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Medienrundschau:

News zum Single-Dasein

 
       
   
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Medienberichte über single-generation.de
 
 
 
   

News vom 21. - 31. Juli 2018: [21.07.] [22.07.] [23.07.] [24.07.] [25.07.] [26.07.] [27.07.] [28.07.] [30.07.] [31.07.]

 
 
     
 
   

Zitat des Monats:

Die Babyboomer in der Sicht des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung

"Die bevorstehende Pensionierungswelle der geburtenstarken »Babyboomer«- Jahrgänge von 1959 bis 1969 wird die demografische Alterung in Deutschland in den nächsten 20 Jahren deutlich beschleunigen. So wird nach der amtlichen Vorausberechnung die Zahl der Rentnerinnen und Rentner zwischen 2017 und 2035 um ca. 5,5 Millionen zunehmen."
(Bevölkerungsforschung aktuell, Nr.3/2018, S.1)

"Durch die bevorstehende Pensionierungswelle der geburtenstarken Jahrgänge von 1955 bis 1969 – der sogenannten »Babyboomer- Generation« – wird sich in Deutschland die demografische Alterung in den kommenden zwei Jahrzehnten deutlich beschleunigen. Die Zahl der Rentner wird laut amtlicher Vorausberechnung zwischen 2017 und 2035 um ca. 5,5 Mio. zunehmen, während die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter im gleichen Zeitraum um etwa 8 Mio. sinken wird. Das bedeutet, dass, sobald alle Babyboomer im Ruhestand sind, jedem Rentner weniger als zwei Personen im erwerbsfähigen Alter gegenüberstehen werden (Statistisches Bundesamt 2017).
(Elisabeth Kraus u.a. "Der Einfluss der Migration auf den demografischen Alterungsprozess: Deutschland im internationalen Vergleich", In.
Bevölkerungsforschung aktuell, Nr.3/2018, S.3)

"Durch die bevorstehende Pensionierungswelle der geburtenstarken Jahrgänge von 1955 bis 1969 – (der sogenannten »Babyboomer-Generation«) wird die demografische Alterung in den kommenden zwei Jahrzehnten deutlich beschleunigt. Die Zahl der Rentner wird laut amtlicher Vorausberechnung zwischen 2017 und 2035 um ca. 5,5 Mio. zunehmen, während die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter im gleichen Zeitraum um etwa 8 Mio. sinken wird. Das bedeutet, dass, sobald alle Babyboomer im Ruhestand sind, jedem Rentner weniger als zwei Personen im erwerbsfähigen Alter gegenüberstehen werden."
(Andreas Ette u.a. "Handlungsfeld Migration. Zuwanderung für die Gestaltung des demografischen Wandels nutzen", In. Policy Brief, Mai 2018, S.3)

 
       
       
   

31.07.2018

 
       
   

Die Entwicklung der Geburtenzahlen in Deutschland

STATISTIK BAYERN (2018): Geburtenzahl weiterhin auf einem hohen Niveau.
Im Vergleich zum Vorjahr stiegen die Lebendgeburten um 0,4 Prozent an,
in:
Pressemitteilung des Bayerischen Landesamt für Statistik v. 31.07.

"In Bayern ist die Zahl der Lebendgeborenen im Jahr 2017 gegenüber dem Vorjahr um 0,4 Prozent auf 126.191 angestiegen", meldet das Bayerische Landesamt für Statistik.

 
       
   

Die Reproduktionsmedizin und die Fruchtbarkeitskrise

KAMANN, Matthias (2018): Wenn der Kinderwunsch zum Stress wird.
Für viele Paare bringt eine künstliche Befruchtung starke psychische Belastungen mit sich. Es sei denn, sie können sich Alternativen vorstellen,
in: Welt v. 31.07.

 
       
   

Die Rentenpolitik der Parteien in der Debatte

WASCHINSKI, Gregor & Jan HIELDEBRAND (2018): "Keine roten Linien bei der Rente".
Streitgespräch: Juso-Chef Kevin Kühnert und Junge-Union-Chef Paul Ziemiak streiten darüber, wie die Rente für ihre Generation gesichert werden kann. Mit der Politik der Koalition sind beide unzufrieden,
in: Handelsblatt v. 31.07.

Die Vorsitzenden der Nachwuchsorganisationen von SPD und CDU führen bei der Rentenpolitik lediglich Stellvertreterkriege für SPD und CDU. Eigene Meinungen sind Fehlanzeige!

 
       
   

Die Finanzialisierung in der Debatte

WASCHINSKI, Gregor (2018): Rufe nach Entlastung.
Sozialkassen und Nullzins,
in: Handelsblatt v. 31.07.

Bereits gestern hat das Handelsblatt das Scheinproblem zum Titelthema aufgeblasen. Das Problem der Negativzinsen muss im Kontext der Gewinne in Sachen Staatsverschuldung und kommunaler Schulden gesehen werden. Im Vergleich zu den riesigen Gewinnen des Finanzministers und der Stadtkämmerer aufgrund der Nullzinspolitik sind die Verluste bei der gesetzlichen Rentenversicherung Peanuts.

SCHÄFER, Daniel (2018): Ohne Not in der Zinsnot.
Kommentar zur Rentenversicherung: Mit einer freieren Anlagepolitik könnte die Rentenversicherung künftig Verluste vermeiden,
in: Handelsblatt v. 31.07.

Daniel SCHÄFER möchte die Mindestreserve der gesetzlichen Rentenversicherung für die Profitgier der Finanzdienstleister öffnen. Gerne wird dafür auf die angeblichen Erfolge des norwegischen Staatsfonds hingewiesen, obgleich dessen Funktion eine völlig andere ist als die einer Mindestreserve. Dabei existieren in Norwegen zwei Fonds, wobei nicht der norwegische Staatsfonds (Government Pension Fund Global), sondern der norwegische Rentenreservefonds (Government Pensions Fund Norway) der deutschen Mindestreserve entspräche. Dieser ist jedoch ungleich weniger rentabel, weshalb ihn Neoliberale wie SCHÄFER gerne außen vor lassen.

ZSCHÄPITZ, Holger (2018): Geldpolitik der EZB untergräbt deutsches Sozialsystem.
Kranken- oder Rentenversicherung horten Milliarden Euro Beitragsgelder. Doch die anhaltenden Negativzinsen zehren kräftig an den Reserven,
in: Welt v. 31.07.

Holger ZSCHÄPITZ zitiert den gestrigen Handelsblatt-Titel,

 
       
   

Die Metropolenkultur in der Debatte

WERNICKE, Christian (2018): Köln, amorphe Stadt.
"Alles ist weich", sagt Konrad Adenauer, Enkel des großen Alten, über seine Heimat. Seit drei Jahren versucht die parteilose Henriette Reker, den berüchtigten Klüngel zu entknoten. Schwierig, sehr, sehr schwierig,
in: Süddeutsche Zeitung v. 31.07.

Christian WERNICKE diagnostiziert anlässlich einer Affäre um den Posten des Chefs der Kölner Stadtwerke Unregierbarkeit in Köln. Das Buch Köln auf der Couch von Stephan GRÜNEWALD aus dem Jahr 2008 soll Aufklärung über den Kölner Klüngel geben. Ein ehemaliger Bürgermeister, den der Einsturz des Stadtarchivs zu Fall gebracht hat, sieht die Schuld  bei der fehlenden Abgrenzung zwischen Politik und Verwaltung.

"40 Schulen fehlen Köln, die Schuldezernentin rief »den Notstand« aus. In Nippes, einem der kinderreichsten Stadtteile, sollte auf dem Gelände des alten Freibads eine Grundschule wachsen, in Modulbauweise, damit es schneller geht. Bis heute wächst aber nur Unkraut auf der Brache (..).
Statt 10,8 Millionen wird die neue Schule jetzt 29,7 Millionen kosten. Und statt 2019 wird sie erst 2025 fertig werden",

schildert WERNICKE ein Beispiel für die hausgemachten Kölner Probleme. Wenn dann noch hinzukommt, dass gerade in der Schulpolitik deutschlandweit die Schülerentwicklung unterschätzt wird, weil die Annahmen zur Geburtenentwicklung seit vielen Jahren weit hinter der Realität zurückgeblieben sind, dann führt das Zusammentreffen von lokaler Unfähigkeit und interessengeleiteten Bevölkerungsprognosen zu noch weit größeren Problemen als anderswo.      

 
       
   

30.07.2018

 
       
   

Andreas Reckwitz - Die Gesellschaft der Singularitäten

REEH, Martin & Jan FEDDERSEN (2018): "Sehr unterschiedliche Lebenswirklichkeiten".
Die neue Mittelklasse auf der einen Seite, alte Mittelklasse und neue Unterklasse auf der anderen: der Soziologe Andreas Reckwitz kartografiert die Gegenwartsgesellschaft und analysiert ihre explosiven Konfliktlinien,
in: TAZ v. 30.07.

 
       
   

Der ländliche Raum und Mittelstädte im demografischen Wandel

BECKER, Kim Björn (2018): Mein Hausarzt, der alte Genosse.
Ein neues Modell könnte ein probates Mittel gegen den Landarztmangel sein, doch die Zulassungsbehörden in der Provinz stellen sich oft quer. Während der Streit in der Eifel eskaliert, hat man im Odenwald nach langem Ringen einen Kompromiss gefunden,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 30.07.

 
       
   

Die Stärkung der gesetzlichen Rentenversicherung in der Debatte

STEFFEN, Johannes (2018): Neue Berechnung des Rentenniveaus im Rahmen des Gesetzes über Leistungsverbesserungen und Stabilisierung in der gesetzlichen Rentenversicherung,
in:
sozialpolitik-portal.de v. 30.07.

 
       
   

Die Finanzialisierung in der Debatte

SPECHT, Frank & Peter THELEN (2018): Zinsnot bei Rente und Co..
HB-Titelthema Anlagenotstand: Langfristig lässt sich der Sozialstaat nur sichern, wenn das Geld der Beitragszahler auch Rendite abwirft. Doch angesichts der Nullzinspolitik wandeln sich viele Anlagen der Renten- und Krankenversicherung zum Verlustgeschäft,
in: Handelsblatt v. 30.07.

SPECHT & THELEN verdummen uns heute wieder mit Scheinproblemen. Die Zinsverluste der Rentenversicherung sind im Vergleich zu anderen Aspekten der deutschen Geldpolitik Peanuts. Zudem sind Zinsverluste ein Problem, das die Kehrseite des Schlagworts "Nachhaltigkeit" zeigt und damit ein hausgemachtes Phänomen neoliberaler Politik ist, bei der ständig neue Geldtöpfe erfunden werden, die uns im Namen von Generationengerechtigkeit und demografischem Wandel als alternativ dargestellt werden.

DÖRNER/STEUR/VOLKERY (2018): Erträge für den Wohlfahrtsstaat.
Anlagen im Ausland,
in: Handelsblatt v. 30.07.

DÖRNER/STEUR/VOLKERY verklären Norwegen, die USA und Großbritannien zu Vorbildern der Anlagepolitik, wobei sie deren andersartigen Voraussetzungen bzw. deren Nachteile ausblenden.

 
       
   

Die Lebensversicherer als Akteur der Altersvorsorge: Von vollmundigen Versprechungen zur Entledigung der Altlasten

FROMME, Herbert (2018): Runter mit den Provisionen.
Versicherungsvermittler: Nötig sind Vertreter, die wirklich beraten wollen und nicht nur verkaufen,
in: Süddeutsche Zeitung v. 30.07.

"Großbritannien, die Niederlande und die nordischen Länder haben reagiert und Provisionen auf Lebensversicherungen verboten. Die Bundesregierung sollte ebenfalls entschlossen handeln", fordert Herbert FROMME, als ob damit die Probleme der Altersvorsorge gelöst wären.

 
       
   

Der ländliche Raum und Mittelstädte im demografischen Wandel

BURGHARDT, Peter (2018): Heimatschutz.
Zehn Familien aus der ganzen Welt verklagen gemeinsam die Europäische Union wegen zu schwacher Klimaziele. Mit dabei ist ein Gastwirts-Paar von der Insel Langeoog. Ein Besuch,
in: Süddeutsche Zeitung v. 30.07.

 
       
   

Das Single-Dasein in Russland

STEINER, Christian (2018): Junge Russen wollen weg.
Der Unmut über die Rentenreform und unberechenbare Politik Putins vertreibt die Jugend. Der Wirtschaft fehlen zunehmend Arbeitskräfte,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 30.07.

 
       
   

28.07.2018

 
       
   

Der Erzieher- und Lehrermangel als Folge interessengeleiteter Bevölkerungsvorausberechnungen

CREUTZBURG, Dietrich (2018): Städte fordern kostenlose Erzieher-Ausbildung.
Hunderttausende Erzieher könnten 2025 fehlen. Für ihre Ausbildung müssen sie zum Teil sogar Schulgeld zahlen. Fünf Jahre nach Einführung des Rechtsanspruchs auf einen Krippenplatz rufen die Städte um Hilfe,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 28.07.

