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Wilhelm Genazino: Die kleinen Fluchten aus der Angestelltenwelt

 
       
     
       
     
       
   

Wilhelm Genazino in seiner eigenen Schreibe

 
   

GENAZINO, Wilhelm (2000): Heimat, vorgespiegelt.
Der Ort der Handlung in der Literatur,
in: Frankfurter Rundschau v. 04.03.

GENAZINO, Wilhelm (2001): superfrösche der gegenwart.
Ankommen im propagierten Augenblick: Laudatio auf Kathrin Röggla zur Verleihung des Italo-Svevo-Preises,
in: Frankfurter Rundschau v. 31.03.

GENAZINO, Wilhelm (2001): Funkelnde Scherben.
Der Autor und sein Preis,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 25.08.

GENAZINO, Wilhelm (2001): Fliehendes Denken.
Formen der Sehnsucht,
in: Frankfurter Rundschau v. 13.10.

GENAZINO, Wilhelm (2004): Die Drohung im Handgemenge.
Hans Falladas mangelnder Sicherheitsabstand gegenüber der Wirklichkeit,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 05.06.

Wilhelm GENAZINO unterscheidet in seiner gymnasialen 68er-Klassengesellschaft zwei Leserklassen. Die Hermann Hesse-Leser und die Hans Fallada-Leser unterschieden sich in der Art des Scheiterns:

"Fallada wurde von Jugendlichen gelesen, die in der Nachkriegszeit etwas zu schnell zu Erwachsenen gemacht worden waren; bei nicht wenigen kam ein eigenes frühes Scheitern dazu, das von fern ein wenig dem Scheitern Falladas ähnelte.
Die
Hesse-Leser dagegen machten ordentlich ihr Abitur und fingen an zu studieren, sie gingen rechtzeitig zur Tanzstunde und fanden pünktlich ihre Jugendliebe. Wer mit Fallada angefangen hatte, stiess bald auf Tucholsky und Heinrich Mann, las dann weiter bei Döblin und Feuchtwanger und Brecht. Die Hesse-Leser lasen lange Zeit nichts anderes als Hesse, einigen von ihnen gelang nach Jahren der Absprung zu Rilke und Hölderlin; danach fanden sie zur Popmusik und zu ersten Drogenerfahrungen. Viele der Hesse-Leser scheiterten später und gründlicher als die Fallada-Leser.
"

GENAZINO, Wilhelm (2004): Wie sich Kohl und Kafka im Komischen verbinden.
Über eine Empfindung, die sich aus den unterschiedlichsten Quellen speist: Was ist die Ursache unseres Lachens?
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 07.08.

GENAZINO, Wilhelm (2004): Mein Lieblingsbuch: "Kleist, Moos, Fasane",
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 14.08.

GENAZINO, Wilhelm (2004): Funkelnde Scherben.
Der Autor und sein Preis,
in: TAZ v. 23.10.

Die TAZ druckt einen Essay aus dem neu erschienenen  Band Der gedehnte Blick nach.

GENAZINO, Wilhelm (2004): Der Untrost und die Untröstlichkeit der Literatur.
Laßt die Finger weg von unserer Langeweile! Dankesrede zur Verleihung des Büchner-Preises.
in: Süddeutsche Zeitung  v. 25.10.

GENAZINO verteidigt die Langeweile gegen die Agenten der Erlebnisgesellschaft:

"Am bedeutendsten ist für uns heute (ausgerechnet) ein Lustspiel, »Leonce und Lena«. Denn hier tritt ein Leiden auf, das im Laufe der Zeit immer mehr an Einfluß gewonnen hat, das Leiden an der Langeweile. Bei Büchner wird Langeweile nicht vertrieben, sondern angenommen. Von dieser Errungenschaft sind wir meilenweit entfernt. Langeweile bei Büchner ist eingestandener Stillstand, der beim Subjekt bleibt. Wir heutigen kennen Langeweile als verscheuchte Langeweile."

Angenommene Langeweile ist für GENAZINO die Voraussetzung für die Entstehung von Literatur. Dagegen setzt die Erlebnisindustrie mit ihren Angeboten (Konsum und Promiskuität) auf die Verscheuchung der Langeweile.

GENAZINO, Wilhelm (2005): Meine ungerechte Enttäuschung.
Political Studies (VI): Wie man zum Wahlzyniker wird und den Aufmarsch der alten Männer (und der einen Frau) nicht mehr ernst nehmen kann,
in: TAZ v. 09.08.

"Meine Enttäuschung macht mich ungerecht. Weil die alten Männer so wenig zustande kriegen, beobachte ich ersatzweise ihr Privatleben beziehungsweise das, was die Medien davon an uns weiterleiten. Dann höre ich, dass Joschka Fischer - auch er inzwischen ein alter Mann - zum vierten oder fünften Mal eine junge Frau heiratet. Mich geht das Privatleben von Fischer nichts an, aber natürlich fällt mir auf, dass alte Männer, die sich zum wiederholten Mal im Lebensalter vergreifen, nichts anderes als Melancholieverweigerer sind, die nicht hinnehmen können, dass bestimmte Sachverhalte nicht weiter verdrängt oder geleugnet werden können, sondern anerkannt werden müssen", meint Wilhelm GENAZINO.

GENAZINO, Wilhelm (2006): Lügen wir uns glücklich!
Die grosse Liebe, der vergangene Urlaub, das tolle Auto: Weite Teile der Realität sind enttäuschend und unserer permanenten Aufschönung bedürftig,
in: NZZ Folio, August

GENAZINO, Wilhelm (2007): Momentweise betäubt. Über das Betteln.
In: Johannes Ullmaier (Hg.) Schicht! Arbeitsreportagen für die Endzeit, Frankfurt a/M: Suhrkamp, S. 124-135

GENAZINO, Wilhelm (2007): Flucht in die Ohnmacht.
Der Schriftsteller Wilhelm Genazino ist mit dem Kleist-Preis 2007 ausgezeichnet worden. Der Tagesspiegel dokumentiert seine Dankrede,
in: Tagesspiegel v. 26.11.

