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Gustav Seibt: Mein Kampf gegen die Spaßgesellschaft

 
       
   
  • Kurzbiographie

    • 1959 in München geboren
    • Studium der Geschichte, Latein und Italianistik
    • Redakteur bei verschiedenen Tageszeitungen
    • 2001 Buch "Rom oder Tod"
    • 2008 Buch "Deutsche Erhebungen"
      2010 Buch "Goethe und Napoleon"
      2014 Buch "Mit einer Art von Wut"
 
       
     
       
   

Gustav Seibt in seiner eigenen Schreibe

 
   

SEIBT, Gustav (2000): Aussortieren, was falsch ist,
in:
Die ZEIT Nr.10 v. 02.03.

SEIBT, Gustav (2000): Belecktes Unglück.
Michel Houellebecq malt die Schrecken der Moderne aus: Zu Frank Castorfs Berliner Inszenierung der "Elementarteilchen",
in: Die ZEIT Nr.50 v. 07.12.

SEIBT, Gustav (2001): Generationen.
Geschichte. Eine Kolumne,
in: Merkur Nr.3, März

Gustav SEIBT beschäftigt sich mit Sebastian Haffners Buch Geschichte eines Deutschen und erläutert seine

"Hypothese einer Zweistufigkeit bei der Generationenbildung - frühe Erfahrung und spätere Objektivierung".

Für SEIBT gibt es demzufolge zwar eine "Generation Golf", die in den Büchern von Christian Kracht, David Wagner und Joachim Helfer beschrieben wird, aber keine Generation der "89er".

SEIBT, Gustav (2001): Dunkel ist die Speise des Aristokraten.
Das Jahr "1979" und der Zerfall der schönen Schuhe: Christian Kracht ist ein ästhetischer Fundamentalist,
in: Süddeutsche Zeitung v. 12.10.

Rezension des Buches "1979" von Christian KRACHT.

SEIBT, Gustav (2001): Du darfst.
Bitte nicht in die Biotonne: Welchen Nerv trifft Florian Illies?,
in: Süddeutsche Zeitung v. 26.10.

Rezension des Buches "Anleitung zum Unschuldigsein" von Florian ILLIES.

SEIBT, Gustav (2002): Kapitalismus als Lebensform,
in: Merkur H.3, März, S.249-256

SEIBT beschreibt HOUELLEBECQs Roman "Elementarteilchen" als

"grelle Bebilderung von Panajotis Kondylis' kulturkritischem Traktat über den Niedergang der bürgerlichen Denk- und Lebensform aus dem Jahr 1991. Höhnisch hatte der brillante griechische Reaktionär den Emanzipationsbewegungen der sechziger und siebziger Jahre vorgerechnet, daß sie mit dem Abräumen der Reste von bürgerlicher »Repression« das Feld für die Funktionsimperative der Konsumgesellschaft bereinigt hätten; denn massenhafter Hedonismus erweitert die Märkte der Wohlstandsgesellschaft, und die  »Emanzipation« vereinzelt die Menschen.
(...).
Für ihn war die Revolte von 1968 nur eine Vorbereitung für das überschießende Wachstum des tertiären Sektors in jener Freizeitindustrie, die sich nach der primären Befriedigung im Nachkriegswirtschaftswunder ausbildete.
Auch Michel Houellebecq beschreibt die heutige Welt als Supermarkt. Seine Intention ist emanzipationsskeptisch und kapitalismuskritisch zugleich".

SEIBT, Gustav (2002): My Own Private Tradition,
in: Akzente ("Tradition") H.4 August, S.331-340

SEIBT schildert hier ausführlich seine Sozialisation zum Bildungsbürger. Gleichzeitig entwickelt er eine "Generationentheorie":

"Erzogen wird man durch Eltern und Gleichaltrige, die eigentlichen Gegenbegriffe sind nicht Tradition und Fortschritt, sondern Traditionen und Generation. Traditionen werden weitergetragen im Familiengedächtnis  (...). Der Staat spielt jedenfalls in Deutschland für die Durchsetzung und Bewahrung von Traditionen eine ganz untergeordnete Rolle (...). Die Sozialisation in der Gleichzeitigkeit der Generation wird heute übermächtig gefördert durch die Ausdifferenzierung einer eigenen Jugendkultur, nicht zuletzt in einem separaten Wirtschaftszweig. Der heutige Nimbus des Generationenbegriffs mit seinem Kult der Gegenwärtigkeit ist eine Folge vermehrten Wohlstands".

SEIBT blickt nostalgisch auf seine Jugendzeit zurück und Verständnislosigkeit kennzeichnet sein Blick auf die Generation Golf:

"Ich wechselte gerade aufs Gymnasium, als die Kinder der Generation Golf zur Welt kamen. Wenn ich heute ihre Bücher lese, staune ich über die Abwesenheit des Typs intellektueller und ästhetischer Erfahrungen, die mir, meinen Brüdern und meinen besten Freunden als Halbwüchsigen die erste Richtung gaben; und ich staune über die Abwesenheit all der generationsspezifischen Sensationen bei mir, von denen heute die Jüngeren erzählen, als seien sie schon alte Herren.
(...)
Uns wurde weder von den Eltern noch von der Schule irgendetwas aufgedrängt; vor allem aber nicht von einem die Phantasie besetzenden Medium. In einem Schonraum der Ruhe konnte ich meine eigene Phantasie ausbilden".

Für SEIBT ist Tradition gleichbedeutend mit Freiheit:

"Traditionen mögen in archaischeren Gesellschaften oft beengend gewesen, in meiner Generation bedeuteten sie Freiheit - Freiheit von der Horizontlosigkeit einer immer noch neurotisierten Nachkriegsgesellschaft, die ihre Eltern und Großeltern mit guten Gründen hasste."

SEIBT, Gustav (2002): Auf Wiedersehen Schönheit.
In der demographischen Zeitenwende: Die gealterte Gesellschaft,
in: Süddeutsche Zeitung v. 10.08.

