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Thomas Krämer - Badoni : Die Kneipe als Kulturform

 
       
   
  • Kurzbiographie

    • 1987 Buch "Die Kneipe"
    • Professor für Stadtsoziologie an der Universität Bremen
 
       
     
       
   

Thomas Krämer-Badoni in seiner eigenen Schreibe

 
   
  • KRÄMER-BADONI, Thomas (1994): Wohnen ohne eigenes Auto - ein neuer Lebensstil? In: Senator für Stadtentwicklung Bremen (Hg.) Wohnen ohne eigenes Auto - Modell für neue Urbanität, Tagungsreader, Bremen

 
       
   

Die Kneipe (1987).
Zur Soziologie einer Kulturform oder »Zwei Halbe auf mich«
(zusammen mit Franz Dröge)
Frankfurt a/M: Suhrkamp

 
   
     
 

Klappentext

"Die Kneipe ist eine der ältesten Institutionen der Alltagswelt. Umso erstaunlicher ist die wissenschaftliche Abstinenz gegenüber dieser Institution. Die Autoren untersuchen im vorliegenden Band erstmals systematisch die wechselnde Bedeutung der Kneipe im Alltagsleben der bürgerlichen Gesellschaft. Sie erbringen den Nachweis, daß es einen engen Zusammenhang zwischen dem jeweiligen Quartier, seiner sozialen Zusammensetzung, seinen Problemen und dem Geschehen in den Kneipen gibt. Da solche Zusammenhänge schicht- und quartiersspezifisch sind, entwickeln die Autoren eine historisch orientierte Typologie der Kneipe und ihres jeweiligen Publikums, die auch die Entwicklung von der Arbeiterstammkneipe in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zur Szenekneipe seit Ende der sechziger Jahre einschließt. "

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

I. Blicke auf die Kneipe

1. Überblicke
2. Einblicke

II. Kneipe und Kulturzusammenhang

1. Ein Gang durchs Quartier
2. Soziologie, Kneipe und Gesellschaft

III. Kneipe im kulturellen Milieu

1. Die Kneipe: Ein intersubjektiver Zusammenhang
2. Die Stadt und Kneipe: Eine ökologische Betrachtung
3. Die Kneipe und ihre Nahbereiche - Zur Typologie der Kneipe vom 19. Jahrhundert bis heute

a) Nahbereich als sozialräumlicher Begriff
b) Die Entstehung der Arbeiterkneipe
c) Die "Angestellten" - Kneipe
d) Kontinuität und Diskontinuität: Zur Vorgeschichte der neuen Kneipentypen
e) Von der Arbeiterstammkneipe zur allgemeinen Quartierskneipe: Die Nachkriegsentwicklung in der Bundesrepublik
f) Die Szenenkneipe

4. Das Ganze und das Geteilte - Kneipe und fragmentierter Lebenszusammenhang

IV. Die Kneipe im Blickpunkt: Fakten und Fiktionen

1. Absatzstrategien der Brauereien: Von der Kneipe zum Einkaufscenter
2. Kneipe und Alkoholismus: Eine gesundheitspolitische Fiktion
3. Kneipe und Randale

V. Kneipe als kulturelles Milieu

1. Trinken
2. Reden
3. Spielen und Feiern
4. Zeitörter
5. Männer und Frauen
6. Wie wird man Stammgast
7. Wirte

VI. Die Kneipe und ihr Publikum

1. Arbeiterschaft und Kneipe
2. Exkurs: Krise und Kneipe
3. "Neue" Mittelschichten und Kneipen

VII. Kneipe als Öffentlichkeit

VIII. Die Zukunft der Kneipe

1. Die Zukunft der Kneipe - Teil 1
2. Exkurs: Die Industrialisierung des Biergeschmacks
3. Die Zukunft der Kneipe - Teil 2

Zitate:

Beispiel Quartier: Östliche Vorstadt in Bremen

"Die Lage des Quartiers (...) ist in jeder Beziehung gut. Ca. 15 Minuten zu Fuß zur Innenstadt, gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr, keine übermäßigen Verkehrsbelastungen - vielleicht mit Ausnahme einer Grenzstraße." (S.44)

