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Martina Meister: Frankreich als familienpolitisches Vorbild

 
       
   
  • Kurzbiographie

    • 1964 geboren
    • lebt in Paris
 
       
   
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    Martina Meister in ihrer eigenen Schreibe

     
       

    MEISTER, Martina (2000): Schöner schuften.
    Sie fühlen sich nur auf der Arbeit ganz zu Hause: die "Yetties". Für die neuen Workaholics gibt es Anerkennung allein im Job - Beziehungen sind eine Frage des Zeit-Managements,
    in: Frankfurter Rundschau v. 29.07.

    Die New Economy, ihre Folgen für die Sozialintegration und das neue Menschenbild vom flexiblen "Yettie"

    MEISTER, Martina (2001): Wo geht's denn hier zur Ethik?
    Mit biblischer Metaphorik zum besseren Menschen oder die Wiederkehr großer Erzählungen: Zur Konjunktur von Ethik, Benimm und Anstand
    in: Frankfurter Rundschau v. 23.08.

    MEISTER stellt einen Zusammenhang zwischen den ethischen Abhandlungen zur Biotechnologie, der Konjunktur von Benimmbüchern bzw. Ratgebern (z.B. Susanne GASCHKEs Erziehungskatastrophe) und der Abrechnung mit den 68ern her:

    "Allesamt und auf ganz unterschiedliche Art sind sie Ausdruck der Abrechnung mit der 68er-Generation, die in diese Umbruchsphase ungeahnter Herausforderungen durch die Gentechnik fällt, was übrigens einzig in Houellebecqs Elementarteilchen explizit miteinander verquickt wird: die Abrechnung mit der Revolution und die Hoffnung auf die (technische) Evolution der Gattung. Vergessen ist jetzt die verdienstvolle Infragestellung überkommener Regeln. Übrig bleibt von der Revolte gegen die Täter-Väter aus heutiger Sicht nur noch die Tatsache, dass ein Trümmerhaufen gesellschaftlicher Regeln hinterlassen wurde, aus dessen Scherben nun wieder das Gefäß der Moral zusammengeleimt werden soll. (...) Das Heilsversprechen der Gentechnik, die Aussicht auf Abschaffung von Krankheit, Alter, Leid und jeglicher Imperfektion, ist die Einlösung des alten, paradiesischen Glücksversprechens. Auf diese Weise beerbt die Gentechnik die Eschatologie. Und das Kanzlerwort von der 'Ethik des Heilens und Helfens' war eines, das von der Kanzel kam.
    Allerdings will der Mensch nicht länger Objekt, sondern Subjekt des Versprechens sein (...). So oder so wird weiter an der 'großen Erzählung' gestrickt, an der von Befreiung, ja Erlösung des Menschen, diesmal durch sich selbst."

    Der neue Skandalroman "Plateforme" von Michel HOUELLEBECQ

    MEISTER, Martina (2001): Le Porno chic.
    Frankreichs neue erotische Literatur ist wie die Nouvelle Cuisine: Weniger Sauce und am Ende bleibt man hungrig
    in: Frankfurter Rundschau v. 22.11.

    Martina MEISTER kämpft mit Existenzialismus, Richard SENNETTs Tyrannei der Intimität und Michel HOUELLEBECQs Plateforme gegen die neue "Emanzenliteratur" von Cathrine MILLET & Co.

    MEISTER, Martina (2003): Kernseifenoper im Aldi-Format.
    Heute mal was Positives: Wie die Medien die Armutsfantasien durchspielen,
    in: Frankfurter Rundschau v. 21.01.

    Für Martina MEISTER ist nicht mehr der Single der Pionier der Moderne, sondern die Sparfamilie ist der Pionier der neuen Sparmoderne:

    Die Familie Boro aus dem Schwarzwaldhaus und die  Pfeiffers aus der neuen BZ-Serie "sind (...) ein Beleg dafür, dass es, der Krise sei Dank, nicht mehr einzig und allein um die Anhäufung und Ausstellung materieller Werte geht. Die Erfindung und mediale Vermarktung dieser Familien lösen den smarten Single ab, der sich einbildete, »in sieben Jahren die erste Million« zusammen zu haben. Die Illusionen der New Economy, die wie Seifenblasen in den büroeigenen Whirlpools zerplatzt sind, finden ihre Fortsetzung in dem Fotoroman mit Seifenoperstatus."