Der Schriftsteller Wilhelm GENAZINO beschreibt Heinrich von KLEIST u. a. als Kindersoldaten:

"Fünf Jahre nach Kleists Vater starb auch die Mutter. Kleist war jetzt fünfzehn und trat als Gefreiter-Korporal in das Garderegiment Potsdam ein. Er ist jetzt das, was wir heute einen Kindersoldaten nennen. Es ist merkwürdig und schauderhaft, dass das Wort Kindersoldat erst in unserer Gegenwart in unseren Wortschatz eingewandert ist; das Wort kennzeichnet mit rätselhafter Verspätung mehrere Jahrhunderte historischer Gewalt an männlichen Kindern."

GENAZINO, Wilhelm (2008): Was ist schweizerisch?
Kein Wüterich, kein Rüpel,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 21.06.

GENAZINO, Wilhelm (2008): Bahnhofsversunkenheit,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 20.12.

 
       
   

Wilhelm Genazino: Porträts und Gespräche

 
   

VETTER, Stephanie (2001): "Sie schreiben viel zu schnell".
Der Schriftsteller Wilhelm Genazino zur Situation von jungen Autoren,
in: Darmstädter Echo v. 19.04.

SCHOLZ, Christian (2001): "Ich bringe ja auch das Bild in Schwung".
Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Wilhelm Genazino über Photographie,
in: Neuer Zürcher Zeitung v. 07.05.

HIRSCH, Anja (2001): Warum lacht der Mensch?
Der Schriftsteller Wilhelm Genazino über das Verhältnis von Witz und Komik, Lachen und Lächerlichkeit, Scham und Schadenfreude, Humorindustrie und Trostindustrie, und was die Bahn mit Wittgenstein verbindet,
in: Tagesspiegel v. 16.05.

Wilhelm GENAZINO ist zu Unrecht in Deutschland fast unbekannt. Während auf den 34. Mainzer Tagen der Fernsehkritik zum Thema Fernsehen für die Spaßgesellschaft zwar viel geredet wurde, aber der Kern der "Spaßgesellschaft" verfehlt wurde, stellt GENAZINO tiefer gehende Überlegungen an:

"Was ist denn Sache?
Das sich fortlaufend selbst verfehlende Leben und der Trost, der sich darüber erfinden muss. Die Humorindustrie ist ja eine Trostindustrie. Es gibt einen Bedarf dafür - nicht etwa, weil die Menschen etwas zu lachen haben müssen, sondern weil sie Grund haben, etwas in die Ecke zu lachen, was auf andere Weise nicht verschwindet (...).
Ist das Gefühl der Ohnmacht, eine zentrale Erfahrung aller Protagonisten in Ihren Büchern, immer noch wichtig für Sie?
Es ist nach wie vor zentral. Die komische Empfindung ist auch ein Ausfluss dieser Ohnmacht. Man muss sich erst einmal ohnmächtig fühlen, ehe man komisch wirken kann. Man muss in der vollkommenen Totenstarre der Probleme gelebt haben, ehe man über sie lachen kann."

BERKE, Bernd (2001): "Schreiben ist für mich eine Lust",
in:
Westfälische Rundschau v. 11.10.

Genazino u.a. über das "Ende der Spaßgesellschaft" und Einen Regenschirm für diesen Tag:

"In meinem neuen Buch geht es um seelische Folgen eines der zentralen Probleme der Gegenwart: Arbeitslosigkeit. Meine Eltern sprachen noch von einer "Lebens-Stellung". So etwas gibt es heute kaum noch."

SCHULTE, Bettina (2001): "Ich bin, was ich sehe",
in:
Badische Zeitung v. 08.11.

STUBER, Manfred (2002): Massakrierte Gedanken.
Interview mit Wilhelm Genazino über Sehnsucht, Peinlichkeit und Wahnsinn,
in: Literaturkritik Nr.2, Februar v. 05.02.

Vom "Angestelltenhasser" und Literaturpapst MRR wurde GENAZINO lange Zeit geschmäht und erst durch den Roman Ein Regenschirm für diesen Tag entdeckt. GENAZINO beschäftigt sich mit dem "aus der Rolle fallen" bzw. mit dem Verhältnis der gesellschaftlich geteilten Mythen und dem individuell Überschüssigen. Sein Protagonist in dem neusten Roman lebt z.B. mit der Angst vor dem Wahnsinnigwerden:

"Warum? Aufgrund seiner gescheiterten beruflichen Sozialisation hat der Protagonist kein Außenprofil, er hat nur ein Innenprofil. Er ist fast ausschließlich mit sich selbst beschäftigt. Dazu neigen Menschen, die von der normalen Kommunikation in Beruf und Alltag abgeschnitten sind, sie werden stark introspektiv bis an die Grenze zum Autismus. Daher kommt die Angst: Wenn das nicht aufhört mit dieser 'Verschwindsucht', dann werde ich vielleicht noch verrückt. Es ist die Reaktion eines aus dem sozialen Gleichgewicht gebrachten Subjekts. Wie schon Aristoteles gesagt hat, ist der Mensch ein geselliges Wesen, er soll hinausgehen unter seinesgleichen und soll sich austauschen. Wenn ihm das versagt wird, drohen solche merkwürdigen Pathologien. Lange bevor sie manifest sind, werden sie vom Subjekt mit sich selber kommuniziert".

BIESEL, Elke (2003): Der freie Fall aus der Kuschelecke.
Genazino, zu Gast in Köln, beklagt im Gespräch: So viel Fremdheit war nie,
in: Kölner Stadt-Anzeiger v. 21.05.

GENAZINO ist seit den 70er Jahren ein Chronist der Welt der kleinen Angestellten. Prototypisch steht hierfür Abschaffel. Der neue "Held" aus dem Roman Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman hält sein Leben in der Schwebe, während Abschaffel als allein lebender Dreißiger zum Pessimisten geworden ist. GENAZINO plädiert für ein "Heraustreten aus dem verordneten Sehen". Sein eigener Wahrnehmungsunternehmer zu werden, das ist eine Beschäftigung, die auch in unserer neoliberalen Gesellschaft noch nichts kostet. In Ein Regenschirm für diesen Tag hat GENAZINO dieses Defizit beschrieben:

"Gunhild geht durch ihr Leben und macht kaum eigene Beobachtungen. Ich bin blind, sagt sie oft; sie sagt es scherzhaft, meint es aber ernst. Man muß ihr sagen, was sie sich anschauen könnte, dann ist sie zufrieden."

MINKMAR, Nils (2004): Wilhelm Genazino oder Die Liebe zur Peripherie.
Der neue Büchnerpreisträger bewegt sich gern an den Rändern und wird von keinem erkannt. Eine Begegnung in Frankfurt am Main,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 06.06.

