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Heiko Ernst: Weitergeben!

 
       
   
  • Kurzbiographie

    • 1948 geboren
      2008 Buch "Weitergeben!"
      Chefredakteur der Zeitschrift "Psychologie Heute"
       
 
       
   
  • Aktuellster Beitrag
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    Heiko Ernst in seiner eigenen Schreibe

     
       

    ERNST, Heiko (2003): Ganz bei sich sein.
    Warum wir so dringend Alleinzeit brauchen,
    in: Psychologie Heute, September

    ERNST, Heiko (2007): Kuschelpartys und Katzenfutter,
    in:
    Psychologie Heute Nr.4, April

    Eine Kritik an der Titelgeschichte vom Autor des Buches Die Single-Lüge lesen Sie hier.

    ERNST, Heiko (2008): Generativität: Die Aufgabe der zweiten Lebenshälfte.
    In Deutschland sind die geburtenstarken Nachkriegsjahrgänge, die sogenannten Babyboomer, im Zenit ihres Lebens, in ihren "besten Jahren". Die erste Nachkriegsgeneration macht sich berechtigte Hoffnungen, die eigene Verrentung um 30 Jahre und mehr zu überleben. Aber was fängt sie mit den gewonnen Jahren an?
    in:
    Psychologie Heute Nr.4, April

    Neu:
    ERNST, Heiko (2011): Das Coming-out der Insichgekehrten.
    Editorial,
    in: Psychologie Heute, Januar

     
           
       

    Weitergeben! (2008).
    Anstiftung zum generativen Leben
    Hamburg: Hoffmann und Campe
    (2013 als Taschenbuch erschienen)

     
       
         
     

    Klappentext

    "Über den tieferen Sinn des Älterwerdens und die Chance, sich geistig jung zu halten, indem man für künftige Generationen sorgt.

    Welche Spuren werde ich hinterlassen? Wie verbinde ich mein Leben mit der Zukunft der Nachgeborenen? Welche Werte kann ich vermitteln? Ein Buch über zentrale Fragen der Babyboomer-Generation, der Menschen, die heute in der Mitte des Lebens stehen. Etwas hervorbringen, das über die eigene Existenz hinausreicht, einen Beitrag zu einer lebenswerten Welt leisten - das ist ein wachsender Wunsch im reifen Erwachsenenalter, aber auch eine Herausforderung in Zeiten des Jugendlichkeitskultes und rasanten Wertewandels. Psychologen nennen diese Fähigkeit Generativität. »Auf der Höhe unseres Könnens und Wissens«, schreibt der Autor, »sollten wir nicht mehr um uns selbst kreisen, sondern damit beginnen, etwas weiterzugeben von dem, was wir selbst in früheren Jahren erhalten haben. Das ist keineswegs reiner Altruismus. Wer hilft, die Welt auf eine gute Zukunft zuzusteuern, schöpft daraus auch für sich selbst Sinn - und in gewisser Weise Unsterblichkeit."

    Inhaltsverzeichnis

    Prolog. Eine kurze Geschichte des Weiterlebens

    1. Am Nachmittag des Lebens. Eine Generation kommt in die Jahre

    Zwischen Jugendlichkeitswahn und Altersphobie
    Weder grateful noch dead
    Die Generation der Alterslosen
    Der Unsterblichkeitskomplex
    Der Sinn des Lebens? Höchste Zeit, ihn zu finden!
    Weltverbesserung, zweiter Teil

    2. Verantwortung für das Kommende. Die Entdeckung der Generativität

    "Unsere Kinder sollen es mal besser haben"
    Acht Stufen bis zur Weisheit
    Das Prinzip "Kinder haben Vorrang"
    Wie wird man generativ?
    Das eigene Schicksal überwinden
    Die eigene Stimme finden: gelungene Identitätsbildung
    Der kulturelle Nährboden der Generativität
    Fortsetzung folgt: Geschichten ohne Ende
    Generativität als Kontinuität
    Wie sich Generativität selbst belohnt
    Wenn Generativität nicht gelebt wird
    Generativität ist soziales Kapital

