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Andrea Köhler: Kleines Glossar des Verschwindens

 
       
     
       
   
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    Andrea Köhler in ihrer eigenen Schreibe

     
       

    KÖHLER, Andrea (1996): Reisender Schnee oder Realismus ohne Resignation,
    in: Neue Zürcher Zeitung v. 30.11.

    Andrea KÖHLER schreibt eine kleine Geschichte des »Authentischen« in der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur, die in den 1970er Jahren beginnt:

    "»Als 'Authentizität' tarnt sich nun schon seit Jahren die Talentschwäche der nachwachsenen Schriftsteller«, schrieb Frank Schirrmacher 1989 - da war das »authentische Jahrzehnt« (Reinhard Baumgart), die Ära der sogenannten neudeutschen Innerlichkeit", in der eine »schmerzbeglaubigte Authentizität« (Hubert Winkels) gegen die Kunst mobil machte, schon einige Zeit vorbei. Im »warmen Nebel« (Michael Rutschky) jener Jahre gedieh eine autobiographische Vater-Mutter-Krisenliteratur, die dem vermeintlich autoritären Omnipotenzgehabe eines selbstgewissen Erzählers die halb wütende, halb weinerliche Feier der ersten Person Einzahl entgegensetzte: je unvermittelter, also unliterarischer, desto »authentischer«. Fritz Zorn war ein prominenter Vertreter dieser Eins-zu-eins-Literatur.
    Der Erfolg des autobiographischen Pamphlets »Mars« verdankt sich nun freilich weniger der dokumentarischen Authentizität als dem Umstand, daß der selbsternannte Kriegsgott seine Berichterstattung aus dem familiären Krisengebiet der Zürcher »Goldküste« mit dem eigenen Tod beglaubigte. Nicht umsonst avancierte
    »Fritz Zorn« (der in Wirklichkeit Angst hieß) zum Prototyp des »authentes«, was im Griechischen nicht nur Meister und Macher, sondern auch Mörder und Selbstmörder heißt; in der christlichen Tradition werden die Gebeine der Märtyrer mit diesem terminus technicus heiliggesprochen."

    Gegen den literarischen Authentizitätsterror setzt KÖHLER den Verzicht auf Authentizität, wie er sich in der Erzählung Das Licht brennt ein Loch in den Tag von Wilhelm GENAZINO zeigt. Der Artikel wurde 1998 in dem Band Maulhelden und Königskinder nachgedruckt.   

    KÖHLER, Andrea (1998): Seasons in the sun.
    Matthias Polityckis "Weiberroman" und die junge deutsche Literatur,
    in: Neue Zürcher Zeitung v. 24.01.

    Rezension des Bestsellers Weiberroman von Matthias POLITYCKI:

    "Kristina, Tania, Katharina heißt das weibliche Triptychon eines Männerromans, Lengerich, Wien, Stuttgart sind die Kulissen auf dem Altarbild der siebziger und achtziger Jahre. Und »Weiberroman« nennt sich das Sittengemälde einer Generation, die nun endlich in Amt, Recht und Würden gesetzt werden soll - und das nicht zuletzt in aesthetics. Matthis Polititycki, ihr Apologet, nennt sie »die 78er«.
    Die deutsche Literatur hat einen neuen Helden. Er heißt Gregor Schattschneider und ist kraft seines Schöpfers der Phänotyp jenes Jahrgangs, der bisher als »Generation ohne Eigenschaften« durchging, nun aber als »Missing link zwischen 68ern und
    89ern« firmieren soll. Der Soziologe Reinhard Mohr hat die »Generation, die nach der Revolte kam« schon 1992 auf den Begriff gebracht. (...).
    »Eingeklemmt zwischen verlorenen Illusionen und bedrohlichen Aussichten«, war diese Schicksalsgemeinschaft der heute etwa Vierzigjährigen für die marxistisch gestählte Selbstgewißheit der
    Achtundsechziger zu jung und für das markengepolsterte Feeling der Schampus-und-Cashmere-Generation zu alt - jener Altersgruppe mithin, der die Gnade der späten Geburt und der Epochenbruch zum 89er-Etikett verhalten. In Christian Krachts Yuppie-Roman »Faserland« kam sie zu ersten literarischen Ehren."

    Die von KÖHLER so etikettierte 89er-Generation firmiert heute unter dem Label Generation Golf (Florian ILLIES).

