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Medienrundschau:

News zum Single-Dasein

 
   
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Medienberichte über single-generation.de
 
 
 
   

News vom 15. - 17. November 2017: [15.11.] [16.11.] [17.11.]

 
 
     
 
   

Zitat des Monats:

Die Ungewissheit der Lebenssituation als Problem der privaten Altersvorsorge

"Die empirischen Ergebnisse zeigen, dass die allgemeinen Unsicherheiten bei der Organisation der privaten Altersvorsorge insbesondere dann für den Abschluss eines Produkts problematisch sind, wenn sich Individuen in einer unsichereren Lebenssituation befinden. So sind es gerade Jüngere und Personen in instabilen Beschäftigungslagen, die sich mit der Planung und dem Abschluss von Vorsorgeprodukten zurückhalten. Die betreffenden Personen handeln dabei nicht irrational oder kurzsichtig, sie sind sich vielmehr der problematischen Absicherungssituation im Alter bewusst, nur sind sie erst dann in der Lage größere Zeithorizonte und damit das Alterssparen in den Blick zu nehmen, wenn kurze Zeithorizonte hinreichend abgesichert erscheinen."
(Felix Wilke "Private Vorsorge zwischen Wunsch und Wirklichkeit - die ambivalente Rolle von Unsicherheit im neuen Rentenmodell" in der Zeitschrift Deutsche Rentenversicherung, September 2017, S.331)

 
       
       
   

17.11.2017

 
       
   

Die Entwicklung der Geburtenzahlen in Deutschland

ND/DPA (2017): Prognosen wider die Realität.
Mecklenburg-Vorpommern: Auch im Nordosten hält das Geburtenwachstum an - die Politik ging vom Gegenteil aus,
in:
Neues Deutschland v. 17.11.

Nicht nur auf Bundesebene, sondern auch auf Länderebene sind die Bevölkerungsvorausberechnungen hinsichtlich der Geburtenentwicklung völlig überaltert. Das hat gravierende Folgen wie Andreas WELLMANN, Geschäftsführer des Städte- und Gemeindetags jetzt kritisiert:

"Das Problem falscher Prognosen: Die Politiker in Land und Kommunen treffen auf ihrer Basis Entscheidungen, wie Schließung, Erhalt oder Neubau von Schulen und Kitas oder auch Verwaltungsreformen. In Schwerin etwa gibt es einen Schul- und Hortplatzmangel - plötzlich sind viel mehr Kinder da als geplant.
Wellmann wünscht sich Bevölkerungsprognosen, die mehr mögliche Szenarien betrachten und häufiger aktualisiert werden. »Wenn ich merke, meine Annahmen stimmen nicht und es entwickelt sich anders, dann muss ich ran, weil davon Planungsprozesse abhängen«, sagte er."

Im Zeitungsbericht wird auf die 4. Bevölkerungsprognose aus dem Jahr 2008 verwiesen. Die Zahlen entstammen dem Statistischen Bericht vom 10. März 2009 (vgl. S.30). Wie gestern von single-dasein.de für die Bundesebene, werden Prognose und tatsächliche Entwicklung gegenübergestellt für Mecklenburg-Vorpommern verglichen. Als weitere Prognose wird die "vorerst letzte Überarbeitung" der 4. Bevölkerungsprognose aus dem Jahr 2012 genannt, wobei nur Zahlen für Schwerin präsentiert werden, die mit dem Statistischen Bericht vom 21.06.2013 übereinstimmen (vgl. S.38f.).

Die 5. Bevölkerungsprognose ist gemäß Bericht in Arbeit, wobei neue Annahmen zur Geburtenentwicklung geplant sind. Man sollte sich nicht zu viel davon versprechen, denn solche Prognosen sind ideologisch, worauf bereits der Tenor des Berichts hinweist, wenn es heißt:

"Das Ministerium teilte auf Anfrage mit, dass in die Überarbeitung der Prognose von 2012 auch neue Geburten-Vorhersagen aufgenommen wurden. Für 2014 traf diese neue Vorhersage fast genau zu, für 2015 lagen die Experten im Vergleich zur Realität bereits 4,2 Prozent zu niedrig, 2016 um 6,8 Prozent. Sie vermuten, dass ein großer Teil der Entwicklung auf Flüchtlinge zurückzuführen ist und nicht zwingend langfristig anhält.
Die Zahl der Geburten sei abhängig von der Anzahl der Frauen im gebärfähigen Alter, erklärte eine Ministeriumssprecherin. Diese gehe stetig zurück und werde auch in Zukunft nicht steigen, »so dass perspektivisch absolut die Anzahl der Geburten leicht zurückgehen wird, falls nicht wesentlich mehr Kinder pro Frau geboren werden«."

Statistiker sollten keine Vermutungen anstellen, sondern sich auf empirische Daten stützen. Eine Ministeriumssprecherin dürfte kaum die geeignete Auskunftsperson sein.    

 
       
   

Das Positionspapier "Parteiunabhängiger Bürgermeister des Erzgebirgskreises" zur Situation Kreisangehöriger Kommunen in den Medien

DRESCHER, Claudia (2017): Es rumort in Sachsens Erzgebirge.
21 Bürgermeister kritisieren Landesregierung,
in:
Neues Deutschland v. 17.11.

Claudia DRESCHER nennt nur die Bürgermeister von Annaberg-Buchholz, Lauter-Bernsbach und Marienberg. Das Papier haben auch die Bürgermeister von Bad Schlema, Bärenstein, Crottendorf, Elterlin, Jöhtal, Mildenau, Neukirchen, Raschau-Markersbach, Scheibenberg, Schlettau, Sehmatal, Stollberg, Schneeberg, Tannenberg, Thermalbad Wiesenbad, Schönheide, Wolkenstein und Zschopau unterzeichnet. Das sind rund ein Drittel der Erzgebirgsgemeinden der über 60 Kommunen. Auf der Website des Erzgebirgskreises heißt es:

"Der Erzgebirgskreis verfügt über 60 Kommunen, in denen insgesamt 345.995 Einwohner leben. 27 Kommunen besitzen das Stadtrecht. Die größte Kommune des Landkreises ist Annaberg-Buchholz mit rund 20.435 Einwohnern, gefolgt von Schwarzenberg mit rund 17.354, Marienberg mit rund 17.289 und Aue mit rund 16.338 Einwohnern" (Stand: 18.11.2017)

Bei der Bundestagswahl war der Erzgebirgskreis in zwei Wahlkreise unterteilt: 164 Erzgebirgskreis I (AfD-Zweitstimmenergebnis: 29,2 %) und 163 Erzgebirgskreis II (AfD-Zweitstimmenergebnis: 30,6 %). Die unterzeichnenden Bürgermeister der Gemeinden gehören fast alle zum Wahlkreis 164, lediglich Neukirchen und Stollberg gehörten zum Wahlkreis 163. In beiden Gemeinden blieb die AfD hinter der CDU und trugen damit nicht dazu bei, dass die AfD in Sachsen stärkste Kraft wurde. Das war in Annaberg-Buchholz (29,2 %), Elterlein (35,0 %), Jöhstadt (35,4 %), Lauter-Bernsbach (32,0 %), Raschau-Markersbach (34,2 %), Schlettau (30,1 %), Tannenberg (34,2 %) und Zschopau (28,2 %) anders. Dort wurde die AfD stärkste Kraft vor der CDU.