 
       
   

Die Pflege in Deutschland in der Debatte

MIHM, Andreas (2018): Ist Geldverdienen mit Altenpflege unmoralisch?
Die Bundesregierung droht, die Renditen von Heimbetreibern per Gesetz zu kappen. "Raubritter" machen mit der Pflege Kasse, empört sich die Gewerkschaft Verdi. Doch fahren die Betreiber tatsächlich fette Gewinne ein? Die Realität sieht anders aus,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 28.07.

 
       
   

Das Renteneintrittsalter und die Erhöhung der Erwerbsquote von Älteren in der Debatte

EV-USTORF, Anne (2018): Genug gearbeitet.
"Mit 50 Jahren höre ich auf" - das schwören vor allem erfolgreiche Menschen, die in ihrem Beruf viel Geld verdient haben. Sie wollen endlich das Leben genießen, um die Welt reisen oder etwas ganz anderes machen. Kann das gut gehen?
in: Süddeutsche Zeitung v. 28.07.

Anne EV-USTORF unterfüttert die neoliberalen Forderungen nach einer Erhöhung des Renteneintrittsalters und die Polemiken gegen die Rente ab 63 mit zwei Einzelfällen, die aufzeigen sollen, dass ein vorzeitiger Ruhestand unglücklich macht. Dumm nur, dass das nicht viele so sehen.

"Ursula Staudinger (...) hat jüngst in einer umfangreichen Vergleichsstudie mit Daten aus elf Industrieländern gezeigt, dass es ungesund ist, ohne eine Tätigkeit zu leben: Frührentner haben Staudinger zufolge sogar eine unterdurchschnittliche Lebenserwartung, selbst wenn man Vorerkrankungen herausrechnet",

erzählt uns EV-USTORF. Über das Studien-Design erfährt der Leser jedoch nichts, weshalb der Leser das nicht überprüfen kann. Die meisten Studien sind Korrelationsstudien, die keine Möglichkeiten bieten, die Ursachen der unterdurchschnittlichen Lebenserwartung zu ermitteln. Und wie will man Vorerkrankungen ausschließen? Und wer Tätigkeit mit Erwerbsarbeit verwechselt, der ist den Neoliberalen bereits in die Falle gegangen.

Fazit: Würden die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung stimmen, dann wären solche Artikel überflüssig.

EV-USTORF, Anne (2018): Riskante Freiheit.
Warum ein früher Renteneintritt der Gesundheit schaden kann,
in: Süddeutsche Zeitung v. 28.07.

Entgegen der Überschrift sieht der Heidelberger Gerontologe Andreas KRUSE den frühzeitigen Übertritt in den Ruhestand wesentlich differenzierter als Anne EV-USTORF in ihrem einseitigen Artikel:

"Er schadet dann, wenn er mit einem starken Rückgang der körperlichen, geistigen, sozialen und emotionalen Aktivität verbunden ist. Und wenn er unfreiwillig erfolgt, also einhergeht mit einer großen Verunsicherung. Wenn der frühe Renteneintritt aber selbstbestimmt geschieht und neue sinnerfüllte Aktivitäten folgen, kann das Wohlbefinden sogar zunehmen."

 
       
   

Die Entwicklung der Altersarmut in Deutschland in der Debatte

PETER, Tobias (2018): "Die Politik hat unsoziale Entscheidungen getroffen".
Rentenexperte Tim Köhler-Rama über das Risiko, im Alter zu verarmen, den Arbeitsauftrag für die neue Rentenkommission und den Preis für sozialen Ausgleich,
in: Frankfurter Rundschau v. 28.07.

Tim KÖHLER-RAMA möchte mehr Umverteilung zwischen den Beitragszahlern. Warum aber sozialer Ausgleich eine Sache der Steuerfinanzierung wäre, diese Frage wird ausgeblendet, stattdessen wird die Stabilisierung des Rentenniveaus in Frage gestellt. Dazu werden wieder unsinnige Unterstellungen bezüglich des Rentenniveaus in Umlauf gebracht, gegen die da dann angegangen wird. Tatsächlich ist das Rentenniveau eine Kennziffer, die aus der Rentenformel resultiert. Dass diese Kennziffer nur ein sehr ungenauer Indikator für die Entwicklung der Altersarmut ist, wird gerne zum Anlass genommen, um eine Stabilisierung des Rentenniveaus für völlig unsinnig zu erklären. Bei der Debatte um das Rentenniveau geht es nicht wirklich in erster Linie um Altersarmut wie Neoliberale immer wieder erklären, sondern um die Frage, inwiefern die gesetzliche Rente weiterhin die entscheidende Säule der Altersvorsorge sein soll. Die Gewerkschaften sprechen von Lebensstandardsicherung und von Akzeptanzsicherung.

KÖHLER-RAMA hat Recht, wenn er sagt, dass sich im Rentenniveau nicht alle Kürzungen der vergangenen Jahre niederschlagen:

"Die verminderte Anerkennung von Ausbildungszeiten wirkt sich nicht negativ auf das Rentenniveau aus. (...). Genau dasselbe gilt für die Tatsache, dass heute für Arbeitslose in der Rentenversicherung weniger getan wird als früher. Die Politik hat hier unsoziale Entscheidungen getroffen, die das Altersarmutsrisiko der Betroffenen zwar erhöht, zugleich aber keinen Einfluss auf das Rentenniveau haben".

Was aber KÖHLER-RAMA vergisst zu sagen: Die Verschiebung der Relevanzen hinsichtlich dessen, was das Rentenniveau ausmacht, ist eine bewusste politische Strategie. So wurden Aspekte jenseits der Erwerbsarbeit wie Erziehungs- und Pflegezeiten immer stärker zu Lasten von erwerbsarbeitzentrierten Aspekten wie Ausbildungs- und Bildungszeiten sowie Arbeitslosigkeit höherbewertet. Dahinter steht ein implizit nationalkonservativer Paradigmenwechsel. Rentenpolitik wurde im Laufe der letzten Jahrzehnte immer stärker Teil einer mehr oder weniger impliziten Bevölkerungspolitik, die letztendlich auf eine Rente nach Kinderzahl hinausläuft.

 
       
   

Der ländliche Raum und Mittelstädte im demografischen Wandel

LASCH, Hendrik (2018): Mehr als nur vier schöne Wände.
Wie ein Vermieter in einem Dorf im Süden Sachsen-Anhalts der Abwanderung trotzt,
in: Neues Deutschland v. 28.07.

Hendrik LASCH berichtet über Benndorf in Sachsen-Anhalt, wo sich die Benndorfer Wohnungsbau GmbH (BWB) gegen die Abwanderung stemmt:

"500 lebten hier in den besten Zeiten; sie arbeiteten in Kupferschächten und Hütten des Mansfeld Kombinats. Heute sind es 2.100. Allein die BWB aber besitzt rund 800 Wohnungen, die meisten davon in der »Bergarbeitersiedlung«. Gebaut wurde diese ab 1952 von dem Bergbauunternehmen. Als es mit Material für Reparaturen in den 1970ern aber eng wurde, übertrug man sie der Kommune. Dieser gehören sie bis heute."

LASCH beschreibt die Kommunalisierung als Vorteil, weil nicht unbedingte Gewinne um jeden Preis erwirtschaftet werden müssen, sondern auch Zuschussangebote wie das Dienstleistungszentrum und Einkaufsfahrten möglich sind, die das Wohnen insbesondere für ältere Menschen attraktiv machen.

Im Grunde sind es aber auch Lagevorteile, die einer Abwanderung wie in anderen strukturschwachen Gebieten entgegenwirken:

"(In) dem Ort (haben) die Regionalbahn und vier Buslinien Haltestellen (...) und die Autobahn (ist) in kurzer Zeit erreichbar (...) - was interessant für Familien ist, die in Städten wie Eisleben, Sangerhausen oder gar Halle arbeiten, aber auf dem Dorf günstig wohnen wollen. Auch, dass die Sekundarschule (...) erhalten blieb, ist ein glücklicher Umstand."

Als Benachteiligung des ländlichen Raums wird die Tatsache beschrieben, dass Hartz IV-Empfänger in Eisleben mehr Miete für eine gleichwertige Wohnung bekommen als in Benndorf. 

 
       
   

Die AfD-Hochburg Sachsen in der Debatte

STEGER, Gesa (2018): Nicht nur in Wurzen.
In Nordsachsen werden Flüchtlinge attackiert, ein linker Verein verleumdet und ein rechter Aktivist bestimmt den Diskurs. Eine Betrachtung Deutschlands durchs Brennglas,
in: TAZ v. 28.07.

Gesa STEGER porträtiert drei Männer in der Kleinstadt Wurzen in Sachsen: einen SPD-Bürgermeister und zwei Vertreter verfeindeter Organisationen, die für den Diskurs in der Stadt und die Ängste in Deutschland stehen sollen:

"Wurzen, wo eine rechtspopulistische Minderheit den Rest der Stadt vor sich hertreibt und den öffentlichen Diskurs übernimmt. Wo diejenigen, die dagegen protestieren, an den Rand gedrängt werden. Wo die Mitte verstummt.
Es sind nicht die Wendeverlierer, die auf dem Wurzener Marktplatz stehen. Es sind Restaurantbetreiber, Selbständige und Handwerker. Menschen, denen es nicht schlechter geht als in anderen Orten Deutschlands und deren Ängste sie trotzdem auf die Straße treiben. Die Ängste davor, das Erarbeitete zu verlieren.
Eine Angst, die so klein macht, dass für Solidarität mit anderen kein Platz mehr ist.

 
       
   

27.07.2018

 
       
   

Das RV-Leistungsverbesserungs- und -Stabilisierungsgesetz in der Debatte

WASCHINSKI, Gregor (2018): Bedingt kompromissbereit.
DGB und Arbeitgeber haben sich über Hubertus Heils Rentenpaket entzweit. Dabei sollen sie gemeinsam Lösungen finden,
in: Handelsblatt
v. 27.07.

Gregor WASCHINSKI nimmt die Stellungnahmen von DGB und BDA zum RV-Leistungsverbesserungs- und Stabilisierungsgesetz zum Anlass, um daraus gewagte Schlüsse für die Kompromissfähigkeit der Rentenkommission zu ziehen.

 
       
   

Der ländliche Raum und Mittelstädte im demografischen Wandel

FRICKE, Christiane (2018): Rezept für eine Boomtown.
In Bamberg konzentriert sich der deutsche Antiquitätenhandel. Dahinter steht ein Oberbürgermeister, der weiß, warum Kultur für die Wirtschaft wichtig ist,
in: Handelsblatt
v. 27.07.

Wie in Frankreich die Sozialisten, so stehen auch in Deutschland die Sozialdemokraten für eine neoliberale Allianz. Christiane FRICKE porträtiert den SPD-Oberbürgermeister von Bamberg, der in der Bereicherungsökonomie eine wichtige Grundlage seiner Stadt sieht:

"Hinter den 1995 gegründeten Bamberger Kunst- und Antiquitätenwochen stehen in diesem Jahr acht Kunsthändler, ein Antiquar und ein stolzer Oberbürgermeister. (...). »Wir haben mit den Antiquitätenwochen ein Alleinstellungsmerkmal,« unterstreich der Oberbürgermeister die Bedeutung der Händler für die Kommune. Außerdem trage der hier ansässige Kunsthandel seinen Teil zum Status Bambergs als Unesco-Welterbe bei.(...).
Als »eine Boomtown« bezeichnet sie OB Starke mit einem Bevölkerungszuwachs von 7.000 Einwohnern binnen der letzten zehn Jahre. Das sind bei knapp 77.000 Einwohnern fast zehn Prozent. Wirtschaftlich liegt ein starker Fokus auf der Autozulieferindustrie. (...).
Um die Abhängigkeit von der Autozulieferindustrie zu reduzieren, setzt Bamberg zusätzlich auf die Digitalisierung, investiert in die universitäre Bildung und fördert Start ups. Vor diesem Hintergrund gewinnt auch der weiche Standortfaktor Kultur eine unverzichtbare Bedeutung. Man will attraktiv sein für Fachkräfte."

Bamberger Antiquitätenviertel, Foto: Bernd Kittlaus 2018

In Bamberg geht also die Floridaisierung der Stadtentwicklung mit der Bereicherungsökonomie einher, die auch auf eine ganz spezielle Zielgruppe setzt:

"(I)m späten Juli, nämlich genau dann, wenn sich auch die Musikbegeisterten aus Übersee auf den Weg ins benachbarte Bayreuth zu den Wagner-Festspielen machen, liefert die Kaiserstadt mit ihren »Bamberger Kunst- und Antiquitätenwochen« (...) viele Gründe für einen Zwischenstopp."    