Wenn jemand Bücher liest wie Die deformierte Gesellschaft (Meinhard MIEGEL) oder Die demographische Zeitenwende (Herwig BIRG), dann könnte dieser Jemand auf solche Fragen kommen wie:

"Werden kritische Fernsehserien die Geschichte aufarbeiten und die Verbrechen der Selbstverwirklichung ums Jahr 2000 anprangern?"

Leider stellt sich Gustav SEIBT die näher liegende Frage nicht: Was ist von solchen Prognosen überhaupt zu halten? SEIBT hätte sich die demographische Literatur um das Jahr 1965 ansehen sollen. Damals hatten Demographen aufgrund des Verhaltens in den 1950er Jahren auf das Verhalten im Jahr 2000 kurzgeschlossen, so wie heutzutage Demographen vom Verhalten der 1970er Jahre auf das Verhalten im Jahr 2030 oder noch weiter in die Zukunft schließen.

1966 gab Hans-Joachim NETZER das Buch Die Gesellschaft der nächsten Generation heraus. In dem Beitrag von Hermann SCHUBNELL über die "Entwicklung unserer Bevölkerung" zieht der Autor den Schluss:

"die weitere Verbesserung der Einkommens- und vor allem der Wohnverhältnisse für breitere Bevölkerungskreise vorausgesetzt - (werden) in der künftigen Generation sicher nicht weniger Kinder geboren werden als in der heutigen und daß die Tendenz besteht, eher drei Kinder als nur zwei haben zu wollen." (1966, S.63)

SCHUBNELL bezieht sich bei seinen Prognosen zum Geburtenüberschuss auf die Bevölkerungsvorausberechnung von Karl SCHWARZ, der die Geburtenhäufigkeit von 1964 ins Jahr 2000 hochrechnete:

"Auf Grund dieser Annahmen zeigt es sich, daß wir bis zum Jahr 2000 mit einem Geburtenüberschuß rechnen können, der zwischen 3,7 Promille und 6,1 Promille liegt".

Bereits zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Prognosen hatte sich das Gebärverhalten der Frauen verändert. Kein Demograph hat dies damals rechtzeitig prognostiziert. Es ist davon auszugehen, dass dieses Schicksal auch den Prognosen von Herwig BIRG beschieden sein wird. MIEGEL bezieht sich mit seinen Daten auf BIRG so wie SCHUBNELL damals auf SCHWARZ.

Es muss also erstaunen, dass die Prognosen der Demografen nicht stärker in Zweifel gezogen werden und stattdessen von Kulturpessimisten wie SEIBT Horrorvisionen auf der Basis demografischer Unwahrscheinlichkeiten verbreitet werden.

Demografische Niedergangsszenarien - Die Konvergenz von Neuer Mitte und Neuer Rechte

SEIBT, Gustav (2002): Gelebter Pessimismus.
Demographische Zeitenwende: Wird Europa sich allmählich in einen Geschichtspark verwandeln?
in: Süddeutsche Zeitung v. 27.09.

SEIBT hat die Titelgeschichte des Economist vom 23.08.2002 gelesen, in dem es um die unterschiedliche demographische Entwicklung von Europa und den USA geht.

"Amerika hat bewiesen, dass die Gleichung von Wohlstand und Geburtenrückgang nicht zutreffen muss. Seit 1985 hat sich der Bevölkerungstrend dort umgekehrt,"

schreibt SEIBT. Man muss nur die US-amerikanische Literatur der 1980er Jahre studieren, um festzustellen, dass diese Umkehr in den dortigen Medien keineswegs das Thema war, sondern es war dort der gleiche griesgrämige Kulturpessimismus vorherrschend wie  hierzulande seit Ende der 1980er Jahre. SEIBT verschweigt aus gutem Grunde die wahrscheinlichere Erklärung für das nur zeitweilige Auseinandertriften der Geburtenraten in Europa und den USA. Auch in den USA wurde die Geburtenentwicklung zuerst falsch eingeschätzt, weil der Aufschub der Geburten nicht berücksichtigt worden war. In Europa - speziell in Deutschland -  weigern sich die Bevölkerungswissenschaftler beharrlich - aus demagogischen Gründen - den Geburtenaufschub in ihren Prognosen ausreichend zu berücksichtigen:

"Remember that between 1970 and 1985 American fertility rates were slightly lower than Europe's. What seems to have happened then was not hat Americans  were having fewer children overall, but that a generation of women was postponing motherhood. That depressed America's birth rate in 1970-85, shifted a surge of births by half a generation, and produced an unusually high rate in the 1990s. That same population shift is happening in parts of Europe now, especially in those Mediterranean countries with the lowest fertility rates."

Demografische Niedergangsszenarien - Die Konvergenz von Neuer Mitte und Neuer Rechte

SEIBT, Gustav (2002): Genuss & Verzehr.
Generationengerechtigkeit: Zur Logik eines Begriffs,
in: Süddeutsche Zeitung v. 20.11.

Nach kurzer Simulation eines Lagerkampfes kehrt die SZ heute wieder zur alten Form zurück. Der Baby-Boomer Gustav SEIBT hat im Gegensatz zum Generationsgenosse Heinz BUDE sein Schicksal gefunden:

"Die Generation (...) ist ein naturhaftes Faktum, ein soziales Schicksal, aus dem niemand ausbrechen kann. Schicksalhaft ist die Teilhabe an einer Generation in mehrfacher Hinsicht: Zunächst durch das Geburtsdatum, an dem kein Mensch rütteln kann; sodann durch den demographischen Kontext, also den Umfang der Alterskohorte, den man sich ebenfalls nicht aussuchen kann. Zusammen mit seiner Alterskohorte muss jeder Mensch durch die Zeit reisen, und wenn er sich tausendmal sagt: Schon unsere Zahl ist Frevel. Die soziale Herkunft mag man mit Fleiß, Begabung und Glück zur Not hinter sich lassen. An seine Generation bleibt jedermann sein Leben lang gefesselt."

