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Charlotte Höhn: Die Ausrichtung der Bevölkerungsstatistik an der lebenslangen Ehe

 
       
   
  • Kurzbiographie

    • 1945 geboren
    • Studium der Volkswirtschaftslehre
    • 1982 Buch "Der Familienzyklus"
    • Leiterin des Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung
 
       
     
       
   

Charlotte Höhn in ihrer eigenen Schreibe

 
   

HÖHN, Charlotte/MAMMEY, Ulrich/SCHWARZ, Karl (1980): Die demographische Lage in der Bundesrepublik Deutschland,
in:
Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Heft 2, S. 163-224

HÖHN, Charlotte (1985): Familienzykluskonzept und Kohortenanalyse,
in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Heft 2, S.147-164

SCHWARZ, Karl & Charlotte Höhn (1985): Weniger Kinder - weniger Ehen - weniger Zukunft? Bevölkerungsentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland gestern, heute und morgen. Zur Information der Abgeordneten des Deutschen Bundestages und der Parlamente der Bundesländer. Im Auftrag der Deutschen Liga für das Kind in Familie und Gesellschaft, Ottweiler: Ottweiler Druckerei und Verlag

HÖHN, Charlotte & Hartmut WENDT (1991): Neuer Babyboom? - Zur aktuellen Geburtenentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland,
in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Heft 1, S.95-99

HÖHN & WENDT beschäftigen sich anlässlich von Presseberichten über einen neuen Babyboom mit der Geburtenentwicklung in Deutschland:

"In den letzten Monaten mehren sich Artikel in der Presse über einen neuen Babyboom und eine neue Lust zu Kindern in den alten Bundesländern. (...).
Für 1990 gibt es nur rohe, vorläufige Zahlen bis zum Oktober, aus denen man aber in der Tat (..) ab September 1990 beachtliche Zuwächse (+11,2 % im September, +17 % im Oktober gegenüber dem Vorjahr) ablesen kann. Trotzdem ist Vorsicht bei der Interpretation geboten." (1991, S.95)

Um die Frage zu klären, muss gemäß HÖHN & WENDT der Altersstruktureffekt, Timing-Effekte und die Nationalität der Kinder berücksichtig werden. Sie kommen daher zum Schluss:

"Ein Demograph kann den Anstieg des Geburtenniveaus von 1,4 Kindern je Frau (1988) auf ca. 1,5 Kinder je Frau nicht als Babyboom bezeichnen.
Wohl zeichnet sich aber seit einigen Jahren eine leichte Veränderung im generativen Verhalten ab. Das Maximum in Geburtenzahl und -niveau wurde 1964 erreicht, das Minimum der Geburtenzahl 1984 und des Geburtenniveaus 1985. Seit 1986 steigt die Zahl der Lebendgeborenen wieder an, und auch das Geburtenniveau erhöhte sich leicht, aber kontinuierlich." (1991, S.95)

HÖHN & WENDT können jedoch keine Trendwende im generativen Verhalten der DEUTSCHEN in Westdeutschland feststellen, weil der Anstieg der Geburten vor allem auf die Familiengründung der geburtenstarken Frauenjahrgänge, Zuwanderung und mehr Kindern von Ausländern zurückgeht.  

HÖHN, Charlotte & John H. POLLARD (1992): Persönliche Gewohnheiten und Verhaltensweisen und Sterblichkeitsunterschiede nach dem Familienstand in der Bundesrepublik Deutschland,
in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Heft 4, S.415-433
H

HÖHN, Charlotte & Jürgen DOBRITZ (1995): Zwischen Individualisierung und Institutionalisierung - Familiendemographische Trends im vereinten Deutschland.
In:
Nauck, B./Onnen-Isemann; C. (Hg.) Familie im Brennpunkt von Wissenschaft und Forschung: Rosemarie Nave-Herz zum 60. Geburtstag gewidmet, Neuwied/Berlin: Luchterhand, S. 149-176

HÖHN & DORBRITZ gehen von einer Polarisierung zwischen Kinderlosen (Nichtfamiliensektor) und Lebensformen mit Kindern (Familiensektor) aus:

"Diese Ergebnisse festigen die anhand der bevölkerungsstatistischen Berechnungen getroffenen Aussagen über die Bevölkerungspolarisierung. Ist man verheiratet, gehören in der überwiegenden Mehrheit der Fälle zu der Ehe auch Kinder. Lebensgemeinschaften mit Kindern und Alleinerziehenden sind demgegenüber relativ selten. Ist man kinderlos, ist die Lebensform »Partnerschaft ohne gemeinsame Haushaltsführung« bzw. das »living apart together« häufig anzutreffen. (...). Letztlich hat man es mit einer Polarisierung zwischen denjenigen zu tun, die das klassische Modell »vollständige Familie« wählen, und denen, die strikt als Single leben bzw. das »living-Apart-Together-Singlemodell« praktizieren. Zu beiden Polen gehören mehr als 70 % der Stichprobe »FFS-PPA-Survey« des BIB im Alter zwischen 26 und 40 Jahren" (2005, S.165)

Das Akademikermilieu wird als Träger des Umbruchs in den alten Bundesländern gesehen:

"Akademiker gehören zu den Trägern des Umbruchs in den familialen Lebensformen. Dagegen ist in den Arbeitermilieus oder in ländlichen Regionen eine deutlich stärkere Orientierung an Tradiertem anzutreffen (Burkart & Kohli 1992; 261f.). Diese Milieupolarisieurng kann auch in den neuen Bundesländern bestehen bleiben bzw. sich herausbilden."

JÄCKEL, Karin (2000): Deutschland frisst seine Kinder. Familien heute: Ausgebeutet - ausgebrannt, Reinbek: Rowohlt

HÖHN, Charlotte (2000): Demographische Probleme des 21. Jahrhunderts aus deutscher Sicht,
in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Heft 3-4, S.375-398

Neu:
HÖHN, Charlotte (2007): Bevölkerungsforschung und demographischer Wandel.
Zur politischen Würdigung der Demographie seit den 1970er Jahren,
in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Heft 1-2, S.73-98

Charlotte HÖHN beschreibt aus dem Blickwinkel des nationalkonservativen Demographismus die Entwicklung der Bevölkerungsforschung, die sich seit der Jahrtausendwende im Aufwind sieht. Der Artikel legt jedoch in erster Linie die Einseitigkeiten einer nationalkonservativen Bevölkerungsforschung offen. Der demographische Wandel wird nämlich nicht als jeglicher gesellschaftlicher Entwicklung inhärenter Aspekt betrachtet, sondern kommt nur als ein ganz genau umrissenes Problemfeld in den Blick, das sich aus dem Denkschema des nationalkonservativen Demographismus ergibt.

Bereits die Begrifflichkeiten offenbaren den Versuch die Bevölkerungswissenschaft als eine wertneutrale Wissenschaft darzustellen. Dabei ist nicht einmal der Begriff des "demographischen Wandels" definiert:

"Für Bevölkerungswissenschaftler ist der Begriff »Demographischer Wandel« ziemlich unspezifisch und schwammig. Hinter diesem unklaren Sammelbegriff verbergen sich aus demographischer Sicht mehrere Phänomene, wie ein niedriges Geburtenniveau, eine zunehmende Langlebigkeit der Menschen, Aspekte der Zuwanderung und Integration von nicht EU-Ausländern, Veränderungen der Haushalts-, Familien- und Lebensformen, die demographische Alterung und ihre Folgen."
(2007, S.74)

Der Begriff "demographischer Wandel" beinhaltet also eine Ideologie, weshalb HÖHN darauf hinweist, dass der Begriff u.a. als "Entschuldigung für unbequeme Entscheidungen und Maßnahmen" dient. Ein wertneutraler Begriff vom demographischen Wandel dürfte z.B. seinen Ausgang nicht vom historischen Phänomen "niedriges Geburtenniveau" nehmen, sondern dann wäre die gesamte Geburtenentwicklung in den Blick zu nehmen, d.h. sowohl Geburtenanstieg als auch Geburtenrückgang. Dass dies jedoch nicht der Fall ist, verweist bereits darauf, dass wir es hier mit Bewertungen und nicht mit objektiven Tatsachen zu tun haben. Den Übergang von der objektiven demographischen Lage zur Bewertung derselbigen beschreibt HÖHN folgendermaßen:

"Berichte zur demographischen Lage sind statistisch-deskriptiver Art und können nur dann als wissenschaftlich bezeichnet werden, wenn sie frei von Bewertungen sind.
In dem Moment, in dem die Politik die regelmäßig vermittelte demographische Lage als problematisch begreift, sie also bewertet, entstehen Bevölkerungsfragen."
(2007, S.75)

Leider enthält sich kein einziger Bericht zur demographischen Lage, die in den diversen Heften der Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft veröffentlicht ist einer Bewertung. Zwar mögen die Wenn-Dann-Beziehungen in den Wenn-Dann-Aussagen objektiv sein, deren Annahmen sind es jedoch nicht. Sie unterliegen den Gepflogenheiten der Demografenzunft, die bis weit in die 1990er Jahren eine kleine Wissenschaftlergemeinschaft war, deren Treiben kaum von außen kontrolliert wurde. Zu deutsch: Es herrschte weitgehende Intransparenz. Die Scientific Community der 1970er Jahre wird von HÖHN folgendermaßen umrissen:

"Anfang der 1970er Jahre gab es im Wesentlichen nur die Bevölkerungsstatistiker, von denen Karl Schwarz und Gert-Rüdiger Rückert auch als Demographen und Hermann Schubnell (alle beim Statistischen Bundesamt) als Bevölkerungswissenschaftler zu nennen sind. Es gab keinen bevölkerungswissenschaftlichen Lehrstuhl, doch beschäftigten sich an den westdeutschen Universitäten die Soziologen Rainer Mackensen, Franz-Xaver Kaufmann und Karl-Martin Bolte, die Ökonomin Hilde Wander, der Historiker Wolfgang Köllmann, der Geograph Ernst Buchholz, der Hygieniker Hans Harmsen und der Anthropologe Hans Wilhelm Jürgens auch mit bevölkerungswissenschaftlichen Studien. Am Familienministerium war Max Wingen, der als Honorarprofessor Bevölkerungs- und Familienwissenschaft lehrte, hauptamtlich tätig. Die genannten Wissenschaftler waren unter langjährigem Vorsitz von Hans Harmsen auch Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Bevölkerungswissenschaft (gegründet 1952).
1973 wurde das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BIB) gegründet, um die Ursachen des Geburtenrückgangs seit Mitte der 1960er Jahre zu untersuchen und die Bundesregierung in demographischen Fragen zu beraten. Bezeichnenderweise war Hans Wilhelm Jürgens der erste Direktor und Hermann Schubnell nebenamtlicher Direktor. Alle anderen namentlich genannten Wissenschaftler (außer Schwarz und Rückert) wurden Mitglieder des Kuratoriums des BIB."
(2007, S.76)

Warum wurde eigentlich nur aus dem Geburtenrückgang, nicht aber aus dem Babyboom eine Bevölkerungsfrage (siehe Inhaltsverzeichnis)? Typischerweise sieht der nationalkonservative Demographismus lediglich im Babyboom fremder Länder ein Problem, während er im eigenen Land erwünscht ist. Je fremder ein Land gemessen am eigenen Land, desto problematischer erscheint ein Babyboom. D.h. ein Babyboom in Frankreich erscheint vorbildhaft, während ein Babyboom Schwellenländern oder "muslimischen" Ländern als Problem erscheint.

Als Hauptakteur in Sachen demografischer Fakten wird Karl SCHWARZ genannt. Erst im Jahr 1973 fand der Geburtenrückgang seit 1965 Eingang in die Bevölkerungsvorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes:

"Seit dem Erscheinen der 4. koordinierten Bevölkerungsvorausschätzung (Linke/Rückert 1973a und b; Statistisches Bundesamt 1974) war den Demographen klar, dass bei anhaltend niedrigem Geburtenniveau es mit und ohne Zuwanderung zu einer erheblichen Alterung der Bevölkerung nach 2010/15 kommen würde. Die 4. koordinierte Bevölkerungsvorausschätzung nimmt an, dass das Geburtenniveau auf dem Anfang der 1970er Jahr erreichten Niveau von 1,5 Geburten je Frau konstant bleibt. Was damals nur eine Annahme war, erwies sich über nunmehr über 30 Jahre als zutreffend" (2007, S.77),

