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Stefan Bollmann: Die  jugendliche Gesellschaft

 
       
     
       
   

Stefan Bollmann in seiner eigenen Schreibe

 
   

BOLLMANN, Stefan (2005): Die jugendliche Gesellschaft.
Über die Desorganisation der Lebensverhältnisse,
in: Merkur, März

Im Gegensatz zu Claudius SEIDLs Buch schöne junge welt ist BOLLMANNs Essay geradezu begriffsanalytisch klar strukturiert. BOLLMANN unterscheidet zwischen Jugend als Lebensphase und Jugendlichkeit als Lebenshaltung. Jugend wird von ihm als zunehmendes Auseinanderdriften dreier Reifungsprozesse beschrieben:

"Heranwachsen (ist) ein psychosoziales Moratorium. Beschreiben lässt es sich als ein zeitliches Auseinandertreten der drei Formen von physischer (sexueller), psychischer (mentaler) und sozialer (beruflicher) Reife, die vor Zeiten einmal zum gleichen Termin fällig gewesen sein mögen."

Auf den ersten Blick ist sichtbar, dass BOLLMANN bei der sozialen Reife die Familiengründung ausklammert, die z.B. bei Erik H. ERIKSON noch mitgedacht wird und die von neokonservativen Werteeliten und Bevölkerungsexperten zur Zeit massiv eingeklagt wird. BOLLMANN beschreibt die Entstehung der Jugendkultur aus dem Geiste der Pubertät mit ihren typischen Diskrepanzen zwischen den einzelnen Reifegraden. Jugend ist für ihn in erster Linie ein Produkt langer Ausbildungszeiten, d.h. ein Bildungsmoratorium. Im Anschluss an den amerikanischen Soziologen Talcott PARSONS bezeichnet er die Verlängerung der Ausbildung weit über das sexuelle Reifealter hinaus als "pädagogische Revolution".

"Die immer stärkere Massierung von annähernd Gleichaltrigen and er Universität"

macht er verantwortlich für den Generationenkonflikt im Zuge der Studentenrevolte in den 60er Jahren. Im Anschluss an den amerikanischen Soziologen Ralph TURNER sieht er in der Revolte einen Kampf um persönliche Würde:

"Junge Menschen würden der Welt erklären, daß sie sich selbst nicht gefunden haben, darüber ihre Empörung zum Ausdruck bringen und eine Reform der Institutionen verlangen - nicht etwa mit dem Ziel der Redefreiheit oder der Sicherung der wesentlichen Lebensbedingungen, sondern um ihnen ein Gefühl persönlicher Würde zu garantieren".

BOLLMANN stimmt dem zu, will aber die Anfänge dieser "Empörungsgesellschaft" bereits in der Weimarer Republik verortet wissen. Im Anschluss an Sebastian HAFFNERs Geschichte eines Deutschen  sieht er in den 1900 bis 1910 Geborenen die eigentliche Generation des Nazismus. Diese erlebten den ersten Weltkrieg nicht an der Front, sondern als fernes Abenteuerspiel. Dies legte bereits Stephan SCHLAK mit Bezug auf Michael WILDT im Kursbuch über die 30jährigen dar ("Die Bedingten und die Unbedingten"), was BOLLMANN nicht erwähnt. Der Nationalsozialismus war in dieser Sicht das Produkt einer Jugendbewegung:

"Ihre Vorhut stellten Studenten, nicht selten jene, die eine drohende Dauermisere aufgrund hoher Akademikerarbeitslosigkeit dadurch lösten, daß sei wie ihr Führer beschlossen, Politiker zu werden.
        
Die Macht der Jugend resultierte gemäß BOLLMANN aus dem Bankrott von Alter und Erfahrung.
      
  Die Yuppies der Weimarer Republik wurden durch ihr "Impulshandeln und schnelles Erfassen einer neuen Lage mit plötzlichem ungeheurem Reichtum belohnt".

