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Medienrundschau:

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Medienberichte über single-generation.de
 
 
 
   

News vom 11. - 14. Juni 2016

 
 
     
 
   

Zitat des Monats:

Der demografische Wandel ist kein gutes Argument zugunsten der Kapitaldeckung

"Nicolas Barr von der London School of Economics (...) erklärt: »Aus wirtschaftlicher Sicht ist der demografische Wandel kein gutes Argument zugunsten kapitalgedeckter Systeme.« Besser seien ein über Steuern und Abgaben finanzierter Sozialstaat und Investitionen in Bildung, damit künftige Generationen mittels einer hohen Produktivität das Geld für die Versorgung der Rentner und Kranken erwirtschaften können."
(Daniel Baumann & Stephan Hebel "Gute Macht-Geschichten", 2016, S.99)

 
       
       
   

POLLMER, Cornelius (2016): Falsche Frauen.
Betrug beim Datingportal Lovoo: Schaden in Millionenhöhe,
in: Süddeutsche
Zeitung v. 14.06.

 
       
   

Die Prognos-Szenarien Perspektive 2040 im Auftrag des GDV in den Medien

Im Vorfeld der Erstellung des Alterssicherungsberichts 2016 positionieren sich schon seit längerer Zeit die unterschiedlichen Lobbygruppen, insbesondere der Arbeitgeber. Sowohl die INSM als auch das IW Köln haben inzwischen arbeitnehmerfeindliche Berechnungen vorgelegt. Nun also legt der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft nach.

Wir werden mit wenig aussagekräftigen Pamphleten abgespeist, sodass über die entscheidenden Grundannahmen, die das Ergebnis der Auftragsstudie bereits weitgehend festlegen, wenig bekannt ist. In einem 4-seitigen Papier wird nur darauf hingewiesen, dass die 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes in der Variante 2 verwendet wurde, die folgende Annahmen umfasst: Geburtenrate 1,4 Kinder je Frau, Lebenserwartung bei Geburt 2060 für Jungen 84,8/Mädchen 88,8 Jahre, langfristiger Wanderungssaldo 200.000.

Weder wurden unterschiedliche Entwicklungen des Arbeitsmarktes berechnet, noch ist das Status Quo-Szenario einleuchtend, das von einer Rente mit 65 statt mit 67 ausgeht. Dies ist nicht nachvollziehbar erläutert, denn dann würde die heute bereits existierende Annäherung von 1,2 Jahren an das gesetzliche Renteneintrittsalter nicht etwa fortgeschrieben, sondern auf 2 Jahre erhöht. Welche Rechenkünstler waren hier also am Werk?

Beim Status Quo-Szenario wird folgende Annahme vorgegeben:

"Zahl der SV-Beschäftigten sinkt bis 2040 um knapp 10 % (31,1 Mio. auf 28,3 Mio. Personen.)"

Die Variante 2 der 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes gibt jedoch ein Erwerbsfähigenpotenzial von 44 Millionen Menschen an (20-67-Jährige). Selbst wenn man nur die 25-65-Jährigen betrachten würde, wären es immer noch 38,3 Millionen Menschen. Wie also kommt das Prognos-Institut auf eine Zahl von nur 28,3 Millionen sozialversicherungspflichtige Beschäftigte? Eine Reserve von mindestens 10 Millionen oder gar 16 Millionen erwerbsfähiger Menschen in einer Zeit, in der angeblich Fachkräfte en masse fehlen sollen?

Fazit: Angesichts fragwürdiger Annahmen der Auftragsstudie stellt sich hier die Frage, warum in den Medien keine Kritik an den Berechnungen geübt wird. Gibt es diese nicht oder wird sie unterdrückt? Ersteres würde auf eine eklatante Schwäche der Opposition in diesem Land hinweisen.   

SIEMS, Dorothea (2016): Rente mit 67 ist auch keine Lösung.
Studie: Noch länger arbeiten und noch mehr privat vorsorgen hilft allen Generationen,
in: Welt
v. 14.06.

Dorothea SIEMS, die einen kreativen Umgang mit Statistiken pflegt, wenn es der eigenen Argumentation dient, referiert die Berechnungen von Oliver EHRENTRAUT als wären es unumstößliche Gewissheiten und nicht Annahmen, deren Treffsicherheit durchaus fraglich sind.

Bei der Rente ab 63 lügt SIEMS uns an, wenn sie schreibt, dass sie in der Lage wäre, den Trend zum späteren Renteneintritt zu stoppen. Die Statistik belegt stattdessen das Gegenteil. Auch die Flexi-Rente, für die noch nicht einmal ein Gesetzesentwurf vorliegt, wird bereits im Vorfeld der Gesetzgebung als Trend zur Frührente interpretiert.

Mit Begriffen wie "Beitragsexplosion" und dem Herbeischreibens eines Fachkräftemangels, will SIEMS den Kaffeesatzlesereien Nachdruck verleihen.

Dass das Gutachten im Sinne von PR eines Lobbyverbandes gelesen werden muss, wird deutlich, wenn SIEMS die Begehrlichkeiten des GDV hinsichtlich eines einzusparenden Bundeszuschusses zur Rentenversicherung von 80 Milliarden erwähnt, die besser der Förderung von Betriebsrenten und privater Vorsorge dienen sollen, wovon sich die Versicherungswirtschaft einen fetten Profit erhofft.

THELEN, Peter (2016): Echte Rente mit 67 - statt Debatte über Rente mit 70.
Die Versicherungswirtschaft drängt auf längeres Arbeiten,
in:
Handelsblatt v. 14.06.

"Die gesetzliche Untergrenze von 43 Prozent, die seit 2004 im Sozialgesetzbuch steht, droht (...) ebenso zu kippen, wie auch die Beitragsobergrenze von 22 Prozent",

klagt uns Peter THELEN angesichts der GDV-Auftragsstudie. Im Gegensatz zu SIEMS sollen mögliche Einsparungen beim Bundeszuschuss nicht nur der Versicherungsindustrie zu Gute kommen, sondern auch nicht näher benannte Investitionen ermöglichen.

KROHN, Philipp (2016): Versicherer plädieren für echte Rente mit 67,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 14.06.

Philipp KROHN stellt die GDV-Auftragsstudie in einen Zusammenhang mit der Werbekampagne Sieben Jahre länger der Versicherungswirtschaft.

"Gingen die Deutschen mit 67 Jahren statt wie derzeit mit 64,2 Jahren in den Ruhestand",

beginnt Philipp KROHN seinen Bericht zur Studie mit einer Montage zweier Kennzahlen, die zeigen, dass Aufklärung nicht Sache von KROHN ist. Die Zahl 64,2 bezeichnet ein so genanntes "faktisches" Rentenalter, während die Zahl 67 jenes angestrebte Rentenalter ist, das 2031 als gesetzliches Rentenalter gilt. Gegenwärtig gilt 65 Jahre und 5 Monate als gesetzliches Rentenalter. Die Zahl 64,2 zeigt, dass von einer großen Anzahl Frührentner keineswegs gesprochen werden kann.

"Prognos hat errechnet, was passiert, wenn sich der Trend zu einem höheren Renteneintrittsalter wie bisher fortsetzt. Diesem Referenzszenario stellen die Autoren entgegen, wohin sich die Renten entwickeln, wenn die »Rente mit 63« diesen Trend bricht,"

erklärt uns KROHN die Szenarien Status Quo und Rente mit 63. Eine Rente mit 63 gibt es jedoch nicht, sondern nur eine Rente ab 63 für eine Minderheit von langjährig Versicherten. Selbst eine noch nicht einmal als Gesetzesentwurf vorliegende Flexi-Rente, die von SIEMS zur Frührente stilisiert wird, würde den Trend zum späteren Renteneintritt nicht stoppen. Denn hohe Abschläge wie sie z.B. von den Grünen geplant sind, haben eher abschreckende Wirkung.

DAMM, Haidy (2016): Kein Ruhestand vor dem 67. Geburtstag.
Versicherer fordern "echten" späteren Renteneintritt,
in:
Neues Deutschland v. 14.06.

"Statt über die Rente mit 70 zu debattieren, will die Versicherungswirtschaft lieber über eine »echte« Rente mit 67 sprechen, denn das durchschnittliche Renteneintrittsalter liege momentan bei 64,2 Jahren, im Tempo der derzeitigen Entwicklung steige es bis 2030 auf 65 Jahre"

erklärt uns Haidy DAMM die Position des GDV. Diese Annahme geht davon aus, dass es von 2031 bis 2040 keine weitere Angleichung mehr an das gesetzliche Renteneintrittsalter gibt. Diese Rechnung stimmt noch nicht einmal gegenwärtig, denn zwischen 64,2 Jahren und dem derzeitigen gesetzlichen Renteneintrittsalter von 65,4 Jahren liegen keine 2 Jahre, sondern nur 1,2 Jahre. Mit welchen Kunstgriffen kommt also Prognos im Status Quo-Szenario auf das unrealistische Ergebnis?

DAMM referiert auch nur wie SIEMS und KROHN die Studie, lediglich die Position des DGB-Vorstandsmitglieds Annelie BUNTENBACH wird ausführlicher dargestellt und darauf hingewiesen, dass die Deutsche Rentenversicherung von einem Absinken des Rentenniveaus auf 44,4 Prozent bis 2030 ausgeht. Das Rentenniveau wird von DAMM als "Verhältnis von Standardrente zu Durchschnittseinkommen" beschrieben.

ÖCHSNER, Thomas (2016): Für eine Rente mit 67+.
Versicherer propagieren das längere Arbeiten - zumindest ein bisschen,
in: Süddeutsche
Zeitung v. 14.06.

