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Medienrundschau:

News zum Single-Dasein

 
       
   
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Medienberichte über single-generation.de
 
 
 
   

News vom 01. - 03. März 2018: [01.03.] [02.03.] [03.03.]

 
 
     
 
   

Zitat des Monats:

Die Subventionierung der Reproduktionsmedizin als effektivstes staatliches Mittel zur Steigerung der Geburtenrate 

"19.000 Kinder kamen 2003, also vor den Einschnitten bei der Unterstützung der künstlichen Befruchtung mithilfe der Reproduktionsmedizin zur Welt. 2004 waren es noch 10.000. Seitdem wurden nach vorsichtigen Schätzungen in Deutschland rund 50.000 Kinder weniger geboren, als es ohne die Kürzung der Unterstützung der Fall gewesen wäre. (...).
Es gibt keine staatliche Leistung, bei der der Zusammenhang mit der Steigerung der Geburtenrate so evident ist wie bei der Unterstützung reproduktionsmedizinischer Behandlungen. (...).
Die künftige Bundsregierung, so sie denn zustande kommt, sieht das zu meiner Freude genauso. Dem druckfrischen Koalitionsvertrag kann man entnehmen, dass sie das Programm zur finanziellen Unterstützung von Kinderwunschpaaren, das ich 2012 ins Leben gerufen habe und das Paaren wenigstens die Hälfte der Kosten abnimmt, bundesweit ausdehnen will."

(Kristina Schröder "Kinder für die Kinderlosen", Welt v. 08.02.2018)

 
       
       
   

03.03.2018

 
       
   

Pick-up-Artists in der Debatte

MISCHKO, Till (2018): Echte Männer braucht das Land.
Pick-Up-Artists wollen Frauen aufreißen - und Europa vor der Machtübernahme durch "Feminazis" und Muslime bewahren,
in:
Neues Deutschland v. 03.03.

Statt Menschen ohne Beziehungserfahrung als ernsthaftes gesellschaftliches Problem zu betrachten, wird in kulturlinken Zeitungen die Partnerlosigkeit von Männern nur als antifeministischer Maskulinismus gebrandmarkt. Die Pick-Up-Szene wird damit zur typischen Problemlösung partnerloser Männer stilisiert, obwohl sie lediglich eine unter vielen möglichen Formen des Umgangs mit dem Problem darstellt.

Das mag identitätspolitisch die antifaschistische In-Group stabilisieren, trägt aber dazu bei, dass männliche Partnerlosigkeit gesellschaftlich nur als Gefahr, nicht aber als Symptom für tiefer liegende Ursachen der neoliberalen Klassengesellschaft begriffen wird.

Der Artikel weidet sich in der ersten Hälfte an der Sprache in Pick-Up-Foren, die in der neuen Mitte und ihrer medialen Hegemonialkultur (Andreas RECKWITZ spricht von Hyperkultur) als minderwertig bzw. unakzeptabel gilt. Den medialen Durchbruch der Szene datiert MISCHKO auf das Jahr 2006, in dem der Bestseller The Game von Neill STRAUSS erschien.

Die zweite Hälfte des Artikels gibt einen Artikel der Schweizer WochenZeitung vom November letzten Jahres wieder, in dem Franziska SCHUTZBACH & Michelle LANWER Verbindungen zwischen der Pick-Up-Szene und der Neuen Rechte aufzeigen.

Die kulturlinke Perspektive krankt daran, dass sie nicht gewillt ist, Alternativen zur Pick-Up-Szene zu bieten. Der Versuch der Ausgrenzung und Diffamierung männlicher Partnerlosigkeit ist mitverantwortlich dafür, dass dieses Problem der neuen Rechte überlassen wird. Dies führt auch dazu, dass das Problem neuerdings als Geschäftsfeld ökonomisiert wird.

Alternativen zur Pick-Up-Szene bieten dagegen die Absolute Beginner-Foren und Bücher wie Maja ROEDENBECKs Und wer küsst mich? aus dem Jahr 2012. Die wissenschaftliche Forschung zum Thema verspäteter Partnerschaftserfahrung in unserer Gesellschaft steckt in den Anfängen. Die Soziologie z.B. interessiert sich erst seit kurzem für das Thema. Da diese Forschung jedoch in erster Linie bevölkerungs- und familienpolitisch orientiert ist, bleiben Alltagsaspekte und Probleme der Betroffenen unterbelichtet. In der Psychologie wiederum dominieren soziobiologische Erklärungen, bei denen die gesellschaftlichen Ursachen lediglich am Rande behandelt werden. Es fehlt ein eigenes Forschungsfeld zur verspäteten Partnerschaftserfahrung in der modernen Gesellschaft. Kulturlinke, feministische und maskulistische Perspektiven verstellen den vorurteilsfreien Blick und sind wenig hilfreich.     

 
       
   

Schwangerschaft und Geburt in der Debatte

ACHTELIK, Kirsten (2018): Ob Kinder oder keine...
Mit dem Erstarken national-religiöser Kräfte wird vielerorts in Europa das Abtreibungsrecht neu verhandelt,
in:
Neues Deutschland v. 03.03.

Kirsten ACHTELIK ist eine der Autorinnen des Buchs Kulturkampf und Gewissen, in dem es um die Lebensschutz-Bewegung geht. Der Artikel dreht sich um einen erfolgreichen Widerstand gegen diese Bewegung. 