lobt HÖHN die Weitsicht der Demografenzunft. Ein Überblick über 11 Bevölkerungsvorausberechnungen zeigt jedoch, dass Fehleinschätzungen zum demografischen Wandel eher die Regel als die Ausnahme sind. Vor allem wurde in den vergangenen Jahrzehnten keineswegs von 1,5 Geburten pro Frau, sondern von 1,3 bis 1,4 Geburten pro Frau gesprochen. Dies zeigt einmal mehr, dass lediglich genehme Ergebnisse herausgegriffen werden, um rückblickend eine Entwicklung zu beschreiben, die es in dieser Form nie gab. Nimmt man die einzelnen Faktoren des demografischen Wandels seit den 1950er Jahren in den Blick, dann ergibt sich, dass Fehleinschätzungen die Regel sind. Selbst in Sachen Geburtenentwicklung ist dies der Fall, wie Michaela KREYENFELD & Dirk KONIETZKA aufgezeigt haben.

Auch die Medienberichterstattung wird einseitig aus der Perspektive eines nationalkonservativen Demographismus bewertet und folgendermaßen beschrieben:

"Ehe und Familie standen in gesellschaftspolitischen Beiträgen (ohne Bezug zur Demographie) unter Beschuss als Ort der Unterdrückung der Frau. In der Bevölkerungsstatistik beispielsweise wurde - als Reaktion auf die veröffentlichte Meinung - der Begriff »Haushaltsvorstand« durch »Bezugsperson«, das Konzept der »unvollständigen Familie« durch »Ein-Eltern-Familie« ersetzt.
Alles, was im Entferntesten nach Bevölkerungspolitik »roch«, wurde in den Medien entschieden abgelehnt. Das galt vor allem für die Förderung der Hausfrau und Mutter oder die Besteuerung der Kinderlosen, die von verschiedenen Seiten als Gegenmittel empfohlen wurden."
(2007, S.78)

Richtschnur für die Bewertung der damaligen Bevölkerungspolitik ist ein "Bad Soodener Papier" bezeichneter Bericht des BIB, nach dessen nicht transparent gemachten Maßstäben die politische Debatte hinter den Vorstellungen der nationalkonservativen Bevölkerungswissenschaftler zurück blieb.

Als übermächtiger Gegner nationalkonservativer Bevölkerungspolitik wird von HÖHN der Ökonom Albrecht MÜLLER aufgebaut. Dabei wird aus einer Publikation aus dem Jahr 1979 zitiert. Bereits im Jahr 2005 hat der verstorbene FAZ-Herausgeber Frank SCHIRRMACHER den Ökonom als Hauptgegner gewählt. Insofern geht es also nicht um eine sachliche Beschreibung der demografischen Situation in Deutschland, sondern um die Frage, welche Folgerungen man aus dieser Situation zieht. Ende der 1970er Jahre wird zudem die Scientific Community der Demografenzunft  um "jüngere Kollegen" mit gleicher Gesinnung erweitert:

"Außer den oben bereits namentlich Genannten waren mittlerweile jüngere Kollegen von den Universitäten, Josef Schmid, Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny und Herwig Birg, und für das Statistische Bundesamt (ab 1980 Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung) Charlotte Höhn hinzugekommen."
(2007, S.80)

Typischerweise werden Fehlprognosen von HÖHN lediglich jenseits der Demografenzunft gesehen:

"Für die 1980er Jahre wird für die geburtenstarken Jahrgänge (geboren zwischen 1960 und 1970) Jugendarbeitslosigkeit prognostiziert sowie überfüllte Schulklassen und Hochschulen. Wegen der folgenden geburtenschwachen Jahrgänge werde sich die Lage im Bildungsbereich danach deutlich mildern. Ab den 1990er Jahren werde dann ein Mangel an Auszubildenden, ein Rückgang der Jugendarbeitslosigkeit und schließlich eine Abnahme der Studierendenzahlen zu erwarten sein. Diese Fehlprognosen sind nicht demographisch bedingt, sondern belegen die Schwierigkeiten, ökonomische Bedingungen über mehr als wenige Jahre zutreffend vorauszusehen. (...). Wegen der Annahme konstanter Lebenserwartung bis zum Jahr 2030 in den Bevölkerungsmodellrechnungen wird der demographische Kostenfaktor im Bereich der Krankenversicherung und der Pflege im Vergleich zum Kostenfaktor medizinischer Fortschritt als sehr gering veranschlagt".
(2007, S.82)