Nils MINKMAR beschreibt mit seiner Generation Golf-Ästhetik den Abstand zum 68er:

"Genazino sitzt neben einem Betonpfeiler auf der weiten, leeren Terrasse der »Bistrothek Dante« am Frankfurter Römerberg und wirkt glücklich. Gegenüber treffen sich fröhliche, reiche Kunstsinnige in gelben Barbourjacken mit lautem Hallo zum Besuch der Schirn, es sieht aus wie ein Werbespot fürs Bürgertum. Der Abstand zu jenen Welten, die Genazino beschreibt, könnte nicht größer sein, und in der Tat sitzt man in der Betonwüste dieser sogenannten Bistrothek, wo eine Kellnerin mit einem eigenartigen, die Lippen comichaft konturierenden Kajalstrich um den Mund die Kaffeekännchen bringt, wie Kilometer vom schicken Café der Schirn entfernt. Dabei sein es bloß wenige Schritte.
Und darum ist Frankfurt Genazinos Terrain. Wer sich wie er als »randständige Existenz« begreift, findet auch mitten in der City Ecken, die so traumverloren und abseitig sind wie die Vororte von Eschborn oder Mannheim, wo es immer drei Uhr nachmittags und immer 1965 ist."

STEINERT, Hajo (2004): Glücklich gescheitert.
Wilhelm Genazino, der große Flaneur der deutschen Literatur, erhält den diesjährigen Büchner-Preis,
in: Focus Nr.42 v. 11.10.

KUNCKEL, Susanne (2004): "Ich bin ein humoristischer Leisetreter".
Besuch beim Büchner-Preisträger Wilhelm Genazino,
in: Welt am Sonntag v. 17.10.

RÜHLE, Alex (2004): Belohnt fürs Schauen.
Wilhelm Genazino - Sammler, Jäger, Büchnerpreisträger. Die laute Mitte scheut er, dem leisen Alltag aber ist er erlegen - warum sich der Frankfurter Literat über die höchsten Ehren eher verhalten freut,
in: Süddeutsche Zeitung v. 21.10.

Alex RÜHLE hat GENAZINO in dessen Frankfurter Westend-Wohnung besucht. Nebenbei bespricht RÜHLE noch die wichtigsten Romane des Schriftstellers und wir erfahren, dass GENAZINO bei der Büchnerpreisverleihung über die Langeweile reden wird.

HILLGRUBER, Katrin (2004): Die Angst vor der Kompliziertheit.
Wilhelm Genazino über Außenseitertum, Erfolg und Wohlstand,
in: Stuttgarter Zeitung v. 22.10.

HILLGRUBER, Katrin (2004): "Die Menschen hassen Kompliziertes".
Der Schriftsteller Wilhelm Genazino über Humor, den Büchner-Preis und das Ende des Wohlstands,
in: Tagesspiegel v. 22.10.

Wilhelm GENAZINO spricht u. a. über die Abschaffel-Trilogie:

"Gerade ist die »Abschaffel«-Trilogie neu erschienen, Ihr Debüt über das so genannte falsche Bewusstsein der Angestellten im Geiste Siegfried Kracauers. Darin ist vom „mannigfachen Betrug“ an den Lohnempfängern die Rede. Wie aktuell ist das in den Zeiten von Hartz IV?
Es ist inzwischen eingetreten, was Abschaffel an die Wand gemalt hat. Wovor er immer Angst hatte, ist jetzt ein Massenschicksal geworden, auch die Depersonalisierung, also das eigenartige oder auch gar nicht so eigenartige Herauskippen aus an sich festen Biografien, die dann plötzlich erodieren, wenn die Menschen nicht mehr wissen, wo sie morgens hingehen und was sie eigentlich tagsüber machen sollen. Diese Zustände sind in »Abschaffel« schon angelegt. Ich habe sowieso damit gerechnet, dass irgendwann das Wohlstandszeitalter zu Ende gehen wird, was man sich noch in den Achtziger- und Neunzigerjahren zu meinem Erstaunen nicht vorstellen konnte. Die Menschen hassen eben die Entdeckung der Kompliziertheit"

BARTELS, Gerrit (2004): Das Glück des Sisyphos.
Vom beobachtenden Subjekt zum Objekt der Beobachtung: Eine Begegnung mit dem Schriftsteller Wilhelm Genazino, dem heute Abend in Darmstadt der Georg-Büchner-Preis 2004 verliehen wird
in: TAZ v. 23.10.

KÖHLER, Andrea (2004): Die Scham, das Warten, die Komik, der Schmerz.
Ein Besuch bei dem diesjährigen Büchnerpreisträger Wilhelm Genazino,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 22.10.

RÜDENAUER, Ulrich (2004): "Ich will keinen Rennwagen".
Wilhelm Genazino, der heute den Büchner-Preis erhält, über seine Scheu vor den Medien,
in: Frankfurter Rundschau v. 23.10.

HIRSCH, Anja (2007): Die Angst war überflüssig.
Gespräch mit Wilhelm Genazino,
in: Frankfurter Rundschau v. 30.01.

"In Ihrem letzten Roman, Die Liebesblödigkeit (2005), gibt der Held Seminare über die Apokalypse. Jetzt ist sie eingetreten. Mittelmäßiges Heimweh - ein Fortsetzungsroman?
             Man kann das als Anwendung der Theorie lesen, es wäre mir aber zu eindimensional. Dass irgend etwas verseucht ist, das ist ja in unserer Gesellschaft längst eingedrungen. Mal ist es das Wasser, mal das Fleisch, mal das Blut. Wir sind ja alle gewiefte Apokalyptiker. Die plötzlich eindringende Seuche ist ein Modell, das sowohl für die Literatur gilt als auch für die eingetretene Wirklichkeit."

HABERL, Tobias (2007): Ein Gespräch über das Wesentliche.
Die Schriftsteller Wilhelm Genazino und Annette Mingels unterhalten sich über Liebe, Sex und Älterwerden,
in: SZ-Magazin Nr.21 v. 25.05.

NEUSTADT, Jeannette (2007): "Ich beweise, dass Entertainment tödlich ist".
Der Schriftsteller Wilhelm Genazino erhält in diesem Jahr neben dem Büchner-Preis auch den Kleist-Preis. Zuletzt erschien sein Roman "Mittelmäßiges Heimweh". Im Gespräch erzählt er was für ihn Normalität bedeutet und warum seine Komik ohne Pointen auskommt,
in: Welt v. 27.09.

