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Jochen Schimmang: Die Suche nach der verlorenen Zeit

 
       
     
       
     
       
   

Jochen Schimmang in seiner eigenen Schreibe

 
       
   

SCHIMMANG, Jochen (1996): Starke Verlegenheit,
in: Das Sonntagsblatt v. 04.10.

SCHIMMANG, Jochen (1997): Beziehungsweise: Kuppel-Krisen,
in:
Berliner Morgenpost v. 14.12.

SCHIMMANG, Jochen (1998): Städte. Metropole adieu!,
in:
Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt Nr.11 v. 13.03.

SCHIMMANG, Jochen (2001): Keine Zeit zum Warten.
Die Erfahrungen des Schriftstellers Jochen Schimmang als Literaturlehrer im neuen Leipzig,
in: Welt
v. 10.03.

SCHIMMANG, Jochen (2002): Aus der Müdigkeit kommend.
Notizen zum Wettlauf mit der Schwarzen Königin,
in: Neue Rundschau, H.3, Thema "Über den Schlaf"

Jochen SCHIMMANG geht auf ADORNOs Minima Moralia ein, die er als einstige "Bibel" seiner Generation bezeichnet, "die auch nach ihrer Säkularisierung noch immer zu den großen Büchern des zwanzigsten Jahrhunderts gehören werden". Danach lobt er Heinz BUDE, der die "in der viktorianischen Zeit geborene Metaphorik" aktualisiert hat und die Generation Berlin geschrieben hat:

"Heinz BUDE ist ein sehr sympathischer Mann, und seine Analysen über die Bundesrepublik sowie seine Phantasien über die Generationenabfolge in unserem Land sind durchaus lesenswert. (...). Der Angehörige der Generation Berlin verkörpert den Typ des »unternehmerischen Einzelnen«. Dass er mit lebenslangen Arbeitsplatzgarantien auf Basis irgendeiner Ausbildung nicht mehr rechnen kann, versteht sich von selbst. Er hat Erfahrungen mit »Armutspassagen« gemacht (...), lässt sich aber nicht verdrießen."

Diesem neo-existenzialistischen Pathos der permanent wachen Jetztzeitler setzt er die Position der aus der Müdigkeit Kommenden entgegen. Er verweist auf die Provinzler, den

"oft aus Schwaben, Mittelhessen oder dem Ruhrgebiet zu gereisten Berlinern, die ihre Herkunft verleugnen, um sich in Berlin selbst zu erfinden",

nur um damit zu enden, dass er seine Position nicht verabsolutieren möchte:

"Ich möchte niemanden zu größerer Gelassenheit aufrufen, der dazu keinen Anlass hat; das hat mir schon bei Heidegger nicht gefallen. Niemand soll auf der Suche nach dem wahren Sein vor sich hin dämmern. Wer hellwach ist, soll nicht daran gehindert und zur künstlichen Müdigkeit verurteilt werden. Ich möchte keinesfalls eine neue (alte) Generation ausrufen, die der Generation Berlin Paroli bietet."

SCHIMMANG, Jochen (2002): Das falsche Versprechen.
Glück für alle - das war die Lüge des Sozialismus. Der Kapitalismus übernahm sie, und kaum jemand hat es bemerkt,
in: Tagesspiegel v. 01.09.

Jochen SCHIMMANG kritisiert den Machbarkeitswahn in der Politik und fordert Einsicht hinsichtlich der Grenzen menschlichen Handelns: "Als nicht totalitäres Modell möchte ich vorschlagen, Politik bewusst in den Rahmen der Brüchigkeit und Begrenztheit unserer Handlungen und unserer Existenz zu stellen. (Dafür ist das Hochwasser natürlich ein so kraftvolles Sinnbild, dass man sich fast schämt, es zu benutzen.) (...). Dass Glück eine gesellschaftliche Kategorie sei, war die Lüge des Sozialismus. Der aufgeklärte Kapitalismus hat sie klammheimlich übernommen, und kaum jemand hat es bemerkt. Nun ist der Glaube an seine Glücksversprechen im Großen und Ganzen zusammengebrochen, und die Aufräumarbeiten können beginnen."

