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Martin Altmeyer: Narzissmus in der Mediengesellschaft

 
       
     
       
     
       
   

Martin Altmeyer in seiner eigenen Schreibe

 
   

ALTMEYER, Martin (2000): Den Betrachter insgeheim betrachten.
Das Selbst im Spiegel des Anderen - eine Neuinterpretation des Narzissmus,
in: Frankfurter Rundschau v. 05.12.

ALTMEYER gibt einen Überblick über die Verwendungsweisen des Narzissmusbegriffs seit den 70er Jahren:

Während Herbert MARCUSE im Narzissten eine positive Gegenfigur zum triebunterdrückenden Prometheus der Leistungsgesellschaft gesehen hat, wurde der Narzissmus in den 80er Jahren schnell zur Leitfigur der Kulturkritik. Die negativen Sichtweisen vom "neuen Sozialisationstyp" (Thomas ZIEHE), über das Zeitalter des Narzissmus (Christopher LASCH) und Richard SENNETTs Terror der Intimität bis zu den narzistischen Yuppies führen geradewegs zu den atomisierten "Elementarteilchen" der Gegenwartsgesellschaft.

ALTMEYER möchte nun auch die neuesten Entwicklungen wie Big Brother auf den Narzissmus zurückführen. Aus dem selbstverliebten, selbstsüchtigen Autisten wird der anerkennungssüchtige Narzisst. Diese Neuinterpretation entspricht einem Wandel im Menschenbild. Der Säugling wird nicht mehr als umweltabhängiges Triebwesen, sondern als interaktionstisches Kompetenzwesen gesehen.

Die Psychoanalyse vollzieht hier eine "interaktionistische Wende", die für Sozialpsychologen schon länger selbstverständlich ist. Die Pathologie der Single-Gesellschaft kann damit bruchlos weiter geschrieben werden.

ALTMEYER, Martin (2000): Big Mother.
Inszenierungen des Selbst im interaktiven Fernsehen,
in:
Frankfurter Rundschau v. 27.12.

ALTMEYER, Martin (2001): Moral, Gewalt, Joschka.
Die 68er reflektieren ihre politische Sozialisation,
in: Frankfurter Rundschau v. 23.01.

ALTMEYER, Martin (2001): Geschichte, Mythos, Psychodynamik.
Deutungsmuster in der 68er-Debatte
in:
Kommune, März

ALTMEYER, Martin (2001): Von Monica zu Joschka.
Ein hysterisches Skandalmuster wird importiert,
in: Frankfurter Rundschau v. 08.03.

ALTMEYER, Martin (2001): Das trockene Bett des Rubikon.
Über Rahmenbedingungen und Grenzen der neuen Biopolitik,
in: Frankfurter Rundschau v. 28.05.

ALTMEYER, Martin (2002): Video ergo sum!
Vortrag bei den 52. Lindauer Psychotherapiewochen am 15.04.

ALTMEYER, Martin (2002): Ego und Alter ego.
Narzissmus im Subtext der neuesten Literaturdebatte,
in: Frankfurter Rundschau v. 03.07.

Martin ALTMEYER betrachtet den Literaturbetrieb als symbiotisches Verhältnis von Schriftsteller und Kritiker. Als Beispiele dienen ihm John UPDIKE ("Bech in Bedrängnis"), Martin WALSER ("Tod eines Kritikers") und Bodo KIRCHHOFF:

"Im Sog der medialen Skandalisierung verkauft sich Schundroman glänzend. Die Erstauflagen sind bereits vergriffen (...). Alle sind verletzt, keiner ist gestorben; auf dem zeitgenössischen Markt der Eitelkeiten ist offenbar für viele Platz. Die Wunden am Selbst gezeigt, die Aufmerksamkeit des Publikums geweckt, das geheime Ziel der Inszenierung erreicht: Im unbewussten Zusammenspiel von Ego und Alter Ego ist der gemeinsame Ruhm gemehrt und wieder ein Stück Unsterblichkeit erworben worden. Videor ergo sum - die narzisstische Kollusion hat funktioniert."

ALTMEYER, Martin (2003): Ausschluss, Entwürdigung, Missachtung.
Die gesellschaftliche Desintegration ist das Kernproblem der deutschen Innenpolitik
in: Kommune, März

Martin ALTMEYER, der bisher für die Frankfurter Rundschau publizierte, lobt die Frankfurter Konkurrenz:

"Wer hätte gedacht, dass die versammelte Presse über Wochen den zivilen Ungehorsam gegen eine demokratisch gewählte Bundesregierung schüren, dass in Deutschland die »vierte« Gewalt unter Führung des FAZ-Feuilletons einmal unisono zur Rebellion (oder doch nur, wie man dem beißenden Spott ihrer eigenen Sonntagszeitung entnehmen kann, zur »Salonrebellion«?) gegen die dritte aufrufen würde? Als ob der Staatsnotstand ausgebrochen wäre, wurde auf der einen Seite gezielt eine Stimmung der Rebellion geschürt und unverhohlen die Machtfrage gestellt – aber scharf wurden auch die wirklichen Defizite der Koalitionspolitik umrissen".

Die einzig wirkliche Sorge des neoliberalen, schwarz-grüne Optionen fordernden ALTMEYER ist, dass die "deutsche Theaterlandschaft, einzigartig in der Welt, bedroht ist". Dafür wird schon mal die "soziale Desintegration" an die Wand gemalt. Statt das Subventions-Theater anzutasten, soll das Fantasma Sozialstaat fallen. Der Feind der linken Neoliberalen ist deshalb nicht die Neue Rechte, sondern die traditionelle Linke à la Pierre BOURDIEU. Wie wär's damit: ALTMEYER könnte ein paar Euro mehr für sein Theaterabo bezahlen. Das würde weder seine Sozialintegration gefährden, noch müsste er die Exklusion der Geringverdiener bemühen. 