 
       
   

Die Entwicklung der Wohnungslosigkeit in Deutschland in der Debatte

DRIBBUSCH, Barbara & Dominik BAUR (2017): "Wir sind keine Penner".
Die Zahl der Wohnungslosen steigt. Doch die Statistik verschleiert, wie heterogen diese Gruppe heute ist. Manchmal reicht ein Schufa-Eintrag für die Misere,
in:
TAZ v. 17.11.

Die Statistik verschleiert? Es ist noch viel schlimmer: eine Statistik, in der Armut in Deutschland erfasst wird, existiert gar nicht! Wohnungslose fallen aus dem Mikrozensus heraus, der Basis für die Armutsstatistik nicht nur in Deutschland, sondern auch in der EU ist. Wohnungslosigkeit ist zudem in den Medien ein Saisonthema: Wenn es kalt wird und sich Weihnachten nähert, dann erinnern sich die Medien, dass es ja auch noch die Wohnungslosen gibt. 

 
       
   

Die neue Klassengesellschaft in der Debatte

ECKERT, Daniel (2017): Das Märchen vom gerechten Deutschland.
Zerfällt die Gesellschaft immer weiter in Arm und Reich? Eine groß angelegte Studie der Bertelsmann-Stiftung liefert Antworten,
in:
Welt v. 17.11.

Das Märchen vom gerechten Deutschland? Auf solch eine Schlagzeile wartet man beim neoliberalen Wirtschaftsteil vergebens. Stattdessen wird das Gegenteil suggeriert: Das Märchen vom ungerechten Deutschland! Das liegt auf der Argumentationslinie der neoliberalen Leithammel, die Ungleichheit als Anreiz für die ungerecht Behandelten versteht. Dies soll das Konkurrenzdenken stärken. Die Ökonomen erhoffen sich damit mehr Profite für die Wirtschaft.

Daniel ECKERT präsentiert uns den Soziale Gerechtigkeit in der EU - Index Report 2017 der neoliberalen Bertelsmann-Stiftung. Index heißt, dass alle möglichen Gerechtigkeitsfaktoren auf wenige Kennzahlen reduziert werden. Das sind jene, die der Wirtschaft und den Reichen besonders viel einbringen. Nach der vorherrschenden Ideologie lautet die Annahme, dass die Armen davon ebenfalls profitieren. Die Realität ist jedoch eine andere.

Der Report vergibt Schulnoten für jedes Fach. Zeugnisse gibt es jeweils jährlich in Form dieses Reports. In der Schule gibt es Lehrpläne und heimliche Lehrpläne - genauso wie in diesem Report. Die Kennzahlen geben deshalb nicht Auskunft über Gerechtigkeit, sondern über die neoliberale Gerechtigkeitsvorstellung. Wie bei Schulnoten so üblich, wird nie ganz deutlich, warum welche Note wofür vergeben wird. Wenn Länder sich nur durch die zweite Stelle hinter dem Komma unterscheiden, soll das kleine Unterschiede suggerieren. Die Noten für die 28 EU-Länder liegen zwischen 3,7 und 7,39. Was wäre, wenn die Notenskala von 37 bis 73,9 reichen würde? Würden die kleinen Unterschiede allein durch eine andere Skala nicht gleich viel größer erscheinen?

BERNAU, Patrick (2017): Den Deutschen geht es ziemlich gut.
Drei Studien in drei Tagen zeigen den Wohlstand,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 17.11.

Die FAZ geht effizienter vor. Sie handelt die PR der Bertelsmann-Stiftung zusammen mit einem OECD-Bericht und der PR der Versicherungswirtschaft ab. Da wird dann gleich klar, welche Interessen bedient werden.

"Schon lange wird auch darüber gesprochen, dass die Vermögen relativ ungleich verteilt sind - das liegt auch an statistischen Eigenheiten des deutschen Rentensystems",

belehrt uns Patrick BERNAU. Rentenanwartschaften möchten Neoliberale gerne als virtuelles Vermögen zählen. Im Gegensatz zu echtem Vermögen lassen sich die jährlichen Renteninformationen über die Höhe der zu erwartenden Rente jedoch nicht jederzeit in bare Münze umsetzen.

Noch lieber würden Neoliberale die gesetzliche Rente natürlich ganz abschaffen, weshalb uns die Lobbyorganisation IW Köln vorrechnet, dass Arbeiten im Rentenalter die Armut senkt. Dass es auch die Löhne senkt ist ein Effekt, der gerne mitgenommen wird, aber nicht publiziert wird.  

"Würden die sozialen Unterschiede verringert, glaubt nicht mal die Hälfte der Deutschen, dass sie davon profitieren würde. Dafür rechnet zwei Drittel mit persönlichen Vorteilen, wenn die Belastungen durch Steuern und Abgaben sinken",

hebt BERNAU bei der Umfrage der Versicherungswirtschaft hervor. Soll heißen: Soziale Gerechtigkeit ist schlecht, Ungleichheit ist besser.

Der OECD-Bericht verbucht unter dem Punkt "Zivilengagement" (vgl. 2017, S.2) die Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 2013. Hätte man die Bundestagswahl 2017 genommen, dann wäre der einzige negativ nach unten zeigende Pfeil weggefallen. Die AfD könnte sich also zugute halten, dass sie viel zur Lebensqualität in Deutschland beiträgt. Bei der Bundestagswahl 2021 könnte die AfD dann damit werben.

 
       
   

Der Literaturbetrieb in der Debatte

FREIBERGER, Harald & Max HÄGLER (2017): "Ich möchte verheilte Wunden zum Bluten bringen".
Der Schriftsteller Friedrich Ani über seinen mühevollen Weg zu einer eigenen Existenz, sein Leben auf 45 Quadratmetern, vernichtende Kritik in der Kindheit - und darüber, wie er sich einmal fast einen Ford Mustang gekauft hätte,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 17.11.