 
       
   

Der Immobilienmarkt in Deutschland in der Debatte

STREIT, Matthias (2018): Die Menschen verlassen die Metropolen.
Noch reden alle von der Urbanisierung. Doch längst gibt es eine Gegenbewegung. Hohe Wohnungsmieten und -preise treiben Großstadtbewohner ins Umland,
in: Handelsblatt
v. 27.07.

"Harald Simons' Analysen zufolge sind es weniger die preisfrustrierten Großstädter, die den teuren Metropolen den Rücken kehren, als vielmehr die jungen Menschen, die von den Preisen abgeschreckt werden. (...). Seine Meinung stützt er auf die These, dass die Gruppe der 20- bis 30-Jährigen Metropolen wie München zunehmend fernbleibt. Universitätsabsolventen sieht er als eine Gruppe unter diesen Großstadtverweigerern. (...).
Siemons sagt eine Abkehr von den Metropolen und daraus folgend deutliche Preisrückschläge für die Wohnungen dort voraus. In der Immobilienbranche stößt er mit seinen Thesen bisweilen auf Unverständnis. (...).
Martin Steininger, Chefökonom des Emprica-Konkurrenten Bulwiengesa, wendet ein, dass die Attraktivität einer Stadt nicht zuletzt vom vorhandenen Immobilienangebot abhänge. Bei Leerstandsquoten von unter einem Prozent wie in München können die Zuzugszahlen nicht mehr so hoch sein wie in den Vorjahren, weil es nicht genügend Wohnraumangebot gibt",

zitiert Matthias STREIT widersprüchliche Sichtweisen auf die Entwicklung der Wanderungssalden von Metropolen.

 
       
   

Die betriebliche Altersvorsorge in der Debatte

HEFER, Cornelia (2018): Die Branche bringt sich für die Nahles-Rente in Stellung.
"Initiative Vorsorge" heißt der neue Zusammenschluss für das Sozialpartner-Modell von Alte Leipziger, 1871, der Bayerischen und dem Volkswohl Bund. Für die Geldanlage an den internationalen Märkten arbeitet die Gruppe mit HSBC zusammen. Mit der neuen Kooperation gibt es jetzt fünf verschiedene Konsortien, die schon Produkte vorgestellt haben – oder noch an konkreten Lösungen arbeiten,
in: versicherungsjournal.de
v. 27.07.

 
       
   

Die regionale Ungleichheit in der Debatte

GERSEMANN, Olaf (2018): Deutschland, deine Löhne.
Eine neue amtliche Statistik zeigt, wo am meisten Geld für eine Stunde Arbeit gezahlt wird. Bayerns Dominanz in der Spitzengruppe erreicht ein neues Niveau,
in:
Welt v. 27.07.

 
       
   

Die Wählerschaft der Alternative für Deutschland in der Debatte

MEYER, Rainer (2018): Watschn aus der Provinz.
Bei der Abstimmung über eine neue Moschee in Kaufbeuren wurde klar: Die AfD ist regional aus eigener Kraft inzwischen mehrheitsfähig. Das wird die CSU noch zu spüren bekommen,
in:
Welt v. 27.07.

 
       
   

Das Single-Dasein in den USA

WIMALASENA, Jörg (2018): Auf dem Trockenen.
Nahaufnahme: Teile Miamis könnten in einigen Jahrzehnten im Meer verschwinden. Deshalb explodieren die Preise in einem armen Viertel, in dem bisher vor allem Haitianer lebten,
in:
TAZ v. 27.07.

 
       
   

26.07.2018

 
       
   

Édouard Louis in der Debatte

SCHELLBACH, Miryam (2018): Die Geschichte des geschundenen Körpers.
Der Erfolgsautor Édouard Louis erzählt in "Qui a tué mon père?" ("Wer hat meinen Vater umgebracht?") den individuellen Verfall des Vaters entlang der Geschichte der französischen Sozialreformen,
in:
TAZ v. 26.07.

Miryam SCHELLBACH stellt das Buch Qui a tué mon père von Éduoard LOUIS vor, das bereits im Mai in Frankreich erschienen ist. Im Gegensatz zu Deutschland, wo öde Literaturpreisliteratur veröffentlicht wird, in der sich das Akademikermilieu selbst bemitleidet, entsteht in Frankreich eine engagierte Literatur, die politische Relevant beansprucht. LOUIS schreckt dabei auch nicht zurück die Politik zu personifizieren und das typisch akademische Komplexitätsgerümpel zu entsorgen. Mit der Verknüpfung der individuellen Leidensgeschichte seines Vaters, der Teil des französischen Arbeitmilieus ist, und der Politikgeschichte der gnadenlosen neoliberalen Sozialreformen in Frankreich, gelingt LOUIS eine Literatur, die aufrüttelt statt als Grundlage für Small Talk zu dienen wie das der deutsche Literaturbetrieb als Unterhaltungsliteratur für die obere Mittelschicht tut.

"»Wer hat meinen Vater umgebracht« ist der Versuch, den individuellen Verfall des Vaters zu erzählen und ihn zugleich als soziologisches Symptom zu lesen. Louis inszeniert die Geschichte des väterlichen Körpers entlang der Geschichte der französischen Sozialreformen. Um das Recht auf den Empfang von Sozialleistungen nicht zu verlieren, beginn der Vater schlussendlich, dem kaputten Rücken zu Trotz, eine Tätigkeit als Müllaufsammler, »für siebenhundert Euro im Monat, den ganzen Tag nach vorne gebeugt, um den Müll der anderen aufzusammeln, obwohl dein Rücken zerstört war.« Louis klagt auf den letzten Seiten des Buchs den damaligen Präsidenten und einen Gesundheitspolitiker persönlich an: »Nicolas Sarkozy und Martin Hirsch haben dir das Rückgrat gebrochen.«
(...). Beschuldigt wird (...) auch die sozialistische Arbeitsministerin El Khomri, die 2016 unter dem damaligen Präsidenten Hollande das Arbeitsgesetzt reformiert, damit Kündigungen erleichtert (...).
Louis resümiert die Folgen dieser Reformen in direkter Ansprache an seinen Vater, der inzwischen nicht mehr nur a Wirbelsäulenproblemen, sondern auch unter schwerer Diabetes und Atemnot leidet. (...). Louis schlussfolgert: »Hollande, Valls und El Khomri haben dir die Luft genommen«.
Nur bei den Arbeitern, den nicht privilegierten, haben Sozialreformen die Macht sich direkt auf den Körper auszuwirken, sich einzuschreiben und krankzumachen. Deswegen ist die Geschichte des geschundenen Körpers eine Geschichte der Politik. Als die Regierung Macron im August 2017 die Wohnungsbeihilfe um fünf Euro kürzt, betont sie, dass eine so geringe Differenz niemandem weh tut. Sie wissen es einfach nicht besser, findet Louis: »Emmanuel Macron reißt dir noch den letzten Bissen Nahrung aus deinem Mund.«",

fasst SCHELLBACH die Anklage des Buchs zusammen. Natürlich stößt eine solche drastische Literatur auf breite Ablehnung bei den deutschen Literaraturbetriebsinsassen, die "neomarxistisches Pamphlet" rufen oder die Unterkomplexität wird kritisiert. Aber ist die angeblich Komplexität vortäuschende Mittelschichtliteratur nicht auch auf ihre Art eindimensional?

Fazit: Es wäre zu wünschen, dass sich die deutsche Literatur ein Beispiel an der neuen politischen Literatur in Frankreich nimmt und endlich das Versagen der neuen Linken aufarbeitet, statt zu bejammern, dass die Rechten erfolgreicher sind. Diese können nur so erfolgreich sein, weil die Linke ihnen den Raum dazu lässt.

 
       
   

Gerhard Matzig in der Debatte

MATZIG, Gerhard (2018): Laube, Liebe, Wahnsinn.
In vielen deutschen Städten herrscht Wohnungsnot, es wird verdichtet, alle müssen enger zusammenrücken. Nur die Schrebergärten, die zusammengenommen so groß sind wie Köln, bleiben unangetastet. Muss das sein?
in: Süddeutsche Zeitung v. 26.07.

Neoliberale wie Gerhard MATZIG blasen nur zum Generalangriff auf die wenigen Grünflächen in den Großstädten, um diese den Verwertungsinteressen der meist internationalen Investoren zuzuführen.

"Wirklich moderne Stadtviertel sind schon heute gemischte Quartiere zum Wohnen und Arbeiten - durchzogen von sehr viel öffentlichem Grün. Auch auf den Dächern",

ködert uns MATZIG mit seinem Idealbild. Zumindest ist er ehrlich genug, um dem hinzuzufügen:

"Solche Lebenswelten, es gibt sie, wenn auch zu selten, sind sozial ausgewogen, und ökologisch in einem."

Falls dieses Ideal einmal tatsächlich auf irgendeinem Planeten verwirklicht sein sollte, dann ist immer noch Zeit, um die letzten Grünflächen in den Metropolen platt zu machen.   

 
       
   

Die Krise des Finanzkapitalismus in der Debatte

REXER, Andrea (2018): Die rechten Nutznießer.
SZ-Serie Die Spuren der Finanzkrise (1): Vor zehn Jahren bracht die Finanzkrise aus. Auch wenn sich die Wirtschaft wieder erholt hat, sind die Auswirkungen bis heute zu spüren. Sieht man sich an, wer profitiert und wer verloren hat, tun sich überraschende Erkenntnisse auf,
in: Süddeutsche Zeitung v. 26.07.

Andrea REXER berichtet über den Zeitschriftenartikel Going to Extremes: Politics after Financial Crises, 1870-2014 von Christoph TREBESCH, Manuel FUNKE und Moritz SCHULARICK aus dem Jahr 2016:

"Eine brisante Studie des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) stellt einen direkten Zusammenhang zwischen Finanzkrisen und dem Erstarken populistischer Parteien am rechten und linken Rand her. Die AfD, die österreichische FPÖ, die italienische Lega oder der amerikanische Präsident Trump - ihr Erfolg überrascht nicht, wenn man die historischen Daten der Ökonomen sieht."

Aus den Ergebnissen werden jedoch - wie für Neoliberale typisch - keine Konsequenzen gezogen, sondern REXER macht sich zum Sprachrohr des Lobbyverbandes der Aktienverkäufer, die nur ein einziges Ziel haben: uns noch stärker den Kapitalmärkten - vor allem bei der Altersvorsorge - auszuliefern. Was passiert, wenn erneut Tausende Mensche ihr Vermögen an den Börsen verlieren, darüber macht sich der Artikel keine Gedanken. Einzig ein Konjunktureinbruch wird als Problem gesehen:

"Man kann sich (...) vorstellen, was passiert, wenn sich die Konjunktur in absehbarer Zeit eintrübt: Es entsteht ein guter Nährboden für weiteres Wachstum extremer Parteien.

 
       
   

Das RV-Leistungsverbesserungs- und -Stabilisierungsgesetz in der Debatte

SCHWENN, Kerstin (2018): Arbeitgeber: Rentenpläne "teuer, ungerecht, kurzsichtig".
Scharfe Kritik an Heils Paket. IWH-Studie: Steuerzuschuss erreicht 160 Milliarden Euro im Jahr 2030,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 26.07.

Seit der Vorstellung des RV-Leistungsverbesserungs- und -Stabilisierungsgesetzes bedankt sich die Arbeitgeberlobby mit ganzseitigen Anzeigen für die Loyalität der neoliberalen Mainstreampresse, die durch Anzeigenschwund auf solche Zuwendungen besonders angewiesen ist. Es wundert also kaum, dass SCHWENN einen völlig einseitigen Bericht liefert, bei dem sich die Arbeitgeberlobbyisten BDA und INSM - kaum verwunderlich ergänzen. Während die BDA eine Stellungnahme zum Gesetzesentwurf mit den üblichen Argumenten abgegeben hat, lässt sie sich von ein INSM-Auftragsstudie ihre Sicht bestätigen. Diesmal wurde das IWH gesponsert.

Während üblicherweise Neoliberale behaupten, dass ihnen die Erwerbsminderungsrentner besonders am Herzen liegen, weil hier Verbesserungen einer Gruppe zukommen, die besondere Armutsrisiken ausgesetzt sind, werden sie schnell zu Gegnern solcher Maßnahmen, wenn es Ernst wird:

"Auch mit den Verbesserungen für Erwerbsminderungsrentner schieße der Gesetzgeber über das vertretbare Maß hinaus, weil diese danach künftig bei sonst gleicher Versicherungsbiographie deutlich höhere Renten als Altersrentner erhielten".

Das Argument ist natürlich pure Augenwischerei, weil auch die Verbesserungen bei der Erwerbsminderungsrente bei den vorangegangenen Reformen mit dem gleichen Argument hätten abgelehnt werden müssen! Meist werden Verbesserungen aber damit abgelehnt, dass Missbrauch unterstellt wird. Die Art der Argumentation des IWH ist nur etwas subtiler - kommt aber auf dasselbe hinaus.

