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Gert G. Wagner: Sozialpolitik

 
       
   
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    • 1953 geboren
    • Studium der Volkswirtschaftslehre und Soziologie
 
       
   
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    Gert G. Wagner in seiner eigenen Schreibe

     
           
       

    WAGNER, Gert G. (2002): Gierige Zeiten.
    Sind wir auf dem Weg in den Thatcherismus?
    in: Süddeutsche Zeitung v. 28.12.

    WAGNER, Gert G. (2003): Ihr Kinderlein kommet.
    Familienpolitik ist sinnvoll - aber sie wäre besser, wenn sie mehr Rücksicht auf die Bedürfnisse der Mütter nähme,
    in: Tagesspiegel v. 24.12.

    WAGNER, Gert G. (2004): Teilkasko mit hohem Risiko.
    Die Absicherung der Pflegekosten ist nur vom Staat zu organisieren. Vernünftig diskutiert wird dies wohl erst, wenn die Beiträge dafür nicht mehr die Lohnkosten belasten,
    in: TAZ v. 10.07.

    Gert G. WAGNER wendet sich u. a. gegen die geforderte Bestrafung der Kinderlosen in der Pflegeversicherung:

    "Auf den Nebenkriegsschauplatz, den das Bundesverfassungsgericht mit der Forderung nach einer Begünstigung von Kindererziehenden in der Pflegeversicherung eröffnet hat, sollte sich die Bundesregierung jetzt nicht begeben. Statt das Verfassungsgerichtsurteil so umzusetzen, wie von den Karlsruher Juristen erwartet wird, sollte die Bundesregierung gesellschaftlich dafür werben, dass eine bessere Kinderbetreuung Eltern viel mehr hilft als die Bestrafung Kinderloser in der Pflegeversicherung."

    WAGNER, Gert G. (2004): Chancen eröffnen.
    Familienfreundliche Arbeitsbedingungen - lohnendes Ziel für die Gewerkschaften,
    in: junge Welt v. 01.09.

    WAGNER, Gert G. (2004): Superverdiener - armer Kerl.
    Maßvolle Einkommen machen Manager zufriedener,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 03.09.

    Gert G. WAGNER findet die Gehälter von Managern unangemessen hoch. Zudem haben Manager gar nicht die Zeit, um ihr Geld auszugeben. Er empfiehlt deshalb einen schlichten Mechanismus, um Managern zu ihrem Glück zu verhelfen:

    "Die Forderung nach einer gesetzlichen Begrenzung der Manager-Gehälter ist (...) absurd. Das einzige, was hilft, ist Transparenz bezüglich der Bezüge und das explizite Recht der Aktionäre, über die Gehälter der Vorstands-Mitglieder abzustimmen. Dann regelt der Wettbewerb - wie bei Superstars - das Problem von selbst."

    WAGNER, Gert G. (2004): Keine Gleichung ohne Arbeit.
    Es gibt keine gezielte Umverteilung von unten nach oben. Wer mehr Einkommensgleichheit will, muss den Armen Jobs geben,
    in: Tagesspiegel v. 17.10.

    WAGNER, Gert G. (2005): Dekadente Armut.
    Eine bildungsbürgerliche Betrachtung ohne soziales Verständnis,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 18.04.

    Rezension des Buches Die Kunst des stilvollen Verarmens von Alexander von SCHÖNBURG.

    WAGNER, Gert G. (2006): Es kann keine exakte Bevölkerungsstatistik geben.
    Planen in der Nichtplanwirtschaft: Plädoyer für einen "registergestützten Zensus" statt einer Volkszählung,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 06.01.

    Gert G. WAGNER wendet sich gegen Reiner KLINGHOLZ, der für eine Volkszählung plädiert. Der Streit ist jedoch absurd, denn weder das eine noch das andere Verfahren garantiert per se, dass relevante Daten erhoben werden. Dies lässt sich an der Debatte um den Geburtenrückgang aufzeigen.

    Keiner Partei kann es daran gelegen sein, dass das tatsächliche - wesentlich niedrigere - Ausmaß der lebenslangen Kinderlosigkeit offen gelegt wird, denn alle Positionen profitieren davon, dass das Ausmaß unbekannt bleibt. Nationalkonservative wie Herwig BIRG benötigen hohe Kinderlosenzahlen genauso wie die Verfechter für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die Debatte um das Elterngeld offenbarte, dass im Kampf um die statistische Wirklichkeit jedes Mittel recht ist, solange es die eigene Position belegt. Beiden Vertretern geht es zu allererst um Normatives. Empirisches stört da nur. Wer Sollenspostulate vertritt, das zeigt am deutlichsten Ulrich BECKs Individualisierungsthese, interessiert sich nicht für die Lebenswirklichkeit, denn er will ja gerade diese Realität überwinden.