SCHIMMANG, Jochen (2003): Wer fernsieht, braucht eigentlich gar nicht mehr raus.
Gartenzwerg, Eigenheim und Regionalexpress: Kolja Mensing erzählt grandiose Geschichten vom Weltkulturerbe der Provinz,
in: Frankfurter Rundschau v. 11.01.

Jochen SCHIMMANG, der in dem Bestseller Der schöne Vogel Phönix (1979) die Flucht aus der ostfriesischen Provinz ins Berlin des roten Jahrzehnts zum Thema gemacht hat, lobt MENSINGs Geschichten, die die Veränderungen seit jener Zeit sichtbar machen:

"wohin? In die Metropole natürlich, ins neue Berlin, wo Kolja Mensing in der Kochstraße den Literaturteil der taz redigiert und wo alle sich furchtbar Mühe geben, das Metropolengefühl herzustellen und der von Heinz Bude diagnostizierten »Generation Berlin« anzugehören. Dass die ökonomische Potenz keineswegs in Berlin konzentriert und die kulturelle Deutungsmacht nach wie vor auf viele Submetropolen verteilt ist, ficht den Neometropolitaner nicht an. Und der ist es schließlich, der das neue Berlin mangels einer alten Hauptstadtpopulation überhaupt erst schafft, denn unablässig strömt er aus Schwaben, aus dem Ruhrgebiet, aus Westerstede oder aus Franken dorthin. Und deshalb kommt Mensing zu dem so melancholischen wie zutreffenden Resümee, dass der Siegeszug Berlins in Wahrheit der der Provinz ist, und fragt: »Einst ging man in die Stadt, um der Provinz zu entkommen. Aber wohin soll man gehen, wenn überall Provinz ist?«
Die Frage lässt sich schwer beantworten. Dagegen kann man mit gutem Gewissen sagen, dass dies das Klügste ist, was seit sehr langer Zeit über die Provinz in Deutschland geschrieben worden ist."

SCHIMMANG, Jochen (2003): Die gestörte Nachtruhe der Nation.
Eine Anthologie und eine Ausgabe der "Neuen Rundschau" sind den Themen Schlaf und Schlaflosigkeit gewidmet,
in: TAZ v. 14.01.

"Der Schlaf und sein negatives Pendant, der unerträgliche Wachzustand, rücken immer dann ins Blickfeld des allgemeinen Interesses, wenn die gesellschaftliche Befindlichkeit zwischen den Extremen der Hyperaktivität und der Erschöpfung pendelt. Diesen Zustand scheinen wir erreicht zu haben, worauf der Kollaps des Neuen Marktes ebenso hindeutet wie das erste Atemholen der Berliner Republik und der Generation Berlin.
            Über den Schlaf und seine Schwester, die Schlaflosigkeit, sind in der vergangenen Zeit mehrere Romane erschienen, und dem Zeitgeist entsprechend beschäftigt sich das letzte Heft der Neuen Rundschau mit dem Schlaf respektive seiner Abwesenheit",

schreibt Jochen SCHIMMANG geradewegs als ob er keinen Anteil daran hätte. Der Rezensent hat jedoch zum einen mit dem Buch Die Murnausche Lücke das Thema selbst ausführlich behandelt und zum anderen mit Aus der Müdigkeit kommend einen Beitrag zu dem Neuen-Rundschau-Heft geliefert.

SCHIMMANG, Jochen (2003): Fünfzig Gramm Ostfriesentee, um der Linie treu zu bleiben.
Die Niedersachsenwahl findet auch auf dem Lande statt. Ostfriesische Ansichten zum Wahlkampf und ein Dilemma,
in: Frankfurter Rundschau v. 30.01.

