[ Autoren der Generation @ ] [ News ] [ Homepage ]

 
       
   

Melanie Mühl: Die Patchwork-Lüge

 
       
   
  • Kurzbiographie

    • 1976 in Stuttgart geboren
    • Studium Journalismus und Germanistik
    • 2011 Buch "Die Patchwork-Lüge"
    • Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
 
       
   
  • Aktuellster Beitrag
  •  
           
       

    Melanie Mühl in ihrer eigenen Schreibe

     
       

    MÜHL, Melanie (2005): Weiblich, jung, kinderlos,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 09.08.

    Melanie MÜHL berichtet über die Generation Praktikum, der das großzügige Wahlversversprechen Elterngeld nichts nützt, weil ihr nicht einmal der Berufseinstieg gelingt und wenn, dann sind sie zu beschäftigt mit dem Kampf um die wenigen Stellen:

    "Ihren Kinderwunsch haben sie verdrängt, sich an Fernbeziehung, doppelte Haushaltsführung und unbezahlte Praktika gewöhnt. Sie wissen, was Verzicht bedeutet. Aber weil sie erwartungsvoll in ihre Zukunft blickten und meinten, sie würden gebraucht, verzichteten sie gerne: Die Welt gehört uns, dachten sie. Und dann wird diesen Superakademikerinnen ebendiese Turbolebensphase, die »rush hour of life« zum Verhängnis. Denn der Arbeitsmarkt will sie nicht. Er braucht sie nicht. Auf die mit Kindern verzichtet er gleich ganz. (...).
              
    Die berufliche Perspektive, für die sie jahrelang geschuftet haben, gibt es nicht mehr. Aus einst hoffnungsvollen Akademikerinnen sind gescheiterte Berufsanfänger geworden, eine verlorene Generation."

    MÜHL, Melanie (2006): Adoptionen.
    Könnte sie mein Kind sein?
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 08.03.

    MÜHL, Melanie (2006): Wer sagt, daß Bildung wichtig ist?
    Erst sterben die Dörfer, dann stirbt das Land: Bulgarien stemmt sich gegen das Verschwinden,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 10.04.

    MÜHL, Melanie (2008): Warum immer gleich so gereizt?
    Jean-Claude Kaufmann schaut dem Brodeln unter der Beziehungsoberfläche zu,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 04.02.

    MÜHL, Melanie (2008): Der Vater.
    Ein junger Mann wird Samenspender. Er glaubt, er helfe der Forschung, aber die Klinik verkauft sein Sperma. Seit er das weiß, sucht er nach seinen Kindern. Es könnten vierhundert sein. Zwei hat er schon gefunden. Sie leben ganz in seiner Nähe,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 02.08.

    MÜHL, Melanie (2009): Der Bilderberg.
    Zwei Menschen fahren ihr Leben lang miteinander in die Alpen. Sie hinterlassen dreitausend Fotos und den Eindruck eines glücklichen Paares. Die Suche danach, wer sie waren, beginnt in einem Trödelladen und endet mit der Frage, ob Liebe sich recherchieren lässt,
    in:
    Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 21.03.

    MÜHL, Melanie (2009): Das letzte große Ding.
    Second Life war eben noch die jüngste Welt, die wir im Internet erschaffen haben. Jetzt ist sie die erste, die wir wieder aufgeben. Ein Avatar erzählt,
    in:
    Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 16.05.

    MÜHL, Melanie (2010): Das geheuchelte Familienglück.
    Ist Patchwork wirklich das Modell der Zukunft? Unsere Selbstverwirklichungsmanie fordert ihren Preis. Und den zahlen die Kinder,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v.
    18.08.

    Melanie MÜHL kritisiert die Patchworkfamilie, die von Felicitas von LOVENBERG vor kurzem als Modell der Zukunft gepriesen wurde, als kinderschädigend.

    MÜHL, Melanie (2010): Der Zug fährt ab.
    Wenn inzwischen sogar Migranten aus Migrantenvierteln wegziehen, ist Integration vielleicht gar kein ethnisches Problem, sondern ein sozialer. Eine Bestandsaufnahme in Berlin-Kreuzberg,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 23.10.

    MÜHL, Melanie (2011): Der eilige Vater.
    Kurz nachdem seine Tochter Sophie auf die Welt gekommen war, nahm Patrick Bugner drei Monate Elternteilzeit. Seine Frau ging weiter arbeiten, er kümmerte sich um das Kind. Er wollte es gut und auch richtig machen. Jetzt kehrt er ins Büro zurück,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 08.01.

    MÜHL, Melanie (2011): Frühjahrsoffensive der Teilzeitamazonen.
    Der Lieblingsfeind von Frauen sind Frauen. Das ist angesichts der Tatsache, dass sie nach wie vor auf der Seite der Diskriminierten stehen, absurd. Eigentlich müssten Frauen wütend protestieren. Gemeinsam. Warum nur tun sie das nicht?
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 16.04

    MÜHL, Melanie (2012): Bundesministerin für Wasnochmal?
    Für diese Woche kündigt Kristina Schröder eine programmatische Rede an. Zeit wird’s, denn die belasteten Familien hatten bisher wenig von ihr,
    in:
    Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 10.01.

    "Dass Kristina Schröder Familienministerin ist, hindert sie nicht daran, sich, sobald es um Familienpolitik geht, hinter dem Begriff der Wahlfreiheit zu verschanzen, der nichts weiter als ein Euphemismus ist und die Tatsache beschönigt, dass jeder von uns gezwungenermaßen Prioritäten setzt. Die Wahlfreiheit entpuppt sich spätestens dort als leeres Versprechen, wo Krippenplätze fehlen. In Deutschland ist das leider ziemlich häufig der Fall", meint Melanie MÜHL.

    MÜHL, Melanie (2012): Nicht ohne eine Tochter.
    Geschlechterselektion: An Retortenbabys hat sich die Gesellschaft gewöhnt. Inzwischen aber gibt es immer mehr Eltern, die das Geschlecht ihres Kindes vorher festlegen wollen. Wohin führt das?
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 25.10.

    MÜHL, Melanie (2012): Gestrandet auf der Familieninsel,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 22.12.