ALTMEYER, Martin (2003): Sozialpolitik der Würde.
In der Diskussion um Sozialreformen wird die Massenarbeitslosigkeit von der Politik nicht ausreichend skandalisiert. Auch die Linken sehen darin nur die Armutsfrage,
in: TAZ v. 25.04.

Martin ALTMEYER vertritt wie Bernd ULRICH die Interessen der Neuen Mitte. Seine Strategie orientiert sich an Richard SENNETTs Respekt und Axel HONNETH, d.h. Verteilungspolitik wird gegen Anerkennungspolitik ausgespielt. Sozialstaatsabhängigkeit wird in dieser Perspektive als Würdelosigkeit gebrandmarkt, um den Sozialabbau zu rechtfertigen.

Neu:
ALTMEYER, Martin (2005): Na, wie bin ich?
Früher hatten wir Neurosen, die in all ihrer Zwanghaftigkeit letztlich auch unser Selbst konstituierten. Heute haben wir keine solchen Störungen mehr - aber auch keine wirkliche Identität. Ein Fortschritt?
in: TAZ v. 09.04.

In einem Streifzug durch die historischen, psychoanalytisch inspirierten Diskurse des 20. Jahrhunderts werden von Martin ALTMEYER die populären Sozialcharakter-Typologien erwähnt, die mittlerweile ein Update durch die Debatte um die Mediengesellschaft erfahren haben:

"Die Zeiten ändern sich - und mit ihnen die Diskurse und Zeitdiagnosen. Hatten in den 40er-Jahren Wilhelm Reich, Adorno und Horkheimer den faschismusanfälligen »autoritären Charakter« entdeckt, übernahm in den 70ern die konsumanfällige »narzisstische Persönlichkeit« die Rolle des vorherrschenden Sozialcharakters: Als »neuer Sozialisationstyp« (Thomas Ziehe) hatte der orale Flipper den analen Scheißer abgelöst.
Kaum eine Generation später sind statt Selbstbezogenheit und Vereinzelung Begriffe wie Interaktion, Vernetzung, Medialisierung zu zeitdiagnostischen Schlüsselwörtern geworden. Und im Dauerdiskurs über Individuum und Gesellschaft zeichnet sich der nächste Paradigmenwechsel ab: Das Subjekt löse sich auf in den virtuellen Welten der Mediengesellschaft.
"

ALTMEYER kommt zu dem Schluss, dass nicht mehr Sex, sondern Identität das Hauptproblem Nr.1 ist:

"Epidemiologische Untersuchungen zur mentalen Verfassung westlicher Gesellschaften stimmen darin überein, dass im Verlauf des 20. Jahrhunderts eine epochale Verschiebung in den psychopathologischen Störungsmustern stattgefunden hat. Selbstwert- und Bindungsprobleme, diffuse Ängste und depressive Verstimmungen, Süchte und Perversionen, so genannte Borderline-Persönlichkeitsstrukturen und narzisstische Störungen haben zugenommen. (...). Entsprechende Zeitdiagnosen, ob psychoanalytischer, sozialwissenschaftlicher, entwicklungspsychologischer, sexualmedizinischer oder familiensoziologischer Provenienz teilen einen Kernbefund: Nicht mehr Sexualität, Identität ist nun das seelische Hauptproblem."

ALTMEYER diskutiert anschließend die Ansätze von Reimut REICHE, Alain EHRENBERG und Georg FRANCK, um am Schluss zu seiner vielfach vorgetragenen These zu gelangen, dass der Mensch auf intersubjektive Anerkennung angewiesen sei.

 
       
   

Martin Altmeyer im Gespräch

 
   
fehlt noch
 
   

Narzissmus und Objekt (2000).
Ein intersubjektives Verständnis der Selbstbezogenheit
Göttingen:
Vandenhoek & Ruprecht

 
   
     
 

Klappentext

"Traditionell wird unter Narzissmus Selbstliebe und Ich-Bezogenheit verstanden. Dieser Lesart eines zentralen psychoanalytischen - und inzwischen auch umgangssprachlichen - Begriffs setzt Martin Altmeyer eine intersubjektive Definition entgegen. Der Narzissmus thematisiert das Grundbedürfnis, von anderen Menschen gesehen, beachtet, anerkannt und geliebt zu werden. Der Narzissmus ist gerade nicht die einsame Selbstbespiegelung. Im Spiegel der Umwelt bildet sich das Selbst. Wir wissen, dass der primäre Narzissmus des Säuglings auf die Haltefunktion der Mutter und das Lächeln in ihrem Blick angewiesen ist. Wir erleben, dass das narzisstische Kind Aufmerksamkeit und Bewunderung sucht. Wir sehen, dass die Selbstinszenierung des Medienstars den Beifall des Publikums braucht. Und wir ahnen, dass auch die narzisstische Störung einen stillen oder lärmenden, aber immer verzweifelten Kampf um intersubjektive Anerkennung bedeutet."

 
     
 
       
   

Rezensionen

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Martin Altmeyer in den Medien

ROGOSCH, Joachim (2002): www.bin-ich-sexy.de.
Beim Psychotherapeuten-Treffen in Lindau reift die Erkenntnis: Die Single-Gesellschaft hat ausgedient,
in: Tagesspiegel v. 30.04.

 
   

weiterführende Links

 
     
   
 
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 24. Juli 2001
Stand: 03. August 2015