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Herwig Birg: Biographische Theorie der demographischen Reproduktion

 
       
     
       
   

Biographische Theorie der demographischen Reproduktion (1991).
(zusammen mit Ernst-Jürgen Flöthmann und Iris Reiter)
Frankfurt a/M:
Campus Verlag

 
   
     
 

Zitate:

Stichprobe

"Die gesamte Stichprobe (n = 1.576) ist nach den Kriterien der Kohorten - und Regionszugehörigkeiten sowie nach dem Geschlecht der Befragten in 12 Teilstichproben gegliedert (2 Kohorten, 3 Regionen, 2 Geschlechter). Obwohl es nicht Ziel der Ungergliederung war, eine Schichtung zu erreichen, die die Repräsentativität der Ergebnisse für das Bundesgebiet insgesamt garantierte, stellte sich im Nachhinein heraus, daß der Survey repräsentativ ist." (1991, S.71)

"Dabei handelte es sich um Personen deutscher Staatsangehörigkeit - ein nicht unwesentlicher Gesichtspunkt, der beachtet werden muß, wenn die Ergebnisse des Survey mit Daten der Amtlichen Statistik oder mit anderen Surveys verglichen werden, in denen meist auch Personen mit ausländischer Staatsangehörigkeit enthalten sind." (1991, S.74)

Erhebungszeitraum

"Die Haupterhebung fand im Zeitraum von Oktober 1986 bis Oktober 1987 statt." (1991, S.84)

Auswahlkriterien für die Kohorten 1950 und 1955:

1. Einfluss des Arbeitsmarktes auf das generative Verhalten

"Die Kohortenanalysen des generativen Verhaltens zeigen, daß sich die Geburtenhäufigkeit von Kohorte zu Kohorte so gravierend ändert, daß eine Trennung der Stichprobe nach einzelnen Kohorten unabdingbar ist. Schon die Bildung von relativ engen Kohortengruppen, beispielsweise die Summierung der drei Kohorten 1949, 1950 und 1951 zu einer Kohortengruppe, wie sie in dem biographischen Projekt von K. U. Mayer vorgenommen wurde, führt zur Verwischung wichtiger kohortenspezifischer Unterschiede des generativen Verhaltens, die dann bei der empirischen Analyse der Daten nicht mehr faßbar sind. Die Auswahl der Kohorten wurde so vorgenommen, daß die Personen bei Eintritt in den Arbeitsmarkt günstige (Kohorte 1950) bzw. ungünstige (Kohorte 1955) Arbeitsmarktbedingungen vorfanden. (...). Bei der Kohorte 1950 herrschte bei Eintritt auf den Arbeitsmarkt Vollbeschäftigung (...), bei der Kohorte 1955 war die Arbeitslosenquote durch die ökonomische Krise im Gefolge der Ölpreissteigerungen auf 5 % gestiegen." (1991, S.71f.)

2. Einfluss moderner Verhütungsmittel auf das generative Verhalten

"Ein weiteres Auswahlkriterium für die Kohorten war, daß beide Geburtsjahrgänge in dem Alter, in dem die Wahrscheinlichkeit für Kindgeburten am größten ist (ab 25), schon über die modernen Antikonzeptiva verfügen konnten, die in der Bundesrepublik in der zweiten Hälfte der 60er Jahre eingeführt wurden. Dieses Kriterium ist besonders bei Analysen des generativen Verhaltens wichtig". (1991, S.72)

Untersuchte Regionen

"Der Survey wurde in 8 Gemeinden durchgeführt, die sich zu drei Regionstypen zusammenfassen lassen:

Region 1
Gemeinden in hochverdichteten Regionen mit günstiger Arbeitsmarktstruktur: Düsseldorf und Hannover
Region 2
Gemeinden in altindustriellen Regionen mit ungünstiger Arbeitsmarktstruktur:
Bochum und Gelsenkirchen
Region 3
Ländlich geprägte, peripher gelegene Gemeinden mit ungünstiger Arbeitsmarktstruktur:
(a) westliches Münsterland: Gronau, Ahaus, Vreden
(b) Ostfriesland: Leer" (1991, S.73)

Differenzierung der Kinder

"Bezüglich des Status wird unterschieden zwischen leiblichen Kindern, Kindern, die der Partner mit in die Ehe brachte, nichtehelichen Kindern, sowie Doptiv- bzw. Pflegekindern." (1991, S.111)

Kinderzahl der Frauen und Männer

"Bei den Frauen der Kohorte 1950 stellt die Zweikindfamilie in allen Regionen die größte Gruppe dar: Ihr Anteil beträgt in den ländlich-peripheren Regionen 48,6 Prozent, in den städtischen 34,2 Prozent und in den altindustriellen Gemeinden 40,7 Prozent.

