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Kommentierte Bibliografie

 
       
   

Kinderlose in Deutschland

 
       
   

Eine Bibliografie der Debatte um die gewollte und ungewollte Kinderlosigkeit (Teil 9)

 
       
     
   
     
 

Kommentierte Bibliografie (Teil 9: 2012-2013)

2012

KRÄTSCHMER-HAHN, Rabea (2012): Kinderlosigkeit in Deutschland. Zum Verhältnis von Fertilität und Sozialstruktur, Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften

Kinderlosigkeit in Deutschland

"Die vorliegende Studie thematisiert Fertilität im Kontext von sozialer Ungleichheit in Deutschland. Dabei untersucht sie empirisch den Zusammenhang einerseits zwischen sozialer Schichtzugehörigkeit und Kinderlosigkeit, sowie andererseits den Einfluss von Lebensstilen auf Kinderlosigkeit. Es werden nicht nur Frauen und Männer in den Blick genommen, um geschlechtsspezifische Unterschiede auszumachen, sondern ebenso werden Paare analysiert. Die Ergebnisse zeigen, dass die Schichtzugehörigkeit einen signifikanten Einfluss auf endgültige Kinderlosigkeit bei westdeutschen Paaren hat, jedoch der Lebensstil keine Rolle spielt. Außerdem wird dargelegt, dass die Frauen eine größere Einflussnahme bei der Fertilitätsentscheidung haben als die Männer, da ihre Fertilitätsmuster ins Paar übertragen werden. Kinderlosigkeit ist kein genuin individuelles Fertilitätsverhalten, sondern unterliegt sozialen Mechanismen, die aus der Position im Sozialgefüge resultieren."
(Klappentext)

Mythos Kultur der Kinderlosigkeit

"Der Kanon in der öffentlichen Debatte geht in Richtung, dass der hohe Anteil von Kinderlosen einer »Kultur der Kinderlosigkeit« oder einem »Lebensstil kinderlos« geschuldet ist (...). Meine Analysen bestätigen dies nicht, sondern stellen vielmehr heraus, dass die sozialstrukturelle Positionierung im Sozialgefüge, basierend auf den vertikalen Ungleichheitsdimensionen Bildung, Ausbildung, Berufsprestige und letztlich in der sozialen Schichtzugehörigkeit, wichtige Determinanten sind, die im Paar wirksam werden und das Fertilitätsverhalten beeinflussen - nicht aber die Lebensführung. Es scheint vor diesem Hintergrund nicht zuzutreffen, was exemplarisch die Welt am Sonntag schreibt:

»Wir werden dreißig, fünfunddreißig, vierzig beim Grübeln im Drei-Zimmer-Single-Appartement über die Frage, ob der derzeitige Partner wohl der Richtige ist und ob ein Kind mit drei Reisen pro Jahr vereinbar sein könnte.« (Keese 2006:2)

Auch wenn diese vielgetätigte Vermutung, dass der gewählte Lebensstil eine Familiengründung verhindert, unseren Erfahrungen im Alltag partiell entspricht, so muss doch konstatiert werden - wie die empirische Analyse hier zeigt - dass sie vielleicht nur einer phänomenologischen Alltagsbeschreibung für bestimmte soziale Gruppen entsprechen."
(2012, S.216)

SCHMOLLACK, Simone (2012): Guten Tag, heute schon gefickt?
Haben die jungen Unionsfreunde Langeweile? Einige Hinterbänkler der CDU fordern eine Zwangsabgabe für Kinderlose über 25 Jahren. Kommt jetzt die Reproduktions-Stasi?
in: TAZ Online v. 15.02.

EBBINGHAUS, Uwe (2012): 2030 - Odyssee in eine gealterte Gesellschaft.
Mit der Gestaltung von Europas Zukunft hat die Politik gerade alle Hände voll zu tun. Dabei vergisst sie die alternde Gesellschaft. Anhand seriöser Voraussagen wollen wir in einer erfundenen Familiengeschichte ein Demenz- und Gesellschaftsszenario für das Jahr 2030 entwerfen. Wie können wir altern?
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 10.03.

Anlässlich des Artikels von Uwe EBBINGHAUS hat single-generation.de die Thesen des nationalkonservativen Bevölkerungswissenschaftlers Herwig BIRG zur Geburtenentwicklung und Kinderlosigkeit in Deutschland aus dem Jahr 2005 an der Realität überprüft (mehr hier).

ROLLMANN, Annette (2012): Kinderlose sollten höhere Abgaben zahlen.
Mehrere junge CDU-Politiker forderten kürzlich eine Sonderabgabe für Kinderlose, um die Sozialkassen zu stabilisieren. "Unfair und reaktionär" sei dieser Vorschlag, hieß es aus der Opposition. Dabei ist das Konzept eine gute Idee,
in:
DeutschlandRadio v. 26.03.

