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Die Geburtenentwicklung in Schweden

 
       
   
Tabelle: Die Geburtenentwicklung in Schweden 1970 - 2013
 

Jahr

1960 1970 1980 1990 1995 2000 2005 2010 2013
Geburtenrate (TFR) - 1,92 1,68 2,13 - 1,54 1,77 1,98 1,89
Quelle: Eurostat Online Jahrbücher
 
       
   

Schwedische Singles und gesellschaftlicher Wandel in den Medien

 
       
   

POWER, Carla (2000): The New Singles.
Increasing numbers of Northern Europeans are choosing to live alone,
in: Newsweek v. 14.08.

Carla POWER porträtiert alleinlebende Yuppies (neuerdings auch "Yetties" oder "Bobos" genannt) in Paris, London, Berlin, Stockholm und präsentiert dazu Daten aus verschiedenen nationalen Studien. POWER lässt Eva SANDSTEADT den Einstellungswandel zum Alleinleben in Schweden beschreiben:

The Swedish word for someone living alone used to be ensam, which had connotations of being lonely,« notes Eva Sandsteadt, author of »Living Alone in Sweden.« »It was conceived as a negative — dark and cold, while being together suggested warmth and light. But then along came the idea of singles. They were young, beautiful, strong! Now, young people want to live alone.«"

Die zentrale These von POWER ist, dass die New Economy seit Mitte der 1990er Jahre zu einem neuen Individualisierungsschub geführt hat. Singlesein ist zu einer gewählten Lebensform geworden. Dies hat Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt und die Konsumindustrie sowie die Dienstleistungsgesellschaft. Das Single-Dasein hat jedoch auch Nachteile: Singles leben ungesünder als Verheiratete und haben weniger Sex als Personen mit fester Beziehung. Auch das Alter birgt Risiken. POWER legt in ihrem Artikel nahe, dass Singles eine homogene Gruppe sind. Dies ist jedoch nicht der Fall. Alleinlebende Yuppies sind quantitativ gesehen eine vernachlässigbare Gruppe. Wenn es um die Gesundheit geht, dann werden Verheiratete mit Unverheirateten (hier dominieren ältere Witwen) verglichen.

RENTZSCH, Anne (2001): Schweden sorgt sich um seine Geburtenrate.
In dem traditionell besonders kinderfreundlichen Land kommen immer weniger Babys zur Welt - die Erwachsenen haben zuviel Stress,
in: Süddeutsche Zeitung v. 08.02.

HAUSENSTEINER, Heike (2001): Babyfreundliches Schweden,
in: Wiener Zeitung v. 12.02.

Während im SZ-Bericht vom 08.02. der Geburtenrückgang als Folge von kinderfeindlichem Stress dargestellt wird, legt dieser Artikel einen Zusammenhang zwischen Erhöhung und Beschneidung der Sozialleistungen in Schweden nahe:

"Als die staatlichen Leistungen in Schweden Ende der 1980er Jahre angehoben wurden, stieg auch die Zahl der Neugeborenen auf 14,5 pro 1.000 Einwohner. Durch Einschnitte im Sozialsystem auf Grund der Rezession Anfang der 1990er Jahre ging die Geburtenrate wieder zurück (10:1.000)".

RENTZSCH, Anne (2001): Kindermangel im Land der Pippi Langstrumpf.
Schwedens Politiker sorgen sich über die sinkenden Geburtenzahlen im Land,
in: Tages-Anzeiger v. 21.02.

Der Beitrag erschien bereits in der SZ. Siehe hierzu auch den Kommentar zum Beitrag über Schweden in der Wiener Zeitung.

WOLFF, Reinhard (2001): Frauen werden den Wohlstand sichern (Stockholm),
taz-Thema: Kein Nachwuchs für Europa
in: TAZ v. 22.03.

GAMILLSCHEG, Hannes (2001): Ein Babygipfel gegen die Pensionsbombe.
Schweden präsentiert sein Modell zur Lösung der Bevölkerungskrise: Staatliche Anreize für die arbeitende Mutter,
in: Frankfurter Rundschau v. 23.03.

HAL (2001): Hohe Steuern
Kosten der Kindererziehung im Weltvergleich,
in: Welt v. 20.04.

HELLSTRÖM, Mats (2001): Deutschland hinkt hinterher.
In Schweden sind längst 80 Prozent der Frauen berufstätig. Denn Kinder und Alte können außerhalb der Familie betreut werden, Ehefrauen sind steuerlich nicht begünstigt,
in: TAZ v. 03.07.

Wenn Familienpolitiker auf Schweden zu sprechen kommen, dann kommen sie meist ins Schwärmen, aber ganz so rosig sieht es dort mit der Elternzeit auch nicht aus:

"»Vatermonat/Muttermonat«, der beiden Eltern zusteht, aber nicht auf den Partner übertragbar ist. Ab dem Jahr 2002 kommt dann noch ein weiterer Monat hinzu. Wird dieser nicht ausgenutzt, verfällt er ganz. Allerdings ist es schon jetzt so, dass nur 50 Prozent der schwedischen Männer von ihrem Vatermonat Gebrauch machen. Zudem sind es - anders, als man in Deutschland manchmal von den schwedischen Männern glaubt - lediglich zehn Prozent, die ihr Recht auf Elternzeit vollständig ausnutzen.
            Auch manches schwedische Unternehmen hat inzwischen begriffen, dass seine Familienpolitik ein entscheidender Faktor bei Neueinstellungen ist. So garantieren die Firmen ihren wichtigeren Mitarbeitern, dass sie die Differenz zwischen dem staatlichen Elterngeld und dem Gehalt ausgleichen, damit kein Verlust entsteht und man die Elternmonate wirklich genießen kann. Dennoch gibt es leider immer noch viele Männer, die Angst um ihre Karriere haben und auf dieses Angebot verzichten. Daher ähnelt die schwedische Situation dann doch der deutschen."