Bei den jüngeren Frauen der Kohorte 1955 ist in Regionstyp 1 fast die Hälfte (47,4 %) kinderlos. In den altindustrialisierten und den ländlichen Regionen dominieren dagegen die Frauen mit einem Kind. Es ist auffallend, daß im Regionstyp 2 die Frauen mit 1 oder 2 Kindern sogar einen höheren Anteil als in den ländlichen Gemeinden aufweisen. Für die Männer zeigt sich ein ähnliches Muster.

Allgemein sind die befragten Männer beider Kohorten zu einem deutlich höhren Anteil kinderlos als die Frauen (26,3 % der Kohorte 1950 bzw. 47,3 % der Kohorte 1955). Das regionale Gefälle der Kinderzahl von interviewten Männern weist eine ähnliche Struktur wie bei den Frauen auf." (1991, S.112)

Entwicklung des generativen Verhaltens der Kohorten

"Die Veränderung des generativen Verhaltens von Geburtsjahrgang zu Geburtsjahrgang ist in den vergangenen 50 Jahren im wesentlichen durch drei Besonderheiten gekennzeichnet: Der Anteil der kinderlosen Frauen hat sich mehr als verdoppelt, der Anteil der Frauen mit einem oder zwei Kindern hat sich im Kohortenvergleich fast konstant entwickelt, und der Anteil er Frauen mit drei und mehr Kindern hat sich mehr als halbiert. Dementsprechend sank die durchschnittliche Kinderzahl bei der Kohorten 1935 von 2.18 Kindern pro Frau auf 1.45 Kinder pro Frau bei der Kohorte 1958" (1991, S.148)

Kinderzahl der Kohorten 1950 und 1955 (1991, S.149)

Kohorte Von 1000 Frauen haben im Verlauf ihres Lebens ... Kinder Zahl der Kinder auf 1000 Frauen
  0 1 2 3+  
1950 147.6 305.2 350.6 196.6 1685
1955 202.6 283.6 342.3 174.5 1532
Die Werte für den Zeitraum nach 1985, d.h. nach dem 35. bzw. 30. Lebensjahr, sind geschätzt.) Quelle: Birg/Filip/Flöthmann (1990, S.28)

Differenz zwischen Stichprobe und amtlicher Geburtenstatistik

"Für die im Rahmen des biographischen Survey befragten Frauen liegen diese Werte mit 1.305 für die Kohorte 1950 und 1.090 für die Kohorte 1955 deutlich niedriger. Diese Differenz beruht z. T. darauf, daß in der Projektstichprobe ausschließlich deutsche Frauen enthalten sind, während in den genannten Werten für die Bundesrepublik Deutschland auch ausländische Frauen berücksichtigt sind" (1991, S.149)

Stichprobe als Datengrundlage zur Ermittlung der paritätsspezifischen Geburtenverteilung im früheren Bundesgebiet wegen Verzerrung bei amtlicher Statistik durch Ehezentrierung

"Im Prinzip lassen sich zwar nach Kohorten und Parität differenzierte Geburtenziffern auch auf der Basis von Daten der Amtlichen Bevölkerungsstatistik schätzen, jedoch führt die Zählkonvention zu einer Verzerrung der Zahlen der Ersten, Zweiten und weiteren Kinder. Der Grund ist, daß die Amtliche Statistik, durch Gesetzesvorschrift gezwungen, ausschließlich erstgeborene, zweitgeborene usw. Kinder in der jetzigen Ehe der Frau registriert. Hierdurch tritt eine Überschätzung der Zahl der Ersten Kinder ein, da ein Teil der so definierten Ersten Kinder in Wirklichkeit Zweit- oder Drittgeborene einer Frau sind. Die Zahl der kinderlosen Frauen ist die Differenz zwischen den Frauen insgesamt und der Zahl der Frauen, die Erste Kinder zur Welt gebracht haben. Eine Überschätzung der Zahl der Ersten Kinder bedeutet somit automatisch eine Unterschätzung der Zahl der kinderlosen Frauen. Das Ausmaß dieser Verzerrung konnte bislang nur grob geschätzt werden. Eine genaue Analyse setzt voraus, daß exakte biographiesche Angaben über alle Geburten und Ehen einer Frau vorliegen. Im Rahmen des biographischen Survey wurden diese Daten vollständig erhoben, so daß es möglich war, auf der Grundlage der Individualdaten eine Untergliederung der Amtlichen Geburtenziffern nach der Ordnungsziffer vorzunehmen." (1991, S.329)