Wilhelm GENAZINO u.a. über die verschwundene gesellschaftliche Mitte:
"Neustadt: Ihre Protagonisten gehören meist dem so genannten Mittelstand an. Würden Sie sich selbst als Chronisten der Mitte bezeichnen?
            Genazino: Eigentlich fühle ich mich nicht so. Ich bin eher ein Chronist der geflohenen Mitte-Darsteller. Die Mitte in diesem Sinne würde ich als zerbrochen beschreiben. Die Figuren stammen aus dem akademischen Prekariat. Die würden sich gern irgendwie an die Mitte anlehnen, aber da sie sie nicht mehr finden und sie ihnen nichts mehr verheißt, sind sie Flüchtlinge der Mitte. Dass Akademiker nicht mehr heiraten, nicht mehr planen, ist für mich eine Form des weitergegebenen Drucks. Wenn Sie sich heute umschauen, wie die Stellen für Geisteswissenschaftler reduziert wurden. Wie die Gesellschaft ihnen die Angstspritze einjagt. In der Scheu des Mittelstands drückt sich doch nur ein übergreifendes gesellschaftliches Problem ab. Sie sind diejenigen, die den Klumpfuss des gesellschaftlichen Problems mit sich herumschleppen. Aber sie sind nicht damit gemeint."

 
       
   

Wilhelm Genazino im Radio

 
   

GENAZINO, Wilhelm (2000): Sprache und Identität,
in:
DeutschlandRadio. Sendung "Signale - Gedanken zur Zeit" v. 06.02.

GENAZINO, Wilhelm (2000): Sehnsucht,
in:
DeutschlandRadio. Sendung "Signale - Gedanken zur Zeit" v. 12.03.

GENAZINO, Wilhelm (2000): Das Banale ist das Unaufräumbare,
in:
DeutschlandRadio. Sendung "Signale - Gedanken zur Zeit" v. 03.09.

 
       
   

Beiträge zu Genazinos Werk

 
   

HILLGRUBER, Katrin (1998): Die Ruhe täuscht.
Schriftsteller Wilhelm Genazino in München ausgezeichnet,
in: Tagesspiegel v. 28.05.

HILLGRUBER, Katrin (1998): Achtung Baustelle,
in: DeutschlandRadio. Sendung "Büchermarkt" v. 01.07.

SCHÄFER, Andreas (1998): Bis sich etwas zeigt.
Der umständlich genaue Blick: Über Wilhelm Genazino und seinen neuen Roman "Die Kassiererinnen",
in:
Berliner Zeitung v. 25.07.

HILLGRUBER, Katrin (1998): Musen im Supermarkt.
Vom Eigenleben der Dinge und der Lächerlichkeit des Menschen: zwei Neuerscheinungen des sanften Ironikers Wilhelm Genazino,
in: Tagesspiegel v. 22.08.

LIERSCH, Werner (1998): Schokolade und Philosophie,
in:
Berliner Illustrierte Zeitung. Beilage der Berliner Morgenpost v. 02.08.

HILLGRUBER, Katrin (1999): Beruf: Tagträumer.
Genazino und Krechel im Literarischen Colloquium Berlin,
in: Tagesspiegel v. 20.02.

LEIPPRAND, Eva (1999): Jederzeit auslachbar.
Wilhelm Genazinos "Kassiererinnen" als moderne Feen im Supermarkt,
in: Literaturkritik.de
Nr.10, Oktober

HIRSCH, Anja (2000): Fibeln für Großstadtmenschen.
Kinder, Tiere, Trödel - Spurensuche mit Wilhelm Genazino,
in: Tagesspiegel v. 31.03.

SCHRÖDER, Christoph (2001): Die Stummen.
Genazino und Hegewald,
in: Frankfurter Rundschau v. 20.01.

BRAUN, Michael (2001): Das Weltei der Geschlechter.
Georg Klein, Julia Franck, Wilhelm Genazino und Thomas Meinecke in Sulzbach-Rosenberg bei einem literarischen Wochenende über "Frauen und Männer"
in: Frankfurter Rundschau v. 04.07.

Michael BRAUN zieht ein ernüchterndes Fazit:

"Eine neue sinnliche Gewissheit der Literatur über 'Frauen und Männer' ist indes nicht in Sicht. Wir werden uns bis auf weiteres auf Reprisen und Variationen einstellen müssen."

Der Maßstab von BRAUN ist der Macho, dessen Denken um Einsamkeit und Liebe als ekstatischem Ausnahmezustand kreist. Dagegen sind den gegenwärtigen Protagonisten die Liebe abhanden gekommen und das Scheitern übriggeblieben. Als Beispiel für den "männlichen Sozialisationstyp" werden die "Helden" von Wilhelm GENAZINO angeführt.

BÖTTIGER, Helmut (2003): Anwalt kleinster Dinge.
Eine Laudatio auf den Erzähler Wilhelm Genazino, der in Berlin mit dem Fontane-Preis 2003 ausgezeichnet wurde,
in: Welt v. 25.04.

Infos zu: Helmut Böttiger - Autor der Single-Generation

BUCHELI, Roman (2004): Die Begierde des Rettens.
Wilhlem Genazinos Weg in die Verborgenheit und seine Poetik des genauen Blicks,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 06.03.

Roman BUCHELI beschäftigt sich mit dem umfangreichen Werk von Wilhelm GENAZINO:

"Es gibt eine vielleicht recht oberflächliche, aber dennoch hinreichende Erklärung für (...) Genazinos Poetik des genauen Blicks. Seinen Figuren (so sehr wie übrigens den Dingen) droht stets und überall das Verschwinden. Dagegen stemmen sie sich, darum mobilisieren sie, was in ihrer Reichweite liegt: Die Dinge sind ihnen eine Rückversicherung der Existenz. Das galt schon für Genazinos «Abschaffel»- Trilogie. Kaum waren damals die ersten Seiten erzählt, liess der Erzähler den Angestellten Abschaffel eine Lampe einschalten, da dieser das Gefühl vermeiden wollte, mit dem langsamen Eindunkeln selbst zu verschwinden. Später lernten Genazinos Figuren einen entspannteren Umgang mit dieser Angst, dennoch mussten sie sich dauerhaft auf ein Leben mit dem beunruhigenden Wissen einrichten, dass ihre Existenz nur auf Zusehen hin befristet war."