 
       
   

Kinderlose in der Debatte

CLAUß, Anna (2018): Kreiselnde Angst.
Familie: Viele Paare, die ungewollt ohne Kinder bleiben, sind verzweifelt. Das macht sie anfällig für wunderliche Angebote,
in:
Spiegel Nr.10 v. 03.03.

Die letztjährige Kinderwunsch-Titelgeschichte von Anna CLAUß floppte. Weil die zweite Kinderwunschmesse in Berlin bereits zum deutschen Alltag gehört und deshalb für die Alpha-Medien nicht mehr das nötige Erregungspotenzial bietet, muss nun eine neue Sau gefunden werden, die man durchs Dorf treiben kann:

"Ende März wollen rund 50 selbst ernannte »Heilarbeiterinnen«, »Lebensfreudecoaches« oder »Soulsresponding«- Experten versuchen, ihre Angebote auf einem »Kinderwunsch-Kongress« an Mann und Frau zu bringen. Der Kongress findet online statt, in Interviews und Videokonferenzen soll es zwei Wochen lang um alles gehen, was angeblich helfen kann".

Merkwürdigerweise zitiert nun CLAUß einen Reproduktionsmediziner als Experten, als ob dieser kein eigenes Interesse hätte. Der Mediziner bietet selber "alternative Heilverfahren" an, nur weil sie nachgefragt werden, aber aus seiner Sicht wirkungslos seien!

"Er selbst bietet in seiner Praxis Akupunktur an, weil es seine Patientinnen immer wieder nachgefragt hätten - und es zwar nichts bringe, aber »zumindest auch nicht schadet«."

Der Artikel zeigt jedoch insbesondere, dass sich Experten unterschiedlicher Fachdisziplinen über die Wirksamkeit bzw. Unwirksamkeit verschiedener Methoden uneinig sind. Zum Schluss verbreitet CLAUß noch Fake-News:

"Wegen der langen Bildungswege hierzulande sind Frauen häufig erst mit 40 bereit für Kinder."

Von häufig, kann keinerlei Rede sein. Die Ausnahme sind lediglich Akademikerinnen - meist in typischen Männerberufen - und Wissenschaftlerinnen, die noch mit über 40 Jahren erste Kinder bekommen. Statt bevölkerungspolitischer Demagogie wäre Aufklärung angebracht!

 
       
   

Die Lebensversicherer als Akteur der Altersvorsorge: Von vollmundigen Versprechungen zur Entledigung der Altlasten

FROMME, Herbert & Friederike KRIEGER (2018): Generali macht Ernst.
Der italienische Konzern will einen seiner Lebensversicherer loswerden. Die Verträge Millionen deutscher Kunden könnten bald anderswo verwaltet werden. Die Politik ist alarmiert,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 03.03.

 
       
   

Heinz Bude - Soziologie der Berliner Republik

WAGNER, Gerald (2018): Gut leben vom Dagegensein.
Heinz Bude blickt auf das Jahr der Revolte zurück,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 03.03.

 
       
   

Das Single-Dasein in Italien

MEILER, Oliver (2018): Das große Brüllen.
Italien wankt vor der Parlamentswahl zwischen politischen Extremen. Vor allem die populistische Fünf-Sterne-Bewegung hat den Charakter des Landes verändert und die Europa-Skepsis verstärkt. Trotzdem wirkt das Ausland erstaunlich gelassen,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 03.03.

PILLER, Tobias (2018): Italiens Reise ins Ungewisse.
Die Lounge: Ein Hort von Stabilität war das Land noch nie. Doch vor der aktuellen Wahl ist das Chaos größer denn je. Die italienische Wirtschaft fragt sich: Geht das gut?
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 03.03.

 
       
   

02.03.2018

 
       
   

Bert Rürup in der Debatte

RÜRUP, Bert (2018): Politik in Zeiten alternder Wähler.
Leidartikel: Rentenreformen halten allenfalls zwei Legislaturperioden,
in:
Handelsblatt v. 02.03.

Bert RÜRUP verteidigt die Rentenpolitik gegen kleinbürgerliche Ökonomen wie Hans-Werner SINN:

"Ökonomen sind Experten für Effizienzfragen. Geht es um Verteilungsfragen, haben viele von ihnen zwar eine dezidierte Meinung, die nicht auf Analyse und Forschung basiert, sondern auf ideologiegeleiteten Werturteilen. Fast alle Politikfelder lassen sich auf Verteilungsfragen reduzieren: Wer zahlt wie hohe Steuern oder Abgaben, wofür gibt der Staat Geld aus? Die politischen Antworten auf solche Verteilungsfragen hängen vom ökonomischen und demografischen Umfeld ab und basieren auf Gerechtigkeitsvorstellungen. Ändern sich diese Bedingungen (...), können auch die politischen Antworten nicht die gleichen sein",

meint RÜRUP. Das Problem ist jedoch, dass weder das ökonomische, noch das demografische Umfeld auf längere Zeit prognostiziert werden kann, obwohl das gerne von Ökonomen behauptet wird. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt dies - auch andere Weise als dies von RÜRUP gemeint ist.