Differenzen zwischen Real- und Legaldefinition der Ordnungszahl der Geburten

"Aus der Projektstichprobe ist für jedes geborene Kind sowohl die tatsächliche Ordnungsnummer als auch die Ordnungsnummer nach der Zählkonvention der Amtlichen Statistik bekannt. Die Zahl der Geborenen nach der tatsächlichen Ordnungsnummer wird als Realdefinition bezeichnet, die Zahl der Geborenen nach der Zählkonvention des Statistischen Bundesamtes als Legaldefinition. Die Differenz zwischen den beiden Zählweisen kann für alle im biographischen Survey erfaßten Geburten genau ermittelt werden; sie bildet den Ausgangspunkt für die Umrechnung der Daten aus der Amtlichen Statistik.

Von "den 581 Kindern in der Projektstichprobe, die nach der Legaldefinition der Amtlichen Statistik als Erste Kinder gezählt werden, (sind) i.S. der Realdefinition nur 563 Kinder bzw. 96.9 Prozent Erste Kinder (...) und es (handelt) sich bei je 9 Kindern bzw. je 1.5 Prozent um Zweite bzw. Dritte Kinder (...). Umgekehrt ist (...) zu ersehen, daß 2,8 Prozent der Kinder, die nach der Realdefinition Zweite Kinder sind, nach der Legaldefinition als Erste Kinder gerechnet werden." (1991, S.331)

Annahmen für die Umrechnung von der 1950er Kohorte der Projektstichprobe auf die amtliche Statistik:

"Je älter die Frauen sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit einer Scheidung oder Wiederverheiratung, so daß auch der Anteil von Kindgeburten, bei denen zwischen Real- und Legaldefinition Abweichungen auftreten, mit dem Alter zunimmt (...). (Außerdem) ist die Abweichung bei Ersten Kindern erwartungsgemäß am größten. Bei der Umrechnung muß berücksichtigt werden, daß die Frauen in der Projektstichprobe 36 Jahre alt waren, während die Daten der Amtlichen Statistik bis zum Alter von 45 bzw. 49 Jahren umgerechnet werden mußten. Aus diesem Grund wurden zwei Annahmen getroffen:

- Durch die empirisch ermittelten Abweichungen wurde ein linearer Trend gelegt, der die Tendenz der Verzerrung bis zum 49. Lebensjahr der Frau extrapoliert.
- Für Dritte und weitere Kinder nach der Zählkonvention der Amtlichen Statistik wurde davon ausgegangen, daß die Abweichungen im Durchschnitt so gering sind, daß eine weitgehende Übereinstimmung von Real- und Legaldefinition unterstellt werden kann." (1991, S.332)

Quantitative Bedeutung der Überschätzung erster Kinder und auf die Unterschätzung kinderloser Frauen

"In den Jahren von 1958 bis 1985 wurden nach der Zählweise der Amtlichen Statistik insgesamt 8.993.815 erstgeborene Kinder registriert. Nach der oben genannten Realdefinition beträgt diese Zahl nur 8.582.827, d.h. es resultiert eine Abweichung von 4.57 % oder 410.988 Kinder. Da der Anteil der kinderlosen Frauen als Komplementärmenge zu allen Frauen mit Kindern errechnet wird, bedeutet diese Differenz eine Unterschätzung des Anteils der Kinderlosen im gleichen Ausmaß, also um 4,57 %. Es zeigt sich, daß diese Differenzen bei Frauen jüngerer Kohorten ausgeprägter sind." (1991, S.333)

Polarisierung in Kinderlose und Eltern

"Hauptkennzeichen der Fertilitätsentwicklung ist eine Polarisierung der Frauen in eine reproduktive Gruppe mit Kindern und in eine nicht reproduktive kinderlose Gruppe (...). Der Anteil der kinderlosen Frauen an allen Frauen ist von der Kohorte 1935 mit 9.2% bis zur Kohorte 1958 mit 22.9 % kontinuierlich gestiegen".
(1991, S.335)

Wandlung der Familiengröße

Der "zunehmende Anteil der Kinderlosen täuscht (...) einen Rückgang der Zwei-Kind-Familie vor, der zu falschen Schlüssen führt. In Wirklichkeit ist die Zwei-Kind-Familie nicht nur häufiger als die Ein-Kind-Familie (43.8% gegenüber 36.2%), sondern ihr Anteil steigt auch wesentlich schneller als der der Ein-Kind-Familie. Weiterhin rückläufig ist der Anteil der Familien mit 3 und mehr Kindern." (1991, S.335)

 
     
 
       
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 18. April 2001
Update: 24. Oktober 2012