Single-generation.de hat sich bereits vor einiger Zeit mit Wilhelm GENAZINOs Abschaffel-Trilogie im Rahmen des Themas "Singles und ihre Ängste" beschäftigt.

KRAUSS, Hannes (2004): Menschen - Dinge - Situationen. Wilhelm Genazinos "Abschaffel"-Romane. In: Text + Kritik, Heft 162, April, S.11-19

Hannes KRAUSS liest die Abschaffel-Romane nicht nur als Angestellten-Romane, sondern auch als Adoleszenz-Romane. Für ihn holt der 30jährige, alleinstehende Protagonist in den 1970er Jahre die versäumte Adoleszenz nach:

"Ein Adoleszenz-Roman über einen dreißigjährigen Kafka-Leser? Wie soll das gehen? Ohne Kenntnis der Entstehungszeit dieser Texte, der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts, ist das nicht zu verstehen. In jenem Jahrzehnt mündete die nachgeholte Pubertät der um das Kriegsende herum geborenen und im Muff der Adenauerzeit Herangewachsenen in eine verspätete Adoleszenz. »Abschaffel« ist ein Buch über die Schwierigkeiten einer Generation, erwachsen zu werden; es handelt von ihrer Ankunft im Alltag." (2004, S.17)

Zentrales Thema der Abschaffel-Trilogie ist für die KRAUSS die komplizierte Beziehung zu seinen Eltern sowie die Identitätssuche und Entfremdung.

STOCKINGER, Claudia (2004): Das Leben ein (Angestellten-)Roman. Wilhelm Genazinos Ästhetik der Wiederholung. In: Text + Kritik, Heft 162, April, S.20-28

Claudia STOCKINGER sieht in Abschaffel nicht einen BRD-typischen Angestelltentypus, sondern eine Wiederanknüpfung an die Angestelltenromane der Weimarer Republik:

"Zum einen reproduziert »Abschaffel« die in der Angestelltenprosa der Weimarer Republik ausgeprägten Merkmale des Genres. Martin Kessels Erzählung »Das Horoskop« von 1924/25 etwa, die den Angestellten- und Berlinroman »Herrn Brechers Fiasko« (1932) vorbereitet, zeichnet bereits mit dem Bild der »ledigen, gutbezahlten Kontoristin« Therese Spieker das weibliche Pendant zu Genazinos Abschaffel. »Fräulein Spieker« ist gerade 30 Jahre alt geworden und lebt allein (...).
Zum anderen dokumentiert bereits »Abschaffel« Genazinos spezifischen Blick auf die Welt: Er initiiert eine Ästhetik der Wiederholung (...). Abschaffel führt kein eigenständiges Leben als Angestellter, sondern ein Leben in der Differenz zu anderen Angestellten." (2004, S.20)

SILL, Oliver (2004): Moderne Zeiten. Wolf Peschek als Held der achtziger Jahre. In: Text + Kritik, Heft 162, April, S.29-35

Oliver SILL geht an den Roman Fremde Kämpfe literatursoziologisch heran:

"Wilhelm Genazinos »Fremde Kämpfe« (1984) ist zweifelsohne einer der wichtigsten deutschsprachigen Romane der achtziger Jahre. Noch bevor Ulrich Beck mit seinem Individualisierungstheorem gravierende sozialstrukturelle Veränderungen der Nachkriegsgesellschaft soziologisch auf den Begriff brachte, noch bevor Pierre Bourdieu für die deutsche Leserschaft die Positionskämpfe eines neu entstehenden Kleinbürgertums in der Gesellschaft nachzeichnete und längst bevor Gerhard Schulze die Erlebnisorientierung als neues strukturbildendes Element beschrieb, veröffentlichte Genazino die Geschichte seines Protagonisten Wolf Peschek, der als exemplarische Figur unserer Gegenwartsgesellschaft verstanden werden kann."

Während Oliver SILL das BECKsche Individualisierungstheorem am 1986 erschienen Buch Risikogesellschaft festmacht, datiert die Formulierung der Individualisierungsthese jedoch bereits auf das Jahr 1983: Jenseits von Klasse und Stand? Und auch Pierre BOURDIEUs Buch Die feinen Unterschiede ist nicht erst 1987, sondern bereits 1982 in Deutschland erschienen.

BARTELS, Gerrit (2004): Kontemplation in Ewigkeit.
Der genaue Kenner der Angestelltenwelt, der Flaneur, der unerwartete Publikumserfolg, der große Preis: Der Frankfurter Schriftsteller Wilhelm Genazino erhält in diesem Jahr den Georg-Büchner-Preis,
in: TAZ v. 04.06.

BARTELS stellt GENAZINO als "Mythologen des Alltags" vor:

"Seine Figuren, kleine Angestellte, Schuhtester, aber auch arbeitslose Intellektuelle, sind meist ein wenig angeschlagen und Leid gewohnt. Das aber hält sie nicht davon ab, sich in alltäglichen Details zu ergehen, ja sich gerade in ihnen zu verlieren und am Wegesrand der großen Städte die tollsten Wahrnehmungen zu machen. Sie sind Wiedergänger von Franz Hessels oder Robert Walsers Flaneuren und Eckenstehern, sie sind unermüdlich Liebessuchende und Traumverlorene, sei das nun in den von Adenauer geprägten Fünfzigerjahren oder den vergnügungssüchtigen Neunzigerjahren. Selbst im größten Scheitern versuchen sie noch das »Grauen der Normalität« durch »Lebenskunst« zu ersetzen."

DOTZAUER, Gregor (2004): Ein Dichter, ein Werk, eine Ehrung.
Wilhelm Genazino erhält den Büchner-Preis 2004,
in: Tagesspiegel v. 04.06.

HARTWIG, Ina (2004): Ein Mann, ein Büchner.
Wilhelm Genazino wurde gekürt,
in: Frankfurter Rundschau v. 04.06.

"Mit der Abschaffel-Trilogie wurde er 1977 schlagartig bekannt. Der Angestellte und Unglücksrabe Abschaffel verfängt sich aufgrund seiner Isolierung in einer neurotischen Mimosenhaftigkeit: Nachrichten aus dem beschädigten Leben", weiß Ina HARTWIG zu berichten.

SPIEGEL, Hubert (2004): Schwebend.
Wilhelm Genazino erhält den Büchnerpreis,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 04.06.