Angesichts des demografischen Schicksals sieht SEIBT dem Fluch der Generationengerechtigkeit ins Auge:

"Die heute Siebzigjährigen sind im Krieg groß geworden, und sie haben danach mit unerhörter Tatkraft jenen Wohlstand geschaffen, in dem die heute vierzigjährigen Babyboomer und ihre noch verzärtelteren Geschwister von der Generation Golf aufwuchsen. Nach solchen Leistungen kann sie der Kampfbegriff der Generationengerechtigkeit nicht ernstlich treffen.
Doch in zwanzig, dreißig Jahren wird die Generationengerechtigkeit ein ganz anderes Gesicht annehmen. Dann wird eine Altersgruppe massenhaft in Rente gehen, für die Pietät zu empfinden wenig Anlass besteht – sie hat ja nicht einmal für Kinder gesorgt. Vor allem wird sie, wenn sich nicht bald am Renten- und Gesundheitssystem etwas ändert, jede wirtschaftliche Tätigkeit ihrer wenigen Nachkommen ersticken. Der Begriff der Generationengerechtigkeit verspricht dann ein unerfreuliches Konfliktpotential zu entfalten. Wenn nichts passiert, dann werden um 2040 die Generationen einander nicht nur feindlich gegenüberstehen, sondern dazu noch mit dem Gefühl subjektiven Rechts; schließlich kann kein Einzelner etwas dafür, wenn er einem geburtenstarken oder einem geburtenschwachen Jahrgang angehört."

Um es gar nicht so weit kommen zu lassen, beschreibt SEIBT die Vorzüge eines Generationenkriegs, indem er die Symbolik des Begriffs Generationengerechtigkeit genüsslich ausmalt:

"Die dem Solidaritätsbegriff zugrundeliegende Vorstellung von sozialer Gerechtigkeit ist auf die Gegenwart fixiert (...).
Mit der Idee der Generationengerechtigkeit wird ein ganz anderer Schnitt durch die Gesellschaft gelegt. Altersgruppen erscheinen nun ähnlich voneinander separiert wie soziale Klassen, und man könnte in Analogie zu den überkommenen ständischen Begriffen vom Lernstand, Arbeitsstand und Ruhestand sprechen, wenn man Jugendliche, Erwachsene und Alte meint. Noch böser ist, wer dem einen Erwerbsstand zwei Verzehrsstände gegenüberstellt. Die politische Kraft solcher Begriffe beruht auf ihrer Bildhaftigkeit. Sie lassen sich illustrieren mit Bildern des Mangels (...) : Braungebrannte Rentner schunkeln auf Mallorca, während – Schnitt! – verarmte kinderreiche Familien mit übergroßen Einkaufswägen durch Billigsupermärkte rollen."

SEIBTs Neue-Mitte-Strategie gipfelt also im Krieg der Familien gegen Singles.

Demografische Niedergangsszenarien - Die Konvergenz von Neuer Mitte und Neuer Rechte

SEIBT, Gustav (2002): Was ist gerecht?
in: Süddeutsche Zeitung v. 31.12.

Gustav SEIBT leitartikelt über sein Lieblingsthema Generationengerechtigkeit. Gerecht geht es dabei jedoch nicht zu!

SEIBT, Gustav (2003): Mülltüte.
Dieser Staat ist nicht das Eigentum seiner Angestellten,
in: Süddeutsche Zeitung v. 08.01.

Wenn sich ein Bildungsbürger mit beamtenähnlicher Mentalität im Angestelltenfeuilleton über einen Streik im öffentlichen Dienst ärgert und die Zivilgesellschaft als Streikbrecher instrumentalisieren möchte, dann ist ein anderer Pensionsberechtigter nicht weit:

"Da hat das bürgerliche Berlin in Gestalt von Arnulf Baring jüngst die Bürger auf die Barrikaden gerufen, unter anderem, um einem jahrzehntelangen Leben über die Verhältnisse ein Ende zu machen.
Die Barrikade wäre jetzt da, wenn der Streik käme, und sie sähe aus wie eine Mülltüte."

SEIBT, Gustav (2003): Das Wellensittich-Attentat.
Andrè Kubiczeks böser Ost-West-Berlin-Roman,
in: Süddeutsche Zeitung v. 02.04.

Eigentlich wäre die Rezension keinen Kommentar wert, aber da Gustav SEIBT gerne die Generationengerechtigkeit gegen soziale Gerechtigkeit ausspielt, mag es erstaunen, dass in dieser Rezension des Romans Die Guten und die Bösen von Andrè KUBICZEK so viel über Klassen zu lesen ist, denn bis vor kurzem war dieser Begriff vollkommen verpönt:

"Der Roman zeigt das konsumästhetische Universum der feinen Unterschiede durchgehend aus der Sicht von unten, mit den Augen jener, die es nicht beherrschen und es sich nicht leisten können. Distinktion ist Gewalt, das ist eine der Erfahrungen, die diesem Buch wichtig sind. Geschmack, gute Manieren, die ganze westliche Zivilisiertheit ist nur eine ganz alt-neue Gestalt von Klassendünkel und Einschüchterung".

Und als Fazit:

"Klassenkampf ist keine Lösung, das sagt der Autor Kubiczek durch seine überraffinierte Konstruktion, die jede Karikatur gleich auch als Karikatur bezeichnet, durch das Scheitern aller seiner einzelkämpferischen Helden. Aber Klassenhass ist doch der Treibstoff seines Erzählens, das, was es schockierend und bewegend, also interessant macht".

SEIBT, Gustav (2003): Berliner Leben,
in: Merkur, April

Für Gustav SEIBT ist der Roman Rome von Émile ZOLA das bis heute unerreichte "Vorbild eines politisch-soziologischen Hauptstadtromans". Und weil niemand kompetent genug ist, versucht sich SEIBT wenigstens an einer Vorlage für Literaten, die nun dank seiner Anleitung den ultimativen Hauptstadtroman schreiben sollen. Einzig die kulturpessimistische Perspektive auf die Spaßgesellschaft ist für SEIBT am Berlinbild wichtig. So entdeckt er "moussierende" Subkulturen, das von Punks besetzte Kreuzberg, die "vermüllten Interieurs der Westberliner New-Wave-Kneipen" usw. Natürlich waren all diese Sonderkulturen, die der unverstandene GROßBÜRGER SEIBT verächtlich als kleinbürgerlich abwertet, nicht amused über den Mauerfall - im Gegensatz zu SEIBT, der endlich die Spaßgesellschaft verabschieden möchte. Man möchte diesen Hauptstadtroman also keineswegs lesen, es reicht bereits diese Skizze... 