RIVIERE, Helena (2002): "Ich nehme mir, was ich brauche".
RM-Spezial: Schweden. Rundum versorgt,
in: Rheinischer Merkur Nr.16 v. 18.04.

Schweden verstößt mit seinem Wohlfahrtsstaat sowohl gegen den Neoliberalismus als auch gegen das "katholische" Subsidiaritätsprinzip. Das Hassobjekt von Helena RIVIERE ist die "Welfaremother" - typischerweise eine Alleinerziehende -, die den Sozialstaat gewissenlos ausplündert:

"Merja hat die sozialdemokratische Rhetorik verinnerlicht. Hiernach ist sie aus vier Gründen hilfsbedürftig: Sie ist Frau, allein erziehend, ohne gehobenen Schulabschluss, arbeitslos."

Wohlweislich enthält der Bericht keinerlei Fakten über den Missbrauch.

LUCIUS, Robert von (2002): Der Mythos des Wohlfahrtsstaats vergeht.
Soziale Sicherung im Umbruch: Schweden verabschiedet die "Volkspension",
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 03.12.

Die FAZ beginnt mit diesem Beitrag eine Reihe über die "Reform sozialer Sicherungssysteme in ausgewählten Industriestaaten".

PRIES, Knut (2004): Von den Schweden das Kinderkriegen lernen.
Schröder liebäugelt mit einem "Elterngeld" auch für Wohlhabende / Eichel und Schily vermissen dabei die Gerechtigkeit,
in: Frankfurter Rundschau v. 06.09.

PRIES, Knut (2004): Schweden-Hammer,
in: Frankfurter Rundschau v. 06.09.

SIMON (2004): Schweden und das Elterngeld-Modell.
Interview mit Agnes Bührig, Schwedischer Rundfunk,
in: DeutschlandRadio v. 07.09.

FISCHER, Gerhard (2005): Familienbetrieb, staatlich gefördert.
SZ-Thema: Wie ein Paar aus Stockholm von alltäglichen Erleichterungen profitiert
in: Süddeutsche Zeitung v. 26.03.

FREUND, Wieland (2005): Schlaflieder aus Schweden.
Kommissare aus der Villa Kunterbunt: Warum skandinavische Krimis so erfolgreich sind,
in: Welt v. 18.05.

Wieland FREUND erläutert die Unterschiede zwischen US-Thriller und Schweden-Krimi: "Es ist ja kein Zufall, daß wir den Thriller aus den USA importieren und den Krimi aus dem scheinbaren Reservat des Sozialstaats. Denn während der Thriller den einsamen Gejagten zeigt, gesellschaftliche Ängste in Geschichten gießt und das Happy End nur als ein Davonkommen denken kann, hüten Krimis wie Träume den Schlaf der Gerechten. Im Thriller wird bloß überlebt, im Krimi hingegen die Ordnung wiederhergestellt. Versprochen wird statt heiler Haut die heile Welt.

PERSSON, Göran (2005): Vater, Mutter, Kind.
In Schweden gibt es eine Elternversicherung, die Männern wie Frauen die Entscheidungen für Nachwuchs erleichtern
in: Frankfurter Rundschau v. 22.06.

Die Überschrift führt in die Irre, denn es geht beim Elterngeld keineswegs um eine allgemeine Erleichterung der Entscheidung für Nachwuchs, sondern einzig um Wahlgeschenke für die Besserverdienenden der Mitte.

NEUE GESELLSCHAFT / FRANKFURTER HEFTE-Titelgeschichte: Reichtum Familie

PERSSON, Göran (2005): Das schwedische Projekt des Elterngeldes,
in: Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte, Juli/August

BUDE, Heinz (2005): Träume der Gefühlslinken.
Die SPD hat sich selbst nicht begriffen,
in: Süddeutsche Zeitung v. 22.09.

Der Soziologe Heinz BUDE lobt die Neoliberalisierung in Schweden als Vorbild: "Wie kann man die Leute davon überzeugen, dass sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen, obwohl man ihnen nichts versprechen kann? Auf der anderen Seite kann man auf Sanktionen als Mittel der Verhaltensbeeinflussung nicht verzichten.
Alle sozialdemokratischen Parteien haben sich mit dieser Wende ihrer Programmatik schwergetan und sie mussten sie in der Regel mit der Reduktion der Stammwählerschaft bezahlen. Aber wie vor allem die Beispiele von Schweden und Großbritannien zeigen, muss das nicht den Machtverlust zur Folge haben."

REINECKE, Stefan (2006): "Wir können von Schweden lernen".
In Deutschland bekommen Frauen oft Kinder, wenn sie keinen Job haben. Danach bleiben sie zu Hause. Dieses Muster soll das Elterngeld ändern, das Karriere und Kinder fördert. Eine gute Idee, so die Demografin Michaela Kreyenfeld,
in: TAZ v. 14.01.

Michaela KREYENFELD, die wichtige Studien zur Geburtenentwicklung publiziert hat, weist darauf hin, dass die Kinderlosigkeit der Akademikerinnen überschätzt wird. Mit Blick auf Schweden ist sie der Meinung, dass das Elterngeld die biografischen Muster der Frauen verändert. Während in Deutschland Frauen bei gutem Verdienst der Männer bzw. in Phasen schlechter Karrierechancen ihre Kinder bekommen, gebären in Schweden die (teilzeitarbeitenden) Frauen erst, wenn sie Vollzeit arbeiten. Eine Folge könnte jedoch sein, dass sich die Wirtschaftskonjunktur in extremer Weise auf die Geburtenrate auswirkt.
Die gegenwärtige Debatte über Familienwerte hält KREYENFELD für kontraproduktiv.