    Es darf deshalb nicht verwundern, dass zwar seit Anfang der 1980er Jahre bekannt ist, dass die Bevölkerungsstatistik aufgrund ihrer Fixierung auf die lebenslange Ehe, gar nicht mehr in der Lage ist, die Lebensverhältnisse zu beschreiben. Obwohl sowohl methodisch als auch statistisch alle Voraussetzungen vorhanden wären, werden sie nicht genutzt. Es gibt nur eine Erklärung dafür: Die Empirie würde keine der dominierenden Positionen stützen.

    Weder die Volkszählung noch die registergestützte Zählung ändert etwas daran, dass hinsichtlich der Geburtenentwicklung Licht im Dunkel unerwünscht ist.

    WAGNER, Gert G. (2006): Verwirrt am Donnerpass.
    Frank Schirrmacher stellt in seinem neuen Sachbuch-Schocker "Minimum" eine wichtige Hypothese auf. Um sie zu belegen, trickst er jedoch gehörig und kümmert sich viel zu wenig um neuere Forschungen,
    in: TAZ v. 11.03.

    WAGNER, Gert G. (2006): Kinder machen reicht nicht.
    Der Vorschlag einer Rentenkürzung für Kinderlose ist so abstrus wie populär. Doch die Hysterie um niedrige Geburtenraten vernebelt den Blick dafür, was wirklich zu tun ist, um die Rente zu retten,
    in: Financial Times Deutschland v. 20.03.

    SCHMITT, Christian & Gert G. Wagner (2006): Kinderlosigkeit von Akademikerinnen überbewertet,
    in: Wochenbericht des DIW, Nr.21 v. 24.05., S.313-317

    SCHMITT, Christian & Gert G. Wagner (2006): Der Untergang des Abendlands fällt aus.
    Die Kinderlosigkeit von Akademikerinnen wird überbewertet,
    in: Frankfurter Rundschau v. 26.05.

    WAGNER, Gert G. (2006): In der Bibel gibt es keine Oma.
    Die Politik idealisiert die Großfamilie - doch die hat es eigentlich nie gegeben,
    in: Tagesspiegel v. 22.12.

    "Gerade Ökonomen beschwören oft die angeblich althergebrachte Altersversorgung im Drei-Generationen-Verbund. Moderne Rentensysteme störten diesen gesellschaftlichen Zusammenhalt, deshalb würden auch immer weniger Kinder geboren – die Rente ersetze sie ja.
                 Ein Zurück zur Großfamilie wird es aber nicht geben. Denn die Drei-Generationen-Familie ist ein modernes Phänomen", meint Gert G. WAGNER.

    BACH, Stefan & Gert G. WAGNER (2009): Generationen in der Volkswirtschaftslehre. Ein wichtiges, aber lieblos behandeltes Konzept, in: Marc Szydlik & Harald Kühnemund (HG.) Generationen. Multidisziplinäre Perspektiven, Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften

    WAGNER, Gert G. (2011): Durchgezählt.
    Faire Verteilung, geschützte Daten: Welche Vorteile der Zensus 2011 für die Gesellschaft hat,
    in: Tagesspiegel v. 22.05.

    Gert G. WAGNER rechtfertigt den Zensus 2011. Die Frage, ob das zugrunde liegende Haushalts- und Territorialprinzip in einer mobilen Gesellschaft überhaupt noch zeitgemäß ist, bleibt außen vor. Eine faire Verteilung ist mittels des Zensus jedoch nur in einer statischen, abgeschlossenen Gesellschaft möglich. Allein die Unterscheidung zwischen Erst- und Zweit- bzw. Nebenwohnsitz wird modernen, haushalts- und territorialübergreifenden Netzwerken nicht mehr gerecht. Welche Infrastruktur nutzen z.B. die zunehmende Zahl der binationalen Paare, bei denen sich der Arbeits- und Freizeitort ständig ändert, bei denen die Kinder permanent pendeln. Wie sieht es mit der wachsenden Zahl von Fernbeziehungen aus? Die Wissenschaft und die amtliche Statistik beruht zum großen Teil immer noch auf den gesellschaftlichen Bedingungen der 1950er Jahre. Bis heute ist die Wissenschaft nicht in der Lage Partnerschaft und Familie zu erfassen, weshalb Singles maßlos überschätzt werden.

