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Frank Naumann: Solo in die Jahre kommen

 
       
     
       
   
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    Frank Naumann in seiner eigenen Schreibe

     
           
       
    • NAUMANN, Frank (1998): Small Talk.
      Die Kunst der leichten Konversation,
      in: EGONet Nr.8

    • NAUMANN, Frank (1999): Solo mit Siebzig.
      Wenn Singles älter werden,
      in: EGONet Nr.1

     
           
           
       

    Solo in die Jahre kommen (1997).
    Auch Singles werden älter
    (z. Zeit nicht im Buchhandel erhältlich)

    Reinbek: Rowohlt

     
       
         
     

    Klappentext

    "Es gibt Städte in der Bundesrepublik, in denen statistisch gesehen jeder zweite Haushalt ein so genannter »Single-Haushalt« ist. Die Tendenz zum »Alleinleben« scheint ungebrochen. Der Autor untersucht dieses Phänomen, wobei er insbesondere das Älterwerden und das Altsein thematisiert."

    Inhaltsverzeichnis

    Vorwort

    1. Einführung: Singles - ein Chor von Solisten

    Allein leben - vom Schicksalsschlag zum frei gewählten Lebensstil
    Als Single älter werden - Fluch oder Glücksfall?

    2. Selbst bestimmte Unabhängigkeit - ein neues Lebensideal

    Die Familie - ein Auslaufmodell?
    Immer Ärger mit der Liebe
    Risikofaktor Autonomie
    Die Single-Gesellschaft und ihr Jugendkult

    3. Mein Ich ist mein Kosmos - auf der Suche nach dem individuellen Lebensstil

    Die Wohnung - Spiegel der Seele
    Freunde - Garant gegen die Einsamkeit
    Eigene Kinder - Restfamilie, Freund, Altersversicherung
    Haustiere - die zuverlässigeren Partner
    Der Beruf - Geldquelle und Lebenssinn
    Computerkommunikation - Kontakte ohne Verpflichtungen
    Hobbys - Selbstverwirklichung oder Kampf gegen Langeweile?
    Outfit und Fitness - die hohe Kunst de Selbstdarstellung

    4. Altern im Alleingang - kein Grund zur Panik!

    Wie zerronnen, so gewonnen
    Langlebigkeit - Der Wettkampf um die Jahre
    Meine Leistungskraft ist mein Produkt

    5. Gesundheit und Krankheit

    Der Mythos vom hilflosen Ende
    Die Biologie des Alterns
    Gesundheit und Alter - ein Widerspruch?
    Ich laufe, also bin ich

    6. Kontakt und Kommunikation

    Vom Ich zum Du: Wege aus der Einsamkeit
    Kleine Kontaktschule für Ältere
    Vom Smalltalk zum intimen Geflüster: die wichtigsten Kommunikationsregeln

    7.  Beziehungslust - Beziehungsfrust

    Partnerschaft im Alter: der Spagat zwischen Bindung und Eigenständigkeit
    Einander kennen lernen
    Neue Liebe, neues Leben
    Aus zweimal Ich mach einmal Wir: Zusammenziehen oder nicht?
    Die erste Krise: Konfliktmanagement
    Wenn es nicht geht: die faire Trennung
    Wieder frei: Über den Umgang mit Einsamkeit

    8. Single im Alter - eine Lebensmodell mit Zukunft

     
         
     
           
       

    Beiträge von single-generation.de zum Thema

    Allein lebende Frauen und Männer in den alten Bundesländern - Mythen und Fakten

    Das neue Ethos der Einsamen - Teil 1+2: Gesellschaftlicher Wandel und das neue Bild der Einsamkeit

    Das neue Ethos der Einsamen - Teil 3+4: Leistungen und Grenzen der neuen Ratgeberliteratur

     
           
       

    Das einsame Sterben in der Debatte

    KLÜVER, Reymer (2000): Requiem für Nummer 16098.
    Immer mehr Leichen kommen unter die Erde, ohne dass Angehörige Notiz davon nehmen - Geistliche wollen darüber nicht einfach Gras wachsen lassen,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 25.11.

    Menschen in Pflege- oder Altenheimen erscheinen in keiner Statistik zur Single-Gesellschaft. Viel wird über "Bindungslose" geschrieben, aber man sucht sie in Einpersonenhaushalten, statt in den Anstaltshaushalten oder unter den Obdachlosen. Diese Ausgesonderten gelten nicht einmal mehr als "Singles"...

