Hannelore SCHLAFFER widmet sich der Mode des Biografismus, die auf Leserinnen zielt. Für den Schweizer Soziologen Peter GROSS ist die Biografie das individuelle Äquivalent zur soziologischen Zeitdiagnostik, die anhand von Gesellschaftsetiketten à la Single-Gesellschaft in Zeiten der Ungewissheit Orientierung bietet. SCHLAFFER formuliert das folgendermaßen:

"In einer Gesellschaft, die vom «Patchwork» des Lebens spricht, führt die Biografie Karrieren voller Konsequenz vor. Der Leser, dem heute keine verpflichtenden Lebensmodelle mehr zur Verfügung gestellt werden, der einmal dies, einmal jenes ausprobieren darf, steht einer Figur gegenüber, die für ihre Sache, ihre Idee, ihre Erkenntnis ein Leben einsetzte."

Die dazugehörige Gesellschaftsetikette wäre "Bastelgesellschaft" (Ronald HITZLER) oder "Multioptionsgesellschaft" (Peter GROSS).

Wer diesem Gelaber von Wahlfreiheit nichts abgewinnen kann, der hält es dagegen mit PeterLicht:

"was du nicht kannst ist:
mehrere Leben führen
auf mehrere auf mehrere Schiffe gehn
und das schenkt uns die treue Realität
und der Rest ist Hobby"
(aus: Kopf zwischen Sterne, 2006)

Neu:
SCHLAFFER, Hannelore (2015): Brandzeichen auf Mädchenhaut.
Seit Coco Chanel nach 1910 den Minimalismus in die Damenmode eingeführt hat, ist die Entwicklung zu Unisex unaufhaltsam. Auch der jüngste Trend zum weiblichen Tattoo ist der Männerwelt entliehen,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 25.09.

"Die Herkunft des weiblichen Stils aus der Männermode wird unübersehbar im 20. Jahrhundert. Was anderes wären Hose, Hosenanzug, Turnschuh, ja selbst der flache Bauch als ein Zitat. Die Revolution leitete Coco Chanel nach 1910 ein. Sie ist (nach ein paar am Hof beschäftigten Schneiderinnen) die erste Frau, die Mode kreiert. Mit Hemdbluse, Hose, Bubikragen und Bubikopf machte sie die Frau zur Knäbin. Seitdem war die Entwicklung zu Unisex, zur Nivellierung der geschlechtlichen Markierung unaufhaltsam",

schreibt Hannelore SCHLAFFER und übernimmt damit eine typisch männliche Sicht auf die "Neue Frau". Im Kapitel Vom Bubikopf zum Gretchenzopf: Ledig gebliebene Frauen in der Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus beschreibt Katrin BAUMGARTEN in ihrem Buch Hagestolz und Alte Jungfer wie die "Neue Frau" aus männlicher Sicht zum Gespött wurde:

"Die spitzen Bleistifte der männlichen Spötter, die auch in der Weimarer Republik in diesem Metier dominierten, verwandelten durch einfache Überzeichnung das »Leitbild« der »Neuen Frau« zu einem »Schreckensbild«. Die revolutionäre Kleider- und Frisurenmode, die den Frauen ein maskulineres Erscheinungsbild verlieh, ließ sich leicht als Aufhänger nutzen, um das altbekannte Vorurteil von der »Vermännlichung« der emanzipierten Frau fortzuschreiben. (...). Schon um 1910 finden sich erste Ansätze für den Typus der »Neuen Frau«, der durch Kopplung mit dem Altjungfern-Stereotyp ins Lächerliche gezogen wird". (1997, S.211)

Es dürfte auch keineswegs ein Zufall sein, dass um 1910 das Aussterben der Deutschen infolge des Geburtenrückgangs zum Thema wurde. Während bis dahin die Alterspyramide scheinbar noch heil war, trug sie in dieser Sicht bereits den Keim des Untergangs namens Geburtenrückgang in sich. Inzwischen hat die Debatte um den demografischen Wandel eine derartige Hysterie entwickelt, dass selbst eine in den letzten Jahren ständig wachsende Bevölkerung und ein Anstieg der Geburtenzahlen als nicht ausreichend angesehen wird, um den Niedergang Deutschlands aufzuhalten. So titelte die Zeitschrift Cicero gerade: Die große Illusion.

Wird es angesichts dieses "Pathos der Verschlechterung" nicht Zeit, die Illusionen der Rede vom demografischen Wandel genauer unter die Lupe zu nehmen? Das Thema der Stunde müsste die Demografisierung gesellschaftlicher Probleme sein, aber hier herrscht lediglich Schweigen!