[ Das Single-Dasein als abweichendes Verhalten ] [ News ] [ Homepage ]

 
       
   

Irmgard Keun: Die neue Frau

 
       
     
       
   
  • Aktuellster Beitrag
  •  
           
       

    Irmgard Keun und die "Neue Sachlichkeit" in der Debatte

     
       

    JÄHNER, Harald (2005): Ich liebe Berlin mit einer Angst in den Knien.
    Zum 100. Geburtstag von Irmgard Keun erscheint "Das kunstseidene Mädchen" neu und anders,
    in: Berliner Zeitung v. 04.02.

    KUßMANN, Matthias (2005): Porträt einer neuen Frau.
    Irmgard Keun zum 100. Geburtstag,
    in: Büchermarkt. Sendung des DeutschlandRadio v. 04.02.

    DETERING, Heinrich (2005): Keine von uns und keine von ihnen.
    Gefühle im Schlagerrhythmus: Irmgard Keun zum Hundertsten,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 05.02.

    Neu:
    BERTSCHIK, Julia (2006): "Weibliche Pioniere".
    Neusachliche Frauentypen zwischen Wunschtraum und Selbstreklame in der Literatur der Weimarer Republik,
    in: Der Deutschunterricht, Heft 4

    Julia BERTSCHIK über Bedeutung der "Neuen Frau" in der Weimarer Republik:

    "Auf ideengeschichtlicher wie ikonologischer Ebene wurde die »Neue Frau« (...) zum »Inbegriff Weimarer Modernität« stilisiert, zum Symbol für die »Fortschrittlichkeit der Republik, ihre Urbanität und Technikbegeisterung, ihre Sachlichkeit und ihr demokratisches Profil« (Frevert 1988, 25)".

    BERTSCHIK stellt anhand eines Zeitungsartikels aus dem Jahr 1927 drei Frauentypen der Weimarer Republik vor:

    "Gretchen bezeichnet das »ewige«, antiquiert wirkende Frauenideal der gebärfreudigen »deutsche[n] Jungfrau mit Zöpfen und Strickstrumpfhorizont«, das neuerdings wieder von der Faschistin aktiviert werde. »Modern« erscheinen demgegenüber das amerikanisch-kapitalistische, aber oberflächlich-primitive Girl mit kurzer Pagenkopffrisur und kniekurzem, gerade geschnittenem Hemdkittelkleid sowie der eher seltene Typ der männlich wirkenden Garçonne mit Herrenhaarschnitt im Etonstil, Krawatte, Smokingjackett und spitzen »Shimmy«-Schuhen. Denn vor allem letztere vereine »sexuelle und geistige Potenz«, wodurch diese »Geschäfts- und Lebenskünstlerin« allerdings dem von ihr geliebten Mann häufig überlegen und daher unbequem sei."

    Den burschikosen Junggesellinnentyp der Garçonne hat gemäß Julia DROST der Schriftsteller Victor MARGUERITTE mit seinem Roman La Garçonne in den 1920er Jahren popularisiert. Geprägt hat den Begriff der französische Schriftsteller Joris Karl Huysmans.

    Der Garçonne-Typ ist auch Thema der Romane deutscher Schriftstellerinnen, in denen damals seltene Frauenfiguren wie alleinerziehende Studentinnen oder selbständige Unternehmerinnen Hauptrollen spielen:

    "Vicki Baums Roman »Stud. chem. Helene Wilfüer« provozierte dabei 1928 am ungewöhnlichen Beispiel einer Synthese aus Mutterschaft und Naturwissenschaftlerinnen-Karriere im Sinne eines noch heute modernen Mutterbilds eine rege Zeitungsdiskussion (...). Ausgehend von den negativen Erlebnissen einer beruflich, aber ebenso privat auf Eigenständigkeit plädierenden Garçonne ließ demgegenüber Marieluise Fleißer - wohl angeregt durch Elsa Herrmanns Studie »So ist die neue Frau« von 1929 - die Frauenfigur ihres Provinzromans »Mehlreisende Frieda Geier« (1931) als »weibliche[n] Pionier« einer Handlungsreisenden hingegen den gleichfalls aktuell gebliebenen Umkehrschluss ziehen: »Es wird Zeit, daß die Männer sich anders einstellen«."

    Kritisiert wurde von Linken und Feministinnen vor allem der Girl-Typus:

    "Vor allem der Typ des unintellektuellen Bubikopf-Girls amerikanischer Provenienz stand hier im Zentrum kritischer Aufmerksamkeit. Im Unterschied zu den akademischen Berufszielen und emanzipatorischen Errungenschaften der bürgerlichen deutschen Frauenbewegung aus der Vorkriegszeit schien das Girl - laut Gabriele Tergits 1931 erschienenen Journalistenroman »Käsebier erobert den Kurfürstendamm« - seinen Kopf wohl »nur noch für die Frisur« einzusetzen, um sich damit - wie in Marieluise Fleißers um 1926 entstandener Erzählung »Die Ziege« - bei Männern interessant zu machen."

    Während es in den Romanen um den Karrieresprung der Neuen Frau ging, sah die Wirklichkeit der Weimarer Zeit für die meisten Frauen anders aus, denn ledige Angestellte blieben in der Regel "nur bis zur Heirat im Büro oder im Warenhaus ohne große Aufstiegschancen". In diesem Zusammenhang sieht BERTSCHIK auch die Romane Das kunstseidene Mädchen und Gilgi von Irmgard KEUN.  Die Schriftstellerin Vicki BAUM steht für BERTSCHIK als eine der wenigen Ausnahmen für Karrierefrauen in der Weimarer Republik.