    Im Glossar werden die Begriffe "Alleinlebende (Einpersonenhaushalt)" und "Anstaltshaushalt" erklärt.

    KORFMANN, Hans W. (2002): Fabers Erkenntnis, Frau Müller betreffend.
    Die wahre Geschichte einer merkwürdigen Wohngemeinschaft,
    in: Frankfurter Rundschau v. 17.05.

    "Die viel wichtigere Frage ist: »Welche Einschränkung in Ihrem Leben sind Sie bereit, für den Aufbau einer eigenen Familie hinzunehmen?« Hätte die Elterngeneration und mit ihnen die Politik das Thema Nachwuchs nicht tabuisiert, würde sie diesen jungen karriere-orientierten Kinderlosen das Schreckensszenario ihres Alters vor Augen führen".

    Was VAN LIER hier im Rheinischen Merkur vom 16.05.2002 gefordert hat, das setzt KORFMANN in anderer Weise um. Er erzählt die Geschichte eines Vierzigjährigen, der tagelang neben einer toten, älteren Mitbewohnerin lebte:

    "»Wir waren artverwandt, die Frau Müller und ich«, sagt Faber und nickt. »Das wurde mir bei ihrem Tod schlagartig bewusst!«
                Und da bekam Faber es plötzlich mit der Angst zu tun. Er begann in Panik, seine Wohnung aufzuräumen. Warf Dinge fort, von denen er sich 14 Jahre nicht hatte trennen können. Und Faber blieb plötzlich stehen im Schulhof. Er, der Einzelgänger, er, der aus der neugierigen Kleinstadt in die Anonymität der Großstadt geflüchtet war. Blieb stehen, um sich zu unterhalten. Mit der Frau vom Schülerladen, mit den chaotischen Mietern aus der WG im ersten Stock, sogar mit dem Hausmeister Kalle ist er ins Gespräch gekommen. Faber hatte eine Erkenntnis.
                Drei Männer und eine Frau gehen über eine Wiese in Pankow. Sie wohnen alle im selben Haus, aber sie haben nie viel miteinander zu tun gehabt. Nachher werden sie sich zum ersten Mal gemeinsam an einen Tisch setzen, zum Leichenschmaus."

    SCHMITT, Peter-Philipps (2004): Einsam bis in den Tod.
    Immer mehr Menschen werden "zwangsbeigesetzt", weil sich keine Angehörigen finden,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 08.05.

    Die FAZ berichtet über vereinsamte Tote ohne Angehörige, die den Kommunen teuer kommen. Ein Hamburger Pastor sieht darin ein typisches Problem der anonymen Großstadt.

    HANDEL, Stephan (2004): Letzte Vorgänge.
    Eine Frau stirbt, und niemand ist da, der sie beerdigt - immer öfter müssen die Behörden handeln, wenn der Tag des Todes kommt,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 25.06.

    "Am Ende ihres Lebens war eine Fremde bei Elisabeth B., sonst niemand - der Mann schon lange tot, keine Kinder, keine Verwandten",

    schildert HANDEL das Schicksal einer Alleinstehenden am Ende ihrer Tage, um anschließend auf die Lage in München und in anderen deutschen Städten einzugehen:

    "Etwa 800 Fälle kommen pro Jahr herein, in gut 400 davon sind die Ahnen-Fahnder erfolgreich und finden Nachgeborene. In Hamburg dagegen gab es vor sechs Jahren 380 »Bestattungen von Amts wegen«. Im vergangenen Jahr waren es mehr als zweimal so viele. In Köln und Berlin haben sich die Zahlen ebenfalls verdoppelt".

    FRAUNE, Burkhard (2004): Einsam mitten in der Stadt.
    Die Letzte Zeit des Lebens: Vergessen und isoliert. Viele Menschen sterben unbemerkt. Ihr Zahl wird steigen, fürchten Rechtsmediziner und Sozialforscher,
    in: Rheinischer Merkur Nr.33 v. 12.08.

    HUSMANN, Nils (2007): Und wer trauert?
    Stell dir vor, es ist deine Beerdigung, und niemand geht hin. Das geschieht oft: Wer am Ende seines Lebens ganz allein war, der ist auch allein, wenn er begraben wird. In Hamburg nehmen sich zwei Seelsorger der vergessenen Toten an,
    in: Chrismon, Nr.2, Februar

    BAUER, Wolfgang (2007): Der Tote von nebenan.
    Ein Mann liegt 15 Monate lang tot in einer Wohnung in Stuttgart. Kein Mensch vermisst ihn. Focus ging auf Spurensuche nach einem Vergessenen. Wer war Julian Calek?
    in: Focus Nr.30 v. 23.07.

