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Ulf Poschardt: Coolness für die Neue Mitte

 
       
     
       
     
       
   

Ulf Poschardt in seiner eigenen Schreibe

 
   

POSCHARDT, Ulf (1993): Abschied von der Popkultur.
Über Diedrich Diederichsens "Freiheit macht arm",
in:
Spiegel Nr.49 v. 06.12.

POSCHARDT, Ulf (1999): Cool it.
Kann das von Kunst erschütterte Subjekt reale Erfahrungen machen?,
in: Kunstforum International, Band 143, Januar-Februar

POSCHARDT, Ulf (2000): Die Kinder von Kohl und Coca-Cola.
Stillstand ist tödlich: Der Jugend ist die Rolle als gesellschaftliche Triebfeder abhanden gekommen - es geht ihr aber auch einfach zu großartig,
in: Tagesspiegel v. 30.12.

POSCHARDT, Ulf (2001): Hoffnungslos schön,
in: Welt am Sonntag v. 27.05.

POSCHARDT, Ulf (2001): Denk mal moralisch.
Vor 50 Jahren erschienen die Minima Moralia von Theodor W. Adorno: eine fundamentale Gesellschafts-Kritik. Was kann sie uns in Zeiten eines fundamentalen Pragmatismus noch sagen?
in:
Welt am Sonntag v. 19.08.

POSCHARDT, Ulf (2002): Warum dieser Hass auf unsere Welt?
Eine Spurensuche am Rande des Nachvollziehbaren,
in: Welt am Sonntag v. 10.02.

POSCHARDT rechtfertigt den Selbsthass der Kinder aus gutem Hause, der bis zu Militanz und Terrorismus führen kann, als notwendiges und systemstabilisierendes Element der liberal-demokratischen Gesellschaft. Er bezieht sich dabei auf den Soziologen Niklas LUHMANN:

"eine Gesellschaft (muss) ihre Freiheit immer bis zu den Rändern der Selbstbedrohung ausweiten (...), um sich im Moment der Bedrohung wieder über den Wert der Freiheit sowie deren ideellen Kern zu verständigen."

Als Beispiel für den Selbsthass weiter Teile des Bürgertums dient ihm u. a. Christian KRACHT und dessen Roman "1979":

"Der exponierteste Vertreter junger deutscher Literatur, Christian Kracht, hat mit seinem jüngsten Roman '1979' jene Tendenz zum offenen Bekenntnis der Abscheu vor seiner eigenen Zivilisation perfektioniert. Bei Kracht sind der Ekel und die Verachtung für seine Mitwelt so ausgeprägt, dass sie keinen Zweifel darüber lassen, wie viel sie ihm einst bedeutet haben musste."

POSCHARDT, Ulf (2002): Wohin mit dem Zorn des Volkes?
Deutschland brodelt: Alle fühlen sich betrogen, jeder Zweite will Neuwahlen. Die bürgerlichen Kräfte üben sich im Protest - und lernen von ihren Gegnern,
in: Welt am Sonntag v. 24.11.

Während die FAS ihre revolutionäre Phase bereits hinter sich hat, wieder das Positive des Wirtschaftsstandort Deutschlands betont und der bürgerlichen Revolte eine klare Absage erteilt, entdeckt Ulf "Alles was zählt"-POSCHARDT seine Sympathie für die Feuilleton-Revoluzzer. Er will sogar neue Allianzen entdeckt haben:

"Wie die linken Studenten vor 35 Jahren den Kontakt zu den alten Arbeitern ­ allerdings erfolglos ­ suchten, findet nun der Schulterschluss entnervter Senioren mit aufbegehrenden, ge- und enttäuschten Jungwählern statt. Weder die einen noch die anderen haben den Klassenkampf gelernt, noch wollen sie ihn ­ nicht einmal, wenn ihnen dieser von oben aufgezwungen wird. Im bürgerlichen Selbstverständnis auch der Generation Golf sind Rebellion, Demonstrationen, Boykott und Streik politische Praxis von Minderheiten und Marginalisierten."

POSCHARDT möchte deshalb Gerhard Schröder medienrepublikmässig in Grund und Boden singen lassen. Wenn Protestsongs eine Regierung stürzen könnten - was bereits zum Gedankengut der Punkbewegten gehörte - dann könnte die Generation Golf weiterhin ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen und die Politik ignorieren. Der Schmetterling aus der Chaostheorie als Erfüllungsgehilfe lässt grüssen! BECK-Adepten denken hier allerdings an unbeabsichtigte Nebenfolgen...

POSCHARDT, Ulf (2003): Das Fest der Verschwendung.
Teddy, der Inkommensurable (9): Die Kulturindustrie war Theodor W. Adorno natürlich ein Gräuel. Die Mode aber faszinierte ihn - ein Reich der zauberhaften Freiheit von Individualität und Identität,
in: TAZ v. 11.09.

TAZ-Serie: Teddy, der Inkommensurable

POSCHARDT, Ulf (2004): Die Rebellion der Kaschmir-Kinder.
Vor 25 Jahren wurde in Hamburg der Popper erfunden. Obwohl höflich und elegant im Auftritt, wurde daraus die verhassteste Jugendkultur. Eine Ehrenrettung,
in: Welt am Sonntag v. 04.07.

Ulf POSCHARDT outet sich zuerst als Popper, um anschließend die Popper zur jugendlichen Gegenkultur zu stilisieren, die zuerst den 68er-Mainstream Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre mit ihren Stilisierungen provozierten, und nun als Neocons für den notwendigen Ruck in Deutschland sorgen:

"Die Popper benahmen sich anständig, nahmen keine Drogen, trugen Kaschmir-Pullover und College-Loafer, wollten später Juristen oder Manager werden, um viel Geld zu verdienen. Die obszöne Offenheit, mit der sie bürgerliche Werte und Ideale skandierten, machte sie zu Provokateuren. 23 Jahre vor Arnulf Baring waren diese jungen Bürger auf den Barrikaden. Die Avantgarde nicht der Angepassten, sondern als neubürgerlichen Vernunft, die sich in Deutschland erst im 21. Jahrhundert durchsetzen kann."

Sein wenig bescheidenes Fazit:

"25 Jahre danach darf man sagen: Die Popper waren und sind die unterschätzteste deutsche Jugendkultur. Ihr Instinkt hat jenen bürgerlichen Ruck vorweggenommen, den Präsidenten wie Herzog und Köhler heute beschwören."

POSCHARDT, Ulf (2004): Haut nicht mehr hin.
Tätowierungen sind vom Statussymbol der Schönen zur Floskel der Anpassung geworden,
in: Welt am Sonntag v. 22.08.