Jochen SCHIMMANG, der mit Der schöne Vogel Phönix das Erwachsenwerden in den 70er Jahren zum Thema gemacht hat, bekennt sich zu seiner Vergangenheit und dem daraus entstehenden Politikverständnis. Zugleich zeichnet er das Bild seiner idealen Partei:

"Früher, als ich noch außerparlamentarisch war und für die Revolution arbeitete, war alles ganz einfach. Heute, wo ich die parlamentarische Demokratie eindeutig für die beste aller möglichen Welten halte, muss ich je länger, je schmerzlicher feststellen, dass es die Partei, die ich mir erträumte, nicht gibt.
Die wäre konservativ, ohne verschmockt, moralinsauer, familien- und ordnungspolitisch reaktionär und Agent der geldbesitzenden Klasse zu sein und ohne mit den "alten Werten" herumzufuchteln. Sie wäre antiutopisch, aber nicht opportunistisch und konzeptlos. Sie wäre antipopulistisch und würde sich trauen, bis zum Rand des Erträglichen die Wahrheit zu sagen: etwa die, dass das Phantom Vollbeschäftigung auch in der allerfernsten Zukunft nicht mehr Wirklichkeit werden wird und dass es keine Gesellschaft geben kann, die ausnahmslos aus Gewinnern besteht. Sie hätte einen Sinn für Ästhetik, Stil und symbolische Formen und könnte deshalb zum Beispiel weder sozialdemokratisch sein noch die Westerwelle schlagen. Sie wäre umweltpolitisch auf Nachhaltigkeit verpflichtet, ohne uns in Schafswolle zu zwingen, und selbstverständlich würde sie ein Steuersystem schaffen, das nur die wirklich wirtschaftlich Erfolgreichen zur Zahlung von Steuern heranzieht und nicht solche Leute wie mich.
Kurz gesagt, sie wäre das, was die Grünen vielleicht hätten werden können, wenn sie nicht glaubten, sie müssten unbedingt mit der Sozialdemokratie den Fortschritt beschleunigen und die finstere Reaktion bekämpfen, die weit und breit nicht in Sicht ist."

SCHIMMANG, Jochen (2008): Vom Ende des Winters.
Ein Besinnungsaufsatz,
in: TAZ v. 19.03.

Jochen SCHIMMANG, der mit Der schöne Vogel Phoenix den besten Roman über den Einfluss der 68er-Bewegung auf das Lebensgefühl einer zu spät gekommenen Generation geschrieben hat,  schreibt u.a. über seine Berliner Studentenzeit und setzt sich dabei auch mit Götz ALY auseinander:

"Draußen lag der Schnee kniehoch. Da saß also der junge Student und las, mit Blick auf den weißen Wintermorgen, Maos Schrift »Über den Widerspruch«. Mein Generationsgenosse Götz Aly, der zur gleichen Zeit am selben Otto-Suhr-Institut studiert haben muss wie ich, hat uns allen ja gerade aktuell erklärt, dass wir schon damals besser hätten wissen können und müssen, was in China wirklich los war, wir Kinder der 33er."

Es wäre Jochen SCHIMMANG zu wünschen, dass sein grandioser Entwicklungsroman neu aufgelegt wird, denn allemal besser als Lenz von Peter SCHNEIDER ist er auf alle Fälle. Im Buch Das erste Buch. Schriftsteller über ihr literarisches Debüt, herausgegeben von Renatus DECKERT, schreibt SCHIMMANG über die Aufnahme des Romans bei den Lesern folgendes:

"Der Autor hat seinen Erstling eine Weile gehaßt, weil dieser an ihm klebte wie ein unablösbares Sicherungsetikett an einer Ware im Kaufhaus. Zum Glück hat es eine nachfolgende Generation gegeben, die den »Phönix« gelesen hat und noch liest als einen Roman, nicht unter dem Aspekt »Ich war dabei«. Auch für diese Generation scheint das Buch einen hohen emotionalen Gehalt zu haben, der aber nicht mehr in der persönlichen Erinnerung an bestimmte Lokalitäten und Ereignisse begründet liegt, sondern allgemeiner fundiert ist. Sie liest dieses Buch als den Entwicklungsroman, der er ist. Vielleicht brauchen manche Bücher einige Jahrzehnte, bevor sie die angemessene Lektüre finden."

SCHIMMANG, Jochen (2009): Meine Schwester Bundesrepublik.
Unsere gemeinsame Kindheit stand unter dem Zeichen des Davongekommenseins. Heute will mancher nicht mehr daran erinnert werden,
in: Welt v. 29.08.