    BÄRTELS, Gabriele (2007): Die letzte Lebenszeit.
    Der Weg in den Tod ist einsam. Sechs Geschichten,
    in: Magazin der Berliner Zeitung v. 24.11.

    BELWE, Andreas (2009): Die Zukunft des Sterbens: Wo und wie werden wir ewig ruhn?
    Veränderte Lebensformen bringen auch andere Formen des Sterbens hervor - und damit einen anderen, pragmatischen Umgang mit dem eigenen Tod. Wo es keine Bindungen mehr an Orte und Menschen gibt, muss das eigene Ende selbstverantwortlich bereits zu Lebzeiten gestaltet werden,
    in: Psychologie Heute,
    Januar

    EPPELSHEIM, Philip (2009): Was bleibt.
    Eine Frau stirbt einsam in ihrer Wohnung. In den Schränken Akten und Urkunden - die Zeugen eines Lebens,
    in:
    Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 10.05.

    HEINRICH, Andreas (2012): Rezepte gegen die Einsamkeit.
    Allein im Alter unter vielen. Einsam im Hochhaus. Oder gar tot und unentdeckt, nach Jahren erst gefunden – wie jüngst der Fall in Hagen. Einzelfälle oder doch mehr?
    in:
    WAZ Online v. 21.05.

    GEO-Titelgeschichte: Der Nachbar

    EBERLE, Ute (2012): Guter Nachbar, böser Nachbar.
    Die Psychologie der ungewollten Nähe,
    in:
    GEO, August

    "In Tübingen (...) starb 2010 ein 72-jähriger Mann in seiner Wohnung, der bis dahin zehn Jahre lang für seine bettlägerige Frau gesorgt hatte. Der Frau gelang es nicht Hilfe zu rufen. Eine Woche dauerte es, bis Nachbarn bemerkten, dass sie den Mann länger nicht gesehen hatten. Als Polizisten in die Wohnung eindrangen, fanden sie die 82-Jährige tot, vermutlich verdurstet",

    erzählt EBERLE. Gewöhnlich wurden in der Vergangenheit solche Geschichten erzählt:

    "Rentnerin lag vier Wochen tot in ihrer Hochhauswohnung! Erst als Nachbarn auf den Geruch aufmerksam wurden, brach die Polizei die Tür auf."

    Dieses Beispiel stammt aus dem Ratgeber Solo in die Jahre kommen von Frank NAUMANN, der vor 15 Jahren erschien und seiner Zeit weit voraus war, denn dort hieß es:

    "Das kann Ihnen auch im Ehestand passieren. Nach fünfzig Jahren glücklicher Ehe stirbt Ihr Partner, und plötzlich stehen Sie allein da. Kaum Freunde, die Sie trösten, da Sie beide sich immer selbst genug waren. Die Kinder leben weit entfernt und stecken gerade in der Midlife-Krise. Für überlebende Partner steigt das Todesrisiko in den ersten Monaten nach der Verwitwung dramatisch an. Wenn es Sie jetzt erwischt, bleiben Sie ebenso unbemerkt wie die einsame Oma, die schon seit Jahren mit niemandem mehr ein Wort gesprochen hat."

    Frank NAUMANN setzte auf Freunde, modern gesprochen: soziale Netzwerke, als Helfer in der Not, EBERLE zeigt dagegen auf wie wichtig gute Nachbarschaft sein kann, denn:

    Wir haben das "Gefühl, dass wir ohnehin keine Wahl haben: wenn Familien schrumpfen, die globalisierte Arbeitswelt die Reste verstreut und die Sozialleistungen schwinden, ist der Nachbar oft der Einzige, der noch vor Ort ist, wenn Not am Mann herrscht."

    Nicht nur alarmistische Nostalgiker wie Frank SCHIRRMACHER, die mit rührseligen Geschichten vom Donner-Pass das Zurück zur althergebrachten Familie als Allheilmittel betrachten, übersehen, dass heutzutage die multilokale Mehrgenerationenfamilie die weit verbreiteste Lebensform ist. Und immer mehr ältere Paare leben getrennt zusammen (living apart together).

