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Florian Werner: Schüchtern

 
       
   
  • Kurzbiographie

 
       
   
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    Florian Werner in seiner eigenen Schreibe

     
           
       

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    Florian Werner im Gespräch

     
           
       

    THOMANN, Jörg (2012): "Was, wenn das jemand liest?"
    Gespräch unter Schüchternen: Florian Werner hat ein Buch über die Schüchternheit geschrieben - eine "unterschätzte Eigenschaft". Im Gespräch erzählt er, warum schüchterne Menschen für eine Gesellschaft wichtig sind, weshalb Schüchternheit zuverlässig macht - und wie sie sich doch überwinden lässt,
    in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 30.09.

    WITTNER, Jürgen (2012): Ich trau mich nicht!
    Trotz Facebook, Twitter & Co.: Immer mehr Menschen sind schüchtern. Oder genau deshalb? Der Schriftsteller Florian Werner kennt die Antwort - auch aus persönlichen Gründen,
    in: U-Mag
    , Oktober

    LECHLER, Bernd (2012): Schüchternheit - Handicap oder verborgene Stärke?
    in: Südwestrundfunk 2 v. 04.10.

     
           
           
       

    Schüchtern (2012)
    Bekenntnis zu einer unterschätzten Lebensform
    Nagel & KIimche

     
       
         
     

    Klappentext

    "Selbstdarstellung scheint heute selbstverständlich, Schüchternheit hingegen ist passé. Stimmt nicht, wie Florian Werner in seinem Bericht zeigt. Die Gesellschaft der Schüchternen ist auch im 21. Jahrhundert überraschend groß. Amüsant und formvollendet erzählt Werner von seiner Rolle als zweitgeborener Zwilling, von der Bedeutung von Kapuzenpullis, wie er seine Frau kennenlernte und warum er auch gegenüber unverschämten Kellnern zwanghaft höflich bleibt. Werner erklärt außerdem, wie Schüchternheit bei Kindern entsteht, wie der große Markt der Schüchternheitsbekämpfung funktioniert und warum Schüchternheit auch eine Stärke sein kann. Ein geistreicher, ungewöhnlicher und verblüffender Erlebnisbericht."

    Zitate:

    Schüchternheit und die Schüchternheitsindustrie

    "Angeblich leidet jeder fünfte Bundesbürger unter Schüchternheit, in den USA bezeichnen sich 42 Prozent der Bevölkerung als schüchtern, in Japan wollen es sogar 57 Prozent sein. Die Sozialphobie, also die schwere, pathologische - oder zumindest pathologisierte - Form der Schüchternheit, stellt nach Depressionen und Alkoholabhängigkeit inzwischen die dritthäufigste Form der psychischen Erkrankung in der westlichen Welt dar. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich daher, um eine Formulierung der Soziologin Susie Scott zu verwenden, eine ganze »Schüchternheitsindustrie« herausgebildet. Pharmaunternehmen verdienen mit der medikamentösen Behandlung sozialer Angststörungen ein Vermögen. (...). Daneben sollen unzählige Selbsthilfe-Bücher mit Titeln wie Das Buch für Schüchterne, Frei von Angst und Schüchternheit oder Endlich mit Frauen flirten Schüchternen helfen, »Wege aus der Selbstblockade« zu finden, »(s)oziale Ängst (zu) besiegen« beziehungsweise »Schüchternheit und Angst vor dem Flirten mit einfachen Übungen erfolgreich selbst zu überwinden«. Wer schüchtern ist, so scheint es, befindet sich in zwar unauffällig-zurückhaltender, aber überraschend großer Gesellschaft." (2012, S.11)