Nachdem Dirk KNIPPHALS Anfang 2003 in der taz geschrieben hat:

"Das Spießerglück zu zwein geht mittlerweile zusammen mit Piercing, Tattoos und Ich-hau-dir-in-die-Fresse-Blick",

verabschiedet der Popper Ulf POSCHARDT nun das Tattoo, um es für der Popper-Elite zurückzugewinnen:

"Die im Fitness-Studio hochgepumpten Monster mit ihren zunehmend absonderlichen Arten des Körperschmucks verstärken nur jene Bizarrerie und triviale Exotik, die in den abertausenden von Tattoo- und Piercing-Studios in Deutschland gepflegt wird.
Die goldene Regel des Stils ist einfach: Stilbruch benötigt Souveränität. Er erfordert Wissen, Charme, Witz und Reflektiertheit. Mehr als jede Form der Anpassung. Der Fortschritt der Lasertechnik gibt Hoffnung. Der Körper hat ein neues Recht auf Unschuld.
Es gibt wie immer Ausnahmen im Heer der nunmehr fast fünf Millionen tätowierten Deutschen: vornehme Mädchen, die sich klitzekleine originelle Tattoos machen lassen. Die mit einem Initial links neben dem Herzen an den verstorbenen Bruder erinnern. Adlige Schriftsteller, die sich in Kinderschrift ein »Let it rock!« auf dem Unterarm stechen ließen. Oder Fotografinnen, die eine rote Schleife um ihr Handgelenk tragen. Exakt in jenem Moment, wo das Tattoo sinn- und stillos geworden ist, dürfte seine Ehrenrettung zur schwierigsten Aufgabe werden.
"

POSCHARDT, Ulf (2004): Die universelle Boutique.
Das Bildungsbürgertum stirbt aus. Das Geschmacksbürgertum tritt an seine Stelle. Eleganz ersetzt Substanz. Was alles der Schönheit geopfert wird,
in: Welt am Sonntag v. 05.12.

"Der Dandy verliert seine Ausnahmestellung und wird die Regel. Er ist Massenphänomen. Literarische Zeitschriften wie »Der Freund« von Christian Kracht beleben dabei seinen historischen Schatten aus dem 19. Jahrhundert neu, Magazine wie »Monopol« von Florian Illies moderieren das Dandyweltbild verschmitzt neubürgerlich",

doziert Ulf POSCHARDT. Schon vor einiger Zeit war dazu bei Diedrich DIEDERICHSEN zu lesen:

"Die neuen Bürgerlichen suchen nach Vorläufern und Fundamenten für das, was sie am besten können: Dresscodes und Habitus entwickeln und beurteilen, den in ihrer Generation noch aus Pop- und Szenekultur übernommenen semiotischen Reichtum von Unterscheidungsorgien auf ältere deutsche oder europäische Traditionen zurückführen. Schon eine Weile hat im Jargon des Feuilletons der Dandy den Hipster abgelöst, aber seit einiger Zeit sind alle Dämme offen, und Elite-Formulierungen aller Art haben Konjunktur." (Die Leitplanken des Zeitgeists, September 2004).

Ganz in diesem Sinne propagiert POSCHARDT das Geschmacksbürgertum:

"Wenn man bei Google das Wort »Geschmacksbürgertum« eingibt, werden noch null Treffer angezeigt. Das wird sich bald ändern. Geschmack bezeichnete Scott Fitzgerald - ganz Gentleman der alten Schule - als die weibliche Form des Genius. In diesem Sinne wäre die Boutiquisierung der Kultur - folgte man dem Machismo Fitzgeralds - auch ein Erfolg weiblicher Emanzipation. Die Kultur wird metrosexuell."

Das Geschmacksbürgertum à la POSCHARDT ist ein ganz und gar geschmackloser Begriff und überflüssig dazu, denn Gerhard SCHULZE hat dazu bereits das Kategoriensystem zur Verfügung gestellt, denn über die Erlebnisgesellschaft weist POSCHARDTs Kategorie nicht hinaus...

WICHERT, Silke & Ulf POSCHARDT (2004): Stille Nacht.
An Festtagen ist es besonders schlimm: Wenn Alleinsein nicht selbst gewählt ist, wird es zur Qual,
in: Welt am Sonntag v. 26.12.

POSCHARDT, Ulf (2005): Darum lebt Punk auch heute noch,
in: Welt am Sonntag v. 16.01.

Ulf POSCHARDT liefert ein neokonservatives Update der Punkgeschichte. Wer bisher meinte, dass die geriatrische Gesellschaft erst noch vor uns liegt, der irrt sich:

"Punk war der Aufstand einer Jugend, die demographisch auf verlorenem Posten stand. Diese Jugend und ihr Kraft-, Energie- und Euphorieüberschuß war nicht gefährlich, weil die Bevölkerungsgruppe der zwischen 15 und 30 Jahre alten Menschen nicht mehr den Rest der Gesellschaft aufgrund ihrer demographischen Dominanz bedrohen konnte. Die Gesellschaft wurde älter und demnach (könnte man schlußfolgern) mußte die Eruption von Jugendlichkeit heftiger und lauter sein, um sich in einer zunehmend geriatrisierten Gesellschaft Gehör zu verschaffen. Punk war die laute und aggressive Rebellion einer Generation, die nicht mehr sicher sein konnte, sich im Generationskonflikt gegen die Dominanz der Achtundsechziger und ihrer vorgängigen Rebellion durchzusetzen."

Den Erfolg der Punkbewegung erklärt POSCHARDT damit, dass in den Werbeagenturen heutzutage mehr Ex-Punks und Ex-Maoisten als ehemalige JU-Mitglieder arbeiten.

POSCHARDT, Ulf (2005): Mehr Kollektiv wagen.
Jeder kann sich anspruchsvolle Architektur leisten. Das Reihenhaus versöhnt nicht nur Anspruch und finanzielle Möglichkeiten, es rettet auch zersiedelte Städte, erklärt Ulf Poschardt,
in: Welt am Sonntag v. 23.01.

POSCHARDT, Ulf (2005): Wie Serien süchtig machen.
Schlauer, lustiger, subtiler: Fernsehserien haben das Kino als Leitmedium abgelöst,
in: Welt am Sonntag v. 30.01.

POSCHARDT, Ulf (2005): Sehr geehrte Angela Merkel...
Ulf Poschardt gratuliert der Kanzlerkandidatin zum Geburtstag und formuliert die Erwartungen der Neuen Mitte an eine moderne, zukunftsfähige Union,
in: Welt am Sonntag v. 17.07.

POSCHARDT, Ulf (2005): An der Luftgitarre.
Bislang galt die Popkultur immer als links und wählte auch so. Das wird nun anders: Wahrhaft rebellisch ist es, für die FDP zu sein,
in: Die ZEIT Nr.37 v. 08.09.