    Die grundsätzliche Frage lautet eher: Ist eine faire Verteilung überhaupt von den am Zensus beteiligten Institutionen erwünscht? Oder ist es nicht eher eine Frage der territorialpolitischen Machtverteilung? Welche neutrale Stelle überprüft eigentlich die Arbeit vor Ort? Man weiß von früheren Zählungen, dass z. B. allein die Bezahlung der Zähler die Ergebnisse verfälscht haben. Wenn der Zähler für jeden gezählten Haushalt bezahlt wird, hat er dann ein Interesse bei unklaren Situationen einen Paarhaushalt oder zwei Einpersonenhaushalte zu zählen? Aus finanziellen Gründen wird er sich für die zwei Einpersonenhaushalte entscheiden.

    Manche Städte bezahlen Studenten Prämien, wenn sie ihren Erstwohnsitz auf ihrem Territorium anmelden. Aber welche Infrastruktur nehmen sie für welche Zwecke wo in Anspruch? Das sind offenbar zwei verschiedene Dinge.

    Entscheiden mobile Eltern die Wahl ihres Erstwohnsitzes danach, wo ihr "Lebensmittelpunkt" ist oder danach wo ihre Kind(er) zur Schule gehen soll(en)?

    Moderne Lebensformen sind dadurch geprägt, dass die einzelnen Lebensbereiche eben keine feste territoriale oder haushaltsmäßige Zuordnungen kennzeichnen, sondern flexibel gehandhabt werden. Der Zensus ist sowohl durch seine Stichtagmethode als auch durch sein Haushalts- und Territorialprinzip nicht in der Lage solche Lebensformen fair zu behandeln. Der Zensus ist stattdessen in erster Linie Ausdruck territorialpolitischer Machtverteilung.

    WAGNER, Gert G. (2011): Wir leben nicht über unsere Verhältnisse!
    Warum es falsch ist, den Sozialstaat für die Staatsschulden verantwortlich zu machen,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 05.12.

    WAGNER, Gert G. (2013): Die Vermessung des Wohlstands.
    Debatte: Wachstum ist längst nicht alles – das hat selbst die Politik eingesehen. Sie muss sich ändern. Aber wie?
    in:
    Freitag Nr.8 v. 21.02.

    Gert G. WAGNER, Mitglied der Enquete-Kommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität verteidigt die umstrittenen Leitindikatoren der Enquete-Kommission.

    WAGNER, Gert G. (2014): Die Rente mit 67 nicht aus den Augen verlieren,
    in: DIW-Wochenbericht Nr.19 v. 07.05.

    WAGNER, Gert G. (2016): Was gegen Armut im Alter hilft.
    Gastbeitrag: Die zunehmende Alterung ist nicht das Hauptproblem bei der Rente. Es geht um flexible Altersgrenzen und Armutsfestigkeit,
    in:
    Frankfurter Rundschau v. 09.01.

    Gert G. WAGNER ist Vorsitzender des Sozialbeirats, der im Zuge der Agenda 2010 unter Rot-Grün in seiner Zusammensetzung derart verändert wurde, dass seitdem die Versicherungsbranche an Dominanz gewonnen hat und die Stellung der Befürworter einer gesetzlichen Rente als Garant der Lebensstandardsicherung entscheidend geschwächt wurde. Im Jahr 2000 wurde Winfried SCHMÄHL durch Gisela FÄRBER (Mitglied der so genannten Rürup-Kommission) und Norbert ANDEL durch Bert RÜRUP als Vertreter der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften ersetzt.

    Vor diesem Hintergrund klopft sich WAGNER nun selber auf die Schulter, weil im Sozialbeirat Konsens herrsche, wobei dieser Konsens offensichtlich nicht weit her ist, da man Konkretisierungen vertagt hat.

    RÜRUP, Bert & Gert G. WAGNER (2016): Es ist Zeit für eine neue Rente.
    So könnte eine private Standardvorsorge für jedermann aussehen,
    in:
    Die ZEIT Nr.15 v. 31.03.

    Die Zukunft ist nicht mehr vorherbestimmt wie uns die Demografen seit der Jahrtausendwende immer wieder predigten, sondern je nach Lobbyinteressen droht uns entweder der Fachkräftemangel aufgrund der demografischen Entwicklung oder die Massenarbeitslosigkeit bzw. Verelendung aufgrund von Digitalisierung und Roboterisierung.