    Folgt man der Argumentation, die Lane in seinem Buch Shyness: How Normal Behavior Became a Sickness entfaltet, so gelten Eigenschaften und Verhaltensweisen, die vor einer Generation noch als »normal« galten, inzwischen oft als psychopathologische Störungen, die der - vorzugsweise medikamentösen - Therapie bedürfen. Während man schüchterne Menschen früher einfach nur für »introvertiert« und vielleicht ein bisschen »seltsam« gehalten oder sogar für ihr zurückhaltendes Wesen bewundert habe, so müssten sie sich heute immer wieder der Diagnose erwehren, krank zu sein". (2012, S.148)

    Schüchternheit als männliches Problem

    "In einer patriarchal geprägten Gesellschaft, in der, gerade was Geschlechterbeziehungen anbelangt, dem Mann eine aktive Rolle zugesprochen wird, während die Frau das passive Objekt maskuliner Begierde darstellen soll, ist Schüchternheit daher vor allem ein männliches Problem.
    (...).
    Angesichts dieser ungleich verteilten Geschlechtsrollen kann es nicht überraschen, dass sich die ersten Schüchternheitsratgeber sowohl explitzit als auch in der Wortwahl an Männer richteten. So heißt es in Die erfolgreiche Bekämpfung der Schüchternheit aus dem Jahr 1911, dass die Schüchternheit die von ihr betroffenen Menschen nicht nur »übermannt«, sondern nachgerade »entmannt«, sie also ganz und gar ihrer maskulinen Charaktereigenschaften beraubt.
    (...).
    Doch nicht nur populäre Selbsthilfebücher, auch renommierte Wissenschaftler beschrieben die Schüchternheit als typisch weibliche Eigenschaft und ergo als männliches Manko." (2012, S.24f.)

    Das Wesen der Schüchternheit

    "Dieses schwer zu fassende Phänomen (...) ist in der Regel kein vorübergehender Zustand, sondern (...) eine »Grundstimmung«. Die Frage, ob jemand an dieser Stimmung teilhat oder nicht, lässt sich objektiv nur schwer beantworten, da sie sich zum einen nur in bestimmten Situationen offenbart und zum anderen in besonderem Maß diskursiv konstruiert ist: Wer sich als schüchtern bezeichnet oder so von anderen bezeichnet wird, der ist, zumindest bis das Gegenteil bewiesen ist, schüchtern. Zudem ist die Definition der Schüchternheit enormen historischen Wandlungen unterworfen: Die Frage, wer in welcher Situation als schüchtern gilt, sagt viel über die sozialen Rollenerwartungen aus, die Männern und Frauen sowohl im Berufsleben als auch im Alltag entgegengebracht werden: Schüchternheit ist mithin eine Art Lackmustest für die Gleichheit und Offenheit einer Gesellschaft." (2012, S.28)

    Schüchterne durchlaufen typischen Lebensereignisse später als Nicht-Schüchterne

    "Das durchschnittliche Heiratsalter für Männer liegt in Deutschland derzeit bei dreiunddreißig Jahren, Schüchterne hingegen, das legen Langzeitstudien aus den USA und Schweden nahe, heiraten im Durchschnitt etwa drei Jahre später. Überhaupt brauchen Schüchterne für alles etwas länger: Sie bekommen später ihr erstes Kind (ebenfalls etwa drei Jahre), sie fassen später im Berufsleben Fuß, und sie lassen, wenn überhaupt, erst in vergleichsweise hohem Alter die Nachwehen der Pubertät hinter sich." (2012, S.66f.)