FDP-Wahlkampfhelfer Ulf POSCHARDT beklagt die popkulturelle Vorherrschaft der Poplinken. Dies führt dazu, dass die popkulturelle Analphabetin Angela MERKEL für die ästhetisch wählende Jugend nicht wählbar ist (Tobias KNIEBE in der SZ vom 04.08.2005) POSCHARDT missbilligt die politische Wende von Diedrich DIEDERICHSEN und bedauert, dass die Band Blumfeld nicht für einen FDP-Wahlkampf zu haben ist, denn Popkultur und  Neoliberalismus gehören für ihn zusammen:

"Versteht man Pop und seine Sehnsucht nach ungebremstem Freiheitsdrang essenzialistisch (und nicht phänomenologisch), dann gibt es für seine Anhänger nur eine Wahlempfehlung: die FDP. Die Skepsis der Liberalen gegenüber Bürokratie und Staat, Kollektiven und überkommenen Traditionen ist popkompatibel. Anders als die von Angela Merkel erfolgreich liberalisierte Volkspartei CDU hat die FDP keine Angst vor dissidenten Positionen. Sie steht für eine sich ausdifferenzierende Gesellschaft und damit für mehr Polarisierung. Sie steht für einen Kapitalismus mit mehr Chancen für alle – der freilich auch mehr Risiken birgt. So wird beiläufig das no risk, no fun der Popkultur bedient."

POSCHARDT, Ulf (2005): Wir müssen reden.
Wenn Exlinke über existierende Linke den Kopf schütteln: Wer die Welt verändern will, muss sie in ihrer Bewegung verstehen und aufhören, sich dieser entgegenzustellen. Wer stehen bleibt, hat Unrecht. Das Projekt der Moderne ist noch nicht vollendet,
in: TAZ v. 30.09.

POSCHARDT gibt sich als Ex-Linker aus und wirbt für eine Koalition von CDU/FDP und Grünen. Zentral ist für ihn eine Rhetorik, die das altbackene "Wir sitzen alle im gleichen Boot" updatet. Das heißt neudeutsch: "den sozialen Zusammenhang zwischen Elitenförderung und sozialer Gerechtigkeit" herzustellen. Sein Credo lautet: "Weg zu weniger Staat, mehr Selbstverantwortung und mehr Innovation".

POSCHARDT, Ulf (2005): Pop mit Seehofer.
Die Kulturkritiker Gustav Seibt und Diedrich Diederichsen beweisen, wie schwierig es für Bürgerliche und Linke sein kann, in der Gegenwart anzukommen,
in: Spiegel Nr.44 v. 31.10.

Ulf POSCHARDT, ein Günstling von Matthias MATUSSEK, hält das Anständigbleiben in den Stürmen der Globalisierung für bürgerlich-muffige Fünfziger-Jahre-Nachkriegs-Bigotterie. Jetzt brechen neue Zeiten an, schleudert POSCHARDT dem Poplinken DIEDERICHSEN entgegen, den er als Seehofer des Pop diskreditiert. POSCHARDT beruft sich dagegen schon einmal vorsorglich - ganz dem risikoscheuen Vorsorgegedanken verhaftet - auf ein Recht auf Irrtum. Nach dem Motto: Wenns gut geht war ich verantwortlich dafür, wenns schief geht, dann waren es andere, z.B. die Stürme der Globalisierung...

POSCHARDT, Ulf  (2011): Wider die Republik der erhobenen Zeigefinger.
Wer mit Moralin dopt, kann nicht siegen: Wie Opposition und Medien an Guttenberg scheitern,
in:
Welt v. 25.02.

Vor einer Woche verteidigte Ulf POSCHARDT zu GUTTENBERG noch im Bewusstsein popkultureller Überlegenheit:

"Sampling ist eine ebenso moderne wie konservative Kulturtechnik. Sie passt zu Karl Theodor zu Guttenberg. Beim jüngeren Publikum wird die Erregung über seinen Umgang mit Zitaten die Zuneigung eher verstärken, hat es sich doch in Zeiten des Copy and Paste daran gewöhnt, einen Teil seiner Schul- und Unileistungen durch virtuose Quellenrecherche zu perfektionieren"

Eine Woche später baut er schon für den Fall vor, dass zu GUTTENBERG als Minister nicht zu halten ist:

"Fehler machen Menschen plausibler: natürlich nur dann, wenn die Verfehlungen im Bereich des Tolerierbaren bleiben. Freifahrscheine gibt es keine, und vielleicht genügt bei Guttenberg schon der nächste, unwesentliche Anlass um die Stimmung gegen ihn kippen zu lassen."

Die Popkultur kann schnell denjenigen überrollen, der gestern noch cool auf der Welle ritt. POSCHARDT kennt sich ja damit bestens aus.

POSCHARDT, Ulf (2011): Im Reich der Anständigen.
Deutschland atmet auf. Ein großer Teil zumindest, der sich freut, dass nun wieder alles mit rechten Dingen zugeht. Karl-Theodor zu Guttenberg verschwindet aus der Politik und überlässt diese dem Diktat der vermeintlich Redlichen,
in: Welt v. 03.03.

Von der Verherrlichung des Sampling-Ministers über die Kritik an den Moralisten und den Anständigen: Ulf POSCHARDT bedauert  immer nur sich selber, wenn er über Karl-Theodor zu GUTTENBERG leidartikelt. Er kann es den als Moralisten und Anständigen Geziehenen - ergo Kleingeistern - niemals verzeihen, dass er als cooler Chefredakteur des SZ-Magazins einst gehen musste. So viel einsamer Kummer. Fake drauf!

POSCHARDT, Ulf (2012): Mama ist die Schönste!
Es gibt kaum heroischere Wesen als liebende Mütter. Aber muss ihr Kampf für eine perfekte Kindheit mit dunklen Ringen unter den Augen, dreckigen Blusen und zersaustem Haar enden? Nein, sagt ein Blog aus New York,
in: Welt am Sonntag v. 05.02.

POSCHARDT, Ulf (2012): Lob des Häuserkampfes.
Ein Gespenst geht um in deutschen Städten - das Gespenst der Gentrifizierung. Doch was ist eigentlich so schlimm an der Aufwertung von Wohnraum? Die Investoren vollenden oft nur ein Projekt, das Hausbesetzer begonnen haben,
in: Welt am Sonntag v. 12.02.

POSCHARDT, Ulf (2012): Gehirne brauchen Kraft und Stil.
Der Siegeszug der Piraten hat seinen Vorlauf in der Popkultur. Dort wurde der Nerd entweder verteufelt oder verklärt. Vom Rand drängt er nun zurück in die Mitte,
in:
Welt v. 28.04.