FUCHS, Claudia (2012): Das größte Wunder der Welt.
Kinderlosigkeit: Mit 32 trifft sie den Mann ihres Lebens. Als sie 35 ist, wollen sie ein Kind. Aber es klappt einfach nicht. Unsere Autorin erzählt die Geschichte einer großen Hoffnung und eines einsamen Kampfes,
in:
Magazin der Berliner Zeitung v. 31.03.

HYATT, Millay (2012): Ungestillte Sehnsucht. Wenn der Kinderwunsch uns umtreibt, Berlin: Ch. Links Verlag

Ungestillte Sehnsucht

"Mit 32 erfährt Millay Hyatt, dass sie keine Kinder bekommen kann. Der Wunsch aber ist intensiv. So intensiv, dass er zu einer Gewalt heranwächst, die sie und ihren Mann zu Ärzten, Therapeuten und in Adoptionsseminare führt. Sie geben die Hoffnung nicht auf. Millionen Menschen in Deutschland teilen dieses Schicksal. Die Ursachen reichen vom fehlenden Partner bis hin zu Unfruchtbarkeit oder Homosexualität. Viele von ihnen gehen über körperliche, seelische und finanzielle Grenzen hinaus, um ihre Sehnsucht zu stillen. Während die Reproduktionsmedizin voranschreitet, bleibt die Verzweiflung der Betroffenen unsichtbar. Was treibt diese Menschen an? Warum ist ihr Kinderwunsch so stark? Und ab wann geht es vielleicht gar nicht mehr um das Kind? Millay Hyatt befragt sich selbst, ihre Interviewpartner und das System, das dahintersteckt. Ein aufrüttelnder, tiefgründiger und einfühlsamer Wegbegleiter!"
(Klappentext)

Unfreiwillig Kinderlose als von der Familienpolitik unberücksichtigte Zielgruppe

"Wir unfreiwillig Kinderlosen haben keine Plattform, um über unseren Wunsch zu sprechen und unseren Verlust zu betrauern. Auch privat treffen wir oft auf Unverständnis. Viele unserer Freundinnen – die, die Kinder haben, und die, die keine wollen – halten uns für übergeschnappt, wenn sie sehen, wie sehr uns unser Wunsch beschäftigt und wie weit wir gehen, um ihn zu erfüllen (...). Vielen erscheint schon eine über Jahre anhaltende Sehnsucht unvereinbar mit gängigen Vorstellungen darüber, was wichtig sein sollte, und damit Grund genug, nicht darüber zu sprechen.
Denn die Debatte über den Geburtenrückgang, die seit Jahren in vielen Industrieländern entbrannt ist, konzentriert sich auf dessen gesellschaftliche Auswirkungen, vor allem für Länder mit einer vergleichsweise niedrigen Einwanderungsrate wie Deutschland. (...). In dieser Diskussion wird die Kinderlosigkeit allem als eine mehr oder weniger bewusste Entscheidung behandelt und auf die Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln, die Emanzipation der Frauen, den steigenden Druck auf private Haushalte und Ähnliches zurückgeführt. Die Politik versucht der Situation beizukommen, indem sie Familien mit Kindern steuerlich entlastet, das Elterngeld einführt, Ganztagsschulen fördert, neue Kitaplätze schafft. Diese Maßnahmen folgen der Annahme, dass sich die meisten Kinderlosen mit Absicht gegen eine Familiengründung (oder weitere Kinder) entscheiden. Oft müssen sie, vor allem Frauen in festen Partnerschaften, ihre Entscheidung gegen Kinder sogar rechtfertigen. Diese Annahme entspricht jedoch nicht der Realität.
Eine repräsentative Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach aus dem Jahr 2007 zeigte, dass in Deutschland 12,8 Millionen Menschen zwischen 25 und 59 Jahren einen offenen Kinderwunsch haben oder gern (mehr) Kinder bekommen hätten. Das stellt mehr als ein Drittel dieser Altersgruppe dar. Trotzdem spielen diese Menschen so gut wie keine Rolle in der Diskussion, wie sie derzeit geführt wird. Es gibt eine beträchtliche Zahl Menschen, die morgen ein Kind zeugen oder zu sich nehmen würden, wenn sie den richtigen Partner hätten, nicht unfruchtbar (oder noch fruchtbar) wären, wenn sie ein Adoptivkind vermittelt bekämen. Was das für jeden Einzelnen bedeutet, ist in der Öffentlichkeit bisher weitgehend unsichtbar."
(2012, S.10f.)

FRICKE, Beatrix (2012): Weiblich, kinderlos, glücklich.
Familie: Frauen ohne Kinder müssen sich oft rechtfertigen. Die Gründe, sich gegen Nachwuchs zu entscheiden, sind vielfältig,
in:
Berliner Morgenpost v. 09.06.