SEIBT, Gustav (2004): Die große Furcht.
Können Reformen überhaupt "vermittelt" werden?
in: Süddeutsche Zeitung v. 24.02.

Was für Arnulf BARING Weimarer Verhältnisse sind, das sind für Gustav SEIBT italienische Verhältnisse, die Deutschland drohen. Es mag ja sein, dass dem Dramatisierer SEIBT die Sozialreformen nicht weit genug gehen. Es ist jedoch verharmlosend, wenn er bei den Sozialreformen von einem Vermittlungsproblem spricht. Was soll eigentlich vermittelt werden? SEIBT schreibt dem demografischen Wandel eine Naturgesetzlichkeit zu, die nicht existiert. Seit Gerd BOSBACH - viel zu spät - die Unumstrittenheit der Bevölkerungsvorausberechnung vom Juni 2003 als Ideologie entlarvt hat, ist es nicht mehr möglich - so wie es SEIBT dennoch versucht - sich auf den unausweichlichen demografischen Wandel zu berufen. Es reicht nicht mehr, Horrorszenarien zu bebildern. Vielmehr ist das statistische Fundament zusammengebrochen, auf dem SEIBT seine Argumentation aufgebaut hat. Es gibt also kein Vermittlungsproblem, sondern das Ausmaß des demografischen Wandels und dessen Folgen stehen zur Debatte. Wer wie SEIBT behauptet, dass ein bislang funktionierender Pluralismus per Demografie ausgehebelt wird, leugnet die bestehende Schieflage im System der Interessenorganisation. Im Gegensatz zu den Familienfundamentalisten haben Singles keine Lobby. Denn anders ist es nicht zu erklären, dass es über ein halbes Jahr gedauert hat, bis die Strittigkeit des demografischen Wandels überhaupt thematisiert werden konnte. Non-Decision-Making nennt man in den Politikwissenschaften dieses Phänomen, bei dem der politische Gegner nicht einmal in der Lage ist, berechtigte Kritik in den politischen Prozess einzubringen. Die Mitte-Medien haben dies bis zur Verabschiedung der Agenda-Gesetze im Dezember verhindert. Nur im August durfte Detlef GÜRTLER in der Welt erste Zweifel anmelden. Ein Echo erzeugte das nicht. Die ehemals alternative, neuerdings neoliberale taz veröffentlichte nicht einmal einen kritischen Leserbrief von single-generation.de. SEIBT bläht - wie das Polarisierer gerne tun - die Minderheit der lebenslang Kinderlosen auf, indem er sie mit den Eltern, deren Kinder ausgezogen sind, zu einem "Keulenhaupt" zusammenfasst, das dann "zu großen Teilen aus Kinderlosen" besteht. Tatsächlich gibt es diese Interessenidentität nicht, die SEIBT und andere Sozialpopulisten behaupten, damit das ersehnte Drama seinen unguten Lauf nehmen kann. Es ist offensichtlich, dass SEIBT hier einen Generationenkonflikt inszeniert, der nichts anderes ist als ein Klassenkampf von oben. Unsere Eliten stehlen sich aus der Verantwortung. Solidarität kennen sie nur unter Ihresgleichen. Da wird sich mit Josef ACKERMANN (siehe hierzu Sighard NECKEL in der ZEIT) verbrüdert, der seine Verachtung für den demokratischen Staat im Gerichtssaal demonstriert. Und nicht zuletzt werden gerne die Arbeitnehmertugenden gelobt, obgleich es so manchem eher auf die gewünschte Fügsamkeit ankommt und weniger auf Leistungsgerechtigkeit. Der Elitenforscher Michael HARTMANN hat hierzu in der FR vom 09.02.2004 treffend bemerkt:

"Entgegen den Beteuerungen der meisten Politiker, Manager und Medienvertreter handelt es sich bei Eliten nämlich nicht einfach um die Leistungsstärksten eines jeden gesellschaftlichen Sektors. Das in diesem Zusammenhang immer wieder verwendete Beispiel vom Spitzensport führt in die Irre. Im Sport zählt man, lässt man Doping und Ähnliches einmal außer Acht, in der Regel auf Grund seiner individuellen Leistung zur Spitze. Damit ist keine dauerhafte soziale Stellung in der Gesellschaft verknüpft. Deshalb wird normalerweise ja auch von Spitzensportlern und nicht von der Sportelite geredet. Ein Leichtathlet, dessen Körper den Belastungen nicht stand hält, ist ebenso schnell wieder unten, wie er oben war.
Genau das ist bei den wirklichen Eliten in Wirtschaft, Verwaltung, Justiz, Wissenschaft und Justiz anders. Sie gehören qua Position und zumeist auch qua sozialer Herkunft relativ dauerhaft zu den so genannten besseren Kreisen der Gesellschaft.
"

SEIBT, Gustav (2004): Die neue Notgemeinschaft,
in: Süddeutsche Zeitung v. 14.08.

SEIBT betätigt sich als Demagoge, wenn er behauptet, dass der Bevölkerungsrückgang, der keineswegs so zwangsläufig kommen muss, wie das die Apokalyptiker à la SEIBT uns weismachen wollen, zu Wohlstandsverlusten führt. Politische Entscheidungen zu Zwangsläufigkeiten zu stilisieren, das ist die Aufgabe, der sich unsere neokonservativen Schreibtischtäter widmen.

SEIBT, Gustav (2005): Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein.
Täter-Pop und Lebenstriebe, auch anlässlich eines erfolgreichen Films: Zum Stand der Genealogie der Moral,
in: Süddeutsche Zeitung v. 12.02.