    3. In der Mitte des Lebens. Wie Erwachsene sind und wie sie sein sollen

    Irgendwo dazwischen: das übersehene Alter
    Den Laden zusammenhalten
    Die "postmaterielle Generation"
    Die wollen nur spielen
    Wahn und Wirklichkeit
    Wie macht man es richtig?
    Der neue Ernst des Lebens
    In der Mitte ankommen
    Das gefühlte Alter - nicht mehr jung, noch nicht alt
    Die Neujustierung der Psyche
    Krise? Welche Krise?
    Zu den Eltern der Eltern werden
    Guten Abend, gute Nacht

    4. Nicht von dieser Welt. Die Arbeit an der Unsterblichkeit

    Sich verewigen: symbolische Unsterblichkeit
    Religion: Hoffnung - die bessere von zwei Alternativen
    Philosophie: die Erfindung der unsterblichen Seele
    Wer hat Angst vorm bösen Tod?
    Die Verleugnung des Todes
    Unsterblichkeitsstrategien aller Art
    Mit dem Schrecken fertig werden
    Unsterblich durch Selbsttranszendenz
    Beachtet werden - für fünfzehn Minuten
    Spuren hinterlassen
    Heroismus und Todesangst
    Liebe und Unsterblichkeit
    Ruf und Nachruf

    5. Nach uns die Zukunft. Auf der Suche nach einer generativen Ethik

    Generativität der alternden Gesellschaft
    Das Bekenntnis zur Nachhaltigkeit
    "Ein ganzes Dorf ist nötig..."
    Clash of generations?
    Ist die Welt noch zu retten, und wenn ja, von wem?
    Pathologien des Generativen
    Krisen der persönlichen Generativität
    Die Krise der biologischen Generativität
    Generativität in der schrumpfenden Gesellschaft
    Kinderlosigkeit - das individuelle Schicksal
    Nichtbiologische Generativität in der Praxis
    Der tiefere Sinn des langen Lebens
    Lohn der Generativität: Weisheit
    Auf dem Weg ins dritte Alter
    Für eine generative Ethik

    Zitate:

    Die Umdefinition der 68er-Generation zur Babyboomer-Generation

    "In Deutschland sind die geburtenstarken Nachkriegsjahrgänge, die sogenannten Babyboomer, in die Zielgerade ihres Lebenslaufes eingebogen. (...)
    Die Jahrgänge zwischen 1946 und 1964 gelten unter Soziologen als die erste »postmaterielle Generation«: Aufgewachsen im erblühenden Wohlstand de Nachkriegsjahre, blieb sie frei von größeren existentiellen Sorgen und somit auch frei, neue Lebensstile und Ideen zu erproben und neue Werte zu propagieren und zu leben. Um diese Freiheiten zu nutzen, war ein bewusster Bruch mit der Elterngeneration notwendig. Jedenfalls fiel dieser Bruch in Deutschland heftiger aus als frühere und eher rituell vollzogene Brüche zwischen den Generationen. Der mitunter manisch-gewalttätige Rigorismus (...), und ihre erklärte Absicht, die bürgerliche Familie zu zerschlagen, seien ein Ausdruck tiefer eigener Verunsicherung, ja Schuld gewesen, urteilt der Psychoanalytiker Reimut Reiche. Es war der Versuch, die familiären Prägungen, die historisch schwer belastete Herkunft abzuwerfen und sich - quasi als antiautoritärer Gegenentwurf zu den eigenen Eltern - neu zu erschaffen.
    Dieser Versuch (...) prägt das Leben der heute Erwachsenen in einem noch weitgehend unbegriffenen Maße: Keine Generation hat später geheiratet oder überhaupt feste Bindungen gesucht, keine hat ihre Kinder in einem höheren Alter bekommen, keine hat sich häufiger scheiden lassen.
    Der Generationenbruch nahm in Deutschland die Gestalt einer politisch-ideologischen Abrechnung mit den Eltern an".
    (2008, S.18f.)