Neu:
SCHIMMANG, Jochen (2011): Gutermuth und Rothermund.
Erzählung: Über einen Künstler, der verschwindet, und einen Beobachter, der das Verschwinden liebt,
in: TAZ v. 12.03.

 
       
   

Jochen Schimmang im Gespräch

 
       
   

ESDERS, Michael (2002): Autor kommt als Archäologe.
Der Schriftsteller Jochen Schimmang begibt sich in Ostfriesland auf literarische Spurensuche,
in: Ostfriesen Zeitung v. 25.05.

 
       
   

Beiträge zu Jochen Schimmang

 
       
   

KÖSTER, Thomas (1997): Die jungen Damen sind schon fort.
Zum Erzählwerk Jochen Schimmangs,
in:
Merkur
, H.11, November, S.1039-1044

 
       
   

Die Murnausche Lücke (2002)
Heidelberg:
Verlag Das Wunderhorn

 
   
     
 

Klappentext

"Während Ende der sechziger Jahre die Revolution vorangetrieben wird, vertreibt der junge Murnau seine nächtliche Schlaflosigkeit durch mathematische Spiele und entdeckt so seine eigentliche Begabung. Bald danach arbeitet er in Cambridge an der Lösung des Fermatschen Problems, immer noch nachts, denn an seiner Schlaflosigkeit hat sich nichts geändert. Als Mittdreißiger in seine ostfriesischen Heimatstadt zurückgekehrt, entdeckt Murnau das Wirtshaus »Insomnia« am Deich. Dort verknüpft sich seine Geschichte mit der der anderen: der Wirtsleute Heiner und Hanna, die nach bewegten Berliner Zeiten dieses Domizil aufgebaut haben; des Schüler Enno, der an seinem mathematischen Genie scheitert; des Anästhesisten und Menschenfreundes Dr. Winter, der eines Tages verschwindet und von dessen geheimem Glück nur Murnau weiß; schließlich mit der der ehemaligen Geigenvirtuosin und jetzigen Kellnerin Katharina, die seine Schlaflosigkeit teilt."

 
     
 
       
   

Rezensionen

REINHARDT, Stephan (2002): Balde ruhest du auch.
"Die Murnausche Lücke": Jochen Schimmangs hintersinnig-schwereloser Roman über Schlaflosigkeit",
in: Frankfurter Rundschau v. 20.03.

EIDENEIER, Alexis (2002): Nachtschwärmer auf Seelenreise.
Jochen Schimmang überzeugt von neuem als großartiger Erzähler,
in: Literaturkritik.de, Mai, v. 07.05.

JUNG, Werner (2002): Im Gasthaus Insomnia.
Ein nächtlicher Flaneur ist der Erzähler bei Jochen Schimmang. "Die Murnausche Lücke" beschreibt schlaflose Nächte und ruhelose Menschen an der deutschen Nordseeküste,
in:
TAZ v. 21.05.

ZINGG, Martin (2002): Das Hohelied der Schlaflosigkeit.
Jochen Schimmangs Roman "Die Murnausche Lücke",
in: Neue Zürcher Zeitung v. 03.08.

FERCHL, Irene (2002): Die weißen Nächte der Mathematik,
in: Stuttgarter Zeitung v. 16.08.

CG (2002): Schlaflose Rechner,
in: Berliner Zeitung v. 19.08.

BRAUN, Michael (2002): Stammgast im Hotel Insomnia.
Erkenntnislücke. Jochen Schimmang erzählt nicht nur von der Schließung der "Murnauschen Lücke",
in: Freitag Nr.52 v. 20.12.

Dies ist die erste Rezension, die die Romanfigur "Murnau" mit dem Debütroman Der schöne Vogel Phönix in Verbindung bringt:

"Mit den diskreten Lektionen über Melancholie und Schlaflosigkeit, Liebe und Schmerz, Mathematik und Poesie hat der Autor der Murnauschen Lücke die zentralen Motive und Topoi aus seinen vorangegangenen Romanen und Erzählungen noch einmal zu einer kunstvollen Textur verflochten. In Murnau dürfen wir den Glückssucher aus Schimmangs Debütroman Der schöne Vogel Phönix (1979) wiedererkennen, der wie alle Helden des Autors die Erfahrung machen muss, zum Leben und zur Liebe zu spät gekommen zu sein."