    Die Agendatreuen Bert RÜRUP & Gert G. WAGNER gehen nun mit der Verelendungsthese für eine Ergänzung des Rentensystems um eine weitere private Altersvorsorge hausieren. Sie nutzen dazu die Debatte um eine "Deutschland-Rente". Die beiden Agenda-Verteidiger wollen offenbar der Gewerkschaftskampagne für ein höheres Niveau der gesetzlichen Rente zuvorkommen. Der Kampf um die Meinungsführerschaft in Sachen Rentenreform ist also längst eröffnet.

    WAGNER, Gert G. (2016): Die Mär von der bröckelnden Mittelschicht.
    Immer mehr Menschen werden in prekäre Arbeitsverhältnisse gedrängt, heißt es. Das Horrorszenario hat nur einen Haken: Die Statistik gibt das schlicht nicht her,
    in:
    Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 03.04.

    Gert G. WAGNER beginnt mit einer ungewöhnlichen Darstellung von Ulrich BECKs Risikogesellschaft. Diese interpretiert er nicht wie üblich als zunehmende Individualisierung, sondern als Verschwinden der gesellschaftlichen Mitte.

    WAGNER baut also einen Popanz auf, dem zwar kein realer Ansatz der soziologischen Ungleichheitsforschung entspricht (WAGNER nennt deshalb auch keinen einzigen Soziologen, dem er diesen Ansatz unterstellt! Wem auch?), den er dann aber umso besser bekämpfen kann.

    Es wird aber noch absurder: Die gesellschaftliche Mitte wird nicht über die Einkommensverteilung oder Schichten bzw. Milieus definiert, sondern durch den Sammelbegriff "Arbeitnehmer", den WAGNER zudem nicht erläutert. Werden dadurch also auch ungelernte Arbeiter zur Mitte dazugezählt, was zwar dem Begriff "Arbeitnehmer", aber nicht dem Begriff "Mitte" oder gar "Mittelschicht" entspräche?

    Die Zunahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse (z.B. im Niedriglohnsektor) wird durch Umdefinition des NORMALarbeitsverhältnisses (das in der Nachkriegszeit sowieso meist nur der männlichen Erwerbstätigkeit entsprach) in VollZEITarbeitsverhältnisse wegdefiniert:

    "Um diese Frage zu beantworten, muss man die Erwerbstätigen auf alle Erwerbsfähigen beziehen. Nur wenn der Anteil der Vollzeiterwerbstätigen an allen potentiell  erwerbstätigen Menschen geringer wurde, kann man von einer Verdrängung der normalen Arbeit durch andere Beschäftigungsformen sprechen."

    Die potentiell Erwerbstätigen definiert WAGNER als 18- bis 67-Jährige, obwohl die Rente mit 67 erst nach der Jahrtausendwende eingeführt wurde. Betrachtet wird dagegen der Zeitraum von 1984 - 2013. Der Anfangszeitraum ist durch die Datenbasis (SOEP) vorgegeben und muss deshalb nicht theoretisch hergeleitet werden, was WAGNER in Erklärungsnöte bringen würde.

    Die danach versprochene nähere Betrachtung fällt dann ausgesprochen vage aus:

    "seit 1984 (lebt) in der Gruppe der erwerbsfähigen Haushalte (einschließlich derer Kindern) zu etwa 70 Prozent mindestens ein Arbeitnehmer in einem normalen Beschäftigungsverhältnis".

    Weder wird der Begriff "Arbeitnehmer" (siehe oben) noch der Begriff "normales Beschäftigungsverhältnis" definiert. Hinzu kommt, dass durch den Anstieg der Einpersonenhaushalte, in denen weit öfters Erwerbstätige zu finden sind als in anderen Haushalten, die Sichtweise noch weiter verzerrt wird. Das war jedoch nicht der Absurditäten Ende. Es kommt noch schlimmer:

    "Es stimmt zwar (...), dass die realen Brutto- und Nettoeinkommen der breiten »Arbeitnehmermitte« (...) seit Beginn der 90er Jahre bis in die jüngste Zeit stagnieren. Diese Stagnation ist aber eine andere Geschichte."

    Mit diesen Taschenspielertricks führt WAGNER die  Ungleichheitsforschung elegant ad absurdum. Ein Lehrbeispiel aus dem Kapitel Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast!

    Wer behauptet eigentlich das Verschwinden der Mittelschicht? Das macht nicht einmal die Schlagzeile, die von "bröckelnder Mittelschicht" spricht! Hätte sich WAGNER mit real existierenden soziologischen Ansätzen auseinandersetzen müssen, wären diese Taschenspielertricks sofort aufgeflogen.

