Aber dass man sich mit der Pose eines einsamen Rufers in der Wüste inzwischen den Promistatus erarbeiten kann, der es einem erlaubt, sich von einer zentralen Fernsehsendung der Spaßgesellschaft verarschen zu lassen, das verdient doch als bemerkenswert festgehalten zu werden. Der kritische Intellektuelle auf einer Höhe mit Rennfahrern und Popsängerinnen! Ob das zu einer neuen Gelassenheit der Intellektuellen ihrer gesellschaftlichen Rolle gegenüber beiträgt? Unwahrscheinlich.
    "

    KNIPPHALS, Dirk (2004): Unser Projektleiter.
    Heute wird der Philosoph Jürgen Habermas 75 Jahre alt. Das Verhältnis der alternativen Linken
    zum Verfechter des herrschaftsfreien Diskurses und des Einsatzes der kritischen Vernunft war immer ambivalent - obwohl und weil seine Thesen mittlerweile mehrheitsfähig geworden sind,

    in: TAZ v. 18.06.

    KNIPPHALS, Dirk (2004): Erzählungen vom Neubeginn.
    Der Generationswechsel vollzieht sich, aber die Verlagskrise ist schneller: Das "Kursbuch" sucht einen neuen Verlag,
    in: TAZ v. 03.08.

    KNIPPHALS entdeckt sein Herz für die bedrohte Art Kursbuch.
    In der Erlebnisgesellschaft hilft seiner Meinung nach nur noch eine eindrucksvolle Inszenierung des Generationenwechsels:

    "Vielleicht kann man von der Kursbuch-Krise lernen, dass es dann und wann nicht schadet, Aufmerksamkeit durch konsequente Relaunchs oder ähnliche Erzählungen vom Neubeginn zu generieren."

    KNIPPHALS, Dirk (2004): Helden des Neuanfangs gesucht.
    Das "Kursbuch" hat Zukunft - ganz ohne die Achtundsechziger,
    in: TAZ v. 03.08.

    KNIPPHALS sieht in der Debattenstärke den Mehrwert des Kursbuch:

    "Der Profit, den es abwerfen kann, ist Debattenstärke - und der ist nicht zu unterschätzen. Schließlich sind die Zeiten vorbei, als sich die anspruchsvollen Feuilletons ausdehnten wie Hefeteig. Kann gut sein, dass sich das intellektuelle Selbstgespräch dieser Gesellschaft wieder auf andere Formen der Öffentlichkeit verlagert. Und Web-Blogs decken auch nicht alle Bedürfnisse nach Reflexion ab."

    KNIPPHALS, Dirk (2004): Wessis zeigen ihre Wunden.
    Die Karstadt-Krise zeigt: Am 3. Oktober 1990 verschwand auch die alte Bundesrepublik,
    in: TAZ v. 02.10.

    KNIPPHALS, Dirk (2004): Erkenne die diskursive Lage!
    Hinter unserem Rücken arbeiten unsere Begriffe: Das "Glossar der Gegenwart" leistet Gesellschaftskritik durch Diskursanalyse und bietet einen recht hohen Durchschauungsfaktor. Deutlich abgekühlt werden dabei emphatische Verwendungsweisen von Begriffen wie Wellness oder auch Projekt,
    in: TAZ v. 06.10.

    Glossar der Gegenwart

    KNIPPHALS, Dirk (2004): Mein eigener privater Unglaube.
    Gott ist tot? Nicht mehr! Gott existiert also? Wer weiß! Glaubensfragen haben hierzulande den Furor verloren. Religion ist Privatsache, und Gesellschaften tun besser daran, sich nicht auf Glauben oder Werte zu gründen. Wie sie mit dem Unglauben umgehen, ist die viel entscheidendere Frage,
    in: TAZ v. 18.12.

    KNIPPHALS mag seinem Projektleiter HABERMAS in der Religionsfrage nicht folgen:

    "Insgesamt herrscht in unserer Gesellschaft längst ein fröhlicher Polytheismus und pragmatischer Umgang mit der Religion",

    wirft er ein. Weit und breit keine Wertefront in Sicht...

    KNIPPHALS, Dirk (2005): Schutz der Gensphäre?
    Vom Einbruch des Geschlechterkampfs in die aktuellen Bilder von Paarbeziehungen sowie Vater- und Mutterschaft: Was ist eigentlich so irritierend an dem angekündigten Gesetzentwurf zum Verbot von heimlichen Vaterschaftstests?
    in: TAZ v. 17.01.

    KNIPPHALS, Dirk (2005): Gut gelüftetes Pseudonym.
    Hinter der rätselhaften Autorin Sophie Dannenberg verbirgt sich die Radiojournalistin Annegret Kunkel,
    in: TAZ v. 18.01.

    KNIPPHALS, Dirk (2005): Nach den Projektionen.
    Es gibt Fortschritte auf dem langen, gewundenen Weg der Emanzipation von 68: Wer Wolfgang Kraushaars neue Studie über Rudi Dutschke gelesen hat, für den sehen die bisherigen Abgrenzungsdebatten von der Studentenrevolte ganz schön alt aus,
    in: TAZ v. 23.02.

    KNIPPHALS spricht von drei 68er-Selbstverständnisdebatten, um dann einen Wendepunkt der Debatte zu benennen:

    "Das Terrain ist noch ziemlich unübersichtlich, aber es kann gut sein, dass man einmal die Debatte um Sophie Dannenbergs 68er-Roman »Das bleiche Herz der Revolution« als Punkt, an dem die Sache kippte, begreifen lernt."

    Was soll hier gekippt sein?

    "Wer souverän über 68 reden will, muss sich erst einmal identitätspolitisch von 68 lösen.
    Genau um diesen Punkt geht es im Moment
    ",

    behauptet KNIPPHALS.

    KNIPPHALS, Dirk (2005): Frauen aus Kruppstahl.
    Was Krieg und NS-Diktatur aus unseren Vätern gemacht haben, ist hinreichend untersucht und benannt. Seltsam sprachlos aber sind wir, wenn es um die Rolle unserer Mütter geht - und damit um die seelische Hypothek einer Generation "harter" Frauen,
    in: TAZ v. 13.04.

