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Richard Kaufmann: Die Wirtschaftswunder-Familie der 50er Jahre

 
       
     
       
   

Gebrannte Kinder (1961).
Die Jugend in der Nachkriegszeit
Düsseldorf: Econ
(1966 als dtv-Taschenbuch erschienen)

 
   
     
 

Klappentext der dtv-Taschenbuchausgabe

"Wirtschaftliche Blüte und Vollbeschäftigung, Technisierung und gesellschaftliche Umstrukturierung prägen die Nachkriegsgeneration. Diese Jugend hat ihre eigenen Lebensformen geschaffen, die mit traditionellen Maßstäben nicht zu messen sind. Die Ursachen dafür liegen in dem Mißstand, daß heute in den hochzivilisierten Staaten bereits das Kind in einen Lebensrhythmus gezwängt wird, der sein Verhältnis zur Allgemeinheit stört. Arbeitende Mütter, Krippe- und Schlüsselkinder, Fernsehabende, Motorisierung und müde Väter sind nur einige Symptome, welche die Entstehung einer »einsamen« Generation forcierten. Zu den fatalen Folgen gehört eine starke Protesthaltung gegenüber Eltern, Erziehern und Lehrern. Abkapselung und Gruppenzusammenschlüsse, Bandenbildung und Jugendkriminalität sind Reaktionen auf unsere »moderne« Welt. Über die Auswüchse dieses Phänomens berichten Tag für Tag die Zeitungen in Sensationsmeldungen. Meist ist die Mehrheit der Leser geneigt, die Jugendlichen zu verdammen, ohne deren eigentliche Probleme zu kennen. Richard Kaufmann informiert in dem vorliegenden Band über die mannigfachen Fehlentwicklungen, die für das Los der »gebrannten Kinder« verantwortlich sind. Er zeigt zugleich Möglichkeiten auf, wie dieses Dilemma der großen Industriestaaten zu überwinden wäre."

Zitate aus dem Buch zur Familie der 50er Jahre:

Begriff der »gebrannten Kinder«

"Jugend, die von den Folgen zweier Weltkriege und einer gigantischen technischen Umrüstung direkt oder indirekt betroffen wurde."(S.247)

Das Problem der Überalterung

"In einem Jahrhundert der Überalterung wird es immer mehr ältere Männer geben, die nur ungern die Verantwortung jüngeren überlassen. Treffen in einem solchen Jahrhundert obendrein zwei katastrophale Weltkriege im Abstand von nur 25 Jahren aufeinander, dann ergeben sich Verschiebungen im Bevölkerungsaufbau, die besonders auf die jüngere Generation zurückwirken müssen." (S.45)

Die Wandlung der Familie

"Der moderne Familienmensch gleicht einem Nomaden, der statt Zeltplätzen Wohnkolonien hinterläßt, wenn er weiterzieht. Er ist »unbehaust«, nicht mehr fest an Heimatbegriffe gebunden."(S.57f.)

traditionelle Ehe contra hedonistische Ehe

"Wenn Kirche, Staat und Gesellschaft miteinander Eheformen sanktionieren, die nicht mehr auf dem Gedanken eines gemeinsamen Opferns, sondern auf dem eines gemeinsamen Genusses oder Verzehrs aufgebaut werden, und wenn dies nicht das Privileg einer ohnehin nicht mehr besonders geachteten Adelskaste ist (...), dann nehmen die Kinder der alten Familie mit der Zeit an, daß ihre Eltern einfach dumm sind (...).
Der Konsumgedanke wird nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der Familie bestimmend. Die Ehe selbst wird - zumindest in der Vorstellung von Halbwüchsigen - etwas, das man konsumiert. Die Gesellschaft leistet diesem Denken Vorschub, indem sie alles Ehe nennt, was sich unter bestimmten äußeren Formen zusammenfindet - ganz gleich, ob es sich um Partnerschaft, Schlafgemeinschaft, Konsum- und Einkommens-Pool oder das alte, auf Lebensdauer berechnete »Ehebündnis zweier Menschen verschiedenen Geschlechts« bezieht, bei dem Besitz und Kinderzahl gemeinsames Ziel von zwei Eltern bilden, die aber gegeneinander scharf begrenzte Funktionen ausüben." (S.78)