    Lehrreich ist dieser Artikel auf alle Fälle, denn er zeigt, dass es in der Wissenschaft immer auf die verwendeten Begriffe bzw. Operationalisierungen, den betrachteten Zeitraum und die Indikatoren ankommt.

    Wie aber kommt Gert G. WAGNER zu diesen absurden Behauptungen? Dazu muss man das Gutachten Zur anhaltend prägenden Rolle des Normalarbeitsverhältnisses auf dem deutschen Arbeitsmarkt von WAGNER u.a. für die IG Bergbau, Chemie, Energie heranziehen. In Gutachten geht es nicht um seriöse Wissenschaft sondern um Politik, weshalb dies auch nicht im Namen des DIW geschieht, sondern nur dessen Consulting-Unternehmen. Dies wird im FAS-Artikel wohlweislich verschwiegen. Zur Stoßrichtung der Kritik heißt es in dem Gutachten:

    "Folgt man dem politischen Feuilleton, so stirbt die Mittelschicht aus und die prekäre Beschäftigung wird mehr und mehr zur Norm. Dieser »empirische Befund« beruht auf der Erfindung der »Risikogesellschaft« durch den Soziologen Ulrich Beck (1986). Er glaubte in den 80er Jahren diagnostizieren zu müssen, dass mit dem Ende der Vorherrschaft industrieller Produktion, die für den Einzelnen durch Sozialstaat und Gewerkschaften geformten geordneten ökonomischen Rahmenbedingungen immer mehr an Bedeutung verlieren und zu einer Risikogesellschaft geführt hätten. Der Prozess schien naturgesetzlich vorgezeichnet zu sein (o. V. 2007, 2008)."

    Gert G. WAGNER zitiert also nicht wie im FAS-Artikel suggeriert, Ulrich BECKs These von der Risikogesellschaft, sondern die Sichtweise aus nicht namentlich gezeichneten Beiträgen. Schaut man sich das Literaturverzeichnis an, dann stellt man erstaunt fest, dass sich WAGNER hier auf zwei Artikel der FAZ bezieht: Die Mittelschicht rutscht nicht ab (FAZ 04.03.2007) und eine AP-Meldung McKinsey warnt vor Verfall der Mittelschicht (FAZ 04.05.2008).

    Haben wir es hier also mit einem zeitungsinternen Machtkampf zwischen Wirtschaftsteil und dem politischen Feuilleton der FAS/Z, das in besagter Zeit von Frank SCHIRRMACHER geleitet wurde, zu tun?

    Es wird jedoch noch viel vertrackter: In dem FAZ-Artikel Die Mittelschicht rutscht nicht ab wird über eine Studie der Herbert-Quandt-Stiftung berichtet, die u.a. von dem Historiker Paul NOLTE und dem Ökonom Martin WERDING durchgeführt wurde - beides also keine Soziologen und der Begriff "Risikogesellschaft" findet sich ebenfalls nicht in dem Artikel. Der Artikel bezieht sich wiederum auf die Studie Zwischen Erosion und Erneuerung vom März 2007, in der sich der Begriff "Risikogesellschaft" nur im Literaturverzeichnis findet. In der Studie wird an folgenden Stellen auf das Buch Risikogesellschaft von Ulrich BECK eingegangen:

    "Die »Individualisierung« der westlichen Gesellschaften, nicht zuletzt auch der Bundesrepublik Deutschland, ist seit den 1980er Jahren zu einem populären Schlagwort der Soziologie geworden" (2007, S.71)

    "Mit dieser Tendenz zur Selbstverwirklichung rückt für den Soziologen Ulrich Beck die Individualisierung, also das »Selbstgestaltungspotenzial, das individuelle Tun« in den Vordergrund. Denn Massenwohlstand, Bildungsexpansion, zunehmende Mobilität und der Ausbau des Sozialstaates hatten insgesamt bessere Lebensbedingungen für die Menschen mit sich gebracht. Dies führte nach Ulrich Beck dazu, dass sich die Einzelnen aus der bisherigen Einbindung in Familie, Gemeinde und soziale Schicht mehr und mehr lösten. (...). Die soziale Einbindung erfolge zunehmend über neue nicht-familiale und nicht-institutionalisierte Vergesellschaftungsformen wie persönliche Netzwerke und soziale Bewegungen. Die Zugehörigkeit zu diesen Gruppierungen dauere nicht länger lebenslang, sondern nur noch zeitweilig und sei revidierbar, genauso wie der Lebensstil. Dies vermehre die individuelle Freiheit, aber auch die Risiken des Scheiterns. (2007, S.197)

    Wie eingangs bereits festgestellt: Das Buch Risikogesellschaft wird mit Individualisierung, aber nicht mit dem Verschwinden der Mittelschicht in Verbindung gebracht. Das Verschwinden der Mittelschicht wäre eine empirische Frage und keine zwangläufige Folge der Individualisierung wie WAGNER suggeriert.