Thomas ÖCHSNER geht näher als die anderen Medienberichte auf die gegenwärtige Ausgangssituation ein:

"65 Jahre und fünf Monate - so alt muss ein Arbeitnehmer derzeit sein, um ohne Abschläge oder Nutzung von Sonderregeln (Rente mit 63) in den Ruhestand gehen zu können. 2031, wenn die Anhebung der gesetzlichen Regelaltersgrenze in der letzten Stufe umgesetzt ist, werden es sogar 67 Jahre sein. Tatsächlich können oder wollen das aber viele nicht schaffen: Für Frauen lag das Renteneintrittsalter 2014 bei 64,3 Jahren, für Männer bei 64 Jahren".

Auch bei ÖCHSNER findet sich keine Kritik an den Annahmen der Auftragsstudie, sondern nur ein Hinweis auf das Interesse der GDV:

"Zweck der Veranstaltung: Mal wieder - zum Segen der Versicherungswirtschaft - die unterschwellige Botschaft unters Volk zu bringen, dass die Deutschen mehr fürs Alter vorsorgen sollen."

Eine Stellungnahme von Annelie BUNTENBACH (DGB) gibt es - wie in den anderen Berichten auch - nur zu den Ergebnissen, aber nicht zu den Berechnungen und deren Annahmen.

DOEMENS, Karl (2016): Neue Berechnungen heizen die Rentendebatte an.
Das Prognos-Institut erwartet, dass das Niveau bis 2040 auf 41,7 Prozent des Durchschnittslohns fallen wird,
in:
Frankfurter Rundschau v. 14.06.

DOEMENS, Karl (2016): Rentenniveau stürzt bis 2040 um knapp sechs Prozent.
Eine neue Studie des Freiburger Prognos-Instituts beschäftigt sich mit der Zukunft des Rentenniveaus. Dabei wurden mehrere Szenarien durchgerechnet. Das Fazit: Das Rentenalter anzuheben bringt wenig,
in: Berliner
Zeitung v. 14.06.

Im Gegensatz zu den anderen Medienberichten, gibt es zur Studie eine Stellungnahme von Matthias W. BIRKWALD (Linkspartei), der sowohl eine Erhöhung des gesetzlichen Renteneintrittsalters, als auch eine weitere Förderung der Riester-Rente. Eine Auseinandersetzung mit den Berechnungen gibt es jedoch auch hier nicht. 

DRIBBUSCH, Barbara (2016): Rente und Demografie: Wir leben einfach zu lange.
Alter: Prognos präsentiert Rentenvorschau bis 2040 - und schlägt längere Lebensarbeitszeit vor,
in: TAZ
v. 14.06.

Barbara DRIBBUSCH zeichnet für uns Kurven nach, die ihr von Oliver EHRENTRAUT präsentiert wurden. Das war offensichtlich so beeindruckend, dass lediglich hängen blieb, dass die

"wirkliche demografische Herausforderung (...) aber erst in den Jahren 2025 bis 2035 (käme)".

Das Szenario 67+ bedeutet gemäß DRIBBUSCH in Wirklichkeit ein gesetzliches Renteneintrittsalter von 69 Jahren. Auf die Frage danach wie realistisch die Annahmen sind, kam die Journalistin dann gar nicht mehr - so beeindruckt war sie offenbar.

 
       
   

KRÜGER, Anja & Martin REEH (2016): "Das hat mich schockiert".
Soziale Ungleichheit: Wir verspielen unsere Zukunft, warnt der Ökonom Marcel Fratzscher. Jetzt sei es dringend nötig, in Infrastruktur und Bildung zu investieren,
in: TAZ
v. 14.06.

 
       
   

AFP/ND (2016): SPD-Konzept ohne Vermögenssteuer.
Parteiführung berät über Schwerpunkte für den Bundestagswahlkampf,
in:
Neues Deutschland v. 14.06.

Die vom Neuen Deutschland bearbeitete Agenturmeldung befasst sich mit dem 7-seitigen Positionspapier Fortschritt und Gerechtigkeit - Zukunft sichern. Solidarität stärken. Demokratie verteidigen von Sigmar GABRIEL, das dem ARD-Hauptstadtstudie zugespielt wurde. Die Rentenpolitik wird nicht erwähnt, stattdessen Steuerpolitik und Aufrüstung der Polizei.

 
       
   

SCHRINNER, Axel/SPECHT, Frank/THELEN, Peter (2016): Nahles, die Rentenreformerin.
Die Sozialministerin holt sich in drei Expertenrunden Anregungen für ein eigenes Konzept,
in:
Handelsblatt v. 13.06.

SCHRINNER/SPECHT/THELEN berichten aus einer unternehmensfreundlichen Sicht auf die Rentendebatte. Sie gehen dabei auf eine Einladung zu Arbeitsgruppen bzw. Workshops ein, die bei den geladenen Experten keine Überraschungen bietet: Bert RÜRUP und Gert G. WAGNER gelten als Verfechter einer Stärkung der privaten Altersvorsorge. Das Thema gesetzliche Rente solle stattdessen aus dem Bundestagswahlkampf möglichst herausgehalten werden.

"Aus dem Koalitionsvertrag sind derzeit nur noch die Ost-West-Angleichung der Renten, die umstrittene Lebensleistungsrente und die Stärkung der betrieblichen Altersvorsorge übrig. Vor allem auf Letzteres will Nahles sich konzentrieren",

berichten uns die Autoren. Auch die Stoßrichtung der SPD wird dahingehend interpretiert, dass eine Stabilisierung des gesetzlichen Rentenniveaus lediglich Wahlkampfrhetorik ist, während stattdessen Andrea NAHLES die Stärkung der betrieblichen Altersvorsorge vorantreibt. SCHRINNER/SPECHT/THELEN geben für NAHLES konkrete Verständnishilfen in Richtung Wirtschaftsvertreter:

"Stattdessen redet sie vom Sicherungsniveau und schließt dabei auch die beiden anderen Säulen betriebliche Altersvorsorge und Riester-Rente mit ein.

 
       
   

HANDELSBLATT-Serie: Prognos Zukunftsatlas 2016 (Teil 9)

RICKENS, Christian (2016): Mittendrin.
Prognos Zukunftsatlas (9): Der Kreis Miltenberg in Mainfranken ist laut Prognos Zukunftsatlas die deutsche Durchschnittsregion schlechthin. Eine Exkursion ins Herzland der Republik,
in:
Handelsblatt v. 13.06.

Christian RICKENS will uns eine spannende Geschichte über den Landkreis mit der beschaulichen Kleinstadt Miltenberg erzählen:

"Anhand der Daten aus dem Zukunftsatlas 2016 (...) lassen sich (...) gleich drei Ecken ausmachen, die als deutsche Durchschnittsregion infrage kommen: Der Landkreis Broken in Nordrheinwestfalen, der im gleichen Bundesland gelegene Rhein-Erft-Kreis und schließlich der Kreis Miltenberg in Mainfranken."

Borken wird jedoch aufgrund seiner Randlage an der niederländischen Grenze genauso aussortiert wie der Rhein-Erft-Kreise als Speckgürtel der Metropole Köln.

Dass der Landrat im Kreis Miltenberg ein Grüner ist, nur einer von zweien in ganz Deutschland, und das in einem traditionellen CSU-Kreis, wird als Sensation hervorgehoben und soll uns die Erosion traditioneller politischer Milieus belegen:

"Die Erosion der traditionellen politischen Milieus, von Wahlforschern und Leitartiklern gerne beschworen, ist tatsächlich weit fortgeschritten."

Akademiker, die RICKENS als traditionelles Kernmilieu der Grünen bezeichnet, sind lediglich 7,1 Prozent der Beschäftigten, der Rest würde entweder in der Landwirtschaft oder in der Fabrik arbeiten. Stellt sich erstens die Frage, inwiefern die Einwohner des Kreises Miltenberg mit den Beschäftigten des Kreises identisch sind und zweitens inwiefern sich die Wahlbeteiligung der einzelnen Milieus unterscheidet. Sind also die Zahlen, die uns RICKENS hier liefert überhaupt aussagekräftig? Und was heißt überhaupt traditionell bei einer Partei, die gerade eine Generation lang existiert?

Kurz reißt RICKENS die Probleme des ländlichen Raums an, bedingt auch wegen dem "Kuriosenkabinett des deutschen Föderalismus", ohne den Rückgang der Bevölkerung im Landkreis überhaupt erwähnenswert zu finden. Stattdessen ein Loblied auf Familienunternehmen als Zentrum des Modells Deutschlands, das durch eine "unideologische Politik" gehegt und gepflegt wird. Vor allem Klingenberg am Main, berüchtigt durch einen Exorzismus-Fall in den 1970er Jahren, wird als Unternehmensstandort hervorgehoben.

"Trotz aller Durchschnittlichkeit ist Miltenberg privilegiert. Hier gibt es halb so viele Arbeitslose wie im Bundesdurchschnitt, weniger Kriminalität und weniger Hartz-IV-Empfänger",

erklärt uns RICKENS die Stärken der Region. Insbesondere dem Weltmarktführer Wika als Vorzeigeunternehmen der Region gilt das Interesse von RICKENS Regionenporträts.    

 
       
   

MEYER, Jörg (2016): Linkes Lager gegen rechten Block.
Bernd Riexinger über die ureigenen Interessen der Gewerkschaften und ihre viel zu bescheidenen Ansprüche,
in:
Neues Deutschland v. 13.06.