SPIEGEL charakterisiert GENAZINOs Helden:

"Auf den ersten Blick sind Genazinos Helden rechte Jammerlappen, tagträumende Berufsverweigerer, auf ganzer Linie Gescheiterte. Aber bei genauerer Betrachtung zeigt sich ihre Größe: Es sind wahre Titanen, wenn es darum geht, die eigenen Schwäche auszuhalten. Mit dem schönen Selbstbewußtsein der Schüchternen fordern sie »grenzenloses Recht auf Unentschlossenheit«." 

WITTSTOCK, Uwe (2004): Verschrobenheit ist eine Tugend.
Wilhelm Genazino, der sich selbst einen Tagträumer nennt, bekommt den Büchnerpreis 2004,
in: Welt v. 04.06.

RADISCH, Iris (2004): Zum Fürchten gut.
Wilhelm Genazino und die Krise der Literatur,
in: Die ZEIT Nr.25 v. 09.06.

Iris RADISCH rechnet zuerst einmal mit der Popliteratur ab:

"Dass sie sich das bisschen Welt in ihren Büchern lieber aus dem Fernsehen als aus dem Leben besorgen und ihre Figuren zwar alle möglichen Nöte, aber niemals die des Broterwerbs, der Kinderaufzucht oder ähnlicher Unzumutbarkeiten zu durchleiden haben. Denn am Leben der Erwachsenen nimmt die jüngere deutsche Gegenwartsliteratur nicht teil. Dazu kann man sie im Namen des deutschen Literaturfonds nur beglückwünschen, ihren Büchern indes ist diese endlose Verlängerung der Kindheit nicht bekömmlich."

Danach stellt RADISCH den Schriftsteller Wilhelm GENAZINO als Alternative vor:

"Der neue Büchner-Preisträger Wilhelm Genazino (...) schreibt seit nahezu 40 Jahren und wurde die längste Zeit seines Lebens missverstanden. Zunächst von der Welt, den Eltern und den Frauen, wie sein jüngster und bester, autobiografisch gefärbter Roman Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman verrät. Später von der Kritik, die in den siebziger Jahren seine Romantrilogie Abschaffel allzu umstandslos als Angestelltenroman abtat und die Trostlosigkeit der sockenwaschenden Junggesellenexistenz der Hauptfigur einzig dem Konto »Literatur der Arbeitswelt« gutschrieb. Dabei verriet schon die Abschaffel-Trilogie die große Kunst des Frankfurter Autors, eine nahezu Pascalsche Verlorenheit ins Bundesrepublikanische zu übersetzen, wenn man so will: der transzendentalen Obdachlosigkeit eine Lohnsteuerkarte zu verpassen.
Das bundesdeutsche Biedermeier, das ansonsten allein in Martin Walsers Zuständigkeit zu fallen scheint, nimmt in den Augen Genazinos diabolische Züge an. Seine Helden – allesamt aus dem kleinbürgerlichen Kommunikationskonsens gefallene Sonderlinge in der Tradition des französischen Junggesellenromans – reiben sich wund an der »Gesamtmerkwürdigkeit des Lebens«, zu der sie den hippen, affirmativen Zugang zum Glück des Lesers nicht finden können.
"

OETTER, Barbara (2004): Jeder Abgrund ist komisch.
Die Peinlichkeit des Daseins. Der Büchnerpreisträger des Jahres 2004, Wilhelm Genazino, findet das Bedeutsame im Alltag,
in: Freitag Nr.44 v. 22.10.

 
       
   

Wilhelm Genazino (2004)
München: Edition Text und Kritik Heft 162

 
   
     
 

Klappentext

"Wilhelm Genazino (geb. 1943) wurde mit der Romantrilogie um den Büroangestellten Abschaffel bekannt, einer minutiösen Analyse des »Alltagsirrsinns« und des in einer durch Entfremdung gekennzeichneten Arbeitswelt vereinsamten Individuums. Abschaffels Neurosen und Idiosynkrasien kennzeichnen auch die Protagonisten der folgenden Texte, doch zersplitterte Genazinos Erzählen zunehmend in Fragmente und Prosaminiaturen. Aus den am ökonomischen Leben teilhabenden Figuren wurden Flaneure und Beobachter - Genazino konzentrierte sich auf ihre Innenwelt und ihre kritische Betrachtung der modernen Gesellschaft. Mit den Romanen der letzten Jahre erhielt das, gleichwohl reflexiv bleibende, Erzählen wieder mehr Gewicht und Genazinos Versuche, seinen Lesern »Schauplätze ihrer möglichen Individuation« zu erschließen, fanden großen Anklang.

Die Beiträge des TEXT+KRITIK-Hefts, das auch einen neuen Text von Genazino enthält, untersuchen unterschiedlichste Aspekte des Werks, von der Epiphanie des Gegenständlichen über den Zusammenhang von Erinnern und Erzählen bis hin zur Selbstreflexivität und zur Phänomenologie des Sehens."

 
     
 
       
   

Die Beiträge des Sammelbandes

GENAZINO, Wilhelm - Aus dem Tagebuch der Verborgenheit

KRAUSS, Hannes - Menschen - Dinge - Situationen. Wilhelm Genazinos "Abschaffel"-Romane

STOCKINGER, Claudia - Das Leben ein (Angestellten-)Roman. Wilhelm Genazinos Ästhetik der Wiederholung

SILL, Oliver - Moderne Zeiten. Wolf Peschek als Held der achtziger Jahre

MOSER, Samuel - Isola Insula. Aspekte der Individuation bei Wilhelm Genazino

BUCHELI, Roman - Die Begierde des Rettens. Wilhelm Genazinos Poetik des genauen Blicks

HOFMANN, Marit - "Als könnte ich meinem eigenen Blick zuschauen". Beobachtete Beobachter in Wilhelm Genazinos Romanen

JUNG, Werner - "Umhergehen und Zeitverschwenden". Skizze zu einer literarischen Phänomenologie der Wahrnehmung

HIRSCH, Anja - Zwischen Lust und Angst. Erzählen im Zeichen des Verschwindens

SPRECKELSEN, Tilman - Manche möchten lieber nicht. Gesellschaftliche Teilhabe und Initiation in den Romanen Wilhelm Genazinos

AMANN, Wilhelm - "Doppelleben". Begründung von Autorschaft in Wilhelm Genazinos "Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman"

JAKOB, Hans-Joachim - Wilhelm Genazino - Auswahlbibliografie 1965 - 2004

 
       
   

Das Licht brennt ein Loch in den Tag (1996)
Berlin: Rowohlt

 
   
     
 

Klappentext

"Ein Erzähler, durch Erinnerungslücken beunruhigt, findet einen ungewöhnlichen Ausweg, dem Verlust des Gedächtnisses zu entgehen. Er vertreilt seine Erlebnisse mündlich und in briefen an seine Freunde. Eines Tages, wenn ihm Details der eigenen Biographie entfallen sind, sollen ihm die Freunde seine Erinnerungen angereichert «zurückerzählen»."