"Die Entwicklungstendenz des Quartiers geht (...) von einem sozial gemischten Quartier mit niedrigem Status zu einem sozial gemischten Quartier mit höherem Status.
Nimmt man die weiter oben berichteten Daten hinzu - hoher Anteil an Einpersonenhaushalten, überproportionaler Anteil der Altersgruppe von 18 bis 45 Jahren -, so läßt sich vermuten, daß zwar die soziale Mischung zunächst noch weiter bestehen bleiben wird, daß aber die überaus dynamische Gruppe der »young urban professionals« zunehmend Erscheinungsbild und Alltagskultur des Quartiers und damit auch der Kneipen prägen wird." (S.53)

Verteilung der Einpersonenhaushalte und Kneipendichte

"Frau Cavan schließt aus ihrer Untersuchung, daß die ökologische Verteilung der Kneipen der Verteilung potentieller Kunden folge: entscheidend sind nach ihrer Auffassung die Anteile der Single-Haushalte sowie Einrichtungen mit einem hohen Personenverkehrsaufkommen.
Wie gesagt, der Erklärungswert solcher Aussagen ist sehr begrenzt. Aber immerhin war uns schon bei der Beobachtung einer einzigen kleinen Straße in unserem Beobachtungsquartier aufgefallen, daß alle regelmäßigen Kneipenbesucher aus Ein-Personen-Haushalten stammten. Der Kneipenbesuch hat also vermutlich außer mit der kulturellen Alltagspraxis von Klassen auch mit der Stellung im Lebenszyklus zu tun. Unter den Kneipengängern mögen sicherlich viele Gäste aus Ein-Personen-Haushalten stammen, daraus aber zu schließen, daß die Verteilung der Kneipen der Verteilung von Ein-Personen-Haushalten folge, ist als generelle Aussage sicherlich falsch, nach deutschem Planungsrecht sogar nahezu ausgeschlossen (...). Im Zuge der jüngsten Mittelschichtssegregation in deutschen Städten scheint daher eher die umgekehrte Annahme gerechtfertigt, daß nämlich diese Kreise, die - jedenfalls heutzutage - einen relativ hohen Anteil an Ein-Personen-Haushalten aufweisen, gerade in (Altbau-)Gegenden mit guter Infrastruktur (d.h. stets: mit gemischter Nutzung) ziehen, wozu in aller Regel eine höhere Kneipendichte gehört." (S.94f.)

Die 68er-Bewegung und die Revolutionierung des Kneipenwesens

"Keine Szene im Nachkriegsdeutschland hat das politische , intellektuelle und kulturelle Klima so beeinflußt wie die 68er-Bewegung. Und keine hat so viele Tabus aufgebrochen und zu selbstverständlichen Bestandteilen des Alltagslebens transformiert wie sei. Ihre Kneipen stehen deshalb in keiner Tradition zu historischen »Szenen«. Im Gegenteil bilden sie einen deutlichen Bruch. Und wenn sie ihre Räume für sich als selbstbestimmte Kommunikations- und Erholungsörter kreiert haben mögen, funktional betrachtet besteht ihre Leistung vor allem in der Zerstörung abgegrenzter ständischer Subkulturen (und ihrer Kneipen), und zwar auf viele Jahre hinaus. Und gerade das ist eine der Grundlagen ihrer Breitenwirkung, ihrer stilistischen Erneuerungspotenz; deshalb wirkt sie über ihr eigenes politisches Ende hinaus im deutschen Kneipenwesen typenbildend fort.
Heute gibt es diese Bewegung nicht mehr als Bewegung, nur noch als Summe vereinzelter Individuen. Ihre Kneipen gibt es noch, wenn auch in ihrer Häufigkeit und Besucherfrequenz abnehmend, aber es sind keine Szenekneipen mehr. Sie sind zu einem Kneipentyp geworden, den es vorher nicht gab: Stammkneipen einer kleinbürgerlichen Intellektuellenschicht, die vor der 68er-Bewegung nicht zu den habituellen Kneipenbesuchern gehörte." (S.137f.)

