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Andrea & Roland Tichy: Die Trittbrettfahrer von Herwig Birg

 
       
   
  • Kurzbiografien

    • Roland TICHY
      • 1955 geboren
      • Studium der Volkswirtschaft
      • Mitarbeiter im Bundeskanzleramt
        1993 Buch "Ausländer rein!"
    • Andrea TICHY
      • 1960 geboren
      • Studium der Volkswirtschaft
    • 2001 Buch "Die Pyramide steht Kopf"
 
       
     
       
   

Die Tichys in ihrer eigenen Schreibe

 
       
   

TICHY, Andrea (2001): Wege aus der Altersfalle.
Die Folgen des Terrors gegen Amerika verändern auch die Tagesordnung in Deutschland: Denn dem geplanten Gesetz zur Zuwanderung werden immer weniger Chancen eingeräumt,
in: Rheinischer Merkur Nr.41 v. 12.10.

TICHY hat das Buch Die Pyramide steht Kopf geschrieben, das jetzt veraltet sein dürfte, weswegen sie ihre Argumentation anpasst, d.h. für sie: verschärft. Sie breitet ein apokalytisches Szenario aus. An dessen Ende steht der "selbstgewählte Demo-Genozid" der Deutschen.

Die Rhetorik des Aussterbens

TICHY, Andrea (2002): Mütter machen Karriere.
Eine Wiesbadener Initiative ebnet Frauen den Weg beim Wiedereinstieg in die Berufswelt,
in: Rheinischer Merkur Nr.44 v. 31.10.

Neu:
TICHY, Roland (2006): Die Demographie-Bombe überleben.
Die „German Angst“, die deutsche Zukunftsangst und Weltuntergangspsychose, hat einen neuen Namen: Demographie. Wie Wirtschaft und Gesellschaft mit der Überalterung leben – oder: Deutschland geht schon wieder nicht unter,
in: Handelsblatt v. 11.04.

"Analysiert man die europäische Politik und ihre Auswirkungen auf das Bevölkerungswachstum zeigen sich unterschiedliche Muster: (...) als großes Flächenland hat allein Frankreich derzeit mit seiner Politik der Nichteinmischung in die innerfamiliäre Ordnung, verbunden mit einem breiten Betreuungsangebot, eine vergleichsweise hohe Geburtenzahl",

schreiben Roland & Andrea TICHY in ihrem Plädoyer für eine aktive Bevölkerungspolitik, mit dem Titel Die Alterspyramide steht Kopf aus dem Jahr 2001. Fünf Jahre später hat sich der Wind um 180 Grad gedreht, da verbünden sich "Hobbydemographen mit raunenden Dooms-Day-Demographen":

"Alle Formen des Zusammenlebens, die wir kennen, familiäre, freundschaftliche, staatliche, berufliche, lösen sich auf. Unsere Form der Demokratie hat sich zu Ende gewählt, unser Wohlstand ist auf Sand gebaut, der Sozialstaat eine von Würmern zerfressene Fassade, die jedes kleine Kind mit einem Fingerschnippen umstoßen könnte. Wenn es denn noch Kinder gäbe".

Diese Sätze stammen ausnahmsweise nicht aus dem Buch Minimum vom Hobbydemographen SCHIRRMACHER, sondern von den Dooms-Day-Demographen TICHY & TICHY (2001). Roland TICHY entdeckt nun jedoch die Vorteile der alternden Gesellschaft und die Grenzen der aktiven Bevölkerungspolitik:

"Fast überall, außer in besonders von Aids heimgesuchten afrikanischen Ländern, steigt die Lebenserwartung und sinkt die Geburtenzahl. In Italien werden noch weniger Bambini geboren als in Deutschland, und mit der heranwachsenden Generation wird auch die Türkei als Arbeitskräftereservoir für deutsche Fließbänder ausfallen. Auch die hoch gelobte Bevölkerungspolitik Frankreichs entpuppt sich, so der Rostocker Demograph Reiner Dinkel, als Täuschung: »In Paris oder Bordeaux werden nicht mehr Kinder geboren als in Berlin oder München.« Die höheren Zahlen kommen dort von arabischen Migrantenfamilien. In der Banlieue hat sich das Fortpflanzungsverhalten Nordafrikas erhalten. Araber als legitime Erben des deutschen Genius? Anders als Frankreichs Nordafrikaner fallen die vergleichsweise assimilationsbereiten Deutsch-Türken als Baby-Reservisten aus – auch unter dem Kopftuch wird, ganz emanzipiert, die Pille eingenommen.
          