RASCHE, Uta (2006): "Rettet wenigstens die ersten drei Jahre!"
Die schwedische Autorin Anna Wahlgren über Kinderbetreuung, Familie und Beruf und das "schwedische Modell",
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 17.10.

BERTH, Felix (2006): Schweden.
SZ-Thema:
Der langsame Einstieg,
in: Süddeutsche Zeitung v. 28.12.

ALTENBOCKUM, Jasper von (2007): Rückkehr zur Familie.
Der Blick zu den Nachbarn (II): Schweden,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 11.03.

GUNNAR, Herrmann (2007): Der Staat hilft.
Schweden: Jedes einjährige Kind bekommt einen Betreuungsplatz,
in: Süddeutsche Zeitung v. 16.03.

VEIL, Mechthild (2007): Es geht viel mehr um Väter als um Mütter.
Im Gespräch: Die Historikerin Wiebke Kolbe über das familien- und gleichstellungspolitische Vorbild Schweden und die dortigen Erfahrungen mit einer "Papaquotierung",
in: Freitag Nr.22 v. 01.06.

STRICKER, S. (2007): Deutschland liegt im Mittelfeld.
In Schweden öffnet sich die Schere zwischen Armen und Reichen noch weiter als hierzulande,
in: TAZ v. 08.11.

LARSSON, Petter (2008): Musterland ist abgebrannt.
In nur zwei Jahren hat Schwedens konservative Regierung den Sozialstaat amputiert. Im Wirtschaftsabschwung wird sich zeigen, ob diese Politik wirklich mehr Arbeit schafft,
in: TAZ v. 15.09.

KLOSTERMEIER, Anneli (2008): Bewunderinnen am Sterbebett.
Die Autorin und Übersetzerin Sara Stridsberg hat ihr Ziel erreicht: In Schweden ist die radikale Feministin Valerie Solanas populär wie nie zuvor,
in:
TAZ v. 13.11.

BRÜNING, Franziska (2009): Ihr Kinderlein kommet zurück.
Frankreich und Schweden stellen die Ganztagsbetreuung für den Nachwuchs in Frage,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 14.02.

HINCK, Gunnar (2015): Schweden - Der Traum ist aus,
in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Februar

Gunnar HINCK beschreibt die Neoliberalisierung Schwedens und ihre Folgen für die Parteienlandschaft. Außerdem geht er auf das Schwedenbild in Deutschland ein:

"Die Krise des Landes gibt Anlass das deutsche Schwedenbild kritisch zu hinterfragen. Schweden wird seit Jahrzehnten zu einem Vorbild, gar zu einem Sehnsuchtsort überhöht, während die immer deutlicher auftretenden Probleme und Widersprüche ignoriert werden. Paradoxerweise stammen die Schwedenbewunderer aus politisch völlig unterschiedlichen Lagern. Für die Linke ist Schweden seit der Nachkriegszeit das idealtypische sozialdemokratische Land, und auch die tiefgreifenden Veränderungen der letzten Jahre konnten diesem Bild wenig anhaben. Neoliberale loben das Land für die Reformen der letzten Jahre, die den richtigen Weg aufzeigen würden." (2015, S.24)

HANNEMANN, Matthias (2016): Fast perfekte Menschen und ihre Theorie von der Liebe.
Schwedenversteher: Henrik Berggren und Lars Trägårdh wissen, warum sich in ihrer Heimat Individuum und Staat gegen die Familie stellen,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 12.03.

BIGALKE, Silke (2016): Die Wohnung kündigen? Nie im Leben!
SZ-Serie Auf Wohnungssuche - Stockholm (16): Wer in Stockholm einmal eine Unterkunft gefunden hat, gibt sie nicht mehr her. Ist sie zu klein geworden, wird getauscht - der Handel mit Mietverträgen boomt. Einen normalen Mietmarkt gibt es nicht, was bleibt, ist der Kauf von Immobilien. Aber auch das läuft anders als in anderen europäischen Städten,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 01.04.

STEUER, Helmut (2016): Babys für alle.
In Schweden dürfen sich jetzt auch Singles künstlich befruchten lassen. Die Kosten trägt die Kasse. Die Nachfrage ist groß - nur die Spender fehlen,
in:
Welt v. 06.04.

Helmut STEUER berichtet über ein am 1. April in Schweden in Kraft getretenes Gesetz, das nicht nur Paaren, sondern nun auch alleinstehenden Frauen die künstliche Befruchtung ermöglicht. Bis zu sechs Versuche werden von der Krankenkasse bezahlt. 

ARVIDSSON, Bengt (2016): Schweden verschärft Asylgesetz.
Land verabschiedet sich von bislang großzügigsten Regeln in Europa,
in:
Neues Deutschland v. 22.06.

STEINFELD, Thomas (2016): Der hilflose Anti-Populismus.
Die rechtspopulistische Bewegungen stehen den bürgerlichen Parteien näher, als dies zugeben mögen,
in: Süddeutsche
Zeitung v. 11.07.

Thomas STEINFELD beschäftigt sich mit dem erfolglosen Umgang der Regierenden in Schweden mit den Schwedendemokraten, der in Gesetzen mündet, die genauso gut von den Populisten selber hätten stammen können.