"Norbert Blüm war der erste Sozialminister, der sich Ende der 1980er Jahre den Problemen der Rentenversicherung infolge der Bevölkerungsalterung stellte.
Laut damaligen Prognosen hätte sich der Beitragssatz bis zum Jahr 2030 auf 36 bis 41 Prozent mehr als verdoppelt. Um den Anstieg auf 27 Prozent zu begrenzen, beschloss eine informelle Koalition aus Union, FDP und SPD am Vormittag des 9. Novembers 1989 das Rentenreformgesetz 1992",

erzählt uns RÜRUP. Tatsächlich gab es Anfang des Jahrtausends laute Aufschreie der Neoliberalen, weil der Beitragssatz auf 22 Prozent bis 2030 begrenzt werden soll. Derzeit liegt er bei 18,6 Prozent, d.h. weit unter dem befürchteten Anstieg, der seit den 1990er Jahren zu hysterischen Debatten geführt hatte. Entscheidender ist jedoch ein anderer Aspekt:

"Die (...) Leistungsrücknahmen wurden kaschiert, indem zuvor die Erwerbsbiografie des Standardrentners von 40 auf 45 Jahre verlängert und so das ausgewiesene Rentenniveau um gut sechs Prozentpunkte angehoben wurde."

Eine Wiederholung dieser Praxis wird seit Jahren von Neoliberalen von Bundesbank bis Axel BÖRSCH-SUPAN gefordert. Die Erwerbsbiografie des Standardrentners soll von 45 auf 47 Jahre verlängert werden, um die weitere Absenkung des Rentenniveaus zu verschleiern. Dieses Spielchen wird in Zukunft öfters gespielt werden.

RÜRUP geht davon aus, dass die Leistungsausweitungen seit 2014 schnell wieder dem "Diktat leerer Kassen geopfert werden" können, denn:

"In einer Demokratie besteht Rentenpolitik durchweg im Nachsteuern entsprechend geänderter Rahmenbedingungen und Gerechtigkeitsvorstellungen. Das ist allemal besser, als die Rentenpolitik einem wohlwollenden Diktator zu überlassen, und sei dieser ein noch so kluger Ökonom."

Diese Sicht verschleiert jedoch ebenfalls, denn sie lässt die Interessenpolitik außer Acht. Welche politische Entscheidungen Rahmenbedingungen und Gerechtigkeitsvorstellungen erfordern, das ist keine Frage objektiver Fakten, sondern eine Frage politischer Machtverhältnisse. Das Altern der Wähler ist dabei kein entscheidender Faktor. Im Aufsatz Ungleichheit, Sozialstaat und demokratische Repräsentation. Marktkorrigierende Politik durch den Medianwähler? stellt Ursula DALLINGER in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift für Sozialreform die gängigen Vorstellungen Neoliberaler in Frage. Der Medianwähler wird auch von RÜRUP als Indikator für eine Reaktion der Politik verantwortlich gemacht. Das steigende Alter des Medianwählers ist in dieser Sicht verantwortlich, dass verstärkte Umverteilung zugunsten der Rentner betrieben wird. Diese Sicht wird jedoch infrage gestellt:

"Wie responsiv Regierungen tatsächlich gegenüber Forderungen der Bürger/-innen, insbesondere gegenüber den Interessen weniger wohlhabender Haushalte sind, wird zunehmend skeptisch betrachtet (Achen/Bartels 2016), denn schließlich kann man Veto-Spieler und organisierte Interessengruppen für wichtiger halten. Der demokratietheoretische Optimismus der Einstellungsforschung ist evt. zu weitreichend und der Einfluss des theoretisch mächtigen Medianwählers auf Umverteilungspolitik nicht gegeben. Der Beitrag fragt daher, inwieweit der Umfang an Umverteilung, den die Sozial- und Steuerpolitik verschiedener Länder erzielt, sich mit der politischen Nachfrage des Mittelschicht- bzw. Medianwählers erklären lässt" (2017, S.485),

formuliert DALLINGER die Einwände gegen das Konzept des Medianwählers und die Leitfrage ihrer empirischen Untersuchung. Aufgrund ihrer international vergleichenden Studie kommt DALLINGER zum Schluss:

"Der geringe Einfluss des Medianwählers dürfte auch das Resultat dessen sein, dass diese Gruppe weder politisch noch sozial so homogen ist, wie der Begriff suggeriert, denn die Mittelschicht und mehr noch das Medianwählerkonstrukt umfassen breite Gruppen mit heterogenen politischen Präferenzen. (...). Es ist ein Irrtum anzunehmen, dass der Medianwähler einheitliche Forderungen stelle." (2017, S.508)

Leider gibt es in Deutschland nur eine rudimentäre empirische Forschung zum Thema. Vorurteile ersetzen auch in der Forschung die Empirie. Schließlich repräsentieren die Leitartikel in Mainstreamzeitungen nicht die Bevölkerungsinteressen, sondern spiegeln lediglich die politisch-medialen Machtverhältnisse wieder.       

 
       
   

Andreas Reckwitz - Die Gesellschaft der Singularitäten

PILZ, Dirk (2018): Riskant, schwierig, notwendig.
Andreas Reckwitz! "Die Gesellschaft der Singularitäten" wird zu Recht intensiv diskutiert,
in:
Frankfurter Rundschau v. 02.03.