    Der Schrecken der alterslosen Generation

    "»Forever Young« hieß ein Song der Gruppe Alphaville in den achtziger Jahren, er wurde zur Chiffre für ein Lebensgefühl. In den westlichen Industrieländern inszenieren die Babyboomer ihr Altern und ihren unvermeidlichen Abgang von der Bühne besonders dramatisch. »Baby Boomers Want Less Pain and More Grace before that Night« - so lautete der Titel eines Berichts in der New York Times."
    (2008, S.22)

    "Droht eine Gesellschaft, die von psychischen Dorian Grays und Peter Pans bevölkert ist oder von Hobbits, denen die Unsterblichkeit gegeben wurde, die aber damit nichts anzufangen wissen? Der Traum von der ewigen Jugend könnte albtraumhafte Züge annehmen: Starben die Menschen in früheren Epochen häufig »vor ihrer Zeit«, so könnte man in Zukunft immer häufiger auf Menschen treffen, die sich sozusagen selbst überlebt haben, weit über »ihre Zeit« hinaus."
    (2008, S.23)

    "Die Biografie wird zum Gegenstand philosophischer oder auch hedonistischer Betrachtungen: Was habe ich versäumt? Was kann ich mir noch Gutes tun? Wer aus dieser Denkschleife nicht herausfindet, endet schlimmstenfalls in einem senilen Narzissmus (...).
    Die zeitgemäße Gestalt dieses Denkens ist der Kult um die »goldenen Jahre«, den ein Teil der jetzigen Rentnergeneration treibt: Es ist das Schreckensbild auftrumpfender Senioren, die ihre Renten und Ersparnisse in endloser Freizeit verzehren."
    (2008, S.24f.)

    "»Die Menschen in Deutschland wünschen sich, dass sie ganz früh in Rente gehen und dann ganz lange eine ganz hohe Rente beziehen«, fasste Bernd Raffelhüschen (...) die Ergebnisse einer 2007 durchgeführten Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung bei noch aktiven Arbeitnehmern über ihre Erwartungen zu Ruhestand und Rente zusammen. (...). Die heute Erwerbstätigen wollen einer repräsentativen Umfrage zufolge nach der Pensionierung noch zehn Jahre lang »richtig genießen«. Sie wollen reisen, Sport treiben, ihren Interessen nachgehen. Erst dann, mit einundsiebzig bis fünfundsiebzig Jahren, rechnen sie damit, sich alt zu fühlen".
    (2008, S.27)

    Die Angst vor dem demografischen Wandel

    "In kaum einem anderen Land fürchtet sich die Bevölkerung so sehr vor dem demografischen Wandel wie in Deutschland. In düsteren Fernsehfilmen wie Der Aufstand der Alten (ZDF, 2007) wird eine grauenvolle Zukunft heraufbeschworen, verarmte, abgeschobene, ausgegrenzte Alte in einer zynischen Welt, die mit der Überalterung der Gesellschaft und dem Pflegenotstand nicht fertig wird und sogar vor Euthanasieprogrammen nicht zurückschreckt."
    (2008, S.26f.)

    Generativität als neue gesellschaftliche Pflicht für die jungen Alten

    "Das verlängerte Leben mit seinen »Bonusdekaden« nach fünfzig sollte kein Selbstzweck, kein windfall profit der verbesserten Gesundheitsvorsorge und Medizintechnik sein. Die geschenkten Jahre könnten es uns ermöglichen, neue Qualitäten an uns und in uns zu entdecken, die nur mit dem Alter entdeckt und entwickelt werden können - wie Weisheit, Gelassenheit, Selbstdistanz. Und vor allem ist der Sinn der »besten Jahre« die unverändert nötige Fürsorge für die, die nach uns kommen:
    Das ist die These dieses Buches: Im zweiten Lebensdrittel muss das dritte vorbereitet werden, und das nicht nur durch gesundheitliche und finanzielle Vorsorge. Die neue, wichtige, vielleicht die wichtigste aller Lebensaufgaben steht an: Generativität. Sie ist die Brücke zwischen dem eigenen Leben als Erwachsener und der letzten Lebensphase, dem Altern, vor allem aber zwischen den Generationen. Deshalb ist diese zentrale Lebensaufgabe alles andere als ein egozentrisches Projekt."
    (2008, S.29)

