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Alexander Cammann: Rückkehr der Bürgerlichkeit

 
       
   

Kurzbiographie

 
       
   
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    Alexander Cammann in seiner eigenen Schreibe

     
       

    CAMMANN, Alexander (2005): Auf der Suche nach dem Bürger. Ein aktueller Literaturbericht.
    In: Vorgänge Nr. 170, Juni

    In dem Literaturbericht werden Sachbücher von Asfa-Wossen ASSERATE, Ralf DAHRENDORF, Udo Di FABIO u.a. bewertet. Den Abschluss bildet der Roman Der Eisvogel von Uwe TELLKAMP, denn:

     "Der radikalisierte Bürger auf den Barrikaden bleibt offenbar bis auf weiteres die reizvoll-riskante Figur für die offene Gesellschaft, vor dem sie verteidigt werden muss."

    CAMMANN, Alexander (2005): Bürgerlicher Extremismus.
    Formen von Bürgerlichkeit hat es immer gegeben, auch unter der rot-grünen Hegemonie. Doch weiche Stilfragen von einst sind gerade dabei, zu harten Klassenfragen zu werden. In Zeiten der ökonomischen Krise entsteht wieder Klassenbewusstsein,
    in: TAZ v. 06.12.

    Alexander CAMMANN, Angehöriger der Generation Golf und verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift Vorgänge, begrüßt die Rückkehr der Bürgerlichkeit:

    "Die ökonomische Krise der letzten Jahre begrub endgültig die - ohnehin fragwürdige - »nivellierte Mittelstandsgesellschaft« (Helmut Schelsky) hierzulande. Formen von Bürgerlichkeit hat es zwar in den vergangenen Jahrzehnten immer gegeben. Doch weiche Stilfragen von einst sind wieder zu harten Klassenfragen geworden. Angesichts von Abstiegsängsten, des Auftauchens neuer Unterschichten und der Rückkehr der Klassengesellschaft bieten die feinen Unterschiede des bürgerlichen Lebensstils Halt und Abgrenzungsmöglichkeiten nach unten. Bürgerlichkeit wird in Zeiten der Krise zur Identitätsressource; es entsteht wieder Klassenbewusstsein."

    CAMMANN, Alexander (2006): Pornos und die "Versöhnung mit der Bürgerlichkeit".
    Schriften zu Zeitschriften: "Sinn und Form" verteidigt die Familie gegen den Feminismus, die "Neue Rundschau" schaut derweil Hausfrauenpornos,
    in: TAZ v. 11.10.

    Alexander CAMMANN referiert in seiner Zeitschriftenumschau ein Interview des Medienwissenschaftlers Norbert BOLZ in der neuen Ausgabe der Zeitschrift Sinn und Form. BOLZ hat als erster in Deutschland darauf reagiert, dass die Hausfrauenehe Kultstatus erlangt hat. Die Vorgehensweise hat er selber in dem Buch Die Konformisten des Andersseins beschrieben. Nicht mehr Schwulsein, sondern die "klassische Familie" ist auf dem Weg im "Mainstream der Minderheiten" die Führungsrolle zu übernehmen.

    Dank der amtlichen Single-Rhetorik ist es möglich geworden, dass sich die "klassische Familie" zur Minderheit stilisieren kann. In der Schweiz hat es die neue Hausfrau letzte Woche auf das Titelbild des Magazins Facts gebracht. Wann dies in Deutschland geschieht, ist nur noch eine Frage der Zeit... 

    CAMMANN, Alexander (2006): Mit inneren Werten allein zu Haus.
    Schriften zu Zeitschriften: Das "Magazin" untersucht die Liebesmühen einsamer Herzen, das "Schreibheft" stöbert in Briefen von Enzensberger, Adorno und Arno Schmidt,
    in: TAZ v. 24.10.

    Alexander CAMMANN widmet sich in seiner Zeitschriftenumschau dem Monatsheft Das Magazin. Die Novemberausgabe wird sich den Singles widmen. FAZ-Herausgeber Frank SCHIRRMACHER hat die männlichen Singles in den neuen Bundesländern ins Gespräch gebracht.