Auch im weißen Amerika bleibt zwischen Party und Partnersuche, wie es die Serie »Sex and the City« zeigt, keine Zeit für Nachwuchs. In der neuen schwarzen und noch neueren asiatischen Mittelschicht bleibt die Wiege so leer wie in Deutschland – der Geburtenüberschuss stammt von mexikanischen Immigranten, religiösen Fundamentalisten und sozialen Randgruppen."

Es ist eine der Merkwürdigkeiten der deutschen Demografie-Debatte, dass ausgerechnet die Nationalkonservativen um Herwig BIRG die hohen Geburtenraten der "Französinnen" bewundern, obwohl sie - in Deutschland wohlgemerkt - die dort geborenen Kinder als Falsche vehement ablehnen würden.

Diese Doppelmoral wird möglich, weil sich der französische und der deutsche "Bevölkerungsbegriff" unterscheiden. Darauf hat Dieter OBERNDÖRFER bereits im Jahr 2002 hingewiesen:

"Wenn »Ausländer« nicht allein nach ihren Pässen, sondern auch nach der ausländischen Herkunft der Wohnbevölkerung definiert werden, fällt Deutschland in der Rangordnung der Aufnahmeländer Europas auch noch weit hinter Frankreich, Großbritannien und die Niederlande zurück. Ihre Zuwanderer kamen zum großen Teil aus ehemaligen Kolonialgebieten und wurden daher in der nationalen Statistik nicht unter der Rubrik »Ausländer« registriert. Zudem verringerte sich die Zahl ihrer Pass-Ausländer kontinuierlich durch großzügige Einbürgerungsregelungen. So beläuft sich inzwischen auch die Zahl der moslemischen Franzosen auf 5,5 Millionen bei einer Gesamtbevölkerung von nur 58 Millionen (Deutschland 2,3 Millionen Moslems, die meisten aber sind im Unterschied zu Frankreich nicht eingebürgert)."

Würde man also identische Bevölkerungsbegriffe verwenden, dann würde die Geburtenrate der deutschen Frauen also keineswegs so schlecht abschneiden wie dies unsere Nationalkonservativen und ihre Sympathisanten behaupten. Auch der so genannten Überalterung kann TICHY neue Seiten abgewinnen:

"Die Welt wird letztlich nicht in »junge« und »alte« Gesellschaften gespalten – sondern in solche, »die reich alt werden, und in solche, die arm alt werden«, so die United Nations Population Divison.
Die demographische Entwicklung in Deutschland ist also nicht irgendwie im deutschen Wesen begründet, liegt nicht an faschistischer Vergangenheit oder Dekadenz."

Aus den egoistischen Alten werden nun - ganz im Sinne eines Plädoyers für längere Lebensarbeitszeiten - Opfer des Systems:

"Auf dem Mountain-Bike im erzwungenen Dauerurlaub zwischen Mallorca und Mainau strampelt sich eine riesige industrielle Reservearmee ab – höchst leistungsfähig, aber ausgegrenzt durch ein gesellschaftliches Arbeitsverbot."

 
       
   

Die Tichys im Gespräch

 
       
   
  • fehlt noch
 
       
       
   

Die Pyramide steht Kopf (2001).
Die Wirtschaft in der Altersfalle und wie sie ihr entkommt
München: Piper

 
   
     
 

Klappentext

"Die demographische Entwicklung macht Deutschland zu der am schnellsten alternden Gesellschaft der Welt. Der Aufschwung der letzten Jahre hatte seine Wurzeln im Zusammentreffen von digitaler Revolution, reichlichem Risikokapital und dem Eintritt der Babyboomer-Generation ins Berufsleben. Doch die dynamische New Economy wird sich bald in eine Grey Economy wandeln, weil es dann zu wenige junge Menschen geben wird, die für Innovationen sorgen und die wirtschaftliche Entwicklung vorantreiben. Weil die Bevölkerungszahl drastisch abnimmt, werden manche Regionen Deutschlands entvölkert, die Infrastruktur beginnt zu verfallen. Vieles, was als wertstabil galt – Immobilien, Firmenbeteiligungen oder Aktien deutscher Unternehmen – verliert an Wert. Es entstehen riesige Märkte für Gesundheits- und Pflegedienste – doch das Personal dafür wird immer knapper. Die Autoren belegen eindrucksvoll, daß nur eine weitsichtige Familienpolitik, kombiniert mit der massiven Förderung qualifizierter Einwanderung, die Krise abwenden kann. Schon jetzt ist absehbar, daß dieses Thema eine überragende Rolle bei der Bundestagswahl 2002 spielen wird."