Das IWH-Gutachten arbeitet mit völlig veralteten EUROSTAT-Daten aus dem Jahr 2017, obgleich die Variante 2A von DESTATIS zur Verfügung gestanden hätte. Aber offensichtlich war den Wissenschaftlern selbst diese relativ pessimistische Bevölkerungsvorausberechnung zu optimistisch. Es wird auch nicht mit realitätsnahen Zahlen gearbeitet, sondern mit realitätsfernen Altersquotienten. Schließlich soll die Entwicklung der Rentenausgaben möglichst hoch sein, um den Interessen der Arbeitgeberlobby zu entsprechen, denn schließlich möchte man das nächste Mal auch wieder beauftragt werden!        

 
       
   

Die Lebensversicherer als Akteur der Altersvorsorge: Von vollmundigen Versprechungen zur Entledigung der Altlasten

KRÜGER, Anja (2018): Verrechnet, aber richtig.
Abzocke: Versicherer wollen weniger von ihren Gewinnen rausrücken. Schuld daran sollen die Niedrigzinsen sein,
in: Freitag Nr.30 v. 26.07.

Anja KRÜGER berichtet über die Position des Bundes der Versicherten und dessen Sicht auf das BGH-Urteil vom Juni zur Beteiligung der Versicherten an den Bewertungsreserven der Lebensversicherer.

Wer in den 1990er Jahren oder zu Beginn des Jahrtausends eine klassische Kapitallebens- oder eine private Rentenversicherung abschloss, bekam von den Anbietern die Garantie, dass die Beiträge und as angesammelte Kapital - je nach Abschlussjahr - mit bis zu vier Prozent verzinst werden. Damals priesen die Anbieter die Verträge gerade damit an, dass Lebensversicherungen auch in schlechten Kapitalmarktzeiten rentabel seien. Heute (...) lohn sich (ein Abschluss) nicht mehr; einen alten Vertrag zu behalten, aber umso mehr.
Das zeigt die Krise des Geschäftsmodells Lebensversicherung",

meint Anja KRÜGER. Die Lebensversicherer haben sich verkalkuliert, so die Sicht des Bundes der Versicherten, aber statt dafür einzustehen, sollen die Kunden für die Probleme zahlen. Das BGH hat dieses Modell der Abzocke für rechtens erklärt. Dieses Prinzip wurde bereits bei der Bankenrettung praktiziert. 2011 wurde die Zinszusatzreserve auf Wunsch der Lebensversicherer eingeführt, um deren Profite zu sichern. Nun soll sie aus dem gleichen Grund reduziert werden. Die Grünen beschränken ihre Kritik wie der Bund der Versicherten auf kosmetische Korrekturen. Konsequent wäre die Streichung der Förderung der kapitalgedeckten Altersvorsorge, wenn die Finanzdienstleister nicht in der Lage sind ihre vollmundig gegebenen Versprechen auch in schwierigerer Lage einzulösen. KRÜGER verweist darauf, dass die Renditen der Lebensversicherer - trotz aller Jammerei - immer noch hoch sind. 

 
       
   

Die AfD-Hochburg Sachsen in der Debatte

EISENRING, Christoph (2018): Die letzte Chance für Meissner Porzellan.
NZZ.-Serie Corporate Cities: Nach miserablen Jahren nimmt die Marke für opulente Service und Einzelstücke mit Geld vom Staat einen neuen Anlauf,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 26.07.

Das Beispiel Meißner Porzellan steht für den deutschen Trend zur Bereicherungsökonomie. Während die meisten DDR-Betriebe von der Treuhandanstalt plattgemacht oder privatisiert wurden, hat sich der Freistaat Sachsen mit Meißner Porzellan ein teureres Denkmal gesetzt. Christoph EISENRING beschreibt die vielen gescheiterten Versuche aus der glorreichen Vergangenheit Kapital zu schlagen und wie nun erneut versucht wird die Luxusmarke zu retten.

Unter dem Titel Was die Stadt Meissen an Meissen hat, darf der parteilose Oberbürgermeister von Meißen seine Sicht darlegen.

"Die Stadt und ihre Manufaktur ziehen Touristen aus der ganzen Welt an. die Arbeitslosenquote ist mit 6 % so niedrig wie nie seit der Wiedervereinigung. Doch Meissen machte vor drei Jahren negative Schlagzeilen, als es einen Brandanschlag auf eine geplante Unterkunft für Asylbewerber gab. (...) Bei der Bundestagswahl erhielt die nationalistische AfD jüngst ein Drittel der Stimmen",

stellt EISENRING die sächsische Stadt vor und lässt dann den Oberbürgermeister das Problem beschreiben:

"Erstens habe Meissen 2015 erst einen Ausländeranteil von 1 % gehabt, heute seien es 6 %. In der Stadt wurde damals ein Erstaufnahmezentrum für 1.200 Flüchtlinge eröffnet, womit die Bevölkerung schlecht zurechtgekommen sei. Diese Einrichtung ist mittlerweile nicht mehr nötig.
Zweitens hätten viele den Umbruch nach der Wende schlecht verdaut. (...).
Drittens schliesslich habe Sachsen lange Zeit eine »Leuchtturmpolitik« verfolgt, die sich auf die Förderung der Grossstädte konzentriert habe."

EISENRING wirft ein, dass Meißen trotzdem profitiert habe:

"Die Stadt profitiert davon, dass man dank dem Ausbau der S-Bahn in einer halben Stunde in Dresden ist. Meissen hatte zur Wendezeit 35.000 Einwohner. Vor zehn Jahren hiess es, die Bevölkerung werde bis heute auf 26.000 sinken. Tatsächlich sind es derzeit 28.500. Es werden sogar wieder neue Grundschulen gebaut - vor gut einem Jahrzehnt war das undenkbar."   

 
       
   

Der ländliche Raum und Mittelstädte im demografischen Wandel

GUBERNATOR, Sebastian (2018): Wir waren die Grenze los - und es war gut.
Welt-Serie Heimatbesuche (2): Wasserbillig, so heißt der Übergang nach Luxemburg, den unser Autor als Kind oft nutzte - er wuchs tief im Westen auf, an einer Grenze, die keine mehr war und die niemand vermisste. Billig war drüben allerdings nicht das Wasser, sondern etwas anderes,
in: Welt v. 26.07.

 
       
   

Die neue Klassengesellschaft in der Debatte

NIENHAUS, Lisa (2018): Europas Irrtum.
Viele EU-Reformer wollen jetzt mehr umverteilen. Sie übersehen: Gleichheit ist nicht Einheit,
in: Die ZEIT Nr.31 v. 26.07.

Lisa NIENHAUS polemisiert gegen Umverteilung und plädiert für ein neoliberales Weiter-So bei der Europapolitik als ob nichts geschehen sei. Bei den nächsten Wahlen zum Europaparlament könnte diese selbstgerechte Sicht einen deutlichen Denkzettel verpasst bekommen!

 
       
   

Das Single-Dasein in Norwegen

BAGANZ, Dorian (2018): Gebt dem Markt, was er braucht.
Norwegen: Unter der Rechtsregierung hat der Wohlfahrtsstaat seine beste Zeit schon lange hinter sich,
in: Freitag Nr.30 v. 26.07.

 
       
   

Das Single-Dasein in China

ERLING, Johnny (2018): Plötzlich sollen die Chinesen Babys bekommen.
Obwohl Peking die strikte Ein-Kind-Politik beendet hat, sinkt die Geburtenrate. Jetzt könnte sie mit anderen Maßnahmen erhöht werden,
in: Welt v. 26.07.

 
       
   

25.07.2018

 
       
   

Einsamkeit in der Debatte

MISIK, Robert (2018): Zeitdiagnose Einsamkeit.
Gastkommentar: Individualismus und Lebensgefühl,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 25.07.

Robert MISIK, linksliberaler Popjournalist, betätigt sich als zeitgeistiger Existentialist, bei dem das 1950er Jahre-Motto existenzieller Einsamkeit in unsere Erfolgsgesellschaft übertragen wird:

"In der Erfolgsgesellschaft (...) läuft jeder für sich, muss den Erfolg ausstellen und verkörpern, denn nur der, dem man den Erfolg ansieht, der hat ihn auch. Das treibt Posertum und eine Kultur des Narzissmus hervor. (...). Man ist gewissermassen existenziell einsam, sogar wenn man es lebenspraktisch gar nicht ist. Womöglich ist das ja der tiefere Grund für den gegenwärtigen Hype um die Einsamkeit".

MISIK malt das Bild von der Single-Gesellschaft, das im Grunde nur die Sicht des sozial aufgestiegenen Akademikers in seiner Akademikermilieublase widerspiegelt, aber in den Mainstreammedien tagaus tagein als gesamtgesellschaftliches Bild transportiert wird:

"Neuerdings gibt es das signifikante Wachstum von Singlehaushalten, selbstgewähltes Alleinsein, das in Episoden der Einsamkeit umschlagen kann. Karrieremuster und häufige Wohnortswechsel können den Aufbau stabiler Freundschaftsnetze verunmöglichen. Neue Arbeitsformen verbreiten sich, in denen echte Kollegialität kaum mehr entsteht".

Das schnellste Wachstum der Einpersonenhaushalte gab es in Westdeutschland in den 1980er Jahren, nach der Wiedervereinigung wuchs diese Haushaltsform auch in Ostdeutschland an. In Zahlen ausgedrückt:

Im Zeitraum von 2007 bis 2017 stieg die Zahl der Einpersonenhaushalte um 3 Prozent, d.h. um durchschnittlich 0,3 Prozent pro Jahr. 41,3 Millionen Menschen lebten 2017 in diesen Einpersonenhaushalten. Zehn Jahre zuvor waren es rund 39,7. Das sind rund 1,6 Millionen mehr in 10 Jahren. Von 1977 bis 1987 stieg die Zahl der Menschen in Einpersonenhaushalten dagegen in Westdeutschland um 5,3 Prozent oder 2,8 Millionen Menschen.

Getragen wurde dieses schnelle Wachstum in den 1980er Jahren von den Babyboomern der Single-Generation. Als der Popsoziologe Ulrich BECK das Thema in dem Bestseller Das ganz normale Chaos der Liebe populär machte, war der Höhepunkt in Westdeutschland bereits überschritten. Da jedoch das aufgestiegene Akademikermilieu die neuen Zeitgeistmedien dominierte wurde das Auslaufphänomen zur Single-Gesellschaft überhöht. In den 1990er Jahren wurde dann die kinderlose Karrierefrau zum Sinnbild dieser Single-Gesellschaft. Im Zeichen der Demografisierung gesellschaftlicher Probleme geriet in den Nuller Jahren die einsame, kinderlose Karrierefrau zum Umschlagspunkt der Debatte und der Single wurde vom Pionier der Moderne zur Leidfigur einer fehlgeleiteten Moderne. Die Einsamkeitshysterie ist nur die Fortsetzung dieser zeitgeistigen Modeerscheinungen, die viel mit dem Aufstieg des Nationalkonservatismus zu tun hat, der auch den Erfolg der AfD befeuert.

Zu Recht spricht MISIK von "alarmistischen Diagnosen", die im Aktionismus des britischen Brexit-Votums ihren Ausgang nahmen und im Fahrwasser des Rechtspopulismus auch in Deutschland Aufwind bekamen:

"Kaum eine Zeitung, die in jüngster Zeit nicht eine grosse Story über Einsamkeit brachte. »Ohne alle« titelte etwa die »Süddeutsche« und hielt dann ein Plädoyer für das Alleinsein, das Wiener »Profil« widmete dem »Lebensgefühl unserer Zeit« eine Cover-Story, und die »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung« analysierte: »Ist der Mensch einsam, leidet die Demokratie.«"

MISIK führt den norwegischen Philosophen Lars SVENDSEN ("Philosophie der Einsamkeit") und den Psychiater Manfred SPITZER ("Einsamkeit") als Vertreter dieser alarmistischen Debatte an. Mit dem Freundschaftssoziologen Janosch SCHOBIN weist MISIK jedoch darauf hin, dass bereits die Methodik von Umfragen das Antwortverhalten in Sachen Einsamkeit stark beeinflussen kann. 

 
       
   

Deutschlands Zukunft im Spiegel der Öffentlichkeit

THELEN, Peter (2018): Jungbrunnen Einwanderung.
Der Zustrom junger EU-Ausländer stellt die Prognosen auf den Kopf: Statt zu altern, wird Deutschland jünger. Das spüren vor allem die Krankenkassen,
in: Handelsblatt
v. 25.07.