    Single-generation.de hat seit der Jahrtausendwende darauf aufmerksam gemacht, dass die allein lebenden Singlemänner - obwohl sie im Familienlebensalter doppelt so zahlreich sind wie Singlefrauen - zu wenig im Mittelpunkt der Debatte stehen. Daran hatten auch die Bücher von Michel HOUELLEBECQ nichts geändert.

    CAMMANN, Alexander (2008): Party war 1968 immer.
    Schriften zu Zeitschriften: "Literaturen" feiert die Befreiung des Daseins, im "Merkur" erinnert sich Karl Heinz Bohrer,
    in: TAZ v. 14.05.

    Aus neubürgerlicher Perspektive betrachtet Alexander CAMMANN Zeitschriften-Beiträge von Karl Heinz BOHRER und Literaturen zum Thema 1968:

    "In klassischer 68er-Manier diagnostiziert Jens Balzer, Pop-Redakteur der Berliner Zeitung, bei Götz Aly einfach falsches Bewusstsein: »Seine Wahrnehmung von Kunst reicht über gelegentliche Theater- und Opernbesuche nicht hinaus.« Die »dauer-erigierten Debatten« seien ein »unermüdliches Penis-Fechten« zwischen »Theorie-Hengsten«, die Marx und Marcuse lasen, statt Hendrix zu hören. Aber unphallisch ist auch die Popgeschichte nicht gewesen - oder hatte man sich da bislang verhört? Dennoch lauscht man gerne Balzers Hohelied auf Hippies und die »Befreiung des Daseins durch den Einsatz von Musik und Stil« - bis man womöglich von einem Jimi-Hendrix-Fan als Chef entlassen wird.
                Wer wissen will, was 1968 eigentlich war, der lese Karl Heinz Bohrers Bilanz."

    Neu:
    CAMMANN, Alexander (2008): Achtundsechzig oder neunundachtzig.
    Wenn die große Koalition ihre Regierungszeit harmonisch zu Ende bringt, liefert Wahlkampfmunition nur der Griff in die Geschichte. In Berlin nahm Frank-Walter Steinmeier jetzt schon den Kampf auf,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 22.09.

     
           
       

    Alexander Cammann im Gespräch

     
       
    fehlt noch
     
           
       

    Die Zukunft der Linken (2005)
    Vorgänge 171/172, September/Dezember
    Wiesbaden:
    Verlag für Sozialwissenschaften

     
       
         
     

    Inhalt

    "Nach dem Ende von Rot-Grün ist die Zeit für eine umfassende, (selbst)kritische Bestandsaufnahme gekommen: Welche - neuen und alten - Inhalte soll sich die Linke künftig zu eigen machen? Was kann man aus den sieben rot-grünen Jahren lernen, was generell aus dem linken Sektor der bundesrepublikanischen Geschichte? Muss eine Neuausrichtung her, um künftig wieder Mehrheiten unter den Wählern zu erringen? Können reformierte Gewerkschaften wieder ein gesellschaftspolitischer Motor sein? Ist die neualte Linkspartei Bestandteil oder ein Strukturproblem? Und schließlich: Welche Rezepte haben linke und linksliberale Parteien und Bewegungen im Ausland zu politischen Erfolgen geführt?"

     
         
     
           
       

    Heftbeiträge

    HARPPRECHT, Klaus - Verzicht und Hingabe. Ein neues progressives Projekt

    KITTSTEINER, Heinz Dieter - Jenseits von lechts und rinks. Warum wir SPD und CDU niemals wieder sehen wollen

    WALTER, Franz - Paradoxien der Mehrebenendemokratie. Die verspätete Große Koalition und die deutsche Gesellschaft

    ROITSCH, Jutta - Die SPD in der zweiten Großen Koalition

    BUSSEMER, Thymian - Links und frei. Herausforderungen für eine aufgeklärte Sozialdemokratie