Bernd RIEXINGER ("Ko-Vorsitzender der Linkspartei") wird als Sympathisant der gewerkschaftsnahen Parteiströmung Sozialistische Linke und Mitglied einer "Initiative zur Vernetzung der Gewerkschaftslinken" beschrieben. RIEXINGER geht es um ein Solidarbündnis von Mittelschicht, Kernbelegschaften, Erwerbslosen und prekär Beschäftigten. Hier soll ein "gemeinsames Klassenbewusstsein" hergestellt werden. Angesichts der Tatsache, dass sich die obere Mittelschicht eher der neoliberalen Agenda-Politik verpflichtet sieht, erscheint eine solches Solidarbündnis derzeit mehr als naiv. RIEXINGER möchte eine engagiertere Gewerkschaftspolitik, bleibt dabei aber eher vage:

"Es wäre (...) wichtig, dass die Gewerkschaften insbesondere auf die SPD und die Grünen Druck ausüben aber auch gerne auf uns LINKE, um tatsächlich Merkel 2017 abzulösen. Das muss ja das Ziel sein - verbunden mit einem klaren Bruch gegenüber der neoliberalen Politik der letzten 30 Jahre."

Als Problem beschreibt RIEXINGER, dass ein Teil der Gewerkschaften der SPD sehr nahe steht. Selbst wenn es um konkrete Themen wie den geplanten Rentenwahlkampf geht, bleibt RIEXINGER vage:

"Die Gewerkschaften wollen zur Bundestagwahl eine große Rentenkampagne machen, aber mit wem wollen sie denn eine Rentenreform machen, die lebensstandardsichernde Renten und armutsfeste Renten sichert? Da müssten die Gewerkschaften großes Interesse an einem Politikwechsel haben, und man müsste gerade von ihnen erwarten, dass sie starken Druck ausüben und dafür werben."

Davon kann derzeit keine Rede sein. Während der DGB zwar die Stabilisierung des gesetzlichen Rentenniveaus fordert, kämpft die IG Metall im Sinne ihrer eigenen Profitinteressen ("Metallrente") für die Stärkung der betrieblichen Altersversorgung und damit für eine weitere Schwächung der gesetzlichen Rente. Von solchen Gewerkschaften ist kein Bruch mit neoliberaler Politik zu erwarten. Aber kann die Bindungsfähigkeit von Gewerkschaften dadurch erhöht werden, dass die Abhängigkeit von Arbeitnehmern von den Unternehmen durch die betriebliche Altersversorgung noch vergrößert wird? 

 
       
   

CREUTZBURG, Dietrich (2016): Grüne wollen Sozialkassen für Selbständige öffnen.
Fachpolitiker fordern Reform "völlig weltfremder" Beitragsregeln für Kleinunternehmer,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 13.06.

Die grünen Bundestagsabgeordneten Markus KURTH, Maria KLEIN-SCHMEINK und Kerstin ANDREAE haben der FAZ ein Positionspapier zugespielt, das Entlastungen von Selbständigen bei der Krankenkassen vorsehen, um diese dann in die gesetzliche Rentenversicherung zu integrieren.

 
       
   

WOLFF, Sebastian (2016): Passende Altersvorsorge.
Die Wahl der richtigen Produkte ist eine Altersfrage - die FR spielt drei Szenarien durch,
in:
Frankfurter Rundschau v. 13.06.

Sebastian WOLFF stellt uns folgende drei Fallbeispiele vor:
1) 25 Jahre alter Single, Jahreseinkommen 30.000 Euro Brutto, Vermögen 10.000 Euro als Festgeld, keine Immobilie
2) 40 Jahre, verheiratet, zwei schulpflichtige Kinder, Jahreseinkommen 50.000 Euro Brutto, Vermögen: 50.000 Euro als Festgeld, Immobilie im Wert von 200.000 Euro zu einem Drittel abbezahlt
3) Verheiratet, 55 Jahre, zwei volljährige Kinder, die noch studieren, Jahreseinkommen 60.000 Euro Brutto, Vermögen: 100.000 Euro als Festgeld und eine Immobilie im Wert von 200.000 Euro, die voll abbezahlt ist.

Keiner dieser vorgestellten Fälle ist vom Spitzensteuersatz betroffen, den uns der Spiegel vor kurzem als das Hauptproblem der Mittelschicht präsentierte.

 
       
   

BALZTER, Sebastian (2016): Sex and the City.
Der Sonntagsökonom: Plötzlich bekommen die Leute in der Großstadt mehr Kinder als auf dem Dorf. Am Storch liegt das nicht,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 12.06.

"Stadtluft macht frei, Landluft macht fruchtbar. So lässt sich zusammenfassen, was Bevölkerungsforscher in den vergangenen Jahrzehnten über unser Fortpflanzungsverhalten herausgefunden haben: Auf dem Land gab es stets mehr kinderreiche Familien als in der Stadt, weswegen manche Demographen sich sogar schon angewöhnt haben, die Metropolen als "Fertilitätsfallen" zu bezeichnen.
(...).
Jetzt aber scheint sich dieses Muster auf spektakuläre Art ins Gegenteil zu wenden. In Europa und in den Vereinigten Staaten liegen die Geburtenraten seit Anfang des Jahrtausends in den Großstädten nämlich deutlich über dem jeweiligen Landesdurchschnitt",

erzählt uns Sebastian BALZTER anlässlich einer Allianz-Auftragsstudie von Jessica FORMBY, Greg LANGLEY und Richard WOLF ("Bigger Cities, More Babies?"). Die Autoren haben weltweit 41 Großstädte mit der landesweiten Geburtenrate verglichen, indem sie aus den rohen Geburtenziffern die Geburtenrate von Frauen im Alter von 15-44 Jahren (nicht 15-49 Jahren wie neuerdings aufgrund des steigenden Erstgebäralters üblich) berechnet haben. Die Studie ist leserunfreundlich, weil keine exakten Angaben zum Erhebungszeitraum der Daten gemacht wird, nur dass sie 2012 oder später erhoben wurden.

"In Deutschland führen Frankfurt (plus 13 Prozent) und München (plus fünf Prozent) die Tabelle an, Berlin verzeichnet immerhin noch einen Aufschlag von knapp zwei Prozent gegenüber dem Durchschnitt",

schreibt BALZTER zur Entwicklung in deutschen Millionenstädten und vermerkt dazu - ohne dies belegen zu können:

"Gerade in den durchgentrifizierten Gutverdienervierteln des Landes hat sich mit Blick auf die erstrebenswerte Kinderzahl offenbar die Losung »Drei sind die neue Zwei« durchgesetzt."

Hamburg wird verschwiegen, denn das Minus von 1,7 % passt nicht ins Bild. Die schlechten Zahlen für Berlin und Hamburg könnten damit zusammenhängen, dass es sich im Gegensatz zu München und Frankfurt um Stadtstaaten und nicht um kreisfreie Städte handelt, deren Geburtenraten durch das Umland verzerrt werden. Auch das wird von BALZTER nicht berücksichtigt. Natürlich darf ein Hinweis darauf nicht fehlen, dass ein solcher "Mini-Babyboom" nicht ausreiche, um die magische Zahl nationalkonservativer Bevölkerungswissenschaftler zu erreichen. Magisch deshalb, weil diese Wunderwaffe als Allheilmittel gilt, obwohl weltweit das Gegenteil zu beobachten ist.

 
       
   

SCHMIDT, Lucia (2016): Schluss mit Baby-Gedöns!
Livia Görner ist Hebamme und will nicht über die besten Kreißsäle oder die Schönheit des Stillens reden. Sie findet: Es gibt andere, echte Probleme. Eine Familienpolitik zum Beispiel, die Kinderkriegen zum Privatvergnügen erklärt habe. Die Autorin hat die Hamburgerin bei ihrer Arbeit begleitet,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 12.06.

 
       
   

NACHTWEY, Oliver (2016): Abstiegsgesellschaft.
Aus der Gesellschaft des sozialen Aufstiegs ist eine Gesellschaft des Abstiegs, der Prekarität und Polarisierung geworden. Wie konnte das passieren?
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 12.06.

Oliver NACHTWEY beginnt mit der Demontage des Popsoziologen Ulrich BECK, wenn er schreibt:

"Becks Diagnose war bis Ende der 1980er Jahre durchaus richtig. Doch seit den neunziger Jahren hat sich das geändert: Der Fahrstuhleffekt gilt nicht mehr."

Wir erinnern uns. Ulrich BECKs Individualisierungsthese wurde erst in den 1990er Jahren überhaupt erst populär, obwohl deren Grundlage - nämlich der Fahrstuhleffekt nach oben - nach Meinung von NACHTWEY gar nicht mehr existierte. Warum wird also erst 20 Jahre später diese Sicht von Mainstreamsoziologen wie NACHTWEY zu Grabe getragen? Auf single-generation.de wurde bereits im Jahr 2001über die Abstiegsgesellschaft und Fahrstuhl-nach-unten-Gesellschaft geschrieben, das war lange bevor die SPD im Jahr 2003 ihre Gerechtigkeitsdebatte führte und Dieter RULFF in diesem Zusammenhang die Fahrstuhlmetapher verwendete. Im Jahr 2004 wurde anlässlich einer Festschrift Kritik an der Lifestyle-Soziologie BECKscher Prägung geübt.

Im Gegensatz zu Gert G. WAGNER sieht NACHTWEY in den "Erschütterungen der Arbeitsverhältnisse" das Hauptproblem einer Abstiegsgesellschaft. Auch das - gerne vergessene - Problem der Statusinkonsistenz wird angesprochen. Dabei gehe es um das Auseinanderfallen des sozialen Status bei einer Position. So kann der Bildungsabschluss in einer auf Abschottung ausgerichteten Gesellschaft z.B. nicht in eine angemessene Berufsposition umgesetzt werden. Wer nur mehr Bildung als Allheilmittel betrachtet, der vernachlässigt diesen Sachverhalt.

