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Max Frisch: Homo Faber & Montauk

 
       
     
       
   

Max Frisch in der Debatte

 
   
Literaturen-Thema: Alles Frisch.
Provokateur, Architekt, Macho, Vorbild, Patriot, Spieler, Klassiker

MEYER-GOSAU, Frauke (2011): Vorbild Max Frisch.
Gespräch mit dem Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg,
in: Literaturen
, März

RADISCH, Iris (2011): Das Prinzip Frisch.
Der Schweizer Schriftsteller wäre jetzt 100 – Wiederbegegnung mit einem unverschämt jung gebliebenen Klassiker,
in: Die ZEIT Nr.20 v. 12.05.

Iris RADISCH entdeckt hinter dem Homo Faber den Kleinbürger:

"Hat mal jemand die Flugmeilen im Homo faber nachgezählt? Walter Faber, ein Mann mit südamerikanischen Geschäftsbeziehungen, reist mit seiner jungen Liebschaft durch Frankreich, Italien und Griechenland, unterhält eine zweite Liebschaft in New York und gedenkt die Mutter der ersten am Romanende in Athen zu heiraten (...). Das ist bei strenger Betrachtung ganz und gar nicht mehr an der Klamotte vorbeigeschrammt. Frisch wusste es selbst und hat nicht ohne Ironie davon gesprochen: Er blieb ein Leben lang der Kleinbürger, der literarisch groß auf die Pauke haut. Der die Enge der Heimat und der Herkunft mit der Menge der Geliebten und der Wohnsitze aufwiegt. Ein, wie er es spöttisch nannte, »Neureicher« im Leben und im Schreiben."

KNIPPHALS, Dirk (2011): Hermes Baby und das fremde Leben.
Geburtstag: Über Identitätskrisen schrieb niemand heroischer: eine Einladung, mal wieder Max Frisch zu lesen,
in: TAZ v. 14.05.

KNIPPHALS hat Vorbehalte gegenüber dem Homo Faber, weil Identitätsprobleme sich inzwischen verallgemeinert haben. Viel näher ist ihm dagegen Montauk:

"Identitätsprobleme sind bei Max Frisch heroisch aufgeladen. Das ist der Hauptpunkt, der einen von diesen Romanen trennt. Bei einem Soziologen wie Jean-Claude Kaufmann kann man gut nachlesen, dass die Suche nach der eigenen Identität längst zu dem entscheidenden biografischen Antriebsmittel in der individualisierten Gesellschaft geworden ist. Vor allem: zu einem allgemein üblichen Antriebsmittel. Wer man sein möchte und wer man nicht sein möchte, das fragt sich inzwischen ein jeder jederzeit. Max Frisch aber macht in den Romanen noch ein großes Ding draus (...).

Wahrscheinlich ist es diese Heroik der Außenseiterposition, die den Mainstream der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur insgesamt in die Ferne rücken lässt. Wie viel zeitgemäßer klingt doch, nur ein Beispiel, etwa der US-Autor Richard Yates in seinem nur vier Jahre nach »Homo faber« erschienenen Roman »Zeiten des Aufruhrs«. Die Schwierigkeiten bei dem Unternehmen, sich selbst zu erfinden, hat Yates in den Alltag eines ganz normalen Vorstadt-, Ehe- und Angestelltenlebens übersetzt. Das hat Max Frisch nie hingekriegt, auch in seinen autobiografisch grundierten Büchern nicht."

 
       
   

Montauk (1975)
Berlin:
Suhrkamp

 
   
     
 

Klappentext

"Montauk ist ein indianischer Name, er bezeichnet die nördliche Spitze von Long Island, hundertzehn Meilen von Manhattan entfernt; dort findet das Wochenende statt, das erzählt wird."

 
     
 
       
   
  • Hintergründe zur Erzählung

WEIDERMANN, Volker (2011): Sie wusste, wo es schön sein würde.
Mit "Lynn" in Montauk: Vor sechsunddreißig Jahren verbrachte sie mit Max Frisch ein Wochenende auf Long Island. Es begann die Liebe zwischen einem älteren Mann und einer jungen Frau. Er schrieb darüber seine schönste Erzählung. Sie kehrt nun zum ersten Mal wieder zurück - nach Montauk,
in: faz.net v. 06.04.

 
       
   

Homo Faber (1957)
Berlin:
Suhrkamp

 
   
     
 

Zitate:

Alleinsein als die bessere Alternative?