SEIBT sieht sich selbst als einer der letzten Feuilleton-Großbürger Deutschlands. Aus dieser Sittenwächter-Perspektive kritisiert er die Kleinbürgerlichkeit der Moral in Hans WEINGARTNERs Film "Die fetten Jahre sind vorbei". Am Ende steht dann das Grundsätzliche:

"Moral unterstützt, erleichtert, enthemmt in der nachchristlichen Welt die nietzscheanischen Lebenstriebe, vor allem die Freude an der Machtausübung, an Gewalt über andere Menschen, nicht zuletzt den Wunsch nach Rache. Ich bin brutal und darf es sein, denn ich bin im Recht, weil, die Welt ist ja schlecht. Und jugendliche Brutalität ist darüber hinaus ja auch noch erotisch attraktiv."

SEIBT, Gustav (2005): Das schwarze Loch.
Was wollen die Konservativen?
in: Süddeutsche Zeitung v. 02.07.

SEIBT, Gustav (2005): Die Scheidung der Dinge.
Es steht Spitz auf Knopf: Horst Köhler und der Kitsch,
in: Süddeutsche Zeitung v. 23.07.

"»Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand gebietet«, erklärte der flackernde Staatsrechtler Carl Schmitt, der den »Hüter der Verfassung« erfunden hat. Dass Bundespräsident Horst Köhler der Versuchung nicht widerstand, sich in die rhetorische Nähe zu solchem verfassungsrechtlichen Kitsch zu begeben, darf als Missgriff von Rang bewertet werden", meint Gustav SEIBT. 

SEIBT, Gustav (2006): Opfer '06.
Die Bildungskatastrophe, die Wertedebatte und die heillose Macht des Vulgären in den Massenmedien,
in: Süddeutsche Zeitung v. 29.04.

SEIBT, Gustav (2006): Deutschland.
SZ-Thema: Dreißig Jahre nach zwölf,
in: Süddeutsche Zeitung v. 04.05.

Gustav SEIBT versucht sich als SCHIRRMACHER-Imitator. Er schreckt dabei auch vor Halbwahrheiten nicht zurück. Angeblich bezog sich bisher die demographische Panik stets auf die Überbevölkerung.

Vielleicht sollte SEIBT beim Historischen Demographen Josef EHMER nachschlagen. Dort gibt es eigens ein Kapitel über die Paradigmen der Bevölkerungspolitik, die zwischen "Überbevölkerungsangst" und "Entvölkerungsangst" schwankte. Es ist sicher auch kein Zufall, dass Herwig BIRGs Buch Die ausgefallene Generation bereits in Wilhelm HARTNACKEs Buch Die Ungeborenen"(1936) seinen Vorläufer hatte.

SEIBT, Gustav (2008): Die Rückkehr der Wut.
Die Enttäuschten und Beleidigten: Wenn Wut die Politik beherrscht, können auch andere Gespenster zu unbeherrschbaren Bedrohungen werden. Was einen Zerfall des Parteiensystems so gefährlich macht,
in: Süddeutsche Zeitung v. 15.07.

SEIBT, Gustav (2008): Heimat existiert.
Das überraschende Resultat einer Umfrage zum Wohnverhalten der Deutschen zeigt: Die Bürger sind auffallend standortfest,
in: Süddeutsche Zeitung v. 19.07.

SEIBT, Gustav (2008): Das reiche Leben in den Villen des Klassenfeinds.
Auf Platz eins der Bestsellerliste: Uwe Tellkamps Roman "Der Turm" wird zum Volksbuch - ein Erklärungsversuch,
in: Süddeutsche Zeitung v. 25.10.

SEIBT, Gustav (2009): Die Größe eines Millimeters.
Von der Politik als neue Klasse entdeckt: das "kreative Bürgertum",
in:
Süddeutsche Zeitung v. 08.05.

Gustav SEIBT lästert über das "kreative Bürgertum" der Grünen-Politikerin Renate KÜNAST. Dieses in Deutschland von dem Politikwissenschaftler Franz WALTER den Grünen schmackhaft gemachte Milieu erscheint SEIBT als klassenkämpferische Adaption des Ansatzes von Richard FLORIDA, dessen "Creativ Class" dafür Pate stand. Übertragen auf deutsche Verhältnisse wird daraus jedoch misogyner Kleingeist des grünen juste Milieu:

"Es fällt schwer, dabei nicht an jene Kreuzberger Hausbesetzer zu denken, die längst zu Hausbesitzern mutierten, jeden möglichen Neuzugang vor den Wohlfahrtsausschuss der Eigentümergemeinschaft zu bringen und sich im Übrigen mit Schärfe gegen die Möglichkeit wenden, im leeren Ladenlokal unten könne eine Fixerstube eingerichtet werden. So viel Verantwortungsbewusstsein muss sein".

SEIBT, Gustav (2009): Bitte kein sumpfiges Duzen.
Warum Jan Fleischhauer konservativ sein will,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 13.05.

"Fleischhauers Buch ist (...) keines der Renegaten-Werke, wie Alt-Linke sie gern zu den Gedenkjahren von 1968 vorlegen. Es ist inszeniert als Selbstbefreiung eines braven Kinds links-bürgerlicher Eltern und eines emanzipatorischen Bildungswesen, das Aufsässigkeit als Anpassungsleistung verlangte - bis hin zu jenem »sumpfigen Duzen« der Lehrer, das schon Rolf-Dieter Brinkmann vor vierzig Jahren so abstoßend fand. Kurzum, es geht um die Kollateralschäden der »Verbeamtung der Ideen von 1968« sowie ihrer breiten Durchsetzung in der Sphäre dessen, was der marxistische Theoretiker Antonio Gramsci »kulturelle Hegemonie« nannte: Medien, Universitäten, Kulturbetrieb", meint Gustav SEIBT der sich in Zeiten des Wahlkampfes der postmodernen Gattung Milieutourismus widmet.

SEIBT, Gustav (2009): Mit welchen Augen jemand die Welt sieht.
Literaturkritische Anmerkungen zu Volker Zastrows Recherche über die "hessischen Vier",
in: Süddeutsche Zeitung v. 10.08.