    Um zu dieser Erkenntnis vorzudringen hat MEISTER einen Streifzug durch die Positive-Thinking Feuilletons der Neuen Mitte-Presse unternommen (wobei sie die Sylvester-Ausgabe mit der ersten Ausgabe des Tagesspiegel im neuen Jahr verwechselt) und das einsame Gegenstück der FAZ mit ihrer Liste der 426 Ängste entdeckt. MEISTER schließt sich bei der Vermittlung der Krise der Lesart von single-generation.de an:

    "Während überspitzt ausgedrückt die Zahl der Todesanzeigen die des Stellenmarktes übersteigt und etliche Zeitungen um die eigene Existenz bangen müssen, generieren sie neue Spielarten der Vermittlung der Krise, die, weil sie auch Selbstkrise ist, sich ausnahmsweise jedem Zynismus widersetzt."

    MEISTER sieht jedoch einen Hoffnungsschimmer. In der Sicht des "mentalen Kapitalismus" (Georg FRANCK) könnten die Medien als Gewinner aus der gegenwärtigen Krise hervorgehen:

    "Monika Pfeiffer wird mit Sicherheit keine Kenntnis von den Theorien der neuen Aufmerksamkeitsökonomie haben, aber sie weiß sehr wohl um den Paradigmenwechsel. (...).
    Zu dem neuen Kapital, das sie mit »Gesundheit, Liebe, Glück« beschreibt, dürfen wir die 52 wöchentlichen Auftritte in »Berlins größter Zeitung« hinzurechnen. Sie ist es, die unsere Sparfamilie reich machen wird. Die Zinsen freilich fallen erst einmal bei den Medien selbst an: An euren Einschaltquoten und Auflagen sollt ihr euch messen lassen."

    MEISTER, Martina (2003): Zurück in den Kreißsaal.
    Der medial inszenierte Baby-Boom verhält sich umgekehrt proportional zur Geburtenrate,
    in: Frankfurter Rundschau v. 16.07.

    "Der medial inszenierte Baby-Boom, das ist seine innere Logik, verhält sich umgekehrt proportional zu den Geburtenraten. Man kann es auch so formulieren: Es steht mit dem Verhältnis von Bildern und Berichten über Schwangere zu den wirklichen Geburten wie um das Verhältnis vom Prenzlauer Berg zum Rest der bundesrepublikanischen Welt: Inmitten des unfruchtbaren Landes findet sich ein kleines, phantastisches Eiland segensreicher Vermehrung",

    behauptet Martina MEISTER und versucht sich im Kampf ums Überleben auf dem Zeitungsmarkt gegenüber der Springer-Presse abzugrenzen. "Die Statistik spricht die wahre Sprache", während Medien inszenieren! Wie naiv muss eine Journalistin sein, um so etwas zu behaupten?

    Geburtenraten müssen INTERPRETIERT werden! Und diesen Spielraum der Interpretation nutzen Polarisierer, die wie MEISTER das Aussterben herbeiphantasieren. Nicht nur Arbeitslosenstatistiken werden geändert, auch die Erfassung und Erfassbarkeit von Geburten unterliegt historischen Veränderungen. Um den Wert statistischer Daten einschätzen zu können, empfiehlt sich Jürgen LINKs Versuch über den Normalismus. Dort wird die Produktion von Normalität in einer zahlengläubigen Gesellschaft erörtert. Die Veröffentlichung statistischer Daten zur Bevölkerungsentwicklung ist Teil postmoderner Normalitätsproduktion.

    Dass hierüber bislang keinerlei Forschung existiert, sagt etwas über die Machtverhältnisse in dieser Republik aus, aber nichts über die Wahrheit der statistischen Sprache.