Das Zitat widerlegt aber bereits das Argument, dass es sich bei der Bevölkerungswissenschaft um eine wertneutrale Wissenschaft handelt, denn die Festlegung einer konstanten Lebenserwartung ist eine wertende Entscheidung, die genauso gut anders hätte erfolgen können. Warum dies so erfolgt ist, das wäre eine wissenschaftsgeschichtlich zu klärende Frage. Leider findet eine Aufarbeitung der Geschichte der deutschen Bevölkerungswissenschaft lediglich mit Blick auf den Nationalsozialismus statt, während die neuere Geschichte weitgehend im Dunkeln bleibt. Hier besteht jedoch enormer Aufarbeitungsbedarf. Die Geschichtsschreibung der Demografenzunft darf nicht dem Selbstdarstellungswillen der nationalkonservativen Bevölkerungswissenschaft und ihren spezifischen Ausblendungen überlassen werden.

Typisch für die blinden Flecken dieser Perspektive ist die Verniedlichung der Probleme, die sich aus einem Babyboom ergeben:

"In der Schulpolitik (...) werden die geburtenstarken Jahrgänge »untertunnelt«. D.h. es werden im Hinblick auf die seit den 1970er Jahren schwächer besetzten Jahrgänge nicht mehr Lehrer eingestellt, sondern es werden die Klassengrößen erhöht."
(2007, S.83)

Zu deutsch: die geburtenstarken Jahrgänge waren die Leidtragenden einer Bevölkerungspolitik, die nur ein Problem kennt: Geburtenrückgang, während der Geburtenanstieg ausgesessen wurde. Dass die Folgen eines Geburtenbooms in der nationalkonservativen Bevölkerungswissenschaft nicht als zu bearbeitendes Problem betrachtet wird, sondern als Erfolg bewertet wird, zeigt das Problem einer Wissenschaft, die demografischen Wandel nur in einzelnen Aspekten betrachtet, während sie andere Aspekte einfach ignoriert.

Die Bewertung der Wiedervereinigung und der 1990er Jahre zeigt diese Ignoranz besonders deutlich. HÖHN geht es lediglich darum, dass der Bevölkerungswissenschaft nicht jene Bedeutung zukommt, die sie sich selber zuschreibt. Einziger Maßstab dafür ist der Stellenzuwachs für Bevölkerungswissenschaftler, weshalb die demografisch begründeten Rentenreformen seit den 1970er Jahren keine große Beachtung finden. Nebenbei werden Stiftungen erwähnt, die den Diskurs forcieren (z.B. die neoliberale Bertelsmann-Stiftung). Zur Situation des Faches in den 1990er schreibt HÖHN:

"An der Humboldt Universität (...) blieb der Lehrstuhl von Professor Khalatbari erhalten und wurde nach dessen Pensionierung Ende 1990 mit Professor Münz besetzt. In Rostock wurde Ende der 1990er Jahre - im Zusammenhang mit der Errichtung eines Max-Planck-Instituts für demografische Forschung 1996 - ein neuer Lehrstuhl gegründet (Professor Dinkel) und ein Studiengang Demographie angeboten."
(2007, S.86)

Im Fazit resümiert HÖHN die Stellenentwicklung innerhalb dem Demografenzunft:

"Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung wird seit 2002 personell aufgestockt und hat den Bestand seiner wissenschaftlichen Mitarbeiter seitdem verdoppelt und verjüngen können. (...).
An den Universitäten allerdings ist die Lage unterschiedlich. Die Nachbesetzung der Lehrstühle von Josef Schmid und Herwig Birg verläuft schleppend; der vakante Lehrstuhl von Rainer Münz an der Humboldt Universität wird eingespart. Aber an der Universität Rostock werden 5 Juniorprofessoren zusätzlich zu den mittlerweile 2 Lehrstühlen berufen. Zusammen mit dem Max-Plank-Institut für demografische Forschung in Rostock wird ein neuer Forschungsverbund eingerechtet."
(2007, S.90)