    Formen der Generativität

    "Die Sorge um das Wohlergehen künftiger Generationen zeigt sich auf unterschiedlichen Feldern. Der Lebenslaufforscher John Kotre unterscheidet biologische, elterliche, technische und kulturelle Generativität. Die biologische äußert sich in dem Streben nach leiblichen Nachkommen, sie umfasst den Zyklus von Fortpflanzungswunsch, vom Zeugen und Gebären eigener Kinder. Die biologische muss in die elterliche Generativität münden: Kinder müssen aufgezogen, behütet, unterstützt und schließlich in die Autonomie ihres eigenen Lebens entlassen werden. Die technische Generativität besteht im Kern in der Bildung und Ausbildung der nachwachsenden Generation, um sie zukunftsfähig zu machen. Und die kulturelle Generativität organisiert die Weitergabe von kulturellen Werten, Schätzen und Sinnsystemen."
    (2008, S.42f.)

    Der Psychoanalytiker Erik H. Erikson und der Begriff der Generativität

    "Ge-ne-ra-ti-vi-tät: Der sechssilbige, etwas sperrige Begriff ist aufs Engste mit dem Namen des dänisch-amerikanischen Psychoanalytikers Erik Homburger Erikson verknüpft. Generativität war seine Wortschöpfung für eine alte, vielleicht die älteste Idee der Menschheit. Erik Erikson prägte den Begriff 1950, als er in seinem bahnbrechenden Buch Kindheit und Gesellschaft eine neue Theorie der menschlichen Lebensspanne vorstellte. Mit dieser Theorie weitete Erikson den Blick auf das gesamte Leben".
    (2008, S.43)

    "Eriksons Vorstellung vom menschlichen Lebenszyklus ist stark von biologischen Entwicklungsmodellen beeinflusst. Seine Wortschöpfung »Generativität« umschreibt er als »zeugende und kreative Fürsorge«. Sie steht für eine anthropologische Konstante: Wenn das Ziel der Evolution die Weiterentwicklung des Lebens und seine optimale Anpassung an veränderte Umwelten ist, dann brauchen Menschen so etwas wie einen ontogenetischen Instinkt, einen natürlichen Impuls, um diese Entwicklung voranzutreiben. Diese Höherentwicklung ist der Sinn des Lebens. (...).
    Dieser Fortschritt ist ein störungsanfälliger Prozess, gelegentlich sogar um Stufen zurückfallender Prozess, aber nichtsdestotrotz eine prinzipielle Höherentwicklung des Daseins. Heute hat das eher defensive Prinzip der Nachhaltigkeit in Ökosphäre und Wirtschaft dem Glauben an ein Höher und Weiter den Rang abgelaufen. Nachhaltigkeit ist das zeitgemäße Überlebensprinzip schlechthin. Generativität könnte man als das psychologisch-kulturelle Äquivalent zur physischen Nachhaltigkeit ansehen. Aber sie ist mehr als das. Sie sichert nicht nur den Erhalt, sie zielt auf die Verbesserung der zivilisatorischen Errungenschaften, der Kultur und damit der Lebensbedingungen künftiger Generationen."
    (2008, S.45f.)

    Biologische Generativität und ihr Scheitern

    "Aus stabiler Identität und gelingender Intimität kann schließlich Generativität entstehen. Das beginnt mit der biologischen Elternschaft, aber das bloße In-die-Welt-Setzen von Kindern ist für sich genommen noch nicht generativ: Kinder sind weder Leistung noch Eigentum, auch keine Erweiterung es Ichs. Deshalb sind Besitzansprüche oder überspannte Erwartungen an das »Erlebnis Kind« antigenerativ. »Ein Kind zu kriegen ist in dieser Gesellschaft meist keine logische Entwicklung eines Frauenlebens mehr, sondern ein per unterlassener Empfängnisverhütung gesteuerter Beitrag zur selbstverwirklichten Biografie. Daran ist ironischerweise auch die Mein-Bauch-gehört-mir-Frauenbewegung schuld, die 'bewusste Mutterschaft' als weibliche Kernkompetenz besetzte, um sich als moralisch bessere Menschen von der patriarchalen, berechnenden Karrierewelt der Männer abzuheben«, schreibt Karina Lübke in ihrem Essay Die Kinder-Kriegerinnen."
    (2008, S.61f.)