Die Erklärungen von STEINFELD sind eher dürftig, denn es fehlt ein Bezug zu nationalkoservativer Bevölkerungspolitik, die in erster Linie eine qualitative ist. Während bei uns das Elterngeld, das Kinder von Akademikern höher bewertet als von Nicht-Akademikern (wird in Mainstreamzeitungen höchstens von der Welt offen hervorgehoben), erst 2007 in Kraft trat, gilt es in Schweden schon länger. Entsprechend früher konnten sich rechtspopulistische Strömungen dort ungehindert entfalten. Das Problem auf Asylpolitik zu beschränken - wie es von STEINFELD und anderen Eliten getan wird - verschleiert die viel größere Gemeinsamkeit der Befürwortung qualitativer Bevölkerungspolitik. Thilo SARRAZINs populistische Erfolge begannen erst mit der Einführung des Elterngeldes, das belegte, dass auch die nicht-populistischen Eliten genauso denken wie die populistischen Eliten. Aber Selbstkritik ist keine Tugend unserer Mainstreamjournalisten. Rassismus ist heute nicht mehr allein eine Frage der Ethnie, sondern der Behauptung von jedweder Minder- bzw. Höherwertigkeit, die an askriptive Merkmale geknüpft ist.   

PEZZEI, Kristina (2016): Wohnungsmangel drosselt Schwedens Wachstum.
Start-ups wollen nach Stockholm, dem innovativen und kreativen Pendant zu Berlich. Doch sie finden keinen Platz zum Wohnen. Die Wirtschaft büßt wegen verpasster Wachstumschancen jährlich Milliarden ein, trotzdem dürfte sich erst mal nichts ändern,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 05.08.

SIBI (2016): 800 Fonds zur Auswahl.
SZ-Serie Unsere Zukunft, unsere Rente (11): Schweden,
in: Süddeutsche
Zeitung v. 11.08.

Das schwedische System wird nicht kritisiert, denn der Artikel stellt die kapitalgedeckte Altersvorsorge in Form von Pensionsfonds in den Vordergrund. Außerdem wird die schwedische Renteninformation hervorgehoben:

"Der orange Brief zeigt auch,  wie sich die steigende Lebenserwartung auf die Rente auswirkt. Er rechnet vor, wie viel länger ein Versicherter arbeiten muss, um dieselbe Summe zu erhalten wie bei einer Rente mit 65 ohne steigende Lebenserwartung. Ein Beispiel: Wer 1983 geboren wurde, müsste demnach bis 69 Jahre einzahlen."

Das muss man vor dem Hintergrund der derzeitigen Rentendebatte als Wink mit dem Zaunpfahl verstehen.

STEUER, Helmut (2016): Rendite fernab von Anleihen.
Staatsfonds: Ein junger Fonds managt Alterskapital für diejenigen Schweden, die ihr Vorsorge-Wahlrecht nicht nutzen,
in:
Handelsblatt v. 26.10.

"Der AP7-Fonds. Der Name steht für »Sjunde Allmänna Pensionsfonden«, siebter allgemeinen Pensionsfonds. Dass der Fonds auch in der breiten Öffentlichkeit bekannt ist, liegt am schwedischen Pensionssystem. 16 Prozent des Bruttogehalts werden in die umlagefinanzeirte Rente eingezahlt. Weitere 2,5 Prozent aus dem Brutto fließen in kapitalgedeckte Altersvorsorge, die sogenannte Prämienrente.
Wohin das Geld fließt, entscheidet jeder Arbeitnehmer selbst. Ihm stehen dabei rund 850 verschiedene Fonds zur Verfügung. Obwohl Schweden eine lange Aktien- und Fondstradition hat, haben viele Arbeitnehmer aus Desinteresse oder Unkenntnis keinen Fonds gewählt. Für diesen Fall hat der Gesetzgeber den AP7-Fonds eingereichtet. (...).
Der Staatsfonds verwaltet derzeit umgerechnet rund 31 Milliarden Euro",

berichtet uns Helmut STEUER über den schwedischen Pensionsfonds. Das Handelsblatt würde darüber sicher nicht ausführlich berichten, würde der Pensionsfonds negative Schlagzeilen machen. Da der Pensionsfonds nicht auf Anleihen setzt, eignet er sich optimal für Propaganda-Zwecke, denn Anleihen sind gerade in Misskredit geraten. Erst ganz am Ende wird darauf hingewiesen, dass der Pensionsfonds hohe Risiken eingeht.

HERMANN, Rudolf (2016): Schwedens lukrativer Wohlfahrtssektor weckt Argwohn.
Kontroverse Pläne der rot-grünen Minderheitsregierung, um die Gewinne privater Anbieter zu deckeln,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 07.12.

Rudolf HERMANN berichtet über das seit langem neoliberalisierte Schweden. Dort sind private Anbieter bereits vor 20 Jahren in den Erziehungs- und Wohlfahrtssektor eingedrungen.

HERMANN, Rudolf (2017): Schwedens Arbeiterherz schlägt in Göteborg.
Die Industriemetropole steht im Schatten der Hauptstadt Stockholm - dabei hat sie ihren eigenen Charme,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 13.03.

"Göteborg atmet klassische Schwerindustrie, im Gegensatz zur Hauptstadt mit ihrem Hightech-Fimmel, und ist die klare Nummer zwei hinter Stockholm. (...).
Die Stadt wirkt solide, aber auch unaufgeregt - ein bisschen wie Zürich (...). Göteborgs Prachtstrasse Kungsportsavenjen macht sogar mitten an einem Werktag einen fast beschaulichen Eindruck",

beschreibt Rudolf HERMANN den Gegensatz von Stockholm und Göteborg, die als "Gravitationszentrum der Westküsten-Region" vermarktet wird. HERMANN streicht die Bedeutung des Hafens und des Konzerns Volvo für Göteborg heraus. Der Stadtteil Majorna, ein einstiges Arbeiterviertel wird uns als kommendes Trendviertel mit (noch) lokaler Szene angepriesen.