    LUCKE, Albrecht von - Jenseits der grünen Mitte. eine geistig-moralische Wende von links

    NEUGEBAUER, Gero - Die Linkspartei. PDS nach der Bundestagswahl 2005

    DEMIROVIC, Alex - Die wiedergefundene Linke. Nach der neoliberalen Ideologie ist die soziale Frage wieder da

    VESTER, Michael - Der Mythos des individualisierten Wählers. Soziale Milieus und gesellschafspolitische Lage

    BUDE, Heinz - Exklusion: ein linker Inklussionsbegriff

    MÜLLER, Michael - Nachhaltigkeit als Impulsgeber und Leitidee für die Linke

    WAGNER, Gert G. - Linke Wirtschafspolitik oder gute Wirtschaftspolitik?

    LESSENICH, Stephan - Der demokratische Sozialstaat: Ein Politikangebot für die Linke

    NEGT, Oskar - Kritische Gesellschaftstheorie, Gewerkschaften und emanzipatorische Praxis

    SCHROEDER, Wolfgang - Gewerkschaften auf der Suche nach Stabilität im Wandel

    WUNDER, Dieter - Jenseits der Partikularinteressen. Ein Mentalitätswandel der Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes

    GREVEN, Michael Th. - Politik als Ursprung theoretischen Denkens. Zur intellektuellen Grundintuition von Jürgen Habermas

    HENNIG, Eike - Eine linke Rechtstheorie

    REICHARDT, Sven - "Wärme" als Modus sozialen Verhaltens? Linksalternative Milieus vom Ende der 1960er bis Anfang der 1980er Jahre

    VOIT, Jochen - Linker Marsch. Eine popkulturelle Generationengeschichte der deutschen Linken

    KRAUSHAAR, Wolfgang - 1968 und die RAF. Ein umstrittenes Beziehungsgeflecht

    CAMMANN, Alexander - Linke Perspektiven. Ein aktueller Literaturbericht

     
       

    Das Heft in den Medien

    WULF, Jan-Hendrik (2006): Wohin der Wind der Geschichte uns weht.
    Schriften zu Zeitschriften: Die "Vorgänge" fragen nach der Zukunft der Linken - und entdecken nur noch Prolls, teils mit, teils ohne Geld,
    in: TAZ v. 14.03.

     
           
       

    Rückkehr der Bürgerlichkeit (2005)
    Vorgänge 170, Juni
    Wiesbaden:
    Verlag für Sozialwissenschaften   

     
       
         
     

    Aus dem Editorial

    "Politische Gezeitenwechsel kündigen sich in gesellschaftlichen Phasenverschiebungen an. Dieses eherne Gesetz politischen Wandels galt auch bei der Bundestagswahl vom 18. September. Zwar blieb der prognostizierte Triumph des bürgerlichen Lagers aus, doch das Ende der rot-grünen Ära könnte - trotz Merkels Verlusten - ein Anfang für die bürgerlichen Parteien sein. (...).

    Die gesellschaftlichen Koordinaten verschieben sich jedenfalls seit Jahren. Im Rückblick wird man sich dereinst über die Paradoxie Gedanken machen, dass das rot-grüne Lager, kaum an der Regierung, allmählich die kulturelle Hegemonie verlor, die es zuvor allem Anschein nach besessen hatte. Talkshowthemen und Bestsellerlisten belegen eindrucksvoll die intellektuelle Vorherrschaft von Henkel, Merz und Steingart; sie haben die postmateriellen Stichwortgeber der 1980er Jahre von Franz Alt bis Hans Jonas abgelöst. Der Zeitgeist prägt die Semantik: »Eigenverantwortung« und »Leistungsbereitschaft« sind die konsensfähigen Kernbegriffe der öffentlichen Debatten - und Schlüsselterminologien für die bürgerliche Gesellschaft. Der Klimawandel hat offenkundig Folgen: Die Bürgerlichkeit kehrt zurück, mit all ihren Chancen und Risiken.