2005 behauptete Ulf POSCHARDT, dass die FDP Pop sei. Damals strebte sie 18 % an. Das war noch im Jahr vor Gründung der Piratenpartei. Inzwischen muss sich POSCHARDT und seine politisch kaum mehr sichtbare 1,8 %-FDP vor der Piratenpartei fürchten. Was liegt also näher, als den politischen Feind erneut mit den Mitteln der Popkultur schlagen zu wollen? Nichts anderes versucht POSCHARDT mit seiner Kulturgeschichte des Nerds aus der Weltsicht eines Poppers. Da wird von Sonderwelten der Nerds gesprochen, um von der Sonderwelt der FDP abzulenken. Und dem Nerd das Hipstertum nahezulegen:

"Der viel elegantere, weil raffiniertere Weg ist es, die eigene Nerdigkeit zum Hipstertum weiterzuentwickeln. Das heißt: die Entfernung von der Norm nicht als schmerzhaft, sondern als wohltuend zu empfinden."

Merkwürdig nur, dass sich das einstige Hipster-Accessoire der Hornbrille inzwischen blasse CDU/CSU-Politiker auf die Nase setzen. Man erinnere sich nur an den blassen Mopedrocker Friedrich MERZ, um zu wissen, wo solche popkulturelle Aufhübschung  hinführt. Wer jetzt noch eine Hornbrille trägt, ist selber schuld!

"Der Nerd hat (...) weniger das Ganze der Gesellschaft im Blick als die eigenen Nerd-Milieus. Aus Lachnummern im vergangenen Jahrzehnt sind respektierte Leitbilder geworden."

Was unterscheidet aber den "Piraten-Nerd" von der FDP? Die FDP hat auch nur ihr eigene kleine Klientel im Blick und im Gegensatz zur Piratenpartei ist die FDP auf dem besten Weg zur Lachnummer. Die neue Pop-Offensive von POSCHARDT für die FDP dürfte als Rohrkrepierer enden.

POSCHARDT, Ulf (2012): Die neue Gelehrtenrepublik.
Eine Zweiklassengesellschaft ist auch eine Art Gewaltenteilung: Woher der Hochmut gegenüber der Politik kommt - und was die Verklärung von Karlsruhe damit zu tun hat,
in: Welt v. 28.07.

"Die Gewaltenteilung sortiert sich neu, und auch die Verfassungsorgane bringen sich in Stellung. Am Ende dieser Manöver entsteht ein geteilter politischer Raum, der weniger durch Machtfülle geschieden wird als vielmehr durch soziale und kulturelle Distinktion. Auf der einen Seite stehen, nennen wir es mal stark verkürzt, die Guten, auf der anderen wenn nicht die Bösen, so doch die etwas Blöden und Schlichten",

beginnt uns Ulf POSCHARDT sein dichotomes Weltbild zu erklären, das mehr oder weniger identisch ist mit Peter SLOTERDIJKs Klassengesellschaft, die nur die starke Elite und die schwache Masse kennt. Die starken Eliten scheinen in den Augen der Schwachen die Bösen, aber natürlich sind diese scheinbar Guten ("Anständige") letztlich die wahren Bösen, denn POSCHARDT gehört zu jener Elite, die sich einem aggressiven Antiegalitarismus verschrieben hat. Wer heutzutage noch wagt  Gleichheit für alle zu fordern, dem schlägt die ganze Verachtung dieser Elite entgegen.

Im Zentrum von POSCHARDTs ressentimentgeladenen Denken  steht die Märtyrerpose bzw. die Elite als Opfer der Massengesellschaft. Karl-Theodor Freiherr zu GUTTENBERG wird in dieser Sicht zum Säulenheiligen. POSCHARDT - erst aus dem elitären Kreis der Macher des SZ-Magazins verstoßen, dann mit Vanity Fair gescheitert - daraus lässt sich nur eine Lehre ziehen: Deutschland ist (noch) nicht reif für ihn, weshalb für ihn offensichtlich ist:  

"Der Moralapostel ist - das lehrt einen die Geschichte wie oft genug das eigene Leben - selten genug ein guter Mensch."  

Neu:
POSCHARDT, Ulf (2013): Was Freiheit heute bedeutet.
Selbst in einer vermeintlich liberalen Gesellschaft droht beständig der Freiheitsentzug. Um ihm zu widerstehen, reicht es nicht, die alten Vordenker anzurufen. Es gilt, sich auf neue Köpfe zu besinnen. Mick Jagger gehört genauso dazu wie Margaret Thatcher oder Diego Maradona,
in: Welt v. 12.09.

Ulf POSCHARDT hält sich nicht lange mit dem Freiheitsbegriff und seinen Dimensionen auf, sondern vereinnahmt Pop für seinen einseitigen Freiheitsbegriff. Punk steht dann gleichauf mit dem  Thatcherismus für die Erneuerung der bürgerlichen Gesellschaft:

"Die energetische Aufladung insbesondere junger Bürgerkinder durch die zackigen Klänge der Beatles beendet den Stillstand in traditionellen Rollenbildern, und schließlich löst Punk jene Freiheitswette ein, welche die 68er am Anfang ihrer Revolten wohl anboten, bevor sie sich in den Ideologien des 19. Jahrhunderts verstrickten. Der libertäre Urknall des Punk war eine Art Freiheitskernfusion, die auf den ersten Blick der bürgerlichen Welt den Krieg erklärte, auf den zweiten und genaueren Blick aber eine durchwegs bürgerliche Selbsterneuerung vorbereitete. Margaret Thatcher und Punk rissen dieselbe Welt ein – und standen einander fassungslos, mitunter feindlich gegenüber, vollkommen unnötig, eigentlich.
(...). Julie Burchill, die erste Ikone der Punk-wie-Pop-Literatur, wurde nach wenigen Wochen als Sozialistin überzeugte Thatcheristin."

Damit werden die erfolgreichen "Business-Punks" zum gesellschaftspolitischen Leitbild erhoben, während die Kollateralschäden dieser neoliberalen Erneuerung - ein zunehmend repressiver Sozialstaat - ausgeblendet werden.

 
       
   

Ulf Poschardt: Porträts und Gespräche

 
   

AMEND, Christoph & Stephan LEBERT (2000): "Cool". Kühl sein hilft zum Glück.
"Mit der Kälte leben, statt in ihr erfrieren": ein Gespräch mit dem Autor Ulf Poschardt,
in: Tagesspiegel v. 23.10.

RENNEFANZ, Sabine (2001): Ästhetik statt Ideologie,
in: Berliner Zeitung v. 18.06.

SPIEGEL (2002): Ulf Poschardt.
Der 34-jährige Autor und Ferrari-Fahrer über die Faszination des Sportwagen-Fahrens,
in: Spiegel Nr.9 v. 25.02.