    Für Forscher wie Daniel ALDRICH ist die  Nachbarschaft bei der Bewältigung von Naturkatastrophen am hilfreichsten.

    EBERLE beschreibt die neuen Nachbarschaftshilfe, die z.B. durch Wohnprojekte, Tauschbörsen oder mittels Internet (nirio.com, allenachbarn.de) entstehen.

    ROTH, Jenni (2012): Der Tod bringt das Geschäft.
    Ein alleinstehender Mann stirbt. Er ist Ende Siebzig und hinterlässt weder Verwandte noch Freunde. Um die vielen Formalitäten, die nun erledigt werden müssen, kümmern sich Menschen, denen der Verstorbene nie begegnet ist. Eine Geschichte über das Ende,
    in:
    Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 24.11.

    "In Deutschland gibt es immer mehr alte Menschen. Drei Millionen Deutsche sind älter als 80 Jahre, 2040 sollen es neun Millionen sein. 90 Prozent dieser Senioren leben in Privathaushalten. Der Schluss: Es gibt auch immer mehr alte Menschen, die allein leben",

    behauptet Jenni ROTH. Tatsächliche hat die Zahl der über 65jährigen Alleinlebenden in den letzten Jahren abgenommen. Insbesondere die hohe Zahl der weiblichen Alleinlebenden ist zurückgegangen. Dagegen hat die wesentlich niedrigere Zahl der männlichen Alleinlebenden zugenommen.

    GOLDMANN, Lisa (2013): Niemand antwortet mehr.
    Nachlass: Entrümpler sind die Letzten, die sich ein Bild vom Leben mancher Verstorbener machen. Ausweise, Fotos, Liebgewordenes fassen sie noch einmal an, bevor sie es in Müllsäcke stopfen,
    in:
    TAZ v. 14.06.

    "765 Menschen sterben, statistisch gesehen, in Deutschland jeden Tag. Viele von ihnen haben keine Hinterbliebenen - so wie Heinz Ocvirk. (...). Keine Frau, keine Kinder, keine Familie."

    Das sind die Geschichten, die unser neues Bürgertum so innig liebt! Geschichten, die die Wiederkehr der Konformität - wie von Cornelia KOPPETSCH beschrieben - zementieren sollen. Ein einsamer Alleinlebender - selber schuld! Oder doch nicht?

    Lange tot, bevor sie/ihn jemand fand - trotz Frau (kurz zuvor gestorben), Kind (Kontakt schon vor langer Zeit abgebrochen), Familie (im Ausland lebend). Das ist der wahre Horror, den es nicht geben darf in den Wohlfühlblättern der neuen Mitte. Dann doch lieber Friedhofsromantik.

    SCHMIDT, Stephanie (2016): Die Geheimnisse der Einsamen.
    Nachlasspfleger müssen über zahlreiche Fähigkeiten verfügen. Sie fahnden in aller Welt nach Erben und helfen, Mietverhältnisse abzuwickeln. Sie werden auch dann aktiv, wenn alleinstehende Menschen sterben - ein zunehmendes Problem in Großstädten,
    in: Süddeutsche Zeitung
    v. 15.04.

    Stephanie SCHMIDT schildert eingangs den Fall eines Mannes, der seit 20 Jahren allein in einer Wohnung in einer Mietskaserne mit 60 Parteien lebte und 6 Wochen tot in der Wohnung lag. Nachlasspfleger werden gemäß Artikel häufig mit dieser Situation konfrontiert - Zahlen zur tatsächlichen Häufigkeit solcher Fälle bleibt der Artikel auf der Immobilienseite der SZ jedoch schuldet. Es geht SCHMIDT auch nicht um das einsame Sterben, sondern darum, was ein Vermieter in einem solchen Fall tun darf bzw. muss.

    SCHOBIN, Janosch (2016): "Armenbestattungen" im modernen Sozialstaat.
    Zeitliche Entwicklung, Ursachen und Probleme des Ordnungsbestattungswesens in deutschen Groß- und Mittelstädten,
    in:
    Zeitschrift für Sozialreform, Heft 3, S.301-329

    GLAS, Andreas (2017): Das letzte Solo.
    Weil ihre Familien zerbrochen sind, werden immer mehr Menschen ohne Begleitung und auf Kosten der Kommunen beerdigt,
    in: Süddeutsche Zeitung
    v. 07.01.