HERMANN, Rudolf (2017): Die Hauptstädter und die anderen.
Übermächtige Kapitalen schaffen in Nordeuropa eine Zweiklassengesellschaft besonderer Art,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 13.03.

Rudolf HERMANN stellt für Skandinavien jeweils die größte und zweitgrößte Stadt gegenüber, um das Gefälle zu verdeutlichen:

Land Größte Stadt Zweitgrößte Stadt
Schweden Stockholm (ca. 2,2 Mill. Einw.) Göteborg (ca. 1 Mill. Einw.)
Dänemark Kopenhagen (ca. 2 Mill. Einw. Arhus (500/800.000 Einw.)
Norwegen Oslo (ca. 1,5 Mill. Einw.) Bergen (ca. 300.000 Einw.)
Finnland Helsinki (ca. 1,5 Mill. Einw.) Tampere (ca. 300.000 Einw.)

In den baltischen Staaten sei das Gefälle sogar noch größer.

HERMANN, Rudolf (2017): Zorn in Schwedens hohem Norden.
Urbanisierung und Modernisierung vergrössern das ohnehin markante Stadt-Land-Gefälle,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 19.04.

In Deutschland wütet Reiner KLINGHOLZ und sein Privatinstitut gegen Dörfer, die weniger als 500 Einwohner bzw. eine Dichte von 150 Einwohner pro Quadratkilometer haben. Was würde KLINGHOLZ wohl angesichts der Dimensionen in Schweden sagen?

"Norrbotten (...) nimmt mit 105.000 Quadratkilometern fast ein Viertel der schwedischen Gesamtfläche ein, bringt es aber bloss auf rund 250.000 Einwohner. Von den 14 Grossgemeinden, in die sich die Region gliedert, ist die nördlichste, Kiruna, flächenmässig so gross wie die halbe Schweiz. Und in Arjeplog, einer Gemeinde an der Grenze zu Norwegen, erfasst man die Bevölkerungsdichte nicht in Personen pro Quadratkilometer, sondern zählt, wie viele Quadratkilometer auf jeden der knapp 3.000 registierten Einwohner entfallen - es sind mehr als vier",

berichtet Rudolf HERMANN über die Dimensionen des ländlichen Raums in Schweden. Die deutsche Debatte um die Zukunft der Dörfer scheint angesichts der Verhältnisse in Schweden eine Luxusdebatte zu sein.

Rudolf HERMANN beschreibt jedoch nur die Sorgen jener ländlichen Gemeinden abseits der großen Ballungsräume Stockholm, Göteborg und Malmö/Lund, die noch relativ gut dastehen. Innerhalb der Grossgemeinden gibt es genauso wie in Deutschland Differenzen zwischen Hauptort und kleineren Ansiedlungen. So schreibt HERMANN über die Gemeinde Arvidsjaur:

"(V)on den rund 6.500 Einwohnern der Grossgemeinde (wohnen) zwei Drittel im Städtchen selbst, schon in den zwei nächstgrösseren Siedlungen auf Gemeindegebiet jedoch nur noch rund je 250. Das Gemeindegebiet ist dabei mit etwas über 6.000 Quadratkilometern Fläche mehr als dreimal so gross wie der Kanton Zürich."

In Deutschland entspricht das in etwa dem Landkreis Mecklenburgische Seenplatte, dem flächenmäßig größten Kreis in Deutschland, der größer ist als das Bundesland Saarland, aber rund 40 mal so viele Einwohner hat als die schwedische Großgemeinde.

THELEN, Peter (2017): Vorbild schwedischer Staatsfonds.
Private Alterssicherung: Verbraucherschützer fordern für die Altersvorsorge einen Staatsfonds wie in Schweden. Die Skandinavier sind von den hohen Kosten auf dem deutschen Vorsorgemarkt weit entfernt,
in:
Handelsblatt v. 11.07.

Während in Deutschland 4 % des Gehalts in die private Altersvorsorge gesteckt werden sollen, um den Lebensstandard zu halten, sind es in Schweden nur 2,5 Prozent:

"In Schweden liegt der Rentenbeitrag mit 18,5 Prozent ähnlich hoch wie hierzulande mit 18,7 Prozent. Nur dass 2,5 Prozent davon nicht in die umlagefinanzierte Rente fließen, die auch in Schweden Basis der Altersversorgung ist, sondern in die sogenannte Premium.-Rente.
Die kapitalbasierte Zusatzrente ist also in Schweden anders als in Deutschland obligatorisch. Staatliche Zuschüsse gibt es dagegen nicht. (...).
Wer nicht wählt, landet automatisch im Staatsfonds AP 7. »Anfangs entschieden sich zwei Drittel für eines der privaten Angebote. Inzwischen fast alle für AP 7.« (...). Die Durchschnittsrendite im vergangenen Jahr lag bei 7,1 Prozent. Die Gebühren lieben derzeit bei konkurrenzlosen 0,11 Prozent",

erklärt uns Peter THELEN. Anlass ist die Forderung der Verbraucherschützer auch in Deutschland einen Staatsfonds einzuführen. Ausgeblendet wird bei dieser Vorstellung der schwedischen Altersvorsorge, dass das System der Alterssicherung in Schweden anders funktioniert als hierzulande. Neoliberale picken sich gerne immer nur Aspekte aus den Alterssicherungssysteme anderer Länder heraus, obwohl historisch-gewachsene Systeme ohne Betrachtung des sozialpolitischen Umfeldes überhaupt nicht angemessen miteinander verglichen werden können. Was in Schweden funktioniert, das muss in Deutschland noch lange nicht funktionieren.