    Die Blödigkeit als Vorform der modernen Schüchternheit und sozialer Aufstieg

    "Ein schüchtern-blödes Verhalten wurde zum Kennzeichen des bürgerlichen Individuums in der Übergangsgesellschaft und stellte für den sozialen Aufsteiger ein ernsthaftes Problem dar: Jederzeit musste er befürchten, sich vor Angehörigen höherer Schichten zu blamieren, da er, um einen Ausdruck des Soziologen Pierre Bourdieu zu verwenden, seinen »Habitus«, also seine in Sprache, Gestus und Umgangsformen geronnene Lebensgeschichte, nicht ablegen konnte. Bezeichnenderweise soll es gerade in der klassenbewussten englischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts erstmals zu einem epidemischen Auftreten von shyness gekommen sein, da etliche soziale Aufsteiger in stetiger Angst davor lebten, sich durch ihren lowerclass-Akzent zu verraten (...).
    Suchte man in der Literaturgeschichte nach einem dergestalt Befangenen, so würde man auf den aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Anton Reiser aus dem gleichnamigen Roman von Karl Philipp Moritz treffen, der bei seinen Versuchen, über seinen Stand hinauszukommen, in ständiger, neurotischer Angst vor Beschämung lebt (...).
    Ein entfernter französischer Verwandter von Anton Reiser ist Julien Sorel, der gesellschaftliche Emporkömmling aus Stendhals Roman Rot und Schwarz, der zwar nach heutigen Begriffen nicht besonders schüchtern ist, sich in Gegenwart gesellschaftlich höhergestellter Damen aber of ausnehmend blöde benimmt (...).
    In gewisser Weise stellt die peinigende Erfahrung der Blödigkeit beziehungsweise Schüchternheit also die Kehrseite der Demokratisierung dar, wie sie sich seit Beginn der Moderne in den westlichen Gesellschaften vollzog. Man könnte sogar vermuten, dass die Schüchternheit proportional zur gesellschaftlichen Durchlässigkeit und Aufwärtsmobilität zunimmt: Je größer die sozialen Aufstiegschancen sind, je weiter und vielfältiger die Kreise, in denen man sich bewegt, desto zahlreicher werden auch die Gelegenheiten, sich zu blamieren" (2012, S.86)

    Cyrano de Bergerac als Schutzheiliger der Schüchternen

    "Seine Befangenheit macht Cyrano nicht nur zum romantischen Dichter par excellence, bei dem (Liebes-)Leben und Werk untrennbar ineinander übergehen - sie macht ihn auch zum Schutzheiligen aller Schüchternen, die sich in seiner tragikomischen Person und Lage wiedererkennen: Sein Name wird heute sowohl von einem Softwareprogramm, das automatische Liebesbriefe generiert, in Anspruch genommen als auch von einer Anwendung für Smartphones, das sozialängstlichen Menschen ein ähnliches Schicksal wie das des armen Haudegen ersparen soll. »Also, schüchtern und alleine war gestern«, wirbt die Firma, welche die Anwendung vertreibt, für ihre Dienste, »denn Dank der Cyrano Flirtsprüche App bist Du nie um einen coolen Spruch verlegen, und Dein Traumpartner ist nur einen Spruch entfernt.«" (2012, S.125)

    Die Vorteile des Schüchternen

    "Der Schüchterne befindet sich, auf seine Stellung innerhalb der Gesellschaft bezogen, (...) in einer liminalen Position; er ähnelt darin der Figur des Fremden wie der Soziologe Georg Simmel sie beschrieben hat (...). Aufgrund dieser Doppelnatur verfügt er über ein besonderes Maß an Objektivität und Freiheit, das es ihm erlaubt, »auch das Nahverhältnis wie aus der Vogelperspektive (zu) erleben«. (...). Der Schüchterne weiß mehr über seine Mitmenschen, als diese ahnen. Er ist ein Spion, ein stiller Teilhaber, ein Ethnograph seiner Kultur und Gesellschaft." (2012, S.161f.)