NACHTWEY benutzt statt der Fahrstuhl- eine Rolltreppenmetapher, das die Kraftanstrengung einer Abstiegsgesellschaft deutlicher vor Augen führt. Abstiegskonflikte sind für NACHTWEY auch Ausdruck einer Abstiegsgesellschaft, die sich noch als Aufstiegsgesellschaft begreift. Eine solche Gesellschaft ist durch Wohlstandskonflikte gekennzeichnet. So sieht sich die obere Mittelschicht als Verlierer, obwohl sie zu den Gewinnern gehört. Die Konsequenz: eine Polarisierung innerhalb der Mittelschicht, bei der das Matthäus-Prinzip gilt: Wer hat, dem wird noch gegeben.

"Statusängste führen mitunter zu ökonomistischen Deutungen, zu negativer Klassifikation und zur Abwertung schwächerer Gruppen, ob Flüchtlinge oder Langzeitarbeitslose. Wo vorher noch eine gewisse Liberalität herrschte, weicht sie nun schematischen Vorstellungen über Moral, Kultur und Lebensführung. Und deshalb sind soziale Abstiegsprozesse auch eine Bedrohung für das demokratische Gemeinwesen",

erläutert NACHTWEY seine Position, die in einer solch abstrakten Form kaum diskutierbar ist.

 
       
   

OCHS, Birgit (2016): Durchstarten ins neue Leben.
"Am besten bleibt alles, wie es ist" war gestern. Vielen Menschen im fortgeschrittenen Alter steht der Sinn nach räumlicher Veränderung,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 12.06.

Birgit OCHS stellt den Ausnahmefall einer Berliner Luxus-Seniorenanlage an den Beginn des Artikels über räumliche Veränderungen im Alter. Es gäbe zwar keine "belastbaren Daten", aber das hält OCHS nicht davon ab, Werbung für solche Veränderungen zu machen, wobei das Alter schon bei 55 Plus anfängt, also jene von der Politik umworbenen Alten, die länger arbeiten sollen:

"Die Gruppe der Alten beginnt angesichts der gestiegenen Lebenserwartung bei einer eigentlich noch recht jungen Altersgruppe - die der Mittfünfzigjährigen. Beruflich voll aktiv und körperlich noch ziemlich fit, überdenkt diese Gruppe häufig ihre Wohnsituation neu, sobald die Kinder aus dem Haus sind. Plötzlich ist Zeit, das Leben anders zu gestalten. Viele entscheiden sich an diesem Wendepunkt für eine räumliche Veränderung. Sie tauschen das Haus, in vielen Fällen eines eigens angeschafft, damit die Kinder mit reichlich Platz und Garten aufwachsen können, gegen eine Stadtwohnung."

Ob dieser Tausch realistisch ist oder eher politischen Wunschvorstellungen entspricht? Suburbanes Wohnen ist bei jungen Familien immer weniger gefragt und eine Stadtwohnung im Rentenalter muss man sich leisten können - also eher eine Angelegenheit für die gut betuchten FAS-Leser.

Statt auf Smart-Home-Lösungen wird bei OCHS auf Alarmanlagen gesetzt. Wem Status wichtig ist, der darf sich angesprochen fühlen. Und wie sieht diser FAS-Standard im städtischen Geschosswohnungsbau aus?

"Zu den wichtigen Ausstattungsmerkmalen im Geschosswohnungsbau zählt für die Zielgruppe 55 plus: der Aufzug, ein Tiefgaragenstellplatz und eine großzügige Raumaufteilung. Zwei Schlafzimmer sind Standard, ein geräumiges Duschbad ebenso. Die Küche ist auch für diese Klientel Statussymbol, doch gibt sie anders als die Jüngeren der abtrennbaren Variante klar den Vorzug."

 
       
   

NIENHAUS, Lisa (2016): Da geht nichts voran.
Europa, Amerika, Japan - überall wächst die Wirtschaft langsamer als früher. Liegt es an den vielen alten Menschen?
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 12.06.

Lisa NIENHAUS holt das altbekannte neoliberale Motto Die Stimmung ist besser als die Lage aus der Mottenkiste hervor, damit Clemens FUEST in den Fußstapfen von Hans-Werner SINN wahrnehmbar bleibt, denn uns Deutschen geht es so gut, dass Arbeitslosigkeit für NIENHAUS kein Problem mehr ist, sondern das Wirtschaftswachstum stattdessen zum Schreckgespenst aufgeblasen werden muss.

Weil die Wirtschaft nicht so reagiert wie Ökonomenhirne das gerne hätten, sollen wir uns Sorgen machen, statt dass sich Ökonomen selbstkritisch fragen, ob ihr Weltbild noch zeitgemäß ist. Das Handelsblatt hat uns letzte Woche schon die Digitalisierung als Sündenbock präsentiert.

Die Finanzkrise wird als Schuldenkrise gedeutet, statt als Bankensystemkrise, die mitschuldig ist.

Weil aber im neoliberalen Verständnis die Macht der Banken nicht angetastet werden darf, muss die alternde Bevölkerung als Sündenbock dienen. Angeblich wurde diese bislang selten mit dem Wachstum in Verbindung gebracht. Dabei dröhnt uns seit über einem Jahrzehnt der Kopf vor all dem Unsinn, dem alternde Bevölkerungen angedichtet werden. Nationalkonservative und Neoliberale sind sich einig, dass die Alterung (in ihren Augen eine Unterjüngung) das Übel par excellence ist, obwohl die Wirtschaft am Alter zu genesen gedenkt.

Krass wird es, wenn die jetzige Stagnation des Wirtschaftswachstums mit der Zukunft kurzgeschlossen wird:

"Je weniger Menschen arbeiten, desto geringer die Produktion und damit das Wachstum. Wenn also besonders viele Menschen aus dem Arbeitsleben ausscheiden und nicht so viele Junge nachkommen - spätestens mit dem Renteneintritt der Babyboomer wird es so weit sein - dann verringert sich das Wachstum der Volkswirtschaft",

formuliert NIENHAUS dreist. Wollte sie uns nicht die jetzige Stagnation erklären, die wohl kaum auf den Renteneintritt in 10 oder 20 Jahren zurückgeführt werden kann?

Die KfW, die NIENHAUS, für ihre einseitige Argumentation nur in negativer Hinsicht auf den demografischen Wandel vereinnahmt, hat dagegen erst kürzlich auf die positiven Potenziale der Alterung hingewiesen.

Und zuletzt wird wie üblich von unseren Apokalytikern die Zunahme von Verteilungskonflikten beschworen, dabei bleibt selbst bei schrumpfender Bevölkerung mehr Spielraum dafür übrig, weil auch bei geringem Wachstum das Pro-Kopf-Wachstum wesentlich stärker ansteigt. Aber wo uns Horrorstorys präsentiert werden sollen, ist kein Platz für Besonnenheit.

Man liegt sicherlich nicht falsch, wenn man diesen Artikel als flankierenden Beitrag zur Rentendebatte versteht. 

 
       
   

HANK, Rainer (2016): Von wegen paritätische Wohlfahrt!
Leidartikel,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 12.06.

Rainer HANK hat es immer schon gewusst: Der Paritätische Wohlfahrtsverband kämpft nicht gegen Ungleichheit, sondern ist lediglich eine Kampftruppe der Linkspartei. Der Armutsbericht des Vereins gilt in neoliberalen Kreisen als Ärgernis, weil er sich nicht nur um die "wahre Armut" wie Hunger und Obdachlosigkeit kümmert, sondern mit der "relativen Armut" auf gesellschaftliche Teilhabe auch für Geringverdiener pocht. Das wird von Marktradikalen wie HANK als unnötige Umverteilung gesehen. Insbesondere Sozialtransfers sind Teufelszeug, die uns ruinieren und sowieso nur zum Missbrauch einladen, weshalb es hier nur um Kürzungen gehen kann. Bildung ist die Wunderwaffe, die dagegen ins Felde geführt wird (außer Lehrer und Erzieher wollen besser bezahlt werden - konsumtive Ausgaben statt Investitionen!).

In seinem Kampf gegen gesellschaftliche Teilhabe erhofft sich HANK nun Bündnispartner bei anderen Akteuren der "Wohlfahrtsindustrie": Diakonie, Caritas und Rotes Kreuz hat er dabei im Auge.

 
       
   

BOLLMANN, Ralph (2016): Die Präsidentin.
Die Soziologin Jutta Allmendinger gilt plötzlich als linke Kandidatin für die Gauck-Nachfolge. Warum ausgerechnet sie?
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 12.06.

 
       
   

JAHBERG, Heike (2016): Millionen auf dem Papier.
Viele Riester-Sparer bekommen nur einen Teil der staatlichen Zulagen oder gar keine. Zahlreiche Verträge sind Karteileichen,
in:
Tagesspiegel am Sonntag v. 12.06.

Heike JAHBERG erzählt die Geschichte eines gekündigten Riesterfonds-Vertrags. Bei 10 Jahren Einzahlung, bei der der Höchstbetrag an staatlicher Förderung von 1164 Euro dazu kommt, sind dadurch 12.800 Euro zusammengekommen, also inklusive Prämie fast 14.000 Euro. Das Ergebnis: eine monatliche Rente von 40 Euro ab Rentenbeginn abzüglich der Steuern. Diese Geschichte bleibt jedoch weitgehend unverbunden mit dem Rest des Artikels, der auf die Gründe für eine solche Kündigung nicht eingeht.