"Ich bin nicht zynisch. Ich bin nur, was Frauen nicht vertragen, durchaus sachlich. Ich bin kein Unmensch, wie Ivy behauptet, und sage kein Wort gegen die Ehe; meistens fanden die Frauen selbst, daß ich mich nicht dafür eigne. Ich kann nicht die ganze Zeit Gefühle haben. Alleinsein ist der einzigmögliche Zustand für mich, denn ich bin nicht gewillt, eine Frau unglücklich zu machen, und Frauen neigen dazu, unglücklich zu werden. Ich gebe zu: Alleinsein ist nicht immer lustig, man ist nicht immer in Form. Übrigens habe ich die Erfahrung gemacht, daß Frauen, so bald unsereiner nicht in Form ist, auch nicht in Form bleiben; sobald sie sich langweilen, kommen die Vorwürfe, man habe keine Gefühle. Dann, offen gestanden, langweile ich mich noch lieber allein. Ich gebe zu: auch ich bin nicht immer für Television aufgelegt (...) und Stimmungen ausgeliefert, aber gerade dann begrüße ich es, allein zu sein. Zu den glücklichsten Minuten, die ich kenne, gehört die Minute, wenn ich eine Gesellschaft verlassen habe, wenn ich in meinem Wagen sitze, die Türe zuschlage und das Schlüsselchen stecke, Radio andrehe, meine Zigarette anzünde mit dem Glüher, dann schalte, Fuß auf Gas; Menschen sind eine Anstrengung für mich, auch Männer. Was die Stimmung betrifft, so mache ich mir nichts draus, wie gesagt. Manchmal wird man weich, aber man fängt sich wieder. Ermüdungserscheinungen! Wie beim Stahl, Gefühle, so habe ich festgestellt, sind Ermüdungserscheinungen, nichts weiter, jedenfalls bei mir. Man macht schlapp! Dann hilft es auch nichts, Briefe zu schreiben, um nicht allein zu sein. Es ändert nichts; nachher hört man doch nur seine eignen Schritte in der leeren Wohnung. Schlimmer noch: diese Radio-Sprecher, die Hundefutter anpreisen, Backpulver oder was weiß ich, dann plötzlich verstummen: Auf Wiederhören morgen früh! Dabei ist es erst zwei Uhr. Dann Gin, obschon ich Gin, einfach so, nicht mag (...). Es kommt vor, daß ich dann einfach einschlafe, die Zeitung auf dem Knie, die Zigarette auf dem Teppich. Ich reiße mich zusammen. Wozu? (...) Was weiter? Dann stehe ich einfach da, Gin im Glas, den ich nicht mag, und trinke; ich stehe, um keine Schritte zu hören in meiner Wohnung, Schritte, die doch nur meine eignen sind. Alles ist nicht tragisch, nur mühsam: Man kann sich nicht selbst Gutnacht sagen - Ist das ein Grund zum Heiraten?"

Alleinwohnen in New York

"Meine Wohnung, Central Park West, war mir schon lange zu teuer, zwei Zimmer mit Dachgarten, einzigartige Lage, kein Zweifel, aber viel zu teuer, wenn man nicht verliebt ist - ".

Gewollte Kinderlosigkeit als verantwortungsvolles Handeln

"Schwangerschaftsunterbrechung ist heutzutage eine Selbstverständlichkeit. Grundsätzlich betrachtet: Wo kämen wir hin ohne Schwangerschaftsunterbrechungen? Fortschritt in Medizin und Technik nötigen gerade den verantwortungsbewußten Menschen zu neuen Maßnahmen. Verdreifachung der Menschheit in einem Jahrhundert. Früher keine Hygiene. Zeugen und Gebären und im ersten Jahr sterben lassen, wie es der Natur gefällt, das ist primitiver, aber nicht ethischer. Kampf gegen das Kindbettfieber. Kaiserschnitt. Brutkasten für Frühgeburten. Wir nehmen das Leben ernster als früher. Johann Sebastian Bach hatte dreizehn Kinder (oder so etwas) in die Welt gestellt, und davon lebten nicht 50 %. Menschen sind keine Kaninchen, Konsequenz des Fortschritts: wir haben die Sache selbst zu regeln. Die drohende Überbevölkerung unserer Erde. Mein Oberarzt war in Nordafrika, er sagt wörtlich: Wenn die Araber eines Tages dazu kommen, ihre Notdurft nicht rings um ihr Haus zu verrichten, so ist mit einer Verdoppelung der arabischen Bevölkerung innerhalb von zwanzig Jahren zu rechnen. Wie die Natur es überall macht: Überproduktion, um die Erhaltung der Art sicherzustellen. Wir haben andere Mittel, um die Erhaltung der Art sicherzustellen. Heiligkeit des Lebens! Die natürliche Überproduktion (wenn wir drauflosgebären wie die Tiere) wird zur Katastrophe; nicht Erhaltung der Art, sondern Vernichtung der Art.
(...).
Wer die Schwangerschaftsunterbrechung grundsätzlich ablehnt, ist romantisch und unverantwortlich."

Walter Faber und die Spaßgesellschaft

"Ob ich traurig sei, wollte sie wissen. Weil ich nicht tanzte. Ich finde sie lustig, ihre heutigen Tänze, lustig zum Schauen, diese existentialistische Hopserei, wo jeder für sich allein tanzt, seine eignen Faxen schwingt, verwickelt in die eignen Beine, geschüttelt wie von einem Schüttelfrost, alles etwas epileptisch, aber lustig, sehr temperamentvoll, muß ich sagen, aber ich kann das nicht."

 
     
 
       
     
   

Das Max Frisch-Archiv

www.mfa.ethz.ch
 
   

Weiterführende Links

 
     
   
 
   

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Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 21. Dezember 2004
Update: 21. Oktober 2013