Interview mit Ulf POSCHARDT über sein neues Buch Über Sportwagen. Dies ist die konsequente Anwendung seines vorherigen Buches Cool . Dem schlechten Image des Sportwagenfahrers setzt POSCHARDT seine "romantische Suche nach Erlösung" entgegen:

"Eine Frau zu finden, die auf dem Beifahrersitz bei Tempo 300 lacht, ist schwer. Es gibt sie aber."

HOUELLEBECQ für die Erben der Generation Golf!

FELDMANN, Lisa (2002): "Die Menschen sind verurteilt zum Irren".
Der deutsche Autor Ulf Poschardt hat ein Buch «Über Sportwagen» geschrieben. Selten hat jemand so klug über Tempo 315 philosophiert
,
in: SonntagsZeitung v. 03.03.

TITTEL, Cornelius (2002): Ein Kenner der Materie.
Philosophie ohne Rückspiegel: Wo Ulf Poschardt ist, ist immer vorne - folgerichtig räsoniert er in einem neuen Merve-Bändchen "Über Sportwagen". Seit er bei der "Welt am Sonntag" leitartikelt, scheint er zwar ein wenig von der richtigen Spur abgekommen. Aber wer sollte ihn schon überholen?,
in: TAZ v. 21.03.

Gäbe es POSCHARDT nicht, die Familienrhetoriker hätten ihn erfinden müssen! Ulf POSCHARDT ist in diesem Porträt die Personifikation des Supersingles, der alle gängigen Stereotypen auf sich vereinigt, die in der Kontroverse Familien contra Singles immer wieder gerne beschworen werden: POSCHARDT fährt einen Ferrari (und schreibt auch noch darüber) , wohnt im Luxusloft mit "Concierge Service", und ist zu allem Überfluss ein flexibler Workoholic mit nerdischem Wissenswahn - ein "Ausnahme Egomane" mit "Ich-Ekel". Weswegen TITTELs scheinbar hämisches Porträt zur Einsicht gelangt:

"Man scheint ihn wirklich zu brauchen: sei es, um ihn scheitern zu sehen wie eine Bret-Easton-Ellis-Figur. Sei es nur, um sich selbst zu versichern, weit weniger fleißig, flexibel, belesen und cool zu sein. Und dennoch: ganz glücklich.
          
So will man gar nicht wissen, welcher Poschardt genau einem gegen Ende des Gesprächs anbietet, eine Spritztour im Ferrari springen zu lassen, wenn ihm das verfasste Porträt gefalle. So oder so: Man würde mitfahren. Wirklich böse sein kann man ihm nicht."

Und man muss hinzufügen: Vor allem die Familienrhetoriker benötigen POSCHARDT. Möglicherweise wären viele Medienberichte über Singles gar nicht entstanden, wäre den Journalisten ihr Lieblingsfeind POSCHARDT nicht kurz vorher über den Weg gelaufen. Pardon: vor die Nase gefahren!

"Ob er in äußerst attraktiver Begleitung ein In-Restaurant aufsucht, um dort Quartett zu spielen, oder einfach nur den Motor seines Ferraris vor einem Szenetreff aufheulen lässt: Fast immer findet sich ein Fahrrad fahrender Kollege, der derlei für berichtenswert hielt."

Jochen SCHIMMANG hat Ende der 70er Jahre in seinem Buch  Der schöne Vogel Phönix seinen Anti-Helden Murnau über den englischen Fußball-Superstar Nobby STILES berichten lassen:

"Kurz, dieser junge Profi spielte weder elegant, noch war es ihm möglich sich immer an die Regeln des fair play zu halten; er war extrem häßlich und benahm sich nicht wie ein Gentleman: hatte also nicht eine einzige Voraussetzung, beliebt zu sein. Aber er war unentbehrlich."

Der soziale Vergleich von Murnau mit STILES und seine Konsequenzen lesen sich dann so:

"Hier war ich, bei niemanden unbeliebt, mit ein paar geduldeten Macken, dazu mit ein paar Fähigkeiten, die zwar nicht notwendig, aber auch nicht störend waren, ziemlich schmächtig, aber von der äußeren Erscheinung her keineswegs abstoßend, insgesamt glücklich, aber natürlich völlig überflüssig. Dort war Nobby, eine einzige Provokation, mit Macken, die man eigentlich nicht dulden konnte, dazu keineswegs aus gutem Hause, mit Fähigkeiten, die äußerst störend, aber eben notwendig waren, keineswegs überflüssig, sondern mit einer sichtbaren Legitimation für seine Existenz, einer Legitimation, die er sich nicht erschlichen hatte, sondern die er sich erkämpft, auf der er bestanden hatte: Er hatte es allen gezeigt.
Und so beschloß ich in diesen sonnigen Tagen, Nobby Stiles zu werden."

So stellen sich Marktverfechter die gelungene Neidverarbeitung vor. Dagegen geraten Familienrhetoriker leicht in den Verruf die destruktiven Tendenzen des Sozialneids zu verkörpern.

 
       
   

Ulf Poschardt in der Debatte

 
   

FANIZADEH, Andreas (2005): Es gibt kein linkes Zurück.
Was ist heute links? Ein Plädoyer für einen pragmatischen Linksradikalismus.
In den Neunzigern gingen Pop, Neomarxismus und aktivistische Subkultur ein Bündnis ein. Damit ist es vorbei. Die neue Linkspartei mit ihrer männlichen Arbeiterklassenrhetorik hat kaum Verständnis für antiautoritäre Poplinke oder die Hybridität gesellschaftlicher Minderheitenkämpfe
in: TAZ v. 10.09.

LOTTMANN, Joachim (2005): Er war mein Kanzler.
Gerhard Schröder wollte als Bundeskanzler den Sozialstaat abschaffen und gleichzeitig das Gefühl für ihn erhalten. Wir sollten eine Gemeinschaft bleiben, auch wenn das Geld alle ist. Ein letztes Hurra,
in: TAZ v. 05.10.

Joachim LOTTMANN entdeckt u. a. Gemeinsamkeiten mit dem Celebrity-Journalisten Ulf POSCHARDT.

TERKESSIDIS, Mark (2005): Ich will nicht reden müssen.
Nicht alles, was eine Debatte sein möchte, ist auch eine. Einem Strukturwandel der intellektuellen Öffentlichkeit, der die verallgemeinerte Beobachtung, das Halbwissen und die starke Meinung der Recherche vorzieht, sollte man sich entziehen. Eine Antwort auf das Gesprächsangebot von Ulf Poschardt,
in: TAZ v. 08.10.

DIEDERICHSEN, Diedrich (2005): Neoliberal ist cool.
Wie eine Wende herbeigeredet wird,
in: Süddeutsche Zeitung v. 21.10.