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Geburtenrückgang und Familienpolitik in Deutschland und Europa

- Die neue Kinderlosigkeit: Zahlen, Fakten, Trends
- Wie sieht es mit dem Geburtenrückgang in den europäischen Nachbarländern aus?
- Wie andere Länder Familienpolitik betreiben und was wir von ihnen lernen können

2 Die Geschichte der Kindheit: Von Mägden und Knechten zum Lebensmittelpunkt der Eltern

- Kinder als Mägde und Knechte: Das frühe Mittelalter bis zum 16. Jahrhundert
- Von der Arbeitskraft zum pädagogischen Erziehungsobjekt: Kinder im 16. bis 18. Jahrhundert
- Kinderarbeit und Muttermythos im 19. Jahrhundert
- Kinder als emotionale Bereicherung und Selbstverwirklichung: Das 20. Jahrhundert

3 Paare zwischen Ansprüchen und Lebensrealität

3.1 Partnerschaften heute: Die Suche nach der großen Liebe

- Woran scheitern Partnerschaften?
- Kinder verändern die Partnerschaft
- Das neue Selbstverständnis der Frau

3.2 Elternschaft im 21. Jahrhundert: Überforderung, hohe Ansprüche und emotionale Verstrickung statt »glückliche Familie«?

4 Was wird aus der Familie?

5 Ein Leben ohne Kinder

5.1 Wie bewusst ist die Entscheidung gegen Kinder?

5.2 Die bewusste Entscheidungsfindung

- »Nie wie meine Eltern«
- »Ich bin kein Muttertyp«
- Die Rolle der Partnerschaft bei der Entscheidungsfindung
- Rahmenbedingungen und Lebensumstände

6 Der Entscheidungsverlauf

6.1 »Für mich war schon als Kind klar: Ich will keine Kinder«: Wenn Frauen und Männer sich in jungen Jahren für ein Leben ohne Kinder entscheiden (Frühentscheider/-innen)

- Wie treffen sie ihre Entscheidung?
- Welche Gründe nennen sie für ihre Entscheidung?
- Durch welche Lebenseinstellungen zeichnen sie sich aus?
- Was für Beziehungen führen sie?

6.2 »Wir brauchen Zeit für uns«:
Wenn Frauen und Männer sich mit Mitte dreißig entscheiden (Spätentscheider/-innen)

- Wie treffen sie ihre Entscheidung?
- Welche Gründe nennen sie für ihre Entscheidung?
- Durch welche Lebenseinstellungen zeichnen sie sich aus?
- Was für Beziehungen führen sie?

6.3 »Ich habe mich nie entschieden, es hat sich so ergeben«: Wenn Frauen und Männer sich nie entscheiden (Aufschieber/-innen)

- Wie kommt es bei ihnen zu einem Leben ohne Kinder?
- Welche Gründe nennen sie für ihre Entscheidung?
- Durch welche Lebenseinstellungen zeichnen sie sich aus?
- Was für Beziehungen führen sie?

6.4 Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen den drei Gruppen

7 Ohne Kinder leben und alt werden

7.1 Das Leben ohne Kinder verbringen:
Was heißt das eigentlich?

- Lebensziele und Lebensgefühle
- Das Bedürfnis nach Kontakt: Alternativen zum Modell Familie
- Verbindung zur nächsten Generation

7.2 Im Alter ohne Kinder

- Ängste um die Altersversorgung
- Nachkommenschaft

8 Ein paar Fragen zum Schluss

- Was ist für Sie im Leben wichtig?
- Was für Gefühle haben Sie Kindern gegenüber?