    Günter Franzen - Vor den Müttern sterben die Söhne

    KNIPPHALS, Dirk (2005): Hirsche dürfen wieder röhren.
    Jetzt geht es wieder um, das Wort von der "geistig-moralischen Wende", das CDU-Kanzler Helmut Kohl zugeschrieben wird. Wie würde eine neue schwarz-gelbe Koalition die Gesellschaft wenden? Eine heftige Bewegung im gesellschaftlich-kulturellen Bereich vermutet kaum jemand,
    in: TAZ v. 27.05.

    KNIPPHALS verniedlicht den Familienfundamentalismus, der sich in Deutschland abzeichnet. Hinter der Oberfläche des Kulturkampfes stecken ökonomische Interessen. Der Versuch Kinderlose und Eltern gegeneinander auszuspielen ist im Interesse von Staat und Wirtschaft, denen ein katholischer Sozialstaat Entlastung verspricht. In der FAZ vom 21.01.2005 drohen für Albert SCHÄFFER Kinderlose zu Aussätzigen der Gesellschaft zu werden. Frank SCHIRRMACHER führt im Feuilleton der FAZ bereits seit Monaten einen Krieg gegen die Singles.

    KNIPPHALS, Dirk (2006): Das Leben findet einen Weg.
    Meine Werte (9),
    in: TAZ v. 13.05.

    Dem Punk entronnen und der Kontingenz, Ironie und Solidarität in die Arme gelaufen ist K.

    KNIPPHALS, Dirk (2006): Verzweifelt geliebt.
    Schwierige Abschiede von der Deutschen Mutter,
    in: Merkur, Juli

    Die Prenzlauer Berg-Mütter haben den Weg vom Medienphänomen zur Touristenattraktion genommen, wenn man KNIPPHALS glauben darf.
    Nicht als Ausnahme zum deutschlandweiten demografischen Trend, sondern als Beispiel für eine Entwicklung weg von der kalten deutschen Mutter hin zur souveränen, hedonistischen Mutter will KNIPPHALS das Berliner Mütterphänomen sehen. Den Abschied von der Deutschen Mutter sieht KNIPPHALS jedoch als Problem, weil es an kulturellen Bildern fehle:

    "Natürlich gab es Abarbeitungen an deutschen Durchhalte-Müttern, aber sie haben sich nicht verfestigt. Peter Weiss' Erzählung Abschied von den Eltern kann einem einfallen (...). " Der Streifzug durch die Literatur führt zu Michel HOUELLEBECQ, Uwe TIMM ("Am Beispiel meines Bruders") und Michael LENTZ' Erzählung Muttersterben.
    Am Ende steht dann aber doch die Hoffnung:
    "Ein Buch, das in meinem Regal leider fehlt: die Entwicklungsgeschichte einer Deutschen Mutter. Warum gibt es kein Beispiel für eine Mutter, der es gelungen wäre, sich aus dem emotionalen Panzer, den die Figur der Deutschen Mutter bildet, herauszuarbeiten? Statt dessen scheint es ein Naturgesetz zu sein, daß sich deutsche Autoren erst mit ihren Müttern beschäftigen, nachdem diese gestorben sind, und daß sie es auf eine Weise tun, die die Mütter auf ihre Rolle festlegt. Entwicklungen in der Persönlichkeitsstruktur scheint man ihnen nicht zuzutrauen, was seltsam ist, weil sich in der Realität natürlich doch etwas tut.
    (...).
    Aber vielleicht sitzt ja schon eine der coolen Mütter vom Prenzlauer Berg an einem Exposé, das auch diese zivilisatorischen Errungenschaften in Anschlag bringen wird."

    KNIPPHALS, Dirk (2006): Flaschenpost der Liebe.
    Kontaktanzeigen haben ihren Zauber verloren. Ein Abgesang,
    in: TAZ v. 23.09.

    KNIPPHALS, Dirk (2007): Einblicke ins verschärfte Leben.
    Von heimlichen Verzweiflungsarien und Gefühlsgrütze im Kopf, grandiosen Gedankenaufschwüngen und Arschlochnummern: Maxim Biller schreibt beinahe klassische Geschichten, Norbert Müller und Henning Ahrens schreiben seltsame Romane über Liebe, Sex und anderes Tragikomisches,
    in: TAZ v. 22.03.

    Maxim Biller - Liebe heute

    KNIPPHALS, Dirk (2007): Kleine Leipziger Epiphanien.
    Buchmesserei (3 und Schluss): Unter tropfenden Dächern wurden am Donnerstag die Leipziger Buchpreise vergeben,
    in: TAZ v. 24.03.

    Dirk KNIPPHALS u.a. über den "empathischen Gnostiker" Hubert WINKELS:

    "Berliner Zimmer. Jochen Hörisch, vor 25 Jahren Doktorvater des Ausgezeichneten Hubert Winkels und jetzt Laudator, holte dort gerade weit aus, zog große ironische Bögen durch die Literaturkritik, gab Reich-Ranicki und Heidenreich ohne Namensnennung einen mit und schwelgte von dem Leseeifer, den Hubert Winkels schon als Student an den Tag gelegt hatte …
    (...).
    Zurück im Berliner Zimmer, nennt Hörisch Winkels gerade einen »emphatischen Gnostiker«, was insofern hübsch ist, als
    Winkels in der Literaturdebatte, die den Betrieb neulich kurz in Atem hielt, die Emphatiker und die Gnostiker klar auseinanderhalten wollte.

    Dann die Preisverleihung. Dann hielt Winkels - mit gnostischen Formulierung und emphatisch gepunkteter Krawatte - die Dankesrede. Er würdigte die Entheroisierung der Kritik und die Öffnung des literarischen Feldes. Zudem strotzte seine Rede vor gelassenem Selbstbewusstsein; schön ausdifferenziert sei die Literaturkritik derzeit, und einem Grass habe sie schon lange vor der SS-Beichte die Luft rausgelassen. Nur eins mochte Winkels nicht unangeprangert lassen: den Hang zur »appellativen Subjektivität« à la, so Winkels, »Ich bin im Text, dort wirst du, lieber Leser, dich auch wiederfinden.« So etwas imitiert für Hubert Winkels nur marktgerecht Erregungszustände."