"2009 schrumpfte die Wohnbevölkerung noch. Deutschland alterte. Dieser Trend ist nicht nur zum Stillstand gekommen. Er beginnt sich inzwischen sogar in sein Gegenteil zu verkehren. 2010 gab es bei den gesetzlichen Krankenkassen noch mehr als 100.000 mehr Todesfälle als Neueintritte. Seit 2011 aber stiegen die Versichertenzahlen mit wachsenden Zuwachsraten von 69,4 Millionen auf 72,5 Millionen. Mit ihnen nahmen auch die Beitragseinnahmen deutlich zu. Im selben Zeitraum strömten 8,7 Millionen Zuwanderer nach Deutschland, die meisten davon weit jünger als der Durchschnitt der deutschen Stammbevölkerung.
(...). Und bis auf das Flüchtlingsjahr 2015 kamen die allermeisten nicht als Asylbewerber, sondern aus anderen EU-Ländern",

berichtet Peter THELEN über einen Verjüngungseffekt der Zuwanderung, den "kein Bevölkerungswissenschaftler vorhergesagt" hat:

"Bis 2015 stieg das Durchschnittsalter der Versicherten noch Jahr für Jahr, allein von 2009 bis 2015 von 43,2 auf 44,15 Jahre. (...).
Seit 2015 aber schrumpft das Durchschnittsalter. Aktuelle liegt es wieder bei 44. Ohne die Internationale Migration wären die gesetzlich Versicherten nach vorsichtigen Berechnungen heute im Durchschnitt 45,5 Jahre alt. Tendenz weiter steigend. Der Verjüngungseffekt beträgt bislang satte eineinhalb Jahre."

Die Zahlen gelten für die Versicherten der gesetzlichen Krankenkassen und können deshalb vom Durchschnittsalter der Bevölkerung in Deutschland abweichen. Von daher ist es falsch, wenn THELEN behauptet, dass die Bevölkerungswissenschaftler dies nicht vorhergesagt hätten. Ökonomen sind jene, die solche Entwicklungen eigentlich vorherzusagen hätten. Bei allen Sozialversicherungszweigen gibt es Differenzen zwischen Entwicklung dieser Sozialsysteme und der demografischen Entwicklung der Bevölkerung. Dass diese ständig ignoriert werden, hängt mit der Demografisierung gesellschaftlicher Probleme zusammen. 

 
       
   

Das Teilhabechancengesetz in den Medien

HEIMBACH, Tobias (2018): Wie die SPD um die Ost-Wähler kämpft.
Mit einem neuen Gesetz bemüht sich die Partei um Langzeitarbeitslose. Es ist Teil einer Strategie, mit der sie im Osten ihren Abstieg stoppen will,
in: Welt
v. 25.07.

Das neue Gesetz soll für bis zu 150.000 der insgesamt über 800.000 Langzeitarbeitslosen in Deutschland zugute kommen.

"Die SPD baut darauf, dank dieses Projekts im Osten bald wieder eine größere Rolle zu spielen - oder zumindest ihren Abstieg aufzuhalten",

berichtet Tobias HEIMBACH, der das Gesetz als Verdienst der ostdeutschen SPD-Politiker betrachtet.

"In Sachsen etwa könnte die Partei nach der jüngsten Umfrage unter zehn Prozent rutschen und in Brandenburg erstmals nicht mehr den Ministerpräsidenten stellen",

erklärt uns HEIMBACH zum SPD-Desaster in Ostdeutschland. Umfragen sind insbesondere für Sachsen nur mit Vorsicht zu genießen. In dem Beitrag Sachsens "blaues Wunder" bei der Bundestagswahl 2017 in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift für Politik hat Hendrik TRÄGER die Prognosekraft von Umfragen untersucht. Aufgrund der eingeschränkten Prognostizierbarkeit von Wahlergebnissen fordert er statt konkreter Prozentzahlen, nur noch Intervalle zu veröffentlichen:

"Dadurch würde klarer werden, dass die Umfragen keine Ergebnisse, sondern nur Momentaufnahmen abbilden".

Bis zur Landtagswahl in Sachsen sind es noch über ein Jahr. Bis dahin können sich noch große Verschiebungen ergeben. Das Gesetz zielt weniger auf die AfD als auf die Linkspartei, die in Sachsen im Gegensatz zu anderen ostdeutschen Ländern noch davon profitieren kann, dass sie dort noch nicht mitregiert hat.

Ob die SPD mit dem Teilhabechancengesetz tatsächlich ihr Agenda-2010-Image loswerden kann, muss sich erst noch zeigen, denn:

"Zur Wahrheit gehört auch, dass viele Menschen im Osten nicht mehr von dem Programm profitieren werden. Sie müssen nur noch ein oder zwei Jahre bis zur Rente überbrücken und können die Unterstützung zur Eingliederung in den Arbeitsmarkt nicht mehr in Anspruch nehmen. Für sie kommt diese Hilfe zu spät",

meint HEIMBACH. Die Rentner aber könnten der SPD zum Verhängnis werden. Das Gesetz zur Ostrentenangleichung war bislang nur ein Placebo und ob es nächstes Jahr zum Zuge kommen wird, das steht auch noch nicht fest. Fest steht dagegen, dass bei unverändertem RV-Leistungsverbessungs- und -Stabilisierungsgesetz die Rentenanpassung niedriger ausfallen könnte, ohne dass dies aufgrund des zu stabilisierenden Rentenniveaus notwendig wäre!

Fazit: Ob das Teilhabechancengesetz die Nachteile des Rentenpakets für Ostdeutsche, die vom CSU-Mütterrentengesetz wenig profitieren, und dazu durch voraussichtlich niedrigere Rentenanpassungen zusätzlich verprellt werden, überwiegt, das wird eine spannende Frage werden. Bislang hat sich die SPD eher von der CDU/CSU vorführen lassen, statt selbstbewusst aufzutreten.  

 
       
   

Der Beitrag Anzeichen für neue Immobilienpreisblase in einigen OECD-Ländern – Gefahr in Deutschland geringer in den Medien

ÖCHSNER, Thomas (2018): Die Angst vor der Blase.
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung warnt, dass Wohnimmobilien in den Metropolen überteuert seien,
in: Süddeutsche Zeitung v. 25.07.

 
       
   

Die Wissenschaftskultur als Problem

MÜLLER-JUNG, Joachim (2018): Wem soll man noch glauben?
Eine Recherche zeigt, in welchem Ausmaß "Raubverlage" das Wissenschaftssystem missbrauchen. Sie publizieren wie wild. Ist das jetzt ein Skandal oder keiner?
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 25.07.

Der Artikel von Joachim MÜLLER-JUNG drückt sich um eine Antwort und versucht das Problem zu verharmlosen:

"Ist die seriöse Wissenschaft also ernsthaft in Gefahr, von Scharlatanen unterwandert zu werden (...)?
Sicher nicht in ihrer Substanz oder in ihrer Grundverfassung, denn fünftausend Wissenschaftler (die wenigstens einmal, viele wohl auch versehentlich, in Raubverlagen publizierten) entsprechen erst einmal nur knapp 1,3 Prozent des wissenschaftlichen Personals im Land."

Wenn aber selbst Nobelpreisträger in solchen Verlagen publizieren, darf schon gefragt werden, ob nicht das Problem der Fake-Science die Grundverfassung erschüttert. Zumal das Peer-Review-Verfahren keineswegs ohne Probleme ist. Oftmals werden unseriöse Praktiken nur dann aufgedeckt, wenn der eingeschworene Konsens der Scientific Community bröckelt. Gefahr besteht vor allem dort, wo nur wenige Wissenschaftler als "Hüter der Konventionen" fungieren, als auch dort wo der Massenbetrieb die Kapazitäten der Kontrollen überfordert. Ganz abgesehen davon, dass die Wissenschaft immer mehr von Sponsoren abhängig ist.

 
       
   

Der ländliche Raum und Mittelstädte im demografischen Wandel

LACHMANN, Harald (2018): Braunkohle als Abfallveredler.
In Freiberg wurde ein Verfahren entwickelt, das neue Wege für eine ganze Region eröffnet,
in: Neues Deutschland v. 25.07.

Harald LACHMANN macht Hoffnung, dass der Braunkohletagebau in der Lausitz doch nicht ganz aussterben wird. Statt in Kohlekraftwerken verfeuert zu werden, soll die Braunkohle dazu dienen sozusagen aus Abfall Gold zu machen! Weit fortgeschritten ist das Projekt jedoch nicht, denn erst 2022 soll in Leuna ein Pilotprojekt starten. Die Mitteldeutsche Braunkohlegesellschaft (MIBRAG) in Zeitz ist an dem Leuchtturmprojekt beteiligt.

 
       
   

Die Alternative für Deutschland in der Debatte

STUMBERGER, Rudolf (2018): Antisozial und neoliberal.
Das Wahlprogramm der AfD für Bayern steht für einen radikalen Kurs von rechts,
in: Neues Deutschland v. 25.07.

 
       
   

Menschen ohne Beziehungserfahrung in der Debatte

THOMASER, Sonja (2018): Vom Recht auf Sex
Anhänger der Incel-Bewegung stilisieren sich zu Opfern des Feminismus,
in: Frankfurter Rundschau v. 25.07.

Anlässlich zweier Amokläufe in Toronto dieses Jahr spekuliert Sonja THOMASER über das Tatmotiv:

"In diesem Jahr gab es bereits zwei Amokläufe mit insgesamt zwölf Toten, die mutmaßlich mit der Incel-Bewegung und dem Hass auf Frauen in Zusammenhang stehen".

Zum einen steht nirgends, dass zwölf Frauen getötet wurden. In den meisten Berichten zur Amokfahrt im April heißt es, dass "10 Menschen" getötet wurden, d.h. auch Männer waren unter den Opfern. In anderen Berichten heißt es dann "vorwiegend Frauen". Auch sonst bleiben die Angaben zur Verbreitung dieser "Bewegung" eher vage.

In jeder Gesellschaft gibt es massenweise unfreiwillige Singles - viele Millionen allein in den westlichen Gesellschaften! Es ist deshalb sehr gefährlich, wenn unfreiwillige Singles nach jeder Tat, die irgendetwas mit seiner Partnerlosigkeit zu tun haben könnte, unterstellt wird, dass Frauenhass das Motiv ist. Männer ohne Beziehungserfahrung werden dadurch zusätzlich stigmatisiert - und das bei einem Thema, das in unserer Erfolgsgesellschaft eher tabuisiert ist oder durch Sensationsberichterstattung geprägt ist. Ob das hilfreich ist, ist eine andere Frage, denn offensichtlich muss zum Problem der unfreiwilligen Partnerlosigkeit auch eine gravierende psychische Störung hinzukommen.

Fazit: Der pathologisierende Umgang der Medienberichterstattung mit dem Thema könnte dazu führen, dass sich unfreiwillige männliche Singles erst Recht rechten Gruppen zuwenden, weil dort scheinbar ihr Problem als solches anerkannt wird.     

 
       
   

24.07.2018

 
       
   

Die Reproduktionsmedizin und die Fruchtbarkeitskrise

WEIGMANN, Katrin (2018): Ein Kind vieler Mütter.
Vor 40 Jahren wurde Louise Brown geboren, das erste Retortenbaby der Welt. Das Glück ihrer Eltern wurde nur möglich, weil fast 300 Frauen an strapaziösen Versuchen teilnahmen,
in: Süddeutsche Zeitung v. 24.07.

 
       
   

Der ländliche Raum und Mittelstädte im demografischen Wandel

BEISE, Marc (2018): Hier wird nun englisch gschwätzt.
SZ-Serie Gipfelstürmer: Rund um die beschauliche Gelehrtenstadt Tübingen wächst das Cyber Valley. Wissenschaft, Wirtschaft und Politik ziehen an einem Strang, und Geld spielt keine Rolle - so ähnlich hat es einst im kalifornischen Silicon Valley begonnen,
in: Süddeutsche Zeitung v. 24.07.

HOLZKI, Larissa (2018): Karriere im Kaff.
Kleinstädte haben ihr Flair - für viele Menschen kommen sie aber nur für Ausflüge infrage, nicht als Arbeitsort. Wie Unternehmen sie vom Gegenteil überzeugen,
in: Süddeutsche Zeitung v. 24.07.

 
       
   

Das Renteneintrittsalter und die Erhöhung der Erwerbsquote von Älteren in der Debatte

STOCKER, Frank (2018): Rente mit 63 bedroht den Wohlstand.
Deutschland hat die Beschäftigung älterer Arbeitnehmer zuletzt so sehr erhöht wie kein anderes Land. Doch vorzeitiger Ruhestand gefährdet dies,
in: Welt v. 24.07.

Anlässlich der PR einer Unternehmensberatung, die einen "Golden Age Index" präsentiert hat, füttert uns Frank STOCKER mit Spekulationen, statt belastbare Zahlen zu liefern.