Der Kneipengang als subjektive Verarbeitungsform

"Als Lösung sozialer Probleme ist die Kneipe (...) auf einen Sonderfall beschränkt: Sie erfüllt schlichte soziale Verkehrsbedürfnisse vom Gespräch bis zum sexuellen Kontakt und reagiert damit auf die zunehmende Vereinzelung, die sich bevölkerungsstatistisch im Anwachsen der Ein-Personen-Haushalte und in der Zunahme getrennt lebender Ehepartner ausdrückt." (S.150)

Der Beitrag der 68er-Bewegung: Ein neuer Schweigertyp

"In der Kneipe gibt es heutzutage zwei Schweigertypen: den Säufer, der sich vollaufen läßt, und den Intellektuellen, der abends, vielleicht um 11 oder 1/2 12 Uhr, vom Schreibtisch aufsteht und noch einen Betttrunk nimmt, um seine Gedanken zu ordnen oder abzuschalten. Der erste Typ ist so alt wie die Kneipe, der zweite, von uns unbekannten Ausnahmen abgesehen, als häufigere Erscheinung wohl noch keine fünfzehn Jahre alt: Er scheint ein sozial und im Selbstbewußtsein statusmäßig noch schlecht verankertes Restprodukt der 68er-Bewegung zu sein.
Abseits von und neben diesen beiden Typen besteht das Kneipenleben vor allem aus einem: aus Reden."

Männerort Theke und Frauen

"Der Unterschied zwischen Theke und Schankraum wird bei der Anwesenheit von Frauen relevant. Der Ort der mannbestimmten Kneipenkultur ist die Theke. Im allgemeinen können in Stammkneipen Frauen, auch Ehefrauen von Stammgästen, nur dann an die Theke, wenn sie bereits einige andere Gäste kennen. (...).
In Intellektuellenkneipen ist diese kanonische Setzung aufgeweicht, hier sitzen Frauen gelegentlich allein am Tresen." (S.236)

Frauen allein in der Kneipe

"Frauen (gehen) nach unseren Beobachtungen nicht gern allein in Kneipen. Die Abneigungen sind tiefer, als daß sie in fünfzehn Jahren aufgelöst sein könnten. In der Mehrzahl der Gaststätten - Scene- und Intellektuellenkneipen ausgenommen - können Frauen nicht allein an die Theke. Allein am Tisch zu sitzen macht aber das Alleinsein in dem sozialen Raum leicht zur Einsamkeit; es gilt zudem bei manchen, Mann wie Frau, als »Einladung« an die Männer, als Aufforderung zur Gesprächsanknüpfung." (S.236)

Entstehung eines neuen Typus der Szenekneipe in den 70er Jahren

"Mittelschichtangehörige (sind)(...) nur ausnahmsweise Gäste von Kneipen. Gehen sie »aus«, bevorzugen sie das innerstädtische Honoratiorenlokal oder das Restaurant.
Wir beschäftigen uns (...) nur mit dem Teil der Mittelschichten, der den neuen Typus der Szenenkneipe in den siebziger Jahren hervorgebracht hat. Rein sozioökonomisch handelt es sich zweifellos nicht um neue Mittelschichten. Beruflich gehören sie den Korporationen ihrer Altvorderen und parallel Lebenden an. Aber im soziologischen Sinne repräsentieren sie eine andere Generation". (S.270f.)