    KNIPPHALS, Dirk (2007): Das gleiche Strampeln.
    "Shoppen", der Debütfilm von Ralf Westhoff, schickt 18 Figuren zum Speed-Dating - und findet dabei etwas Beruhigendes heraus: Ein Geschlechterkampf findet nicht statt,
    in: TAZ v. 03.05.

    Ralf Westhoff - Shoppen

    KNIPPHALS, Dirk (2007): Ich bin eine Audiodatei.
    Eine intelligente und fleißige Autorenriege meldete sich zu Wort beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. Nur die Jury schwieg zu oft da, wo es um die Erweiterung des Literaturbegriffes ging,
    in:
    TAZ v. 02.07.

    Dirk KNIPPHALS hält den Generationenbegriff für die neueren Entwicklungen im Literaturbetrieb für unbrauchbar. Er erläutert dies an zwei Autoren der Generation @:

    "Sehr deutlich wurde, dass zum Beispiel der Generationenbegriff zur Zeit versagt. Gut illustrieren kann man das an Jörg Albrecht (geb. 1981) und Fridolin Schley (geb. 1976), zwei Autoren, die gerade fünf Jahre auseinander sind, literarisch aber durch Welten getrennt. Jörg Albrecht will die Literatur an Pop anschließen. Mit Kopfhörer, Voice-over, elektronischen Instrumenten im Gürtel und Videoprojektionen erzählte er in Klagenfurt atemlos, wie man ein Wochenende auf den Berliner Tanzflächen überlebt - eine Performance rund um die Frage, inwieweit man zu seinen eigenen Audiodateien ich sagen kann. Fridolin Schley dagegen betrieb ein literarisch ausgefuchstes Spiel, in dem er eine Rolf-Dieter-Brinkmann-Figur seinen Autounfall überleben und 60-jährig im portugiesischen Fischerort Salema über sein Leben nachdenken lässt. Die Literatur mit aktuellen Wirklichkeitserfahrungen rocken auf der einen Seite; sich einschreiben, seinen Platz suchen im langen Fluss der Literatur auf der anderen Seite, das stand in Klagenfurt nebeneinander."

    KNIPPHALS, Dirk (2007): Mit Buch, Handy und Rostbratwürstchen.
    Wenn Literatureuphoriker, Literaturnostalgiker und Literaturverwalter mal Pause machen,
    in: TAZ v. 12.10.

    KNIPPHALS stellt 3 Typen von Literaturkritikern vor, die den Bücherherbst prägen:

    "Erstens: den Literaturnostalgiker. Das ist oft ein nicht mehr junger, aber einflussreicher Kritiker, der an der Erkenntnis seiner Jugend festhält, dass mit Literatur ein existenzieller Einsatz verbunden ist. Zum Beispiel schwärmt er gern darüber, welche Entgrenzungsleistungen frühere Schriftstellergenerationen vollbracht haben, wie sie die Grenzen der Form überschritten und dabei auch noch ein wildes, freies Leben führten. Hört sich etwas klischeehaft romantisch an, aber lesen Sie mal Ulrich Greiner in der aktuellen Zeit. Das ist genau das. Die Gegenwartsliteratur ist dem Nostalgiker irgendwie unter Niveau.
    Als zweite Rolle wäre zu besetzen: der Literatureuphoriker. Er lobt oder verreißt stets unter Hochdruck. Wenn er in der Gegenwartsliteratur nichts Rechtes findet, weicht er in die dissidente Vergangenheit aus und entdeckt einen großen Autor, der gegen das Stalinregime anschrieb. Das Bücherschreiben ist dem Euphoriker vor allem eine Tat, die gewürdigt werden muss; die Details sollen später andere klären. Das Problem des Euphorikers besteht in Frankfurt allerdings aus der Entwertung der Literaturbeilagen. Die Bücher, bei denen er in die Vollen gehen konnte, hat er ja schon vorher genau am Erscheinungstag auf den normalen Literaturseiten wegbesprochen.
    Drittens: der Literaturverwalter. Er nimmt die Bücher, wie sie kommen, und arbeitet sich an den Romanen ab, über die allgemein geredet wird. Er ist dafür zuständig, dass hinten auf den Buchcovern immer ein paar passende Werbesprüche stehen können. Manchmal fühlt er sich wie Sisyphos und sieht zweimal im Jahr seinen Stein an neuen Bücherbergen herunterrollen. Aber dann macht er sich wieder an die Arbeit und versucht redlich, die lesenswerten Bücher aus dem Angebot herauszufiltern."

    taz-Sonderausgabe: Lang lebe die Revolution.
    40 Jahre 1968

    KNIPPHALS, Dirk (2007): Schöner alt werden.
    Das allerletzte Projekt, mit dem Achtundsechziger etwas zum Besseren wenden? Selbstbewusst zu GreisInnen werden,
    in: TAZ v. 29.12.

    KNIPPHALS, Dirk (2008): Am Nullpunkt des Erzählens.
    Detlef Kuhlbrodt, als Autor mit dieser Zeitung eng verbunden, hat einen schönen, kleinen Hype ausgelöst: Sein Buch "Morgens leicht, später laut" wird nicht nur gelobt, sondern auch emotional aufgeladen. Was sagt das über unseren Literaturbetrieb?
    in: TAZ v. 11.01.

    Dirk KNIPPHALS hypt Bücher ohne Familiennamen:

    "Vor Jahren prägte Michael Rutschky einmal die Wendung vom »Buch ohne Familiennamen«. Damit waren Bücher gemeint, die zwischen Erzählung, Sachbuch, Essay und Feuilleton changieren. Unter diesem Sammelbegriff für erzählerische Solitäre lässt sich nun auch »Morgens leicht, später laut« einordnen."

    taz-Sonderausgabe zum Internationalen Frauentag: Ich Jane, du Tarzan.
    Ist Fortschritt eine Frau? Und das 21. Jahrhundert weiblich?