    EMMA-Dossier: Neue Väter - verzweifelt gesucht.
    Mütter träumen von Agassi & Co

    MEISTER, Martina (2003): Der virtuelle Baby-Boom
    - die kinderlose Realität.
    Von Susan Faludi kommt der treffende Satz: "Trendstories sind keine Artikel, sondern Predigten." Will sagen: In Trendstories wird nicht geschrieben, was ist, sondern was sein soll. So propagieren Medien und Werbung zunehmend schriller die Lüge vom Baby-Boom, die potenziellen Mütter aber halten sich immer fester die Ohren zu,
    in: Emma, November/Dezember

    MEISTER, Martina (2004): So natürlich wie Babys kriegen.
    Mutterglück auf Französisch: Die Journalistin verbindet Beruf und Familie,
    in: Frankfurter Rundschau v. 10.05.

    MEISTER, Martina (2004): Bonjour Paresse.
    Frankreich auf der Suche nach der verlorenen Faulheit,
    in: Frankfurter Rundschau v. 15.10.

    Martina Meister geht u.a. der Frage nach, ob es in Frankreich und Deutschland unterschiedliche Arbeitsethiken gibt:

    "Eine mögliche Erklärung für das Auseinanderdriften in Faulheitsapologeten einerseits und Stehaufmännchen des Neoliberalismus andererseits gibt der französische Sozialwissenschaftlicher Patrick Fridenson: Im katholischen Frankreich sei Arbeit im Gegensatz zu protestantischen Ländern immer als Bestrafung empfunden worden. Die katholische Kirche habe sogar eine Schlüsselrolle gespielt beim Kampf der Arbeiter um mehr Freizeit. In protestantischen Ländern hingegen habe man Arbeit als etwas begriffen, durch das sich das Individuum notwendig selbst erst erschafft.
    Dem widerspricht die
    Berliner Initiative der Glücklichen Arbeitslosen, die ganz ungermanisch einen antikapitalistischen Optimismus propagiert. Nur: Gegründet hat sie ein Franzose. Vielleicht ist es auch nur die deutsche Fähigkeit zum Selbstmitleid und die Liebe zum Lamento, weshalb wir uns so perfekt in die Rolle der Opfer des Neoliberalismus einfinden und weitere Opfer bringen wollen. Eine andere Option ist, die Revolution nur noch zu simulieren. Ganz à la française."

    MEISTER, Martina (2005): Aisé und aidé.
    Die Musealisierung von Paris,
    in: Frankfurter Rundschau v. 19.01.

    MEISTER berichtet u.a. über das Buch Sociologie de Paris der Soziologen Michel PINCON & Monique PINCON-CHARLOT. Das Bobo-Establishment könnte in Paris Opfer ihrer eigenen Politik werden, d.h. die ehemaligen Verdränger (Gentrifier) werden nun selber aus den schicken Quartieren verdrängt:

    "Nachdem die Arbeiterklasse erfolgreich in die Vorstädte verdrängt wurde, machen sich Urbanisten und Stadtpolitiker nun Sorgen um das Verschwinden der Mittelklasse. Aisé oder aidé, wohlhabend oder unterstützt, das werden die Klassen sein, die übrig bleiben, prognostiziert Jean-Yves Mano, Wohnungsbausenator im Pariser Rathaus.
    Der Grund für die geballte Immobilienspekulation sind die ins Unglaubwürdige geschossenen Immobilienpreise, die sich seit Mitte der Neunziger Jahre verdoppelt haben. (...). So trifft es zum ersten Mal die so genannten Bobos, die Bourgeois-Bohemien, die zwar in der Lage sind, gepfefferte Mieten zu bezahlen, aber in der Regel nicht über Generationen so wohlhabend geworden sind, dass sie einen Wohnungskauf über mehr als eine Millionen Euro finanzieren könnten."

    MEISTER, Martina (2005): Der dreiundzwanzigste Klon.
    Vom Olymp direkt in die Abendnachrichten: Michel Houellebecqs neuer Roman "Die Möglichkeit einer Insel",
    in: Frankfurter Rundschau v. 25.08.