    Der Schüchterne beschränkt sich darauf, die Glaubenssätze der Casting-Gesellschaft durch seine schiere Anwesenheit in Frage zu stellen. (...).
    Der Schüchterne wäre mithin eine Art klandestiner Widerstandskämpfer, der sich der Teilnahme an der großen spätkapitalistischen Selbstdarstellungsschau verweigert - und sein gesellschaftliches Ver- oder besser Enthalten ein stiller Ausdruck der Nonkonformität, ein friedlicher Akt sozialen Ungehorsams. Die Schüchternheit ist eine Eigenschaft, die sich nicht ohne weiteres in die marktwirtschaftliche Logik unserer Leistungsgesellschaft einfügen lässt: Durch ihre Präsenz stellt sie das Idealbild des »normalen«, auf Durchsetzungsfähigkeit und Selbstdarstellung programmierten Homo oeconomicus in Frage. Indem der Schüchterne auf der Schwelle verharrt, lenkt er den Blick auf die Möglichkeit, dass es auch ein Außen, eine Alternative gibt." (2012, S.162f.)

     
         
     
           
       

    Beiträge von single-generation.de zum Thema

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    • Rezensionen

    LUTZ, Cosima (2012): Lob der Schüchternheit.
    Florian Werner bekennt sich zu einer "unterschätzten Eigenschaft",
    in: Welt v. 25.08.

    TEUTSCH, Katharina (2012): Zaghafte Unsicherheit, blöde Befangenheit.
    Schüchternheit ist eine Zier, weiter kommt man ohne ihr: Florian Werner und Margarete Eisner über eine Charaktereigenschaft, die nicht immer als soziales Defizit begriffen wurde,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 30.08.

    HUECK, Carsten (2012): Von der "Angststörung" zur neuen Tugend.
    Parallel zu seinen amüsanten Anekdoten geht Florian Werner philologisch und kulturhistorisch der Frage nach, was "Schüchternheit" sei. Seine charmante Erkundung wirft einen neuen Blick auf negative Begriffe wie Verlegenheit, Scham und Scheu,
    in: DeutschlandRadio v. 04.09.

     
           
       

    Schüchternheit in der Debatte

    HERPELL, Gabriela (2004): David Byrne.
    Über Schüchternheit,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 13.03.

    David BYRNE (Ex-Talking Heads) u.a. über die Vorzüge des Pop-Startums für Schüchterne:

    "Vor ein paar Jahren haben Sie einen Song geschrieben, in dem Sie sich darüber beklagen, auf einer Party der am wenigsten angesagte Gast zu sein. Kenn Sie das Gefühl heute noch?
    Ich kann mich gut daran erinnern. Ich habe sehr lange so gefühlt (...). Wenn ich in Clubs und Bars ging, stand ich allein in der Ecke und redete mit niemandem (...).
    Pop-Star zu sein war eher ein wunderbares Vehikel, Leute kennen zulernen. Es funktionierte, da die Leute mich ansprechen. Ich konnte dann antworten, hatte aber selbst nicht den Druck, mich fremden Menschen nähern zu müssen.
    (...).
    Wurden Sie nicht irgendwann sicherer?
    (...) Ich konnte meine
    Schüchternheit immer nur phasenweise kompensieren (...).
    Waren Sie neidisch auf die anderen, die das Leben leicht nahmen (...)?
    Ja, aber ich habe so getan, als würde ich sie für diese Leichtigkeit verachten."

    BOPP, Lena (2007): Schüchterne lieben besser.
    Angstforscher Borwin Bandelow im Gespräch,
    in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 21.10.

    RÜHLE, Alex (2007): Sie müssen diesen Text nicht lesen.
    Der Autor hat ausdrücklich angeboten, seinen Artikel ausführlich zu kürzen. Er sei nicht nur zu lang, sondern eigentlich auch gar nicht wichtig und viel zu prominent platziert. Es geht schließlich nur um einen Ratgeber für Schüchterne,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 30.10.