    MÜHL, Melanie (2013): Heimatlos in den eigenen vier Wänden.
    Mobilität und Wohnen: Du sollst nicht bleiben! So lautet das erste Gebot unserer auf Mobilität fixierten Gesellschaft. Jetzt erreicht es unsere Wohnzimmer. Der Trend geht vom Zuhause zum flexiblen Zwischenlager,
    in:
    Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 26.03.

    MÜHL, Melanie (2013): Macht Platz für Reiche.
    Gentrifizierung in Frankfurt: Frankfurts Westend verzeichnet seit einiger Zeit steigende Mieten, nun ist es unbezahlbar. Der Widerstand der Bevölkerung kommt gegen die finanzielle Macht der Großinvestoren nicht an,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 15.04.

    MÜHL, Melanie (2013): Narziss macht jetzt den Bachelor.
    Mama, kannst du bitte meine Handyrechnung bezahlen? Die erste Generation überbehüteter Kinder bevölkert die Universitäten. Die Zumutungen des alltäglichen Lebens sind ein Schock - für alle Beteiligten,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung
    v. 13.08.

    MÜHL, Melanie (2013): Dann stehe ich schlecht da.
    Altersvorsorge: Ich kann es schon nicht mehr hören: "Sie müssen für Ihr Alter vorsorgen." Wie denn? Was ist in dreißig Jahren, wenn ich Mitte sechzig bin? Ich habe mal nachgerechnet,
    in:
    Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 05.12.

    Melanie MÜHL ist ratlos angesichts düsterer Zukunftsprognosen:

    "Ich würde lügen, würde ich behaupten, ich hätte keine Angst vor Altersarmut. Fest steht: Die Schere zwischen denen, die im Alter relativ gut dastehen, weil sie finanziell vorgesorgt haben, und denen, die im Alter in Armut leben, geht bedrohlich weit auseinander. Und Arm stirbt früher, heißt es."

    Die Altersarmut ist mit den Rentenreformen seit 1989 und insbesondere seit 2001 - mit Einführung der privaten Altersvorsorge - vorprogrammiert worden. Die Politikwissenschaft spricht von Drift. Einer Art politischen Nicht-bzw. Scheinhandelns, der zur lautlosen Verabschiedung des Ziels Lebensstandardsicherung in der Alterssicherung führt, weil alle vorherigen Weichenstellungen langfristig auf eine Grundsicherung hinauslaufen. Zu deutsch: Die bisherigen Reformen führen einen Paradigmenwechsel herbei. Und die Politiker brauchen gar nichts mehr zu tun... 

    Die Rente mit 67 wird in der Bevölkerung (noch) abgelehnt. Im Koalitionsvertrag wird gar die Rente mit 63 versprochen. Dabei liegt die Strategie einer Debatte um weitere Erhöhungen des Renteneintrittsalter bereits in den Schubladen:  Angesichts von zukünftigen Debatten um eine Rente mit 69 (so Politikberater, die den Widerstand gegen weitere Rentenreformen zu brechen versprechen) wird die Rente mit 67 bald als rentenpolitisches Idyll erscheinen. Einen Vorgeschmack bietet bereits der FAS-Artikel Verschwörung gegen die Jungen des ehemaligen taz-Journalisten Ralph BOLLMANN:

    "Im vorigen Jahr erregte der Direktor des Rostocker Max-Planck-Instituts für demographische Forschung, James Vaupel, mit der Forderung nach einer Rente mit 72 Aufsehen – allerdings erst für das Jahr 2050. »Die Menschen müssen schlicht einen vernünftigen Teil ihrer Lebenszeit arbeiten«, sagte er. Dabei glaubt Vaupel nicht einmal an die demographischen Untergangsszenarien eines stark schrumpfenden Deutschland, da setzt er auf Zuwanderung und steigende Geburtenraten. Es ist schlichtweg unsere Langlebigkeit, die ein längeres Arbeitsleben nicht nur finanziell nötig, sondern auch gesellschaftlich sinnvoll macht."

    Die Kommunikationsstrategie ist klar: Die Reformstrategen werden uns so lange mit immer höheren Renteneintrittsaltern und demografischen Horrorszenarien bombardieren bis uns die Rente mit 67 als rentenpolitisches Idyll erscheinen wird.

    Was soll dieser Artikel von Melanie MÜHL bewirken, der lediglich eine diffuse Angst und Ratlosigkeit verbreitet? Ist jeder sozusagen seines Unglückes Schmied?

    MÜHL, Melanie (2013): Mütterlein, nur bei dir daheim!
    Generation Nesthocker: Kinder ziehen immer später von zu Hause aus. Finanzielle Gründe spielen eine Rolle, aber oft geht es schlicht um Bequemlichkeit. Die große Frage: Wie wird man die Nesthocker endlich los?
    in:
    Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 19.12.

    "Two headline-grabbing surveys reported on 21 March 2002 painted a picture of twenty-/thirtysomethings as a generation of »boomerang kids«, who are reluctant to leave home in the first place and, when they do, keep going back - for Sunday dinner (57 percent), to collect their mail (19 percent) or to have their washing and ironing done (13 percent).",

    schrieb Jenny BRISTOW bereits vor über einem Jahrzehnt. Nun hat Melanie MÜHL eine Story in der Daily Mail über diese Boomerang-Kids gelesen und merkt dazu an:

    "In Deutschland leben etwa dreißig Prozent der 25- bis 34-Jährigen nach wie vor bei ihren Eltern. In zwei Dritteln dieser Fälle handelt es sich um Söhne. Das Phänomen, dass Kinder immer länger bei ihren Eltern wohnen oder wieder zu ihnen zurückkehren, weshalb man sie auch »Bumerang-Kinder« nennt, ist nicht neu: Neu ist, dass sich zwischen vielen Kindern und ihren Eltern etwas Grundlegendes verändert hat, wofür dieses All-inclusive-Dauerleben ein entscheidendes Indiz ist. Das gegenseitige Klammern ist offenbar zur neuen Norm geworden."

    Auch das gegenseitige Klammern ist keine neue Norm, sondern so alt wie die Erregung über Nesthocker und die Lebenshilfe-bzw. Beratungs-Bücher zum Thema Wie werde ich einen Nesthocker los. Spätestens seit diese Bücher nicht mehr von "verzweifelten" 68er-Eltern, sondern von Wissenschaftlern verfasst werden, hat  sich das Verhältnis der Eltern zu ihren Kindern gewandelt. Aber angesichts der Hartz-Gesetzgebung ist das Nesthocker-Phänomen auch ein Indiz für die neue Klassengesellschaft.