    Martina MEISTER kennt keine Gnade:
    • "Es geht, kurz gesagt, um die Abschaffung der Menschheit. Um einen Roman, getaucht abwechselnd in das grelle Licht Spaniens, das fahle der Endzeit, bevölkert von Clowns und Klonen, von Neomenschen und Neandertalern, ein Buch, das von der Unmöglichkeit der Liebe handelt, von Sex und Sekten, eine moderne Version der biblischen Apokalypse des Buches Daniel, an das schon die Kapitelüberschriften erinnern, angesiedelt irgendwo auf der Grenze zwischen Science Fiction, philosophischer Erzählung und porno chic. Was Houellebecq vorab als sein wichtigstes Buch angekündigt hat, ist sein schwächstes. Ein erneuter Aufguss seiner Themen, zusammengequirlt nicht unter dem Druck des Leids, sondern unter dem eines bereits eingestrichenen Honorars."
    Was MEISTER nicht erwähnt: Houellebecq ist nicht nur kinderfeindlich, sondern kinderlosenfeindlich.

    MEISTER, Martina (2005): Der Fall und die Landung.
    Die französischen Intellektuellen verhalten sich zu den Krawallen noch immer recht schweigsam,
    in: Frankfurter Rundschau v. 17.11.

    Martina MEISTER sieht in der Misere der französischen Vorstädte den Offenbarungseid der politischen Klasse der Alt-68er. In der FR liest sich das so:

    "Wo ist beispielsweise Bernard-Henri Lévy? Er sitzt in seinem museumsgroßen Appartement am Pariser Boulevard Saint-Germain".

    Im Tagesspiegel darf MEISTER deutlicher werden:

    "Wo ist beispielsweise Bernard-Henri Lévy, der als Geschäftsreisender in Sachen Menschenrechte im blütenweißen Hemd an jedem Krisenherd dieser Erde steht? Er sitzt in seinem museumsgroßen Appartement am Pariser Boulevard Saint-Germain".

    Für die in Paris lebende Martina MEISTER ist der Blick von in Paris lebenden Ausländern schonungsloser. Sie lobt z.B. Michael KLEEBERG.

    MEISTER, Martina (2005): Hochmut kommt nach dem Fall.
    Lange schwiegen Frankreichs Intellektuelle. Jetzt sehen sie die Republik in Gefahr,
    in: Tagesspiegel v. 17.11.

    MEISTER, Martina (2006): Das Modell Frankreich.
    Berufstätige Mütter sind jenseits des Rheins ebenso eine Selbstverständlichkeit wie eine kontinuierlich steigende Geburtenrate,
    in: Frankfurter Rundschau v. 25.01.

    Martina MEISTER verteidigt das französische Modell der Vereinbarkeit von Beruf und Familie mit überhöhten Zahlen zur deutschen Akademikerinnenkinderlosigkeit, während die französische Geburtenrate in allzu rosigen Tönen erscheint.

    Die Sozialstatistiken von Deutschland und Frankreich sind nicht vergleichbar, da sie auf einem anderen Bevölkerungskonzept beruhen. Die Folge: die Geburtenrate der deutschen Frau ist mit 1,4 zu niedrig, die der französischen Frau mit 1,94 zu hoch angesetzt.

    Die Ursachen liegen in unterschiedlichen Timingeffekten, anderen Abgrenzungen zwischen Ausländern und Inländern (bedingt dadurch, dass Angehörige der ehemaligen französischen Kolonien als Franzosen gezählt werden) sowie der deutschen Weigerung, Kinder pro Frau statt pro lebenslanger Ehe zu erfassen.

    MEISTER, Martina (2006): Keine Rabenmutter.
    35 Jahre Abtreibungsbekenntnis,
    in: Frankfurter Rundschau v. 05.04.

    Martina MEISTER erinnert daran, dass freiwillige Kinderlosigkeit für Frauen erst seit 35 Jahren selbstverständlich ist:

    "Angesichts der neuen, subtilen Mutterkreuzideologie, die in Deutschland Einzug hält, scheint der Kampf um das Recht auf Abtreibung Lichtjahre zurück zu liegen. Umso mehr muss daran erinnert werden, dass die Freiheit, nicht Mutter werden zu wollen, so alt nicht ist. Tatsächlich wirkt es aus der französischen Ferne aus betrachtet, als stünden deutsche Frauen, die keine Mütter sind, keine sein können oder sein wollen, kurz vor der sozialen Ächtung in Deutschland."

    MEISTER, Martina (2006): Am Grabmal des Intellektuellen.
    Frankreich fragt sich, ob seine linken Vordenker von einst zu Rechten mutiert sind. Eine aktuelle Bestandsaufnahme,
    in: Frankfurter Rundschau v. 08.04.