    KÖHLER, Andrea (1998): Das Zögern vor der zweiten Geburt.
    Vom Leid der frühen Jahre: lauter Romane über die Pubertät,
    in: Neue Zürcher Zeitung v. 06.10.

    Rezension des Romans Flieh, mein Freund von Ralf ROTHMANN.

    KÖHLER, Andrea (2000): Die Krankheit Familie.
    Zwei deutsche Débuts: David Wagners Roman "Meine nachtblaue Hose" und Susanne Riedels Roman "Kains Töchter",
    in: Neue Zürcher Zeitung v. 19.08.

    Rezension des Romans Meine nachtblaue Hose von David WAGNER.

    KÖHLER, Andrea (2001): Pralinen-Sex.
    Haruki Murakami macht's noch einmal,
    in: Neue Zürcher Zeitung v. 14.07.

    Rezension des Romans Naoke's Lächeln von Haruki MURAKAMI.

    KÖHLER, Andrea (2001): Schwebendes Verfahren.
    Wilhelm Genazinos anmutige Stadtstreicherprosa ist "Ein Regenschirm für diesen Tag",
    in: Neue Zürcher Zeitung v. 25.08.

    Rezension des Romans Ein Regenschirm für diesen Tag vom Wilhelm Genazino.

    KÖHLER, Andrea (2001): The Big Book.
    National Book Award für Newcomer,
    in: Neue Zürcher Zeitung v. 16.11.

    Bericht über Jonathan FRANZENs Bestsellers The Corrections.

    KÖHLER, Andrea (2003): Die Nomadin.
    New Yorker Physiognomien,
    in: Neue Zürcher Zeitung v. 11.02.

    Andrea KÖHLER beschreibt nicht die neuen Nomaden, sondern die Letzten der europäischen Emigrantinnen:

    "Als sei all das nicht gewesen, was ihr Leben verheerte, haben sie sich hinübergerettet in eine Zeit jenseits der Chronologie und über das hinweg, was sie zum Weggehen zwang; als wären sie endlich erlöst, knüpfen sie dort wieder an, wo sie vielleicht einmal fröhlich waren: im Paris der wilden zwanziger Jahre, in den Café-Théâtres, Bars und Nightclubs, den Zirkeln der Bohème von Berlin".

    KÖHLER, Andrea (2003): Goldene Asche.
    Das New Yorker East Village feiert seinen Mythos,
    in: Neue Zürcher Zeitung v. 27.08.

    KÖHLER, Andrea (2004): Rutschbahn ins Reich der Sinne.
    Die amerikanische Sexualmoral auf dem Prüfstand,
    in: Neue Zürcher Zeitung v. 27.11.

    KÖHLER, Andrea (2005): Fremd vor dem eigenen Ich.
    Die Inkubationszeit der Pubertät,
    in: Neue Zürcher Zeitung v. 24.12.

    Anhand der Literatur (MUSILs "Die Verwirrungen des Zöglings Törless", Peter WEISS' "Abschied von den Eltern" und Märchen) nähert sich Andrea KÖHLER der Pubertät in der Gegenwartsgesellschaft:

    "Dieses Gären der Säfte, die plötzlich unkontrolliert aus dem Körper treten, dieser physiologische Umsturz der Hierarchien (...) etabliert ja ein ganz neues System von Ohnmacht und Tyrannei.
              
    So ist das terrain vague zwischen Kindheit und Adoleszenz naturgemäss literarisch eine äusserst fruchtbare Gegend, und stets ist es die erste Menschheitserzählung, die hier unter neuen Vorzeichen intoniert wird: die Vertreibung aus dem Paradies. Wie im biblischen Urtext ist die Verweigerung des Gehorsams der erste Schritt, der Aufruhr gegen die Eltern und ihre Gebote. Es könnte freilich sein, dass mit diesem Genre und seiner spezifischen - an der Scham geschulten - Selbstreflexion recht bald Schluss sein wird.
    Denn kaum vorstellbar ist, dass die Pubertät noch immer von jenen Schuld- und Schamgefühlen gepeinigt ist, die noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts das unglückliche Bewusstsein schufen, dem wir die vielen Bücher verdanken. Vielleicht aber sind die Torturen im Internet-Zeitalter einfach nur andere. (...). Was immer man über das Teenager-Alter zu lesen bekommt, es zeichnet sich stets durch die Neigung zum Gegenteil aus. So haben die Kids in ihren frühen Jahren bereits Experimente gemacht, die ihren Eltern höchstens im Traume einfallen; andererseits konstatiert die Teenager-Forschung den «Trend zur Treue», ja zur Jungfräulichkeit.