Dirk PILZ rezensiert nicht das Buch Die Gesellschaft der Singularitäten von Andreas RECKWITZ, sondern geht auf die sozialwissenschaftliche Diskussion ein, die auf dem Internetportal Soziopolis geführt wird. Dort diskutieren Wolfgang KNÖBL ("Eine neue Moderne?"), Cornelia KOPPETSCH ("Eine kultursoziologische Kartierung der Gegenwart – doch stimmt sie auch?"), Berthold VOGEL ("Mehr Nostalgie wagen!?"), Felix TRAUTMANN ("Die demokratische Gesellschaft ist keine Gesellschaft von Singularitäten"), Martin SAAR ("Affekt und Singularität"), Dirk HOHNSTRÄTER ("Kultur, Konsum und die Gesellschaft der Singularitäten") und Hartmut ROSA ("Dynamische Stabilisierung oder metrische Singularisierung?")

Das Buch von Andreas RECKWITZ ist in erster Linie eine öde Zusammenfassung popsoziologischer Deutungen, die der neuen Mitte schmeicheln, und Stoff für Partygespräche unter Akademikern liefert. Oder wie es die Soziologin Cornelia KOPPETSCH vornehmer im akademischen Sprachcode formuliert:

"Die Stärken dieser Kartographie bestehen in einer großartigen Verdichtungsleistung. Nicht alle der zu Tage geförderten Einsichten sind neu, doch neu ist, dass ganz disparate Aspekte der Gegenwartsgesellschaft in ein gemeinsames Bild gebannt werden: Kulturökonomien, Fundamentalismus, identity politics, zunehmende Klassenspaltungen in der Mittelschicht, Rechtspopulismus, Terror, Amok, Digitalisierung und Hyperkultur finden sich in höchster begrifflicher Klarheit durch eine übergreifende Erzählung verklammert."

Danach fragt KOPPETSCH jedoch inwiefern die für die akademische neue Mitte schmeichelhafte Erzählung überhaupt zutreffend ist oder ob die Funktionsweise unserer Klassengesellschaft lediglich verschleiert wird.

"Wenn Reckwitz die »Sichtbarkeitsordnungen« im Singularisierungsregime derart stark betont, so unterschlägt er damit, dass gesellschaftliche Strukturen und Akteure ihre Bedeutung im Normalfall gerade nicht ihrer Sichtbarkeit, sondern ihrer Unsichtbarkeit verdanken. Eine Gegenthese würde also lauten: Die Spätmoderne basiert auf der strukturellen Invisibilisierung relevanter Macht- und Funktionsprinzipien. Die Produktion von Singularitäten bildet demgegenüber nur die angeleuchtete Vorderbühne kulturkapitalistischer Aufmerksamkeitsökonomien, während die Gestaltung der Spielregeln (die Herstellung des Allgemeinen) in der Regel hinter den Kulissen stattfindet."

Oder kurz gesagt: Die mediale Selbstdarstellung der neuen Mitte und die Funktionsweise der Klassengesellschaft trennen Welten. Zu Recht wendet KOPPETSCH ein:

"Oberschichten und Eliten, deren Lebensweise Reckwitz fälschlicherweise unter das Lebensführungs-Muster der kulturkosmopolitischen Mittelklasse subsumiert, (sind) an der Erzeugung singularisierter Lebensstile kaum interessiert (...). Warum sonst sollen hohe Hecken die Villen der Eliten vor neugierigen Blicken schützen?"

Zudem kritisiert KOPPETSCH, dass RECKWITZ auch dem Rest der Gesellschaft eine Orientierung an den Maßstäben der neuen Mitte zuschreibt:

"Wie selbstverständlich scheint Reckwitz davon auszugehen, dass sich die untere (Mittel-)Klasse die Bewertungsmaßstäbe der akademischen Mittelklasse zu eigen macht, was sich in negativen Selbstbewertungen niederschlagen würde (S. 283f). Eine Auseinandersetzung mit den Relevanzstrukturen und kulturellen Selbstbildern auch der nicht-akademischen Mittelschicht würde sicherlich zu anderen Ergebnissen kommen und ein weitaus dynamischeres Bild symbolischer Auseinandersetzungen in der Spätmoderne liefern."

Dass die Abwertung durch die neue Mitte das Selbstbild des Rests der Gesellschaft bestimmt, diese Sichtweise ist eher der Arroganz dieses Milieus zuzuschreiben, das sich

elbstbewusstsein jenseits der neuen Mitte nicht vorstellen kann. Berthold VOGEL kann an den Thesen zur Arbeitswelt nichts Originelles finden:

"Dem Thema Arbeit und Beschäftigung widmet Reckwitz erfreulicher Weise viel Raum, doch hätte der Leser gerne etwas Neues gehört. Stattdessen nimmt man mit einem gewissen Überdruss zur Kenntnis, wie ein weiteres Mal die Arbeitswelt als ein Ort sich epidemisch ausbreitender Hyperindividualisierung beschrieben wird. Kein Arbeitnehmer mehr, nirgends. Nur noch kulturalisierte Einzelkämpfer, die ihre singularisierte Marke zu Markte tragen und zuvorderst an sich selbst zu denken haben. Diese Debatte, die vom »unternehmerischen Selbst« über den »Arbeitskraftunternehmer«, das »Kreativsubjekt« bis hin zum projektgebeutelten »Netzwerker« reicht, berauscht sich an Konzepten und Terminologien, ist aber doch hartnäckig empirieresistent. Von der unmittelbaren Erfahrung in der Feldforschung lassen sich die Diskussionen um den neuen Geist des neoliberalen Kapitalismus kaum beeindrucken."