HERMANN, Rudolf (2017): Das "nordische Modell" fällt aus der Zeit.
Die baltischen Staaten wollen von ihrer osteuropäischen Vergangenheit wegkommen und als nordeuropäisch wahrgenommen werden. Doch das skandinavische Vorbild ist selbst reparaturbedürftig,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 11.08.

Rudolf HERMANN betrachtet durch die neoliberale Brille den schwedischen Sozialstaat, den er mit dem "nordischen Modell" gleichsetzt. Das neoliberale Schweden ist HERMANN nicht neoliberal genug:

"Der nordische Wohlfahrtsstaat bietet den Bürgern eine breite Palette an Dienstleistungen, die Entfaltung in Arbeit, Freizeit und Familienleben ermöglichen. Weil das alles aber viel Geld kostet, ist es nötig, dass so viele Bürger wie möglich arbeiten und über die relativ hohen Steuern, die sie auf ihrem Einkommen bezahlen, die Dienstleistungs- und Umverteilungsmaschine am Laufen halten".

Diese Beschreibung hat mit dem traditionellen Sozialstaat schon nichts mehr zu tun, sondern ist die neoliberale Variante, denn traditionell zeichnete sich der nordische Sozialstaat gerade durch Kommodifizierung und nicht durch Dekommodifizierung aus. Die Abhängigkeit vom Arbeitsmarkt sollte durch das nordische Wohlfahrtsmodell reduziert werden. Mit der Neoliberalisierung dagegen wurde die Dekommodifizierung durchgesetzt, d.h. die Sozialleistungen wurden so drastisch gekürzt, dass ein Zwang zum Arbeiten wie hierzulande durch die Hartz-Gesetzgebung erfolgte.

Die in Deutschland erst spät angegangene Vereinbarkeit von Beruf und Familie wurde in Schweden bereits weit früher angegangen. Nichts davon ist bei HERMANN zu lesen. HERMANN geht es lediglich darum, dass die Vielfalt nationaler Regulierungen durch die Einfalt neoliberale Regime ersetzt wird. In diesem Sinne wird der Abbau von Arbeitnehmerrechten als Liberalisierung gelobt. Der flexible Kapitalismus erscheint in dieser Sicht als alternativlos und der Sozialstaat als Hemmschuh, der "marktkonform" zurechtgestutzt werden muss. Wird aus nationalkonservativer Sicht der Migrant zur Bedrohung des Sozialstaat, so ist er in neoliberale Sicht ein Objekt, das lediglich der Arbeitsmarktintegration harrt. Humanitäre Gründe sind dem Neoliberalen zuwider: Migration ist in dieser Sicht auf die Arbeitsmarktkonformität zu reduzieren.

Neoliberalismus und Nationalkonservatismus sind in ihrer Darstellung der Bedrohung identisch, lediglich die Ziele sind andere. So stellt HERRMANN das Problem so dar wie das auch die deutsche AfD tun würde:

"Zwar liegt die allgemeine Quote unter dem EU-Durchschnitt von 8 Prozent. Doch während derzeit bei den im Land Geborenen nur 4 von 100 eine Stelle suchen, sind des 22 Prozent bei der Bevölkerung mit Migrationshintergrund."

Während Neoliberale daraus den Schluss ziehen, dass die Schutzrechte der einheimischen Bevölkerung massiv eingeschränkt werden müssen, sind die Wähler der Rechtpopulisten der irrigen Meinung, dass Protektionismus die Lösung sei. Die deutsche AfD jedoch verbindet Neoliberalismus mit Nationalkonservatismus. Die Widersprüche dieser ideologischen Symbiose werden einfach ausgeblendet.

Der Neoliberalismus predigt Vielfalt und setzt ideologisch auf das Gegenteil: Einfalt! Freizügigkeit und Marktkonformität heißt auf der individuellen Seite nichts anderes als Austauschbarkeit. Der Neoliberalismus kennt deshalb nur Mentalitätsprobleme oder wie es bei ihm heißt: Jeder ist seines (Un-)glücks Schmied.

STOCKER, Frank (2017): Schweden boomt und wandelt zugleich am Abgrund.
Die Wirtschaft in dem skandinavischen Land wächst so schnell wie in kaum einem anderen Land. Doch die Gründe dafür bergen auch Risiken. Die Nagelproben könnte schon bald anstehen,
in:
Welt v. 30.08.

FREUDENBERG, Christoph (2017): Staatliche Fonds und Alterssicherung.
Erfahrungen anderer Länder,
in:
Deutsche Rentenversicherung, Heft 3, September

Anlässlich der 2015 begonnenen Debatte um die Deutschlandrente befasst sich Christoph FREUDENBERG mit Staatsfonds, wobei die Probleme bereits mit der Definition beginnen:

"Was macht einen Staatsfonds aus? Lange Zeit war unklar, wie der Begriff Staatsfonds abgegrenzt werden kann. Erst im Jahr 2008 einigte sich die Internationale Arbeitsgruppe für Staatsfonds (IWG) auf eine grobe Definition. So spricht sie von Staatsfonds (engl. sovereign wealth funds), wenn diese staatlich initiiert sind, dem Vermögen des Staates zugeordnet werden können und eine makroökonomische Zielsetzung verfolgen. Laut der Definition des IWG speisen sich Staatsfonds aus unterschiedlichen Quellen, wie beispielsweise Einnahmen aus Privatisierungen und Rohstoffesporten sowie aus fiskalischen Überschüssen. Sozialversicherungsbeiträge lässt die IWG dabei unerwähnt. Mindestens ein Teil des Vermögens von Staatsfonds sollte im Ausland angelegt werden." (S.293)

Gemäß FREUDENBERG hat die Mehrheit der Staatsfonds keinen Rentenbezug, sondern sind allgemeine Staatsfonds. Rentenreservefonds sind für ihn Ausnahmen, deren Ziel er folgendermaßen beschreibt:

"Ziel dieser Fonds ist es, künftig anfallende Kosten staatlicher umlagefinanzierter Rentensysteme - beispielsweise bedingt durch den demografischen Wandel - durch das Aufbauen eines Staatsfonds (teil-)abzudecken." (S.293).