    Ganz verschwunden war sie zwar nie. Doch un- oder antibürgerlich, wie sich vor einem Vierteljahrhundert viele gaben, will heute kaum jemand mehr sein. Aus Affekten gegen wurde Identifikation mit Bürgerlichkeit. Der bürgerliche Wertehimmel steht hoch im Kurs; Familie, Kinder und Erziehung sind im Mittelpunkt gesellschaftspolitischer Diskussionen."

    Stimmen zum Heft

    "Das Schöne an diesem Heft ist, dass wir im Gewand theoretischer Reflexion eine Reihe kluger Bekenntnisse junger Intellektueller zur Bürgerlichkeit lesen"
    (Gustav Seibt in der Süddeutschen Zeitung vom 28.12.2005)

     
         
     
           
       

    Heftbeiträge

    CAMMANN, Alexander - Ralf Dahrendorf und Paul Nolte: Bürgerlichkeit in Deutschland. Ein Gespräch

    GREVEN, Michael Th. - Betrachtungen über das Bürgerliche. Dolf Sternberger und die Metamorphosen

    HACKE, Jens - Bekenntnis zur Bürgerlichkeit. Selbstbehauptungsmotive in der politischen Philosophie der Bundesrepublik

    MEIßNER, Stefan - Zivilgesellschaftsdiskurs und Bürgertumsdebatte

    FISCHER, Joachim - Bourdieu und Luhmann als Theoretiker der "bürgerlichen Gesellschaft"

    HAAS, Melanie - Die Grünen als neue Partei des Bürgertums

    SCHLÄPPI, Daniel - Zur Bedeutung von Geschichte für bürgerliche Eliten: das Beispiel Bern

    CONRADI, Elisabeth - Der Haushalt als Raum der Zivilgesellschaft. Zur politischen Ökonomik der Wohngemeinschaft

    NORDALM, Jens - Jenseits von Verfallsklage und Renaissancejubel: Bürgerliches Leben in der Gegenwart

    CAMMANN, Alexander - Auf der Suche nach dem Bürger. Ein aktueller Literaturbericht

    MÜNKLER, Herfried - Herrscher der Räume. Handlungslogiken von Imperien am Beispiel der USA

    ROISCH, Jutta - Partikulardifferenz statt Bundesstaat? Das Bundesverfassungsgericht marschiert in eine andere Republik

    LANDWEHR, Claudia - Der erschöpfte Bürger. Depression und Demokratie  
     
       

    Das Heft in den Medien

    WULF, Jan-Hendrik (2005): Und ewig nervt die Zivilgesellschaft.
    Schriften zu Zeitschriften: "Vorgänge" will die "Rückkehr der Bürgerlichkeit". Also: kein Bier mehr auf der Straße?
    in: TAZ v. 03.12.

    WULF hat im Heft 170 der Zeitschrift Vorgänge Aufrufe zur "Rückkehr der Bürgerlichkeit" gelesen. Dahinter verbirgt sich die Entsolidarisierung der Eliten, die Bürgerlichkeit als "Zurück zur Familie" interpretieren:

    "Der Historiker Jens Nordalm bezeichnet Bürgerlichkeit daher auch als einen nicht totzukriegenden persönlichen Habitus: »Das Auf und Ab der Diskurse und Diagnosen berührt einen Menschentyp nicht, der unter den Bedingungen der modernen Welt ein selbst gestaltetes und frei geordnetes Leben führen will.« Das hätten sogar die 68er praktiziert und trotz anders lautender Parolen.
    Möglich sei Bürgerlichkeit also auch heute: »Single-Dasein und Kinderlosigkeit oder prekäre Arbeitsbiographien und Geldeinbußen machen nicht aus einem Bürger einen Nicht-Bürger, sondern aus einem vielleicht glücklichen einen unglücklichen Bürger.« Für Nordalm alles kein Anlass zum Kulturpessimismus, denn »auf Menschlichkeit und Moral im relevanten Nahraum darf man noch immer vertrauen«. Wieso eigentlich? Aber jetzt hat man ihn zumindest verstanden: Kulturkritik ist das törichte Unterfangen, die moralischen Ansprüche aus dem persönlichen Nahraum auf die ganze Gesellschaft ausdehnen zu wollen; Bürgerlichkeit ist das glatte Gegenteil davon."