    Wahre Generativität erfordert ein Mindestmaß an Selbstlosigkeit, aber auch Realismus und Nachsicht gegenüber der eigenen Unvollkommenheit."
    (2008, S.63)

    Generative Kulturen

    "Was macht eine Kultur zur »generativen Kultur«, und wann erfüllt eine Kultur die Aufgabe ihrer Selbstverewigung nicht? Der Generativitätsexperte John Kotre illustriert den Unterschied an zwei historischen Beispielen aus der frühen amerikanischen Geschichte: Er stellt die Virginier gegen die Neuengländer (die Puritaner). Die Ersteren waren Abenteurer, Händler und Söldner, die Letzteren religiöse, familienorientierte Farmer.
    (2008, S.72)

    Formen der Nicht-Generativität

    "Der vorzeitige Rückzug in Altersreservate und das willentliche Vermeiden von Kontakten zu Jüngeren, wie es etwa in vielen der gated communities, der luxuriösen Altengettos, bereits üblich ist, kann als Symptom von nichtgenerativem Altersegoismus gedeutet werden."
    (2008, S.94)     

    Das Erwachsenenleben als wissenschaftliches Thema

    "Das Erwachsenenleben ist erst seit etwa zwei Jahrzehnten ein großes Thema für Psychologie und Sozialwissenschaften, aber auch für Literatur und Kunst geworden. Dafür hat vor allem die Generation, der zwischen 1946 und 1964 Geborenen gesorgt."
    (2008, S.104f.)

    Stiften als eine Form der Generativität

    "Ein Teil der Babyboomer-Generation in Deutschland kommt derzeit in den Genuss gewaltiger Erbsummen - die Gründergeneration des deutschen Wirtschaftswunders vermacht ihren Kindern ihren Reichtum. (...). Der Sozialhistoriker Jürgen Kocka schreibt: »Nie gab es in Deutschland so viele wohlhabende Menschen wie heute. Nie gab es in Deutschland so viele kinderlose Paare wie heute. Beides sollte das Stiften beflügeln. Denn ein wenig können Stiftungen das bewirken, was in anderer Weise eine reiche Nachkommenschaft ermöglicht: Wirksamkeit über den Tod hinaus, Weiterleben in der Erinnerung anderer.«"
    (2008, S.211f.)

    Pathologische Generativität

    "Der Zusammenhang zwischen selektiver Generativität und der damit verbundenen Ausschließung wird zum Problem, wenn eintritt, was Erikson pseudo-speciation nannte (...). Diese pervertierte Generativität gibt sich beispielsweise in rassistischen oder moralischen Vorurteilen gegenüber Randgruppen zu erkennen."
    (2008, S.217)

    Die Krise der biologischen Generativität und die Generativität höherer Ordnung

    "Der Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen urteilt hart und flapsig: »Die heutigen Erwerbstätigen haben nicht die doppelte Bringschuld erbracht. Was das Arbeiten betrifft - gut. Aber bei den Kindern, da war tote Hose.« Trotz einer kleinen Trendwende gilt als gesicherte Tatsache: Die nächsten Generationen werden deutlich kleiner sein als die der Babyboomer. Der Anteil der unter Zwanzigjährigen wird bald nur noch fünfzehn Prozent der Gesamtbevölkerung betragen. Die Mehrheitsverhältnisse zwischen Jung und Alt kehren sich um, die Alterspyramide steht kopf.
    Was bedeutet das Ideal der Generativität noch in Zeiten sinkender Geburtenraten? (...).
    Die Angst vor dem Aussterben ist in der Moderne nicht so neu. Schon 1924 schrieb Alfred Döblin in seinem Roman Berge Meere und Giganten sehr hellsichtig über die Aussterbens- und Überfremdungsängste der Europäer (...).
    Einige Jahrzehnte später sah sich Günter Grass in der Rolle des Untergangsprotokollanten. In Kopfgeburten oder Die Deutschen sterben aus spinnt er 1980 eine Fantasie des Verschwindens aus. (...).
    Gegen die Verabsolutierung des Biologischen hat Erikson immer wieder hervorgehoben: Generativität ist eine Tugend, die nicht der biologischen Erfüllung bedarf, sie kann auch ohne eigene Nachkommen gelebt werden. Die genetische Unsterblichkeit wird bei einer wachsenden Zahl von Menschen durch eine symbolische ersetzt werden. Die demografische Entwicklung lenkt uns auf die nichtbiologischen Formen von Fürsorge, eigentlich sogar auf eine Generativität »höherer Ordnung«."
    (2008, S.225ff.)