SEIBT, Gustav (2009): Berlin Mitte.
In der Hauptstadt gibt es wie kaum anderswo eine Klientel, die früher SPD oder Grüne wählte: Meinungsmacher, Produzenten, Galeristen, Künstler. Dieses Milieu hat in der FDP eine neue Heimat gefunden,
in: Süddeutsche Zeitung v. 29.09.

SEIBT, Gustav (2010): Das Papsttum.
Das war die Gegenwart (17): Aufstieg und Fall des katholischen Eleganzphänomens,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 17.04.

Gustav SEIBT verabschiedet den Feuilletonkatholizismus, der in der Mitte der Nuller Jahre Hochkonjunktur hatte. Da wurden Kircheneintritte im Feuilleton hinausposaunt oder die Häresie der Formlosigkeit (Martin Mosebach) stand auf der Agenda. SEIBT entdeckt hier sogar eine geistige Verwandtschaft zu den Popliteraten:

"Kritische Geister interessierten sich für die »Sinnressourcen« und erhabenen Traditionen des Glaubens in seiner katholischen Gestalt. Dazu trug ein Überdruss an protestantischer Verschwommenheit bei, am Lila der Kirchentage, am grauenvollen Sacropop der Open-Air-Messen. Dies korrespondierte nicht nur untergründig mit dem Unbehagen der Popliteraten von »Tristesse Royale« und »Generation Golf« an pazifistischer Formlosigkeit, an der Strickpullikultur engagierte Pädagogen, an jenem Gebarme, das Eckhard Henscheid in seinem Wörterbuch »Dummdeutsch« in den Eintrag presste: »Frauenfeindlich: ist heut praktisch alles.«
            Die gottesdienstliche »Häresie der Formlosigkeit«, die Martin Mosebach in seinem Bestseller zur alten katholischen Liturgie anprangerte, sie schien das Kulturproblem einer ganzen Generation junger Ästheten zu sein. Gut, dass der äthiopische Prinz Asfa-Wossen Asserate uns wieder mit den alteuropäischen Manieren vertraut machte".

Als größten realpolitischen Erfolg des Feuilletonkatholizismus feiert SEIBT die

"Rückkehr der laschen deutschen Kirche zum strengen Lebensschutz in der Abtreibungsfrage".

SEIBT, Gustav (2010): Dem Bewahren, Schönen, Guten.
Erst ging es nur um Nachhaltigkeit und Manufactum-Besteck. Dann war plötzlich die Rede von Schulreformen und Angst vor Überfremdung. Was bisher aussah wie Lifestyle, hat in Wirklichkeit den Boden bereitet für einen neuen Konservatismus. Wir wollen es nur nicht wahrhaben,
in: SZ-Magazin Nr.47 v. 26.11.

"Seit einigen Jahren führen wir Demografiedebatten, Migrantendebatten und Sozialstaatsdebatten. Diese Themen bündelt das erfolgreichste politische Buch, das in der Geschichte der Bundesrepublik je erschien – Thilo Sarrazins Weckruf Deutschland schafft sich ab. Die um ihre breite Mitte kreisende Politik wurde kalt erwischt. Noch ist daraus keine politische Bewegung geworden, aber Sarrazins Forderungen werden die Parteien der Mitte so verändern, wie es auf der anderen Seite der kurzfristige Erfolg der Linkspartei auch tat",

meint Gustav SEIBT.

"Um 2002 trat in unser Bewusstsein, dass wir eine alternde Gesellschaft sind",

schreibt SEIBT, nur weil die SZ damals das Thema Demografischer Wandel verpennt hatte und dann stramm mit Niedergangsszenarien im Agenda-Mainstream mitmarschierte. Dummerweise wurde gerade in der FAZ der Untergang des Abendlandes abgeblasen. Und Frank SCHIRRMACHERs Methusalem-Komplett fällt mangels Substanz leider aus. Nach der Volkszählung dürfte die deutsche Demografiewelt sowieso völlig anders aussehen. Die Debatte um den Geburtenrückgang könnte durch einen aktuellen Artikel von Olga PÖTZSCH in der Oktoberausgabe der ehemaligen Zeitschrift für Bevölkerungspolitik (neu: Comparative Population Studies) neuen Zündstoff erhalten, denn die in den 1950er Jahren geborenen Frauenjahrgänge haben - im Gegensatz zur hysterisch geführten Debatte des letzten Jahrzehntes - nur eine minimal höhere Geburtenrate als die Mitte der 1960er Jahre Geborenen erzielt: Der prominente Frauenjahrgang 1965 hat eine Geburtenrate von ca. 1,5 erzielt, während die 1955 Geborenen gerade einmal auf 1,6 kommen (siehe Tabelle 3, S.183). Es gibt in Deutschland bislang keinen einzigen Frauenjahrgang, der am Ende seiner reproduktiven Phase eine Geburtenrate von 1,3 erzielt hätte. Jene Zahl also, auf die sich die hysterische deutsche Debatte bezieht. Am Ende könnten unsere Eliten à la Gustav SEIBT (Jahrgang 1959) und Frank SCHIRRMACHER (ebenfalls Jahrgang 1959) ganz schön alt aussehen mit ihren Prognosen. Denn womit ließe sich eine Debatte um Generationengerechtigkeit rechtfertigen, wenn sich die Kontrahenten in ihrem Geburtenertrag nur unwesentlich unterscheiden? Wer selber im Glashaus sitzt, sollte bekanntlich keine Steine werfen.

SEIBT, Gustav (2011): Scheiternde Ökonomien.
Keine Politik kann die Gesetze der Wirtschaft aushebeln,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 04.11.

Die Weimarer Republik ist an Jammereliten wie Gustav SEIBT untergegangen. SEIBT entblödet sich nicht, die Griechenland-Krise zu nutzen, um das "vergreisende Deutschland" gleich mit abzuschreiben.