Die Publikation des Aufsatzes erfolgte im Sog der SCHIRRMACHER-Hysterie, dessen Bücher Methusalem-Komplott und Minimum lobend erwähnt werden. Seit dem Jahr 2006, dem Höhepunkt der Demografie-Panik, flaute das Interesse der Öffentlichkeit jedoch merklich ab. Seit 2011 wächst Deutschland - entgegen jeglicher Bevölkerungsvorausberechnung. Man darf also gespannt sein, inwiefern die zukünftige Entwicklung in Deutschland die Bedeutung der Bevölkerungswissenschaft wieder relativiert. Vor allem aber wird durch den Nachwuchs die verknöcherte Struktur der Demografenzunft aufgebrochen...

 
       
   

Charlotte Höhn im Gespräch

 
   

FISCHER, Jörg (2000): "Wir müssen früher und länger arbeiten".
Die Bevölkerungswissenschaftlerin Charlotte Höhn über die demographische Entwicklung in Deutschland und die Auswirkungen auf das Sozialsystem,
in: Junge Freiheit Nr.31-32 v. 28.07.

 
       
   

Bevölkerungsforschung und demographischer Wandel (2007).
Zur politischen Würdigung der Demographie seit den 1970er Jahren
in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Heft 1-2, S.73-98

 
   
     
 

Inhaltsverzeichnis

1 Demographische Lage, Bevölkerungsfragen und Bevölkerungsforschung - Eine Begriffsklärung
2 Wie aus dem Geburtenrückgang eine Bevölkerungsfrage wurde: Die 1970er Jahre

2.1 Was die Bevölkerungsstatistiker, Demographen und Bevölkerungswissenschaftler zu Beginn der 1970er Jahre zu bieten hatten
2.2 Die Bevölkerungsfragen in den 1970er Jahren in Politik und Medien

2.2.1 Der Geburtenrückgang und seine Auswirkungen als Bevölkerungsfrage
2.2.2 "Pillenknick" und "Sterben die Deutschen aus?" - Medienecho in den 1970er Jahren

2.3 Bevölkerungsforschung für den Bevölkerungsbericht der Bundesregierung
2.4 Der politische Widerstand gegen demographische Fragen Ende der 1970er Jahre

3 Bevölkerungsfragen und Lage der bevölkerungswissenschaftlichen Forschung in den 1980er Jahren

3.1 Der Bevölkerungsbericht der Bundesregierung
3.2 Bevölkerungsbezogene Politiken in 1980er Jahren
3.3 Die Bevölkerungsforschung

4 Die Deutsche Einheit und das Desinteresse an Bevölkerungsfragen: Die 1990er Jahre

4.1 Die Bundesrepublik hat nach der Wiedervereinigung andere Sorgen
4.2 Die Leugnung der europäischen Bevölkerungsfrage
4.3 Bevölkerungsforschung in den 1990er Jahren

4.3.1 Im Westen keine institutionelle Förderung nach der Wiedervereinigung
4.3.2 Gründung des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock
4.3.3 Die Aufarbeitung der Geschichte der Bevölkerungswissenschaft in Deutschland

5 Der demographische Wandel als Megathema seit dem beginnenden Millennium

5.1 Die Wiederentdeckung der Bevölkerungsfrage in der Politik seit 2000

5.1.1 auf Bundesebene
5.1.2 in den Bundesländern
5.1.3 auf europäischer Ebene

5.2 Die Medien entdecken seit 2000 den demographischen Wandel als Dauerthema
5.3 Die Stiftungen intensivieren das Gespräch und starten umfangreiche Projekte

6 Fazit: Die Bevölkerungsforscher haben seit 2000 Hochkonjunktur

 
     
 
       
   

Beiträge von single-generation.de zum Thema

Deutsche Kommunen im demografischen Wandel. Oder: Wie die Demographisierung gesellschaftlicher Probleme die deutsche Politik bestimmt

Die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland - Teil 1: Mythen und Fakten über den Geburtenrückgang in Vergangenheit und Zukunft

Die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland - Teil 2: Mythen und Fakten über die "Altenlast"