    "Der Soziologe Karl Otto Hondrich sieht im Geburtenrückgang sogar einen »Glücksfall für unsere Gesellschaft« und kommt zu dem Urteil »Weniger sind mehr.« (...).
    Mit dem Hinweis auf die geringere Fortpflanzungsbereitschaft der sogenannten Bildungseliten im Vergleich zu bildungsferneren Schichten wird durchaus Alarm geschlagen. Aber vielleicht sind in diesem Geburtenrückgang eher Selbststeuerungskräfte der Gesellschaft am Werk, vielleicht sogar Selbstheilungskräfte des Systems Familie? Sie ist keineswegs ein »Auslaufmodell«: Es gibt deutliche Anzeichen dafür, dass dieses gesellschaftliche Teilsystem auf seine Selbsterhaltung abzielt, indem es sich verkleinert. Wahrscheinlich haben wir es mit einem Gesundschrumpfen zu tun, das letzlich dem großen Ganzen zugutekommt."
    (2008. S.228f.)

    Die Erweiterungen der Kernfamilien als neuer Trend

    "Die Verringerung der Zahl von Kernfamilien erzeugt einen neuen Trend: ihre horizontale Erweiterung durch Verwandtschaft, Wahlverwandtschaften und enge Freundschaftsbeziehungen. Neue familiäre Modelle und Lebensformen entstehen, deren Merkmal die generative »Verbundenheit auf Distanz« ist. Neben diese horizontale Erweiterung von Familien und familienähnlichen Strukturen entsteht eine neue vertikale Familienstruktur: Das Phänomen der »Bohnenstangenfamilien« bezeichnet Familienwachstum durch Lebenslänge: Zwar haben die Kinder heute weniger Geschwister denn je, aber sie kennen viel mehr ihrer Großeltern oder sogar Urgroßeltern. Und mehr als zuvor werden Cousinen und Cousins, Onkel und Tanten, Neffen und Nichten »zur Familie gemacht« und einbezogen."
    (2008, S.231)

    Kinderlosigkeit

    "Die Babyboomer-Generation hat besonders häufig auf sehr persönliche Gründe - und das heißt auch: auf eigene Kindheitserfahrungen und familiäre Konflikte - zurückgegriffen, um ihre generative Verweigerung zu erläutern. Der Schriftsteller Peter Roos hat sogar eine Anthologie herausgegeben, in der Vertreter seiner Generation ihr Kinderlosigkeit erklären. (...).
    Nichteltern bewahren sich länger als Eltern eine jugendliche Identität. Die geringere Belastung in den mittleren Erwachsenenjahren ermöglicht es ihnen, Karriere zu machen, sich gesünder, sportlicher zu erhalten, sich mehr umzutun, zu reisen etc. Sie wirken äußerlich jünger. (...).
    Konfrontiert mit dem eigenen Altern, erkennen die Kinderlosen: Sie müssen sich Zuwendung und Pflege kaufen.
    Die kinderlosen Alten sind also ganz auf die Kinder von anderen angewiesen. Sie wandeln in ihren letzten Lebensjahren oft auf dem schmalen Grat zwischen Vereinsamung und erkaufter Zuwendung. Dies ist der Preis für die Entlastung in ihren mittleren Jahren. Immerhin können sie sich damit trösten, dass auch die biologischen Eltern im Alter immer öfter enttäuscht werden - wenn sie ins Heim müssen, weil die Kinder keine Zeit und Energie mehr aufbringen, sie zu umsorgen. Der Unterschied im Glück von Alten mit und ohne Kinder verschwindet dann schnell. (...).
    Kinderlosigkeit und Kindermangel lassen sich durch neue Formen der Generativität ausgleichen: Der Umgang mit Jüngeren wird aufrechterhalten, wenn man sich entsprechend engagiert und vorsorgt. Die generativen Impulse können und müssen rechtzeitig »umgewidmet« werden."
    (2008, S.233f.)