    KNIPPHALS, Dirk (2008): Nervige Formen des Glücks.
    Kann man stolz auf Beziehungsstress sein? Ist die Paartherapie ein Fortschritt? Wir haben Tragik und Unglück eingetauscht gegen die permanente Anstrengung. Die emanzipierte Beziehung als Wille und Wahn,
    in: TAZ v. 08.03.

    KNIPPHALS, Dirk (2008): Intellektueller Tod.
    Das undogmatische Medium wird eingestellt! Schade, aber es ist auch ersetzbar - man muss es nur neu erfinden,
    in: TAZ v. 13.06.

    KNIPPHALS, Dirk (2008): Transit in ein neues Leben.
    Umzug nach Berlin, im Gepäck ein Buch und ungewaschene Klamotten: Sven Regener vollendet seine Herr-Lehmann-Trilogie mit dem Roman "Der kleine Bruder". Aus großen Erzählungen von Aufbruch und Befreiung lässt er dabei schön die Luft heraus,
    in: TAZ v. 30.08.

    Sven Regener - Der kleine Bruder

    taz-Interview:
    Yes we can!
    Z
    ärtlicher, leidenschaftlicher und ohne Leistungsdruck: Sex im Alter

    KNIPPHALS, Dirk (2008): Erwachsener Sex im Alter,
    in: TAZ v. 04.09.

    KNIPPHALS, Dirk (2008): Deutschland geht in Ordnung.
    Am 1. September 2004 erscheint Sven Regeners "Neue Vahr Süd". Thema: die Sozialisation der staatsfernen 60er-Jahrgänge. Zur selben Zeit wandern diese mental in Deutschland ein. Endlich erwachsen, fragen sie: Wie verdient man okay Geld, kriegt Paar- und Umweltbeziehungen ohne Opfer hin und Kinder groß, die nicht eingeschüchtert sind?
    in: TAZ v. 27.09.

    Dirk KNIPPHALS - wie Sven Regener - Angehöriger der Generation, die nach der Revolte kam, sieht in der Herr Lehmann-Trilogie die Verabschiedung von den Lebensexperimenten der 78er-Generation, die sich seit 2004 als neue Bürgerlichkeit begreift.

    KNIPPHALS, Dirk (2008): Fremd war selbst.
    "Der Turm" von Uwe Tellkamp ist mehr als der große Wenderoman, auf den so lange gewartet wurde. Es geht um die Neuerfindung eines gründlichen, genauen, sozusagen nachhaltigen und dafür ruhig gelegentlich auch etwas umständlichen Erzählens,
    in: Literaturbeilage der TAZ v. 15.10.

    Uwe Tellkamp - Der Turm

    KNIPPHALS, Dirk (2009): Die Wut als Seismograf.
    Sara, die Ich-Erzählerin in Maria Svelands Roman, begreift ihr persönliches Leiden als Indikator eines ungerechten Allgemeinzustands. Damit knüpft das Buch an erzählerische Muster der "Neuen Subjektivität" an. Trotz des kämpferischen Tons ist das Ende jedoch vorsichtig versöhnlich,
    in: TAZ v. 27.02.

    Maria Sveland - Bitterfotze

    KNIPPHALS, Dirk (2009): Plötzlich ist etwas da, wo vorher nichts gewesen ist.
    Ein kleines Buch über die ganz großen Fragen: Was ist das Leben? Was bedeutet es, in einer Abfolge von Generationen zu stehen? Und was hatten die eigenen Eltern miteinander zu tun? David Wagner schreibt literarische Miniaturen über Erfahrungen von und mit Kindern: "Spricht das Kind",
    in:
    TAZ v. 12.03.

    David Wagner - Spricht das Kind

    KNIPPHALS, Dirk (2009): Dudweilers weite Horizonte.
    Der Journalist Nils Minkmar macht sich auf, die veränderte Normalität zu durchleuchten: "Mit dem Kopf durch die Welt",
    in: TAZ v. 18.04.

    "Was zum Beispiel im Spiegel unter Essay steht, sind meist nur ums Ichsagen literarisch aufgehübschte Leitartikel, stets um fünf vor zwölf geschrieben. Und bei den Essays im Zeit-Feuilleton wusste man zuletzt immer schon, was rauskommt - auf irgendeine Form von Neoliberalismuskritik lief es immer heraus.
    Es fehlt also hier und da das Spielerische. Insofern freut man sich, wenn sich mal wieder ein Autor aufmacht, die Form des Essays ein bisschen zu erneuern - und damit in der Öffentlichkeit sogar durchkommt. Bei Nils Minkmar ist das so.
    (...).
    »Personal essays« nennt Nils Minkmar selbst diese Texte oder »ganz persönliche Geschichten aus der Normalität«. In Wirklichkeit sind es genausogut Versuche, den Essay mit den Mitteln des Features und der Reportage zu erneuern
    ", meint Dirk KNIPPHALS zum Buch Mit dem Kopf durch die Wand von Nils MINKMAR.

    MERKUR-Sonderheft: Heldengedenken.
    Über das heroische Phantasma

    KNIPPHALS, Dirk (2009): Abschied von der dunklen Seite der Macht.
    Erwachsen werden mit Luke Skywalker und Spiderman,
    in: Merkur Nr.724/725, September/Oktober

    KNIPPHALS, Dirk (2009): Im Exil der Gegenwart.
    Loslabern: Rainald Goetz' neues Buch wirft einen intensiven Blick auf die Nullerjahre. Nur ein Roman ist es nicht,
    in: TAZ v. 27.10.

    Rainald Goetz - Loslabern

    KNIPPHALS, Dirk (2009): Die Krise als Lebensgefühl.
    Glücksferne: Warum man bei allen Weltproblemen auch die gute alte Lebenskrise keinesfalls vergessen sollte. Eine Art Jahresrückblick,
    in: TAZ v. 12.12.