Bei diesen Rentenreservefonds unterscheidet FREUDENBERG wiederum zwei Arten: zum einen Sozioalversicherungsreservefonds (social security reserve funds, abgekürzt: SVRF) und staatliche Rentenreservefonds (sovereign pension reserve funds, abgekürzt: SRRF).

Beispielhaft für SVRFs nennt FREUDENBERG die Nachhaltigkeitsrücklage der gesetzlichen Rentenversicherung in Deutschland. Diese aber sind keine Staatsfonds im Sinne des IWG. Der zweite Typus ist in Deutschland durch die Beamtenversorgungs-Rücklagen des Bundes und der Länder repräsentiert. Dieser ist ein originärer Staatsfonds.

Den norwegischen Government Pension Fund Global führt FREUDENBERG unter allgemeine Staatsfonds, da er nur "Züge eines Rentenreservefonds trägt".  Solche allgemeine Staatsfonds finden sich gemäß FREUDENBERG vorwiegend in rohstoffreichen Ländern.

Zu den Rentenreservefonds zählt der Autor den norwegischen Government Pensions Fund Norway, die deutsche Nachhaltigkeitsrücklage und die Versorgungsrücklagen des Bundes.

"Insbesondere um die Jahrtausendwende haben viele Staaten - wie unsere Nachbarländer Belgien und Polen - staatliche Rentenreservefonds aufgelegt mit dem Ziel, die künftigen Kosten der sich abzeichnenden demografischen Alterung abzufedern" (S.294),

erklärt FREUDENBERG dazu. Eine weitere Kategorie sind staatliche Rentenanlagefonds, zu denen der AP7 in Schweden und der NEST in Großbritannien gezählt wird.

Ausführlich befasst sich FREUDENBERG mit dem norwegischen Pensionsfonds, der zwei separate Fonds umfasst. In der deutschen Debatte geht es insbesondere um den allgemeinen Staatsfonds statt um den wesentlich kleineren staatlichen Rentenfonds Norwegen. Der schwedische AP7 wird von FREUDENBERG als mögliches Referenzmodell gesehen. Der dänische ATP wird als staatliche reguliertes Sozialpartnermodell des Typs Rentenanlagefonds beschrieben. Die Anlagestrategie des schwedischen AP7 gilt FREUDENBERG als wesentlich riskanter als der dänische ATP.

Fazit: In der deutschen Debatte werden die Risiken des schwedischen AP7 ausgeblendet. Zudem bezweifelt FREUDENBERG die Übertragbarkeit der drei Fondsmodelle in Norwegen, Dänemark und Schweden auf deutsche Verhältnisse.     

ANDERSON, Karen M. (2017): Anpassung der Alterssicherungssysteme an das veränderte Marktumfeld. Ein internationaler Vergleich am Beispiel der Staaten Schweden, Niederland und Dänemark,
in:
Deutsche Rentenversicherung, Heft 4, Dezember

Karen M. ANDERSON sieht den Beginn der Neoliberalisierungsoffensive der Alterssicherung durch die Propagierung kapitalgedeckter Altersvorsorge als Lösung des Demografieproblems im Jahr 1994:

"Seit der Publikation der Weltbankstudie Averting the Old Age Crisis 1994 werden Mehrsäulen-Alterssicherungssysteme als effektive beziehungsweise bessere Alternative zu Systemen (wie bis 2001 in Deutschland), in denen eine beitragsfinanzierte, einkommensbezogene gesetzliche Rente den Lebensstandard sichern soll (World Bank 1994), empfohlen. (...). Die Logik der Weltbankexperten scheint überzeugend: In Mehrsäulensystemen sind Risiken diversifizierter (...). Die langfristigen Durchschnittsrenditen auf den Kapitalmärkten sind potenziell höher als das nationale Wirtschaftswachstum. Diese Mischung, bestehend aus mehreren Säulen, vermeidet laut Weltbankexperten unhaltbare Versprechen, die folgen, wenn sinkende Geburtenraten dazu führen, dass immer mehr Rentenbezieher von immer weniger erwerbstätigen Beitragszahlern finanziert werden müssen." (S.440f.)

Länder wie die Niederlande, Dänemark und Schweden gelten ANDERSON als Vorreiter des Mehrsäulensystems. Doch die Länder zeigen auch, dass es mit der Überlegenheit der kapitalgedeckten Altersvorsorge nicht weit her ist:

"In den Niederlanden wurden kapitalgedeckte defined benefit-Rentenpläne durch niedrige Zinsen und Schwankungen an den Finanzmärkten erheblich unter Druck gesetzt. Die Politik hat mit Anpassungen des Aufsichtsgesetzes reagiert, aber Arbeitnehmer und Pensionsbezieher haben Verluste hinnehmen müssen. Die schwedischen und dänischen Betriebsrentensysteme konnten die Veränderungen an den Märkten besser bewältigen, jedoch nicht ohne Verluste für viele Arbeitnehmer und Rentebezieher."

In Deutschland gilt insbesondere Schweden als Land, in dem für Rentner Milch und Honig fließt. Fast kein Tag vergeht, an dem in der Mainstreampresse nicht die Vorzüge dieser Form der Alterssicherung gepriesen werden.