Angeblich stehen wir mit unserer Verschuldung nur im Vergleich mit den hoch verschuldeten Mittelmeerländern gut da. Tatsächlich? In der SZ vom 26. Oktober ("Chinesische Versuchung" von Catherine HOFFMANN) war dagegen zu lesen, dass die Staatsverschuldung im bevölkerungspolitischen Musterland USA ganze 17 % höher ist als in Deutschland. Nimmt man hinzu, dass unsere Bankmanager die Verschuldung Deutschlands um 55,5 Milliarden Euro zusätzlich durch Verrechnen in die Höhe getrieben haben, dann stehen wir sogar noch besser da (wer weiß, ob nicht noch mehr Milliarden falsch gebucht wurden?).

Japan, das im Vergleich zu Deutschland aufgrund seines ungleich größeren Babybooms auf eine "Überalterung" zusteuert, gegen die wir in Deutschland eine blutjunge Bevölkerung haben, hat eine 3mal so hohe Staatsverschuldung wie Deutschland.

Fragt sich also, auf welchem Planeten lebt Herr SEIBT? Träumt sich unsere Jammerelite nicht eine ideale Bevölkerung zusammen, vor der keine einzige reale Bevölkerung bestehen könnte?

Wer solch eine jämmerliche Medienelite besitzt, der braucht keine äußeren Feinde mehr!

SEIBT, Gustav (2012): Geheimnis einer Fiebersenkung.
Moderate Inflation? Das heißt: Halbes Geld für Babyboomer,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 31.05.

Gustav SEIBT erörtert zuerst die Möglichkeiten des Abbaus der Staatsschulden durch eine moderate Inflation:

"Mit einer Inflation von vier Prozent bei niedrigen Zinsen lassen sich Schuldenberge schon in einem guten Jahrzehnt dritteln; in anderthalb Jahrzehnten ist schon mehr als die Hälfte der Kaufkraft weg".

Danach erläutert er, dass diese Inflation in erster Linie die Babyboomer treffen werde:

"Europa besteht derzeit aus alternden Gesellschaften, darunter Deutschland, aber in besonderem Maß auch Italien und Spanien. Hier trifft die angeblich maßvolle Inflation und die damit verbundene Geldfiebersenkung die heute Fünfzig- bis Sechzigjährigen, jene also, denen man in Deutschland vor zehn Jahren ans Herz legte, sie sollten auf dem Kapitalmarkt zusätzliche Altersvorsorge betreiben. (...). Diese Generation - die erste der Riester-Renten - ist die geburtenstärkste und kinderärmste der bisherigen deutschen Geschichte. Die Babyboomer, die ab 2025 in Rente gehen werden, haben also eine gestiegene Lebenserwartung vor sich, und sie werden einer schrumpfenden arbeitenden Bevölkerung auf der Tasche liegen. Diese Alterskohorte wird (...) nicht mehr die Möglichkeit haben, sich das Eingebüßte zurückzuerarbeiten."

Gustav SEIBT findet das ganz gerecht. Der Haken an der Sache: Die moderate Inflation trifft nur die Geringverdiener, während die Besserverdiener Ausweichmöglichkeiten besitzen:

"Die moderate Vier-Prozent-Inflation trifft (...)(die) kleineren Sparvermögen mit besonderer Wucht. (...). Für kleinere Ersparnisse gibt es wenig Ausweichmöglichkeiten, etwa in Immobilien (schnell überbewertet) oder auf dem Risiko-Kapitalmarkt (für kleine Summen dringend abzuraten)."

Der Abbau der Schuldenberge hat also nichts mit einem Generationenproblem zu tun wie SEIBT weismachen will, sondern ist eine weitere Form der Umverteilung von unten nach oben.

SEIBT, Gustav (2012): Methusalem wälzt sich heran wie ein Gewitter.
Vor zehn Jahren wurde ein Problem entdeckt, an dem seither zaghaft geschraubt wurde – ohne es zu beheben: der demografische Wandel in die Altersgesellschaft,
in: Süddeutsche Zeitung v. 13.08.

Vor 10 Jahren ist die SZ aus ihrem Tiefschlaf aufgewacht, wollte dann aber ganz vorne mitmischen. Sie hatte den demografischen Wandel als Thema verschlafen, wie uns Gustav SEIBT nun mitteilt. Natürlich wurde das Thema nicht erst 2002 entdeckt, sondern der demografische Wandel wurde medial bereits im Jahr 1975 wieder entdeckt - denn wir sterben seit über 100 Jahren immer wieder aus und vergreisen. Frank NULLMEIER & Friedbert W. RÜB schreiben:

"Bereits seit 1977/78 wurde die Folgen des Geburtenrückgangs als Rentenberg nach dem Jahr 2010 für restriktive Eingriffe in die Gesetzliche Rentenversicherung angeführt. Steigende Alterslasten und selbst die Warnung vor dem »Aussterben der Deutschen« waren und sind keine Rezessionsthemen. Die Thematisierung der demographischen Entwicklung verstärkte sich vielmehr im langen Aufschwung der 80er Jahre." (1993, S.362)"

Auch die Zunahme der Alten wurde bereits Ende der 1980er Jahre reißerisch thematisiert.

Man kann sich also nur über das kurze Gedächtnis von Gustav SEIBT wundern! Oder liegt es an den kurzatmigen medialen Aufmerksamkeitszyklen?

Am 4. Oktober findet ein Demografiegipfel statt, auf den die Zeitung Das Parlament bereits letzte Woche mit einer Themenausgabe zum demografischen Wandel vorbereitet hat. Man darf also einen heißen medialen Demografieherbst erwarten - falls er nicht der Eurokrise oder sonstigen Krisen zum Opfer fällt. Oder erinnert sich noch jemand an die Vorstellung des Demografieberichts Jedes Alter zählt im Frühjahr?

SEIBT, Gustav (2013): Mitte People, peinlich.
Johanna Adorjáns Petit fours,
in: Süddeutsche Zeitung v. 15.04.