    Judith Hermann - Alice & Wilhelm Genazino - Das Glück in glücksfernen Zeiten

    KNIPPHALS, Dirk (2010): Der Fall Hegemann geht weiter.
    Axolotl Roadkill: "Diese junge Frau ist extrem begabt": Trotz der Plagiatsvorwürfe steht die Autorin Helene Hegemann auf der Shortlist zum Preis der Leipziger Buchmesse. Wie sensibel die Öffentlichkeit auf literarische Hypes reagiert, kann man dennoch befriedigt feststellen,
    in: TAZ v. 12.02.

    KNIPPHALS, Dirk (2010): Ein Moment flirrender Erkenntnis.
    Literaturbetrieb: Wer nahe genug dran war, für den war bei der Ullstein-Party das Phänomen Helene Hegemann kurz ganz greifbar,
    in: TAZ v. 22.02.

    KNIPPHALS, Dirk (2010): Neugier gegen Selbsthass.
    Buchmacher: Es beginnt mit Nacktbaden. Dann ist man Teil des Literaturbetriebs, wo die Leute aufrüsten, lieben und hassen - immer auf der Suche nach dem guten Buch,
    in: TAZ v. 13.03.

    Axolotl Roadkill und die Mediengesellschaft - Eine Annäherung an das Phänomen

    KNIPPHALS, Dirk (2011): Die Vermessung des Augenblicks.
    Überblick: Der Literaturkritiker Richard Kämmerlings sortiert in seiner Studie "Das kurze Glück der Gegenwart" die deutschsprachigen Romane der vergangenen zwei Jahrzehnte. Kehlmann ist ihm nicht gegenwärtig genug,
    in: TAZ v. 16.03.

    Richard Kämmerlings - Das kurze Glück der Gegenwart

    KNIPPHALS, Dirk (2011): Pilgerreisen zur eigenen Erfahrung.
    Erlebnis: Unser Literaturbetrieb ist zu sehr auf Romane fixiert. Das zeigen die neuen Bücher von Arno Geiger, Gregor Hens und Wolfgang Büscher,
    in: TAZ v. 30.04.

    KNIPPHALS, Dirk (2011): Die krassen Geschichten unserer Herkunft.
    Josef Bierbichler, Oskar Roehler, Eugen Ruge: Die mittlere Autorengeneration erzählt, welch schwierige Verhältnisse sie hinter sich lassen musste. Eine Einladung zur gesellschaftlichen Selbstvergewisserung,
    in: TAZ v. 12.10.

    Von Iris RADISCH über Christopher SCHMIDT bis Dirk KNIPPHALS - das Feuilleton der neuen Mitte ist sich einig: 3 Bücher sind ein Trend: Oskar ROEHLERs Herkunft, Josef BIERBICHLERs Mittelreich und Eugen RUGEs In Zeiten des abnehmenden Lichts.

    Die Rezensenten und Autoren der Single-Generation sind nun endlich zur tonangebenden Stimme geworden. Und was lange verleugnet wurde in diesem individualisierten Milieu, das bricht sich nun umso stärker Bahn:

    "Herkunft soll keine Rolle spielen. Das ist eine der Verheißungen der modernen bürgerlich-liberalen Gesellschaft. Dass sie es aber natürlich dennoch tut, erfährt man in diesen Romanen",

    schreibt KNIPPHALS. Neben die Familienidylle und die Abrechnung mit den Eltern ist für KNIPPHALS die Familienaufstellung getreten. Es geht dabei um gesellschaftliche Selbstvergewisserung:

    "Wenn man sich die Entwicklungsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland in den vergangenen zwei Generationen im Abstrakten ansieht, dann ist die Generallinie klar: Aufstiegsgesellschaft, Individualisierung, Fundamentalliberalisierung, Verdampfung aller unhinterfragten Traditionen. Von da aus gibt es nun aber auch das Interesse zu erfahren, wie das im Konkreten und im Einzelfall so gelaufen ist".

    Christopher SCHMIDT merkt dagegen in der SZ an:

    "Beim Blick auf die neuen Familienromane könnte man den Eindruck gewinnen, als liefere kein belletristischer, sondern ein Sachbuchtitel den Schlüssel zum Phänomen. Die Autorin Melanie Mühl warnt in ihrer Streitschrift »Die Patchwork-Lüge« vor dem Verfall der Familienwerte und der Anything-goes Mentalität moderner Eltern (...). Die individualistische Lebensplanung gleiche zu oft dem Konsumverhalten (...).
    Angesichts der Dauerüberforderung, die unsere verflüssigten Lebensverhältnisse für jeden Einzelnen darstellen, ist es kaum verwunderlich, dass sich die Literatur wieder verstärkt für die Prägungen durch Heimat und Herkunft (...) interessiert."

    Dieser Deutung "Rückwärtsgewandt" erteilt KNIPPHALS eine deutliche Absage. Aber ist es nicht rückwärtsgewandt, wenn Herkunft genealogisch - statt z.B. als Habitus - gedeutet wird? SCHMIDT sieht dagegen in der Frage nach der biologischen Identität die wahre Herausforderung unserer Zeit.

    KNIPPHALS, Dirk (2012): Wo die Grundbohemisierung Berlins erfunden wurde.
    Bernd Cailloux' neues Buch "Gutgeschriebene Verluste" und das Café in Schöneberg,
    in: TAZ Berlin v. 25.02.

    Bernd Cailloux - Gutgeschriebene Verluste

    KNIPPHALS, Dirk (2012): Das wilde Leben darf draußen bleiben.
    Kofferpacken: Vor der Buchmesse: Einige Erfahrungen mit dem Literaturbetrieb und verschiedenen Ansätzen, ihn zu kritisieren,
    in:
    TAZ v. 12.03.

    Christian Kracht - Imperium

    KNIPPHALS, Dirk (2012): Auf der aktuellen Höhe der Ambivalenzen.
    Gegenwart: Warum die deutsche Literatur in den gesellschaftlichen Selbstverständigungsdebatten leider fehlt,
    in: TAZ v. 22.09.