"Ihr Kern wird von dem gebildet, was man früher Akademiker nannte. Lehrer, Juristen oder Professoren. Am auffälligsten ist der Bruch sicherlich in der letzgenannten Gruppe, einer traditionell besonders esoterischen Mannschaft. Aber der Ausbau und die Neugründung von Universitäten in den sechziger und siebziger Jahren hatten den bis dato ziemlich austarierten Markt des Hochschullehrernachwuchses so leergefegt, daß sehr viele jüngere Lehrkräfte ohne die sozialisierende Ochsentour zwischen Promotion und Habilitation auf Lehrstühle kamen, die sie unter alten Bedingungen kaum oder jedenfalls nicht so schnell bekommen hätten. Dieser positive Karrierebruch und die soziologisch-generative Zugehörigkeit zu - nicht unbedingt Teilnahme an - den 68ern hat sie zum großen Teil in diese Subkultur gezogen." (S.273)

Die Yuppiekneipe als Kehrseite der Szenekneipe

"Kneipenagglomerationen ohne Bevölkerungsumfeld. Hierzu gehören z.B. die Düsseldorfer Altstadt, das münsterische Überwasser-Viertel, in München Teile von Schwabing, in Bremen der Schnoor oder Auf den Häfen.
Nun sind solche Kneipenansammlungen ohne Bevölkerungsanbindung natürlich keineswegs neu; sie haben ihre historischen Vorläufer, z. B. in den Amüsiervierteln (...).
Dennoch unterschieden sich die seit Anfang der siebziger Jahre neu entstandenen Kneipenviertel von ihren lokalkoloritgeprägten Vorgängern, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Sie sind Kneipen für eine neu entstehendes und sich bis heute ausweitendes Publikum, nämlich für hochmobile, kaufkräftige und angebotsorientierte Schichten des Mittelstandes, deren Eltern meist gar nicht oder in bürgerliche Honoratiorengaststätten gingen. Es ist die unpolitische Seite der gleichen Schicht, die den Kern der Studentenbewegung gebildet hat und die auf ihre Weise an dem Aufbruch der Bewegung teilnahm. Aber ihr Stil war nicht verräuchert, intellektuell und schummrig, nicht Nickelbrille, Bärte, ungeschminkte Gesichter und schäbige Kleidung, sondern teueres legeres outfit, das sich nicht im Preis, sondern in der Mode von dem der Elterngeneration unterschied. Genauso modisch wie das Publikum waren und sind auch die Kneipen - und dem Stil entsprechend internationalistisch. Es ist wohl kein Zufall, daß in deutschen Metropolen der in Paris zu Weltruhm gelangte »Drugstore« imitiert wurde. Der Vorgang zeigt, was die Essenz dieses Stils ist: Imitation und Kopie als Surrogate eines als avantgardistisch empfunden Lebensstils." (S.312f.)

 
     
 
       
   

Die Szenekneipe der 70er Jahre in der Literatur

Neu:
Jochen Schimmang - Der schöne Vogel Phönix
 
   

Die Kneipe in der Debatte

WALTER, Franz (2005): Von Rot zu Schwarz.
Eine kleine Geschichte des radikalen Ritualverlusts am Beispiel der sächsischen Mittelstadt Freital,
in: Frankfurter Rundschau v. 23.12.

"Die Kneipe war ein durch und durch ritualisierter Ort der Arbeiterfreizeit In den Hinterzimmern der Arbeiterkneipen hatten bis 1933 die Arbeitersänger geprobt, die Freidenker dissidentische Vorträge gehört, die Ortsvereine der SPD ihre Zahlabende abgehalten. Vorne im Schankraum hatten die Arbeiter an der Theke gestanden, getrunken, geschwatzt und auch ein bisschen politisiert. In Kneipen eben wird, egal zu welchen Zeiten und unter welchen gesellschaftlichen Verhältnissen freiweg geredet, geschimpft und vom Leder gezogen. Republikanische und liberale Staatswesen können damit umgehen. Diktaturen haben damit ihre Probleme",

schreibt Franz WALTER über die alte Arbeiterkneipe. Unerwähnt bleibt hier, dass in den Arbeiterkneipen Frauen keine eigenständige Rolle spielten. Erst in den 1970er Jahren - in den so genannten Szenekneipen - konnten sich Frauen - unabhängig von Männern - aufhalten.

 
   

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Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 25. März 2003
Update: 04. Mai 2015