"Profitieren kann von einer höheren Beschäftigungsquote unter älteren Bürgern (...) nicht nur der Betrieb, sondern auch die gesamte Volkswirtschaft",

behauptet STOCKER. Dass vom Wohlstand nicht alle Bürger eines Landes gleichermaßen profitieren, sollte eigentlich inzwischen überall durchgedrungen sein. Das aber heißt: "den" Wohlstand gibt es nicht. Man könnte z.B. Wohlstand auch als Lebensqualität messsen, was in der produktivistischen Sicht des Neoliberalismus unterbleibt. Zu den Wirkungen der Rente ab 63 hat der Bericht keine Zahlen, sondern nur Spekulationen zu bieten.

Das Zentrum des Artikels ist die neoliberale Praxis des Rankings, bei dem eine Rangreihe von Ländern aufgestellt wird, bei der der Spitzenreiter das Vorbild abgibt, dem die anderen gefälligst nacheifern sollen. Für die jeweilige Kennziffer wird dann ein Zusammenhang zum Wohlstand behauptet, ohne diesen zu belegen. Dieses eindimensionale Denken vernebelt uns jedoch den Verstand, weil dadurch die komplexeren Zusammenhänge aus dem Blick geraten. Musterknabe kann immer nur einer sein und manche Ziele widersprechen sich, d.h. wer auf dem einen Felde Musterknabe ist, der ist zwangsläufig auf dem anderen Felde abgehängt oder gar Schlusslicht.

Eine Grafik zeigt das angebliche Wachstumspotenzial durch arbeitende Senioren an. Die Welt hat sich aus den 32 Ländern, die PWC betrachtet hat, 13 Länder herausgesucht, wobei Deutschland Rang 8 belegt. Bei Betrachtung von 32 Ländern liegt Deutschland dagegen besser, nämlich auf Platz 16.

Fazit: Während der Neoliberalismus Diversity - Vielfalt - predigt, regiert jedoch nur Einfalt!

 
       
   

Die Entwicklung der Mittelschicht in der Debatte

SEEWALD, Berthold (2018): Sehnsucht nach Mittelschicht.
Leidartikel: Die Hiobsbotschaften für die gesellschaftliche Mitte in Deutschland reißen nicht ab. Sie treffen einen Nerv - das zeigen die jüngsten Wahlerfolge von Linkspartei und AfD. Dabei wird demnächst mehr vererbt denn je,
in: Welt v. 24.07.

Berthold SEEWALD schwadroniert über Aufstieg und Fall von Mittelschichten, die - historisch gesehen - durch den sozialen Wandel - einem Modebegriff der 1970er Jahre - hervorgebracht und hinweggefegt werden. Aus dieser Überfliegersicht erscheint der Versuch die Mittelschicht erhalten zu wollen als Ausgeburt von Unvernunft. Die Ängste der Mittelschicht sind für SEEWALD deshalb belanglos, zumal sich die obere Mittelschicht aufgrund der Vererbung beruhigt zeigen kann:

"Nach einer aktuellen Studie der Quirin Bank mit dem Marktforschungsinstitut YouGov erben immerhin zwei Drittel der Deutschen mehr als 100.000 Euro, jeder Fünfte immerhin 250.000 Euro, Tendenz steigend.
Viele dieser Gelder sind in Immobilien investiert (..) und viele Erben gekommen von ihren Eltern das Startkapital für eine Wohnung oder ein Haus in einer der für zukunftsträchtig gehaltenen urbanen Zentren. (...).
Ohne diese Basis dagegen dürfte es alsbald selbst einem doppelverdienenden Lehrerehepaar - bis in die 1990er Jahre Prototyp des sozialen Aufsteigers - schwer fallen, in Hamburg, Düsseldorf oder Berlin Wohneigentum zu erwerben"

Ob dies so stimmt, sei dahingestellt, denn das Vererbungsprinzip dominiert weniger in der mittleren und unteren, sondern in der oberen Mittelschicht und Oberschicht. Die Summen, die dort vererbt werden, sind weit höher und der Rest erbt, wenn überhaupt - weniger.   

 
       
   

Der Zeitgeist in der Debatte

SPOERR, Kathrin (2018): Ich Heimatlose.
Welt-Serie Heimatbesuche (1): Unsere Autorin wuchs in der DDR auf. Heimat war für sie etwas Geheucheltes - Kampflieder, Eide und Fahnenappelle. Später, im Westen, kam das H-Wort dann gar nicht mehr vor, was auch irgendwie merkwürdig war. Heute schaut sie sentimental zurück,
in: Welt v. 24.07.

 
       
   

Der ländliche Raum und Mittelstädte im demografischen Wandel

RINGLE, Anna & Kristin KRUTHAUP (2018): Neustart in der alten Heimat.
Der Trend zur Rückkehr in den Osten hat sich in den letzten Jahren verstetigt,
in: Neues Deutschland v. 24.07.

RINGLE & KRUTHAUP betreiben Rückkehrmarketing für Ostdeutschland:

"Der Landkreis Harz in Sachsen-Anhalt betreibt eine Willkommensagentur für Rückkehrwillige. Sie vermittelt als erster Ansprechpartner Kontakte. »Die Anfragen steigen und auch die Zahl der Rückkehrer«, sagt die Verantwortliche Anja Ulrich. Die Städte Wernigerode und Quedlingburg seien derzeit besonders begeht. (...).
Tim Leibert vom Leibniz-Institut für Länderkunde in Leipzig (...) stützt sich auf eine Studie des Instituts. Sie bildet Erwerbstätige in Deutschland ab, die zunächst umzogen und zwischen 2001 und 2014 wieder zurückkamen. (...). Bundesweiter Spitzenreiter bei der Rückkehrerquote in dem Beobachtungszeitraum ist laut Studie der Landkreis Eichsfeld in Thüringen. (...). (D)er Landkreis (grenzt) an Hessen und Niedersachsen. Viele pendeln und arbeiten in Oberzentren wie Göttingen oder Kassel. Die Arbeitslosenquote im Landkreis lag im Juni bei 3,6 Prozent."

Auch auf Sachsen, wo die AfD bei der Bundestagswahl 2017 die CDU als stärkste Partei überrundete, wird eingegangen, obwohl sich Sachsen nicht um Rückkehrwillige, sondern um Fachkräfteanwerbung bemüht. Der neoliberale Musterknabe setzt eher auf ein Weiter-So, statt seine Probleme wirklich angehen zu wollen. 

 
       
   

Die Altersvorsorge in der Schweiz in der Debatte

NEUHAUS, Christina (2018): Meinungsumschwung beim Rentenalter.
Eine Erhöhung des Frauenrentenalters wird laut einer Umfrage von einer Mehrheit unterstützt - auch unter den Frauen,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 24.07.

 
       
   

23.07.2018

 
       
   

Der Erzieher- und Lehrermangel als Folge interessengeleiteter Bevölkerungsvorausberechnungen

KLÖPPER, Anna (2018): In der Mangel.
Nahaufnahme: Sandra Tewes hat einen Traum. Mit 40 Jahren lässt sie sich zur Erzieherin ausbilden. Doch wie lange lassen sich die Arbeitsbedingungen in Kitas aushalten?
in: TAZ v. 23.07.

"Eigentlich ist es eine positive gesellschaftliche Entwicklung, dass die Zahl der kindergartenfähigen Kinder steigt. Weil wieder mehr Babys geboren werden, wegen der Zuwanderung nach Deutschland in den letzten Jahren. Und nicht zuletzt auch deshalb, weil immer mehr Eltern das einfordern, was seit 2013 ihr gutes Recht ist: ein Kita-Platz, sobald das Kind ein Jahr alt ist. Und so wird der Babyboom zum Problem",

behauptet Anna KLÖPPER politisch korrekt, aber falsch. Der linksliberale Mainstream leugnet fahrlässigerweise die Tatsache, dass nicht nur die Zuwanderung für den Geburtenanstieg verantwortlich ist, sondern auch der Anstieg der endgültigen Kinderzahl bei deutschen Müttern.

Betrachtet man den Indikator Änderung aufgrund der Veränderung der Anzahl und des Alters ausländischer Frauen als Anteil, der durch Zuwanderung verursacht wird. Dann lässt sich aus der nachfolgenden Tabelle ersehen, welchen Anteil der Anstieg der Geburtenhäufigkeit bei deutschen Müttern am Geburtengeschehen der Jahre 2012 bis 2016 hatte. Da auch andere Faktoren wie der Echo-Effekt und die Geburtenhäufigkeit der ausländischen Frauen ebenfalls Einfluss auf den Anstieg der Geburtenzahl hatte, handelt es sich hierbei lediglich um eine Annäherung, die dazu dient, eine Vorstellung über die Größenordnungen beider Aspekte zu gewinnen:

Tabelle: Komponenten des Geburtengeschehens in Deutschland in den Jahren 2012 - 2016
Jahr 2012 2013 2014 2015 2016
Anstieg der Geburtenzahl zum Vorjahr 10.873 8.507 32.837 22.628 54.324
Ursachen des Geburtenanstiegs:          
- Anstieg der Geburtenhäufigkeit bei deutschen Müttern 7.250 2.751 20.816 4.003 15.603
- Änderung aufgrund der Veränderung der Anzahl und des Alters ausländischer Frauen 3.685 4.724 6.436 11.343 14.182
Quelle: Olga Pötzsch 2018, Tabelle 1, S.75

Im Jahr 2016 wurden ähnlich viele Kinder aufgrund der Zuwanderung ausländischer Frauen als aufgrund der höheren Geburtenhäufigkeit deutscher Frauen geboren. Rund 40.000 Kinder deutscher Frauen mehr bei den unter 3-Jährigen bedeutet bei einem empfohlenen Betreuungsschlüssel von 3 Krippenkindern pro Erzieherin, dass über 13.000 Erzieherinnen mehr benötigt würden, wenn alle Eltern auf einem solchen Krippenplatz bestehen würden.    

Eine genaue Darstellung der einzelnen Komponenten des Geburtengeschehens ist dem Beitrag Aktueller Geburtenanstieg und seine Potenziale von Olga PÖTZSCH vom Statistischen Bundesamt zu entnehmen. Die Tabelle zeigt, dass der Anteil der Geburten aufgrund des Anstiegs der Geburtenrate bei deutschen Frauen keineswegs vernachlässigt werden kann. Dabei kann der Anteil bestimmter Frauengruppen je nach betrachtetem Gebiet durchaus stark schwanken. Für Berlin mag die Zuwanderung bedeutender sein als in anderen Regionen in Deutschland. KLÖPPERs Beitrag betrachtet zwar speziell eine Berliner Einrichtung, macht aber auch für ganz Deutschland Angaben zur Situation:

"Nach Berechnung des Instituts der Deutschen Wirtschaft fehlten 2017 bundesweit rund 300.000 Kita-Plätze für unter Dreijährige."

2017 ist die Zahl der Geburten nach vorläufigen Zahlen geringfügig zurückgegangen. Die aktuelle Bevölkerungsvorausberechnung deutet jedoch darauf hin, dass 2018 und 2019 die Zahl wieder höher sein wird, wobei die Annahmen der Bevölkerungsvorausberechnung bereits für 2017 zu niedrig waren.

Fazit: Wer wie KLÖPPER den Anteil des Geburtenanstiegs bei deutschen Frauen leugnet, der trägt dazu bei, dass das Ausmaß des zukünftigen Betreuungs- und Lehrermangels verharmlost wird. Bereits der aktuelle Bildungsbericht geht davon aus, dass das Aussitzen der Probleme genügt, weil die Geburtenzahlen ab 2020 wieder rückläufig sein werden. Dies könnte jedoch ein Fehlschluss sein, denn bislang lagen alle Bevölkerungsvorausberechnungen der letzten 10 Jahre hinsichtlich der Geburtenentwicklung zu niedrig und mussten nach oben korrigiert werden. Bereits ein geringer weiterer Anstieg der endgültigen Kinderzahl pro Frau könnte den Rückgang der potenziellen Mütter überkompensieren. Was aber passiert, wenn auf eine bereits angespannte Situation statt einer erwarteten Entschärfung eine weitere Verschärfung der Situation eintritt? Der Sturz von Landesregierungen könnte genauso die Folge sein wie ein Einbruch der Geburtenhäufigkeit aufgrund verfehlter Betreuungs- und Schulpolitik!

LEIMBACH, Alina (2018): Nachts in den Kindergarten.
Tagesthema: Deutschland ist vielerorts eine Kita-Wüste. Mit zunehmend atypischen Arbeitszeiten verschärft sich das Problem,
in: Neues Deutschland v. 23.07.

 
       
   

Die betriebliche Altersvorsorge in der Debatte

KUNZ, Anne (2018): Spahn sieht kaum Raum bei Betriebsrenten.
Entlastung von Beiträgen würde Milliarden kosten,
in:
Welt v. 23.07.

 
       
   

Das Single-Dasein in Italien

KIRST, Virginia (2018): Darum wohnen junge Italiener so lange bei ihren Eltern.
Jeder fünfte 15- bis 24-Jährige in Italien hat weder Arbeit noch einen Ausbildungsplatz. Ihre letzte Hoffnung setzen sie auf den Staat,
in:
Welt v. 23.07.