    Zwei Mal im Jahr heißt das Lieblingsspiel der Sachbuch- und Literaturjournalisten: 3 Bücher sind ein Trend. So hat Jens-Christian RABE in der SZ für den Sachbuchmarkt die Kreativität als Trend entdeckt, obgleich diese seit Jahren im Trend liegt. Und jetzt entdeckt Dirk KNIPPHALS für das neue Bürgertum den Begriff "Ambivalenz" als Schlüsselbegriff der Gesellschaftsdeutung. Dazu präsentiert er die Romane Gesellschaft mit beschränkter Haftung von Nora BOSSONG, Nichts Weisses von Ulf Erdmann ZIEGLER und Fliehkräfte von Stephan THOME.

    Ambivalenz betont das Uneindeutige also das Jein bzw. das Weder noch. Der Soziologe Kurt LÜSCHER hat in den 1980er Jahren die postmoderne Familie und ihre Ambivalenzen in den Mittelpunkt seiner Forschungen gestellt. In den 1990ern wurde der ambivalente Single entdeckt, Ende des Jahrtausends die Ambivalenz des Generationenverhältnisses, in den nuller Jahren die Ambivalenz des weiblichen und männlichen Kinderwunsches. Man könnte auch sagen: Ambivalenz ist der Schlüsselbegriff der Postmoderne, mithin des individualisierten Milieus, ergo des neuen Bürgertums. Warum dieser schillernde Begriff gerade in diesen Herbst die Belletristik auf den Punkt bringen soll, das scheint doch eher eine Verlegenheitsdiagnose zu sein, die verdecken soll, dass die deutsche Gegenwartsliteratur derzeit keine gesellschaftliche Debatten stiftende Wirkung hat. Dazu passt, dass sich der Literaturbetrieb immer öfter selbstgefällig um sich selber dreht.

    Polarisierer wie Michel HOUELLEBECQ, die sich als Futter für gesellschaftliche Debatten eignen, finden sich derzeit nur auf dem Sachbuchmarkt, der noch vom SARRAZIN-Effekt getragen wird. Aber brauchen wir solche Erlösertypen überhaupt noch, das wäre die interessantere Frage.

    KNIPPHALS, Dirk (2013): Ohne Sprache gibt es kein Leben.
    Nachruf: Wolfgang Herrndorf, der Autor von "Tschick", "Sand" und des herausragenden Internet-Tagebuchs "Arbeit und Struktur", ist tot
    ,
    in: TAZ
    v. 28.08.

    Wolfgang Herrndorf - Tschick & Sand

    KNIPPHALS, Dirk (2013): Das Ende aller Normen.
    Liberalisierung: Der Weg vom Kuppeleiparagrafen zur emotionalen Sexualbeziehung war lang. Aber er hat sich gelohnt,
    in:
    TAZ v. 05.12.

    "Die sexuelle Liberalisierung führte weg von vorgegebenen Normen. Aber eben nicht ins Chaos, sondern hin zu zwischen konkreten Partnern ausgehandelten Normen - also hin zu dem ambivalenten, gelegentlich anstrengenden, gelegentlich beglückenden Feld sexueller und emotionaler Beziehungen",

    erklärt uns Dirk KNIPPHALS mit Gunter SCHMIDT und Niklas LUHMANN im Gepäck und im Widerspruch zu Michel FOUCAULTs "Diskursgefängnis" und Michel HOUELLEBECQs Ausweitung der Kampfzone.

    KNIPPHALS, Dirk (2014): Eine schreckliche Tirade.
    Rede: Künstliche Befruchtung sei "widerwärtig", Onanie müsse verboten werden, sagt die Büchnerpreisträgerin Lewitscharoff. Wie kommt sie bloß dazu?
    in:
    TAZ Online v. 06.03.

    KNIPPHALS, Dirk (2014): Die Literaturreligiöse.
    Offenbarung: Am 14. April erscheint ihr neuer Roman. Aber vorher stellt sich noch eine Gretchenfrage: Wie hältst du es mit der Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff?
    in: TAZ v. 05.04.

    KNIPPHALS, Dirk (2014): Anstoß zur Neuentdeckung.
    Auswahlband: Heinz Strunk outet sich als Fan von Botho Strauß und sammelt Stellen. "Der zurück in sein Haus gestopfte Jäger" hat etwas Einnehmendes,
    in: TAZ v. 05.04.

    Neu:
    KNIPPHALS, Dirk (2014): Zwei unterschiedliche Helden der Freiheit.
    Bücherherbst: Lutz Seilers Roman "Kruso" und Michael Kleebergs "Vaterjahre" gehören zusammen,
    in:
    TAZ v. 04.10.

    Das Lieblingsspiel des Literaturbetriebs: Drei Bücher sind ein Trend funktioniert dieses Jahr nicht mehr, weshalb nun die Ansprüche auf zwei Bücher sind ein Trend herabgesetzt wird, statt sich zu fragen, ob Schriftsteller noch diejenigen sind, die gesellschaftlich etwas zu sagen haben. Die letzte wirklich große literarische Kontroverse löste um die Jahrtausendwende Michel HOUELLEBECQ mit seinen Romanen Ausweitung der Kampfzone, Elementarteilchen und Plattform aus.

    Typisch für die derzeitige gesellschaftliche Irrelevanz der Literatur war die diesjährige Debatte über die Gegenwartsliteratur, die im Vorfeld der Leipziger Buchmesse angestoßen wurde und dann belanglos im Sande verlief. Den Anstoß zur Debatte gab bezeichnenderweise ein Vorabdruck aus dem Buch Irgendwas mit Schreiben. Diplomautoren im Beruf von Florian KESSLER, der ohne diesen Hinweis in der ZEIT erschien.

    Aufschlussreich war, dass das Thema lediglich von Literaturbetriebsinsassen diskutiert werden durfte. Außenstehende waren von vornherein ausgeschlossen. Es war wie auf einer langweiligen Party, bei der es lediglich um Distinktion geht (mehr hier, hier, hier und hier). Wo sich jedoch alle ähneln wie ein Ei dem anderen, da kann nichts Aufregendes entstehen...

    Als Michel HOUELLBECQ den Literaturbetrieb aufmischte, da fühlte sich die Literatursoziologie im Aufwind (mehr auch hier) und der Sozialstrukturforscher Stefan HRADIL erklärte die Schriftsteller sogar zu Seismografen für gesellschaftliche Entwicklungen. Diese Zeiten sind offenbar passé.