              
    Wie dem auch sei: «die Pubertät» (...) , wie sie eigentlich erst das 19. Jahrhundert erfunden hat, ist am Verschwinden; inzwischen spricht man schon von ihrem Ende. Vielleicht aber war die kurze Spanne, in der man noch Kind ist und doch schon das Pochen der Sehnsucht zu spüren beginnt, schon immer der schwierigste aller Lebensabschnitte (...)."

    KÖHLER, Andrea (2006): Die einsame Masse.
    Die Amerikaner schliessen immer weniger Freundschaften,
    in: Neue Zürcher Zeitung v. 17.07.

    Angesichts einer neuen Studie zum Niedergang der Freundschaft in den USA, rollt Andrea KÖHLER nochmals die Geschichte der modernen Einsamkeit und die populäre Tradition der Klage über den Verfall der Gemeinschaft auf. David RIESMAN und Robert D. PUTNAM sind die populärsten Gewährsmänner dieser Sicht, deren historische Wandlungsfähigkeit KÖHLER folgendermaßen skizziert:

    "Nun ist die Erfahrung - oder soll man sagen: «Erfindung»? - der Einsamkeit eine Konstante moderner Gesellschaften, und lediglich ihre Beschreibung trägt unterschiedliche Züge. Die «einsame Masse» nach dem Zweiten Weltkrieg, die karrieregeleitete Konkurrenzangst der siebziger und die Single- und Yuppiekultur der achtziger Jahre, der Kollaps sozialer Kontexte, den Putnam den neunziger Jahren zuschrieb - das sind lediglich unterschiedliche Uniformen einer Grundbefindlichkeit, die jeder am eigenen Leib schmerzlich erlebt."

    Zwangsläufig landet man hier wieder bei dem berühmten Professor aus München, der gerne in einem Atemzug mit dem "Alleinstehenden als Grundfigur der Moderne" genannt wird. Dabei hat dieser Professor diese Figur nur übernommen. Aber wer kennt schon Lerke GRAVENHORST?

    Die frohe Botschaft, dass der einsame Surfer dem Freund den Rang abgelaufen hat, ist zumindest für KÖHLER nicht wirklich eine. Single-generation.de wird sich im September-Thema des Monats mit dem neuen Ethos der Einsamen beschäftigen. Dort wird ein anderer Blick auf dieses Problem geworfen.

    KÖHLER, Andrea (2008): Woody Allens Enkel.
    Die junge amerikanische Literatur verlängert die Pubertät,
    in: Neue Zürcher Zeitung v. 17.05.

    Andrea KÖHLER berichtet über die US-amerikanische Post-68er-Literatur von Jonathan FRANZEN bis Benjamin KUNKEL.

    Neu:
    KÖHLER, Andrea (2010): Die glücklose Nation.
    Der "amerikanische Traum" ist angeschlagen – und viele wenden sich einer zweifelhaften Hoffnungsträgerin zu,
    in: Neue Zürcher Zeitung v. 04.12.

     
           
       

    Kleines Glossar des Verschwindens (2003).
    Von Autokino bis Stenorette. Lauter Nachrufe
    München:
    C. H. Beck

     
       
         
     

    Klappentext

    "In unserer Lebenswelt verschwinden mehr Dinge - und das mit ihnen verbundene Stück Leben - als neu hinzukommen, und wir vergessen überdies, was uns entschwindet. Das können ganz unspektakuläre Dinge sein, eine bestimmte Bewegung, eine Geste der Höflichkeit, eine von der Not erfundene Speise, Markenartikel und unterschiedliche Dienstleistungen und natürlich all die technischen Gegenstände, die inzwischen jede Biographie nach ihren jeweils neuesten Gerätschaften lesbar machen. Dass die Welt enger wird mit jedem Tag und alles sich anscheinend immer ähnlicher, ist die Erfahrung, die hinter dem »Kleinen Glossar des Verschwindens« steht. In den Beiträgen von Peter Nadas, Adolf Muschg, Brigitte Kronauer, Judith Kuckart, Peter Esterhazy, Ulrike Draesner, Moritz Rinke u.v.a. wird das Verschwundene noch einmal beschworen, Zäune, Hakenleisten, Radio Beromünster, die Stenorette oder das Taschentuch."

     
         
     
           
       

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    Bernd Kittlaus
    webmaster@single-generation.de Erstellt: 08. September 2003
    Update: 11. April 2015