"Opfer wie Täter leben in schwierigen Verhältnissen, in balkonlosen Zimmern nach Norden, schwermütige, von der Gesellschaft und deren Tugendwächtern verbeulte Gestalten",

beschreibt Friedrich ANI sein Kriminalromanpersonal.

 
       
   

Die Riester-Rente in der Debatte

JANISCH, Wolfgang (2017): Riester-Verträge nicht pfändbar.
Voraussetzung ist dem BGH zufolge aber eine staatliche Förderung,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 17.11.

Nach dem BGH-Urteil sind nur Riester-Verträge unpfändbar, für die ein Zulagenantrag gestellt wurde. Das Urteil nützt den Finanzdienstleistern (im konkreten Fall der Allianz) mehr als jenen Menschen, deren Altersvorsorge eigentlich unantastbar sein sollte. Schließlich wurde erst durch die Teilprivatisierung die private Altersvorsorge zur Notwendigkeit/Pflicht für alle. 

 
       
   

Die Lebensversicherer als Akteur der Altersvorsorge: Von vollmundigen Versprechungen zur Entledigung der Altlasten

HERZ, Carsten (2017): "Eine herausfordernde Zeit".
Achim Kassow: Der Vorstandschef der Ergo-Deutschland spricht über einen möglichen Verkauf von Ergo Leben und Victoria, die Sorgen der Kunden und wie viele Lebensversicherungs-Policen er selbst besitzt,
in:
Handelsblatt v. 17.11.

 
       
   

16.11.2017

 
       
   

Die Pressemeldung Mehr Geburten und weniger Sterbefälle im Jahr 2016 des Statistischen Bundesamtes in den Medien

In den meisten deutschen Leitmedien herrscht heute Stillschweigen über die Geburtenentwicklung in Deutschland. Vor zehn Jahren war das dagegen ganz anders, da wurden dreimal im Jahr die Geburtenzahlen vermeldet. Das Elterngeld war gerade eingeführt worden und die Familienministerin Ursula von der LEYEN stand unter Erfolgszwang. Doch die Geburtenzahlen entsprachen nicht den Erwartungen, weshalb das Vermelden von Quartalszahlen schnell wieder außer Mode kam.

Dass dieses Jahr die Geburtenzahlen ausgerechnet den entscheidenden Sondierungsgesprächen um die Renten- und Familienpolitik in die Quere kommen, ist sicherlich ein Grund für die Zurückhaltung der Medien. Optimistische Zahlen zum demografischen Wandel wären da Gift für die neoliberale Neuausrichtung. Den Tenor gibt Spiegel Online vor: Mehr Babys - aber nicht genug lautet die Schlagzeile, die sich an die Hauptzielgruppe der deutschen Bevölkerungspolitik richtet: das Akademikermilieu.

Die Kinderlosigkeit der Akademikerinnen war das Megathema des letzten Jahrzehnts, erst in letzter Zeit hat die Bevölkerungswissenschaft das Fehlen der Kinderreichen auf die politische Agenda gesetzt. Das ging mit einem personellen Wechsel von Jürgen DORBRITZ zu Martin BUJARD einher. Dass seit den 1990er Jahren die Kinderlosigkeit überschätzt wurde, lag an fatalen Fehleinschätzungen aufgrund der populären Individualisierungsthese, die als Popsoziologie punktete und dadurch oftmals empirische Forschung ersetzte. Der Konflikt zwischen alter (Verteidigung der traditionellen Familie) und neuer Mitte (Vereinbarkeit von Karriere und Familie) führte zur politisch motivierten Blockade der empirischen Forschung. Der nationalkonservative Bevölkerungswissenschaftler Herwig BIRG bestimmte mit seiner Propaganda die Debatte um die Geburtenentwicklung. Erst die Mikrozensuserhebungen 2008 und 2012 brachten erstes Licht in das Dunkel. Nur noch stramme Rechte und Nationalkonservative meinen heutzutage noch, dass die Kinderlosigkeit das Hauptproblem der niedrigen Geburtenrate in Deutschland ist.

Was bedeutet es, dass das Statistische Bundesamt von falschen Annahmen in seinen Bevölkerungsvorausberechnungen bei der Geburtenentwicklung ausging? Vor ziemlich genau 8 Jahren wurde die 12. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung (kurz: 12. BVB) des Statistischen Bundesamtes veröffentlicht. Die mittlere Variante wurde als Untergrenze und Obergrenze ausgewiesen. Ein Vergleich mit der tatsächlichen Entwicklung von Geburten und Sterbefällen zeigt, wie schon nach weniger als 10 Jahren die Abweichungen aus dem Ruder laufen.

Tabelle: Abweichungen zwischen der 12. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des
Statistischen Bundesamtes und der tatsächlichen Entwicklung von Geburten, Todesfällen
und Geburtendefizit zwischen 2008 und 2016
Jahr 12. BVB Tatsächliche
Entwicklung
12. BVB Tatsächliche
Entwicklung
12. BVB Tatsächliche
Entwicklung
Abweichung
Lebendgeborene Gestorbene Geburtendefizit
2008   682.514   844.439   - 161.925  
2009 666.000 665.126 848.000 854.544 - 182.000 - 189.418 + 7.418
2010 662.000 677.947 862.000 858.768 - 200.000 - 180.821 - 19.179
2011 660.000 662.685 871.000 852.328 - 211.000 - 189.643 - 21.357
2012 660.000 673.544 882.000 869.582 - 222.000 - 196.038 - 25.962
2013 660.000
661.000
682.069 892.000 893.825 - 231.000
- 232.000
- 211.756 - 19.244
- 20.244
2014 661.000
662.000
714.927 901.000 868.356 - 239.000
- 240.000
- 153.429 - 85.571
- 86.571
2015 662.000
663.000
737.575 910.000 925.200 - 247.000
- 248.000
- 187.625 - 60.375
- 59.375
2016 663.000
665.000
792.000 919.000 911.000 - 254.000
- 256.000
- 118.000 - 136.000
 (46,1 %)
- 138.000
(46,5 %)
 

Innerhalb von nur 8 Jahren haben sich fast 50 % Abweichung zwischen der Bevölkerungsvorausberechnung und der tatsächlichen Entwicklung beim Geburtendefizit ergeben. Abweichungen beim Geburtendefizit können sich durch gleichläufige Entwicklungen erhöhen oder durch gegenläufige Entwicklungen verringern. So gab es im Jahr 2015 zwar rund 75.000 Geburten mehr, aber dafür starben auch 15.000 Menschen mehr. Das Geburtendefizit fiel deshalb geringer aus, während dieses Jahr die Geburten stark zunahmen und gleichzeitig die Todesfälle abnahmen. Im Gegensatz zur Suggestion von Bevölkerungsvorausberechnungen, dass die Entwicklung von Bevölkerungen einer Parabel gleicht, die nach dem Scheitelpunkt dem Abgrund entgegengeht, schwanken realistische, langfristige Bevölkerungsbewegungen zwischen Aufwärts- und Abwärtstrends. 