     
           
       

    Dirk Knipphals im Gespräch

     
       

    SPIEGEL (2014): Der Kampf ums eigene Leben.
    Dirk Knipphals, 50, über sein Buch "Die Kunst der Bruchlandung. Warum Lebenskrisen unverzichtbar sind" (Rowohlt Berlin Verlag),
    in: Spiegel Nr.5 v. 27.01.

    "Krisen entstehen gegenwärtig weniger aus Not und Traumatisierungen, also aus Mangel, sondern eher aus dem Gegenteil, aus einem Mehr an Möglichkeiten",

    behauptet Dirk KNIPPHALS, der immer noch an die Verheißungen der Individualisierung glauben kann, obwohl in der Hartz-Gesellschaft und im Zeitalter der Demografiepolitik längst Individualisierung als Integration nur noch für ein immer kleiner werdendes privilegiertes Milieu kennzeichnend ist.

    Längst leben wir im Zeitalter der Post-Individualisierung. Das Buch Die Kunst der Bruchlandung von KNIPPHALS erzählt deshalb vom kurzen Traum immerwährender Individualisierung, dem durch die Demografiepolitik mehr und mehr der Boden entzogen wird.

     
           
       

    Die Kunst der Bruchlandung (2014).
    Warum Lebenskrisen unverzichtbar sind
    Berlin: Rowohlt Verlag

     
       
         
     

    Klappentext

    "Gegenwärtig kann sich alles, von der Weltpolitik bis hin zum Familienurlaub, sofort zur Krise auswachsen - sie gilt als Zeichen unserer Zeit. Doch wie kam es dazu? Was sind Lebenskrisen eigentlich, und was bedeuten sie für uns? Dirk Knipphals erzählt, wie der »normale Ausnahmezustand« ein Teil unseres Alltags wurde. Vor allem aber führt er uns vor Augen, warum Krisen existenziell wichtig sind: In schwierigen Phasen bewähren wir uns, an ihnen wachsen wir, sie prägen unser Selbstverständnis und markieren Wendepunkte im Leben. Ob Pubertät oder Trennungsschmerz, Midlife-Crisis oder Pensionierungsblues - Dirk Knipphals nimmt Lebenskrisen mit Humor und scharfem Blick ins Visier und zeigt uns, warum ein Leben ohne sie weder wünschenswert noch angenehm wäre."

    Zitate:

    Lebenskrisen im Wandel der Zeit

    "Individuelle Probleme, die sich nicht durch eine verbesserte Versorgung oder eine effizienter und angenehmer eingerichtete Lebenswelt in den Griff bekommen ließen, waren (...) nicht von Belang.
    Und doch wurden in den Fünfzigern die Grundlagen für eine Veränderung gelegt. Neben dem Kampf gegen Lebenskrisen setzte eine Art kultureller Kampf für Lebenskrisen ein - dafür, sie nun endlich anzuerkennen. Dieser zweite Kampf, in vielem ein Ergebnis der Westbindung der Bundesrepublik, hatte gewichtige Folgen. Zusammen mit den Bemühungen der durch Gewalterfahrungen psychisch versehrten Kriegsteilnehmer sorgte er allmählich für eine vollkommen andere Situation."
    (2014, S.74)

    "Entscheidende Anstösse gab (...) Erik H. Erikson, ein inzwischen fast schon vergessener Held im Kampf für die Anerkennung von Lebenskrisen. Beinahe vergessen ist nur sein Name, seine Thesen und Begriffe sind es ganz und gar nicht. (...). Die Rede von der Identität einer Person, von der Suche nach dieser Identität und auch deren Krisen geht auf sein Werk Childhood and Socienty zurück, das Erikson 1950 veröffentlichte. (...) 1957 erschien die deutsche Übersetzung des Buchs, Kindheit und Gesellschaft."
    (2014, S.75)

    "Eriksons Kerngedanke besteht darin, dass Lebenskrisen in der Entwicklung jedes Menschen nicht nur notwendig angelegt sind, sondern sich diese Entwicklung gerade durch und in diesen Krisen vollzieht".
    (2014, S.77)

    "Ähnliche Veränderungen waren auch in der Literatur zu beobachten. 1951 erschien das Buch, das die literarischen Koordinaten auf Jahrzehnte verschieben sollte: Der Fänger im Roggen von J. D. Salinger.
    Der Roman erzählt von einer Lebenskrise im Übergang von der Pubertät zum Erwachsenenalter".
    (2014, S.81)

    "Mit dem Aufstieg des Krisenbegriffs (...) rücken die Probleme der Menschen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit - allerdings nur in ihrem gesellschaftlichen Zusammenhang. Die Protagonisten der Studentenunruhen folgen im Wesentlichen dem Muster eines Kampfes gegen Lebenskrisen, wobei sie davon ausgehen, dass diese sich in Wohlgefallen auflösen würden, sobald die gesellschaftlichen Verhältnisse erst einmal von Grund auf neu gestaltet sind. Bemühungen um die Anerkennung von Lebenskrisen, wie sie etwa von Erik H. Erikson ausgegangen sind, stoßen bei den harten Politkadern dagegen auf wenig Verständnis."
    (2014, S.95f.)