 
       
   

Vertrautes Gelände - besetzte Stadt (1998)
Frankfurt a/M: Schöffling

 
   
     
 

Matthias Keidel über das Buch

"Das Buch trägt keine Gattungsbezeichnung, wird aber in der Kritik häufig als Tagebuch bezeichnet, da sich am Ende eine detaillierte Zeitangabe (...) findet. Es folgt jedoch nicht den klassischen Konventionen des Tagebuchgenres. Franz Norbert Mennemeier (...) faßt den Inhalt formal zusammen:

Es ist eine Mischung tagebuchähnlicher, das Private streifender Notizen, genereller, ins Kulturphilosphische ausgreifender Reflexionen, diverser Fragmente und Skizzen mit Beobachtungen zur Alltagswirklichkeit, vornehmlich der Stadt Köln.

(...).(D)ie verlorene große Liebe. Sie macht das städtische »Gelände« vertraut, und mit den Erinnerungen an glückliche Tage sind manche Ecken und Winkel der Stadt so besetzt, daß es gefährlich ist, sich ihnen unvorbereitet zu nähern. (...).
Schimmang (...) versucht, seiner Gefühle ungefähr ein Jahr nach der Trennung durch Reisen und städtisches Beobachten Herr zu werden."
(aus: Matthias Keidel "Die Wiederkehr der Flaneure", 2006, S.149f.)

 
     
 
       
   

Beitrag von single-generation.de zum Thema

Die Welt aus der Perspektive des Lonely Singles
(zu Jochen SCHIMMANGs Tagebuchaufzeichnungen "Vertrautes Gelände, besetzte Stadt" und zum Roman "Das Ende der Berührbarkeit")

 
       
   

Rezensionen

SCHAEFER, Thomas (1998): Die Katastrophe heißt M.,
in:
Tagesspiegel v. 27.11.

BRÖHAN, Nicole (1999): Der Flaneur streift durch vertrautes Gelände,
in:
Berliner Morgenpost v. 09.04.

 
       
   

Königswege (1995)
Frankfurt a/M: Schöffling

 
       
   

Rezensionen

KIESEL, Helmuth (1995): Mädchen mit Perlenohrgehänge,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 15.05.

HOVEN, Heribert (1995): Reisen oder zuhause bleiben.
Der Erzähler Jochen Schimmang beschreibt drei "Königswege" ins Paradies,
in: Süddeutsche Zeitung v. 03.06.

LÖHNDORF, Marion (1995): Proust geschultert,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 13.07.

HAGE, Volker (1995): Dummdreist erwachsen,
in:
Spiegel Nr.31 v. 31.07.

THEOBALDY, Jürgen (1995) Das dunkelgrüne Leuchten.
Jochen Schimmangs erzählerisches Tryptichon "Königswege",
in: Frankfurter Rundschau v. 02.09.

 
       
   

Der schöne Vogel Phönix (1979).
Erinnerungen eines Dreißigjährigen
Frankfurt a/M: Suhrkamp (vergriffen)

 
   
     
 

Klappentext

"Das Buch erzählt von Murnau, der im Jahre 1968 zwanzig Jahre alt war. Es erzählt von den Hoffnungen, die damit verbunden waren, im Jahre 1968 zwanzig Jahre alt zu sein, und vom Altern dieser Hoffnungen. Es erzählt von einer Jugend in Ostfriesland und von Berlin in den frühen 70er Jahren, erzählt drei »Liebesgeschichten«, erzählt von vielen Umzügen und einigen Reisen, von Geschichten, die nur im Kopf passiert sind, und von Geschichten, die wirklich passiert sind. Über ein Jahrzehnt hinweg erzählt es eine individuelle Geschichte, die zugleich eine kollektive ist. Die geschriebene Geschichte ist auf der letzten Seite zu Ende, die wirkliche nicht. Murnau, der nie geboren werden wollte, macht immer noch weiter, aber: »Überleben ist schwieriger geworden«.
Der autobiographische Bericht eines Dreißigjährigen, der die Spätphase der antiautoritären Bewegung, Studium, Kaderarbeit für eine K-Gruppe und den Bruch mit dieser Gruppe, Schwierigkeiten beim Übergang ins Berufsleben, Hoffnungen, Desillusionierung und Depressivität dieser Jahre durchaus repräsentativ, also nachvollziehbar: zum Wiedererkennen und Sichunterscheiden, verfolgt, mitgemacht, erlebt hat. Der schöne Vogel Phönix ist das nützlich schöne Buch eines sensiblen, subjektiven, kritischen und - in dieser Verbindung nicht selbstverständlich - selbstkritischen Berichterstatters."