An den Abweichungen sind nicht nur tatsächliche Ereignisse wie Geburten- und Sterbefälle, sondern auch statistische Korrekturen aufgrund des Zensus 2011 schuld. Zahlen für das Jahr 2050 oder 2060 sind letztlich nichts als Kaffeesatzleserei und haben deshalb lediglich eine ideologische Funktion: Sie sollen die Durchsetzung von Politiken erleichtern.

Die Nebenfolgen dieser Art von Politikdurchsetzung können jedoch verhängnisvoll sein, wenn Wachstumschancen dadurch verbaut werden. Dies ist mittlerweile der Fall, wenn Schulen und Betreuungseinrichtungen sowie das Lehrpersonal fehlen, weil die Schrumpfideologie zum Abriss und zu Entlassungen der nunmehr dringend benötigten Einrichtungen und Lehrkräfte geführt haben. Auch die Wohnungsbaupolitik, die auf eine schrumpfende Bevölkerungspolitik ausgerichtet wurde, zeitigt mittlerweile Folgen.   

MENKENS, Sabine (2017): Babyboom in Deutschland.
Zum fünften Mal in Folge sind die Geburtenzahlen hierzulande gestiegen. Verantwortlich ist nicht nur die Zuwanderung - sondern auch die Familienpolitik,
in:
Welt v. 16.11.

FUCHS, Carola (2017): Ein kleiner Babyboom im Land.
Statistik: Im vergangenen Jahr gab es wieder mehr Geburten als Todesfälle,
in:
Stuttgarter Zeitung v. 16.11.

 
       
   

Antinatalismus in der Debatte

RADISCH, Iris  (2017): Rettet die Welt vor den Menschen.
Die jungen Antinatalisten wollen sich nicht mehr fortpflanzen,
in:
Die Zeit v. 16.11.

Iris RADISCH befürchtet das Wiedererstarken des Antinatalismus. Diesem deutschen Gespenst widmete bereits Günter GRASS einen Roman - die Bibel derjenigen, die immer noch in der Kinderlosigkeit der Hauptgrund für den Rückgang der Geburtenrate in Deutschland sehen wollen. RADISCH unterscheidet zwischen alten und neuen Antinatalisten - also zwischen Guten und Bösen (die Neuen ist sind im Grunde immer die Bösen, denn sie bringen die Ordnung durcheinander!).

"(D)ie junge Generation der Antinatalisten (...) hält die Nachkommenslosigkeit für eine absolut notwendige, umweltschonende Maßnahme. (...). Sie sind hoffnungsvolle Apokalpytiker. Ihr Lieblingsschriftsteller ist weder Sartre noch Houellebecq. Es ist der verträumte Minimalist Haruki Murakami aus dem fortpflanzungsfaulen Japan",

belehrt uns RADISCH. Antinatalismus ist in Deutschland lediglich unter den wenigen Kinderfreien zu finden. Und dies scheint eher eine Reaktion auf den unsäglichen, nationalkonservativen Diskurs im letzten Jahrzehnt gewesen zu sein, als Kinderlose in Deutschland am Pranger standen. Eine Wiederkehr droht, wenn die AfD zusammen mit der CDU/CSU eine Regierung stellen sollte. Angesichts der kaum noch vorhandenen Unterschiede durchaus keine realitätsferne Einschätzung.   

 
       
   

Heinz Bude - Soziologie der Berliner Republik

BUDE, Heinz  (2017): Dazwischen sein.
Deutschland hat sich von Grund auf verändert. Eine Jamaika-Koalition der gültige Ausdruck seines Zustands. An welchen Weltbildern orientieren sich die Parteien?
in:
Die Zeit v. 16.11.

Wird BUDE auch eine CDU/CSU/AfD-Regierung als gültigen Ausdruck seines Zustandes rechtfertigen, wenn es so weit kommt?

"Egal, ob sie sich rechtspopulistisch positionieren wie Sebastian Kurz oder Viktor Orbàn oder linkspopulistisch wie Jeremy Corbyn oder Bernie Sanders: Die Dramatisierung von rechts mobilisiert eine Wählerschaft, der etwas verloren zu gehen droht, und die von links eine, die etwas zurückgewinnen will.
Diese Tendenz steht auch Deutschland ins Haus",

doziert der mittepopulistische BUDE. Bei den politischen Ideologien, die BUDE präsentiert: von Konservatismus über Sozialdemokratie bis zum Liberalismus ist der Neoliberalismus (andere sprechen von Wirtschaftsliberalismus) die Leerstelle, die umkreist wird. Interessant ist, dass BUDE den Grünen nicht etwa die Ökologie zuschreibt, sondern sie zu einem Mischling in Sachen der drei politischen Ideologien (andere sprechen auch von Weltanschauungen) macht. Die AfD wird als "Partei der Unbeugsamen und Ungehörten" beschrieben. Wer bei Unbeugsamen an die "linkspopulistische" Partei France Insoumise von Jean-Jacques MÉLENCHON denkt, der liegt sicherlich nicht falsch, denn BUDE steckt als Mitte-Populist Linke und Rechte in einen Topf.

 
       
   

Die Rentenpolitik der Parteien in der Debatte

SOZIALPOLITIK-PORTAL (2017): Sondierungsstand Arbeit, Rente, Gesundheit, Pflege, Soziales,
in:
sozialpolitik-portal.de v. 16.11.

Über 60-seitiges Papier zum Stand der Sondierungsgespräche (Stand 15.11.2017), das die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen empfiehlt. Ab Zeile 560 (S.17) geht es um die Sozialversicherung.

 
       
   

Die Verschuldung von Großstädten in der Debatte

KAISER, Tobias  (2017): Großstädte historisch stark verschuldet.
Prekäre Lage vor allem in Westdeutschland,
in:
Welt v. 16.11.

Tobias KAISER stellt die PR einer Wirtschaftsprüfergesellschaft vor. Bereits im letzten November wurde hier auf Schwachstellen der Analyse hingewiesen.

SIEVERS, Markus  (2017): Städte mit Rekordschulden.
Analyse: Die Wirtschaft brummt - doch im Westen geht der Aufschwung an den Metropolen vorbei. Landeshilfen bewirken wenig,
in:
Frankfurter Rundschau v. 16.11.

 
       
   

Die neue Klassengesellschaft in der Debatte

KAUFMANN, Stephan (2017): Gerecht ist schlecht.
Ökonomie: Die Wirtschaftsweisen sehen in der Ungleichheit einen Ansporn für Abgehängte,
in:
Freitag Nr.46 v. 16.11.