Es zeigt sich, dass die neue Mitte lediglich ein kleines, elitäres Segment der Arbeitswelt beschreibt, während ein Großteil der Arbeitswelt einfach für nichtig erklärt wird. Das mag für Bücher wie Wir nennen es Arbeit genügen, die Identitätspolitik für die neue Mitte geleistet haben, aber nicht für eine soziologische Analyse.

Alles in allem ist die Debatte zum Buch aufschlussreicher als das Buch selber, das man als eine politische Strategie der neuen Mitte lesen kann, die Teil der sozialen Schließungsprozesse unserer neuen Klassengesellschaft ist.

 
       
   

Der ländliche Raum und Mittelstädte im demografischen Wandel

GÖRES, Joachim (2018): Weg mit den Werbelogos.
Wie Celle um seine Fachwerkfassaden ringt,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 02.03.

 
       
   

Die säkulare Stagnation in der Debatte

BRAUNBERGER, Gerald (2018): Die Alten drücken die Inflation,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 02.03.

 
       
   

Der Immobilienmarkt in Deutschland in der Debatte

GERTH, Martin/KAMP, Matthias/TUTT, Cordula (2018): Wut und Boden.
Baulandspekulation: Falsche Politik hat Bauland teuer und Spekulanten reich gemacht. Jetzt drohen staatliche Zwangsmaßnahmen. Warum die mehr schaden als nutzen - und was passieren muss, um die preistreibende Knappheit zu beenden,
in:
WirtschaftsWoche Nr.10 v. 02.03.

 
       
   

Das Single-Dasein in Italien

PRANGE, Sven (2018: Überschätzt, aber sexy.
Italien: Der überraschende Boom in der drittgrößten Euro-Volkswirtschaft ist auf Sand gebaut. Denn es droht eine politische Hängepartie,
in:
WirtschaftsWoche Nr.10 v. 02.03.

 
       
   

01.03.2018

 
       
   

Die Ruhrgebietsstädte in der Debatte

BURGER, Reiner (2018): An den Grenzen der Integrationsfähigkeit.
Im Essener Norden sind die Probleme schon lange bekannt. Ein Sozialdemokrat spricht das offen an. Doch in seiner Partei wollen das nur wenige hören,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 01.03.

Reiner BURGER liefert anlässlich der Debatte um die Essener Tafel keinen Bericht über die Situation im Essener Stadtteil Altenessen, sondern verbreitet lediglich die Meinung des SPD-Kommunalpolitikers Karlheinz ENDRUSCHAT, der meint mit AfD-Slogans der SPD Wählerstimmen zurückzubringen.

"Endruschat könnte das Rollenmodell des neuen sozialdemokratischen Kümmerers sein. Erst durch ihre vielen Kümmerer konnte die SPD einst zur politischen Hegemonialmacht im Ruhrgebiet aufsteigen",

meint BURGER. Ob nostalgische Rückwärtswendung hilfreich ist, das wird nicht diskutiert.

"Noch bis vor wenigen Jahren holte sie im Ruhrgebiet Traumergebnisse von 60, manchmal gar 70 Prozent. Im vergangen Jahr, zuerst bei der Landtagswahl im Mai, dann bei der Bundestagswahl im September, stürzte die SPD dramatisch ab.
Die nordrheinwestfälische AfD wiederum erzielte just in der roten Hochburg ihre besten Ergebnisse. Besonders gut schnitt sie mit Werten zwischen 16 und 22 Prozent im September im Essener Norden ab",

berichtet BURGER, nur um die Behauptung von ENDRUSCHAT ins rechte Licht setzen zu können, der die AfD im Essener Norden bei "mehr als 50 Prozent" sieht.

Gemäß den endgültigen Ergebnissen bei der Bundestagswahl 2017 erhielt die AfD in Altenessen-Nord, dem Wahlkreis von ENDRUSCHAT 16,7 % bei einer Wahlbeteiligung von nur 66,5 %. Dies bedeutet, dass die zweitgrößte "Partei" hinter der SPD (35 %) jene der Nichtwähler war (33,5 %). Den höchsten Zweitstimmenanteil erhielt die AfD in den SPD-Hochburgen Vogelheim (22,4 %; Wahlbeteiligung: 60,9 %), dicht gefolgt vom Geburtsort von ENDRUSCHAT: Karnap (21,1 %; Wahlbeteiligung: 67,3 %). Die AfD profitiert in der Regel in erster Linie von einer niedrigen Wahlbeteiligung. Wer wie ENDRUSCHAT nur auf die AfD-Wähler schielt, der wird den Niedergang der SPD nicht aufhalten können. 

 
       
   

Die politische Kultur in der Debatte

KALBE, Uwe (2018): Kein Grund für Jubelberichte.
Die Linke im Bundestag hat ihren Ostbeauftragten schon - Matthias Höhn sieht in politischer Ignoranz ein wachsendes Demokratieproblem,
in:
Neues Deutschland v. 01.03.

 
       
   

Die Linke und die soziale Frage in der Debatte

PUSCHNER, Sebastian (2018): Sahras Plan.
Demokratie: Wie Deutschlands linkspopuläre Leerstelle zu füllen wäre, zeigt der Politologe Andreas Nölke,
in:
Freitag Nr.9 v. 01.03.