    Andreas GLAS berichtet von einem Fallbeispiel aus Passau, das den Trend zur Armenbestattung (Amtsdeutsch: Amtsbestattung) illustriert:

    "Günther (...), geboren am 30. August 1946, gestorben am 3. Dezember 2016, in einer Pflegefamilie aufgewachsen, ledig, katholisch, keine Kinder, keine Verwandten."

    Der einsame Tod ist ein Lieblingssujet des Mainstreamjournalismus, repräsentativ ist das nicht unbedingt. Erstens fehlen meist Zahlen und zweitens sind sie meist unvollständig. Das jedenfalls zeigen die Ergebnisse des Soziologen Janosch SCHOBIN.

    "Allein in München gab es im Jahr 2015 insgesamt 591 Amtsbestattungen, 2005 waren es nur 322. In Passau (...) gab es im Jahr 2012 acht Amtsbestattungen, 2013 waren es elf, ein Jahr später schon zwölf und 2015 bereits 17 Fälle",

    suggeriert GLAS eine steigende Tendenz. Der Soziologe SCHOBIN sieht im genannten Fall keinen typischen Fall, der sei eher ein geschiedener Mann, dessen Kinder mit ihrem Vater aus unterschiedlichen Gründen nichts zu tun haben wollen. Hinzu kommt, dass die Bestattungsordnung nicht auf moderne Formen der Wahlfamilie eingerichtet sei. Medienberichte setzen dagegen lieber auf Spektakuläres:

    "Die Menschen, mit denen er zu tun hat, haben ihre letzten Lebensjahre einsam im Altenheim verbracht, manche lagen Tage oder Wochen in ihrer Wohnung, bis die Nachbarn den Leichgeruch im Treppenhaus zu eklig fanden und die Polizei riefen."

    Das Problem ist jedoch offenkundig nicht groß genug, denn sonst gäbe es Statistiken, die Auskunft geben könnten. Nicht einmal in jeder Großstadt sind Amtsbestattungen ein Fall für die Statistik und wenn, dann sind sie unvollständig, sodass Ursachenforschung nicht möglich ist und der Spekulation Tür und Tor geöffnet sind. Die Gesetzeslage erschwert zudem durch landestypische Gesetze Vergleiche, indem sie unterschiedliche Rahmenbedingungen setzt, die ebenfalls Einfluss auf die Zahl der Amtsbestattungen hat:

    "Für die Kommune bleiben nach dem Tod eines Menschen 96 Stunden Zeit, um beispielsweise über das Geburtenregister Angehörige zu ermitteln, dann muss der Verstorbene laut Gesetzt beerdigt sein (...). Im Bayerischen Bestattungsgesetz ist das Prozedere genau geregelt, auch wer zahlen muss: Ehegatte, Kind, Elternteil, Großelternteil, Enkel, Schwester oder Bruder, Nicht oder Neffe, Stiefkind. Lässt sich aber niemand finden, dann springen die Kommunen ein."

    Dieser Fall tritt auch deshalb immer öfters ein, weil die Suche durch die Anforderungen der Wirtschaft und den Zwang zu Mobilität, der zur Verbreitung von multilokalen Mehr-Generationenfamilien geführt hat, eine erfolgreiche Suche nach Angehörigen erschwert. Außerdem zeigt das Bayerische Bestattungsgesetz, dass z.B. Freunde darin gar nicht als Akteure vorkommen.

    MÜLLENDER, Bernd (2017): Mitten unter uns.
    Reportage: Die Stadt Aachen veranstaltet Trauerfeiern für vereinsamt Verstorbene: ohne Familie, ohne Angehörige, manche auch ohne Freunde - aber mit einem letzten Würdevollen Gedenken,
    in:
    TAZ v. 03.05.

    "Die Stadt Aachen gibt 133 Menschen mit einer öffentlichen Gedenkfeier samt ökumenischem Gottesdienst ein letzter, würdiger Abschied. Es sind die Verstorbenen der vergangenen zwölf Monaten, bei denen keine Angehörige ermittelt werden oder niemand für die Bestattung aufkommen konnte. (...).
    Nicht viele Städte händeln das Sterben der Vereinsamten wie Aachen. Krefeld macht es ähnlich, auch Leipzig, Köln oder Osnabrück. Viele andere Gemeinden bestatten weiterhin gedenkenlos",

    berichtet Bernd MÜLLENDER über die so genannten Amtsbestattungen, die zu einem Kostenfaktor für die Kommunen geworden sind:

    "Etwa 2.500 Euro aufwärts kostet die Stadt eine »Bestattung von Amts wegen«. Bei 133 Verstorbenen macht das an die 350.000 Euro pro Jahr. »Und die Fälle«, sagt Elke Wartmann vom Ordnungsamt, »nehmen gut zu. In den vergangenen vier Jahren, seit wir das so machen, mehr als 50 Prozent«. Die Gründe? »Naheliegend«, meint sie, »immer mehr Familien gehen auseinander, man lebt in der ganzen Welt verstreut, dazu die wachsende Altersarmut. Und insgesamt steigt die Vereinsamung ganz offensichtlich erheblich«",

    zitiert MÜLLENDER eine Behördenmitarbeiterin. Der Soziologe Janosch SCHOBIN hat sich wissenschaftlich mit dem Phänomen der Armenbestattungen beschäftigt. Demnach existiert keine für Deutschland aussagekräftige Statistik über die Entwicklung solcher Bestattungen. Auch über die Gründe für die Zunahme kann bislang nur spekuliert werden, weil über die Verstorbenen kaum mehr als ihr Alter und Geschlecht bekannt ist.

    "133 im Jahr klingt nicht viel für eine Viertelmillionenstadt wie Aachen, indes betrifft das schon jeden 18. aller pro Jahr Verstorbenen. In Köln ist es schon jeder 12, in Berlin jeder 9. Das sind in der Hauptstadt pro Tag fast 10 vereinsamt Verstorbene",

    berichtet MÜLLENDER. Aber was sagt das aus? Arme sterben früher, d.h. wir haben es hier oftmals schon mit den Babyboomern zu tun - meist sind es zudem Männer. Inwiefern also Steigerungsraten von 50 Prozent einen realistischen Trend beschreiben, ist mehr als fraglich. Dazu müsste ein größerer Zeitraum beobachtet und repräsentative Stichproben erhoben werden. Nichts davon ist derzeit der Fall, sodass es sich hier lediglich um Spekulationen handelt. Reißerische Berichterstattung verstellt eher den Blick auf die Realität.

    SCHAAF, Julia  (2017): Ein nahezu perfektes Verbrechen.
    Das ist der Albtraum der alternden Gesellschaft: Ein einsamer 80-Jähriger wird erschossen, zehn Jahre liegt seine Leiche in einer Tiefkühltruhe, der Mörder bezieht die Rente - und keiner merkt etwas. Oder vielleicht doch?
    in:
    Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 05.11.

    "Diese beunruhigende Geschichte, in der es darum geht, dass alte Menschen in der Anonymität der Großstadt so einsam sind, dass sie Opfer eines nahezu perfekten Verbrechens werden können, handelt von drei Männern und einer Frau.
    Der erste Mann ist der Rentner Heinz N., der schon zu DDR-Zeiten in der Zweizimmerwohnung mit der großen Küche an der Hosemannstraße lebte, dort wo Prenzlauer Berg Richtung Weißensee ausfranst und so viel ärmlicher und trostloser wirkt als der Rest des Kiezes. Nachbarn bescheinigen Heinz N. »eine angenehme Art«, aber weit dem Tod seiner Frau muss der Mann weitgehend allein gewesen sein: keine Kinder, keine Verwandten. Kontakte zu ehemaligen Arbeitskollegen waren längst eingeschlafen",

    erzählt uns Julia SCHAAF in ihrer Gerichtsreportage, in der es um einen Mörder geht, der sich die Rente von rund 2.000 Euro erschlichen hat - und möglicherweise auch die 900 Euro Rente einer seit 2000 verschwundenen Frau.

    "Wie kann es sein, dass weder der Hausarzt noch die Krankenkasse nachfragen, wenn ein betagter Mann auf einmal keinerlei medizinische Behandlung mehr braucht? Warum zahlt die Rentenversicherung stoisch weiter? Was ist mit den Nachbarn?"

    Ein Nachbar, der lange vergeblich auf ungewöhnliche Umstände aufmerksam machte, wird als "Verschwörungstheoretiker", der "Hartz IV bezieht" beschrieben. Die Hausverwaltung reagierte jedenfalls nicht auf seine "Besessenheit".