    SEIBT, Gustav (2005): War da was? Am Zeitschriften-Kiosk: Bürgertum und Bundesrepublik,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 28.12.

     
       

    Die Rückkehr der Bürgerlichkeit in der Debatte

    WOLFFSOHN, Michael (2005): Das Zeitalter der Ichlinge.
    Plädoyer für eine neue Bürgerlichkeit,
    in: DeutschlandRadio v. 01.12.

    Bis vor kurzem galt Frankreich den Nationalkonservativen und ihren Sympathisanten als europäisches Musterland: hohe Geburtenraten täuschten darüber hinweg, dass Frankreich - verglichen mit Deutschland keineswegs besser dasteht. Nun gilt Frankreich plötzlich als der Kranke Europas, und das kranke Japan ist plötzlich - trotz erheblichem demografischem Wandel - genesen. Internationale Vergleichen sollte man also grundsätzlich misstrauen, denn meistens werden Äpfel mit Birnen verglichen, das gilt besonders im Geburtenwettlauf...

    Ach ja, wir seien alle egoistisch, klagt WOLFFSOHN. Er sollte einfach GEO lesen...

    NORDALM, Jens (2005): Gegen die Allmacht der Obrigkeit.
    Die fruchtbare Tradition einer konservativen Staatsskepsis wird in Deutschland zu Unrecht verdrängt,
    in: Welt v. 06.12.

    Jens NORDALM, Jahrgang 1969 und Dozent für Neuere Geschichte an der katholischen Universität in Eichstätt, sieht in Paul KIRCHHOF einen typischen Vertreter der katholischen Staatsauffassung, die in Zukunft wieder eine bedeutende Rolle spielen soll.

    BOLZ, Norbert (2006): Jetzt heißt es erwachsen werden.
    Feine Unterschiede (1): Viel wäre gewonnen, wenn wir die Buntheit der Moderne nicht mehr im Outfit, sondern im Denken suchen würden. Ein Plädoyer dafür, das in Deutschland gewöhnungsbedürftige Konzept der linken Bürgerlichkeit zu wagen,
    in: TAZ v. 17.01.

    SEIDL, Claudius (2006): Wir hier oben.
    FAS-Thema: Die Berliner Republik hat Angst vor Berlin
    in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 22.01.

    Hier spricht München!

    "Der Ruf nach der neuen Bürgerlichkeit ist vor allem ein Berliner Phänomen - und zu deuten war er lange Zeit nur als Mängelanzeige: Die Regierung war nach Berlin umgezogen, und ein großer Teil der sinnstiftenden Klasse kam gleich mit. Und dann fanden sich jene Leute, die in Hamburg, München oder Bonn ganz andere Sorgen gehabt hatten, in einer Stadt, aus welcher alles, was nur entfernt nach bürgerlicher Tradition aussah, restlos verschwunden war",

    schreibt SEIDL. Diese Sicht beschreibt die Angst des Münchners vor Berlin, wie sie bereits im Berlinhasser-Buch von SEIDL & Co zum Ausdruck gekommen ist. Die Geburtsstunde des Rufs nach einer neuen Bürgerlichkeit verlegt SEIDL ins Jahr 1999. Merkwürdigerweise ist jedoch der Pastorensohn Paul NOLTE der Gewährsmann für jene Art von Neubürgerlichkeit, die SEIDL aufs Korn nimmt. NOLTE ist zwar nun auch Neu-Berliner, aber seine Unterschichten-Philosophie stammt aus der Bremer Zeit. Ist München aber wirklich so viel anders als Berlin? Hat die Münchner Schickeria nicht viel mehr Grund zur Angst vor den Unterschichten? Ist diese Angst nicht einfach nur besser kaschiert? Die Dämonisierung von Berlin könnte sich als voreilig erweisen, denn Berlin ist überall.