Sebastian PUSCHNER stellt das Buch Linkspopulär des Politikwissenschaftler Andreas NÖLKE vor, der für eine neue linke Kraft plädiert, die die "links-kommunitaristische" Leerstelle im Parteiensystem besetzen soll. Damit soll der "rechts-kommunitaristischen" AfD das Wasser abgegraben werden. Diese neue linke Kraft versteht sich als Sozialstaatspartei, im Gegensatz zur neoliberalen AfD.

"Dass die meisten Medien dieses Vorhaben bisher nur unter dem Gesichtspunkt einer möglichen Spaltung der Linkspartei verhandeln und erkennbar für überflüssig halten, hat einen schlichten Grund: Die Zielgruppe, um die es geht, liest keine Zeitung und interessiert sich kaum für Nachrichten oder Politik-Talks. Das bedeutet nicht, dass sie über keine politischen Präferenzen verfügt",

meint PUSCHNER, der als Zielgruppe lediglich "Migranten der zweiten und dritten Generation" benennt. An anderer Stelle heißt es dagegen:

"Rentenerhöhungen bilden nur einen Punkt unter vielen in Nölkes konkretem linkspopulären Programmentwurf. Dessen Kern bildet die strikte Konzentration auf Verbesserungen für die untere Bevölkerungshälfte."

Wer eine solche Zielgruppe anvisiert, der muss sich zwangsläufig mit den "Verteilungskonflikten am Boden der Klassengesellschaft" auseinandersetzen. Dies dürfte die größte Herausforderung sein, denn die Vorstellungen der "unteren Bevölkerungshälfte" sind durchaus heterogen. Eines jedoch steht fest: die derzeitigen Parteien, die sich als links verstehen, sind nicht in der Lage aufgrund ihres neoliberalen Denkschemas das Wählerpotenzial in Deutschland auszuschöpfen.

BADURA, Leander F. (2018): Es gibt keinen Generationenkonflikt.
Nebelkerze: Hier Jugend ohne Zukunft - dort Alte, die nichts mehr raffen. Das Scheingefecht verbirgt eine viel größere Frage,
in:
Freitag Nr.9 v. 01.03.

Leander F. BADURAs Artikel erhellt die Debatte um Kevin KÜHNERT nicht, den die taz heute sogar als gefährlichsten Mann Deutschlands aufs Cover gehievt hat. Bislang hat die Basis noch jede Entscheidung der Führung abgenickt. Murren gehört dazu. Dass KÜHNERT der Mann ist, der die GroKo verhindert, das darf bezweifelt werden. Die GroKo wird höchstens aus Versehen verhindert, aber auch das ist mehr als unwahrscheinlich. Die Basis wird sich von den schlechten Werten ihrer Partei, die Meinungsforscher derzeit fast täglich präsentieren, beeindrucken lassen.

 
       
   

Die Bodenwertsteuer in der Debatte

GOTTL, Rebekka (2018): Geld aus Sand.
Grundsteuer: Mit unbebauten Brachen machen Spekulanten Profit - Nabu und Mieterbund wollen das ändern,
in:
Freitag Nr.9 v. 01.03.

Rebekka GOTTL klärt nicht über die Problematik der Bodenwertsteuer auf, denn warum Neoliberale so erpicht auf diese Steuer sind, wird im Artikel völlig ausgeblendet. Die Argumentation des Deutschen Mieterbundes erscheint angesichts der neoliberalen Stoßrichtung der Bodenwertsteuer mehr als naiv. Dass die Steuer die Wirkungen entfaltet, die sich der Lobbyverband erhofft, ist mehr als unwahrscheinlich, denn die Bodenwertsteuer soll dafür sorgen, dass der Boden für Immobilieninvestoren noch lukrativer wird. Die Steuer trifft nicht die Spekulanten unter den Finanzinvestoren, sondern Eigentümer der unteren Mittelschicht, die mittels Steuer zum Verkauf gezwungen werden sollen.

Alle Berechnungen zu den Wirkungen gehen vom Status Quo der Bodenrichtwerte in der Vergangenheit aus. Warum diese durch die Einführung der Bodenwertsteuer keine Veränderung erfahren werden, das erscheint unplausibel.

Angeblich sollen Einfamlienhaussiedlungen bei der Bodenwertsteuer besser davon kommen als Innenstadtlagen. Der Naturschutzbund wiederum meint, dass der Flächenverbrauch durch Einfamilienhaussiedlungen vermieden wird. Allein schon diese beiden Argumente sind nicht vereinbar miteinander. Eine von beiden Hoffnungen wird sich also zwangsläufig von selber erledigen. 

 
       
   

Das Single-Dasein in den Niederlanden

MÜLLER, Tobias (2018): "Es geht hier nicht um wilde Verliebtheit".
Jan Steven van Dijk soll als Finanzdezernent die Menschen im niederländischen Schagen glücklicher machen. Nur wie?
in:
Freitag Nr.9 v. 01.03.

 
       
   

Das Single-Dasein in den USA

HAMANN, Götz (2018): "Ich spiele nicht mit Sehnsüchten".
In Amerika entsteht ein neuartiger Kinderwunsch-Konzern. Der Gründer Martin Varsavsky überlegt, nach Europa zu expandieren. Ein Gespräch über moderne Frauen, deutsche Ängste - und seine drei In-vitro-Kinder,
in:
Die ZEIT Nr.10 v. 01.03.