 
     
 
       
   

Rezensionen

SCHIMMANG, Jochen (1996): Starke Verlegenheit,
in: Das Sonntagsblatt v. 04.10.

BAUMGART, Reinhard (1996): Lustwandeln im Unendlichen,
in: Die ZEIT v. 08.11.

KÖHLER, Andrea (1996): Reisender Schnee oder Realismus ohne Resignation,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 30.11.

 
       
   

Abschaffel (2002)
Roman-Trilogie
(Original: Abschaffel, Die Vernichtung der Sorgen, Falsche Jahre)

Deutscher Taschenbuchverlag

 
   
     
 

Pressestimmen

"Liest man heute diese Trilogie, beschleicht einen ein seltsames Gefühl: Vielleicht ist nirgendwo sonst die Realität der alten Bundesrepublik, dieses reichen, armseligen Landes so genau beschrieben worden wie hier. Womöglich ist es sogar Absicht gewesen, dass »Abschaffel« von außen aussah wie eine soziologische Feldstudie. Die Verwechselbarkeit der Angestellten-Existenz scheint in sich einen Abgrund zu bergen. Aber es ist gar nicht so genau zu benennen, worin der eigentlich besteht. Gegen Ende kommt es zu einem Genrebild, das alles zusammenbringt, was Ironie oder Subversion, Traum oder Fantasy genannt werden kann, etwas leicht Verrücktes also, wofür es halt nur die Literatur gibt: »Eine ganz junge Verkäuferin saß verträumt auf dem Rand einer großen Tiefkühltruhe und schnippte mit einer Handetikettiermaschine auf Dutzende von Milchtüten je ein Preisschildchen auf. So ähnlich mussten vor hundert Jahren junge Mädchen auf Brunneneinfassungen gesessen und Sommerkränze gewunden haben.«"
(Helmut Böttiger im Tagesspiegel vom 27.04.2003)

 
     
 
       
   

Rezensionen

BÖTTIGER, Helmut (2003): Über dem Abgrund der Angestellten,
in: Tagesspiegel v. 27.04.

BÖTTIGER, der die Laudatio auf den Fontane-Preisträger Wilhem GENAZINO gehalten hat, würdigt hier die Abschaffel-Trilogie (1977-1979), die nun neu aufgelegt wurde. Das Thema des Monats Mai ist Singles und ihren Ängsten gewidmet. U. a. werden am Beispiel des allein lebenden Angestellten Abschaffel soziale Ängste und ihre Folgen dargestellt. Es geht dabei um Singles, die sich durch Ängste in ihrem Lebensentwurf und ihrer Lebensführung eingeschränkt fühlen. GENAZINO ist einer der wenigen Schriftsteller, der Menschen jenseits der Alten bzw. Neuen Mitte beschreibt. Was passiert, wenn die jugendlichen Träume vom Leben als Popstar oder Popjournalist nicht in Erfüllung gehen? Wenn der Schulabschluss nicht die Tür für eine Spaßarbeit öffnet, sondern unterfordert? GENAZINOs Figuren sind angesiedelt an der Bruchstelle zwischen der alten Mangel- und der neuen Konsumgesellschaft. Das Elternhaus ist keine Hilfe beim Bewältigen des Alltags in der neuen Republik, ganz im Gegenteil hindert die Ausstattung mit Ängsten die Anpassung an die neuen Bedingungen. Abschaffel bleibt aufgrund seiner Ängste hinter seinen Möglichkeiten zurück. Der Zusammenbruch der New Economy, die Arbeitsmarktreformen und  die Sozialreformen werden für viele Singles Anpassung an neue Bedingungen bedeuten. GENAZINOs Abschaffel-Trilogie ist deshalb aktueller denn je. Der neue Roman von GENAZINO Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman nimmt das Abschaffel-Thema wieder auf. Diesmal ist der jugendliche Protagonist jedoch noch kein ausgesprochener Pessimist wie Abschaffel, sondern er befindet sich an der Schwelle der Entscheidung.

WINKLER, Willi (2003): Wir Angestellten.
Geistig obdachlos, fremdbestimmt, bald wegrationalisiert - ein zeitgemäßes Sittenbild,
in: Süddeutsche Zeitung v. 12.07.

Single-generation.de hat im Mai anhand der Romanfigur Abschaffel von Wilhelm GENAZINO Singles und ihre Ängste behandelt, nun greift Willi WINKLER das Thema auf, legt jedoch den Schwerpunkt nicht auf das Single-Sein, sondern auf das Angestellten-Dasein:

"Wilhelm Genazinos Held, der Angestellte Abschaffel, hat keinen Vornamen und diesen lächerlichen Zunamen, der sein weiteres Schicksal ankündigt. Er wird abgebaut werden, irgendwann wird er wegrationalisiert, ausgesteuert, eingespart, gefeuert, vom Stellenplan genommen, sozialverträglich entsorgt, ein – und tschüß! – Arbeitsloser mehr. Dreißig ist Abschaffel, dann 31, lebt allein, arbeitet seit zwölf, dreizehn Jahren in einer Spedition, überprüft Frachtbriefe, schäkert mit den Kolleginnen, rivalisiert ein bisschen mit den Kollegen und beschäftigt sich, um nicht ganz an der Welt, also an sich zu verzweifeln, mit der Beobachtung von allem. In seiner Freizeit wenigstens will er den Bohemien zelebrieren, aber er bleibt, was er ist: »Angestellter und Alleinwohner«.
Der Single war 1977 noch nicht erfunden, doch lebt ihn Abschaffel bereits mustergültig vor: hektisches Einkaufen nach Feierabend, bescheidene Vergnügungsgelüste über den Rand des eigenen Körpers hinaus, häufig wechselnde, flüchtige Geschlechtskontakte, ein berufstypisch eher voyeuristisches als tätiges Dasein, also eine unendlich sinnlose Existenz."