    MÜHL, Melanie (2014): Kinderlos glücklich.
    Kinder sind keine Glücksbedingung - auch wenn heute vielen die Phantasie für alternative Lebensentwürfe fehlt. Eine Einwurf zur aktuellen Debatte,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 13.01.

    Melanie MÜHL outet sich als momentan glückliche Kinderlose, um diesen "Lebensstil" danach zu verteidigen. Dies war bislang eher in der Welt üblich, in der gerade der neue CDU-Generalsekretär über höhere "Belastungen" von Kinderlosen bei der Pflegeversicherung und Rentenversicherung nachdachte:

    "Welt: Unionsabgeordnete aus Ihrer Generation haben deshalb vorgeschlagen, Eltern bei den Sozialbeiträgen zu entlasten. Ist dies in einer zunehmend kinderlosen Gesellschaft nicht mehr durchsetzbar?
    Tauber: Gerade deshalb sollte man darüber nachdenken. Grundsätzlich gibt es gute Gründe, über eine unterschiedliche Belastung von Eltern und Kinderlosen in der Renten- und Pflegeversicherung zu sprechen."

    Diese Debatte wird gerade in dem historischen Moment angezettelt, in dem die Geburtenzahl von Akademikerinnen gestiegen ist, während sie bei Nicht-Akademikerinnen zurückgegangen ist, was aber gleichzeitig bedeutet, dass die Kinderlosigkeit der Akademikerinnen zurückgegangen ist, während sie bei Nicht-Akademikerinnen gestiegen ist.

    Die Schätzung der Geburten für 2013 lässt zudem vermuten, dass die Geburtenrate (TFR) gestiegen ist, da die absolute Geburtenzahl steigt und das bei einem Rückgang der potenziellen Mütter. Die andere Möglichkeit wäre, dass das durchschnittliche Erstgeburtsalter erstmalig stagniert oder gar gefallen ist bei den Kindern, deren Eltern in Zeiten der Neuen Mütterlichkeit schwanger wurden.

    "Das größte Problem an der gegenwärtigen Debatte ist, dass offenbar überhaupt nur noch ein Lebensentwurf in Frage kommt, nämlich der von Familie und Beruf, aus dem sich dann die Vereinbarkeitsfrage ableitet, über die so viel und leidenschaftlich diskutiert wird. (...).
    Machen wir uns doch nichts vor: Der Begriff »Vereinbarkeit« ist ein Euphemismus. Niemand kann alles haben, ohne einen Preis dafür zu bezahlen. Also setzen wir schlicht Prioritäten. (...). Wer Mitte dreißig ist und kinderlos, gilt vielen, die ihren Kinderwagen betont vergnügt vor sich herschieben, als bemitleidenswerter Mensch, der lieber konsumiert, anstatt erwachsen zu werden und Verantwortung zu übernehmen – als wäre ein Dasein als unbelehrbarer Hedonist die einzige Alternative zum Reproduktionsmodell (...). Wer so argumentiert, sitzt in der Ideenlosigkeit gängiger Mainstreammuster fest. Konformität in der Komfortzone",

    kritisiert Melanie MÜHL. Man darf also gespannt sein auf die nun folgende bevölkerungspolitische Debatte, die Ausdruck unserer neuen Klassengesellschaft ist.

    MÜHL, Melanie (2014): Geburt als Event.
    Geboren wird jeder – da gibt es eigentlich nicht viel zu reden. Neuerdings aber wird werdenden Eltern das Blaue vom Himmel versprochen: Geburt als Event. Das ist unverantwortlich,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 27.02.

    Neu:
    MÜHL, Melanie (2014): Atmet mein Baby noch?
    Vermessung der Kindheit:  Ängstliche Eltern sind die besten Kunden. Das Geschäft mit elektronischen Geräten, die Atmung und Körpertemperatur von Babys messen, wächst. Wiegen sie uns in falscher Sicherheit?
    in:
    Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 20.06.

    In der aktuellen zitty-Titelgeschichte kritisiert Nana HEYMANN das Feindbild Mutter:

    "Es sind entweder Latte-Macchiato-Mütter, Helikopter-Väter oder Über-Eltern. Darunter geht es nicht. Und es sind vielfach die Mütter, die zum Feindbild werden, während sich die Väter für zwei Monate Elternzeit feiern lassen."

    Melanie MÜHL ist eine dieser Protagonistinnen, die den Begriff Helikopter-Eltern benützt, um ein Elternbild zu kritisieren, das ein mediales Zerrbild ist:

    "Dass Kinder einst in die Welt hineinwuchsen, ohne dass Eltern Rat in zahllosen Büchern suchten, ist für viele inzwischen unvorstellbar. Wir kennen den Begriff, mit dem jener überfürsorgliche, angstgetriebene Typus, der sein Kind niemals ein Fahrrad ohne Helm besteigen lassen würde, und nervös wird, sobald es außer Sichtweite gerät, bezeichnet wird: Helikopter-Eltern."

    Over-protected (überfürsorglich) ist keineswegs nur ein Song von Britney SPEARS wie Wikipedia meint, sondern ein Begriff, der nicht neu ist in der bürgerlichen Erziehungsdebatte. Spätestens seit den 1970er Jahren ist es ein pädagogischer Kampfbegriff, der professionellen Erziehern die Deutungsmacht über Erziehungsfragen und die Ratgeberliteratur sichern soll. Es ist von daher kein Zufall, dass ein bayerischer Gymnasialdirektor sein Buch Helikopter-Eltern nennt, das im Untertitel Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung fordert.

    Wikipedia behauptet unter dem Stichwort "Helikopter-Eltern", dass der Begriff "Überbehütung" erst 2001 von einer US-amerikanischen Familientherapeutin "entscheidend" geprägt wurde. Der Begriff "Helikopter-Eltern" soll jedoch bereits seit 1969 im Umlauf sein. Dies vernachlässigt jedoch, dass der Begriff "Überbehütung" auch im Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Aufstieg berufstätiger Mütter gesehen werden muss. Denn Überhütung war ein Vorwurf gegen Hausfrauen bzw. die "deutsche Mutter" und damit das begriffliche Pendant zur Rabenmutter. Es wäre also zu fragen inwiefern sich der Begriff im Laufe der letzten 40 Jahre und den in diesem Zeitraum stattfindenden "Mütterkriegen" um das einzig wahre Elternbild verändert hat. Denn inzwischen ist der Begriff "überbehütet" vorzugsweise zum demografisch geprägten Kampfbegriff gegen späte Mütter geworden. 