Der apokalyptische Bevölkerungsdiskurs. Oder: Thomas Etzemüller - Ein ewigwährender Untergang

Bevölkerungspolitik in Deutschland

 
       
   

Der Familienzyklus (1982).
Zur Notwendigkeit einer Konzepterweiterung. Schriftenreihe des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung
Boppard: Boldt

 
   
     
 

Zitat:

Das Konzept des Familienzyklus und seine Konsequenzen

"Die empirische Messung der Phasenlängen des Familienzyklus (Familiengründung, -erweiterung, -schrumpfung und -auflösung) ist nur mit retrospektiv erhobenem Datenmaterial für Kohorten einwandfrei möglich. (...). Mit abnehmender Heiratsneigung und steigender Scheidungshäufigkeit sowie zunehmender Bildung nichtehelicher Lebensgemeinschaften und unvollständiger Familien verliert das Konzept des Familienzyklus, das auf nahezu 100%iger Verheiratung und Ausschluß von Ehelösungen vor dem 50. Geburtsjahr der Frau beruht, allmählich an Dominanz (...) Die Kritik am Familienzyklus erscheint sowohl im Hinblick auf seine abnehmende Repräsentativität von möglichen Lebensverläufen als auch wegen seines normativen Gehalts gerechtfertigt.
Aus beiden Gründen ist eine Konzepterweiterung auf wichtige Lebenszyklen notwendig. Dabei stellt der Familienzyklus eine der möglichen Verlaufsformen dar."
(Höhn, 1982, S.101)

Das Familienzykluskonzept in der Kritik

"Es müßten in weit größerem Umfang »Längschnittergebnisse« bereitgestellt werden können, mit denen man für bestimmte Geburtsjahrgänge und Ehejahrgänge die Eheschließungen, die Ehelösungen und die Wiederverheiratungen im Zeitablauf verfolgen kann (...). Damit wären zugleich erste Schritte getan, um für die Vergangenheit und die Zukunft den Ausschnitt des Ehe- und Familienzyklus modellhaft abzubilden, der mit der Eheschließung beginnt, mit der Ehelösung durch Tod oder Scheidung endet und sich für viele Verwitwete und Geschiedene in einem zweiten oder gar dritten Ehezyklus fortsetzt. Heute wissen wir noch nicht einmal, wieviel Menschen in zweiter oder dritter Ehe leben, wann die erste Ehe der in zweiter Ehe Lebenden geschlossen worden ist und wann ihre erste Ehe endete. Von den Verwitweten und Geschiedenen kennen wir nicht das Datum der Ehelösung. Für eine gründlichere Analyse der neueren Entwicklung von Ehe und Familie fehlen somit wesentliche Informationen."
(aus: Karl Schwarz "Informationen und Informationslücken zur neueren Entwicklung von Ehe und Familie in der Bundesrepublik Deutschland", 1980, S.29)

Das Problem der Erfassbarkeit von Kinderlosigkeit

"Versucht man, den Anteil an Frauen ohne (lebendgeborene) Kinder für verschiedene europäische Länder zu errechnen bzw. abzuschätzen, stößt man allerdings rasch auf die Schwierigkeit, daß die Erfassung der Geburtenrangfolge länderspezifisch variiert (vgl. Sardon 1990). In Deutschland, der Schweiz und seit 1966 in Frankreich werden nur eheliche Lebendgeborene aus der aktuellen Ehe einbezogen, wodurch sowohl außereheliche Geburten als auch Geburten aus früheren Ehen wegfallen. In England und Wales wiederum wird die Geburtenfolge einer (ehelichen) Geburt gemäß allen vorherigen Geburten - ob ehelich oder außerehelich - festgelegt. Sofern der Anteil an außerehelichen Geburten gering und stabil bleibt - wie bisher im Falle der Schweiz - ist die Fehlermarge tolerierbar (und außereheliche Geburten können den Erstgeburten zugerechnet werden). Mit zunehmenden Unehelichenquoten werden entsprechende Schätzwerte jedoch rasch zu ungenau."
(aus: François Höpflinger "Neue Kinderlosigkeit", 1991, S.83) 

 
     
 
       
   

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Update: 31. Dezember 2015