Inhaltsverzeichnis

Prolog 1 - Eine Garnisonsstadt am Jadebusen, fern von Berlin, 1968

Ein letzter Brief, der doch nur ein vorletzter war
Ein Frühstück im Offizierskasino. Wichtige Nachrichten aus Westberlin
Rostruper Mai
Bonnie und Clyde an einem schönen Frühsommerabend in Wilhelmshaven
Das Herbstlaub fällt: auf Prag, auf Wittgensteins Grab und auf lange Brief aus der Schweiz

Prolog 2 - Rückblick auf einen häßlichen Zwerg aus Manchester mit beachtlichen Lücken im Gebiß

Ein Dutzend Einzelheiten aus jenen Jahren
Die topografischen Verhältnisse
Murnau, eine Fotoserie
Die Nische
Die Wörter
Dr. Murnau und Mr. Stiles: eine Annäherung

Die Höhlen von Schlachtensee

Unruhe
Briefe
Hamburg. Der erste Besuch
Einige Bemerkungen über meine Bemerkung nach der Chronik der Anna Magdalena Bach
Hamburg. Der erste Besuch. Fortsetzung
Ausführliche Notiz zum Berliner Gift
Hamburg. Der zweite Besuch
Berlin. Ein Gegenbesuch. Das Ende von Etwas
Kurzer Einschub über Geschichten, die weitergehen
Und wieder Wittgenstein, der sagt: Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen
Briefe aus Köln, und dann auch noch diese Geschichte vom Alraunenweibchen
Zwei öffentliche Tode, ein öffentliches Konzert und Murnaus neue Zauberformel
"Diese Nacht werden wir niemals vergessen"
Nach den Tränen: das Unglück holt Atem
Die Höhlen von Schlachtensee
Einige Höhlenbewohner
Eine Reise nach Oslo
Die Kälte kriecht über Schlachtensee
Murnau trifft seinen Engel
Ein Jahrzehnt geht zu Ende

Der Mönch mit der Lederjacke

Genesis
Ein alter Geruch
Ein Anruf von Stalin
Die alten Ängste kehren zurück
Tübingen
Kontaktgespräch mit einem Posaunenengel
Der Blick der Massen in der U-Bahn
Ein längerer Einschub über Haare
Es beginnt der lange Kampf ums Überleben
Eine ordentliche Kneipe
Monika, eine Beunruhigung
Besuche im anderen Leben
Eine bedeutende Adresse. Des Kaders neue Kleider
Stalin, eine Neubesichtigung
Der Aufmarsch der Väter
Über Glück: seinen Ort und seine Zeit
Rebellion ist gerechtfertigt, sagt der Vorsitzende Mao
Ein Fluchtversuch scheitert
Heimkehr zu den Wörtern
Ein Tischtennisspieler. Ein Fachmann. Ein Frühstück in Richmond
Der Tod in Torquay
Erinnerungsarbeit. Spurensicherung. Zwei Wege
Jeweils eine andere Vertrautheit, jeweils dieselbe Fremdheit
Grabenkämpfe. Zwei Reservate. Das Gefühl eines Mangels
Im Treibhaus
Das letzte Gefecht. Der Entronnene

Das normale Scheitern

Charlottenburg
Mommsenstraße
Allgäu
Rückkehr einer Ethnologin
Die soziale Revolution ist keine Parteisache
Halensee
Griechenland
Großer Bahnhof. Eine neue Höhle. Thesen über Glück. Seine Abwesenheit
Sich verlieben
Der Flug
Sich trennen
Sich verschwinden lassen
Schöne neue Welt
Der lange Abschied
Berliner Stadtteile. Berliner Straßen. Berliner Wohnungen
Eine Tagebuchnotiz von Murnau
Postscriptum am folgenden Tage