    Wer etwas über das Münchner Neubürgertum erfahren möchte, der wird in SEIDLs Buch schöne junge welt fündig. Dort wird dem antibürgerlichen Bürger (Bobo) ein Denkmal gesetzt. Dieser Typus gilt auch Jörg LAU oder Jan FEDDERSEN als Zielgruppe einer bürgerlichen Identitätspolitk.

    MAAK, Niklas (2006): Ihr dort unten.
    FAS-Thema: Wie man vor der Politik in Ästhetik flieht,
    in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 22.01.

    Nach Abzug der klassischen Bürgerlichkeit, bleibt für MAAK von der neuen Bürgerlichkeit nur noch die Ästhetik des neubürgerlichen Lifestyles übrig, der als Abgrenzungsmerkmal dient:

    "Während eine moderne Gesellschaft darauf mit Investitionen in Erziehung sowie Privatinitiativen für Integration und Ausbildung reagiert, schottet sich der selbsternannte Neubürger hinter den Insignien einer Distinktion ab. (Anm.: Diese Abschottung wurde auf single-generation.de bereits vor über zwei Jahren  beschrieben). Es ist ein pessimistisches Menschenbild, das aus der Ästhetik einer diffus apolitischen neuen Bürgerlichkeit herausgähnt".

    TERKESSIDES, Mark (2006): Unter sich bleiben leicht gemacht.
    Feine Unterschiede (2): Bürger sein ist oft gar nicht schwer, Bürger werden dagegen sehr. Denn über Eigeninitiative wird nur geredet - gleichzeitig wird alles getan, um den gesellschaftlichen Aufstieg für Arbeiter, Frauen und Migranten zu behindern,
    in: TAZ v. 24.01.

    ENGELMANN, Jan (2006): Wenn alle Türen zufallen.
    Feine Unterschiede (3): Minigolf als Menetekel? Solche Probleme hätte man gerne. Wer sich über die neue Spießigkeit erregt, sorgt sich eigentlich um die Politikfähigkeit der Mittdreißiger. Und diese Sorge ist begründet - längst schlagen die aktuellen Anforderungen des Arbeitsmarktes zu Buche,
    in: TAZ v. 31.01.

    In der Debatte um die "neue Bürgerlichkeit" scheint für Jan ENGELMANN die Selbstreferentialität der journalistischen Klasse auf. Er pflichtet nichtsdestotrotz Kollege Claudius SEIDL bei und sieht in Berlin die "Hochburg des neurotischen Lebensstilvergleichs". Obgleich ENGELMANN Lebensstilaussagen abwertet, stützt er sich ausgerechnet auf solche, wenn er auf die empirischen Lebensstil-Untersuchungen des Mannheimer Sigma-Instituts zurückgreift - statt z.B. auf Sozialstrukturanalysen.

    Ausgerechnet das schmale Segment der geburtenschwachen Jahrgänge der 30- bis 35jährigen gilt ihm als Maßstab für seine Analyse, nach der die zunehmende Prekarisierung des Erwerbsleben die Suche nach einer neuen Verbindlichkeit fördert. Als Alternative zum unpolitischen Gerede über die neue Bürgerlichkeit bietet ENGELMANN deswegen die gewerkschaftliche Organisierung an.

    CHARIM, Isolde (2006): Auch Citoyens können Hummer essen.
    Feine Unterschiede (4): Der Bürgerlichkeitsdebatte liegt in rot-grünen Kreisen eine bange Frage zugrunde. Diese: Können Leute mit bürgerlichen Lebensformen noch Linke sein? Die Antwort macht eine Verschiebung im linken Selbstverständnis deutlich,
    in: TAZ v. 07.02.

    Ungefähr 20 Jahre ist es her - weswegen manche offenbar bereits beträchtliche Erinnerungslücken haben - da wurde diese Debatte, ob Grünsein und Bürgerlichkeit vereinbar ist, schon einmal geführt. Das hatte damals viel mit neuer Mütterlichkeit und Dienstbotengesellschaft zu tun:

    "Auch die ausgestorbene Dienstbotenkaste könnte in veränderter Gestalt wiederkommen. (...) Und mit ihnen - in differenzierter Form - die verstorbene Kunst, dem Beieinander-Bleiben auch dann noch eine gute Seite abzugewinnen, wenn es nicht leicht fällt (B.S., 1985)"

    Ab ins Archiv also!