"Die Zahl 500 hat (...) ihre Berechtigung, denn sie bezeichnet mutmaßlich statistisch korrekt den Ausschnitt der gesellschaftlichen Wirklichkeit, um den es hier geht. Es handelt sich (...) um das Berliner Mitte-People aus Schreibern, Galeristen, Filmleuten und sonstigen »Kreativen«, also jene winzige Kohorte, die, wie es gleich in der ersten Geschichte heißt, von sich sagen kann, »wir saßen oft im Borchardt und hielten das alles für sehr wichtig«", weiß Gustav SEIBT über den Erzählband Meine 500 besten Freunde von Johanna ADORJÀN.

Neu:
SEIBT, Gustav (2014): Renten.
Der Obrigkeitsstaat,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 17.05.

"Der Generationenvertrag ist ein Gesellschaftsvertrag. Er geht aus von dem was ist. Er vermittelt zwischen den Interessen der Arbeitenden und der Ruheständler",

schreibt Gustav SEIBT zum 125 jährigen Jubiläum des Rentensystems.

"Schon in fünfzehn Jahren wird es in Deutschland genauso viele Menschen über 67 Jahre wie Erwerbstätige geben",

erzählt uns SEIBT. Woher er das weiß, verrät er leider nicht. Die Anzahl der "Menschen über 67 Jahre" mag relativ genau prognostizierbar sein, die der Erwerbstätigen und der Rentner ist es nicht. Oder hatte etwa jemand vor 15 Jahren 42 Millionen Erwerbstätige für das Jahr 2014 prognostiziert?

Zuletzt empfiehlt uns SEIBT seine Wunderdroge: die Flexi-Rente!

 
       
   

Gustav Seibt im Gespräch

 
   

POSCHARDT, Ulf (2008): Konservativ und mutig: Intellektuelle Heimatkunde mit Gustav Seibt.
Vom Brandenburger Tor über Goethe und Bohrer zur Fußballweltmeisterschaft. Der neue Essayband von Seibt regt eine Neubetrachtung der Deutschen an,
in: Welt am Sonntag v. 13.04.

 
       
   

Deutsche Erhebungen (2008).
Das Klassische und das Kranke
zu Klampen

 
   
     
 

Klappentext

"In seiner 1945 verfassten Rede »Deutschland und die Deutschen« bescheinigte Thomas Mann seinen Landsleuten, dass ihnen immer wieder gerade das Beste zum Bösen ausgeschlagen sei - damit eine Betrachtung Goethes verschärfend, der das Klassische als das Gesunde, das Romantische als das Kranke einstufte. Gustav Seibt lässt sich von solchen Diagnosen anregen, indem er sich mit einem »deutschen Sonderweg« auseinandersetzt: dem Philhellenismus, der Sehnsucht nach einem deutschen Arkadien. Mit ihrer schwärmerisch-melancholischen Tendenz, ihrem ästhetischen Radikalismus hat die Griechenliebe immer wieder das Mißtrauen der »lateinisch-nüchternen« europäischen Nachbarn erweckt und insbesondere nach 1945 zum Nachdenken über ihren Anteil am nationalen Kulturhochmut der Deutschen herausgefordert. Dass die hellenisch-deutsche Wahlverwandtschaft nicht zwangsläufig Weltferne und Gegenwartsfeindschaft zur Folge haben muss, dass der Traum vom Klassischen und die historische Melancholie durchaus kraftvoll sein, dass Sonderwege den Eigensinn gegen totalitäre Gleichschaltung befördern können, davon erzählt Gustav Seibt."

 
     
 
       
   

Rezensionen

SCHULLER, Wolfgang (2008): Wie aus einem Traum ins Heute erwacht,
Musterbeispiel für den überlegenen Eigensinn, mit dem Gustav Seibts Essays bestechen, ist dessen Abgesang auf die Universität als "Kadettenanstalt für die Akteure des Arbeitsmarktes,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 21.04.

 
       
   

Rom oder Tod (2001)
Der Kampf um die italienische Hauptstadt
Berlin: Siedler Verlag

 
   
     
 

Klappentext

"Der erste Umzug einer modernen Hauptstadt mit Parlament, Ministerien, Hof und Armee fand im neunzehnten Jahrhundert in Italien statt - und die erste Hauptstadtdebatte. Gustav Seibt erzählt von einem der letzten großen Kämpfe um Rom, der einen fernen Spiegel aktueller Erfahrungen darstellt.
Zehn Jahre sind zwischen dem Hauptstadtbeschluss des Parlaments und dem Umzug der Regierung verstrichen: Nicht von Berlin ist die Rede, nicht vom heutigen Deutschland, sondern von Rom und Italien im neunzehnten Jahrhundert. Italien wurde 1861 geeinigt, 1871 bezog es seine Hauptstadt Rom. Es gab lange Hauptstadtdebatten davor und einen ebenso langwierigen Umbau der Stadt danach. Darum hatte es einen Krieg gegeben: Italien hatte die Stadt Rom dem Papst mit militärischen Mitteln entreißen müssen. Und neben dem Krieg der Waffen fanden andere Kämpfe auf den Schlachtfeldern der Presse, der Diplomatie, der Geschichtswissenschaft und der Theologie statt: Gestritten wurde um Fortschritt und Legitimität, Religion und Revolution, Kirche und Nation. Schriftsteller und Gelehrte aus ganz Europa beteiligten sich daran und erörterten dabei Grundsatzfragen der Moderne: nationale Identität, Gewissensfreiheit, Selbstbestimmungsrecht der Völker. Gustav Seibt erzählt die Geschichte dieses vergessenen Kampfes, der damals Millionen Menschen bewegt hat, mit ihren vielfältigen Bezügen und Ebenen: der militärischen, der diplomatischen, der weltanschaulichen und der stadthistorischen. Dabei entsteht ein farbiges Bild vom Übergang Alteuropas zum Europa der Nationen zwischen der Revolution 1848 und den Lateranverträgen 1929. Seibts Buch ist ein Abgesang auf das alte Rom der Päpste und eine Liebeserklärung an das freiheitliche Italien des Risorgimento."

 
     
 
       
   

Gustav Seibt in der Debatte

fehlt noch
 
   

weiterführende Links

 
     
   
 
   

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Update: 24. Juli 2015