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Franz Josef Degenhardt: Der Liedermacher

 
       
   
  • Kurzbiographie

    • 1931 in Schwelm (Westfalen) geboren
    • Studium der Rechtswissenschaften
    • 1965 Album "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern"
    • 1966 Album "Väterchen Franz"
    • 1982 Roman "Der Liedermacher"
    • 2011 gestorben
       
 
       
   

Nachrufe auf Franz-Josef Degenhardt

 
   

SUNDERMEIER, Jörg (2011): Der Standhafte.
Nachruf: Er war nicht die Stimme einer Generation - er war ihr Gewissen: Franz Josef Degenhardt, einflussreicher linker Liedermacher und Romanautor, ist tot,
in:
TAZ v. 16.11.

JÄHNER, Harald (2011): Väterchen Franz kämpft nicht mehr.
Franz Josef Degenhardt hat seinem Liedermacherkollegen und Antipoden Wolf Biermann schon immer gerne dazwischengefunkt. Nun wird der 75. Geburtstag Biermanns begleitet von Degenhardt-Nachrufen. Zum Tod des Liedermachers.,
in:
Berliner Zeitung v. 16.11.

 
       
   

Der Liedermacher (1982)
(1998 im Aufbau Verlag als Taschenbuch erschienen; vergriffen)

 
   
     
 

Klappentext

"Piet Atten, der als linker Liedermacher mal eine ziemlich große Nummer im Showgeschäft war, will wieder ganz nach oben. Er will Erfolg, aber er will sich nicht dem Mainstream anpassen und seine Ideale soweit aufgeben, daß er sich selbst unglaubwürdig wird, wie es vielen seiner Freunde passiert ist. Und er möchte wieder mit seinem alten Roadie zusammenarbeiten, der eines Tages das Tourleben satt gehabt hatte. Beide erzählen abwechselnd die Geschichte ihrer Freundschaft bis zum letzen Showdown."

Zitate aus der Taschenbuch-Ausgabe:

Manfred Kröger - Der Roadie aus dem Proleten-Milieu

"Armer Manne.
Dabei beneide ich ihn, den Roadie vieler gemeinsamer Jahre (...). Wahr ist, daß ich ihm den lupenreinen proetarisch-revolutionären Stammbaum vom Ur-Ur-Ur-Großvater, dem Weberaufstandsführer Wilhelm, über den Soldatenratsorganisator und Ur-Opa Heinreich bis zum Vater, dem Streikführer Ewald mißgönne." (S.22)

"Wenn es so etwas geben sollte wie wirklicher Freund, dann ist es Manne Kröger - vielleicht ist er sogar mein letzter Freund, und als Roadie ist er unersetzlich. (...).
Er weiß, wo das Publikum wann wie reagiert. Zum Beispiel in Regensburg muß ich die Bischofsballade als letztes Lied vor der Pause bringen. Ich breche ein, wenn ich auf der Ran-Fete die Gewerkschaftssatire, beim Evangelischen Kirchentag das Landkommunerondo vortrage, und in der Hamburger Musikhalle vor den Kindern des Mittelstandes soll ich - wie er sich ausdrückt - meine schönen Lebenshilfe-Lieder krähen." (S.23f.)

Kneipen

"An der Ecke in der Kneipe stellte ich mich an den Tresen und trank ein Bier - eine Eckkneipe, in die Männer noch mit Hausschuhen hereinkommen, auf ein Glas, aber dann bis Mitternacht bleiben, Schichtarbeiter, Rentner, Angestellte. Am Stammtisch, unter den Fotos von prämierten Tauben, die übliche Runde: der Wortführer, weißhaarig, rosig, mit randloser Brille, die Lage klarstellend. Die anderen zustimmend, zweifelnd, mal widersprechend, aber nicht heftig. Gemütlich und aufreizend zufrieden das Ganze. Auch am Nebentisch, wo sie Skat spielten. Die Männer, die drum herum standen, schwiegen. Erst nach dem letzen Stich begann das Palaver - tausendmal und mehr geübt. Am Tresen knobelten zwei in Lederjacken, und vor dem Spielautomaten stand der Kettenraucher, wartete auf seine Musik: das Klacken der Raster und das Klappern der Münzen. Der Wirt träumte überm Zapfhahn." (S.9)