FRICKE, Beatrix (2012): "Der Mensch findet sein Glück in Sozialbeziehungen".
Trotzdem sind nicht unbedingt eigene Kinder der Schlüssel zum Glück, sagt der Psychologe Professor Walschburger,
in:
Berliner Morgenpost v. 09.06.

DESTATIS (2012): 2011 - Weniger Geburten, Sterbefälle und Eheschließungen,
in:
Pressemitteilung Statistisches Bundesamt Wiesbaden v. 02.07.

SCHRUPP, Antje (2012): Keine Schuldgefühle, bitte.
Kinder: Junge Frauen wollen heute ja bekanntlich alles. Unsere Autorin, kinderlos, fragt sich, wie man ihnen dabei helfen kann,
in:
Freitag Nr.28 v. 12.07.

LIMINSKI, Jürgen (2012): Pro.
Parlamentkontroverse Brauchen wir eine Demografieabgabe?: "Soli" für Kinderlose,
in: Das Parlament v. 06.08.

LUTZ, Martin (2012): Contra.
Parlamentkontroverse Brauchen wir eine Demografieabgabe?: Mehr Lust auf Kinder,
in: Das Parlament v. 06.08.

HÖPFLINGER, François (2012): Bevölkerungssoziologie. Eine Einführung in demographische Prozesse und bevölkerungssoziologische Ansätze, 2. überarbeitete Auflage, Weinheim: Beltz Verlag

Bevölkerungssoziologie

"Nachdem die Soziologie demographische Größen lange Zeit vernachlässigt hat, zählen Bevölkerungsprozesse und die damit zusammenhängenden Kategorien der Generationenabfolge und des Lebenslaufs heute zu den zentralen und gegenwärtig fruchtbarsten theoretischen Themenbereichen der Soziologie. Dieser Band bietet eine zusammenfassende und kritische Darstellung wichtiger bevölkerungssoziologischer Ansätze und bedeutsamer sozio-demographischer Entwicklungen."
(Klappentext)

Es gibt eine urbane Kultur des kinderlosen Erwachsenenalter

"Soziologisch bedeutsam ist die Feststellung, dass sich heute durchaus eine urbane Kultur kinderlosen Erwachsenenalters entwickelt hat, die dadurch gestärkt wird, als durch die demographische Alterung Familien bzw. Haushalte mit Kindern in immer mehr Regionen zu einer soziodemographisch wie soziokulturellen Minderheit werden. Nach Ansicht von Jürgen Dorbritz (2005: 389) sind es individualistisch deutbare »Gründe, bei denen sich diejenigen ohne Kinder und ohne Kinderwunsch am stärksten von denen unterscheiden, die sich für ein Leben mit Kindern entschieden haben. Es ist nach diesen Ergebnissen eine Gruppe in der Bevölkerung vorhanden, die sich aufgrund individualistisch geprägter Orientierungen gegen Kinder entscheiden.«"
(2012, S.74f.)

HOLLSTEIN, Miriam (2012): Akademikerinnen bekommen mehr Kinder.
Geburten: Eine neue Studie gibt Entwarnung: Der Geburtenrückgang bei sehr gut ausgebildeten Frauen ist gestoppt. Allerdings kommt es auf den Beruf an, den die Frauen ausüben,
in: Welt Online v. 19.09.

DESTATIS (2012): Leichter Rückgang der Geburtenziffer 2011 auf 1,36 Kinder je Frau,
in:
Pressemitteilung Statistisches Bundesamt Wiesbaden v. 20.09.

"Die zusammengefasste Geburtenziffer des Jahres 2011 betrug in Deutschland 1,36 Kinder je Frau. Damit lag sie nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) niedriger als im Vorjahr (1,39) und etwa auf dem Niveau von 2009. Die durchschnittliche Zahl der Geburten ging 2011 bei jüngeren Frauen zurück, während sie bei den Frauen im Alter von Mitte 30 bis Mitte 40 zunahm. In den neuen Ländern war die zusammengefasste Geburtenziffer mit 1,43 Kindern je Frau höher als im früheren Bundesgebiet (1,36)"

meldet das Statistische Bundesamt. Gestern wurden Daten zur Geburtenrate von Akademikerinnen in der Presse lanciert, die Martin BUJARD, Mitarbeiter am Institut für Bevölkerungsforschung im Auftrag des Familienministeriums erhoben hat. Man will offensichtlich einer erneuten Debatte um die Wirksamkeit des Elterngeldes den Wind aus den Segeln nehmen und der im Vergleich zum Vorjahr wieder gesunkenen allgemeinen zusammengefassten Geburtenziffer die gestiegene Geburtenziffer der Akademikerinnen entgegensetzen.