Stephan KAUFMANN kritisiert die Sicht der Wirtschaftsweisen:

"Chancengerechtigkeit statt Umverteilung, auf den Nenner lässt sich dieses Programm bringen. Was wie ein Angebot klingt, beinhaltet allerdings Zwang".

Der Kampfbegriff "Chancengerechtigkeit" wurde im Zuge der Gerechtigkeitsdebatte der SPD Anfang des Jahrtausends in die politische Debatte eingeführt, um die Agenda 2010 und den aktivierenden Sozialstaat durchzusetzen. Statt Fördern UND Fordern hieß es bald nur noch Fordern STATT Fördern - eine Linie, die Wirtschaftsweisen weiterhin durchsetzen wollen.

FREITAG (2017): A - Z Aufsteiger.
Klasse: Aufsteigen, Karriere machen, gutes Geld verdienen. Davon träumen viele. Wer aufgestiegen ist, war mal woanders. Unten. Darüber zu sprechen ist nicht leicht. Der Soziologe Didier Eribon hat einen Bestseller über seinen Aufstieg aus der Arbeiterklasse geschrieben. Unser Lexikon, mit F für Fallhöhe,
in:
Freitag Nr.46 v. 16.11.

Unter dem Stichwort Kevin behandelt Marlene BREY die Tragödie von Kevin HÖNICKE, der als sozialer Aufsteiger für die SPD als erster Kevin in den Bundestag einziehen wollte:

"Hönicke (...) war der Erste in seiner Familie, der Abitur gemacht hat, der Erste, der studierte. Doch bei dieser Wahl scheiterte er mit der SPD. Weder ihm noch der SPD gelang es diejenigen zu überzeugen, für die Kevin Hönicke stehen könnte. Wer aufsteigt (...), steigt eben nicht mit seiner Klasse auf, sondern er steigt aus seiner Klasse auf."

Für die Medien war die Repräsentativität der Bundestagsabgeordneten (oder der Wähler) nur ein Thema, wenn es um Geschlecht (zu wenig Frauen) oder Alter ("Rentnerdemokratie") ging - die Klassenthematik wurde dagegen außen vor gehalten, wenn es nicht um die AfD ging.

 
       
   

Die Entwicklung der Wohnungslosigkeit in Deutschland in der Debatte

REUTER, Timo (2017): Arm gegen Ärmer.
Obdach: Viermal mehr Wohnungslose als 2008 gibt es heute in Deutschland, der Anteil von Zuwanderern ist stark gestiegen. Verschärft das die Rivalität auf der Straße?
in:
Freitag Nr.46 v. 16.11.

 
       
   

Annie Ernaux - Die Jahre

TRÖGER, Beate (2017): "Vom Tod her denken".
Im Gespräch: Annie Ernaux' "Die Jahre" war Inspiration für Didier Eribon. Wir haben mit ihrer deutschen Übersetzerin gesprochen,
in:
Freitag Nr.46 v. 16.11.

 
       
   

Die Gebietsreform in Brandenburg in der Debatte

NEIßE, Wilfried  (2017): Kein "Scheiß" im Landtag.
Brandenburg: Turbulente Debatte zur Regierungserklärung nach dem Abblasen der Kreisreform,
in:
Neues Deutschland v. 16.11.

 
       
   

Die Gebietsreform in Thüringen in der Debatte

ND/DPA  (2017): Ein "Murks-Projekt" steht auf der Kippe.
Kreisreform in Thüringen wird erneut Fall für den Koalitionsausschuss,
in:
Neues Deutschland v. 16.11.

 
       
   

Wie die Wahlkampfberichterstattung in der deutschsprachigen Presse im Jahr 2017 unser Frankreichbild geprägt hat

BALMER, Rudolf  (2017): Macron-Fans wollen keinen Sonnenkönig.
Die Partei des französischen Präsidenten hat vor ihrem ersten Parteitag mit internen Kritikern zu kämpfen: Sie kritisieren Strukturen wie im Ancien Régime,
in:
TAZ v. 16.11.

 
       
   

15.11.2017

 
       
   

Die Entwicklung der Geburtenzahlen in Deutschland

DESTATIS (2017): Mehr Geburten und weniger Sterbefälle im Jahr 2016,
in:
Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts v. 15.11.

"Im Jahr 2016 wurden in Deutschland 792.000 Kinder lebend geboren. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) nach vorläufigen Ergebnissen weiter mitteilt, waren das 55.000 Neugeborene oder 7,4 % mehr als im Jahr 2015 (738 000).
Im Jahr 2016 starben 911.000 Menschen, gegenüber dem Vorjahr ist die Zahl der Sterbefälle um 1,5 % gesunken (2015: 925.000). Seit 1972 starben somit jährlich mehr Menschen, als Kinder geboren wurden. 2016 lag die Differenz bei 118.000, im Jahr 2015 hatte sie 188.000 betragen",

meldet das Statistische Bundesamt. Die tatsächliche Anzahl der Geburten in Deutschland liegt damit sogar über der Schätzung der Bertelsmann-Stiftung vom Juli diesen Jahres. Die Schätzung lag um rund 11.000 Geburten niedriger (781.092) als die jetzt gemeldete Geburtenzahl. Und sie liegt sogar um rund 37.000 Geburten über der erst in diesem Jahr nachgebesserten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes (754.000). Die erst im April 2015 erstellte 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, die auf dieser Website bereits damals heftig kritisiert wurde - lag mit 697.000 Geburten sogar um rund 95.000 Geburten daneben. Treffsicherheit sieht anders aus und wurde inzwischen auch aus dem Kriterienkatalog für Bevölkerungsvorausberechnungen gestrichen. 

Am Ende der Meldung befinden sich deshalb keine Fakten, sondern eine ideologische Einschätzung, wenn es heißt:

"Der Anstieg der Geburten und der Rückgang der Sterbefälle im Jahr 2016 bedeuten nicht, dass der demografische Wandel, den eine zunehmende Alterung der in Deutschland lebenden Bevölkerung kennzeichnet, gestoppt ist. Die durch Jahrzehnte entstandenen Ungleichgewichte in der Altersstruktur der Bevölkerung bleiben bestehen.
Unter Berücksichtigung der demografischen Strukturen ist derzeit nicht vorauszusehen, dass die Zahl der Geburten auf lange Sicht weiter ansteigt. Hingegen wird die Zahl der Sterbefälle voraussichtlich nicht zurückgehen."