"Wie oft bin ich bei Erwin Zibulla mal eben mit reingegangen und erst am nächsten Morgen wieder rausgekommen. Piet hat die Kneipe besungen. In der Stadt kennt jeder das Lied von der Wirtschaft im Schieferhaus vor der Fabrik: Drei Männer am Tresen singen nach Mitternacht, daß kein Tag so wunderschön wär wie heute. Die Fußballmannschaften auf den Fotos an den Wänden fallen ein, die Sperrstundenpolizisten, die Nachtschicht drüben im Betrieb und schließlich die ganze Unterstadt.
Das Schieferhaus ist (...) voll in Schuß (...). Der letzte Rest vom alten Arbeiterviertel, das man in den späten fünfziger Jahren abgerissen hatte. Es war gelungen, das Haus unter Denkmalschutz zu stellen. Es liegt zweihundert Meter vom Haupttor der Müller-Balzenbeck-AG. Piets Lied hat den Titel Bei Tante Klara, seitdem heißt die Kneipe auch so, obwohl auf dem Schild über dem Eingang immer noch steht: Gastwirtschaft Erwin Zibulla. Der ärgert sich, weil die Leute ihn jetzt oft Tante Klara nennen. (...).
Die Kneipe ist Vereinslokal von TUS 98. Früher tagten beide Parteien abwechselnd im großen Saal und die Gewerkschaft.
(...).
Zu Streikzeiten tagt hier das Betriebskomitee, Bürgerinitiativen planen hier ihre Aktionen, Die Skatwettbewerbe werden hier ausgetragen, der Betriebschor probt hier". (S.132ff.)

"Wenn man wie ich jahrelang on the road ist, wird die Kneipe zum Zuhause, und ich kenne eine Menge Kneipen in unserem Land, bin an freien Tagen und nach Konzerten oft noch stundenlang gefahren, um ein paar Stunden in einer guten Kneipe zu hocken - im Anker zum Beispiel, wo man vom Tisch aus die Schiffe auf der Elbe vorbeifahren sieht und mit Fischern über die kranken Fische im Fluß redet, Grog trinkt, wenn der Regen an die Scheiben klatscht und der Wind das Seil and er doppelt abgestützten Fahnenstange, einem alten Segelschiffsmast, knattern läßt. Oder im Löwen am Englischen Garten im München. Da sitzen im Winter an abgegriffenen Holztischen nachmittags Mütter mit ihren Kindern, die Schularbeiten machen, Studenten helfen ihnen dabei. Überall brennen Kerzen. Ich sitze mit dem Rücken am Kachelofen, trinke Bier und esse Leberkäs. (...). Bei Berthold Zum alten Eisen gegenüber der Brebacher Hütte muß ich den Stiefel antrinken, wenn die Stahlkocher von der Schicht kommen. (...).
Sonntag morgens Bei Alma auf dem Hunsrück friert Piet vor Gemütlichkeit, weil man durch die offenstehenden Fenster Orgel und Gesang aus der Kirche gegenüber hört, den plätschernden Brunnen und den Geruch der Lindenbäume in der Nase hat, und die Bauern am Stammtisch zufrieden grinsen und furzen. (...).
Ja, ich kenne eine Menge guter Kneipen in unserem Land. aber nirgendwo fühle ich mich so wohl wie bei Erwin Zibulla." (S.135ff.) 

Schuppen

"Richtiges Heimspiel auf Kreisklassenebene war das Konzert im Saalbau Schwägers. Er liegt nicht weit von dem Viertel, wo ich groß geworden bin. (...).
Der Saalbau Schwägers ist früher Tanzschuppen gewesen. Klassenfeste wurden da gefeiert, Tanzstunden abgehalten. Zum Wochenende gabs Schwof, Rock'n Roll haben wir auf den Holzdielen getanzt - Entenschwanz und Haarlacktolle, offenes Hemd und bißchen Brust, alle waren wir Elivs Presley, wie ich im Lied über die wilden Gymnasiasten sixty one singe, und mit diesem Lied fing ich auch an. Der Saal wird heute für Vereinsversammlungen, Vorführungen von Haushaltswaren, Kleintierausstellungen und zum Wochenende von Provinzrockgruppen benutzt. Warum er noch nicht zum Pornoladen, Disco-Schuppen oder Materiallager umfunktioniert wurde, weiß ich nicht. Die Akustik ist grauenhaft - aber das machte nichts." (S.80f.)