Zitate:

Yetties als die neuen Singles

"»Sie sind jung und zumeist Single, sie sind flexibel und verstehen sich selbst als ihre eigenen Unternehmer.« In den USA wurde für diesen Menschentyp der Name »Yettie« geprägt. Das steht für »young, entrepreneurial, tech-based«, was übersetzt so viel wie »junger Internet-Unternehmer« bedeutet. Yetties empfinden Arbeit häufig anders als ihre streßgebeutelten Eltern: »Für einen Yettie ist die viele Arbeit nicht eine unnatürliche Belastung, sondern die erstrebenswerte Norm«, so der Sozialwissenschaftler Andreas Boes von der Technischen Universität Darmstadt. Dem Job wird alles untergeordnet, auch Freizeit und Freunde. Das Büro wird zum vernetzten Wohnzimmer. Grenzen zwischen Freizeit und Arbeit verwischen, die Arbeitskollegen avancieren zur Ersatzfamilie. Das Unternehmen hat die Aufgabe, für die Nestwärme zu sorgen" (2001, S.53)

Die Vergreisung der Gesellschaft und die Folgen

"Das Jahr 1998 markiert für die deutsche Bevölkerung eine Wendemarke: Erstmals übertraf die Anzahl der Alten die Zahl der Jungen. Und die Altersschere öffnet sich schnell. Im Jahr 2050 wird sich die Zahl der jungen Menschen von heute 17 Millionen auf 10 Millionen reduziert haben; Menschen, die älter als 60 sind, wird es rund 15 Millionen mehr geben als noch im Jahr 2000. Damit ist Deutschland eines der am schnellsten alternden Völker, beobachtet Jens Weidmann, Generalsekretär des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung (»Fünf Weisen«). In 35 Jahren könnte Deutschland dann nach den Prognosen des Statistischen Bundesamtes den traurigen Rekord der ältesten Bevölkerung der Welt aufstellen.
Die Umkehrung des Altersaufbaus unserer Gesellschaft wird zu massiven Umwälzungen führen. Die Senioren werden plötzlich zur ökonomischen Macht, die die Gelder verteilt. Es entstehen riesige Märkte, um die Alten bei Laune und Gesundheit zu halten. Für die Bedürfnisse der Jungen bleibt immer weniger übrig." (2001, S.67)

Der Trend zur Single-Gesellschaft

"Die Familie im traditionellen Sinn hat in den vergangenen 150 Jahren zeitgleich mit der Entwicklung der Sozialpolitik ihre Funktion verloren. (...). In diesem Zeitraum hat sich die Familie von einer Produktions-, Konsum- und Fürsorgegemeinschaft, in der drei Generationen voneinander abhängig leben und wirtschaften, zu einem Lebensabschnitts-Zweckbündnis gewandelt. Noch um 1900 waren etwa 45 Prozent aller Haushalte Großhaushalte mit mindestens fünf Personen, in denen oft mehrere Generationen unter einem Dach lebten. Bis 1999 ist diese Art zu leben auf einen Anteil von nur 4,4 Prozent zurückgegangen.
Immer mehr Menschen wohnen und leben allein. »Die Zahl der Single-Haushalte wächst in einem nie gekannten Ausmaße und hat sich in den letzten hundert Jahren mehr als verfünffacht«, beobachtet Professor Horst Opaschowski, Leiter des BAT-Freizeit-Forschungsinstituts in Hamburg.
Eine Hauptursache für den Anstieg Alleinlebender ist die gesellschaftliche Aufwertung des Single-Daseins. Immer mehr Menschen genießen das Singleleben in vollen Zügen, und viele haben die materiellen Voraussetzungen dafür." (2001, S.245f.)

Der Anteil der lebenslang Kinderlosen bewegt sich auf die 40 %-Marke zu

"»1961 wurden in Deutschland knapp 1,3 Millionen Kinder geboren, rund 500 000 mehr als 1999. Der Anteil lebenslang kinderloser Menschen, der sich heute mit Riesenschritten auf die 40-Prozent-Marke der Bevölkerung zubewegt, lag damals bei 10 Prozent (...)«" (2001, S.252)

Die heutige Kinderlosigkeit wird von den Bevölkerungswissenschaftlern (...) häufig als »neu« bezeichnet, da es sich überwiegend um freiwillige, durch die sozialen Umstände zwar verursachte, aber auf individuellen Entscheidungen beruhende Kinderlosigkeit handelt. So wird der Geburtenjahrgang 1965 in Westdeutschland zu rund 30 Prozent kinderlos bleiben. Im Vergleich dazu blieben bei den Frauen des Jahrgang 1950 nur 15 Prozent kinderlos." (2001, S.257f.)