LAHRITZ, Stephanie (2018): Hier beginnt der Ernst des Lebens.
NZZ-Serie Hotspots: In Florenz trifft man sich als Teenager auf der Piazza della Reublica - denn hier erfährt man alles,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 23.07.

SCHMIDT, Birgit (2018): Die Stadt und ihre Unbekannte.
Die besten Reiseführer über Neapel sind die Romane von Elena Ferrante. Wir suchen die weltberühmte Autorin, die niemand kennt, weil sie sich in aller Öffentlichkeit verbirgt,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 23.07.

 
       
   

22.07.2018

 
       
   

Die Partnersuche in der Debatte

LEY, Julia (2018): Willst du ein Halal-Date mit mir?
Für Muslime ist es oft schwer, hierzulande einen Partner zu finden - besonders für gut ausgebildete Frauen, die Moderne mit Tradition verbinden wollen,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 22.07.

Das Sujet ist das gleiche, nur die Nationalität ist nun eine andere. Waren Mitte der Nuller Jahre die einsamen deutschen  Karrierefrauen, die keinen abbekommen haben, im Zeichen der Geburtenkrise das Topthema des Mainstream-Boulevards, wird nun das Thema im Zeichen des Fachkräftemangels neu entdeckt.

 
       
   

Die Lebensversicherer als Akteur der Altersvorsorge in Deutschland: Von vollmundigen Versprechungen zur Entledigung der Altlasten und Risikoabwälzung auf die Versicherten

KLEMM, Thomas (2018): "Mit Altersvorsorge spielt man nicht".
Heinz-Peter Roß kauf Millionen Lebensversicherungen und legt sie dann still. Das klingt schlimmer, als es ist,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 22.07.

 
       
   

21.07.2018

 
       
   

Die Reproduktionsmedizin und die Fruchtbarkeitskrise

MITIC, Katja (2018): Endlich Familie dank Leihmutter.
Sylvia Bollhorn hat mit 55 Jahren durch eine Eizellspende und Leihmutter Zwillinge bekommen. Heute sind ihre Mädchen drei Jahre alt. Ein Besuch,
in: Welt v. 21.07.

 
       
   

Die Pflege in Deutschland in der Debatte

SCHWÄR, Hannah (2018): Gepflegte Gewinne.
Familienministerin Franziska Giffey und Gesundheitsminister Jens Spahn wollen an die Renditen der Pflegeheime ran, um eine bessere Betreuung zu gewährleisten. Doch ohne private Heime ist die Versorgung kaum zu stemmen,
in: Welt v. 21.07.

Hannah SCHWÄR verteidigt die sicheren Investorenrenditen für den internationalen Finanzkapitalismus. Das System mit win-win-Situation auf Seiten von  Investoren und Betreibern von Pflegeimmobilien zu Lasten von Pflegekräften und den zu Pflegenden hat Christoph LIXENFELD Ende Juni einprägsam in der taz beschrieben. Sichere Renditen in Zeiten, in denen Arbeitnehmer bereits in der betrieblichen und privaten Altersvorsorge den Kapitalmärkten bei vollem Renditerisiko ausgesetzt werden, das ist der wahre Skandal. Überall werden die Risiken, die der Finanzkapitalismus erzeugt, den Kunden aufgebürdet, während die Investoren selber wie die Maden im Speck leben. 

 
       
   

Das WZB-Diskussionspapier Wie brüchig ist die soziale Architektur unserer Städte? in den Medien

DETTMER, Markus (2018): Die Kluft.
Soziale Ungleichheit: Arm und Reich wohnen sich immer mehr auseinander. Vor allem Menschen mit niedrigem Einkommen leben zunehmend in eigenen Wohnvierteln,
in: Spiegel Nr.30 v. 21.07.

Markus DETTMER berichtet anhand der Plattenbausiedlung Erfurt-Nord über ein Studie von Marcel HELBIG & Stefanie JÄHNEN, die bereits im Mai für öffentliche Aufmerksamkeit sorgte.

Erfurter Skyline, Foto: Bernd Kittlaus 2018

DETTMER präsentiert die Sicht des SPD-Ortsteilbürgermeister, des Wissenschaftlers HELBIG und des Wissenschaftlers Jörg FISCHER.

"Im Westen wie im Osten habe der soziale Wohnungsbau das Problem verschärft, denn Sozialwohnungen gebe es vor allem dort, wo viele arme Menschen wohnen. »In vielen Städten« glaubt Helbig, »ist die Idee einer sozial gemischten Stadtgesellschaft nicht mehr Wirklichkeit«"
(...).
»Das Manko ist, das Wissen in politisches Handeln zu übersetzen«, sagt Fischer. Etwa in der Wohnungsbau- oder Bildungspolitik. Gerade da, wo die größten sozialen Probleme seien, müssten die am besten ausgestatteten Schulen mit den besten Lehrern stehen. Die Stadtteile brauchten eine Imageaufwertung, um attraktiver zu werden. Durch Wohnungsbau in den Vierteln oder an ihren Rändern, der auch für die Mittelschicht attraktiv sei. Nötig sind zudem ein breites Angebot von Kultur- und Freizeiteinrichtungen."

zitiert DETTMER die Vorstellungen der Wissenschaftler, die ziemlich genau den Maßnahmen entsprechen, mit denen in Dänemark 22 Ghettos platt gemacht werden sollen. Das Ideal der durchmischten Stadt wird jedoch von zwei Seiten torpediert: zum einen durch den Zwang, dass Arme billigen Wohnraum benötigen und zum anderen durch die Bildungspanik der Bessergestellten. Angesichts der Tatsache, dass Deutschland den Geburtenanstieg verschlafen hat und sich deshalb die Probleme im Bildungssektor gravierend verschärfen werden, ist es kaum vorstellbar, dass Politiker noch die Möglichkeit besitzen werden, Ideale zu verwirklichen. Dazu ist es mittlerweile längst zu spät. Unter dem zunehmenden Druck der selbstverschuldeten politischen Fehlentscheidungen der vergangenen 10 Jahre werden sich die Bemühungen in Wohlgefallen auflösen und zum Gegenteil des Ideals führen: zu noch mehr Segregation!

Fazit: Unsere Neoliberalen haben längst jeglichen Bezug zur Realität in Deutschland verloren. Sie preisen Vorstellungen, die höchstens für Sonntagsreden geeignet sind, und fahren damit noch die letzten Chancen an die Wand, eine Wende zum Besseren zu schaffen!    

 
       
   

Der Erzieher- und Lehrermangel als Folge interessengeleiteter Bevölkerungsvorausberechnungen

SCHMOLL, Heike (2018): Totgeschwiegener Lehrermangel.
Die Länder tun zu wenig, um Lehrernachwuchs für sich zu gewinnen,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 21.07.

"Im Jahr 2016 war in einigen Ländern mehr als die Hälfte der Lehrkräfte über 50 Jahre alt Der zuletzt auf 8,4 % gestiegene Anteil von Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteigern an allen Neueinstellungen zeugt schon jetzt von Personalengpässen einiger Länder Steigende Geburten- und Zuwanderungszahlen, vielfältiger zusammengesetzte Klassen sowie nicht erfüllte Ganztagsbetreuungsansprüche werden das Problem ausreichend qualifizierten Nachwuchses weiter verschärfen" (S.7),

heißt es im aktuellen Bildungsbericht 2018. Im Bildungsbericht wird die aktualisierte Variante 2 A der 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung zur Bestimmung des zukünftigen Lehrermangels herangezogen. Diese Bevölkerungsvorausberechnung ist längst wieder durch die Realität der Geburtenentwicklung überholt worden. Der Lehrermangel wird also wesentlich gravierender sein als der Bildungsbericht dies fahrlässigerweise unterstellt.

"Nach der aktualisierten Bevölkerungsvorausberechnung werden die Geburtenzahlen nach einem Hoch in den Jahren 2019 und 2020 aufgrund des Echoeffekts voraussichtlich langsam, aber kontinuierlich zurückgehen: Es kommt aufgrund der rückläufigen Anzahl potenzieller Mütter aus den geburtenschwachen Jahrgängen zu einem Geburtenrückgang (...). So umfasste im Jahr 1994 die Gruppe der Frauen im Alter zwischen 18 und 40 Jahren noch rund 13,0 Millionen, 2016 waren es rund 10,6 Millionen, 2020 werden es laut der Prognose gut 10,0 Millionen und 2035 voraussichtlich nur noch rund 9,2 Millionen sein. Diese Entwicklung wird für Ost- als auch für Westdeutschland angenommen. In den Stadtstaaten hingegen bleibt die Zahl potenzieller Mütter perspektivisch eher stabil und wird sich durch zunehmende Urbanisierung unter Umständen sogar leicht erhöhen." (S.24)

Diese Analyse ist kurzschlüssig, weil die altersspezifischen Geburtenziffern unberücksichtigt bleiben. Aufgrund des Anstiegs des Erstgeburtsalters spielen die jüngeren Frauenjahrgänge im Gegensatz zu den älteren Frauenjahrgängen eine weit geringere Rolle für das Geburtengeschehen. Ein Rückgang von 600.000 potenziellen Müttern könnte durch einen Anstieg der Geburtenrate schnell überkompensiert werden. Auf Seite 254 des Bildungsbericht sind die unterstellten Geburtenzahlen für die Jahre bis 2035 ersichtlich, die eine Geburtenrate von 1,5 unterstellen, obwohl die Geburtenrate bereits im Jahr 2016 bei 1,59 lag.

Zudem fehlt eine Analyse des Geburtengeschehens nach Migrationshintergrund. Eine solche Analyse legte das Statistische Bundesamt jedoch bereits im letzten Monat vor (vgl. Grafik 3, S.77). Der Beitrag von POETZSCH liefert jedoch nur eine vergangenheitsfixierte Analyse, während Zahlen zur voraussichtlichen Entwicklung der potenziellen Mütter für die nächsten Jahre vermieden werden. Zudem ist die Argumentation wie üblich defensiv, d.h. die tatsächlichen Potenziale des gegenwärtigen Geburtenanstiegs werden nur mangelhaft aufgezeigt. Was aber passiert, wenn der Geburtenanstieg kein kurzzeitiges Übergangsphänomen ist wie der Bildungsbericht nun wieder behauptet? Die Konsequenzen einer solch defensiven Argumentation wären gravierend für die Betreuungs- und Lehrsituation in Deutschland. Man kann den Bildungsbericht deshalb auch als Versuch sehen, die wirklichen Probleme zu verdrängen wie Heike SCHMOLL das tut.

"Unterrichtsausfall, häufige Lehrerwechsel oder unterqualifizierter Unterricht gehören zu den größten Elternärgernissen - sie haben schon Landtagswahlen entschieden",

meint SCHMOLL. Tatsächlich könnte es insbesondere in Sachsen zu einem Desaster kommen.

"Sachsen hat in Baden-Württemberg arbeitslose Lehrer abgeworben und kehrte mit reicher Beute heim",

behauptet SCHMOLL. Bei der taz las sich das ganz anders.

Fazit: Deutschland hat den Geburtenanstieg verschlafen und der Bildungsbericht 2018 führt diese unselige Tradition der Verdrängung fort, obwohl der Lehrermangel bereits heute deutlich zu Tage tritt. Statt Maßnahmen zur Bekämpfung einzuleiten wird darauf vertraut, dass die Geburtenzahlen schnell rückläufig sind und das Problem des Lehrermangels deshalb bequem ausgesessen werden kann. Diese fatale Kurzsichtigkeit könnte im schlimmsten Fall die Geburtenentwicklung beeinträchtigen, im besten Fall könnte es zu politischen Niederlagen der regierenden Parteien in den besonders hart betroffenen Bundesländern führen.  

 
       
   

Der ländliche Raum und Mittelstädte im demografischen Wandel

BÜNNAGEL, Karin (2018): Tradition und Zukunft.
Wichtiger Wirtschaftsstandort für die Region und Weltkulturerbestätte in einem: In Bamberg verbinden sich Kunst, Kultur und Wirtschaft u einem großen Ganzen,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 21.07.

"Bamberg zählt zur Metropolregion Nürnberg, genauso wie Fürth, Erlangen, Bayreuth, Hof an der Saale sowie Coburg und Weiden in der Oberpfalz; 2014 hat die Region die bayerische Grenze überschritten, denn auch der thüringische Landkreis Sonneberg gehört seitdem dazu",

erzählt uns Karin BÜNNAGEL über die Mittelstadt Bamberg (über 76.000 Einwohner), die uns in dem Verlagsspezial zur Bamberger Kunst- und Antiquitätenwochen als Teil der deutschen Bereicherungsökonomie vorgestellt wird.