Epilog - Vom Altern der Hoffnungen

Zitate:

Studentenbewegung, Individualisierung, Glück als gesellschaftlich-politische Zielkategorie und das private Unglück

"Vorgeschichte und Geschichte der Studentenrevolte sind wesentlich Leidensgeschichte - wie Geschichte und insbesondere Vorgeschichte jeder Revolte -, Geschichte unabgedeckter Bedürfnisse, verelendender Individualisierung, Geschichte der Artikulation dieser Individualisierung. Diese Faktoren zählen zu den Bedingungen der Studentenbewegung als Massenbewegung mit antiautoritärem Charakter, hoch ausgebildeter Spontaneität (deren Voraussetzung Leidensfähigkeit ist), vergleichsweise stark ausgeprägtem demokratischem Charakter. Ihre besondere Verfaßtheit als Revolte von Intellektuellen ermöglichte permanente Diskussion und hohe Öffentlichkeit als Charakteristika. Leidensfähigkeit und reales Leiden ermöglichten es den Studenten auch, auf der anderen Seite die Kategorie »Glück« als gesellschaftlich-politische Zielkategorie zu begreifen und auf der Möglichkeit von nicht nur individuellem Glück zu bestehen. (...) Berlin, den 6. Oktober 1972.
(Die These aller Thesen. Leiden macht rebellisch. Die Rebellion zielt auf das, was allen vorenthalten ist: ein Glück, das mehr als nur privat und zufällig und nicht vom Unglück der anderen gemacht ist.)

          
Ich lehnte mich zurück. Das war doch ein Anfang, und außerdem war es die Rettung vor der völligen Zerfaserung des Tages. (...). Ich lehnte mich wieder zurück, rauchte eine Zigarette, schloß die Augen.
          
»...die Kategorie 'Glück' als gesellschaftlich-politische Zielkategorie zu begreifen und auf der Möglichkeit von nicht nur individuellem Glück zu bestehen«: das wars. Alle sollten glücklich sein, sogar Murnau. Fürs erste hätte ihm ein nur individuelles Glück genügt, gewissermaßen antizipatorisch.
          
Langsam zerging die Befriedigung. Ich hatte etwas gearbeitet, gut. Aber es kam noch immer niemand, und es war doch draußen schon dunkel. Wo blieben die bloß? Ich ging auf den Flur, griff nach der Rettung, nach dem Telefon, ich konnte keine Minute mehr länger allein hier in der Wohnung sitzen mit meinen seltsamen Vorstellungen von Glück, ich mußte jetzt unbedingt mit jemandem ein Bier trinken gehen." (S.244f.)

"»Ich bin nun 26 Jahre alt. Inzwischen habe ich einen akademischen Titel, mit dem ich vermutlich kaum etwas anfangen kann. Trotzdem stellt er zunächst eine gewisse Beruhigung dar.
          
Mehr als fünf Jahre habe ich in Berlin gelebt, das ich übermorgen endgültig verlassen werde. Mein Gefühl gegenüber der Zukunft ist am besten wohl als ein gewisses Desinteresse zu beschreiben, da ich selber nicht ganz begreife. Wie die meisten Leute, die ich kenne, habe ich in den letzten fünf Jahren versucht herauszufinden, wie man einigermaßen richtig lebt und es ist mir bisher nicht gelungen. Ich bezweifle, daß es mir in absehbarer Zeit gelingen wird. Es würde gültige Kriterien voraussetzen, und die sehe ich derzeit nicht.
          
Natürlich möchte ich am liebsten glücklich sein, auch wenn klar ist, daß alles Glück bis heute sehr zufällig, sehr partikular und sehr falsch ist. Mein sogenanntes Privatleben war in den letzten Jahren überwiegend ein Scheitern. Von den Beziehungen hier in Berlin sind viele im Lauf der Zeit abgestorben. Das ist nicht schlimm, weil ich sowieso fortgehe. Andere haben sich erhalten, manche sogar verbessert. Die wichtigste, die vielleicht langfristig alles hätte ändern können, ist mir einfach abhanden gekommen.
          