Anmerkung: Im Jahr 2013 veröffentlichte das Statistische Bundesamt die tatsächlichen Kinderlosenzahlen, die weit unter den Zahlen der TICHYs liegen:

Tabelle: Anteil der Kinderlosen an allen Frauen der jeweiligen Geburtsjahrgänge im Jahr 2012
Geburtsjahrgang Alter Deutschland Westdeutschland Ostdeutschland
1958-1962 50-54 Jahre 18 % 19 % 8 %
1963-1967 45-49 Jahre 20 % 21 % 11 %
1968-1972 40-44 Jahre 22 % 23 % 15 %
Quelle: Statistisches Bundesamt "Geburtentrends und Familiensituation in Deutschland", 2013, S.32

Das Pflegeurteil des Bundesverfassungsgerichts

"Anfang April 2001 sorgten die Karlsruher Richter (...) für Wirbel. Das spektakuläre Urteil konstatiert: Die Pflegeversicherung benachteiligt Eltern und ist daher verfassungswidrig. Es sei nicht fair, daß Eltern bei der Pflegeversicherung denselben Beitrag zahlen wie Singles. Das Konzept der Sozialversicherung funktioniere nur, solange genug Kinder geboren werden (...). Als 1994 die Pflegeversicherung verabschiedet wurde, sei aber längst bekannt gewesen, daß die Zahl der Kinderlosen in der Gesellschaft drastisch ansteige. (...).
Als »Dammbruch in der Sozialversicherung« werten Familienverbände diesen Sieg in Karlsruhe. Denn das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Pflegeversicherung wird Folgen für das gesamte Sozialsystem haben. Die Argumentation der Richter, wonach Eltern weniger einzahlen müssen als Kinderlose, weil sie künftige Beitragszahler großziehen, läßt sich auch auf die Renten- und Krankenversicherung übertragen.
»Das System gerät ins Wanken - ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, da sich Regierung wie Opposition auf einen fetzigen Sozial-Wahlkampf einschießen wollten«, analysiert der Spiegel." (2001, S.254f.)

Die Bedrohung der "Normalfamilie"

"Durch die wachsende Zahl kinderloser Paare, Alleinlebender und sogenannter unvollständiger Familien verliert die »Normalfamilie« zunehmend an Normalität" (2001, S.264)

"Laut Statistischem Bundesamt gab es 1999 knapp drei Millionen Alleinerziehende. Die circa 500 000 Männer und 2,5 Millionen Frauen, die alleine die Erziehungsarbeit übernommen haben, sind überwiegend geschieden; den anderen großen Teil bilden die Ledigen.
Die Anzahl der nichtehelichen Lebensgemeinschaften stieg von 1991 bis heute um fast 50 Prozent an. Dabei nahm der Anteil der Paare mit Kindern zu. Somit bilden Alleinerziehende und nichteheliche Lebensgemeinschaften den einzigen Teil der Bevölkerung, bei der die Geburtenrate steigt.
Die Familie ist, soweit sie in der bürgerlichen Ehe wurzelt, nur noch ein Schatten ihrer selbst." (2001, S.265f.)