    Statt also modische Begriffe zu benutzen, die lediglich neuer Wein in alten Schläuchen sind, sollte man die dahinter stehenden Traditionen aufdecken. MÜHL macht sich also mit "Helikopter-Eltern" einen Begriff zu eigen, der mit pädagogischer Autorität ausgestattet ist, die in Ratgeberliteratur (wobei hier die Konkurrenz zu Psychologen eine große Rolle spielt). MÜHL kritisiert, dass eine Branche mit neuen Technologien Sicherheit gegen den plötzlichen Kindstod verspricht:

    "Wissen sei Macht, sagen die Selbstvermessungsanhänger und (...) spült eine Welle von Mittelschichtseltern mit irrelevanten Fragen in die Kinderarztpraxen."

    MÜHL positioniert sich hier also im Deutungskampf zweier "Professionen": der Ärzteschaft und einer neu entstehenden Sicherheitsindustrie, wobei sie die Deutungshoheit der traditionsreichen Ärzteschaft gegenüber der Sicherheitsindustrie verteidigt. Dies ist eine Feststellung, die erst einmal offen lässt wie berechtigt die dahinter stehenden Sachargumente sind, sondern lediglich auf die sich dahinter verbergenden Kämpfe zweier "Professionen" um ein offenbar lukratives Geschäft aufmerksam macht. Die Abwehr neuer Technologien war schon immer das Hauptanliegen Konservativer. Der plötzliche Kindstod dagegen ist ein Phänomen, über das es offenbar an Wissen über seine Ursache fehlt und deshalb zum Feld für Deutungskämpfe werden kann.

    MÜHL nimmt die Ängste der Eltern nicht ernst, sondern positioniert sich lediglich im Deutungskampf zweier "Professionen" zu Lasten der Eltern. Denn Ängste um oftmals das erste oder sogar einzige Kind, stehen in unserer Gesellschaft angesichts des angeblichen Aussterbens der Deutschen ganz anders im Mittelpunkt gesellschaftlicher Debatten als in einer Gesellschaft, in der kinderreiche Familien verbreitet sind. Kindstod war zudem noch Anfang des 20. Jahrhunderts ein weit verbreitetes Phänomen, das durch den Rückgang der Geburten pro Frau zu einem gesellschaftlich drängenden Phänomen wurde.

    MÜHL analysiert einen Werbeclip der Sicherheitsindustrie und stellt fest: 

    "Ein Mann taucht in dem Video übrigens nicht auf, was entweder bedeutet, dass die Mutter alleinerziehend ist, oder, was wahrscheinlicher ist, dass es in den Augen der Mimo-Erfinder sowieso Aufgabe der Mutter ist, sich um das Kind zu kümmern."

    Diese Feststellung bleibt singulär und hat keine weitere Bedeutung im Artikel, obwohl man dies auch zum Thema hätte machen können. Man hätte fragen können, wie sich die Ängste eines Paares verändern, wenn Vaterschaft gesellschaftlich aufgewertet wird.

    Der Artikel von Melanie MÜHL zeigt, dass es sich Nana HEYMANN mit dem Feindbild Mutter entschieden zu einfach macht. Offenbar sind Mütter- oder Elternbilder auch Ausdruck gesellschaftlicher Machtkämpfe um wirtschaftliche Vorteile und damit Teil professioneller Deutungskämpfe vor dem Hintergrund einer Gesellschaft, die der Demografie geradezu eine übermächtige Stellung im Kampf ums gesellschaftliche Überleben zuspricht. Die Demographisierung gesellschaftlicher Probleme führt zu einer Blickverengung, die gerade das Gegenteil dessen bewirken könnte, was ihre Verfechter bezwecken.

     
           
       

    Melanie Mühl im Gespräch

     
       
    MÜHLBAUER, Peter (2011): Wenn Mütter und Väter wie Banken handeln.
    Melanie Mühl über ihr Buch "Die Patchwork-Lüge",
    in: Telepolis v. 21.09.

    WEBER, Bettina (2011): "Sie lieben Mama und Papa, nicht Ersatzmamas und Ersatzpapas".
    Die Journalistin Melanie Mühl sorgt mit ihrer Streitschrift «Die Patchwork-Lüge» für Aufregung, weil sie darin mit dem medial verbreiteten Idyll der Zweitfamilie hart ins Gericht geht,
    in: Tages-Anzeiger Online v. 25.10.

    LUIG, Judith (2012): Alles Flickwerk, oder was?
    Zwei Autorinnen haben sich Gedanken zur Patchworkfamilie gemacht - und gegenteilige Schlüsse gezogen. Für die eine ist Trennung Scheitern, für die andere ein Neustart. Ein Streitgespräch über ein kompliziertes Lebensmodell,
    in:
    Welt am Sonntag v. 03.06.

     
           
       

    Die Patchwork-Lüge (2011).
    Eine Streitschrift
    München: Hanser

     
       
         
     

    Klappentext

    "Im ganzen Land findet man sie, in guten und weniger guten Kreisen, und niemand regt sich mehr über sie auf: Patchwork-Familien. Patchwork ist Flickwerk, das klingt nett und harmlos. Aber taugt es als Muster für unser Leben, unsere Gesellschaft und die Ehe? Melanie Mühl sieht in Patchwork-Familien das Resultat einer weit verbreiteten Lebenshaltung, die Festlegungen scheut."