    Betrachtet man den zweiten von WAGNER zitierten Artikel McKinsey warnt vor Verfall der Mittelschicht, dann findet man auch dort nicht den Begriff "Risikogesellschaft", sondern einen Hinweis auf die Studie Deutschland 2020 der Unternehmensberatung McKinsey, die sich nicht auf die Vergangenheit, sondern auf die zukünftige Arbeitsmarktentwicklung bezieht. Am Schluss der Meldung wird jedoch auf eine Studie des DIW - also WAGNERs Arbeitgeber - hingewiesen, die eine Schrumpfung der Mittelschicht konstatiert! Es waren also Ökonomen und nicht Soziologen, die WAGNER hier angreift. Auch hier bestätigt sich also, dass WAGNER einen Popanz aufgebaut hat, der gar nicht in der beschriebenen Weise existiert.

    RÜRUP, Bert & Gert G. WAGNER (2016): Altersvorsorge für alle.
    Gastbeitrag: Eine Ergänzung der gesetzlichen Rente muss auch Selbständige erfassen,
    in:
    Frankfurter Rundschau v. 14.04.

    WAGNER, Gert G. (2016): Die Legende vom Prekariat.
    Entgegen landläufiger Meinung sind reguläre Arbeitsverhältnisse auch heute noch für die große Mehrheit der Normalfall,
    in:
    Frankfurter Rundschau v. 11.05.

    Gert G. WAGNER darf nun auch in der FR seinen Angriff auf den Popanz "Risikogesellschaft" starten. WAGNER widmet sich insbesondere den Solo-Selbständigen, die in der Rentendebatte als Risikogruppe beschrieben werden und für die deshalb neue Regelungen bei der Altersvorsorge getroffen werden sollen:

    "Die Solo-Selbständigkeit ist in den vergangenen Jahren sogar zurückgegangen. Denn sie wurde ja gewissermaßen erfunden und gefördert, als die Arbeitslosigkeit in Deutschland hoch war. Das ist nicht mehr der Fall, und viele Solo-Selbständige nutzen heutzutage die Chance, wieder in eine reguläre sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zurückzukehren."

    Das Phänomen des Crowd-working ist für WAGNER ein substanzloses Feuilleton-Geschöpf:

    "Vieles spricht dafür, dass das normale Angestelltenverhältnis auch künftig die Normalität bleiben wird, und zwar ganz überwiegend. Vieles, was jetzt über »Crowdworker« (...) gesagt wird, ist wohl eher ein Phänomen im Feuilleton."

    Bei der Propagierung der Deutschland-Rente im April klang das dagegen noch folgendermaßen:

    "Die fortschreitende Digitalisierung etlicher Arbeitsprozesse und eine damit verbundene Zunahme der als Selbständige tätigen »Click- und Crowdworker« dürfte die Erosion der Lohnsumme verstärken. Vor diesem Hintergrund war (...) die Rentenreform von 2001 eine richtige Strukturentscheidung."

    Wie also kann ein substanzloses Feuilleton-Geschöpf dazu missbraucht werden, um einerseits die Riester-Reform zu rechtfertigen und andererseits Crowdworker zu einem unbedeutenden Randphänomen zu erklären? In nicht einmal einem einzigen Monat schafft WAGNER diese Kehrtwende!

    Neu:
    WAGNER, Gert G. (2016): Lasst doch die Milliardäre in Ruhe.
    Die Zahl der Superreichen sagt nichts darüber aus, wie gerecht es in der Welt zugeht. Entscheidend ist etwas ganz anderes,
    in:
    Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 04.09.

    Die amtlichen Statistiken erfassen den Reichtum der Oberschicht nicht, weil diese ihre Vermögen nicht preisgibt. Die Statistiken befassen sich vorrangig mit den gefährlichen Klassen. Gert G. WAGNER findet das ganz in Ordnung. Sein Argument: Datenschutz! Dies ist scheinheilig, denn offenbar gilt Datenschutz vor allem für die Oberschicht und ihre Verbündete in der oberen Mittelschicht, die das Machtmittel Statistik beaufsichtigen. Die Superreichen werden angeblich durch "Demokratie, Betriebsräte, Gewerkschaften und Wettbewerbskontrollen" gebändigt, weshalb ihr Vermögen für WAGNER irrelevant ist. Die steuerpolitischen Vorschläge bleiben so vage, dass sich jeder das ihm Genehme heraussuchen kann. 