Der Anstieg der Geburtenrate in Schweden war nicht nachhaltig

"Schweden fördert seit Ende der dreißiger Jahre die Familie und leistete Pionierarbeit bei Sozialleistungen wie Mutterschaftsurlaub und Kindergeld. Damit konnte das Land im Norden Europas aber nicht verhindern, daß die Geburtenrate in den siebziger Jahren stark abnahm. In den späten achtziger Jahren und zu Beginn der neunziger Jahre schaffte Schweden jedoch den Turnaround - wenigstens vorübergehend. Es übertrag die Bestandhaltungszahl von 2,1 und lag damit weit über der Geburtenrate in der Europäischen Union. Der entscheidende Faktor für diesen Erfolg war eine neue Form von Unterstützung, die sogenannte »Geschwindigkeitsprämie« für das nächste Kind. Diese Reform, die 1980 eingeführt wurde, bedeutet, daß Müttern weiterhin Mutterschaftsurlaub auf der Grundlage ihres Einkommens vor dem ersten Kind bezahlt wurde, wenn sie bald darauf ein zweites Kind bekamen. (...).
Doch der Anstieg erwies sich als kurzlebig. Die Geburtenrate fiel ebenso schnell, wie sie gestiegen war, wieder ab. Im Jahr 1998 betrug sie 1,5 - der niedrigste Wert in der schwedischen Geschichte und eine Bestätigung für die These, daß die »gewollte« Anzahl von Kindern tatsächlich auf diesem stabil-niedrigen Niveau liegt." (2001, S.270)

Vorbild Frankreich

"Frankreich verfolgt eine Familienpolitik mit ganz anderen Zielen: Dort geht es darum, das Arbeitskräftepotenzial möglichst optimal auszunutzen. Es geht weniger um die Gleichstellung der Geschlechter oder die Veränderung der traditionellen Arbeitsteilung. Besondere Anreize zum Einbezug von Vätern in die Erzieherrolle gibt es nicht. Die Familie wird aber durch ein traditionell hohes Angebot an Ganztagsbetreuungseinrichtungen für Kinder aller Altersklassen unterstützt.
Die direkte finanzielle Unterstützung der Familien ist dagegen eher karg". (2001, S.271)

"Die höchste Geburtenrate hat Irland mit seiner Laissez-faire-Haltung, gefolgt vom traditionell orientierten Luxemburg. Das familienpolitisch aktive und sozialdemokratisch-fortschrittliche Schweden ist ähnlich geburtenarm wie das in der Familienpolitik konservativer geprägte Deutschland; als großes Flächenland hat allein Frankreich derzeit mit seiner Politik der Nichteinmischung in die innerfamiliäre Ordnung, verbunden mit einem breiten Betreuungsangebot, eine vergleichsweise hohe Geburtenzahl." (2001, S.275)

Familien jenseits der Norm

"Wer den Tod der Familie oder neue Formen des Zusammenlebens propagiert, wie es in der Zeitgeist-Soziologie häufig mit dem Verweis auf die moderne »Patchwork-Familie« geschieht, übersieht die Wirklichkeit der komplizierten familiären Beziehungen: Die Märchen der Gebrüder Grimm sind voll von bösen Stiefmüttern- und vätern, verlassenen und wiedergefundenen Kindern. Sie sind der Ausdruck einer Zeit, in der wegen der frühen Sterblichkeit kaum eine im modernen Sinn intakte Familie überleben konnte.
Auch die angeblich so restaurative Nachkriegszeit mit ihren strengen Gesetzen fand ihre Auswege: Die fünfziger Jahre sind das Jahrzehnt der »Bratkartoffelverhältnisse« - so nannte man die Beziehung der »Kriegerwitwe« mit einem Mann, den die Dame nicht eheliche, weil der Preis die Aufgabe der »Kriegerrente« gewesen wäre (...). Möglicherweise erfinden die Menschen einfach ihre Form der Familien, und dazu gehören auch immer Kinder - jenseits aller gesetzliche Regelungen und Vorschriften." (2001, S.277f.)

Die deutsche Wirtschaft wird 2020 aufgrund der Vergreisung einen wirtschaftlichen Niedergang erleben

"»Die neuen demographischen Trends werden zu einer neuen internationalen Hackordnung führen. Die USA wird in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts die vorherrschende Wirtschaftsmacht bleiben, nicht zuletzt auf Grund ihres fortlaufenden Bevölkerungswachstums durch Einwanderung. Aber die Nachkriegsgewinner Japan und Deutschland werden die Verlierer sein, wenn ihre Wirtschaften stagnieren oder sogar schrumpfen, weil die Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter abnimmt.« Dies schreibt der englische Wirtschaftsjournalist Paul Wallace in seinem Buch Altersbeben. In einer Rangliste von 146 Ländern, die das Londoner Wirtschaftsforschungsinstitut Lombard Street Research in Sachen Wachstumspotential bis zum Jahr 2020 aufstellte, landete Deutschland auf dem 144. Platz - vor Italien und Belgien." (2001, S.289)