Diedrich DIEDERICHSEN kritisiert die "Herzblut-Renegaten" Ulf POSCHARDT und Thea DORN, die im Wahlkampf für Schwarz-Gelb plädiert hatten. Das Vorbild von POSCHARDT sieht er in Reinhard MOHR ("Zaungäste"). Konversion wird nach dieser Methode als riskante Rebellion gegen mächtige Gegner inszeniert. Ihnen entgegnet DIEDERICHSEN:

"Dabei haben sich sogar in der Zone der Republik, um die Dorn und Poschardt so kämpfen, in der Hauptstadt-Kultur nämlich, längst neokonservative Institutionen gebildet, wurden mit viel Verlags- und Elternknete Zeitschriften und kulturelle Treffpunkte gegründet. Langsam welkende, aber ganz unverarmte Pop-Jünglinge, gerne verschroben stolze Hamburger oder Münchner, bemühen sich im preußischen Exil um Eleganz-Darstellungen und das Eliten-Phantasma. Ihr Guru ist Christoph Stölzl. Vielleicht kriegen sie ihn ja als Kulturstaatsminister. Sein veronkeltes Dandytum sieht heute schon - Ästhetik des Vorscheins! - aus wie die Karikatur ihrer krampfbürgerlichen, reaktionären Zukunft."

WALTER, Klaus (2005): Immer schön unentspannt.
Poplinke, Live-Rock-'n'-Roller und Querdenkerposen: auf Spurensuche in der vermeintlichen Mehrheit links von der CDU. Über produktive linke Berührungsängste und die falsche Suche nach einem Wir,
in: TAZ v. 26.10.

Klaus WALTER demonstriert poplinken Autismus: "Poschardts Bewerbungsschreiben für ein Kulturpöstchen bei Merkel verbinden den vornehmen Pluralis Majestatis mit dem dröhnenden »Du bist Deutschland«-Sound: »Deutschland braucht Wachstum«, heißt es apodiktisch, oder: »Deutschland könnte das modernste Land werden« (taz vom 30. 9.).
Mark Terkessidis hat dieses Gesprächsangebot mit guten Argumenten zurückgewiesen (taz vom 8./9. 10.). Dem ist nur hinzuzufügen: Wer ist wir? Oder: Distanz bitte! Das von Poschardt beschworene Wir ist eine Schimäre wie die viel zitierte Mehrheit links der CDU. Schon die »I can't relax«-Linke bildet kein Wir mit der erschlafften Literaturhaus-Linken. Und was verbindet Otto Schily mit den Goldenen Zitronen? Wolfgang Clement mit René Pollesch? Eine logische Gegnerschaft, ja. Aber nicht einmal wechselseitige Antipathie. Dafür müssten Schily und Clement die Hamburger Band und den nomadischen Theatermacher wenigstens kennen. Nein, links der CDU ist zu wenig Harmonie für Hegemonie. Die Linke sollte jedes falsche Wir von sich weisen und - mal wieder - die Differenz betonen. Das unterscheidet links von rechts, auch wenn es auf die Dauer langweilt, immer nur nein zu sagen.
"

RAPP, Tobias (2005): Lass uns nicht über Spex reden.
Wer hat die Hegemonie im Popdiskurs? Ulf Poschardt wirft Diedrich Diederichsen Realitätsverlust vor, Dietmar Dath wünscht der Popkulturlinken den Weltbürgerkrieg an den Hals. In der Popkritik tobt ein Erbfolgekrieg um die Hinterlassenschaft der "Spex" und die Definitionsmacht darüber, was real ist,
in: TAZ v. 15.11.

LEHNARTZ, Sascha (2005): Poppen statt reden.
Derzeit wird eine Debatte im popkulturellen Milieu ausgetragen, bei der alle aneinander vorbei schweigen. Das zeigt schon die Misere auf,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 20.11.

Sascha LEHNARTZ, den wir bereits als braven Soldaten des Lifestyle-Popisten Ulf POSCHARDT vorgestellt haben, referiert hier nochmals für die uninformierte FAS-Leserschaft die Pop-Mitte-Debatte, die Ulf POSCHARDT in der ZEIT (08.09.2005) angestoßen hat. Die Debatte zielt in erster Linie auf den poplinken Übervater Diedrich DIEDERICHSEN, der sich bislang weigert, das Lager zu wechseln. Dafür muss er sich im Spiegel von Ulf POSCHARDT als Seehofer des Pop beschimpfen lassen. Man könnte dieses realpolitisch belanglose Pop-Geplänkel auch als Selbstdarstellung POSCHARDTs im Vorfeld der Lancierung eines neuen Mode-Magazins verstehen, das dieser gerade entwickelt. Warum die Poplinke dabei mitspielt? Wenn schon der politische Einfluss schwindet, dann möchte man wenigstens noch ein bisschen mitreden dürfen.

PILZ, Michael (2005): Sportwagen gegen Musikzimmer.
Die Popkultur debattiert: Müssen sich intelligente Plattenkäufer heute bürgerlich geben und FDP wählen?
in: Welt v. 30.11
.

Was Sascha LEHNARTZ für die FAS-Leser, das leistet nun Michael PILZ für die Welt-Leser: ein Referat der POSCHARDT-DIEDERICHSEN-Debatte. Im Gegensatz zu LEHNARTZ distanziert sich PILZ jedoch von beiden Autoren. Weder der sportwagenfahrende FDP-Wähler, noch der im Musikzimmer hockende Bohème hat seine Sympathie, denn PILZ wacht über das Reinheitsgebot des Pop: Pop ist Pop und Politik ist Politik. Basta! Dafür erliegt er dem anderen Popmythos:

"Der Pop hat hier schon einiges geleistet. Jede Freiheitsforderung hat die Gesellschaft renoviert, und zwar im Sinne durchlässiger Hierarchien. Unterschichtler steigen auf",

renoviert PILZ die Tellerwäscher-Millionär-Story. Die Zahl der Popmillionäre dürfte jedoch wesentlich kleiner sein als die Zahl der Poptoten und der Langzeit-Pop-Praktikanten, deren Hoffnung zuletzt stirbt. Etwas Wahres ist jedoch dran, wenn PILZ zur Debatte anmerkt, dass sie die Kämpfe der Vergangenheit kämpft:

"Allerdings treffen hier eher die achtziger und neunziger Jahre aufeinander. Theorieberauschte Linksromantiker, die Pop mit Altkritikern von Adorno bis Deleuze behüten, gegen die zwangsverschmockten Anti-68er. Ein anerkannter Randkulturenheld gegen den selbsternannten Sprecher einer im Profil eher unscharfen Partei. Um Minderheitenpflege geht es beiden Seiten in dieser Debatte, die so tut, als sei sie eine."