     
           
       

    Gert G. Wagner in den Medien

     
           
       

    SPERBER, Katharina (2005): Kinderwunsch hängt am sicheren Einkommen.
    Studie: Männer sehen sich als Versorger - Frauen meiden schlecht ausgebildete Partner,
    in: Frankfurter Rundschau v. 10.09.

    Katharina SPERBER berichtet über einen Zwischenbericht zur Studie Ursachen der Diskrepanz zwischen Kinderwunsch und Kinderzahl von Klaus-Robert MÜLLER & Gert G. WAGNER.

     
           
       

    Die Volkszählung in der Debatte

    KAMANN, Matthias (2005): Feindbild Volkszählung,
    in: Welt v. 01.11.

    HERWIG, Malte (2005): Volkszählung.
    Das große staatliche Datenraten,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 09.11.

    ANHÄUSER, Marcus (2005): Wer ist das Volk?
    Statistiker streiten über die beste Methode für den geplanten Zensus,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 17.11.

    Um eine Volkszählung zu rechtfertigen, müssen nun die Mängel der amtlichen Statistik ans Licht gezerrt werden. So weist z.B. Gert G. Wagner auf die Methodenabhängigkeit der Einstufung als Einpersonenhaushalt hin:

    "»Die Zahl der Ein-Personen-Haushalte war damals (Anm.: 1987) laut Mikrozensus um 600 000 größer als nach der Volkszählung.« Wahrscheinlich stimmte keine der beiden Zahlen: »Die Interviewer im Mikrozensus wurden nämlich für jeden Haushalt bezahlt«, sagt er. »Die Volkszähler hatten durch Singlehaushalte nur mehr Arbeit.«"

    FREITAG, Jan (2006): Wer ist Deutschland?
    FR-Plus Zahlen bitte: Weil der Staat zu wenig über seine Bürger weiß, steht 2010 eine Volkszählung an. Kosten von 470 Millionen Euro,
    in: Frankfurter Rundschau v. 23.08.

    Jan FREITAG nennt Gründe, warum eine Volkszählung erforderlich sei. Der Kampf um den jährlichen Mikrozensus zeigt jedoch, dass nicht die Datenerhebung an sich das Problem ist, sondern welche Daten erhoben werden sollen. Als Beispiele nennt FREITAG Fragen rund um Familie und Kinderlosigkeit. Bei diesen identitätspolitischen Fragen geht es weniger um die korrekte Wirklichkeitserfassung, sondern um die Skandalisierungsmöglichkeiten, die Nichtwissen bietet:

    "Das zeigt bereits der Mikrozensus. Als 2004 der Katalog (...) durch den Unions-dominierten Bundesrat ging, flog die Frage nach der personengebundenen Kinderzahl raus - angeblich als zu intim. Da nur im Haus lebende Kinder erfasst wurden, galten bereits ausgezogene somit quasi als ungeboren, was die Geburtenrate auf ein politisch ausschlachtbares Maß drückte. Aus ähnlichen Motiven dürften Fragen zur Kinderbetreuung gestrichen worden sein: Sie vertragen sich nicht mit dem konservativen Primat der Familie."

    FREITAG macht es sich natürlich ein bisschen zu leicht, wenn er allein der CDU/CSU den schwarzen Peter zuschiebt. Faktisch hat KEINE im Bundestag vertretene Partei ein Interesse an korrekten Daten zur lebenslangen Kinderlosigkeit. In dem Buch Die Single-Lüge wird aufgezeigt, warum die Parteien ganz gut mit dem Nicht-Wissen leben konnten. Zudem wird aufgezeigt, dass vorhandene Daten zur lebenslangen Kinderlosigkeit schlichtweg ignoriert wurden, weil sie nicht politisch korrekt sind.

    Das Pflegeurteil vom April 2001, dessen singlefeindliche Komponente einzig auf einem Gutachten von Herwig BIRG gründete, wäre niemals politisch so einfach durchsetzungsfähig gewesen, wenn die Zahlen zur lebenslangen Kinderlosigkeit (tatsächliche Kinderlosigkeit) und nicht einfach nur die Zahlen der Haushalte ohne Kinder (amtsstatistische Kinderlosigkeit) Grundlage gewesen wäre. Die Umdefinition von Eltern in Kinderlose ist Teil der fatalen politischen Kultur in Deutschland.