    Hätte die Deutsche Rentenversicherung aufmerksam werden müssen? Diese Frage treibt die Medien schon seit Jahren um. Ob in Japan angeblich Tausende Renten von Toten bezogen wurden oder in Spanien solche Einzelfälle aufgedeckt wurden. Der Artikel endet mit beruhigenden Aussagen der DRV:

    "Die Deutsche Rentenversicherung bleibt gelassen. Der elektronische Sterbedatenabgleich zwischen Standesämtern, Meldebehörden und der Rentenkasse funktioniere vorzüglich; falls der jährliche Anpassungsbescheid mit der Post zurückkomme, hake man eben nach. Die früher üblichen »Lebensbescheinigungen« müssen nur noch Rentner im Ausland einreichen. Angesichts von mehr als 25 Millionen Rentenzahlungen im Monat sagte ein Behördensprecher: »Nach unseren Erkenntnissen kommt es äußerst selten vor, dass Menschen jahrlang tot in ihrer Wohnung lieben und Rente beziehen.« Und er ergänzt: »Wenn ein solcher Fall bekannt wird, fordern wir die unrechtmäßigen Rentenzahlungen im Sinne der Versichertengemeinschaft selbstverständlich zurück.«"  

    WÄHLER, Martin (2018): Der letzte Weg.
    Armenbegräbnis: Von Behörden beauftragte Beerdigungen werden mehr - ein Zeichen für Vereinsamung und wachsende Armut. Wie läuft so etwas ab? Ein Besuch in Düsseldorf,
    in:
    Freitag Nr.1 v. 04.01.

    Armenbestattungen sind erst in den letzten Jahren überhaupt ein Thema geworden, nachdem bereits seit den 1990er Jahren in der Sensationspresse das einsame Sterben als Problem der Single-Gesellschaft beschworen wurde. Der Düsseldorfer Fall, den Martin WÄHLER schildert, passt jedoch nicht ganz ins typische Schema. Weder lag der "Vereinsamte" monate- oder gar jahrelang in seiner Wohnung, sondern wurde relativ schnell gefunden, weil es eine "funktionierende Hausgemeinschaft" gab bzw. der "Vereinsamte" eine Funktion innerhalb der Hausgemeinschaft innehatte, sodass sein Tod schnell auffiel. Er wird von seinen Nachbarn als "Eigenbrötler" beschrieben, d.h. Vereinsamung ist auch eine Folge von Verhaltensweisen, die zum Selbstausschluss führen. Viel hat WÄHLER jedoch nicht über den alleinstehenden Mann erfahren.

    "Er war Frührentner, hatte offenbar Schulden und war dem Alkohol nicht abgeneigt."

    Solche "Einsamkeitskarrieren" brechen nicht über Nacht herein und in diesem Fall hatte der Tote sogar eine Schwester, die "um die Ecke wohnte", zu der aber offenbar der Kontakt abgebrochen war - zumindest kannte sie keiner der Hausbewohner, mit denen WÄHLER gesprochen hat.

    Das Thema Armenbestattung wird in der Presse vor allem unter Kostengesichtspunkten diskutiert. Nicht Fälle wie die des Düsseldorfer Toten stehen deshalb im Vordergrund, sondern so genannte Sozialbestattungen, bei denen die Suche nach zahlenden Angehörigen erfolglos geblieben ist und die überwiegen.

    "Die Zahl der Sozialbestattungen stieg laut Aeternitas E.V. einer Verbraucherinitiative für Bestattungskultur, zwischen 2008 und 2015 von 24.069 auf 27.101 an, um fast 13 Prozent - unter anderem wegen der Alterarmut. Die Daten zu den Ordnungsamtsbestattungen sind ungenauer. Düsseldorf verzeichnete 2016 rund 7.000 Sterbefälle, davon ungefähr 400 Bestattungen, die das Ordnungsamt in Auftrag gegeben hatte. Das ist nur eine Schätzung. Daten für das Bundesgebiet sind nicht bekannt."

    Das Thema Armenbestattungen hat der Soziologe Janosch SCHOBIN 2016 in der Zeitschrift Sozialreform näher unter dem freundschaftssoziologischen Aspekt betrachtet.

    Neu:
    MÄRZ, Ursula (2018): In der Gefriertruhe.
    Am Prenzlauer Berg in Berlin verschwinden zwei alte einsame Menschen und werden jahrelang nicht vermisst. Nur die Rente wird weiter ausbezahlt - an den mutmaßlichen Mörder,
    in:
    Die ZEIT Nr.6 v. 01.02.     

     
           
       

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    Update: 27. Juni 2018