    HACKE, Jens (2006): Das gelingende Leben.
    Feine Unterschiede (5): Schon klar, dass die Neue Bürgerlichkeit derzeit vor allem den Rückzug des Staates kompensieren soll. Aber die bürgerlichen Werte sind dadurch noch längst nicht diskreditiert,
    in: TAZ v. 21.02.

    NASSEHI, Armin (2006): Bürger aller Länder, vereinigt euch!
    Feine Unterschiede (6): Bürgerlichkeit war im 19. Jahrhundert eine Art Benutzeroberfläche - Moral und Anstand ordneten die neue dynamische Gesellschaft. Ist die Suche nach Neuer Bürgerlichkeit nun die Suche nach einer aktuellen Benutzeroberfläche?
    in: TAZ v. 28.02.

    KOHSE, Petra (2006): Ich-Bewirtung im Hort der Werte.
    Feine Unterschiede (7): Mit den Kindern bricht das Realo-Denken ins Leben ein. Nun muss man nicht nur sich selbst über die Runden bringen und Vorbild sein. Ist das die Neue Bürgerlichkeit? Nachrichten aus dem Inneren der Familienimprovisation,
    in: TAZ v. 07.03.

    Petra KOHSE schreibt über die Familien der Generation Golf/Ally, die sich der "neuen Mitte" zuordnen lassen:

    "Nun gibt es natürlich viele Arten von Familien. Hier wird aus der Sicht von Akademikern und Freiberuflern um die vierzig aus tendenziell rot-grünem Milieu gesprochen - einer Gruppe, bei der das Kinderkriegen erst vor ein paar Jahren eingesetzt hat und deren Lebensführung in der Tat deutlich gewandelt erscheint. Von den Frauen im Bekanntenkreis arbeitet nur die eine voll, deren Mutter in der Nähe wohnt, die anderen schaffen es nur noch in verringertem Umfang. Putzhilfen haben fast alle, und kein Einziger ist dabei, der sagt: Ach, wäre ich doch lieber nach Indien gefahren!"

    Das Problem liegt für KOHSE in der 80er-Jahre-Sozialisation:

    "Bürgerlicher Lebensstil setzt eine finanzielle Grundsicherung voraus, die heute nur den wenigsten Familien gegeben ist. Es ist ja diese Zwischengeneration, die ihr Abitur im Westen mit den Parolen »Null Bock« und »No future« gemacht hat, und wenn sie von ihren eigenen (bürgerlichen) Eltern nicht dazu getrieben wurden, ist es ihnen vor ihrer Familiengründung einfach nicht darum gegangen, etwas Bestimmtes zu erreichen in der so genannten Gesellschaft."

    Für das MATUSSEK-Familienideal der LEYENs sieht KOHSE in ihrem Milieu keine Chancen:

    "Dynastische Vorstellungen von sich selbst sind unter den berücksichtigten Bezugsfamilien definitiv nicht auszumachen. Auch nicht unter denen mit Drittkind. Eher noch gilt Familie als eine Ansammlung von Ichs, die von den Eltern nach Kräften bewirtet werden müssen. Man wird seinen Kindern vermutlich nichts vererben können. Und weil das weder Prinzip noch Schicksal ist, sondern nur verpasstes Anhäufen, bemüht man sich, zumindest die Software des besseren Lebens zur Verfügung zu stellen."

    Das Resümee ist eher ernüchternd:

    "Das, was im genannten Milieu wie eine Neue Bürgerlichkeit aussehen könnte, ist tatsächlich also der eklektizistische Verwurzelungsversuch individualistisch sozialisierter und inzwischen auch staatlicherseits auf sich selbst verwiesener Eltern."