MISIK, Robert (2007): Hey, ihr da unten!
Heute erscheint sie also: die deutsche "Vanity Fair". Hat sich Chefredakteur Ulf Poschardt endlich ein Zentralorgan seines neokonservativen Bobospießertums gebastelt?
in: TAZ v. 07.02.

Robert MISIK, der selber mit den Bobos liebäugelt, liefert gerade deshalb eine schillernde Charakterisierung dieser neuen Bobokratie:

"Im neueren deutschen Spießertum haben sich in den vergangenen Jahren zwei paradigmatische Phänotypen herausgebildet: der pausbäckig-altväterliche »Mehr-Anstand-mehr-Kinder-mehr-Sittlichkeit«-Typus vom Udo-di-Fabio-Eva-Herman-Schlag und das hippe, zeitgeistige Bobospießertum, das seine Trägerschichten in verweichlichten Mittelstands-Bubis gefunden hat, die früher Pop gehört und Müll getrennt haben und nun, weil sie sich im bundesrepublikanischen Sozialstaat langweilen, mehr Härte ins Leben bringen wollen. Wohlgemerkt: mehr Härte ins Leben der Anderen.
             (...).
Die bemerkenswerteste Figur dieser neokonservativen Parallelgesellschaft ist Ulf Poschardt, Ex-Tempo-Redakteur, Ex-SZ-Magazin-Macher und nunmehr Leithammel der Vanity Fair, die ab heute der neue Stern am deutschen Lifestyle-Magazin-Himmel sein will.

            
(...).
Was den Poschardt-Typus aber vom Traditionsspießertum unterscheidet, ist, dass er den
neoliberalen Neiddiskurs mit dem Geist der Revolte, dem Poprebellentum und dem Erbe von Punk und Nonkonformismus kurzschließt. Die Kinder der Revolte, führte er in raumgreifenden Essays von Zeit über taz bis zur Revival-Tempo aus, seien doch die natürlichen Parteigänger des Neoliberalismus, mit seinem Staatshass und seinem Verwirkliche-dich-selbst!-Pathos.

            
(...).
Das Pathos vom »Abenteuer der Existenz« und der Kitzel von den »Härten der Realität«, den Poschardt zu einem Sartre-Hayek-Jünger-Brei verrührt, die haben mehr als nur oberflächliche Verwandtschaft mit der
Verachtung für die Fadesse des Normalolebens, wie sie in jungrevolutionären Zirkeln seit je dazugehört. »Abenteuer der Existenz«: Das wurde nicht nur in Jüngers »Stahlgewittern« gefeiert, sondern auch von Spontis und vom »schwarzen Block«.

            
Sagen wir es so simpel und offen wie möglich: Es gibt ein breites Spektrum von Milieus, links bis grün bis alternativ bis Indie, ein Meer von Leuten, die nichts mehr hassen, als Mainstream zu sein, die gerne gut leben, aber den hoch dotierten Brotjob verabscheuen, die Lifestylekonsum pflegen, dabei aber möglichst ökologisch korrekt vorgehen, die sich über wachsende soziale Ungleichheit grämen und ein selbstbestimmtes Leben ohne Chef vorziehen, die brodelnde innerstädtische Quartiere mit einem schönen Mix aus ehemals besetzten Häusern, abgefuckten Kneipen, guten Esslokalen und ein, zwei Falafelbuden zu schätzen wissen. Sie alle sind objektiv ein bisschen Komplizen des Neoliberalismus."

HANFELD, Michael (2008): Vanity Fair.
Chefredakteur Ulf Poschardt hört auf,
in: faz.net v. 11.01.

Ulf POSCHARDT, einst Pop-Schüler bei Diedrich DIEDERICHSEN, dann selbsternannter Pop-Beauftragter der FDP, hat zuletzt seinem Frust im MERKUR durch Pöbeleien gegen die Unterschicht freien Lauf gelassen. Single-generation.de weint diesem Abgang keine Träne nach. Vanity Fair war von Anfang an ein neubürgerliches Spießer-Blatt. Der Kampf gegen das Pop-Establishment à la POSCHARDT wurde hier bereits vor über 2 Jahren ausführlich beschrieben.

 
       
   

Über Sportwagen (2002)
Berlin:
Merve

 
   
     
 

Klappentext

"Besonders Sportwagen haben mythische Strahlkraft entwickeln müssen, weil das Auto seine Funktionalität im Sinne eines Fortbewegungsmittels zunehmend einbüßt. Die Vergleichstests zwischen den Fortbewegungsmitteln innerhalb wie außerhalb der Stadt lassen das Auto von Jahr zu Jahr schlechter abschneiden. Bevor jedoch das Automobil ökologisch entsorgt werden kann, muß eine kulturelle Entsorgung ermöglicht werden.
Der Sportwagen, sagt McLuhan, ist die Zukunft des Automobils – die es als Gebrauchsgegenstand längst verloren hat. Deshalb heißt Liebe zum Sportwagen, mit dieser Liebe ernst zu machen.
Poschardts Text manövriert zwischen kurvenreicher Raserei und dem Stillstand im Museum oder der Garage: von der Auto- bis zur Rennbahn und zurück über die Landstraße. Die Fahrer von Sportwagen werden gemustert, ebenso wie das Auftreten des Sportwagens in Literatur, Kunst und Film. Dominant sind dabei die Praktiken der Flucht, der Verfolgung, der Jagd, des Krieges, mit einem Wort: des Todestriebes.  Denn Sportwagen erziehen ihre Fahrer zu Erfüllungsgehilfen hemmungsloser Raserei und zu Gläubigen des Fetischs, dessen Schönheit nicht zuletzt in seiner Gefährlichkeit gründet.
Das einsame Rasen als Suche hat den Beifahrersitz als kleine Währung der messianischen Lücke. Der leere Beifahrersitz: er wird freigehalten für die Erfüllung."

 
     
 
       
   

Berichte über die Buchvorstellung

LEOPOLD, Alexander (2002): Mein Maserati fährt 210.
Ulf Poschardt stellt ein Buch über Sportwagen vor,
in: Süddeutsche Zeitung v. 04.03.

 
   

Rezensionen

ENCKE, Julia (2002): Autor Motor Spott.
Auf der Überholspur: Ulf Poschardt hat den Ferrari tief und die Bibliothek hoch gelegt,
in: Süddeutsche Zeitung v. 27.03.

BUHR, Elke (2002): Im roten Ferrari durch den deutschen Heimatfilm brausen.
Von Garage, Stau und Tempo: Allerlei vergnügliche bis kühne Thesen versammelt Ulf Poschardt in seinem neuen Elaborat über Sportwagen
in: Frankfurter Rundschau v. 04.05.