Als ich vor über fünf Jahren nach Berlin kam, war ich noch gewissermaßen Teil eines Aufbruchs, einer Bewegung, die aber schon beinahe das Stadium ihrer Ebbe erreicht hatte. Woran ich aktiv teilnahm, zum Teil unter großer Kraftanstrengung und unter Aufbietung aller verfügbaren Irrtümer, war allein die Ebbe, auch wenn ich sie lange Zeit für die Flut hielt. Natürlich hoffen wir alle darauf, und mancher sieht in jedem kleinen Aufflackern gleich den Beginn einer neuen Bewegung (...). Aber in Wahrheit versuchen wir vor allem zu überwintern, und der Winter kann ewig dauern. (Noch immer) Berlin, im September 1974. Murnau.«" (S.280f.)

Stimmen zum Buch

"»Ich«, sage ich, »habe sie gern gelesen, diese Erinnerungen eines Dreißigjährigen, die Jochen Schimmang 1979 veröffentlicht hat. Es waren Erinnerungen eines ehemaligen Mitglieds dieser K-Gruppen, und Lucchino Viscontis Film nach Thomas Manns Tod in Venedig, Gustav Mahlers 5. Symphonie bedeuten Schritte der Ablösung von dieser K-Gruppe, zugleich Schritte in die Melancholie. Im übrigen kann man Schimmangs Fall auch so verstehen: Wessen Traumberuf in den sechziger Jahren Schriftsteller gewesen war, wer Anfang der siebziger dem des Berufsrevolutionärs angehangen hatte, der kehrte Mitte der siebziger Jahre wieder zu dem des Schriftstellers zurück.«"
(aus: Michael Rutschky "Zur Ethnographie des Inlands", 1984, S.136)

 
     
 
       
   

Beiträge von single-generation.de zum Thema

Dienstleistungsmetropole Berlin - Die Avantgarde der Single-Generation

Die Welt aus der Perspektive des Lonely Singles
(zu Jochen Schimmangs Tagebuchaufzeichnungen "Vertrautes Gelände, besetzte Stadt" und zu den Romanen "Der schöne Vogel Phönix" und "Das Ende der Berührbarkeit")

 
       
   

Rezensionen

VORMWEG, Heinrich (1979): Ein paar neue Erzähler,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 19.05.

SCHULTZ-GERSTEIN, Christian (1979): Traurige Apostel,
in:
Spiegel v. 18.06.

HAGE, Volker (1979): Tagsüber Marx, abends Kino,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 06.08.

LETHEN, Helmut (1979): Geschichten vom unbekannten Verlust,
in:
Merkur, H.10, Oktober, S.1024-1034

BRANDT, Jan (2000): Leer Switch Project,
in:
TAZ v. 06.03.

 
       
   

Das Buch in der Debatte

LÜDKE, W. Martin (1980): Trübsal bläst "Des Knaben Wunderhorn".
Über einige romantische Tendenzen unserer Gegenwartsliteratur,
in: Merkur, Oktober

RUTSCHKY, Michael (1984): Wie es so gekommen ist. Ein Kulturbericht über die sozialliberale Ära. In: Derselbe: Zur Ethnographie des Inlands, Frankfurt a/M: Suhrkamp, S.127-146

RUTSCHKY, Michael (1998): Lebensromane. Zehn Kapitel über das Phantasieren, Göttingen: Steidl

In Michael RUTSCHKYs Buch Lebensromane wird Murnau, der Protagonist von Der schöne Vogel Phönix als Beispiel für die Macht der Wiederholung ("historischer Roman") beschrieben.

Ulrich SCHMIDT sieht Murnau in seinem Buch "Zwischen Aufbruch und Wende: Lebensgeschichten der sechziger und siebziger Jahre" (1993, S.236-267) auf dem Weg nach innen.

HOVEN, Heribert (2003): Schimmang, Jochen. In: Thomas Kraft (Hg.) Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, Nymphenburger Verlagsbuchhandlung: München 2003, Band 2, S.1096f.

 
       
   

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Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 17.Juli 2000
Update: 01. Januar 2017