    PSYCHOLOGIE HEUTE-Titelgeschichte:
    Schüchtern?
    Die Angst vor den anderen überwinden

    WOLF, Axel (2008): Warum so schüchtern?
    Schüchternheit ist ein weitverbreitetes, in seiner Destruktivität aber immer noch unterschätztes Problem. Schüchterne Menschen müssen sich zu sozialen Kontakten zwingen, obwohl sie gerne mehr davon hätten. Dieses Dilemma wird von ihrer extremen Selbstbeobachtung verursacht,
    in:
    Psychologie Heute Nr.2, Februar

    "1978 hat der bekannte Sozialpsychologe Philip Zimbardo dieser Zeitschrift ein Interview gegeben. Er bezeichnete sie als »Gefängnis im Kopf« (...). Zimbardo war der Pionier in der Erforschung der Schüchternheit, und er ergründete seither, warum sei sich fast epidemisch in vielen westlichen Gesellschaften ausbreitete (...).
                Zimbardo kommt das Verdienst zu, ein psychisches Phänomen auf die Tagesordnung der psychologischen Forschung gesetzt zu haben, das bis dahin unterschätzt oder für relativ harmlos gehalten wurde. (...).
                Schüchternheit ist mit selbstquälerischer, ständiger Selbstbeobachtung verbunden, mit dem Zwang, sich unablässig zu vergleichen, zu zensieren, immer mit dem Schlimmsten zu rechnen. Schüchterne fürchten nichts so sehr wie Blamagen, und sie denken ewig darüber nach, was andere wohl von ihnen halten.
    In zahlreichen Forschungsprojekten ist das Phänomen Schüchternheit - auch unter der
    Rubrik »soziale Phobie« oder »soziale Angst« - noch genauer untersucht worden (...).

                Im Zentrum des Problems steht ein Vermeidungsverhalten (...). Einige Schüchterne isolieren sich nach und nach so sehr, dass sie unter Einsamkeit und schließlich Depression leiden", meint Axel WOLF.

    WEHLING (2008): Von der Schüchternheit zur Sozialen Angststörung.
    Die Medikalisierung alltäglichen Verhaltens,
    in: WestEnd, Heft 2, S.151-161

    WEHLING beschreibt in Anlehnung an Christopher LANEs Buch Shyness. How Normal Behavior Becam a Sickness (2007) den Bedeutungswandel des Begriffs "Schüchternheit" seit den 1970er Jahren:

    "Diese Entwicklung verlief in zwei Schritten: In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre wurde Schüchternheit zunächst zu einer regelrechten »Volkskrankheit« (Zimbardo ...) stilisiert, um dann in den beiden folgenden Jahrzehnten mehr und mehr in die Nähe einer behandlungsbedürftigen mentalen Störung, der Sozialen Phobie (Social Phobia) oder Sozialen Angststörung (Social Anxiety Disorder) gerückt zu werden."

    WEHLING sieht drei Einflussfaktoren wirken:

    "Erstens hatte die Frauenbewegung seit den späten 1960er Jahren traditionelle Geschlechtsrollen zum Gegenstand der Kritik gemacht und damit den vermeintlich weiblichen Charakter der Schüchternheit in Frage gestellt. Zweitens zeigten sich in den 1970er Jahren bereits erste Anzeichen für eine medial geprägte Kultur, die expressive Selbstdarstellung und Hemmungslosigkeit immer mehr in den Mittelpunkt rückte, sowie für jenen »neuen Geist des Kapitalismus« (Boltanski und Chiapello 2003)(...), der aktives Engagement, selbstbewusstes Auftreten und Kommunikationsfähigkeit fordert und prämiert. (...). Drittens spielte (...) auch die Zunahme psychologischer Berufe und Betreuungsangebote eine wichtige Rolle für die veränderte emotionale Kultur der Schüchternheit.

    Mit dem Bedeutungswandel der Schüchternheit von einer positiven "weiblichen Eigenschaft" zu einer negativ bewerteten  "männlichen Eigenschaft" gerieten Männer in den Fokus.

    Mit der zunehmenden Medikamentalisierung der Schüchternheit sieht WEHLING unsere Gesellschaft auf dem Weg zu einer "Biopolitik der mentalen Fitness", in der die Individualisierung und Personalisierung der Schüchternheit, statt die soziale Kontextabhängigkeit in den Mittelpunkt rückt. 