Götz HAMANN interviewt den Unternehmer Martin VARSAVSKY, der mit der Firma Prelude Fertility der Reproduktionsmedizin in den USA ein neues Geschäftsfeld eröffnet hat:

"Was wir bei Prelude Fertility bieten, gibt es nirgendwo sonst aus einer Hand: Junge Frauen mit vielleicht Mitte zwanzig frieren die eigenen Eizellen bei uns ein; sie lassen sie Jahre später befruchten, wenn sie so weit sind; es entstehen Embryos, die wir auf genetische Krankheiten testen - und dann setzen wir einen Embryo ein",

beschreibt VARSAVSKY sein Geschäftsmodell, in dem das in Deutschland als social freezing heftig kritisierte Verfahren im Mittelpunkt steht. Als 2014 Internetkonzerne in den USA die Kostenübernahme propagierten, gab es einen Sturmlauf der deutschen Mainstreammedien gegen das Verfahren. Der Untergang des Abendlandes wurde wieder einmal beschworen, denn die nationalkonservative Bevölkerungspolitik zielt auf das möglichst frühe Gebären von Karrierefrauen ab. Die bevölkerungspolitisch motivierte Kritik befürchtete einen weiteren Anstieg des Gebäralters bei der bevölkerungspolitisch besonders ins Auge gefassten Zielgruppe der erfolgreichen Karrierefrauen. Drei Jahre später ist diese Aufregung verflogen und selbst die zweite Berliner Kinderwunschmesse, die noch vor einem Jahr größtenteils verdammt wurde, findet kaum noch mediale Beachtung. Obwohl die Messe bereits stattgefunden hat, gab es bislang nur wenige Berichte, z.B. von Ulrike BAUREITHEL in der letzten Ausgabe der Wochenzeitung Freitag. Die Ex-Familienministerin Kristina SCHRÖDER plädierte gar letzten Monat für die stärkere Subventionierung der Reproduktionsmedizin und lobte den Koalitionsvertrag.    

 
       
   

ENORM-Titelthema: Nie mehr allein.
Jeder braucht Zugehörigkeit: Wie wir Einsamkeit verhindern können und warum Gemeinschaft stark macht

POLIER, Xenia von (2018): Das stille SOS.
Als Großbritannien im Januar ein Ministerium für Einsamkeit schuf, sorgte das erst für Verwunderung. Dann begann eine wichtige gesellschaftliche Debatte. Denn viele Millionen alte und junge Menschen sind einsam - auch in Deutschland. Warum ist das Gefühl sozialer Isolation so gefährlich und was können wir dagegen tun?
in:
Enorm, Nr.1, März/April

HALANG, Vincent & Xenia von POLIER (2018): Ein Wisch zur Freundschaft.
Auf dem Smartphone neue Freunde finden - so versprechen es moderne Freundschafts-Apps. Doch braucht es wirklich die digitalen Helfer und was machen sie mit unseren Freundschaften?
in:
Enorm, Nr.1, März/April

LANGROCK-KÖGEL, Christian (2018): Schaut Euch in die Augen, Fremde!
Anderen Menschen begegnen wir auf der Straße meist ziemlich verschlossen - entsprechend anonym ist die Öffentlichkeit. Die Bewegung "Eye Gazing" möchte mehr Begegnung schaffen - und organisiert Treffen, bei denen man sich einfach schweigend ansieht. Was geschieht dabei?
in:
Enorm, Nr.1, März/April

 
       
   

Die neue Klassengesellschaft in der Debatte

PACHE, Timo (2018): Mitte ist das neue Oben.
Mit vollen Händen geben Union und SPD die sprudelnden Steuergelder aus. Die Mitte, die mit ihren Abgaben und Steuern das Land am Laufen hält, wird nicht nur nicht entlastet. Klammheimlich wurde sie zur Oberschicht umdefiniert,
in:
Capital, März

Timo PACHEs Polemik hat eine genau umrissene Zielgruppe, die sich zwischen zwei Abgrenzungen erstreckt:

"Schließt man von der Mitte nur die obersten zwei bis fünf Prozent der Spitzenverdiener in Deutschland aus (also ab 100.000 Euro brutto für einen Single und 200.000 Euro für ein Paar oder eine Familie",

dann erhält man die Obergrenze der Zielgruppe. Die Untergrenze wird dagegen folgendermaßen beschrieben:

"Profitieren sollen Steuerzahler, die als Single weniger als 70.000 Euro, als Paar weniger als 140.000 Euro verdienen. Wer mehr für seine Arbeit bekommt, hat Pech gehabt (...) - also wahrscheinlich auch der alleinstehende IG Metall-Arbeiter."

PACHE, Jahrgang 1976, stilisiert also Singles, die mehr als 70.000 Euro und weniger als 100.000 Euro verdienen, zu den Opfern der Politik. Single heißt im Steuerjargon nicht etwa alleinlebend, sondern unverheiratet, als ob der "alleinstehende IG Metall-Arbeiter" und nicht der verheirate IG Metall-Arbeiter typisch für Deutschland wäre. Aber Singles werden bei Steuerpolik-Themen gerne an die Front geschickt, während sie bei familienpolitischen Themen das Feindbild sind.

Der alleinstehende IG Metall-Arbeiter ist das steuerpolitische Pendant zur rentenpolitischen Putzfrau, der Altersarmut droht, nur dass der IG Metall-Arbeiter das Sinnbild der "hart arbeitenden Mitte" (SPD-Slogan) ist.