Die Zahlen machen auch keinen Sinn, wenn uns JAHBERG erläutert, dass die volle staatliche Förderung mindestens 154 Euro beträgt, denn dann wären das in 10 Jahren nicht nur 1.164, sondern 1.540 Euro. Wenn schon Beispiele, dann bitte solche, die für einen Leser nachvollziehbar sind.

Vielleicht macht der Artikel nur Sinn, wenn man ihn unter folgendem Aspekt betrachtet:

"Die Versicherungswirtschaft kämpft für die Riester-Rente und will Diskussionen über verschenkte Zulagen und gescheiterte Verträge vermeiden."

JAHBERG kümmert sich jedenfalls nicht um die Gründe des Scheiterns, sondern sorgt sich lediglich darum, dass staatliche Zulagen verschenkt werden:

"Die volle Förderung beziehen derzeit (...) gerade einmal 5,9 Millionen Riester-Sparer, ein Viertel aller bestehenden Verträge. Das hat das Bundesfinanzministeriums kürzlich auf eine Anfrage der Linken mitgeteilt."

Auch die Stiftung Warentest kümmert sich gemäß JAHBERG nur um diesen Aspekt. Kritische Stellungnahmen gibt es dagegen von Grünen, DGB, Bund der Versicherten und von Matthias W. BIRKWALD von der Linkspartei. Wie bereits auf dieser Website berichtet, werden nur gekündigte, aber nicht ruhende Verträge als Misserfolg betrachtet:

"In der Reister-Erfolgsstatistik tauchen die ruhend gestellten Verträge weiterhin auf." 

 
       
   
Die Studie Long-term Unemployment in the EU: Trends and Policies in den Medien

SIEMS, Dorothea (2016): Europas Regierungen kaschieren die dauerhafte Arbeitslosigkeit.
Zehn Millionen EU-Bürger suchen offiziell seit mehr als einem Jahr einen Job. In Wirklichkeit sind es vier mal so viele. Eine Studie zeigt: Das ist teuer für die Gesellschaft - und birgt sozialen Sprengstoff,
in: Welt
v. 11.06.

Kennzeichnend für unseriöse Studien sind das Fehlen eines Tabellenanhangs. Stattdessen werden wir mit bunten Schaubildern abgespeist. Wir sollen erst gar nicht nachdenken, sondern nur das sehen, was uns erzählt wird. Was dabei herauskommt, zeigen die nachfolgenden Berichte zur Studie, die mehr Verwirrung stiften als dass sie zur Aufklärung beitragen.

"Deutschland steht zwar mit einer Quote von knapp zwei Prozent vergleichsweise gut da. Doch auch hierzulande sucht fast jeder zweite Arbeitslose schon seit mindestens zwölf Monaten vergeblich nach einem Job, knapp ein Drittel ist sogar mehr als zwei Jahre auf Stellensuche. Und trotz des anhaltenden Beschäftigungsbooms verharrt die Zahl der Langzeitarbeitslosen seit 2012 nahezu unverändert bei rund einer Million",

behauptet Dorothea SIEMS, die uns wieder völlig andere Zahlen präsentiert als Ruth EISENREICH in der SZ. SIEMS zitiert einfach aus der deutschsprachigen Zusammenfassung der Bertelsmann-Stiftung. Dort heißt es jedoch:

"Anteil langfristiger Arbeitslosigkeit in Deutschland. Fast die Hälfte (43,1 %) aller Arbeitssuchenden sind schon mehr als ein Jahr erwerbslos, knapp ein Drittel sogar schon länger als zwei Jahre."

Die 43,1 Prozent Langzeitarbeitslose werden bei SIEMS unterschlagen und dadurch zu "fast jeder zweite". Und statt der 796.000 Langzeitarbeitslosen aus der Pressemitteilung der Bertelsmann-Stiftung werden bei SIEMS sogar "rund eine Million" Langzeitarbeitslose. Woher kommt diese Differenz? Die Statistik Die Arbeitsmarktsituation von langzeitarbeitslosen Menschen 2015 der Bundesagentur für Arbeit vom April 2016 weist für Deutschland 1,04 Millionen Langzeitarbeitslose im Jahr 2015 aus. Die Broschüre erklärt dazu:

"Eine weitere Kennzahl für den europäischen Vergleich ist die Langzeiterwerbslosenquote. Diese bezieht die Anzahl der  Langzeiterwerbslosen auf die gesamten Erwerbspersonen (Erwerbstätige plus Erwerbslose)"

SIEMS vermengt also in ihrem Bericht bereits zwei unterschiedliche Definitionen von Langzeitarbeitslosigkeit miteinander, wodurch die Anteilsangaben völlig unsinnig werden, denn beim Bezug auf 1,04 Millionen beträgt der Anteil der Langzeitarbeitslosen nur 37,2 % statt 43,1 in der Bertelsmann-Studie. Die Bundesarbeitsagentur schreibt zur Langzeitarbeitslosigkeit in Deutschland:

"2015 waren im Jahresdurchschnitt 2,79 Millionen Menschen bei einer Agentur für Arbeit oder einem Jobcenter arbeitslos gemeldet. 1,04 Millionen oder 37 Prozent von ihnen waren ein Jahr und länger auf der Suche nach einer Beschäftigung".
(2016, S.4)

Ein direkter Vergleich zur internationalen Langzeitarbeitslosigkeit ist nicht gegeben, weil die Bundesarbeitsagentur nur bis zum Jahr 2014 Zahlen angibt.

Da jedoch auch das dahinter stehende Konzept differiert ist eine Vergleichbarkeit gar nicht gegeben. Wie soll also ein Leser diese Fehlinformationen überhaupt richtig einordnen können?    

Dann erklärt uns SIEMS auch noch, dass diese Arbeitslosenzahlen viel zu niedrig seien:

"Denn in den meisten EU-Ländern dienen groß angelegte Programme zur Frühverrentung und teilweise großzügige Regeln für Invalidenrenten dazu, Arbeitslosigkeit zu kaschieren. Überdies haben viele Betroffene längst resigniert und melden sich gar nicht mehr beim Arbeitsamt. Die Experten klassifizieren sie als »Langzeitnichterwerbspersonen mit Arbeitsmarktorientierung«, auch stille Reserve genannt: Menschen, die gern arbeiten würden, aber keine Stellenangebote bekommen. Addiert man die verdeckte Langzeitarbeitslosigkeit zur offiziell ausgewiesenen Quote hinzu, wird deutlich, wie viel sozialer Sprengstoff sich hier zusammenbraut."

Die Bertelsmann-Stiftung erläutert dagegen, dass diese "stille Reserve" keineswegs identisch ist mit "Langzeitarbeitslosigkeit", wie uns SIEMS glauben lässt, denn dort heißt es:

"Es ist davon auszugehen, dass solche Nichterwerbspersonen mit Arbeitsmarktorientierung als »stille Reserve« grundsätzlich dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen und es sich zu einem gewissen Grad um verdeckte Erwerbslosigkeit handelt."
(Kurzfassung 2016, S.5)

Für Deutschland erklärt die Bertelsmann-Stiftung gar, dass die erwerbsfähige Bevölkerung gar ausgesprochen weit definiert ist im Vergleich zu anderen Ländern:

"In Deutschland wurde die Praxis der vorzeitigen Verrentung Arbeitsloser spätestens mit Abschaffung der sogenannten 58er-Regelung zugunsten der Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt aufgegeben. Auch ist die sozialrechtliche Definition der Erwerbsfähigkeit in Deutschland sehr weit gefasst, Erwerbsminderungsrenten spielen nur eine untergeordnete Rolle. Der relativ hohe Anteil gerade an älteren und gesundheitlich eingeschränkten Langzeitarbeitslosen in Deutschland kann mitunter auch auf diese Faktoren zurückgeführt werden."

Ganz verwirrend wird es dann, wenn SIEMS plötzlich die erwerbsfähige Bevölkerung ins Spiel bringt:

"EU-weit sind 17 Prozent der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter zwischen 25 und 64 Jahren langfristig ohne Job. (...) Auch in Deutschland ist die Gesamtquote mit fast zwölf Prozent recht hoch. Am besten von allen 28 EU-Staaten steht Schweden da, wo rund acht Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung dauerhaft keine Arbeit finden."
(Kurzfassung 2016, S.6)

Zur erwerbsfähigen Bevölkerung zählen auch Kranke und Arbeitsunfähige aufgrund Invalidität. Hier stellt sich also die Frage, ob hier eine andere Definition von Erwerbsfähigkeit vorliegt als jene, die in Bevölkerungsvorausberechnungen benutzt wird (siehe IW Köln). Wenn nicht, dann wäre ein solcher Bezug Unsinn.     

GERNHARDT, Grit (2016): Kein Arbeitsmarkt für Ältere.
Verfestigte Langzeitarbeitslosigkeit in der Bundesrepublik. Ältere werden kaum gefördert,
in:
Neues Deutschland v. 11.06.

Auch Grit GERNHARDT schreibt wie Dorothea SIEMS von rund einer Million Langzeitarbeitslosen und benutzt dann die 43,1 Prozent aus der Bertelsmann-Studie, obwohl wir es hier mit zwei unterschiedlichen Definitionen von Langzeitarbeitslosigkeit zu tun haben.

GERNHARDT berichtet speziell über die Lage der Älteren auf dem deutschen Arbeitsmarkt:

"Die Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der arbeitsmarktpolitischen Sprecherin der Grünen-Fraktion im Bundestag, Brigitte Pothmer, zeigt das Ausmaß der Schieflage: 50- bis 64-Jährige sind demnach länger ohne Arbeit als der Durchschnitt aller Erwerbslosen. (...). Bei den 55- bis 59-Jährigen waren die Arbeitslosigkeitszeiten noch länger, über die Hälfte von ihnen galt laut Auskunft der Bundesregierung im Mai als langzeitarbeitslos."