ANDERSON ordnet die Niederlande, Dänemark und Schweden als Länder der "kollektiv organisierten Marktwirtschaften" im Gegensatz zu den "liberalen Marktwirtschaften" wie Großbritannien oder die USA, d.h. die Sozialpartnerschaft ist sehr weit verbreitet, was Branchenlösungen per Tarifvertrag bei der betrieblichen Altersvorsorge ermöglicht. ANDERSON unterscheidet zwei Modelle der Alterssicherung: Das Bismarck-Modell und das Beveridge-Modell mit steuerfinanzierter Grundrente und obligatorischer betrieblicher Alterssicherung. Aber auch dieses Modell ist unterschiedlich ausgestaltet:

"In der staatlichen Säule in den Niederlanden und in Dänemark sind die steuerfinanzierten Grundrenten hoch genug, um Altersarmut sehr niedrig zu halten. Die staatliche Rente in Schweden ist etwas anders organisiert. Seit einer umfassenden Reform Ende der 90er-Jahre besteht die erste Säule aus einer notional defined contribution Einkommensrente (inkomstpenssion) und einer defined contribution Prämienpension (premiepension).  (...). 2012 betrug die Armutsquote in den drei Ländern 2,0 Prozent (Niederlande), 9,3 Prozent (Schweden) und 4,5 Prozent (Dänemark). Der OECD-Durchschnitt betrug 12,6 Prozent". (S.442)

Die Zahlen zur Altersarmut stammen aus dem OECD-Bericht Pensions at a Glance 2015. Auf Seite 171 befindet sich die Tabelle 8.3. Die Zahlen, die ANDERSON zitiert, beziehen sich auf die 65-Jährigen und Älteren. Deutschlands Altersarmut wird mit 9,4 Prozent angegeben und liegt damit nur minimal höher als im hochgelobten Schweden. Bei der betrieblichen Altersvorsorge unterscheidet ANDERSON zwei Typen:

"Die erste Möglichkeit ist ein Pensionsfonds und die zweite Möglichkeit ist eine Lebensversicherung. Lebensversicherungen sind seit langem unter anderem durch EU-Richtlinien reguliert. Die Regulierung von Pensionsfonds hingegen ist eine nationale Angelegenheit." (S.444).

Hinsichtlich der Unterschiede bei der Kapitaldeckung wird als Maßstab der Pensionsanlagen im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) genommen:

"Dänemark hat Pensionsanlage in Höhe von fast 200 Prozent des BIP, die Niederlande mehr als 150 Prozent, Schweden rund 65 Prozent. Deutschland hat etwa 10 Prozent." (S.445)

Die Unterschiede kommen durch die verzerrte Darstellung der betrieblichen Altersvorsorge zustande, denn sie beziehen sich nur auf die stärker dem Kapitalmarkt ausgelieferten Pensionsfonds, während das deutsche System vorwiegend auf stärker regulierten Anlageformen basiert.

In den Niederlanden sind z.B. Direktzusagen verboten (vgl. S.445), während in Deutschland Direktzusagen noch einen großen Teil der betrieblichen Alterssicherung ausmachen. In den Niederlanden werden 1,21 Billionen Euro von den Pensionsfonds verwaltet (vgl. S.446).

In Schweden wurde die betriebliche Alterssicherung im Jahr 1998 neoliberalisiert und von leistungs- auf beitragsbezogene Formen der Altersvorsorge umgestellt. In Deutschland wird diese Umstellung mit dem im letzten Jahr verabschiedeten Betriebsrentenstärkungsgesetz vorangetrieben.

"Wie in Schweden, aber anders als in den Niederlanden, sind die meisten Pensionspläne als Lebensversicherungsprodukte organisiert. Zwei der größten Pensionseinrichtungen sind PensionDanmark, 1993 gegründet, und Industriens Pension, 1992 gegründet. (...). PensionDanmark hat 700.000 Teilnehmer und verwaltet ein Pensionskapital von 30,2 Milliarden EUR. Bei Industriens Pension sind 400.000 Teilnehmer in 8.000 Betrieben versichert und dort wird ein Pensionskapital von 16,8 Milliarden EUR verwaltet" (S.447),

erklärt ANDERSON zum dänischen System der betrieblichen Altersvorsorge.

Auf den Seiten 449 bis 451 werden die gravierenden Probleme der Pensionsfonds in den Niederlanden beschrieben, auf die mit Reformen reagiert wurde und wird. Inwiefern diese Reformen die Probleme beseitigen können, darüber werden wir wohl erst in einigen Jahren genaueres erfahren.

Im Gegensatz zu den üblichen Lobpreisungen kapitalgedeckter Altersvorsorge, zeigt der Artikel auch die Schattenseiten des Systems, obgleich deren Ausmaß nicht wirklich deutlich wird. Maßstab für die Beurteilung ist lediglich, ob ein System politische Konflikte erzeugt oder nicht. Da das dänische System relativ neu ist, zeigen sich noch keine politischen Konflikte. Dies als positiv zu bewerten, wäre jedoch kurzsichtig. Letztendlich gehört ANDERSON ebenfalls zu den Verfechtern von Mehrsäulensystemen. Eines jedoch ist klar: Die Politik reagiert auf die Probleme der kapitalgedeckten Altersvorsorge mit der Verschiebung der Risiken von den Anbietern auf die Arbeitnehmer. Welche Folgen diese Auslieferung der Alterssicherung an die Kapitalmärkte hat, das wird erst dann wirklich deutlich werden, wenn sich die Versprechungen neoliberaler Politik als unhaltbar erweisen.        

 
       
   

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