    Inhaltsverzeichnis

    1. Patchwork

    2. Selbstoptimierung

    3. Lebenslüge

    4. Scheidungskinder

    5. Epilog

    Zitat:

    Bedeutungswandel von Familien, in denen Kinder nicht nur mit ihren leiblichen Eltern zusammenleben

    "Patchwork ist modern, lässig, cool und unkonventionell. Das sind die häufigsten Attribute, mit denen seriöse Zeitungen und Boulevardblätter die Patchworkfamilie beschreiben. (...).
    Patchworker sind nie Verlierer, sie sind stets Gewinner. Das war nicht immer so, obwohl es die Patchworkkonstellation schon immer gibt. Sie hieß nur anders, Zweitfamilie zum Beispiel oder Nachscheidungsfamilie. Helmut Schelsky sprach einst, natürlich in einem anderen Zusammenhang, von »unvollständigen Familien«. Heute würde diese Äußerung Protestgeschrei und den Vorwurf der Diskriminierung Alleinerziehender nach sich ziehen."   (2012, S.7)

     
         
     
           
       

    Das Buch in der Debatte

    SCHLOEMANN, Johan (2011): Liebe statt Ökonomie.
    Über den Zustand der Patchwork-Familien,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 26.08.

    Das Buch Die Patchwork-Lüge steht in der Tradition von Joachim BESSINGs Pamphlet Rettet die Familie! aus dem Jahre 2004. Die Problematik der modernen Familienverhältnisse haben aber bereits Ulrich BECK & Elisabeth BECK-GERNSHEIM in ihrem Bestseller Das ganz normale Chaos der Liebe (1990) populär gemacht. Ulrich BECK schrieb darin noch umständlich über "Fortsetzungsfamilien" bzw. "nacheheliche Elternschaft". Der Begriff "Patchwork-Familie" ersetzte aber noch im gleichen Jahr den Begriff "Stieffamilie", der angesichts moderner Familienverhältnisse den Phänomenen nachehelicher Elternschaften nicht mehr gerecht wurde. Seitdem wird das Thema kontrovers diskutiert. Im Zuge der Debatte um die neue Bürgerlichkeit dient diese Kontroverse auch der Abgrenzung gegen unten und oben. Es geht nicht mehr um soziale Probleme, sondern um Moral. Verantwortung ist der zentrale Begriff, der seit einigen Jahren gegen die angebliche Überforderung durch Wahlfreiheit (Individualisierung) ins Felde geführt wird. Da wird das "Zeitalter unendlicher Freiheit" beschworen, während die Phänomene der Zwangsindividualisierung vernachlässigt werden. Selber schuld! ist das Verdikt der psychologisierenden Zuschreibung, das jeden trifft, der gegen den Kanon der neubürgerlichen Religion rebelliert. Aber das Unbehagen am Individualisierungsterror der Berliner Republik wächst - wie nicht nur das Buch Echtleben von Katja KULLMANN zeigt.

    Der Kampf der Lebensstile wird im Zeitalter der Wohlstandskonflikte neu definiert: Wenn die Familie neubürgerlich als Leistungsträger verstanden wird, dann kommen alle Familienverhältnisse auf den Prüfstand, die weniger leistungsfähig erscheinen. Dazu gehören Alleinerziehende genauso wie Patchworkfamilien, denn die amtliche Statistik trennt nicht (immer) zwischen beiden Familienformen. Und es ist ganz und gar kein Zufall, dass dieses Jahr ein Buch über Alleinerziehende erschienen ist, das Alleinerziehen rehabilitieren möchte und deshalb wie Melanie MÜHL die "Patchwork-Show" kritisiert:

    "Wo von Alleinerziehenden die Rede ist, fällt schnell das Wort »Patchworkfamilie«". (...). Der Begriff der Stieffamilie, wie es früher hieß, ließ weniger Raum für Illusionen. (...).

    Die Patchworkfamilie hingegen wischt jede genaue Betrachtung ihrer Machtverhältnisse mit einem Hauch von lässigem Zeitgeist weg. Cool, wie da zwei moderne, aufgeschlossene Erwachsene die Vergangenheit hinter sich lassen und wieder zur echten Familie werden, in der alles Platz hat, nur (...) keine Probleme!"
    (Christina Bylow "Familienstand: Alleinerziehend", 2011, S.61f.)

    Warum diese Abgrenzung? Patchwork-Familien gelten  - zumindest bei Wiederverheiratung - als vollständige Familien, während Alleinerziehende gemäß BYLOW von den Lesern des angesagten Familienmagazins Nido meist gar nicht als Familien angesehen werden.

    In dem Maße, in dem die Mittelklasse Schauplatz von vermehrten Abstiegskämpfen wird, in dem Maße wird auch der Kulturkampf um die einzig richtige Lebensform zunehmen. Flankiert wird dieser Kulturkampf nicht zuletzt durch die Neujustierung des Sozialstaats, die im vollen Gange ist.

    KREKELER, Elmar (2011): Einfach eine Farce.
    "Die Patchwork-Lüge" kommt zu dem – absehbaren – Schluss, dass die Familienform nicht vorteilhaft ist. Die klassisch kaputte Kernfamilie bleibt unerwähnt,
    in: Welt v. 27.08.

    BINSWANGER, Michèle (2011): Ist Scheidung bloss eine Lifestyleoption?
    in: Tages-Anzeiger Online v. 30.08.

    BARTELS, Gerrit (2011): Kinder, die pendeln.
    Melanie Mühl will den Mythos vom Erfolg der Patchwork-Familie entlarven. Doch der existiert gar nicht,
    in: Tagesspiegel v. 12.09.

    BARTELS kritisiert an Melanie MÜHLs Buch Die Patchwork-Lüge, dass sie darin den medialen Inszenierungen von Politikern und Promis sowie den Filmproduktionen auf den Leim geht, statt die Alltagsrealität in den Blick zu nehmen. Andererseits hat sie sich mit dem Buch den Zutritt zu den Talkshows dieser Republik gesichert.

    Aber mehr noch: MÜHL hat insbesondere über das individualisierte Medien-Milieu geschrieben, das sich für den Nabel der Welt hält:

    "Dass es den Trend zur Patchwork-Familie gibt, also zu einer Familie, in der beispielsweise Kinder mit unterschiedlichen Elternteilen aufwachsen, ist unbestritten. Das belegen Zahlen, etwa dass inzwischen in Deutschland jede dritte Ehe wieder geschieden wird, das belegen die immer erfolgreicher werdenden »Kids-On-Tour« Angebote der Bahn oder der »Rotkäppchen«-Service der Lufthansa, die sich um alleinreisende Kinder kümmern – Kinder, die jenen Elternteil besuchen, mit dem sie nicht ständig zusammenleben. Und das deckt sich natürlich mit alltagsweltlichen Erfahrungen. Wenn (...) es im Freundes- und Kollegenkreis plötzlich mehr Alleinerziehende oder eben »Patchworker« gibt als Paare mit Kindern, die seit ewig und drei Tagen zusammen sind."