Elke BUHR schreibt zum Buch "Über Sportwagen":

"Poschardt benutzen, das hieße also, sich unter Umgehung des geradezu provokant unsystematischen Aufbaus seines Pseudo-Traktates und unter Vernachlässigung gewisser allgemeiner Schwafeligkeiten über die Post- oder Spätmoderne aus den unendlich vielen Ideen und Beobachtungen die schönsten herauszusuchen. Zum Beispiel: (...) dass im täglichen Kampf auf der Autobahn die Balance von Gleichheit (alle stehen im Stau) und Differenz (alle haben verschiedene Automarken) der Sozialneid gleichzeitig hervorgerufen und in aushaltbaren Dimensionen abgearbeitet werden kann - so bestätigt die Autobahn ständig die Werte der demokratischen Wettbewerbsgesellschaft."

Abgesehen davon vermutet BUHR,

"dass Poschardt all das nur schreibt, um die andern Sportwagenbesitzer von der Straße zu kriegen und selbst in seinem roten Ferrari davonzubrausen."

STAHL, Enno (2002): Ulf Poschardt: Über Sportwagen,
in: Büchermarkt. Sendung des DeutschlandRadio v. 26.06.

 
       
   

Cool (2000)
Hamburg: Rogner & Bernard
(bei Rowohlt als Taschenbuch erschienen, 2002)

 
   
     
 

Klappentext

"Unsere Kultur gefriert. Und wir mit ihr. Der Zustand der Spätmoderne zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist ein globaler und universeller whiteout. Als Gegenstück zum schockartigen Blackout ereignet er sich schleichend und hinterhältig. Eine Ästhetik der glatten, kühlen Oberflächen hat die heimeligen Vorstellungen warmer »Innenwelt« ersetzt. Um am Frost nicht zu erfrieren, haben sich pragmatische und heroische Strategien des Überlebens entwickelt. COOL ist die Geschichte dieser Strategien - ihrer Triumphe und Niederlagen, ihrer Dummheiten und Geniestreiche.
Ausgehend von »coolen« Lebenstechniken und Haltungen beschreibt ULF POSCHARDT nicht nur den Zustand der westlichen Zivilisation als Analyse ihres Temperaments, sondern entdeckt in »coolen« Gesten und Bildern den Keim zukünftiger Lebenstechniken: ein Labor für den Alltag im Morgen."

 
     
 
       
   

Tagung in Tutzing zum Thema "Ikonen des Cool"

WAGNER, Jochen (2000): Alles verlieren, sich selber aber nie.
Lernen von den Ikonen des Cool. Ein Parforceritt,
in: Frankfurter Rundschau v. 21.10.

RASCHKE, Rudi (2000): Ikonen des Cool.
Eine Tagung in Tutzing,
in: Badische Zeitung v. 24.10.

SCHWENKMAIER, Christian (2000): In der Hitze der Macht.
"Cool" - und was das bedeuten könnte: Eine Tagung in Tutzing,
in: Süddeutsche Zeitung v. 24.10.

LACKMANN, Thomas (2000): "Ikonen des Cool".
Die Unanfechtbaren. Eine Tagung über das Kunststück, in schwierigen Zeiten stilvoll zu überleben,
in: Tagesspiegel v. 25.10.

WAGNER, David (2000): Mehr Wärme wär' jetzt cool.
Posen des Pop: Tutzinger Tagung über die Temperatur eines Lebensgefühls,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 25.10.

 
   

Auszug aus dem Buch

POSCHARDT, Ulf (2000): Fass mich nicht an!
Wie die Coolness in die Welt kam: Aus Ulf Poschardts Monografie des "Cool",
in:
Welt v. 07.10.

 
   

Rezensionen

DIEDERICHSEN, Diedrich (2000): Scheitern mit Schiller.
Tiefe Einsicht und barer Blödsinn: Diedrich Diederichsen über Ulf Poschardts ehrgeizigen Versuch, in einem Groß-Essay die Phänomene der Pop-Kultur zu ergründen,
in: Die Woche Nr.45 v. 03.11.

RICHARD, Christine (2000): Don't worry, keep cool - und ab in die fröhliche Eiszeit?
"Cool": Polarforschung in kühlen Gemütern und kalten Künsten, begleitet durch ein neues Buch,
in: Basler Zeitung v. 10.11.

RAPP, Tobias (2000): Im Namen der Distinktion.
Zieht euch bloß warm an! Ulf Poschardt startet mit seinem Buch "Cool" einen Großangriff auf die gesamte abendländische Kulturgeschichte und erläuterte die Strategien der Coolness mit Platon und Hegel, aber auch mit Joy Division und Michael Mann,
in: TAZ v. 30.12.

KAUPP, Cristina Moles (2001): Coolness gegen den Terror der Entfremdung.
Wie überleben Individuen in einer zunehmend kälter werdenden Gesellschaft, und welche Möglichkeiten bietet die Popkultur? Ulf Poschardt verfolgt in "Cool" die Strategien, Metamorphosen und Irrwege der Coolness quer durchs 20. Jahrhundert,
in: Spiegel Online Nr.1 v. 03.01.

KRIEST, Ulrich (2001): Coolsein muss wieder cool werden dürfen.
Ulf Poschardt erklärt die Ästhetik der Kälte: mit Joy Division, James Dean und der RAF,
in: Berliner Zeitung v. 08.01.

PEHRKE, Jan (2001): Kalt. Noch kälter!
Kulturhistorisches Topfschlagen mit Ulf Poschardt. Von Diogenes bis zu Joy Division: Die Welt friert ein,
in: Jungle World
Nr.3 v. 10.01.

FUHRIG, Dirk (2001): Borderline-Prosa,
in:
Financial Times Deutschland v. 09.02.

MICHAELIS, Nils (2001): Keep cool und wo das herkommt,
in:
Saarbrücker Zeitung v. 14.05.

SCHÜTTE, Wolfram (2001): Existenzkämpfer.
Ulf Poschardts wilder Mix "Cool",
in: Süddeutsche Zeitung v. 29.05.

FRÜCHTL, Josef (2001): Ulf Poschardt: Cool,
in: Die ZEIT Nr.25 v. 13.06.

 
   

Coolness in der Debatte

SANDNER, Wolfgang (1980): Sei cool Mann!
Popmusik als Lebensgefühl,
in: Psychologie Heute, März

KAMANN, Matthias (2000): Die Einheit ist cool,
in: Welt v. 07.10.

 
   

Ulf Poschardt im WWW

 
   

MÜHLBAUER, Peter (2006): Von der FDP zum Dialerkönig.
Der Poschardt, der Pop und die Peinlichkeit. Die Feuilleton-Skandalnudel Ulf Poschardt ist seine Domain losgeworden,
in: Telepolis.de v. 19.02.

 
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 04. Januar 2001
Update:13. August 2015