"Einig sind sich (...) die meisten wissenschaftlichen Beobachter, dass vermutlich erst im laufenden 21. Jahrhundert die Beziehungen zwischen den Generationen so richtig gut wurden. In Deutschland betreut jedes zweite Großelternpaar die Enkel zumindest sporadisch, berichtet das Deutsche Zentrum für Altersfragen, häufiger als in den meisten anderen Ländern Europas. Und noch nie (...) waren Oma und Opa emotional so wichtig für die Enkel wie in der Gegenwart. (...). Die 60- bis 70-Jährigen transferieren ihren Kindern und Enkeln im Durchschnitt 4000 Euro mehr pro Jahr, als sie von diesen erhalten, berichtet der Soziologe Martin Kohli vom European University Institute in San Domenico die Fiesole aufgrund von Erkenntnissen aus dem Survey of Health, Aging and Retirement in Europe. (...). Oma und Opa müssen nicht erziehen, sondern dürfen verwöhnen und bedingungslos akzeptieren. Wohl deshalb schwärmen Kinder von ihren Großeltern. Sie gelten heute häufig noch in der Pubertät als wichtigste Bezugsperson für die Kinder, etwa wenn es Stress mit den Eltern gibt; sie geben Stabilität, wenn es zu Trennungen kommt. Und noch etwas Neues verstärkt sich in diesen Zeiten der sozialen Beschleunigung: Auch die Kompetenzen der Enkel gewinnen an Bedeutung; sie erklären Omi und Opa, wie das iPad funktioniert",

berichtet Christian WEBER. Aber zum Schluss dominiert doch  wieder die typisch hysterische Sicht des Greisenblatts:

"Vorbei sind (...) die Zeiten, in denen Dutzende Enkel auf den Familienfesten herumtobten. Wenn sich Mann und Frau aus Einkindfamilien zusammentun und wieder nur ein Kind kriegen, müssen sich vier Großeltern einen Enkel teilen. Und manchmal bleibt der Nachwuchs ganz aus. Immerhin bieten zuständige Stellen bereits Trauerseminare für ungewollte Enkellosigkeit an"

Erstens gab es diese angeblich goldene Vergangenheit nur für eine verschwindend geringe Minderheit und zweitens ist keineswegs ausgemacht wie die Zukunft der Familie aussieht. Der Soziologe Peter GROSS und Journalistin Karin FAGETTI schreiben in ihrem Buch Glücksfall Alter über die viel beschworene goldene Vergangenheit der Großfamilie:

"Peter stammt aus einer elfköpfigen Familie. Seine Mutter ist heute 96, mit 52 hat sie ihr letztes Kind zur Welt gebracht. Auf dem Tisch, an dem er an diesem Manuskript arbeitet, ist sein Bruder Niklaus von der Hebamme entbunden worden, weil es im Elternschlafzimmer zu kalt war. Die Familie Gross hatte auch immer wieder Pflegekinder von Familien, die ihre Einzelkinder nicht nur mit Erwachsenen aufwachsen lassen wollten. Wie viel elterliche Aufmerksamkeit da das einzelne Kind genossen hat, kann sich jeder denken. (..)
Das ist kein Einzelfall. In den Familien in ländlichen, katholischen Gegenden waren ein halbes Dutzend Kinder Normalität. In vielen Familien der 1930er- und 40er-Jahre war der horizontale Zusammenhalt unter den Geschwistern deshalb weitaus stärker als der vertikale zu den Eltern. Waren es deswegen die besseren Familien? (...). Oft dominierten patriarchale, auch von Willkür geprägte Strukturen. Der Geschwisterzusammenhalt war kein Akt der Menschlichkeit, sondern auch das Resultat dieser Strukturen. Er war kein Hort der Gerechtigkeit, sondern oft gekennzeichnet durch kindlichen Egoismus, menschliche Unreife, Chaos und Überheblichkeit. (...). Die langfristige Perspektive der Mädchen hieß Heirat. Die jungen Frauen verdingten sich früh in Fabriken oder in vornehmen Haushalten. Nicht selten legten sie ihren knappen Lohn den Eltern auf den Tisch, und zwar ohne für ihren Einsatz je ein Zeichen der Anerkennung bekommen zu haben. Nicht nur bezüglich Bildung hatten die Buben Vorrang."