Die kinderarme Gesellschaft

"auf die Frage nach den Geschwistern, die den Neuankömmling erwarten, gibt es eine statistische Antwort. Es fanden im Jahr 1957 zu Hause vor:
keine Geschwister.............42,5 % aller Neugeborenen
ein Geschwister.................29,9 %
zwei Geschwister..............14,9 %
drei Geschwister..................6,9 %
vier Geschwister..................3,2 %
fünf und mehr Geschwister 2,6 %
Mit anderen Worten: Rund drei Viertel der Kinder finden zu Hause gar kein oder nur ein Geschwister" (S.107)

"Selten findet man mehr als zwei Generationen (Eltern und Kinder) in einer Wohnung, oft aber nur noch eine Generation, was sich statistisch leicht nachweisen läßt. Ein Viertel aller Ehen des Jahres 1957 war kinderlos." (S.110)

Die Konkurrenz von kinderlosen Paare und Familien

"Der vierundzwanzigjährige Monteur, der 700 Mark im Monat verdient, und seine Frau, die dreiundzwanzigjährige Buchhalterin, die netto etwas mehr als 500 Mark erhält, haben gemeinsam eine Kaufkraft von über 1000 Mark. Davon können sie sich eine Junggesellenwohnung mit Dusche und Kochnische einrichten, können auswärts essen und den Urlaub in Italien verbringen. Bekommt die Buchhalterin aber nacheinander zwei Kinder und gibt ihre Stellung auf, um sich den Kindern zu widmen, dann leben plötzlich vier Menschen in einer zu engen Wohnung von 700 Mark, und das heißt, daß sie in ihrem Lebensstandard nicht mehr mit anderen, kinderlosen Ehepaaren Schritt halten können. Auch solche Hilfen wie Steuervergünstigung oder Kindergeld können den Ausfall an barem Geld, das konsumiert werden darf, nicht entfernt ersetzen. Die Konkurrenz zwischen Mutter und Berufstätiger ist so eindeutig für die berufstätige (kinderlose) Frau entschieden, daß es darüber keine Zweifel mehr geben kann." (S.130)

Hedonismus als Ursache der zunehmenden Kinderlosigkeit

"Eine Bürovorsteherin sagte mir kürzlich, daß viele junge Mädchen ihres Büros (...) 2/3 bis 3/4 ihres Gehaltes für Kleidung, Friseur, Kosmetik, Reisen und Vergnügungen ausgeben. Bei vielen jungen Männern ist es ähnlich... So kommt bei jung verheirateten Ehepaaren die Angst: wie soll es reichen". (S.137)

Die kinderfeindliche Gesellschaft

"»Wir haben vier Kinder... die Aussicht auf eine Wohnung ist sehr schlecht, da bei den meisten Hausbesitzern Ehepaare mit Kindern unerwünscht sind.«
Dagegen stehen Aussagen kinderloser Ehefrauen, die nicht ohne eine gewisse Selbstzufriedenheit gegeben werden: »Wir sind sehr glücklich, daß wir unser eigenes Häuschen haben, und wir beabsichtigen beide, solange weiterzuarbeiten, bis alles so eingerichtet ist, wie wir es uns wünschen.«" (S.128)

Die Mittelschicht-Familie als Problem

"Wie Professor Short in seiner Untersuchung der Mittelklassen-Familien des Staates Washington herausfand, bildet den Schlüssel zur Kriminalität nicht die klassische »zerbrochene Familie«, von der sich ein Elternteil losgelöst hat, sondern die »psychologisch zerbrochene Familie«. Scheidung, sagt er, ist kein unfehlbarer Index mehr für Situationen, in denen Verbrechen gezüchtet werden. Es sind die Kinder aus den unglücklichen Elternhäusern - ganz gleich, ob dem Wort nach zerbrochen oder nicht-, die dazu neigen, kriminell zu werden..." (S.122)

"Ein Roman, der im Sommer 1960 in einer großen Illustrierten anlief (...) handelte (...) von Teenagern und Twens, die in der »Luxusverwahrlosung« der feinsten und wohlhabendsten Kreise Berlins aufwachsen und sich mit der eigenartigen Problematik dieses Milieus herumschlagen müssen." (S.243)

Die Familie als politisch nicht ausreichend repräsentiert

"Von einer Vertretung der Eltern, d.h. der Familie alter Art, im Parlament kann nicht gesprochen werden; eine öffentliche Interessengemeinschaft der Väter und Mütter existiert nicht."(S.79)

     
 
       
   

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Update: 06. April 2017