Bald mehr als ein Drittel Senioren

Altersstruktur der Bevölkerung in Deutschland bei 100 000 Zuwanderern pro Jahr (in Prozent)
Jahr unter 20 Jahre 20 bis 59 Jahre 60 Jahre und älter
1999 21,4 56,2 22,4
2010 18,9 55,6 25,6
2020 17,2 53,6 29,2
2030 16,7 48,0 35,4
2040 15,9 47,4 36,7
2050 15,5 46,5 38,0
Quelle: Andrea & Roland Tichy 2001, S.303 (auf Basis Statistisches Bundesamt)

Die Erhöhung des Renteneintrittsalters als Ausweg

"In ihrer Studie »Reforms for an Aging Society« aus dem Jahr 2000 macht die OECD unmißverständlich deutlich, in welche Richtung die Politik in den industrialisierten Ländern künftig zielen muß: Den Trend umzukehren, daß immer weniger Lebenszeit in einem Arbeitsverhältnis verbracht wird und immer mehr Zeit im Ruhestand.
So sieht es auch der Sozialbeirat der Bundesregierung. In seinem neuesten Bericht ist zu lesen: »Die Verlängerung der Lebensarbeitszeit stellt eine sehr effiziente Maßnahme zur Dämpfung der Beitragssatzdynamik dar.« Ein Jahr Aufschub des Renteneintritts entlastet die Rentenkassen um 10,2 Milliarden Euro.
Theoretisch könnte es sogar gelingen, durch Mobilisierung älterer Menschen das potentielle Unterstützungsverhältnis, also die Zahl der Arbeitnehmer, die einen Rentner ernähren, auf dem Niveau von 1995 zu halten. Allerdings wäre dafür eine drastische Erhöhung der Lebensarbeitszeit nötig. Nach Berechnungen der Vereinten Nationen müßten die Deutschen im Schnitt bis sie 77,2 Jahre alt sind arbeiten, um dies zu erreichen." (2001, S.303f.)

 
     
 
       
   

Rezensionen

GRAW, Ansgar (2001): Wenn der Wohlstand des Landes auf den Flohmärkten verramscht wird.
Roland und Andrea Tichy über Alterspyramide und demographische Katastrophe - Ein kluges und wichtiges Buch, das an einer zentralen Stelle zu kurz greift,
in:
Welt v. 11.09.

RUOSS, Christiane (2002): Die Mehrheit wird immer grauer.
Weil die Gesellschaft zunehmend altert, muss sich vieles ändern, was den Deutschen bisher selbstverständlich war - und das wird weh tun,
in: Süddeutsche Zeitung v. 07.01.

RUOSS beginnt die Rezension von Herwig BIRGs Buch Die demographische Zeitenwende und Die Alterspyramide steht Kopf mit dem Standardsatz der Polarisierer:

"Inzwischen bleibt ein Drittel der Frauen und Männer in diesem Land lebenslang ohne Nachwuchs, und es werden von Jahr zu Jahr mehr."

RUOSS ist nicht auf dem neuesten Stand, denn die deutschen Demographen müssen ihre Prognosen ständig nach unten korrigieren. Der deutsche Bevölkerungswissenschaftler Jürgen DORBRITZ muss in den Mitteilungen des Bundesinstituts für Bevölkerungswissenschaften vom 09.03.2001 gestehen, dass

"wir für den Geburtsjahrgang 1965 vor einigen Jahren noch Kinderlosenanteile von mehr als 30 % erwartet (haben). Die neueren Schätzungen zeigen, dass sich über späte Erstgeburten die Kinderlosenanteile auf 27 % verringert haben."

 Weitere Korrekturen nach unten sind vorprogrammiert. Internationale Demografen wie Ron LESTHAEGHE kritisieren diese deutsche Praxis, bei der das steigende Erstgebäralter nicht ausreichend berücksichtigt wird.

 
       
   

Das Buch in der Debatte

STÄNNER, Paul (2001): Benjamin und Methusalem.
Über die veränderte Dauer der Lebensabschnitte,
in: WortSpiel - ZeitReisen. Sendung des DeutschlandRadio v. 17.11.

Florian ILLIES - Wir, die Generation Golf

 
       
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 18. April 2001
Update: 10. März 2017