 
   

Das Buch in der Debatte

Neu:
Journal Frankfurt-Titelgeschichte: Die wilden 70er
Frankfurt auf dem Retro-Trip

SCHOPF, Wolfgang  (2011): Die wilden 70er.
Ganz Frankfurt liest ein Buch. Wilhelm Genazinos Abschaffel. Ein Angestelltenleben in den Siebzigern. Ein einziger Retro-Trip,
in: Journal Frankfurt, Mai

 
       
   

Falsche Jahre (1979)
Berlin: Rowohlt (vergriffen)

 
   
     
 

Klappentext

"In diesem abschließenden Band der «Abschaffel»-Trilogie erleben wir die Hauptfigur im Umkreis einer Klinik auf dem Land, wo Abschaffel auf Grund einer psychosomatischen Störung eine Kur verbringt. Die Patientenrolle verschafft ihm die Möglichkeit, zum erstenmal aus den Verschleißzusammenhängen seines Ichs und seiner beruflichen Umwelt auszusteigen. Für Angepaßte wie Abschaffel, deren überstrenges Gewissen jeglichen ungeordneten Ausbruch unterbindet, erweist sich der Klinikaufenthalt als einmaliges Angebot für einen befristeten Rückzug. Erst die Bedrohung durch eine Krankheit gestattet ihm, sich seiner selbst innezuwerden; im Gespräch mit dem Therapeuten leistet Abschaffel erstmals Ansätze zu einer Auseinandersetzung mit sich und seiner Herkunft, die das eingespielte Niveau bloßen Klagens und Räsonierens verläßt. Er lernt an sich selbst das innere Tricktheater kennen, mit dem sich das Subjekt gewöhnlich um unangenehme Einblicke herumbringt. Abschaffel ist nicht schwer erkrankt; die Störung ist in seinem Fall eher ein Signal, sich des ungünstigen Zusammenwirkens seiner depressiven biographischen Disposition und der ihn einmauernden Berufsöde bewußt zu werden."

 
     
 
       
   

Rezensionen

REINHARDT, Stephan (1979): Keine Zeit für die Erziehung der Gefühle?
in: Frankfurter Rundschau v. 10.10.

GREINER, Ulrich (1980): Klebrig und trübe,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 09.02.

 
       
   

Die Vernichtung der Sorgen (1978)
Reinbek: Rowohlt (vergriffen)

 
   
     
 

Klappentext

"Der Roman «Die Vernichtung der Sorgen» nimmt die Figur des isolierten Angestellten Abschaffel wieder auf: Abschaffel kann die Beziehung zu seiner Freundin Margot nicht halten; beherrscht von einem Gefühl des Versagens und der Nutzlosigkeit erwartet er ratlos den Verlust von Margot. Tatsächlich wird er bald von ihr verlassen, ein Vorgang, dessen Auswirkungen er unterschätzt hatte. Durch diese erneute Vereinsamung, die für ihn eine Desorientierung ist, sieht er sich wieder stark auf seine Arbeitswelt zurückgeworfen. Das Büro repräsentiert fast vollständig seine Außenrealität. In dieser Lage versucht er die Realisierung eines Planes, der in Wirklichkeit nur ein romantischer Traum ist. Er will sich endgültig von Arbeit und Büro befreien: an einem Wochenende versucht er als Zuhälter einer Prostitutierten ein anderes Leben zu finden. Abschaffel will Nutznießer eines Versorgungsverhältnisses werden. Die Versuche scheitern. Er landet erneut, aussichtsloser denn je, im Büro. Eine psychosomatische Erkrankung überfällt ihn und macht ihn vorübergehend arbeitsunfähig. Am Ende des Romans wartet Abschaffel auf den Beginn einer mehrwöchigen Behandlung in einer psychosomatischen Klinik."

 
     
 
       
   

Rezensionen

ZELGER-VOGT, Marianne (1978): Selbstentfremdung in Fortsetzungen,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 16.06.

HAGE, Volker (1978): Der Schmerz im Rückgrat,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 29.07.

BAIER, Lothar (1978): Mauern im Körper,
in: Süddeutsche Zeitung v. 23.09.

 
       
   

Abschaffel (1977)
Reinbek: Rowohlt (vergriffen)

 
   
     
 

Klappentext

"Der Roman beschreibt das Leben des vereinsamten Angestellten Abschaffel in einer Metropole der verwalteten Welt. Die äußere Ereignisöde dieses Lebens hebt er auf durch eine innere Phantasietätigkeit, die er nicht immer unter Kontrolle halten kann. Mit privater Trauer, der die Herkunft aus dem Widerstand kaum noch anzumerken ist, schlägt Abschaffel die Zerstreuungsangebote der Freizeitindustrie aus; ein ganzer Katalog häuslicher Empfindlichkeiten tritt an die Stelle des nicht stattfindenden Lebens, dessen Mikro-Abenteuer aus Angst vor Mißdeutung vor anderen Personen geheimgehalten werden muß. Typisch für Abschaffel ist, daß er im «Dialog mit sich selbst» eingesperrt ist, Tagträumen lebt; Wünsche bleiben in Vorsätzen stecken. Geängstigt oder in Wut gebracht von Projektionen und Spiegelungen geht er durch die Stadt, befangen in Selbstbeobachtungen, in «Wunschwünschen», wie es einmal heißt. Belanglose Wahrnehmungen erregen ihn bis zur Besessenheit, zum Ekel. Abschaffel lebt von der inneren Dramatisierung seiner selbst, die immerhin eine Menge Phantasien und Stimmungen für den Hausgebrauch abwirft. Auf diese Weise kommt eine Spaltung in eine öffentliche Arbeitsperson und in eine private Geheimperson zustande, eine Spaltung, die jeder Angestellte bewußt oder unbewußt jeden Tag zu leben hat."

 
     
 
       
   

Rezensionen

SCHMIDT, Jochen (1977): Phänotyp des Augenblicks,
in: Frankfurter Rundschau v. 21.05.

BAIER, Lothar (1977): Die Angestelltenwelt im Kopf,
in: Süddeutsche Zeitung v. 23.07.

HAGE, Volker (1977): Das Summe des Kühlschranks und die Leere des Lebens,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 22.11.

 
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 13. Dezember 2000
Update: 24. August 2015