    Wenn in Deutschland jede dritte Ehe wieder geschieden wird, beweist dies allein schon einen Trend zur Patchwork-Familie? Eher belegt es die Normativität unserer amtlichen Statistik, die eine sagenhafte Parallelwelt konstruiert hat, die es in Deutschland nie gegeben hat. Das Golden Age of Marriage - jener kurze Zeitabschnitt nach dem 2. Weltkrieg, als die Beseitigung der Trümmer alle Kraft in Anspruch nahm, und vor dem Beginn des Wirtschaftswunders, beherrscht immer noch das Denken. Es ist ein magisches Denken, dem die Alltagsrealität von Onkelehen, gebrannten Kindern, Schlüsselkindern und italienischen Scheidungen nicht Stand hält.

    Romantiker wie MÜHL sitzen dem Trugschluss amtlicher Statistiken auf, die eine Entwicklung vorgaukeln, die es nicht gegeben hat. Jede Gesetzesänderung im Bereich der Lebensformen, schreibt die Wirklichkeit neu. Brüche, wie z.B. der Wegfall des Kuppeleiparagraphen im Jahr 1977, definieren Partnerschaft neu. Von heute auf morgen ist Partnerschaft nicht mehr identisch mit der Ehe, sondern es beginnt die Konkurrenz von "nicht-ehelicher Lebensgemeinschaft" und Ehe. Es stellt sich also die Frage: Inwiefern ist die Patchwork-Familie tatsächlich ein neues Phänomen oder nur ein Produkt statistischer Konstruktion. Diese Frage wird aber gar nicht erst gestellt, denn sie rüttelt an den Verdrängungen dieser Republik.

    HUECK, Carsten (2011): Kritik am Modell der Patchworkfamilie,
    in: DeutschlandRadio v. 20.09.

    BOTT, Eugénie (2011): Werdet doch Erwachsen!.
    Melanie Mühl rechnet ab mit dem Patchwork-Glück,
    in: Die ZEIT Nr.41 Literaturbeilage v. 06.10.

    KINDERMANN, Kim (2011): Was tun, wenn Eltern sich trennen.
    Ratgeber sollen das Leben in einer Patchworkfamilie erleichtern,
    in: DeutschlandRadio v. 13.10.

    STREIF, Stephanie (2011): Aus Alt mach Neu.
    Die Patchwork-Familie ist Teil unserer sozialen Wirklichkeit. Warum nicht pragmatisch damit umgehen?
    in: Badische Zeitung v. 17.10.

    MICHEL, Gabriele (2012): Ist Patchwork Kunst- oder Flickwerk?
    Patchworkfamilien können gelingen, ermutigen Inga Bethke-Brenken und Günter Brenken. Dagegen entlarvt Melanie Mühl diese Lebensform als Mogelpackung,
    in: Psychologie Heute, Juli

    Gabriele MICHEL ist weder mit dem Buch Mut zur Patchwork-Familie der Psychotherapeuten und Patchworker Inga BETHKE-BRENKEN & Günter BRENKEN, noch mit dem Buch Die Patchwork-Lüge von Melanie MÜHL zufrieden. Ersteres empfindet sie als "Kochbuch für Anfänger", Letzteres verliert sich in Kulturkritik.

     
       

    Die Patchworkfamilie in der Debatte

    BLIERSBACH, Gerhard (2006): Wirrungen und Irrungen neuer Familienformen.
    Die Glücksverheissungen der Moderne und die Patchworkfamilie,
    in: Neue Zürcher Zeitung v. 15.07.

    Unter Rückgriff auf die Individualisierungsthese von Ulrich BECK erklärt der Psychologe BLIERSBACH in den heutigen Zeitfragen der NZZ zuerst, warum die Anzahl der Stief- bzw. Patchworkfamilien steigt. Danach kommt er zur Verbreitung und Semantik dieser neuen Familienform:

    "Man schätzt, dass sieben Prozent von allen Familien mit Kindern in Deutschland sogenannte Patchworkfamilien sind.
              
     Die Patchworkfamilie ist das familiäre Gefüge, in welchem ein Erwachsener der nicht-leibliche Elternteil ist. Die Patchworkfamilie ist eine neudeutsche Wortschöpfung - die Angelsachsen nennen diese Familienform Stieffamilie. Die beiden Bezeichnungen konkurrieren in der öffentlichen Diskussion miteinander. Die Stieffamilie ist das ältere Wort. Das Suffix «stief», verwandt mit dem englischen «step» (beraubt, verwaist), deutet Verlust, Leid, traumatische Erfahrungen und heftige Konflikte an. Die «Stief»-Familie» formuliert den Aufschrei der Kinder an die Adresse der Eltern. Die «Patchwork»-Familie ist aus der Sicht der Erwachsenen formuliert, die ihren leiblichen und nicht-leiblichen Kindern den Konsensus vorzuleben versuchen: «Wir machen weiter, auch wenn es nicht einfach ist; was von der Trennung übrig bleibt, wird zusammengestückelt wie eine Steppdecke; es geht eben nicht besser.» Patchworkfamilie ist ein optimistischer Begriff, schliesslich lässt sich auch aus Flicken etwas Ansehnliches machen. Allerdings sind die heftigen Auseinandersetzungen und die heftigen Affekte dieser Familienform ausgeblendet."

    Danach geht BLIERSBACH auf die Problematik der Familienform ein und zeigt auf, was zu tun ist.