In der Pressemitteilung der Bertelsmann-Stiftung heißt es dagegen nur:

"Mehr als ein Viertel der deutschen Langzeitarbeitslosen (26 Prozent) ist älter als 55 Jahre. Im EU-Schnitt sind nur 13 Prozent in dieser Altersklasse"

Die Bundesarbeitsagentur schreibt dazu:

"Im Durchschnitt des Jahres 2015 waren 574.000 ältere Menschen (55 Jahre und älter) arbeitslos"
(2016, S.8)

Die Abbildung 4 (vgl. 2016, S.8) differenziert diese Arbeitslosenzahl der Älteren folgendermaßen:

- 51 % sind unter 12 Monate arbeitslos
- 21 % sind zwischen 12 und 24 Monate arbeitslos (Langzeitarbeitslose)
- 28 % sind 24 Monate und länger arbeitslos (Langzeitarbeitslose)

Fazit: 49 % der 55 Jahr und Älteren sind gemäß Bundesarbeitsagentur langzeitarbeitslos, d.h. fast 287.000 Menschen. Die Bertelsmann-Stiftung beziffert die Zahl der Langzeitarbeitslosen auf 796.000 Menschen. 26 Prozent ergäben rund 207.000 Menschen. Die Bertelsmann-Zahlen liegen also um ca. 80.000 Menschen niedriger als die Bundesarbeitsagenturzahlen. Woher kommt diese Differenz? Die Bertelsmann-Stiftung erklärt in ihrer Pressemitteilung nur lapidar:

"Die harmonisierten Arbeitslosenquoten für die Mitgliedstaaten der EU basieren auf dem Erwerbslosenkonzept der ILO und können von den nationalen Statistiken zu registrierten Arbeitslosen abweichen."

Der Leser wird also mit diesem Problem allein gelassen, falls er dieses Problem überhaupt erkennt. Dagegen listet die Bundesarbeitsagentur folgende Gründe für die Differenzen zwischen der von der Bertelsmann-Stiftung genutzten EUROSTAT-Statistik und der Arbeitslosenstatistik der Bundesagentur für Arbeit auf:

"Die Unterschiede zwischen Arbeitslosigkeit aus der BA-Statistik und Erwerbslosigkeit nach dem ILO-Konzept folgen aus verschiedenen Erhebungsmethoden (Registrierung versus Stichprobenbefragung) und unterschiedlichen Konkretisierungen der Beschäftigungslosigkeit und der Arbeitsuche. So liegt nach der Definition im SGB III (§138) Arbeitslosigkeit auch dann vor, wenn eine Beschäftigung von weniger als 15 Wochenstunden ausgeübt wird, während nach dem ILO-Konzept schon eine Wochenstunde Arbeit Erwerbslosigkeit ausschließt.
In der ILO-Erwerbsstatistik ist Langzeiterwerbslosigkeit von zwölf Monaten und länger definiert als der Zeitraum, in welchem Arbeit gesucht wird und keiner Erwerbstätigkeit nachgegangen wird.14 Ermittelt werden die Dauern der Arbeitsuche über Befragungen von Personen, die aus ihrer Erinnerung heraus den Zeitraum der Arbeitsuche rekonstruieren müssen.
Im Gegensatz dazu misst die BA-Statistik Langzeitarbeitslosigkeit anhand der Dauer der Arbeitslosigkeit (zwölf Monate und länger). In der Arbeitslosenstatistik werden die Dauern auf Basis der Eintragungen in den operativen Vermittlungssystemen tagesgenau gemessen und mit den einzelnen statusrelevanten Zeitphasen genau dokumentiert. Anders als im Messkonzept der ILO-Erwerbsstatistik werden auch Unterbrechungen durch fehlende Verfügbarkeit – etwa wegen der Teilnahme an einer Weiterbildungsmaßnahme oder längere Arbeitsunfähigkeit – berücksichtigt.
Auch die Altersabgrenzung der beiden Konzepte unterscheidet sich. Während die BA-Statistik auf die Arbeitslosen zwischen 15 Jahren bis zum Renteneintritt basiert, bezieht sich die ILO-Erwerbsstatistik auf die Altersgruppe 15 bis unter 75 Jahre."

EISENREICH, Ruth (2016): Der harte Kern.
Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt die Not der Langzeitarbeitslosen in Europa,
in: Süddeutsche
Zeitung v. 11.06.

"796.000 Menschen in Deutschland - also 43 Prozent aller Arbeitslosen - sind der Studie zufolge langzeitarbeitslos, das heißt, sie suchen seit mindestens einem Jahr einen Job. Gut jeder sechste Arbeitslose sucht sogar seit vier Jahren oder mehr",

berichtet uns Ruth EISENREICH. Um mit diesen Zahlen etwas anfangen zu können, muss der Leser erst einmal die Gesamtzahl der Arbeitslosen ausrechnen. Die Pressemitteilung der Bertelsmann-Stiftung gibt 43,1 Prozent an, was eine Arbeitslosenzahl von rund 1,85 Millionen Menschen ergibt statt der fast 2,8 Millionen, die die Bundesagentur für Arbeit ausweist.

Woher hat EISENREICH die Zahl, dass jeder sechste Arbeitslose sogar seit vier und mehr Jahren sucht, obwohl das nicht in der Pressemeldung steht? Woher kommt also diese Zahl. Die Bundesarbeitsagentur beziffert dagegen den Anteil der Langzeitarbeitslosen, die zwei Jahre und länger gesucht haben mit 16 Prozent (vgl. Abbildung 4, 2016, S.8). Dies wäre jeder sechste Arbeitslose.

Vermischt hier EISENREICH genauso wie Dorothea SIEMS unterschiedliche Definitionen und warum hat sie das genauso wenig bemerkt wie SIEMS?

Es ist schlechter Journalismus, wenn uns Zahlen präsentiert werden, bei denen man sich die Ausgangsgröße selber errechnen muss. Und dann muss man feststellen, dass an den Angaben etwas nicht stimmen kann. Wäre das nicht Sache von Journalisten gewesen?

Noch verwirrrender wird es, wenn EISENREICH die Arbeitslosenzahlen als zu niedrig bezeichnet, weil nicht alle Nicht-Erwerbsfähigen erfasst werden:

"So sind in den den Zahlen »Inaktive« nicht enthalten, das sind alle jene Menschen, die weder arbeiten noch aktiv Arbeit suchen - etwa wegen einer Behinderung, weil sie sich ihren Kindern widmen wollen oder auch, weil sie die Hoffnung auf einen Job aufgegeben haben. Langzeitarbeitslose und Langzeit-Inaktive, die gern arbeiten würden, machten 2013 zusammen 8,1 Prozent aller Europäer zwischen 25 und 64 Jahren aus; fünf Jahre zuvor waren es nur 5,8 Prozent."

Erst haben wir Inaktive, dann plötzlich Langzeit-Inaktive, die gern arbeiten würden. Was will uns EISENREICH hier eigentlich sagen?

Dann spricht EISENREICH auch noch von "chronischer Arbeitslosigkeit". Dieser Begriff kommt bei Bertelsmann aber nicht vor. EISENREICH meint damit Arbeitslose, die in den Jahren 2011 bis 2013 jeweils mindestens ein halbes Jahr lang arbeitslos waren. Danach werden uns auch noch Unterbeschäftigte präsentiert:

"unterbeschäftigt, das heißt, sie arbeiteten unfreiwillig weniger als 30 Stunden pro Woche. In Deutschland waren es 3,9 Prozent."

Wurden hier die Menschen befragt, ob sie mehr arbeiten wollen oder wird hier jedem unterstellt, dass er mehr arbeiten möchte?

CREUTZBURG, Dietrich (2016): Geringqualifizierte tun sich in Deutschland schwer.
Die Langzeitarbeitslosigkeit ist stark gesunken - manche Arbeitslose finden trotzdem seit Jahren keine Stelle,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 11.06.

Dietrich CREUTZBURG macht zumindest auf die unterschiedlichen Statistiken hin, die er in seinem Bericht über die Bertelsmann-Stiftung verwendet: zum einen die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit des Jahres 2015: 1,04 Millionen Langzeitarbeitslose im Durchschnitt des Jahres, und zum anderen die europäische Arbeitsmarktstatistik:

"Nach den Maßstäben der europäischen Arbeitsmarktstatistik, wie sie die Bertelsmann-Stiftung verwendet, hatte Deutschland im vergangenen Jahr eine Langzeitarbeitslosenquote von 1,9 Prozent. Sie misst den Anteil der Langzeitarbeitslosen an der Gesamtgruppe der Erwerbstätigen und Arbeitssuchenden im Alter von 15 bis 74 Jahren."

Dies ist aber auch nicht korrekt, denn die Bertelsmann-Stiftung hat bei der Langzeitarbeitslosenquote von 1,9 nicht den Jahresdurchschnitt 2015 genommen, sondern lediglich den Wert vom 3. Quartal 2015 (vgl. Grafik "Vergleich Langzeitarbeitslosigkeit Deutschland und andere EU-Staaten")

"(Der) Studie zufolge (sind) unter den deutschen Langzeitarbeitslosen überproportional viele ältere Menschen über 55 Jahre: Ihr Anteil beträgt 26 Prozent gegenüber 13 Prozent im EU-Durchschnitt. Das hat allerdings auch damit zu tun, dass andere Länder ältere Arbeitslose schneller in Früh- oder Invalidenrente schicken, was ihre Arbeitslosenstatistik aufbessert",

schreibt CREUTZBURG zur Problemgruppe älterer Menschen auf dem Arbeitsmarkt. Diese Zahlen wiederum gelten für das Jahr 2014 statt für das 3. Quartal 2015 (vgl. Grafik "Vergleich Langzeitarbeitslosigkeit Deutschland und andere EU-Staaten"), wobei der EU-Durchschnitt in der Grafik mit 14 % angegeben wird. Außerdem bezieht sich die Zahl nicht auf die 55- bis 74-Jährigen, wie man anhand des weiter oben genannten Altersspektrums meinen könnte, sondern nur auf die 55- bis 64-Jährigen.