    "In seinem längeren Essay Erfahrungshunger, einem 1980 erschienen, viel zu wenig beachteten Klassiker der bundesrepublikanischen Bewusstseinsgeschichte, befasst sich der Autor Michael Rutschky mit den Lebenskrisen der späten sechziger und siebziger Jahre."
    (2014, S.96)

    "»Was heißt heute Krise?« Indem Habermas diese Frage stellt, zieht er aus dem Protestverhalten der jungen Generation gesellschaftstheoretische Konsequenzen. Dabei begründet er den sozialwissenschaftlichen Begriff der Systemkrise, den er von Marx übernimmt, neu. Er soll jetzt über die ökonomische Basis, also Wirtschaftskrisen, hinausgehen. Zur neuen, zeitgemäßen Bestimmung einer gesellschaftlichen Grundlagenkrise führt Habermas den Begriff der Legitimationskrise ein: Die spätkapitalistische Gesellschaft hat demnach nicht einfach nur zufällig und zeitweilig Problem, sich der Loyalität ihrer Mitglieder zu versichern; sie hat prinzipielle, zwangsläufige, notwendige Problem. Diese unausweichlichen Legitimationskrisen der Gesellschaft drücken sich wiederum in Sinn- und Motivationskrisen ihrer Mitglieder aus, womit auch diese etwas Zwangsläufiges bekommen.
    Sinnkrisen, Motivationskrisen (...) Lebenskrisen (erfahren) nun also ein Aufwertung."
    (2014, S.111)

    "Reisen ins Herz der Finsternis wurden in den siebziger Jahren viele unternommen, etwa als autobiographische Selbsterfahrungstrips - Drogentrips, Schreibtrips, Musiktrips -, die ihre Autoren oder Protagonisten bis an den Rand der Selbstzerstörung trieben. Die Reise von Bernward Vesper, eine Zeitlang viel gelesen, ist dafür ein gutes Beispiel. Daneben gibt es für mich aber vor allem ein Buch, das bis heute Finsternis geradezu ausstrahlt (...). Es handelt sich um ein kleines schmales Taschenbuch mit dem Titel Mars."
    (2014, S.125)

    "Das Anders-sein-Wollen mit dem Tod bezahlen zu müssen, ist ein wirklich erschreckender Gedanke, der sofern man ihm nicht entkommen kann, eine schwere Sinnkrise nach sich ziehen muss. Für Fritz Zorn ist Selbstverwirklichung überhaupt nur als Selbstzerstörung denkbar. Und damit steht er in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre keineswegs allein da."
    (2014, S.127)

    "Ich war sehr froh, als ich auf eine Argumentation stieß, die sich Mars entgegensetzen lässt, und ich werde Susan Sontag ewig dafür dankbar sein. Die vor etwa zehn Jahren selbst an Krebs gestorbene Autorin lässt sich in ihrem 1978 erschienenen Essay Krankheit als Metapher gar nicht erst auf psychosomatische Perspektiven ein. Ob Krebs tatsächlich durch psychisches Leiden, letztlich: ein falsches Leben ausgelöst werden kann, ist nicht ihr Punkt. Auch setzt sie sich nicht explizit mit Fritz Zorns Mars auseinander. Und doch weist sie so akribisch wie überzeugend nach, dass eine Sicht auf die Krebserkrankung, wie sie dort formuliert wird, möglicherweise wenig mit authentischem Erleben zu tun hat und sich stattdessen gesellschaftlich tradierter Bilder und literarisch vorgegebener Motive verdankt."
    (2014, S.128)

    "Das Buch In der Mitte des Lebens von Gail Sheehy vermittelt (...) ein Gefühl dafür, wie neu und innovativ das Konzept der Midlife-Crisis Mitte der siebziger Jahre war. Sheehys Alltagsstudie ist damals zum Bestseller geworden (...). Die neue, breite Mittelklasse konnte sich im Buch wiedererkennen und sich nach der Lektüre in der Normalität ihrer Krisen bestätigt fühlen."
    (2014, S.153f.)

    "Neben Erikson hat Sheehy ein zweiter Autor inspiriert: der kanadische Psychoanalytiker Elliott Jaques. Er verwendet den Begriff der Midlife Crisis in einem Aufsatz aus dem Jahr 1965 und prägt ihn vielleicht sogar als Erster. (...).
    Sinnkrisen, Identitätskrisen - so etwas kannten die ersten Bewohner der Vororte im Grunde tatsächlich nur von Künstlern. Mit sich zu ringen, sich selbst in Frage zu stellen, das waren im Wesentlichen Beschäftigungen, die schöpferischen Menschen vorbehalten gewesen waren. Nun taten es ihnen die Pioniere subtiler Lebenskrisen im deutschen Mittelstand plötzlich gleich. Sie reagierten zum Teil damit, dass sie den eigenen Lebensrahmen etwas künstlerischer, etwas bohemistischer, etwas experimenteller anlegten."
    (2014, S.159)

    "Lebenskrisen sind, das sollte deutlich geworden sein, auf zwei grundverschiedene Weisen unverzichtbar.
    Zunächst sind Lebenskrisen im individuellen Ablauf jedes Lebens notwendig und auch unvermeidlich. (...).
    »Das Individuum ist nicht einheitlicher als die Gesellschaft, nur in seinen eigenen Träumen stellt es eine klare Ganzheit dar«, schreibt der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann, und er hat natürlich recht."
    (2014, S.236)

    "Wo Ambivalenzen sind, sind auch Krisen. Und Ambivalenzen gibt es im Leben inzwischen jede Menge. Aber, was soll man sagen: Das Erstaunliche ist, dass es tatsächlich immer wieder gelingt, zwischen diesen einander widersprechenden Wunschvorstellungen und durch diese inneren Konflikte hindurch einen halbwegs lebbaren Weg zu finden. (...).
    Bei Kaufmann, einem in Deutschland leider noch immer nicht genug beachteten Gesellschaftstheoretiker, kann man gut nachlesen, was uns spätestens seit den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in unseren Lebenskrise antreibt. Als zentralen Punkt arbeitet er heraus, »dass die Subjekte immer mehr die Macht und auch die Pflicht haben, ihrem Leben Sinn zu verleihen«."
    (2014. S.237f.)

     
         
     
           
       

    Vorabdruck

    KNIPPHALS, Dirk (2014): Dann lieber Lebenskrisen.
    Vorabdruck: Mein Großvater oder: Die Frage nach dem eigenen Glück. Aus der Vorgeschichte unserer persönlichen Krisen,
    in: TAZ v. 15.01.

     
       

    Rezensionen

    DÜKER, Ronald (2014): Tatort: Küchentisch.
    Dirk Knipphals beäugt aus sicherem Abstand das Signum der Moderne: die Lebenskrise,
    in: Die ZEIT, Nr.12 v. 13.03.

     
       

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    Bernd Kittlaus
    webmaster@single-generation.de Erstellt: 05. April 2014
    Update: 02. Mai 2016