    SPIEGEL SPECIAL-Thema: Sehnsucht nach Familie.
    Die Neuerfindung der Tradition

    NEUMANN, Conny (2007): Mama, Kurt und ich.
    Rund 850 000 Kinder leben in Deutschland in Patchwork-Familien. Das klingt bunt und lustig, kann aber auch zur großen Belastung werden. Das Modell funktioniert nur, wenn sich die Erwachsenen an klare Regeln halten und viel mit den Söhnen und Töchtern reden,
    in: Spiegel Special Nr.4

    Spiegel Special empfiehlt u.a. das Buch Rettet die Familie, in dem der leidende Patchwork-Vater Joachim BESSING seinen Rückzüchtungs-Ideen nachhängt. Kaum jemand hat so deutlich gemacht, dass es eine Kontinuität des bevölkerungspolitischen Denkens vom Kaiserreich über die NS-Zeit bis heute gibt:

    "Gefördert werden muß nicht die Masse an Kindern, sondern das Bewußtsein jener Klasse, deren Nachwuchs wir dringend benötigen. Nicht die ohnehin bereits am staatlichen Tropf hängen, sollen die Kinderlein kommen lassen. Wir brauchen starke Familien, die Werte vermitteln können. Wir brauchen ein reproduktives Bürgertum." (Welt, 19.04.2006)

    STERN-Titelgeschichte: Abenteuer Patchwork-Familie.
    Wenn Kinder vom neuen Partner nichts wissen wollen

    POELCHAU, Nina (2008): "Du hast mir gar nichts zu sagen!"
    in: Stern Nr.28 v. 21.07.

    FAHRENHOLZ, Peter (2009): Von der Spießerhölle zur Patchwork-Familie.
    Der Kampf um die Gleichberechtigung der Frau und die mühevolle gesellschaftliche Modernisierung Deutschlands,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 04.04.

    LOVENBERG, Felicitas von (2010): Die böse Stiefmutter war einmal.
    Patchworkfamilie: Sie sind inzwischen fast so häufig wie das klassische Modell: Patchworkfamilien. Nun ist sogar eine ins Schloss Bellevue eingezogen. Aber wo bleiben die Romane zur neuen gesellschaftlichen Realität?
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v.
    22.07.

    LÖWENSTEIN, Stephan (2010): "Phänomen der Patchwork-Familien überschätzt".
    Jeder Zehnte über 40 lebt mit nicht leiblichem Kind. Späterer Renteneintritt,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 09.09.

    STERN-Titelgeschichte: Störfaktor Kind.
    Kein Platz, keine Geduld, kein Verständnis - so werden unsere Jüngsten zur Randgruppe

    POELCHAU, Nina (2010): Zwischen den Welten.
    Scheidungen sind heute kein Stigma mehr. Die Eltern einigen sich meist diszipliniert. Und moderne Scheidungskinder stecken alles locker weg. Nach außen. Doch in Wirklichkeit sind sie zerrissen und das oft ein Leben lang. Im Stern erzählen sie davon,
    in: Stern Nr.38 v. 16.09.

    "Scheidungen sind heute in vielen Biografien so selbstverständlich wie Schulwechsel. Jedes Jahr scheitern in Deutschland rund 200000 Ehen",

    breitet Nina POELCHAU jenes Szenario aus, vor dem anhand von 4 Scheidungsfamilien die Probleme von Scheidungskindern dargestellt werden. Der Pädagoge Remo LARGO ("Glückliche Scheidungskinder") wird als Verharmloser angeprangert: "Tranquillizer für Gewissensgeplagte". Die Behauptung, dass Scheidungskinder einen "Reifevorsprung" haben, wird als weiteres "Entlastungsargument" gebrandmarkt. Insbesondere die Situation in Stieffamilien wird als Problem angesehen und führt bei Kindern zur Idealisierung der Kernfamilie:

    "Die Frage, ob man seine Eltern mag oder nicht, stellt sich in Ursprungsfamilien nicht - in Patchworkfamilien sehr wohl".

    Als Kritikerin von Scheidungen wird Elizabeth MARQUARDT ("Kind sein zwischen zwei Welten") vorgestellt. Der bekannte Familienforscher Wassilios FTHENAKIS wird mit einem Plädoyer fürs Zusammenraufen in Erstehen zitiert:

    "»Es lohnt sich, in die erste Ehe zu investieren!« Sehr oft komme nichts Besseres nach, sondern mit dem neuen Partner das gleiche Thema in anderer Verpackung".

    Und zuletzt wird die Jugendforscherin Sabine WALPER als jemand dargestellt, der zwar einen Schlussstrich besser findet als Dauerstreit, jedoch angesichts der Selbstverständlichkeit, mit der heute Scheidungen praktiziert werden, zunehmend skeptischer ist:

    "Aber manchmal hat Sabine Walper heute den Eindruck, dass die vielen Berichte über prima funktionierende Scheidungskinder auch eine unerwünschte Nebenwirkung haben: Eltern nehmen ihre narzisstischen Bedürfnisse ernster als die Aufgabe, gemeinsam Kinder großzuziehen."

    In dieser Passage klingt insbesondere an, dass die Medienberichterstattung in der Vergangenheit Scheidungen zu sehr verharmlost hat.

    DESTATIS (2011): Elf von 1 000 Ehen im Jahr 2010 geschieden,
    in: Pressemeldung des Statistischen Bundesamt Deutschland v. 13.09.

    "Dass es den Trend zur Patchwork-Familie gibt, also zu einer Familie, in der beispielsweise Kinder mit unterschiedlichen Elternteilen aufwachsen, ist unbestritten. Das belegen Zahlen, etwa dass inzwischen in Deutschland jede dritte Ehe wieder geschieden wird",

    schrieb BARTELS in seiner gestrigen Rezension des Buches Die Patchwork-Lüge von Melanie Mühl. Stimmt das aber? Es ist noch nicht lange her, da hat das Statistische Bundesamt die zusammengefasste Scheidungsziffer tatsächlich so falsch interpretiert wie BARTELS das immer noch tut.

    Bereits im September 2003 hat single-generation.de die übliche Interpretation der zusammengefassten Ehescheidungsziffer kritisiert. 1995 fragte der Soziologe Kurt LÜSCHER:

    "Wird jede dritte Ehe geschieden - wie dies die zusammengefaßte Scheidungsziffer nahelegt - oder sind es 80 von 10.000 bestehenden Ehen?"

    Mittlerweile ist die Zahl der Ehescheidungen zwar von 8 auf 11 Ehen pro 1000 bestehenden Ehen gestiegen. Wird deshalb aber jede dritte Ehe geschieden? Die amtliche Statistik idyllisiert jene historisch kurze Zeitspanne, in der Ehen lebenslang zu existieren schienen. In Zeiten, in denen sowohl die Anzahl der Ledigen als auch der Geschiedenen und Wiederverheirateten ungleich höher ist, macht diese zusammengefasste Scheidungsziffer schlichtweg keinen Sinn.