Für BOLLMANN war die Jugendbewegung der 1930er Jahre viel erfolgreicher und machtvoller als die 68er-Bewegung. Bei der Machtübernahme der Jugend spielen nach BOLLMANN die Medien eine entscheidende Rolle. Die Durchsetzung der Jugendlichkeit (im Gegensatz zur Jugend!) ist ein Produkt der Mediengesellschaft, die zur All-Age-Gesellschaft führt. Der 1904 geborene polnische Schriftsteller Witold GOMBROWICZ wird von BOLLMANN als Prototyp des neuen Menschen vorgestellt: des jungen Alten. Wie SEIDL bezieht sich BOLLMANN bei seinen Ausführungen auf das Phänomen der Neotonie, d.h. der Entwicklungsverzögerung. Dieses evolutionäre Prinzip soll sich auch im Verhalten äußern und in der "Juveniliserung" seinen Ausdruck finden. Angesichts des demografischen Wandels sieht BOLLMANN einen Übergang vom Jahrhundert der Jugend zum Jahrhundert der Alten bevorstehen. Die Konsequenzen dieses Übergangs beschreibt er folgendermaßen:

"Der Status des fertigen und reifen, des erwachsenen Menschen wird nun in die Zange genommen, von den Jungen wie von den Alten. Von einer Verjugendlichung der Gesellschaft wäre dann als von jenem Prozeß zu sprechen, in dessen Verlauf Verhaltensformen der Unreife in der Gesellschaft stilbildend wirken und sich durchsetzen. Die Medien, insbesondere das Fernsehen, in zunehmenden Maße aber auch das Internet, haben in diesem Prozeß eine katalysatorische, vor allem aber modellierende und nicht zuletzt immunisierende Funktion."

BOLLMANN verweist darauf, dass mit der Umstellung des Bildungswesens (kürzere Erstausbildung, dafür aber lebenslanges Lernen) auch die Lebenslaufstruktur eine Änderung erfährt. Er beschließt seinen Essay in Merkur-Tradition mit alarmistischen Befürchtungen angesichts der sich verändernden Bildungs- und Arbeitsmarktverhältnisse:

"Neue, chronische Bedrohungen der Verhaltenssicherheit und des Selbstwertgefühls werden die Folge sein. Nicht ein wie auch immer motivierter Krieg der Generationen ist das Schreckensszenario der näheren Zukunft, sondern eine tiefgreifende Desorganisation der Lebensverhältnisse, in welcher der Verlust trauter Orientierungsmuster bei Jung und Alt zu sozialer Isolierung und Radikalisierung führt."

 
       
   

Frauen, die lesen, sind gefährlich (2005)
Mit einem Vorwort von Elke Heidenreich
München: Elisabeth Sandmann

 
   
     
 

Klappentext

"Lesende in einem Moment der Intimität zu zeigen, faszinierte Künstler aller Epochen. Doch bis Frauen erlaubt ist zu lesen, was sie möchten, dauert es viele Jahrhunderte. Zunächst dürfen sie sticken, beten, Kinder hüten und kochen. In dem Moment aber, indem sie das Lesen als Möglichkeit begreifen, die enge Welt des Heims mit der unbegrenzten Welt der Gedanken, der Phantasie, aber auch des Wissens einzutauschen, werden sie zur Bedrohung. Lesende Frauen konnten sich durch die entsprechende Lektüre Wissen und Erfahrungen aneignen, die ursprünglich nicht für sie bestimmt waren.
Diesem spannenden Kapitel der Lesegeschichte von Frauen geht Stefan Bollmann mit einem Blick fürs Detail nach. Die ausgewählten Gemälde, Zeichnungen und Fotografien werden in kurzen Begleittexten vorgestellt. Auf diese Weise erfährt die geschätzte Leserin oder der geneigte Betrachter mehr über einen Künstler, den Zeitgeist und eine ganze Epoche.
»Frauen, die lesen, sind gefährlich« funktioniert wie ein imaginäres Museum. Vor- und zurückblätternd kann darin flaniert, können Augenblicke erhascht und Zusammenhänge »ersehen« werden. Die Bilder stammen von bekannten wie noch (oder wieder) zu entdeckenden Künstlern.
Elke Heidenreich, die nicht nur eine begeisterte Leserin ist, sondern auch weiß, wie gefährlich das Lesen sein kann, sammelt selbst Darstellungen lesender Frauen. Ihr Vorwort ist ein Plädoyer für das Lesen. Dieses Buch ist für alle Frauen, und für alle Männer, die lesende Frauen haben."

 
     
 
       
   

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Update: 25. Mai 2015