CREUTZBURG erklärt zwar genauer wie die anderen Medienberichte die Grundlage der Bertelsmann-Statistik, geht aber davon aus, dass der Leser sich mit der deutschen Arbeitsmarktstatistik auskennt.

Fazit: Die Medienberichte stiften in erster Linie Verwirrung, indem sie unvereinbare Konzepte zur Arbeitslosigkeit bzw. Langzeitarbeitslosigkeit vermischen. Dies ist aber auch den Materialen der Bertelsmann-Stiftung selber geschuldet.

Warum benutzt die Bertelsmann-Stiftung in erster Linie Anteilszahlen, während die absoluten Zahlen bis auf die Zahl der 796.000 Langzeitarbeitslosen verschweigt? Dies wird deutlich aus der folgenden Gegenüberstellung beider Statistiken:

Tabelle: Vergleich verschiedener Arbeitslosenzahlen der Bundesagentur für Arbeit (BfA) und der Bertelsmann-Stiftung für das Jahr 2015
  BfA Bertelsmann-Stiftung
Gesamtzahl der Arbeitslosen 2.795.000 keine Angabe
Anzahl der Langzeitarbeitslosen 1.039.000 796.000
Anteil der Langzeitarbeitslosen an der Gesamtzahl der Arbeitslosen 37,2 % 43,1 %
Anzahl der arbeitslosen 55-Jährigen und Älteren 574.000 keine Angabe
Anteil der 55-Jährigen und Älteren Langzeitarbeitslosen in dieser Altersgruppe 49 % keine Angabe
Anteil der 55-Jährigen und Älteren Langzeitarbeitslosen an den gesamten Arbeitlosen keine Angabe 26 %
Quellen: Pressemitteilung der Bertelsmann-Stiftung vom 10.06.2016; Broschüre Die Arbeitsmarktsituation von langzeitarbeitslosen Menschen 2015 der Bundesagentur für Arbeit vom April 2016

Auf den ersten Blick ist erkennbar, dass bei der Bertelsmann-Stiftung zwar die absoluten Arbeitslosenzahlen niedriger sind, die Anteilszahlen sind jedoch höher, wenn sie sich auf die gleiche Bezugsgröße beziehen (z.B. 43,1 statt 37,2 Prozent). Dagegen können unerwünschte Zahlen durch Wechsel der Bezugsgröße niedriger ausgewiesen werden (z.B. für ältere Arbeitnehmer) Durch solche Tricks können Sachverhalte entweder dramatisiert oder entdramatisiert werden.

Allein durch die Wahl der Größenangaben (absolute oder relative Zahlen) und die Wahl der jeweiligen Bezugsgröße können unterschiedliche Deutungen zur Arbeitslosigkeit bzw. Langzeitarbeitslosigkeit in Deutschland nahe gelegt werden.

Vergleicht man die Medienberichte von Dorothea SIEMS (Welt) und Grit GERNHARDT (Neues Deutschland), dann ergeben sich unterschiedliche Stoßrichtungen der beiden Argumentationen bezüglich der 55-Jährigen und Älteren. Während SIEMS die Frühverrentungspraxis in Deutschland angreift, kritisiert GERNHARDT die Einführung der Rente mit 67 ohne ausreichende Maßnahmen zur Integration der Älteren in den Arbeitsmarkt. SIEMS greift für ihre Kritik der Frühverrentung auf die EUROSTAT-Zahlen zurück:

"Vor allem der Vorruhestand dient vielen EU-Staaten als Arbeitsmarktkosmetik. Neben Griechenland setzen vor allem ehemalige Ostblockstaaten die Frührente in großem Umfang ein, um den Arbeitsmarkt zu entlasten. Tschechien, Kroatien und Slowenien schicken rund elf Prozent ihrer erwerbsfähigen Bevölkerung frühzeitig in Rente. Auch in Österreich ist der Vorruhestand verbreitet (7,5 Prozent). Deutschland liegt mit vier Prozent im Mittelfeld, zumal die Profiteure der großen Vorruhestandsprogramme der 90er-Jahre in dieser Quote nicht mehr erfasst sind, da sie längst das reguläre Rentenalter erreicht haben. Musterschüler in der EU ist Belgien, das ganz auf die sozialpolitisch umstrittene Praxis der Frühverrentung verzichtet."

Die Zahlen stammen jedoch aus dem Jahr 2013 und nicht wie andere Zahlen aus dem Jahr 2015, was verschwiegen wird (vgl. Abbildung 4 der Kurzfassung 2016, S.6). Was SIEMS als "erwerbsfähige Bevölkerung" bezeichnet, nennt die Bertelsmann-Stiftung "Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter", womit die Gesamtbevölkerung in der Altersgruppe der 25- bis 64-Jährigen gemeint sind.

Die Bertelsmann-Stiftung unterteilt die Langzeitnichterwerbspersonen (LZNEP)  in folgende vier Gruppen:
- Langzeitnichterwerbspersonen aufgrund Frührente
- Langzeitnichterwerbspersonen aufgrund Erwerbsminderung
- Langzeitnichterwerbspersonen mit Arbeitsmarktorientierung
- Langzeitarbeitslose

SIEMS greift sich also nur die erste Gruppe der Frührentner heraus, um Belgien zum europäischen Musterknaben zu stilisieren. Wie stellt sich aber der Vergleich tatsächlich dar, wenn man alle 4 Gruppen betrücksichtigt? Das zeigt folgende Tabelle:

Tabelle: Vergleich der vier Gruppen von Langzeitnichterwerbspersonen (LZNEP) in Deutschland und Belgien im Jahr 2013
  Deutschland Belgien
LZNEP 12 % 12 %
Frührentner 4 % 0 %
Erwerbsminderung 2 % 5 %
Menschen, die gerne arbeiten würden (LZNEP mit Arbeitsmarktorientierung) 4 % 4 %
Langzeitarbeitslose 2 % 3 %
Quelle: Kurzfassung 2016, Abbildung 4, S.6

Die Tabelle zeigt, dass die Anzahl der Langzeitnichtwerbspersonen für Deutschland und Belgien identisch ist (Die Zahlen unterscheiden sich nur nach der Kommastelle). Beim Musterknaben Belgien wird die deutsche Frührente zu 75 % zu Lasten von Personen mit Erwerbsminderung (Invalidenrente) und zu 25 % zu Lasten einer höheren Langzeitarbeitslosigkeit erkauft, während das Problem von Menschen, die gerne arbeiten würden, genauso groß bleibt wie in Deutschland. Sieht so ein europäischer Musterknabe aus?

GERNHARDT greift dagegen zur Kritik der hohen Zahl an Langzeitarbeitslosen unter den Älteren auf die Aktivierungsquote zurück. Sie benutzt dabei jedoch nicht Zahlen der Bertelsmann-Stiftung, sondern der Bundesagentur der Arbeit, sodass hier kein direkter internationaler Vergleich möglich ist:

"Die sogenannte Aktivierungsquote, die sich aus der Anzahl der Teilnehmer an Förder- und Weiterbildungsmaßnahmen ergibt, sinkt besonders bei Arbeitslosen ab 55 Jahren rasant - auf 10,8 Prozent. Im Durchschnitt aller Arbeitslosen beträgt sie 16,3 Prozent. Bei den Über-60-Jährigen liegt die Aktivierungsquote gerade noch bei 6,7 Prozent, wie aus den Daten der Bundesagentur für Arbeit hervorgeht."

Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass die Medienberichterstattung zur Bertelsmann-Studie auf ganz unterschiedliche Zahlen zurückgreift, die nicht unbedingt kompatibel sind. Durch Weglassen oder Falschdarstellung werden jeweils andere Aspekte, die zum Teil sogar konträr sind, betont.

Aufgrund der unseriösen Materialien der Bertelsmann-Stiftung (insbesondere das Fehlen eines Tabellenanhangs, der die Studie nachvollziehbar macht, und die mangelhafte Erläuterung der Unterschiede von EUROSTAT- und nationaler Arbeitsmarktstatistik) wird dem Leser das Aufdecken von Verzerrungen oder gar Falschdarstellungen erschwert. Schlechter Journalismus, der eigentlich Unstimmigkeiten entdecken müsste, wirkt zusätzlich noch desinformierend. Aufklärung sieht anders aus!   

 
       
   

SZ-Wochenthema: Steuern und Gerechtigkeit.
Seit Monaten doktert die Koalition an einer Reform der Erbschaftssteuer herum. Sie lässt sich von Lobbyisten bremsen und verliert sich im Klein-Klein. Dabei wäre die Zeit reif für einen großen Wurf

HULVERSCHMIDT, Claus (2016): Es darf auch wehtun.
Der Staat sollte Vermögenden mehr abverlangen und so die breite Mehrheit der Arbeitnehmer entlasten. Von anderen Ländern lässt sich lernen, dass es geht,
in: Süddeutsche
Zeitung v. 11.06.