Wohngemeinschaften

"Piet Atten lebt nur in Wohngemeinschaften. Zuletzt hatte er in der Beletage eines alten Hauses in der Nähe vom Kölner Dom gewohnt. Davon hatte er mir vorgeschwärmt: Mal was Handfestes, Manne, Leute, die ihre Probleme nicht ständig vor sich hertragen, sich nicht von morgens bis abends auf dieser Psychoebene inszenieren. Arbeiter alle, nur zwei Studentinnen.
Es stellte sich dann heraus, daß es Bühnenarbeiter waren und ein Sozialarbeiter." (S.15)

Karriere eines Yuppies der 68er-Generation

"Kreiter stand vor der Tür, breitete beide Arme aus, umhalste mich. (...). Manne Kröger kriegte einen kumpelhaften Händedruck.
Der hatte ihn früher mal gefragt, so auf die naive Tour: Was treibt ihr da eigentlich in eurem Institut für Planung und Kommunikation? Und Kreiter hatte auf seine einfache Art, für die er berühmt ist, nach einem didaktischen Überlegungspäuschen geantwortet: Laß es mich so sagen. Wir arbeiten für Arbeitserleichterung.
Das Schlitzohr. In Wirklichkeit erarbeiten sie Rationalisierungsprogramme für Betriebe und Behörden, lehren Personalführung, Training in human chemistry, Sensiblität in den zwischenmenschlichen Beziehungen und so was. (...).
Er hat das Konzert arrangiert, damals im Marburger Schloßhof. (...). Dieses Konzert brachte den Durchbruch. (...).
Kreiters Sprüche faszinierten mich damals. Er studierte Mathematik und Soziologie, war ein Jahr in Berkley gewesen, promovierte bei Adorno. Nebenbei organisierte er den Markt für bestimmte Pharmaprodukte um. Es begann zu seiner Zeit schon zu rumoren in den Universitäten, und auf einem der ersten Teach-ins hatte er eine Rede gehalten, aus der immer wieder Zitate in der Presse erschienen. Er trug eine US-amerikanische Kampfjacke und eine Baseball-Kappe, daran ein Button mit der nackten Marilyn Monroe. (...).
Als Leiter des Projekts PÄDSAG traf ich ihn in München. Sie untersuchten Randgruppen-Verhalten in einem Aso-Viertel. Kreiter trug Motorradfahrer-Leder. Seine Mannschaft himmelte ihn an. (...).
Zur Zeit seiner Hamburger Stadtteilarbeit - damals bewarb er sich um einen Sitz in der Bürgerschaft - fuhren wir beide einmal an einem Herbsttag ins Obstmarsche. Weißt du, daß ich mich anwidere, sagte er (...). Wo das hinführen soll, jetzt s-preche ich schon wie einer von der Waterkant, sagte er." (S.49ff.)

Klassenkampf im Zeitalter der Globalisierung

"Auftritt vor Hoesch, beim Streik (...). Seit langer Zeit in diesem Land hatte man so was wieder gehört und in der Tagesschau gesehen: Arbeiter, die vor ihrem bestreikten Betrieb ihre alten Kampflieder singen. Und was hat Piet hinterher dazu gesagt, als wir im Wagen nach Süden fuhren? Unglaublich komisch, aber auch rührend unbeholfen sei das. (...). Im Zeitalter globaler Markt- und Umverteilungsstrategien, störungskompensierender Teilsysteme, Makro- und Mikroprozessoren jubeln die braven Malocher treuherzig: Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will. Und es singen nostalgisch die Chefetagen der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerzentralen mit." (S.79)    