    Der Mythos der "Neuen Frau" kann als Ausdruck einer modernen Massenkultur mit ihren Widersprüchen verstanden werden. Während damals die Angestellten als Avantgarde der Moderne erschienen, gelten heutzutage die Freiberufler als eine solche Avantgarde. Die Journalistin Katja KULLMANN verkörpert mit ihren Büchern ein Update dieser "Neuen Frau".

     
           
       

    Das kunstseidene Mädchen (1932)
    (Neuausgabe: Claassen Verlag 2005)

     
       
         
     

    Klappentext

    "Doris ist Sekretärin bei einem zudringlichen Rechtsanwalt. Sie will nicht mehr tagaus, tagein lange Briefe tippen, sondern ein Star werden. Sie will hinaus in die große Welt, ins Berlin der Roaring Twenties."

     
         
     
           
       

    Das Buch in der Debatte

    BUSCH, Annett (2005): Der Sex-Appeal der Sekretärinnen.
    Ally McBeal und ihre Schwestern: Die Tagung "Working Girls" an der Universität München ging der "Ökonomie von Liebe und Arbeit in der Moderne" nach. Und zeigte, wie fruchtbar das Zusammentreffen von Soziologie und Cultural Studies sein kann,
    in: TAZ  v. 03.03.

    PFOHLMANN, Oliver (2005): Schreiben wie Film.
    Wild, zügellos: "Das kunstseidene Mädchen" von Irmgard Keun,
    in: Frankfurter Rundschau v. 18.05.

     
           
       

    Gilgi - eine von uns (1931)
    (Neuausgabe: List Taschenbuch 2002)

     
       
         
     

    Klappentext

    "Gilgi, ein Mädchen im Köln der 1920er Jahre, kündigt ihre Stelle als Sekretärin und zieht von Zuhause aus, weil sie das bevormundete Dasein bei den Eltern satt hat. Doch auch das »weiche, zerflossene, bedenkenlose« Leben mit dem Schriftsteller Martin ist keine Alternative und aus ihrem Leben, sagt Gilgi, »soll nicht so’n Strindberg-Drama werden«. Und da nimmt sie es wieder in die eigenen Hände und macht sich wirklich auf den Weg in die Selbständigkeit."

     
         
     
           
       

    Das Buch in der Debatte

  • fehlt noch
  •  
       

    Die "Neue Frau" in der Debatte

    HARMS, Ingeborg (2004): Die Zwanziger flirten sehr subtil.
    Julia Drost verfolgt die literarische Konjunktur des Garçonne-Typs,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 01.04.

    Ingeborg HARMS stellt ein Studie über die emanzipierte (vermännlichte) Frau im Paris der 1920er Jahre vor: "Eine starke Reaktion löste die literarische Welle in konservativen, um die »repopulation« besorgten Kreisen aus, die schon 1920 ein Verbot der Abtreibung und der Werbung für empfängnisverhütende Mittel durchgesetzt hatten. (...). Als weiblichen Egoismus sah die katholische Liga der »Väter kinderreicher Familien« das modische Junggesellentum der Frauen an und versuchte vergeblich, die Verbreitung der »Garçonne« zu unterbinden."   

    SUTER, Anja & Mischa SUTER (2005): umkämpfte Bedeutungen.
    Gut gemachte Geschlechtergeschichte kann gar nie Mainstream werden, sagt die US-amerikanische Historikerin Kathleen Canning. Sie ist spezialisiert auf die Geschichte der Weimarer Republik,
    in: WochenZeitung Nr.42 v. 20.10.

    Die US-amerikanische Historikerin über die Neue Frau der Weimarer Republik: "Sie haben für die Zeit der Weimarer Republik die Figur der «Neuen Frau» herausgearbeitet, ein als «Junggesellin» beschriebener Typ Frau, die als Projektionsfläche gleichermassen bedrohlich wie faszinierend wirkte. Was war ihr Selbstverständnis?
              
    Die «Neue Frau» konnte nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr aus der Öffentlichkeit entfernt werden, auch wenn sie sich nicht voll in die Parteipolitik integrieren liess. Es handelte sich um ein Frauenbild, das fast jeden Bereich des Alltags beeinflusste - Konsum und Kino, Werbung und Populärliteratur. Gleichzeitig eröffnete dieser stilisierte Typ den Frauen die Möglichkeit, sich von alten Konventionen zu lösen und auf neue Weise ihr Selbst in der Öffentlichkeit darzustellen: sich das Recht zu nehmen, die Haare zu kürzen, zu rauchen, alleine auszugehen, sich politisch auszudrücken oder eben nicht."

    BERNSTORFF, Madeleine (2007): Als die Damen wieherten.
    Sie waren die "Neuen Frauen": Quirlig, selbstständig und mit feschem Image stürmten sie in den 10er- und 20er-Jahren das Stummfilmkino. Die diesjährige Berlinale widmet den "City Girls" zwischen Emanzipation und Konsum ihre Retrospektive,
    in: TAZ v. 08.02.

     
       

    Weiterführende Links

     
         
       
     
       

    Bitte beachten Sie:
    single-generation.de ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten

     
       
     
         
       
     
       
    © 2002-2015
    Bernd Kittlaus
    webmaster@single-generation.de Erstellt: 09. Dezember 2003
    Update: 26. Juni 2015