Demographismus nennt der Politikwissenschaftler Christian RADEMACHER einen solchen Begriff von demographischem Wandel, den hier das Statistische Bundesamt, das eine "Unterabteilung" des Innenministeriums ist, benutzt. Der demografische Wandel wird in dieser Sicht zu einem bewerteten Phänomen. Demografische Entwicklungen sind jedoch Vorgänge, die jede Bevölkerungsentwicklung bezeichnen. Wenn nur die als negativ angesehenen Entwicklungen als "demografischer Wandel" bezeichnet werden, dann haben wir es mit einer Ideologie zu tun.

Geburten und Todesfälle werden in der nationalkonservativen Bevölkerungswissenschaft als "natürliche Bevölkerungsbewegung" bezeichnet, als ob Wanderungen in offenen Gesellschaften wie Deutschland ein unnatürlicher Vorgang wäre. Der Demographismus beinhaltet immer auch eine territoriale Machtvorstellung. Mit der Wiedervereinigung hat sich z.B. die Bevölkerungsstruktur von heute auf morgen geändert - ohne natürliche Bevölkerungsbewegungen - allein durch politische Entscheidungen. Die Folgen dieser Entscheidung werden nonchalant durch Demographismus naturalisiert und uns nun als "demografische Fakten" präsentiert.

Fazit: Die angebliche Alternativlosigkeit von "demografischen Fakten" verschleiert, dass politische Interessen hinter solchen Meldungen stehen, die besonders dann zutage treten, wenn Bevölkerungsvorausberechnungen - auf die sich das Statistische Bundesamt ja bei seiner Einschätzung beruft, ungeahnte Nebenfolgen haben, was man z.B. in Brandenburg oder Sachsen studieren kann.

STALA BW (2017): Höchste Geburtenzahl seit 1999.
Baden-Württemberg: In immerhin 19 der 44 Stadt- und Landkreise gab es im Jahr 2016 mehr Geborene als Gestorbene,
in:
Pressemitteilung des Statistischen Landesamt Baden-Württemberg v. 15.11.

STALA THÜRINGEN (2017): 2016: Mehr Geburten, weniger Sterbefälle und mehr Eheschließungen in Thü-ringen – dennoch Sterbefallüberschuss von 9 841 Personen.
Neuer Höchststand bei den Geburten und Eheschließungen seit 1991,
in:
Pressemitteilung des Statistischen Landesamt Thüringen v. 15.11.

STALA SACHSEN-ANHALT (2017): Geburtenanstieg und weniger Sterbefälle 2016 in Sachsen-Anhalt,
in: Pressemitteilung des Statistischen Landesamt Sachsen-Anhalt v. 15.11.

 
       
   

Berichte zur Lage der Rentenversicherung vor dem Hintergrund der Sondierungsgespräche

ZSCHÄPITZ, Holger (2017): Jetzt tut der Minuszins auch der gesetzlichen Rente weh.
Bislang galt das System der deutschen Alterssicherung als immun gegen Finanzmarktlaunen. Die aktuellen Zahlen belegen das Gegenteil,
in:
Welt v. 15.11.

Bei Holger ZSCHÄPITZ werden Argumente der Verfechter einer Privatisierung der Altersvorsorge zu Argumenten der Befürworter einer Stärkung der gesetzlichen Rentenversicherung umgedeutet. Das ist ganz im neoliberalen Sinne, denn die private Altersvorsorge steht unter starkem Rechtfertigungsdruck.

Während die anderen Mainstreamzeitungen wenigstens nicht nur die Sicht des Arbeitgebervertreters der Deutschen Rentenversicherung präsentieren, ist der Bericht über eine Veranstaltung der Rentenversicherer von ZSCHÄPITZ völlig einseitig. Verschwiegen wird, dass es vor den entscheidenden Sondierungsgesprächen zur Sozialversicherung darum geht, ob die "Überschüsse" zu Beitragssenkungen, Steuersenkung oder zur Stärkung der gesetzlichen Rentenversicherung verwendet werden sollen. Der tendenziöse Beitrag von ZSCHÄPITZ soll die FDP-Position stärken.

"Der Beitragssatz für die gesetzliche Rente sinkt Anfang kommenden Jahres voraussichtlich leicht um 0,1 Prozentpunkte auf 18,6 Prozent. Die Bundesregierung dürfte diesen Schritt per Verordnung vollziehen",

weckt ZSCHÄPITZ Hoffnungen der Mehr Netto vom Brutto-Fraktion. Die Rentner sollen mit Zahlen zu einer voraussichtlichen Rentenanpassung 2018 zufrieden gestellt werden. Erst im Frühjahr 2018 wird sich zeigen, was die Zahlen wert sind, denn erst dann erfolgt die Festlegung aufgrund der dann vorliegenden Zahlen.

THELEN, Peter (2017): Die Kasse füllt sich.
Die Rentenversicherung hat Rücklagen angehäuft. Negative Zinsen kosten Millionen,
in:
Handelsblatt v. 15.11.

Peter THELEN rückt die mangelnde Nachhaltigkeit der Rücklage in den Mittelpunkt:

"Wenn es weiter so gut läuft, könnte der Beitrag sogar bis 2023 so niedrig bleiben, also bis weit nach Ende der Legislaturperiode. Erst dann wird die Verrentung der geburtenstarken Jahrgänge dafür sorgen, dass er zunächst auf 18,7 Prozent, danach aber sehr schnell auf 21,6 Prozent bis 2030 angehoben werden muss."

Für Leistungsausweitungen war auch angeblich 2014 kein Geld da:

"Als 2014 die Rente ab 63 und die Mütterrente beschlossen wurden, herrschte Konsens, dass es nun auf Talfahrt gehen würde mit den bis dahin staatlichen Rentenreserven und schon bald auch wieder aufwärts mit dem Rentenbeitragssatz."

Das Spiel, dass Geld nur da ist, wenn es um Entlastungen der so genannten "Mitte" geht, die man einkommensmäßig eher als obere Mitte bezeichnen muss, kennt man zur Genüge, wenn man die Wirtschaftsteile der Mainstreamzeitungen studiert. Bestes Beispiel Martin GREIVE. Sobald es um Sozialausgaben geht, sind die sprudelnden Quellen plötzlich von heute auf morgen völlig versiegt.

THELEN präsentiert auch die Sicht von Annelie BUNTENBACH, bügelt das Problem Altersarmut mit einer fadenscheinigen Begründung ab:

"Doch auch diese Probleme sind als Folge des Beschäftigungswunders nicht mehr so drängend wie noch vor wenigen Monaten. Die Renten steigen wieder stärker im kommenden Jahr nach ersten vorsichtigen Schätzungen sogar in Ost und West um drei Prozent. Auch der Sinkflug des Rentenniveaus macht Pause."