    Anlässlich des Gedenkens an 30 Jahre Neue Philosophen skizziert Martina MEISTER die Debatte um die französischen Intellektuellen:

    "Alles begann im Jahr 1976. Die Zeitschrift Nouvelles Littéraires setzte den Begriff der »nouveaux philosophes« in die Welt. Ihr Chefredakteur hatte sich gewissermaßen selbst auf die Titelseite gehievt. Es war kein anderer als der junge Lévy persönlich. Wenige Monate später saß er gemeinsam mit Glucksmann in der berühmten Fernsehsendung Apostrophes. Titel des Abends: »Sind die neuen Philosophen rechts oder links?«
              
    Dreißig Jahre später hat diese Frage an Aktualität nichts eingebüßt, nur fällt die Antwort heute viel eindeutiger aus. Die neuen Philosophen sind rechts. Aber wie rechts eigentlich?
              
    (...).
    Ende vergangenen Jahres brachte das Nachrichtenmagazin Le Nouvel Observateur einen Titel zu den neuen Reaktionären heraus, »Les Neo Reacs«
    . (...).
    Doch die Neo-Reaktionäre sind so neu nicht. Bereits vor drei Jahren hatte ein Artikel in Le Monde diplomatique genau diese Frage aufgeworfen. Kurz zuvor hatte Daniel Lindenberg ein einschlägiges Pamphlet mit dem Titel
    »Un Rappel à l'ordre« (Ordnungsruf) veröffentlicht."

    Das Urteil von MEISTER über die französischen Intellektuellen ist vernichtend. Die neuen Philosophen haben die junge Generation verraten und auch die linken Intellektuellen sind ein Totalausfall:

    "Der französische Intellektuelle ist tot.
    Die nouveaux philosophes haben nur eine Weile darüber hinweggetäuscht. (...). Denn es ist ein bemerkenswerter Umstand, dass
    Finkielkraut nicht mit den Aufständischen war, wie es das Konzept des streitbaren, kritischen Intellektuellen noch immer geböte, sondern gegen sie. Nicht etwa, weil er damit rechte Positionen vertrat oder weil er gar die Gewalt hätte gutheißen sollen. Sondern weil sein Urteil über die Ereignisse im November schlicht ein Zeugnis von Weltferne war. Offensichtlich passt er nicht mehr die Theorie der Wirklichkeit an, sondern, umgekehrt, die Wirklichkeit den vorhandenen Denkmustern. Etliche Intellektuelle haben die eigentlichen Ursachen des französischen winter of discontent verfehlt, wenn nicht verfälscht, indem sie wie Finkielkraut anti-jüdische oder islamistische Motive der Randalierer behaupteten, die sich nirgends und durch nichts belegen ließen. Der derzeitige Aufstand der Studenten beweist indes, dass eine ganze Generation um Perspektiven gebracht ist. Konkrete soziale Verwerfungen, kulturelle Fehlentwicklungen, gesellschaftlicher Ausschluss von Minderheiten - all dies wird nicht einmal mehr erwähnt, geschweige denn beharrlich analysiert wie zu Zeiten der misère du monde.
              
    (...).
    Auf der anderen Seite fehlen die linken Intellektuellen, die tatsächlich noch das Terrain aufsuchen; die Fragen stellen, ohne die Antworten vorher schon zu kennen. Wo sie sind?

              
    Als intellektueller Typus regiert nur noch der flinke Zeitgeist-Surfer wie ihn besonders BHL perfekt verkörpert (...). Zu Gute halten muss man ihm, dass er immerhin am Projekt der Moderne festhält. Anders als Frédéric Beigbeder und Michel Houellebecq, die das Hoffen längst aufgegeben und das Mahnen satt haben. Wie einst Waldorf & Stadler in der Muppets-Show stehen sie auf dem Balkon und gießen ihren Spott auf das Geschehen hinab. Zynisch kommentieren sie den Weltenlauf, uneigentlich wie die Verhältnisse selbst.
              