Das Problem des Artikels besteht darin, dass dem Leser Zahlen präsentiert werden, bei denen im Unklaren bleibt, ob es dabei um Brutto- bzw. Nettoeinkommen oder gar das verfügbare Haushaltseinkommen geht. Geht es um Steuern, dann führen diese Zahlen gar nicht weiter, denn was zählt ist das zu versteuernde Einkommen. Das aber kommt nirgends im Artikel vor!

Diese Verschleierungstaktik hat System, denn dadurch kann der Leser in Ressentiments schwelgen, weil er sich aussuchen kann, welcher Gehaltsklasse er sich zugehörig fühlt. Es macht einen großen Unterschied, ob ich eine Einkommenszahl als Bruttoeinkommen oder als verfügbares Haushaltseinkommen interpretiere. Es kommt nicht von ungefähr, dass sich die Deutschen bei ihrer Zuschreibung zu Schichten bzw. Klassen falsch einordnen. Das liegt auch daran, dass Begriffe wie Unterschicht und Oberschicht verpönt sind, d.h. aufgrund der sozialen Erwünschtheit sehen sich viel mehr Menschen als Angehörige der Mittelschicht als ihr objektiv angehören. 

Die zunehmende Spreizung der Einkommen und Vermögen in Deutschland hält PACHE für irrelevant, indem er sich in eine heile Welt zurückträumt, die niemals existierte:

"Von der alleinerziehenden Mutter mit oder ohne Job über die Beide-Studienrat-Familie mit drei Kindern bis hin zum Er-Anwalt-sie Ärztin Doppelverdiener-Ehepaar ohne Kinder",

können sich in dieser sentimentalen Sicht alle zur Mitte zählen. Man darf daran erinnern, dass es Professoren der oberen Mittelschicht waren, die alleinerziehende Mütter als Sozialhilfemütter diffamierten und damit die neue Unterschicht klassenkämpferisch erfanden. Das waren keine Ökonomen oder Politiker, die die Mitte spalteten, sondern z.B. neokonservative Historiker wie Paul NOLTE.

PACHE kritisiert die ökonomische Definition der Mittelschicht, während er implizit eine politische Definition der Mitte vertritt, die von Homogenität träumt, wo längst Distinktion herrscht. Außerdem wird eine soziologische Definition erwähnt, wenn es heißt:

"Sie definieren die Mitte nicht mehr breit nach Bildungsabschluss und Arbeitsverhältnis, sondern ausschließlich nach dem Einkommen."

Die Einkommensdefinition wird von Ökonomen vertreten, wobei PACHE ausgerechnet gegen den Neoliberalen Marcel FRATZSCHER hetzt, obwohl auch die neoliberale OECD dieselbe Definition benutzt. Auch die Lobbyorganisation IW Köln, die sich Scheingefechte mit FRATZSCHER liefert, benutzt Einkommensdefinitionen. Mit einer angeblichen Umdefinition der Mittelschicht in eine Oberschicht kann gar keine Rede sein, denn aufgrund der Verpöntheit des Begriffs verwenden ihn meistens nur Polemiker wie PACHE. Die Ökonomen sprechen dagegen von "Einkommensstarken" oder "Reichen". 

Die Oberschicht will PACHE z.B. den "Bossen der Dax-Konzerne" vorbehalten wissen, wobei der Begriff "Boss" antiquiert ist. Gemeint sind wohl die Manager im Vorstand der DAX-Konzerne. Im Jahr 2011 berichtete die FAZ darüber, dass Menschen mit 126.000 Euro Jahreseinkommen schon zur Oberschicht zählen, und bezeichnete diese als "arme Oberschicht". Es sind die obersten ein Prozent der Einkommenssteuerzahler. Gemäß ANKENBRAND & BERNAU gehören dazu nicht nur Dax-Vorstände, sondern auch Menschen in sehr gut zahlenden Firmen:

"Es sind die ganz normalen Angestellten der großen Industrieunternehmen, die mehr als 126.000 Euro verdienen und damit in das oberste Prozent fallen. Oft sogar bereits, ohne Abteilungsleiter zu sein, ohne Personalverantwortung für Untergebene zu tragen. IT-Spezialisten sind rar und teuer, deshalb sind allein beim Software-Konzern SAP im Rhein-Neckar-Kreis Tausende Angestellte Teil der Oberschicht, viele von ihnen haben es sich am Nußlocher Hang bequem gemacht. Bei Börsen und anderen Unternehmen, die mit Computerspezialisten durchsetzt sind, bedeuten 126.000 Euro nach Einschätzung des Ernst & Young-Gehaltsexperten Jens Maßmann gerade mal den Durchschnittsverdienst. Beim Autobauer Daimler gehören allein in Deutschland Tausende den Gehaltsklassen E3 und höher an, in guten Jahren überschreiten sie die Grenze zur Oberschicht – Beschäftigte, die vier bis fünf Hierarchiestufen unter dem Vorstand rangieren. Bei Daimler zählen selbst Büroleiterinnen, die im Hauptsekretariat die Termine der Vorstände führen, zum obersten Einkommensprozent der Deutschen."

Die Zahlen stammen aus dem Jahr 2004! Aufgrund der gravierenden Ungleichheiten in Deutschland bei Einkommen und Vermögen, dient der Mittelschichtbegriff heutzutage eher der Verschleierung. 

 
       
 

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