Das ist nichts als Schönfärberei. Dass die Renten genauso schnell steigen sollen wie die Löhne, was erst einmal nur eine optimistische Annahme ist, heißt lediglich, dass der Abstand nicht noch größer ist als er bislang schon ist. Mit der Zunahme der Rentnerzahlen wird auch die Altersarmut zunehmen.

Am Schluss geht THELEN auf die Sondierungsgespräche ein.

THELEN, Peter (2017): Vorläufige Entwarnung.
Kommentar: Die positiven Signale sollten die Politik nicht zum Verpulvern der Reserven verleiten,
in:
Handelsblatt v. 15.11.

Peter THELEN wendet sich gegen eine "Minisenkung des Rentenbeitrags" und benutzt den neoliberalen Kampfbegriff vom "demografischen Zwischenhoch", eine Erfindung des Jahres 2016 als die Rente zum Bundestagswahlkampfthema zu werden drohte. Das Zwischenhoch ist ein Komplementärbegriff zur "nachhaltigen Finanzierung", der jedoch durch den Glaubwürdigkeitsverlust von Bevölkerungsvorausberechnungen wegzubrechen droht.

ÖCHSNER, Thomas (2017): Ein paar gute Jahre.
Rentner können mittelfristig mit steigenden Bezügen rechnen, auch die Beiträge sinken 2018 leicht. Doch bald droht der Ruhestand der Babyboomer-Jahrgänge,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 15.11.

"Schon sicher ist, dass der Beitrag zur Rentenversicherung 2018 niedriger ausfallen wird. Derzeit liegt er bei 18,7 Prozent. Dieser wird voraussichtlich vom nächsten Jahr an auf 18,6 Prozent gesenkt",

erklärt uns Thomas ÖCHSNER in einer sehr merkwürdigen Formulierung. Soll die Beitragssatzsenkung also noch höher ausfallen? 18,65 Prozent oder gar 18,69 Prozent kann wohl nicht gemeint sein, wenn man sich nicht lächerlich machen will.

Eine Senkung sei unvermeidlich, suggeriert ÖCHSNER, weil dies der Rentenmechanismus so vorsehe ("Obergrenze von 1,5 Monatsausgaben"). Die letzte Regierung hat gezeigt, dass man auch mit Leistungsausweitungen reagieren kann. Die VdK-Präsidentin wird mit einem Plädoyer für Verbesserungen bei der Erwerbsarmutsrente zitiert und Annelie BUNTENBACH als Gegnerin einer CSU-Mütterrente. Zufälligerweise alles Forderungen, die auch Neoliberale erheben - nur dass Kosten dabei möglichst zu vermeiden sind.

Zur Rentenerhöhung 2018 wird der Standardrentner herbeizitiert, also der Phantomrentner, dessen Rente kaum ein realer Rentner erreichen kann. Dieser Phantomrentner erhält eine Bruttorente von 1.396 Euro, was zur Erhöhung von "knapp 42 Euro" führen würde. Die Bildzeitung titelte gestern bereits großflächig:

Dietrich CREUTZBURG kritisierte dagegen gestern in der Online FAZ:

"Einige Medien hatten zu Wochenbeginn mit Bezug auf denselben Entwurf vermeintlich genaue Zahlen zur Höhe der Rentenanpassung 2018 gemeldet: 3,09 Prozent im Westen und 3,23 Prozent im Osten. Die Zahlen sind aber in dieser Genauigkeit wenig belastbar, auch wenn sie sich aus den amtlichen Annahmen so ableiten lassen. Die erforderlichen statistischen Daten zur tatsächlichen Lohnentwicklung werden, wie üblich, erst im Frühjahr vorliegen. Eine Erhöhung um 3 Prozent würde bedeuten, dass die sogenannte Standardrente von derzeit brutto 1.383 Euro um gut 41 Euro im Monat steigt."

Tages zuvor kündigte die Bildzeitung noch großflächig eine Finanzserie an, die aufzuzeigen verspricht, wie die Rentenlücke zu schließen sei. Auch die SZ berichtete gestern über die Schließung der Rentenlücke.     

ÖCHSNER, Thomas (2017): Im Zwischenhoch.
Kommentar: Rente,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 15.11.

Thomas ÖCHSNER warnt davor, dass die "Rente nicht wie Hartz IV ein Symbol für Armut in Deutschland" werden darf und fordert deshalb eine Verbesserung der Erwerbsminderungsrente und eine "kluge Form einer steuerfinanzierten Mindestrente", soll heißen: Verbesserungen sollten möglichst kostenlos sein. Und die gesetzliche Rente soll nicht auf den ersten Blick den Anschein erwecken, dass sie zur Armenfürsorge zurückgestutzt werden soll.

PETER, Tobias  (2017): Mehr Geld im Ruhestand.
Rentenversicherung verkündet günstige Zahlen - aber unter Vorbehalt,
in:
Frankfurter Rundschau v. 15.11.

Bei Tobias PETER wird Annelie BUNTENBACH mit einer Warnung vor einer Anhebung des Renteneintrittsalters zitiert, obwohl Union und FDP das gar nicht fordern, sondern diese wollen das Renteneintrittsalter ganz wegfallen lassen, wie Daniela VATES berichtet.

VATES, Daniela  (2017): Rente auf der Agenda.
Jamaika-Sondierer haben neues Thema,
in:
Frankfurter Rundschau v. 15.11.

Daniela VATES hat die Liste der Jamaika-Wünsche auf 8 Stichworte heruntergebrochen. Das ist so vage, dass sich darüber gar nicht zu reden lohnt.

 
       
   

Die Pressemeldung 860.000 Menschen in 2016 ohne Wohnung der BAG Wohnungslosenhilfe in den Medien

FRANKFURTER RUNDSCHAU-Tagesthema: Leben in Deutschland.
Von der Politik ignoriert, von der Gesellschaft vergessen: 860.000 Menschen haben hierzulande keine Wohnung. Darunter sind immer mehr Frauen und junge Leute

ERB, Nadja  (2017): "Wir brauchen eine Notfallstatistik".
Expertin Rosenke über Strategien gegen Wohnungslosigkeit, die angespannte Lage auch auf dem Land und die verheerenden Folgen der Hartz-IV-Gesetze,
in:
Frankfurter Rundschau v. 15.11.

Ist eine separate Wohnungsnotfallstatistik sinnvoll oder wäre es nicht viel wirkungsvoller, wenn Wohnungslose und Heimbewohner als Teil der Armutsstatistik geführt werden müsste?

taz-Titelgeschichte: Das ABC der Armut.
In unserem reichen Land gibt es immer mehr Wohnungslose, mehr Geringverdiener, mehr mittellose Migranten - und mehr Konkurrenz unter den Betroffenen. Wie kann das sein? 26 Stichworte

REUTER, Timo  (2017): Arm gegen arm.
Die Zahl der Wohnungslosen ist seit 2008 um das Vierfache - auf 860.000 - gestiegen. Doch Armut ist kein Naturzustand, sie wird gemacht - wie auch die Konkurrenz unter Betroffenen. Ein ABC,
in:
Frankfurter Rundschau v. 15.11.