    Die Nebenwirkung dieser Single-Lüge ist auch Schuld an der vergleichsweise geringen Geburtenrate in Deutschland. Im Buch Die Single-Lüge werden diese Zusammenhänge detailreich aufgezeigt.

    KURZ, Constanze (2010): Teil einer Anti-Volkszählungs-Bewegung sein.
    Politik von unten: Ab 2011 geht es wieder los mit dem digitalen Nackigmachen: Der neue Zensus kommt. Protest dagegen regt sich bislang kaum - dabei wäre er angebracht,
    in: TAZ v.
    03.07.

    In der politischen Debatte werden - je nach Glaubensrichtung - beispielsweise Minderheiten wie Singles oder Kinderlose zu Sündenböcken für verfehlte Politik gemacht. Die jährlichen Mikrozensus-Befragungen beruhen zum einen auf völlig veralteten Volkszählungsdaten aus dem Jahr 1984 und zum anderen werden durch den Haushaltsansatz regelmäßig Eltern als Kinderlose (nur alle vier Jahre wird davon inzwischen abgewichen) und Paare als "Singles" (Einpersonenhaushalte) gezählt. Ein Zensus könnte hier endlich Klarheit schaffen, wenn der Haushaltsansatz überwunden würde. Dies ist jedoch nicht der Fall. Die Anzahl der Alleinwohnenden wird weiterhin überschätzt.

    Constanze KURZ ist jedoch aus anderen Gründen gegen neue Klarheiten. Sie befürchtet, dass gerade "Menschen mit nichtstandardisierten Lebensentwürfen, Partnerschafts- und Wohnsituationen" durch die zusätzlichen Befragungen ins Visier der Befrager kommen könnten. Diese Sorge könnte sich auf die Tatsache gründen, dass der Staat daran interessiert ist, z.B. die genaue Zahl der tatsächlich Alleinerziehenden (partnerlose Alleinerziehende) und der tatsächlich Alleinlebenden (alleinwohnende Partnerlose) zu kennen, da durch die neuen Hartz-Gesetzgebungen "Lebensgemeinschaften" anders behandelt werden als Partnerlose. Konservative weisen in der öffentlichen Debatte z.B. regelmäßig darauf hin, dass Missbrauch mit Sozialleistungen betrieben werden. Über die Höhe des Missbrauchs gibt es aber keine genauen Daten.

    SCHWENTKER, Björn (2013): Irren ist amtlich.
    In Deutschland leben 1,5 Millionen Menschen weniger als gedacht. Der Zensus 2011 offenbart, wie ungenau die Republik ihre Einwohnerzahlen kennt. Nun steht das gesamte Erhebungsverfahren zur Debatte,
    in:
    Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 02.06.

    SCHWENTKER, Björn (2013): Stichprobenfehler bei Volkszählung: Juristen halten Zensus für gesetzwidrig.
    Verstößt der Zensus 2011 gegen das Gesetz? Datenrecherchen von SPIEGEL ONLINE zeigen: Die Stichprobe, aus der die neuen Einwohnerzahlen hochgerechnet wurden, war wesentlich ungenauer als erlaubt. Nun droht eine Klagewelle,
    in:
    Spiegel Online v. 19.08.

    HASEBORG, Volker ter/MIKUTEIT, Hanna-Lotte/SCHWENTKER, Björn (2013): Die Volks(ver)zählung.
    Dossier: Plötzlich gab es 83.000 Hamburger weniger. Ganz offiziell. Denn so ergab es der Zensus, eine hochgerechnete Stichprobe, organisiert vom Statistischen Bundesamt. Doch die Zweifel werden immer größer. Zu viele Fehler, zu viele Widersprüche,
    in:
    Hamburger Abendblatt v. 21.12.

    BIELICKI, Jan & Bernd DÖRRIES (2014): Minus an Menschen.
    Wie groß sind Aachen, Mannheim oder Würzburg tatsächlich? Nach dem jüngsten Zensus sind viele Städte geschrumpft. Das kostet die Kommunen Zuschüsse und Ansehen. Nun müssen Gerichte entscheiden, ob die Einwohnerzahlen korrekt erhoben worden sind,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 04.02.

     
           
       

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    Bernd Kittlaus
    webmaster@single-generation.de Erstellt: 05. April 2015
    Update: 30. Mai 2017