    Die neue Bürgerlichkeit ist offenbar eher eine Spielwiese für Männer...

    BAX, Daniel (2006): Eine Boheme alla turca.
    Feine Unterschiede (8): In Deutschland hat sich mittlerweile eine breite türkischstämmige Mittelschicht etabliert. In ihren Vorstellungen von Bürgerlichkeit lässt sie sich auch von ästhetischen Vorbildern aus der Türkei leiten,
    in: TAZ v. 14.03.

    MISIK, Robert (2006): Ihre Moral und unsere.
    Feine Unterschiede (9): Nur Neue Bürgerlichkeit gewährleistet wieder Werte - sagen Konservative.
    An dieser Argumentation ist die Linke selbst schuld: Sie bekennt sich nicht zu ihren eigenen Werten
    ,
    in: TAZ v. 21.03.

    MAGENAU, Jörg (2006): Alternative Wurzeln des Bürgerlichen.
    Feine Unterschiede (10): Die Bürgerinitiativen reformierten das Gemeinwohl, die taz setzte urbürgerlich auf die Öffentlichkeit - in den Siebzigern kam die Neue Bürgerlichkeit also von links. Das wird heute gern vergessen, nicht nur von Konservativen,
    in:  TAZ v. 28.03.

    WALTER, Klaus (2006): Wer kommt hier wo an?
    Die neuen Alben von Fehlfarben, S.Y.P.H. und Britta spielen drei Modelle durch, wie sich im Pop älter werden lässt: der Kompromiss der späten Tage, die Sonderlinge, Freud und Leid der Prekarität. Ein Seitenblick auf die Bürgerlichkeitsdebatte,
    in: TAZ v. 04.04.

    "»Das schöne Leben« ist schön, weil Christiane Rösinger bei aller Depression darauf besteht, dass es da - prekär, aber dennoch - ein Durchwursteln geben kann, ein Leben, in dem man wenigstens nichts zu tun haben muss mit Indieboys & jungen Spießern, Grönemeyer & Lohmeyer. Und nein, es ist kein Zufall, dass eine Frau(enband) solche Fragen stellt. Derweil die Männer: Augen zu und durchrocken! Wie vor den Wechseljahren", meint Klaus WALTER.

    SCHLÜTER, Christian (2007): Wieder auf Neuanfang.
    Wiederentdeckung des Bürgerlichen,
    in: Frankfurter Rundschau v. 23.10.

    Das Neubürgerliche sieht gemäß SCHLÜTER im "Cocooning" (Rückzug in die eigenen vier Wände) ein nationales Rettungsprojekt. Frank SCHIRRMACHER nobilitiere Bürgerlichkeit als Ausschluss:

    "Die Familie gehört zum Kernbestand der modernen, bürgerlich- kapitalistischen Gesellschaft. Das hat etwa Frank Schirrmacher in seinem Buch »Minimum« (2006) und dem nicht anders als biopolitisch zu nennenden Programm dargelegt: Das »Neuentstehen unserer Gemeinschaft« soll nach dem Vorbild der Familienbande geschehen, einer homogenen, über blutsverwandtschaftliche Beziehungen geregelten und letztlich geschlossenen Einheit.
    Bürgerlichkeit, und das ist der entscheidende Punkt, tritt hier nicht mehr als Reminiszenz ans unwiderruflich Vergangene in Erscheinung, sondern als ein über jeden historischen Zweifel erhabenes, geradezu überhistorisches Ensemble von Werten, mit denen sich nicht etwa nur unser Überleben organisieren lassen soll, sondern die vor allem ein Regime von Ausschlusskriterien etablieren. Nur wer zur - geschlossenen Einheit - der Familie gehört, hat eine Chance zu überleben."

    In Rüdiger SAFRANSKIs Buch Romantik sieht SCHLÜTER gar die "wohl ausgetüftelste Apologie des Bürgerlichen".

     
       

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    Bernd Kittlaus
    webmaster@single-generation.de Erstellt: 17. Januar 2006
    Update: 06. Mai 2015