"Von staatlicher Seite ist mehr Ehrlichkeit notwendig, um bei der Daseinsvorsorge zu realistischen Zielen und Erwartungen zu kommen. Die Abschaffung des grundgesetzlichen Ziels gleichwertiger Lebensverhältnisse wäre ein Schritt in diese Richtung. Auf dieser Basis ließe sich ermitteln, in welchen Gebieten die Bürger langfristig nicht mehr mit weiterführenden Schulen, mit fachärztlicher Versorgung oder der Instandhaltung aller Verbindungsstraßen rechnen können. Da diese Einschränkungen der Versorgung langfristig ohnehin nicht zu vermeiden sind, geht es darum, sie planerisch zu begleiten und frühzeitig realistische Perspektiven und Alternativen aufzuzeigen. Investieren die Beteiligten hingegen weiterhin in die Versorgungsinfrastruktur von Schrumpfgebieten, werden Mittel gebunden, die anderenorts mehr zum Wohle der Bürger beitragen könnten",

heißt es in dem Diskussionspapier, das eine bevölkerungspolitisch begründete Planwirtschaft fordert. Es stellt sich jedoch die Frage, wer schrumpft und wer wächst - und zu allererst: Aufgrund welcher Prognosen dies entschieden werden soll. Oder soll gar der Niedergang von Regionen festgeschrieben werden?

"Generell sollten demografisch schrumpfende Kommunen keine Neubaugebiete mehr ausweisen dürfen. Und sie sollten auf ungenutzte Neubaugebiete verzichten. Bisher melden selbst schrumpfende Kommunen oft noch ein Wachstum ihrer Siedlungs- und Verkehrsflächen – eine absurde Entwicklung angesichts der Bevölkerungsprognosen, der massiven Leerstände in den Gemeinden und der Anforderungen an eine nachhaltige Flächenpolitik",

heißt es weiter. Neubaugebiete werden hierzulande jedoch ausschließlich mit dem "Bedarf an Wohnraum für junge Familien" begründet, denn einzig junge Familien werden als Garant für "nachhaltiges Wachstum" angesehen. Angesichts der hysterischen Debatte um das Aussterben der Deutschen, zu dem auch das Berlin-Institut massiv beigetragen hat, ist es wohl keiner Gemeinde zu verübeln, dass sie eine solche Politik verfolgt.

Was passiert eigentlich, wenn sich die Demografie nicht an die Prognosen hält? Darauf haben unsere Steuerungsfanatiker leider keine Antwort. Die Frage in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben wollen, sollte Ausgangspunkt von Politik sein und nicht eine prognostizierte Zukunft, die nichts anderes als die Fortschreibung der Vergangenheit in die Zukunft ist.

Bereits die Finanzkrise und die damit verbundene Austeritätspolitik der EU, deren ungeplante Nebenwirkung die Änderung der Wanderungsströme zur Folge hatte, zeigt, wie schnell Prognosen veralten können.

Alle Schrumpfungsszenarien gehen von einer konstanten Geburtenrate (TFR) von 1,4 aus. Doch die Geburtenrate derjenigen Jahrgänge, die in den nächsten Jahren die Geburtenzahlen in Deutschland bestimmen, liegt zwischen 1,5 und 1,6, d.h. die Szenarien mit konstanter Geburtenrate sind bereits bei ihrer Veröffentlichung veraltet gewesen. Eine Planwirtschaft, die das nicht berücksichtigt, könnte z.B. Schulen heute schließen und andere Infrastrukturen abbauen, wo sie morgen schon wieder dringend benötigt würde.

Ehrlichkeit bei der Daseinsvorsorge würde bedeuten, alternative Szenarien zur Fortschreibung der Vergangenheit bei Prognosen zwingend vorzuschreiben. 50-Jahres-Vorausberechnungen sollten verboten werden, denn diese dienen lediglich dem Zweck Diskussionen über politische Alternativen zu verhindern.