Die Schizos der Kriegsgeneration

"Daß Talle, der Stilbewußte, es in dieser Suburb-Mittelschichtsvilla aushält, begreife ich auch nicht: Swimmingpool und Partykeller, Ziegelsteinwände im living, Bärenfell vor dem Kamin, arm-chaires davor; auf dem Sitzgruppentisch mit Schieferplatte Keramikpötte voll Kräckers und Whisky, Martini, Gin - alles wie aus einem Hollywoodfilm der fünfziger Jahre. Dazu Liz, seine Frau, der Traum der Aufbaugeneration, diese Mischung aus Doris Day und Kim Novak. Und es singt dazu aus allen Boxen an allen vier Wänden Frank Sinatra. (...).
Talle, der älteste von uns. Ein Kriegsteilnehmer. (...). Ostermarschierer der ersten Stunde, Sinatra-Fan aber Pazifist - dann wieder erzählte er Geschichten aus dem Afrika-Feldzug, Tobruk, Bengasi, El Alamain, und kann plötzlich so Sachen loslassen wie am Friedhoftörchen in Fechenbach: Hier ein einziges MG hin, und der ganze Ort könnte gehalten werden.
Wie viele solcher Schizos gibt es in dieser Aufbaugeneration? Das müßte man mal ausforschen. Dann würde einem vielleicht auch einiges klarer werden in unserer Republik." (S.179f.)

Stadtsanierung und Konsumterror

"Durchs Viertel ziehen, da wo man aufgewachsen ist (...).
Die reinste Nostalgie. Als ob nicht damals schon die Spurenverwischer am Werk gewesen wären. Mit dem alten Markt haben sie es am gründlichsten betrieben: Giebel und Erker der Häuser aus der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg begradigt, auf Hochglanz das Fachwerk lackiert, kleine Fenster, Luken und Leute raus, große Fenster, Läden, Geschäfte rein, mit bunten Schildern behängt und beleuchtet von innen und außen das Ganze am hellichten Tag. Das ist Walt Disneys Märchenwelt im Verbund mit John Maynard Keynes' propensity to consume (...).
So oder ähnlich sehen sie überall in unseren Städten aus, die neuen alten, alten neuen Märkte, Einkaufszeilen und Fußgängerzonen, und ich fühle mich wirklich mies, elend, krank, wenn ich da durch bin - anders als Manne Kröger. Sind wir in einer neuen Stadt - das erste, was er macht: er wandelt durchs Einkaufszentrum, kommt strahlend zurück, ins Hotel mit vollgepackter Tüte. Zu meinem Vortrag: Entfesselung der Waren-Sinnlichkeit zur Unterdrückung unserer eigentlichen Bedürfnisse und Sehnsüchte vor den Kulissen eines verlogenen Gebrauchswertversprechens, Warenbeziehung und Wegwerfmoral, Zerstörung von Kommunikation - diese Kette, darüber lächelt er. Bestenfalls bin ich für ihn der spinnerte Dichter, der den Traum vom achtzehnten Jahrhundert träumt, ein grün-bunter Sponti-Aktivist, vermutlich aber der kleinbürgerliche Aufsteiger, der den Werktätigen den erkämpften Lebensstandard mißgönnt, oder auch nur der Antikonsum-Kaspar, wie mich dieser Kollege aus Eisenhüttenstadt genannt hat." (S.87f.)

"Piets Haß auf Ladenzeilen, Kaufhäuser, Boutiquen, Shops, dieses Beieinander in den Fußgängerzonen, diese Konsumkacke-Philosophie von ihm ist schon merkwürdig. Dabei kauft er sich sofort alles, was er gerade haben möchte. Seine Wohnungen sind vollgestopft mit wirklich teuren Dingen, den letzen Hifi-Anlagen, Hunderten von Schallplatten, Videogeräten, Sitz- und Liegemöbeln, Flaschen und Flakons, nutzlosem Zeug und lauter Krimskrams. Wenn man ihn auf diesen Widerspruch anspricht, legt er gleich los: Abgesehen davon, daß er die Sachen brauche, sei er eben auch verführbar, gerade er, das widerspräche aber doch nicht der richtigen Erkenntnis ... und dann kommt sein Vortrag über Konsum als Herrschaftsinstrument in der kapitalistischen Massenkultur. Da kann man ihn nicht mehr abknipsen." (S.201) 

 
     
 
       
   

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Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 20. August 2004
Update: 01. Januar 2015