    SCHWILK, Heimo (2009): Lob der Schüchternheit.
    Unsichere Menschen tun sich oft schwer, einen Partner zu finden. Doch unter der Angst des Schüchternen verbergen sich Tiefsinn und Liebenswürdigkeit,
    in: Welt am Sonntag v. 05.04.

    Geht das Zeitalter des Narzissmus zu Ende? SCHWILK möchte zumindest den schüchternen Menschen rehabilitieren. Schüchternheit gilt seit den 1970er Jahre als dysfunktional. In Deutschland wurde im gleichen Jahr, in dem der Single-Begriff von den USA herüberschwappte, die Volkskrankheit Schüchternheit entdeckt. In dem Aufsatz Von der Schüchternheit zur Sozialen Angststörung: Die Medikamentalisierung alltäglichen Verhaltens (WestEnd H.2/2008) nennt Peter WEHLING 3 Gründe für die veränderte Wahrnehmung der Schüchternheit:

    "Erstens hatte die Frauenbewegung seit den späten 1960er Jahren traditionelle Geschlechtsrollen zum Gegenstand der Kritik gemacht und damit den vermeintlich weiblichen Charakter der Schüchternheit in Frage gestellt. Zweitens zeigten sich in den 1970er Jahren bereits erste Anzeichen für eine medial geprägte Kultur, die expressive Selbstdarstellung und Hemmungslosigkeit immer mehr in den Mittelpunkt rückte, sowie für jenen »neuen Geist des Kapitalismus« (Boltanski und Chiapello 2003)(...), der aktives Engagement, selbstbewusstes Auftreten und Kommunikationsfähigkeit fordert und prämiert. Schüchternheit im beruflichen Kontext erschien (...) als »totales Desaster« (...). Drittens spielte (...) auch die Zunahme psychologischer Berufe und Betreuungsangebote eine wichtige Rolle für die veränderte emotionale Kultur der Schüchternheit." (2008, S.153f.)

    SCHWILK fragt sich, ob ein Schüchterner wirklich das allgemeine Balzverhalten lernen muss. Oder hilft ihm ein Buch wie Der Aufreißer (Neil STRAUSS)? Seine Vorstellungen gehen dahin, dass er den Frauen die Vorzüge des schüchternen Mannes schmackhaft macht:

    "Es lohnt sich (...), den Schüchternen in seinem einsamen Winkel aufzusuchenden. (...).
    Die Ich-Schwäche des Gehemmten entpuppt sich bei näherem Hinsehen nicht selten als Motor der Bescheidenheit, von Rücksicht und Fürsorge. Das Zusammensein mit ihm wird anstrengend, aber nachhaltig sein. Was er sagt, ist nicht dahingesagt, sondern erlitten, wohlüberlegt und nicht selten formvollendet formuliert. Deshalb sind auch die Liebesbekundungen des Schüchternen keine Floskeln, um den Partner in einen Nebel von Schmeicheleien zu hüllen. Sie sind in Einsamkeit gereift, oft ein bisschen zu ehrlich, manchmal, wie bei Kafka, überaus anstrengend in ihrer den Gefühlen auf den Grund gehenden Gründlichkeit, aber sie kommen aus dem Herzen."

    Vor dem Hintergrund, den Peter WEHLING aufgezeigt hat, müsste mehr geschehen als ein solcher Appell an die Frauen. Ein einfaches Zurück zu den Werten der Aufbaugeneration - wie es bei SCHWILK anklingt, erscheint wenig wahrscheinlich.

    Neu:
    STÄHELI, Urs (2013): Die Angst vor der Gemeinschaft.
    Figuren des Schüchternen,
    in: Merkur,
    Oktober

     
           
       

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    Erstellt: 31. Dezember 2012
    Update: 11. April 2017