    "Von den 2010 geschiedenen Ehepaaren hatten knapp die Hälfte Kinder unter 18 Jahren",

    meldet das Statistische Bundesamt weiter. Das wäre die Zahl, die für Patchwork-Verhältnisse relevant wäre, wenn nicht auch Trennungen, die durch die amtliche Statistik nicht erfasst werden, dazu gezählt werden müssten.

    Nimmt man nur die Scheidungskinder der letzten 20 Jahre, dann sind dies maximal ca. 3 Millionen Kinder unter 18 Jahren. Maximal, weil darin auch Kinder enthalten sind, die mehrmals von Scheidungen betroffen wurden. Auch darüber gibt die zusammengefasste Scheidungsziffer keine Auskunft.

    Kompliziert wird die Sachlage dadurch, dass eine hohe Zahl von Scheidungskindern gar nicht der gemeinsamen Ehe entstammen, wie die Zahlen der nachfolgenden Tabelle für die Jahr 1985, 1990 und 2010 zeigen. Sind das vorehelich geborene Kinder, aus vorangehenden Ehen mitgebrachte Kinder? Die amtliche Statistik lässt uns hier im Stich!

    Jahr Gesamtzahl betroffener minderjähriger Kinder nicht in der bestehenden Ehe geborene minderjährige Kinder In der bestehenden Ehe geborene minderjährige Kinder
    2010 145.146 53.691 91.455
    1990 118.340 59.527 58.813
    1985 148.424 81.197 67.227

    Heutzutage leben ca. 35 Millionen Menschen im Alter von 0 - 38 Jahren in Deutschland. Dies wäre die Gesamtzahl der minderjährigen Kinder, die in den letzten 20 Jahren von Trennungen/Scheidungen hätten betroffen werden können (bei Vernachlässigung von Zu- und Abwanderungen). Nach dieser groben Schätzung (bei der das Verhältnis ehelicher zu nicht-ehelichen Konstellationen nicht berücksichtigt ist) ist ca. jedes 10. Kind in einer Patchwork-Konstellation herangewachsen. Die Anzahl der Kinder in nicht-ehelichen Patchwork-Konstellationen dürfte geringer sein, weil in nicht-ehelichen Beziehungen weniger Kinder leben.

    Auch der Alterssurvey 2008 kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. In der Broschüre Altern im Wandel - Zentrale Ergebnisse des Deutschen Alterssurveys heißt es:

    "Obwohl Partnerschaften häufiger getrennt werden, sind neu gebildete Familien mit Kindern aus früheren Paarbeziehungen (»Patchwork«-Familien) seit 1996 nicht viel häufiger geworden. Insgesamt haben im Jahr 2008 unter den 40- bis 85-jährigen Eltern etwa neun Prozent mindestens ein nicht leibliches Kind. Diese Quote gilt auch für die Altersgruppe der 40- bis 54-Jährigen. Diese Ergebnisse weisen darauf hin, dass das Phänomen der »Patchwork«-Familien in der medialen Öffentlichkeit möglicherweise überschätzt wird. Diese Familienform ist weder neu noch ist ihre Verbreitung in den letzten zwölf Jahren häufiger geworden." (2010, S.37)

    Der Begriff "Patchwork-Familie" wurde erst im Jahr 1990 geprägt. Aber bereits 1985 waren mehr minderjährige Kinder von Scheidungen betroffen als heutzutage. Wenn es eine Verschiebung gegeben hat, dann jene, dass heutzutage mehr Kinder von bestehenden Ehen betroffen sind als früher. Wertkonservative, denen die bürgerliche Ehe über alles geht, muss dies ins Mark treffen.

    STREIF, Stephanie (2011): "Patchwork ist ein sensibles Gefüge".
    Interview mit dem Freiburger Therapeuten Dieter Scholz über das Gelingen und Scheitern im familiären Miteinander,
    in: Badische Zeitung v. 17.10.

    GREINER, Ulrich (2011): Familienbande im Patchworkzeitalter.
    Von den Nibelungen bis zur modernen Literatur: Immer noch geht es um Vater, Mutter und die Kinder,
    in: Cicero, Dezember

    KEGEL, Sandra (2012): Im Schloss hat auch der Ex sein Zimmer.
    Patchwork kommt auch in den sogenannten besseren Kreisen vor. Zum Beispiel: Stephanie Gräfin Bruges von Pfuel. Dreimal verheiratet, sechs Kinder. Nun ja, plus Pferde und Bedienstete,
    in:
    Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 13.05.

    SCHADE, Eberhard (2012): Einmal Hölle und zurück.
    Das schwierige Patchworkleben einer Hartz-IV-Empfängerin,
    in:
    DeutschlandRadio v. 20.05.

    taz-Tagesthema: Die Gesetzlosen

    WINKELMANN, Ulrike (2012): Mamawochen, Papawochen.
    Alltag: Wenn die Liebe verschwindet, die Kinder aber noch da sind, brauchen Eltern Organisationstalent, Kreativität - und Ressourcen. Den Engels gelang das Kunststück,
    in:
    TAZ v. 25.05.

    SCHMOLLACK, Simone (2012): Schluckimpfung mit Stiefpapas Segen.
    Novelle: Es gibt sie immer öfter - doch das Familienrecht kennt keine Patchworkfamilien,
    in:
    TAZ v. 25.05.

    GOEBEL, Esther (2013): Komplexes Geflecht.
    Beziehungsweisen (5): Die Patchworkfamilie ist längst ein festes Beziehungsmodell in der modernen Gesellschaft geworden. Oft gilt sie sogar als hip und frei von traditionellen Zwängen. Doch eine Frage bleibt: Wie gut funktioniert das wirklich?
    in:
    Süddeutsche Zeitung v. 11.10.

     
       

    Weiterführende Links

     
         
       
     
       

    Bitte beachten Sie:
    single-generation.de ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten

     
       
     
         
       
     
       
    © 2002-2015
    Bernd Kittlaus
    webmaster@single-generation.de Erstellt: 26. August 2011
    Update: 03. Oktober 2015