"Der Anteil vermögensbezogener Abgaben an allen Steuereinnahmen ist in den USA vier, in Großbritannien sogar fünf Mal so hoch wie in der Bundesrepublik. Ausgerechnet die Apostel des Kapitalismus also gehen weniger zimperlich mit ihren Reichen um als die vermeintlich so egalitären Deutschen",

erklärt uns Claus HULVERSCHEIDT, der uns ausgerechnet die USA als gelobtes Land vorstellt. Die Ahnengalerie, die uns HULVERSCHEIDT herunterbetet, zeigt bereits woher der rechte Wind weht:

"Das Land Ludwig Erhards, Karl Schillers, Helmut Schmidts und Gerhard Stoltenbergs - es ist zur Heimstatt von Zwergökonomen verkommen."

HULVERSCHEIDT stilisiert die obere Mittelschicht zu den Verlierern, obwohl diese sich dank Umverteilung von unten nach oben in Richtung Oberschicht absetzt, was eine Falschberechnung des DIW ans Licht brachte.

Dreist wird es, wenn HULVERSCHEIDT die Steuerpolitik zu einem Beitrag einer "wehrhaften Demokratie" erklärt. Neoliberale sind dadurch gekennzeichnet, dass sie Steuern und Sozialabgaben zusammenwerfen, obwohl letztere mit einer Gegenleistung in Form sozialer Absicherung verbunden sind, die gerade jenen jenseits von oberer Mittelschicht und Oberschicht, die sich bereits entsolidarisiert haben, helfen sollten. Aber gerade hier wird gespart. Um die obere Mittelschicht zu schonen, fordert HULVERSCHEIDT den Focus nicht auf Einkommensungleichheit, sondern allein auf die Vermögensungleichheit zu lenken. Jedoch nur wer beides in den Blick nimmt, statt nur eines, wird einer Debatte um soziale Ungleichheit gerecht. Soziale Herkunft ist immer noch die entscheidende Größe, wenn es um Ungleichheit geht. Das aber wird bei HULVERSCHEIDT verschleiert.

HULVERSCHEIDT plädiert zuerst für eine Vermögenssteuer, deren Mehreinnahmen er zur Steuersenkung "im mittleren und niedrigen" Einkommensbereich (darunter können sich viele gemeint fühlen) verwenden will. Zudem will er

"Renten-, Kranken- und Pflegekasse stärker (...) stützen und damit die hohen Sozialbeiträge ab(...)bauen."

Dies werden viele gut finden, aber wer garantiert, dass dies die Prioritäten sein werden und nicht stattdessen die Gelder in höhere Militärausgaben und Polizei fließen werden?

Statt der Vermögenssteuer präsentiert uns dann HULVERSCHEIDT eine drastische Erhöhung der Erbschaftssteuer (wahlweise auch eine einmalige Nachlasssteuer) und die Erhöhung der Grundsteuer (Ausnahme "kleine Reihenhäuser"! Warum nicht Eigentumswohnungen?)   

GAMMELIN, Cerstin (2016): Die Bremser.
Im Streit über die Erbschaftssteuer haben Familienunternehmer Erstaunliches erreicht: Sie blockierten eine schon beschlossene Reform,
in: Süddeutsche
Zeitung v. 11.06.

 
       
   

GESTERKAMP, Thomas (2016): Billiger Nachmittag.
Der Ausbau der Ganztagsschulen in Deutschland wird durch mangelnde Ressourcen und fehlende Fachkräfte ausgebremst,
in:
Neues Deutschland v. 11.06.

 
       
   

MENKENS, Sabine (2016): Selbstbestimmter und wertvoller denn je.
Großeltern können Kindern geben, was Eltern oft fehlt: Zeit, Gelassenheit, soziale Bindung,
in: Welt
v. 11.06.

 
       
   

SCHMIDT, Lucia (2016): Der Wert der Pflege.
Leidartikel: Der "Notstand" in der Pflege hat nicht nur mit Geld und Macht zu tun. Es geht um Anerkennung,
in: Frankfurter Allgemeine
Zeitung v. 11.06.

"Prognosen zufolge wird in den kommenden 15 Jahren die Zahl der Pflegebedürftigen um fünfzig Prozent auf mehr als drei Millionen steigen, eine halbe Million Fachkräfte wird dann fehlen, um diese Menschen zu versorgen",

berichtet uns Lucia SCHMIDT. Angesichts der Vertagung eines Gesetzesentwurfs zur Reform der Pflegeausbildung, klagt sie vor diesem Hintergrund, dass die ethische Dimension des Dienens zu wenig berücksichtigt wird.

 
       
   

GRÜNBERG, Karl (2016): Spätschicht.
Die einen suchen Sinn, die anderen brauchen Geld: Immer mehr Berliner starten aus dem Ruhestand noch einmal ins Berufsleben. Unter ihnen gibt es große Unterschiede - von prekär bis privilegiert, von verschämt bis erfüllt. Doch alle gemeinsam stehen für die Zukunft der Arbeit und Gesellschaft,
in:
Tagesspiegel v. 11.06.

Karl GRÜNBERG präsentiert uns passend zum neuen Altersbild die geplante Flexi-Rente und diffamiert die Rente als Hängematte. Er hat Experten befragt, die uns sagen, wir seien nicht allein, wenn wir statt (oder auch trotz) der Rente lieber arbeiten wollen. Und der Soziologe Mathias STUHR wird bemüht, um uns einzureden, dass wir mit dem Ruhestand den Sinn des Lebens verpassen. Danach erschlägt uns GRÜNBERG noch mit Statistikzahlen zu den Älteren, die uns ein Vorbild sein sollen:

"2015 gab es bundesweit 230.989 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte im Alter von 65 bis 69 Jahren. Rentner also, die in Voll- oder Teilzeit arbeiten. Hinzu kommen die Minijobber, von denen es im Dezember bundesweit 938.345 zwischen 65 und 69 gab. Und dann gibt es ja noch die Rentner, die als Selbständige hinzuverdienen. Ein gerade veröffentlichter Altersreport, der die Lebenssituation von älteren Menschen untersucht, zählt all diese Gruppen zusammen und kommt für das Jahr 2014 auf 11,9 Prozent aller vermeintlichen Ruheständler, die de facto noch erwerbstätig sind. 2006 waren es noch 5,1 Prozent"

Woher hat GRÜNBERG die Zahlen, die er dem Alterssurvey 2014 zuschreibt? Dieser wurde jedoch nur in den Jahren 1996, 2002, 2008 und 2014 erhoben. Zahlen für das Jahr 2006 gibt es also nicht.

Der Artikel wird garniert mit vier Lebensläufen von Unruheständlern, die das Spektrum des produktiven jungen Alten abdecken, die unser neues Altersbild anleiten sollen: "Wenn es nicht mehr geht, schnalle ich eben den Gürtel enger" (Frau seit 4 Jahren in Rente), "Ich brauche Zähne" (68-Jähriger), "Stillstand gibt es bei mir nicht" (65-Jähriger) und "Vom Rumsitzen bekomme ich ein schlechtes Gewissen" (67-Jährige). Man kann diese Motto-Überschriften auch als soziale Erwünschtheit verstehen.

 
       
   

BROEG, H. u.a. (2016): Zehn Jahre länger leben. Die neue Wissenschaft des Alterns.
Genanalyse, Blutverjüngung und der vermeintliche Wunderwirkstoff Rapamycin: Während unsere Gesellschaft immer älter wird, vermessen die Forscher die Möglichkeiten, dem Menschen mehr Lebensjahre zu schenken,
in: Focus Nr.24 v. 11.06.

KRISCHER, Markus (2016): Was bedeutet es für unsere Gesellschaft, wenn wir alle 100 werden?
Die Lebenserwartung steigt. Geburtenraten sinken. Schon bald stellen die Alten die Mehrheit - die Folgen sind dramatisch,
in: Focus Nr.24 v. 11.06.

In welchem Jahrtausend werden wir alle 100 müsste man angesichts dieser dummen Schlagzeile fragen. Bislang werden gerade einmal 50 % der Menschen in Deutschland um die 80 Jahre alt. KRISCHER nervt mit Horrorszenarien Marke SCHIRRMACHER, die vor allem eines sind: Kaffeesatzleserei!

FOCUS (2016): 31 Regeln für ein längeres Leben,
in: Focus Nr.24 v. 11.06.

Eine Sammlung von Banalitäten

 
       
   

BUCHELI, Roman (2016): Geschäftsmodell Pessimismus.
Wo das Schlimmste droht, steigt die Nachfrage nach Vorsorge. Die Industrie der Angstbewirtschaftung gehört darum zu den Wachstumsbranchen. Wir täten besser daran, das Vertrauen in die kritische Vernunft zu stärken,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 11.06.

Erst schwadroniert der Feuilletonist Roman BUCHELI auf der Seite 1 fast die Hälfte des Artikels von der Angstbewirtschaftung, um dann lediglich Peter SLOTERDIJKs aktuelles Pamphlet Was geschah im 20. Jahrhundert? herauszukramen, in dem eine "prognostische Intelligenz" gefordert wird. Während lange Zeit von Bedürfnissen gesprochen wurde, wird in unseren hysterischen Zeiten wieder auf biologistische Konzepte wie Triebe zurückgegriffen, um die Bedrohung der Zivilgesellschaft hervorzukehren. Mit SLOTERDIJK wird uns von BUCHELI die Lebenskunst, ein schwammiger philosophischer Modebegriff, als Wunderwaffe hervorgezaubert, um dann die "Mitarbeit" an der Gestaltung einer - wie auch immer - Zukunft als Aufgabe zu bezeichnen. Führer wir folgen? Wir hätten es dagegen gerne konkreter statt schwafelig: Wobei sollen wir mitarbeiten? Da schweigt BUCHELI dann doch lieber. 

 
       
 

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