"Wohnungslose: In Deutschland verfügten 2016 rund 860.000 Menschen über keinen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum. Die meisten Wohnungslosen leben in Notunterkünften, Wohnheimen, Frauenhäusern, bei Freunden – manche aber auch auf der Straße (siehe Obdachlose)",

heißt es unter einem der 26 Stichworte von Timo REUTER. Was fehlt? Der Punkt Statistik, denn würden Wohnungslose in der amtlichen Armutsstatistik aufgeführt werden, dann könnte das Problem nicht unter den Tisch gekehrt werden. Aber Armut kommt - nicht nur in Deutschland - nur in Haushalten vor, aber nicht unter Wohnungslosen oder Heimbewohnern.

 
       
   

Wer WSI-Verteilungsbericht 2017 in den Medien

POELCHAU, Simon  (2017): Kurzes Vermögen.
Laut dem WSI-Verteilungsbericht reicht das Eigentum der meisten für nur wenige Wochen und Monate,
in:
Neues Deutschland v. 15.11.

PFEIFFER, Hermannus  (2017): Deutschland ist ein reiches Land.
Das Gesamtvermögen der Bundesbürger beträgt rund 14 Billionen Euro. Was das eigentlich bedeutet, hängt von der jeweiligen Statistik ab,
in:
Neues Deutschland v. 15.11.

 
       
   

Wie eine Umfrage der Versicherungswirtschaft bestimmte Antworten nahe legt und Journalismus dies durchgehen lässt

SIEVERS, Markus  (2017): Zufriedene Generation Mitte.
Die mittleren Jahrgänge in Deutschland freuen sich über größeren Wohlstand durch den langen Aufschwung,
in:
Frankfurter Rundschau v. 15.11.

Markus SIEVERS präsentiert uns eine PR-Broschüre des Lobbyverbandes der Versicherungswirtschaft (GDV), die das konservative Meinungsforschungsinstitut aus Allensbach erstellt hat. Bereits die Fragestellungen führen notwendigerweise zu Antworten, die im Interesse der Versicherungswirtschaft liegen. So wird bei der Frage nach Schwächen das Rentensystem vorgegeben, während bei den Regierungsaufträgen lediglich die Antwort Die Altersvorsorge an die zunehmende Alterung der Gesellschaft anpassen vorgegeben ist. Bereits die Antwortmöglichkeiten zielen darauf, dass es bei der Alterssicherung um die Stärkung der privaten Altersvorsorge zu gehen hat. Womöglich hat nicht einmal jeder Befragte diese begriffliche Heimtücke der Umfrage bemerkt.

Ausgeklammert werden von SIEVERS zudem Antworten, die nicht zur neoliberalen Stoßrichtung passen bzw. sogar der Umfrage widersprechen. So heißt es:

"Flexibel zeigt sich die Generation der Berufstätigen beim Renteneintrittsalter. 40 Prozent wissen noch nicht, ob sie zum gesetzlichen Renteneintrittsalter in Rente gehen oder früher oder später. 29 Prozent, also knapp jeder Dritte, plant, vorzeitig aus der Berufstätigkeit auszuscheiden. Von der nächsten Koalition erhoffen sich 60 Prozent eine bessere Förderung der Altersvorsorge."

Auf der Website der GDV liest sich das fast genauso:

"40 Prozent der Befragten können noch nicht sagen, wann sie in Rente gehen wollen bzw. machen den Renteneintritt von den Umständen abhängig. 24 Prozent wollen bis zum gesetzlichen Eintrittsalter arbeiten, 29 Prozent früher aufhören und nur 7 Prozent wollen länger arbeiten."

Die vorgegebenen Antwortmöglichkeiten "Weiß noch nicht" und "Kommt darauf an" werden von SIEVERS zu 40 Prozent aufaddiert. 19 Prozent davon, machen ihren Ausstieg aus dem Erwerbsleben von der Situation abhängig. Da 30- bis 59-Jährige befragt werden, hängt die Antwort wohl auch davon ab, wie weit sie von dem möglichen Renteneintrittsalter entfernt sind. Von Flexibilität zu sprechen, scheint in diesem Zusammenhang mehr als gewagt. Der Begriff Unsicherheit wäre treffender.

Der Satz

 "Von der nächsten Koalition erhoffen sich 60 Prozent eine bessere Förderung der Altersvorsorge."

den SIEVERS anfügt, hat mit der Frage dagegen gar nichts zu tun, sondern betrifft notwendige Maßnahmen zur Sicherung des Alterssicherungssystems. An erster Stelle von 9 Antwortmöglichkeiten steht der Wunsch nach Ausbau der gesetzlichen Rente zu einer Erwerbstätigenversicherung (71 %).

Die finanzielle Förderung der betrieblichen UND privaten Altersvorsorge sehen lediglich 58 % als notwendig. Eine Differenzierung zwischen betrieblicher und privater Altersvorsorge hätte hier einen niedrigeren Anteil erbracht. Entscheidungen der Fragebogenersteller, ob  Aspekte getrennt oder zusammen erfragt werden, haben also bereits enormen Einfluss auf das Ergebnis.

Die weiteren Antwortkategorien zielen auf ganz unterschiedlichen Aspekte (Finanzierungsart, Altersvorsorge vs. gesetzliche Rente, Renteneintrittsalter) statt Alternativen für jeden Aspekt vorzugeben.   

Fazit: Seriöser Journalismus hätte über solche Beschränkungen von Umfragenaussagen aufzuklären, statt sie wie SIEVERS einfach nur wiederzugeben. Die Versicherungswirtschaft bedankt sich für solche kostenlose PR.

 
       
   

Der ländliche Raum und Mittelstädte im demografischen Wandel

HUNZIKER, Christian  (2017): Zurück aufs Land.
Alle reden von der Wohnungsnot in den Großstädten. Eine Lösung könnte die Stärkung bestimmter Städte und Gemeinden in der Provinz sein,
in:
Welt v. 15.11.

SIEMS, Dorothea  (2017): Mär vom armen Dorf.
Leitartikel: Die Politik treibt die Angst vor den Abgehängten in den ländlichen Regionen um. Die Kanzlerin verspricht Hilfen. Dabei gibt es gar kein wachsendes Stadt-Land-Gefälle,
in:
Welt v. 15.11.

 
       
 

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Zu den News vom 11. - 14. November 2017
 

   
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