    Die intellektuelle Debatte in Frankreich findet nicht mehr in verrauchten Cafés von Saint-Germain oder in Vorlesungssälen aus dem 17. Jahrhundert statt, sondern in vollautomatischen Fernsehstudios der Privat- und Nischensender. Sie ist dort eine Talkshow unter anderen, in der sich inszeniert, wer die Welt nicht mehr zu verändern, sondern von ihren Defekten zu profitieren hofft. Es wird viel geredet. Auch oder gerade, weil man nichts mehr zu sagen hat."

    LITERATUREN-Schwerpunkt: Land ohne Leute?
    Ein deutsches Dilemma

    MEISTER, Martina (2006): Rabenmutti ist die Beste.
    Ungezählte Ratgeber erklären der Frau von heute, wie man Beruf und Kinder unter einen Hut bringt. Doch die wahren Probleme wie fehlende Väter und eine versagende Familienpolitik können sie auch nicht lösen,
    in: Literaturen, Nr.6 , Juni

    MEISTER, Martina (2007): Das Prinzip "Emma".
    Das Kampfblatt politisch bewusster Frauen kann zufrieden auf 30 Jahre zurückblicken,
    in: Frankfurter Rundschau v. 26.01.

    "Ganztagsbetreuung von Kindern (...) ist ein gutes Beispiel dafür, wie früh Emma vor gefährlichen Entwicklungen und vermeintlich frauenfreundlicher Politik gewarnt hat. Den Elternurlaub hat sie von vornherein als »Frauenfalle« entlarvt. Doch eine Bewusstseinswende setzte erst ein, als die Geburtenrate bereits im Keller war.
                 Heute wissen wir, dass im Westen nur jede zweite Frau, die ein Kind bekommen hat, in ihren Beruf zurückkehrt, und dass die andere Hälfte in Teilzeit oder in schlechterer Position als vorher arbeitet. Ist der Kampf um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie deshalb verloren oder zumindest zu spät gewonnen? »Was sind schon 30 Jahre Feminismus gegen 5 000 Jahre Patriarchat? Ein Wimpernschlag«, kontert Schwarzer.
                
    Entgegen hartnäckiger Vorurteile sind die Leserinnen von Emma nicht mit dem Magazin gealtert. Abgesehen von den Jugendzeitschriften hat der Allensbach-Studie zufolge kein anderes Magazin in Deutschland eine so junge Leserschaft. Für Schwarzer heißt das: »Nicht das Prinzip Eva', sondern das ‚Prinzip Emma' hat Zukunft.« Auch das ist ein Grund zum Feiern", meint Martina MEISTER.

    MEISTER, Martina (2007): Kinderregen,
    in: Frankfurter Rundschau v. 10.02.

    Martina MEISTER berichtet aus dem fruchtbaren Frankreich über das bretonische 1633-Einwohner Dorf Ahuillé, in dem im vergangenen Jahr 33 Babys zur Welt kamen.

    MEISTER, Martina (2007): Geschenkte Zeit.
    Mutig und schonungslos: Iris Radisch hat sich Gedanken über die Zukunft der Familie gemacht,
    in: Literaturbeilage der Frankfurter Rundschau v. 21.03.

    Rezension des Buches Die Schule der Frauen von Iris RADISCH.

    MEISTER, Martina (2007): Revolution auf französisch.
    Vive la France? Unser hassgeliebtes Nachbarland steckt in der Krise und zweifelt neuerdings sogar an sich selbst. Das war nicht immer so,
    in: Tagesspiegel v. 24.03.

    Frankreich gilt deutschen berufstätigen Karrierefrauen mit Kinderwunsch - wie z.B. Martina MEISTER, als Paradies auf Erden. Nationalkonservative Apologeten der Bevölkerungspolitik wie Franz-Xaver KAUFMANN oder Herwig BIRG behaupten gar einen engen Zusammenhang zwischen der Geburtenentwicklung und der Wohlstandsentwicklung eines Landes. Die französische Krise, die MEISTER nun beschreibt, dürfte es in der Lesart von Franz-Xaver KAUFMANN und Herwig BIRG nicht geben:

    "3,7 Millionen Franzosen leben in Armut, jeder sechste Arbeitnehmer muss mit dem Mindestlohn von 1250 Euro auskommen. In Sachen Arbeitslosigkeit steht Frankreich mit einer Quote von 8,6 Prozent gemeinsam mit Spanien und Griechenland im europäischen Vergleich am schlechtesten da. Besonders hoch ist die Jugendarbeitslosigkeit. 23 Prozent der Jugendlichen unter 25 Jahren sind ohne Job, in Vorstädten wie Clichy-sous-Bois, wo im Herbst 2005 die Aufstände losbrachen, steigt diese Zahl sogar auf bis zu 50 Prozent.
                 Leicht ließe sich die Reihe der ökonomischen Desaster fortsetzen: Das Außenhandelsdefizit hat im vergangenen Jahr mit knapp 30 Milliarden Euro Rekordniveau erreicht. Und nach Schweden hat Frankreich mit 54 Prozent immer noch die zweithöchste Staatsquote, obwohl die Verschuldung mittlerweile 65 Prozent des Bruttoinlandproduktes ausmacht. »The sick man of Europe«, titelte unlängst der britische »Economist«. Ja, Frankreich ist ein müder, kranker Mann.
                 Es geht wirtschaftlich schlecht, aber noch schlimmer ist, dass Frankreich an sich selbst zweifelt. In den Buchläden steht meterweise Literatur zum »declin«, zum nationalen Untergang. »Der Absturz«, »Die Angstgesellschaft«, »Das französische Malheur« heißen die Titel dieser Pamphlete und Plädoyers für einen Neuanfang, allesamt Bestseller, geschrieben zum großen Teil von den Apologeten des Neoliberalismus, den so genannten »Deklinologen«. Längst hat man für den Volkssport der Selbstgeißelung ein neues Wort geschöpft.
                 (...).
    Ein Staat in der Krise, eine Gesellschaft im Umbruch, ein Land voll sagenhafter Widersprüche: Frankreich befindet sich in der Depression, verzeichnet aber gleichzeitig die höchste Geburtenrate Europas.
    Es hat den weltweit höchsten Konsum an Antidepressiva – und gilt immer noch als Inbegriff des savoir vivre. Es ist mit Deutschland das Zugpferd der Europäischen Union gewesen, hat aber im Referendum gegen die neue Verfassung gestimmt. Wie geht zusammen, so fragt man sich
    ".

    So fragen sich nur die Anhänger der Ideologie "Wir brauchen mehr Kinder" (Susanne LANG). In diesem Monat ist mit dem Buch Weniger sind mehr des prominenten Soziologen Karl Otto HONDRICH jedoch ein Buch auf den Markt gekommen, das wie bereits das Buch Die Single-Lüge in der Bestandserhaltungszahl 2,1 keineswegs den Maßstab für eine nachhaltige Gesellschaftspolitik sieht. Für HONDRICH ist die französische Krise auch die Konsequenz einer Bevölkerungspolitik, die am gesellschaftlichen Bedarf an Nachwuchs vorbeigeplant hat. Zudem - darauf hat single-generation.de bereits des Öfteren hingewiesen - werden die Geburtenraten der Französinnen überschätzt, während diejenigen der Deutschen unterschätzt werden.

    MEISTER, Martina (2007): Vital wie das Tote Meer.
    John von Düffel erzählt von späten Eltern und diesem ganzen Fertilitätszauber,
    in: Die ZEIT Nr.41, Literaturbeilage v. 04.10.

    MEISTER, Martina (2008): Mitten aus Paris,
    in: Literaturen, Juli/August

    Martina MEISTER berichtet über HOUELLEBECQs Mutter Lucie CECCALDI und über wenig Schmeichelhaftes zu Anna GAVALDAS ("Zusammen ist man weniger allein"):

    "Der Erfolg Anna Gavaldas lässt sich leicht erklären: Sie schreibt Märchen für Erwachsene. Diese freundliche junge Frau (...), ist nicht, wie gerne behauptet wird, die «neue Françoise Sagan». Sie ist in Wahrheit eine Rosamunde Pilcher für städtische «Bobos» – jene bourgeois-bohémiens, die sich nach dem richtigen Leben im falschen sehnen."

    Neu:
    MEISTER, Martina (2010): Feministin fatale.
    Französische Feministin Elisabeth Badinter,
    in: Frankfurter Rundschau v. 22.03.

     
       

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    Bernd Kittlaus
    webmaster@single-generation.de Erstellt: 01. Februar 2006
    Update: 16. August 2015