    Das dritte Alter der jungen Alten

    "Die Idee eines »dritten Alters«, »le troisième age«, hat Simone de Beauvoir zuerst formuliert. Es eröffnet eine neue Ära der menschlichen Evolution. Aber worin könnte der Sinn und Zweck der hinzugewonnenen Jahre liegen? (...).
    Der Sinn des langen Lebens besteht darin: Es ist die Zeit, etwas zurückzuzahlen für all das, was man an Lektionen, Erfahrungen und Ressourcen von der Gesellschaft erhalten hat. In dieser Betrachtungsweise sind die Älteren nicht mehr nur bestaunte Sonderfälle, mitunter auch lästige Kostgänger oder Außenseiter, sondern lebendige Brücken zwischen dem Gestern, dem Heute und dem Morgen. Sie übernehmen eine wichtige evolutionäre Aufgabe, die keine andere Altersgruppe erfüllen kann. Der Gerontologe Charles Fahey von der Fordham University benutzt dieses Bild: »Die Menschen im dritten Alter sind der Leim, der die Gesellschaft zusammenhält, nicht ihre Asche.«"
    (2008, S.244ff.)

     
         
     
           
         
       

    Das Konzept der Generativität in der Debatte

    MEISEL, Gerhard (2001): Wenn die Biodesigner sprechen.
    John Kotre fragt nach der menschlichen Biographie,
    in: Tagesspiegel v. 11.08.

    John KOTRE, ein Psychologieprofessor an der University of Michigan hat ein Buch mit dem Titel Make it count (deutsch: "Lebenslauf und Lebenskunst - Über den Umgang mit der eigenen Biographie", Hanser Verlag) geschrieben, in dem das Konzept der Generativität des Psychoanalytikers Erik H. ERIKSON eine zentrale Rolle spielt.

    Die Vorstellungen des Lebenszyklus-Modell von ERIKSON waren bis in die 1970er Jahren unumstritten. Erst mit dem Aufkommen der US-amerikanischen Single-Bewegung gerieten die normativen Annahmen des Konzeptes - das nur die klassische Kleinfamilie als normale Lebensform von Erwachsenen anerkannte - in die Kritik.

    Peter STEIN & Henry ETZKOWITZ ("The Life Spiral. Human Needs and Adult Roles", 1978) stellten dem Lebenszyklus-Modell das Konzept der Lebensspirale ("Life Spiral") entgegen. Die Vorstellungen von der Lebensspirale rechtfertigen im Gegensatz zu ERIKSON das Modell der "sexuellen Monogamie" und das Alleinleben:

    "The life spiral is a nonlinear definition of the life span. It enables us to view individuals woh choose alternate paths of life not as deviants (their definition under stage theory) but as conscious actors who occupy new roles in one or more areas of life."

    Wenn KOTRE an das ERIKSONsche Konzept der Generativität anknüpft und es für die Altersphase fruchtbar macht, dann sollen damit die Merkmale des männlichen Erwachsenenlebens auf die Altersphase ausgedehnt werden:

    "Generativität, also kreatives Weitergeben statt Ruhestandsphantasien heißt die Aufforderung Kotres".

    Das Konzept dient in diesem Sinne dem "demographischen Umbau der westlichen Gesellschaften", wie MEISEL schreibt.

     
       

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    Bernd Kittlaus
    webmaster@single-generation.de Erstellt: 15. August 2014
    Update: 20. August 2015