Bamberger Antiquitätenviertel, Foto: Bernd Kittlaus 2018

"Das Antiquitätenviertel unterhalb des Dombergs in Bamberg ist einmalig. Nirgendwo sonst findet man auf so engem Raum so viele hochklassige Antiquitätengeschäfte"

wird uns ein anderer Artikel angepriesen.   

 
       
   

Die Linke und die soziale Frage in der Debatte

SCHÄFER, Velten (2018): Identitätsbasteleien.
Über die Klassengestik der linksradikalen Klimaschutzbewegung,
in: Neues Deutschland v. 21.07.

"(I)m Zusammentreffen von Intersektionalismus und Klimaschutz (zeigen sich) geradezu laborhaft Probleme, die zuletzt wieder die Linke umtreiben: die Bezüge zwischen akademischem Radikalismus und Arbeiterschaft.
Das Unbehagen (...) beginnt mit antiautoritären Kommunarden und Spontis, die sich gegen »kleinbürgerliche« Kultur wenden",

meint Velten SCHÄFER, der die Verachtung der kulturalistischen, kosmopolitischen Linken, die einem "progressiven Neoliberalismus" fröhnen, für die Interessen der Arbeiterschaft insbesondere am Beispiel des Braunkohlebergbaus in der Lausitz festmacht. Er wirft diesen Linksradikalen vor, dass sie das

"Dilemma zwischen schnellstmöglichen Ausstieg und absehbarer sozialer Verheerung der Region"

bagatellisieren und stattdessen wie einst Maggie THATCHER im Frühneoliberalismus mittels Mantra der Alternativlosigkeit zum "Großangriff auf die Arbeiterklasse" blasen, die sich

"im Angesicht erodierender Strukturen, pessimistischer Szenarien und anhand abwertender Zuschreibungen, die noch dazu nicht selten von denen ausgehen, die sich ihrer alten Werte auf die Fahnen schreiben: Es kann aus dieser Negativität kaum Positives wachsen."

Das linksradikale Alternativlos wird begleitet von Rassismusvorwürfen ("Kohlenazis"), die den Interessen der Arbeiterschaft jegliche moralische Integrität absprechen.

"Wenn die 20.000 deutschen Kumpel_innen ihre Arbeit auch nur für weitere zehn Jahre behalten dürfen, söffen wesentlich mehr als 20.000 Menschen im globalen Süden ab, für die eine Anmeldung beim Arbeitsamt Cottbus und Köln ein unerreichbarer Luxus wäre",

zitiert SCHÄFER beispielhaft eine Argumentation, mit der die Interessen der Arbeiterschaft in Deutschland weggewischt werden.

"Auch wenn die bundesweit 60.000 Personen, die indirekt und direkt in der Braunkohle arbeiten, nur 0,2 Prozent der Beschäftigten stellen, zeigt sich an ihrem Beispiel exemplarisch wie die Linke den Bezug zu eben diesen Schichten verliert",

meint SCHÄFER. Man könnte auch sagen: Die netten Jahre sind vorbei, in denen die kulturalistische Linke ihre Deutungshoheit beanspruchen konnten, ohne dass es eine politische Alternative wie die AfD gab.

Gestern druckte die taz den Artikel Üben Sie sich in der Kunst der Gegenfrage von Barbara DRIBBUSCH ab, der zeigt, dass die Linke meint, sie könnte einfach so weiter machen wie bisher, obwohl immer mehr Linke nach Rechts abdriften. Die AfD ist jedoch nicht wegen der Flüchtlingsproblematik stark geworden wie die Beispiele von DRIBBUSCH nahelegen, sondern aufgrund der Schwäche der Linken. Es existiert inzwischen ein Sog des Erfolgs, der die AfD trägt. Wer in Deutschland etwas bewegen will, so will es dieser Sog, der muss die AfD unterstützen. Nur dann lassen sich die etablierten Parteien vor sich her treiben wie das Sommertheater der CSU eindrucksvoll gezeigt hat.

Fazit: Die Linke hat es versäumt, eigene Antworten auf die soziale Ungleichheit in Deutschland zu finden und damit die etablierten Parteien unter Druck zu setzen. Das liegt auch daran, weil die Linke mit den Grünen und der Linkspartei inzwischen selber Teil des Establishments sind und für den Machterhalt lieber ihre Grundsätze aufgeben. Das schlimmste Beispiel dafür ist die SPD, die sich an der Seite der CDU zum Erfüllungsgehilfen für das Spektakel der CSU gemacht hat. Statt auf mehr soziale Gerechtigkeit und Erneuerung zu pochen, setzt sie auf ein neoliberales Weiter-So. Man könnte meinen, dass die CSU die stärkste Partei in Deutschland wäre, so sehr lässt sich die SPD auf dem Felde der Sozialpolitik vorführen!        

 
       
   

Die neue Klassengesellschaft in der Debatte

POELCHAU, Simon (2018): Das Wachstum ist nicht für alle da.
Die Zunahme von prekärer Beschäftigung hat zu mehr Einkommensungleichheit geführt,
in: Neues Deutschland v. 21.07.

 
       
   

Christian Baron - Proleten Pöbel Parasiten

BARON, Christian (2018): Die Diktatur der Ausrufezeichen.
Welchen Nerv trifft der Roman "Das Feld" von Robert Seethaler, der seit Wochen an der Spitze der Bestsellerliste steht?
in: Neues Deutschland v. 21.07.

Christian BARON tut so, als ob es ungewöhnlich wäre, dass der Roman Das Feld von Robert SEETHALER auf der Bestsellerliste des Spiegel stehen würde. Dabei ist nichts an dem Roman ungewöhnlich, denn er ist in einem typischen Bestsellerverlag des kosmopolitischen Akademikermilieua erschienen. Dass BARON das Romangeschehen mit Hartmut ROSA ("Resonanz") und Giorgio AGAMBEN zu verstehen versucht, also typischen akademischen Popwissenschaftlern des linksliberalen Mainstreams, zeigt auch eher das Gewöhnliche statt das Ungewöhnliche des Romans an. Die Themen des Romans entsprechen dem massenmedialen Zeitgeist und spiegeln damit das Selbstbild der kreativen Klasse wider. Dass Tote ihr Leben aus dem Jenseits betrachten, ist auch nicht unbedingt originell, sondern kommt schon bei Klassikern vor, mit denen die Jugend im alten Jahrtausend sozialisiert wurde. Man denke z.B. an Edgar WIBEAU.

"Hilde Friedland, die auf 67 Liebhaber im Laufe ihres Lebens kommt und sich nicht so recht erklären kann, warum sie eigentlich immer wieder neue Männer zu brauchen glaubte. War es die ständige Suche nach einem optimalen, ja optimierten Leben? War es die Einsamkeit wegen einer fehlenden Antwortbeziehung zur Welt?"

heißt es beispielhaft. Die Frage ist jedoch eher, ob dies nicht auf die Sehnsucht nach der Wiederkehr der Konformität (Cornelia KOPPETSCH) im Akademikermilieu hindeutet als auf eine reflektierte Auseinandersetzung mit dem flexiblen Kapitalismus wie BARON suggeriert. 

 
       
   

Der ländliche Raum und Mittelstädte im demografischen Wandel

WUNDERLICH, Jörg (2018): Retten, teilen, verändern.
Wurzen bei Leipzig ist ein angestammtes Zentrum der Lebensmittelindustrie. Seit 2017 leben ihr Aktivisten der Foodsharing-Bewegung in einem Hausprojekt zusammen,
in: Neues Deutschland v. 21.07.

 
       
   

Die Medienkultur als Problem

DEININGER, Roman (2018): Abstand, bitte.
Politiker und Journalisten brauchen und benutzen einander - wie sehr, zeigt das irre Chaosjahr 2018. Höchste Zeit für eine Sommerpause,
in: Süddeutsche Zeitung v. 21.07.

Roman DEININGER erklärt uns, wie sich Journalisten mit Kontakt zur Macht gerne sehen, also das Idealbild wie es sein sollte, nämlich als

"alternativlose Beziehung von Journalisten und Politikern. Sie ist ein ständiger Grenzgang zwischen Nähe und Distanz: ohne Nähe keine Information, ohne Distanz keine Objektivität."

Daran ist vieles wahr, nur wird das Verhältnis in der Regel nicht zugunsten der Objektivität aufgelöst, denn schließlich geht es um dauerhafte und nicht um einmalige Information, die der Journalist benötigt. Wer als erster berichtet, der macht Karriere. Und wer bekommt als erster die Informationen? Sicherlich nicht derjenige Journalist, der kritische Berichte schreibt, die dem Politiker nicht passen. Wer den Wirtschaftsteil einer Zeitung längere Zeit verfolgt, der weiß mit der Zeit, welche Zeitung welche Kontakte zu welchen Interessengruppen am besten gepflegt hat und deshalb "exklusiv" vorab informiert wird. Nichts davon erfährt man in diesem geschwätzigen, aber wenig aussagekräftigen Artikel.

"Klarkommen muss er (...) auch mit Liebesentzug: Immer mehr Politiker richten sich lieber direkt über die sozialen Netzwerke an die Bürger. Werden wir eines Tages etwa gar nicht mehr gebraucht? (...) Es wäre schön, wenn wir bleiben dürften, neben anderen Gründen auch aus diesem: Die Nähe zur Politik öffnet den Zugang zu belastbaren Informationen, was Journalisten eben von reinen Verbreitern von Meinung und Spekulation unterscheidet",

behauptet DEININGER, obwohl die meisten Artikel über die Verbreitung reiner PR nicht hinausgehen und man mit den Originaltexten, die oftmals im Internet vorliegen, genauso gut informiert ist. Zutreffend ist das höchstens bei jenen Interessenorganisationen und Politikern, die lieber im geheimen wirken oder nur über Journalisten mit der Öffentlichkeit kommunizieren, oftmals weil ihre Anliegen so pikant sind, dass sie lieber nicht schriftlich vorliegen sollten. Aber darüber spricht DEININGER nicht, stattdessen:

"Es gibt auch Politiker, die haben erfrischend wenig Lust auf sichte Kommunikation (...) Mit dem baden-württembergischen Regierungschef Winfried Kretschmann fällt Small Talk oft arg small aus. So richtig in Fahrt kommt er nur bei religionsphilosophischen Fragen, bei denen bloß mitreden kann, wer Thomas von Aquin im lateinischen Original gelesen hat."

Wenn ich solchen Tratsch lesen will, dann doch lieber gleich bei People-Magazinen, aber nicht in einem Artikel über das problematische Verhältnis zwischen Politik und Journalismus.

Fazit: Wo es spannend hätte werden können, schweigt der Artikel! Stattdessen wird man wie im Spiegel mit unnützem Wissen abgespeist, bei dem man sich jedoch näher bei der Macht fühlen kann.    

 
       
   

Der Wandel des Parteiensystems in Deutschland in der Debatte

HUTTER, Dominik (2018): Der Kampf um München.
Für den Ausgang der Landtagswahl ist das Ergebnis in der Hauptstadt entscheidend, und das ist noch schwerer vorherzusagen als anderswo. Die CSU beunruhigt, dass hier der Protest gegen die Staatsregierung schärfer wird. Es scheint, als fliege ihr die Metropole um die Ohren,
in: Süddeutsche Zeitung v. 21.07.

"Um landesweit die Fünf-Prozent-Hürde zu überwinden, müssen die Linken in München mindestens sieben Prozent erkämpfen",

erklärt uns Dominik HUTTER zur anstehenden Landtagswahl in Bayern. Die Linkspartei scheitert bislang in allen Umfragen an der 5-Prozent-Hürde. Der Versuch sich als bessere Mitte-SPD zu profilieren und im Mitte-Milieu zu wildern wird ihre traditionelle Klientel kaum goutieren. Die Grünen hoffen mit Ludwig HARTMANN auf ihrer erstes Direktmandat im Stimmbezirk München-Mitte, der einer von neu umkämpften Stimmbezirken ist. Auch wenn München die einzige Millionenstadt in Bayern ist, so entfallen auf die Metropole nur 10 Prozent der Stimmberechtigten, d.h. die entscheidenden 90 Prozent müssen auf dem Land oder in anderen Großstädten geholt werden. 

 
       
   

Das Single-Dasein in der Schweiz

KÖHLER, Alexandra (2018): Die Alpenstadt, die ein Dorf bleiben möchte.
NZZ-Serie Junge Schweiz, alte Schweiz: Die Gemeinde Naters im Oberwallis ist stark gewachsen. Es ziehen aber nicht nur Junge zu, sondern auch viele Ältere,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 21.07.

 
       
   

Das Single-Dasein in Dänemark

HERMANN, Rudolf (2018): Dänemark plant seine Ghettos weg.
In Aarhus läuft ein ambitiöses Projekt zur Aufwertung eines der berüchtigtsten Einwandererbezirke des Landes,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 21.07.

 
       
 

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Zu den News vom 15. - 20. Juli 2018
 

       
   
  • Rezensionen zum Single-Dasein finden sie hier

 
       
 
   

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