Heute hat das Familienministerium seine Interpretation zur Geburtenentwicklung in Deutschland: Aktuelle Zahlen und Erkenntnisse online gestellt. Zur Kinderlosigkeit der Akademikerinnen heißt es dort:

"Die Kinderlosigkeit von Frauen im Alter von 40 Jahren ist in Deutschland seit 2005 gestoppt. Die Entwicklung der Geburten in den letzten Jahren hat gezeigt, dass nicht der Bildungsstand entscheidend ist, ob und wie viele Kinder Frauen im Laufe ihres Lebens bekommen. Vielmehr gibt es zwischen den verschiedenen Berufsgruppen erhebliche Unterschiede. So gab es seit 1973 einen Geburtenrückgang bei Frauen in den meisten Berufen - dabei in sämtlichen nichtakademischen Berufen - zum Beispiel bei Verkäuferinnen oder Erzieherinnen. Im gleichen Zeitraum haben Frauen in mehreren akademischen Berufsfeldern wieder mehr Kinder bekommen. Dies ist beispielsweise bei Lehrerinnen und Ärztinnen der Fall."

Warum wird uns aber die Studie von Martin BUJARD weiterhin vorenthalten?

BUJARD, Martin (2012): Die Kinderzahl von Akademikerinnen.
Befunde eines Schätzmodells mit Mikrozensusdaten 1982-2011
in: Bevölkerungsforschung Aktuell Nr.5 v. 25.09.

BUJARD, Martin (2012): Talsohle bei Akademikerinnen durchschritten?
Kinderzahl und Kinderlosigkeit in Deutschland nach Bildungs- und Berufsgruppen. Expertise für das BMFSFJ,
in:
Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, Abruf am 26.09.

STOCK, Günter u.a. (Hrsg.)(2012): Zukunft mit Kindern. Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz, Campus Verlag

Zukunft mit Kindern

"Warum bleibt der Kinderwunsch vieler Paare unerfüllt, während sich andere gegen Kinder entscheiden? Das Buch präsentiert die Ergebnisse einer Arbeitsgruppe der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Leopoldina zu den Gründen niedriger Geburtenraten in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Es führt auf einmalige Weise den heutigen Wissensstand aus Medizin, Soziologie, Demografie, Ökonomie, Psychologie, Politik- und Geschichtswissenschaften zusammen, räumt mit Legenden auf, beleuchtet Probleme der Datenerhebung und entwickelt schließlich Empfehlungen, wie die Realisierung von Kinderwünschen besser ermöglicht werden kann. Der Ländervergleich zeigt eindrücklich, dass eine erfolgreiche Familienpolitik neben den Dimensionen Zeit, Geld und Infrastruktur unbedingt den jeweiligen sozialen Kontext berücksichtigen muss."
(Klappentext)

Die Kinderlosigkeit von Akademikerinnen

"»Hochgebildete Frauen bekommen kaum noch Kinder«

Was wir heute wissen: Die Kinderlosigkeit von Akademikerinnen ist deutlich höher als die anderer Frauen. Jedoch wurde das Ausmaß der Kinderlosigkeit in der Vergangenheit aufgrund fehlender Daten zu hoch eingeschätzt. Zum Beispiel zeigen aktuelle Mikrozensusergebnisse aus dem Jahr 2008 für Deutschland, dass 28 Prozent der um 1965 geborenen Akademikerinnen kinderlos bleiben."
(2012, S.26f.)

KIRCHNER, Julia (2012): Wenn Freunde Kinder bekommen.
Die Babys sind los: Früher schmiedete man noch Pläne, heute reicht die Aufmerksamkeit nur für den Nachwuchs. Kinderlose Paare haben es da schwer,
in: Hamburger Abendblatt v. 31.10.

KÖRBER, Jule (2012): Ungewollt kinderlos und allein gelassen.
Reproduktionsmedizin: Bis zu zwei Millionen Paare sind unfreiwillig kinderlos. Die Medizin kennt viele Wege, die helfen könnten. Doch die Finanzierung ist schwierig,
in: WAZ Online v. 06.12.

Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Hrsg.)(2012): (Keine) Lust auf Kinder?

(Keine) Lust auf Kinder?

"Warum bleibt der Kinderwunsch vieler Paare unerfüllt, während sich andere gegen Kinder entscheiden? Das Buch präsentiert die Ergebnisse einer Arbeitsgruppe der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Leopoldina zu den Gründen niedriger Geburtenraten in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Es führt auf einmalige Weise den heutigen Wissensstand aus Medizin, Soziologie, Demografie, Ökonomie, Psychologie, Politik- und Geschichtswissenschaften zusammen, räumt mit Legenden auf, beleuchtet Probleme der Datenerhebung und entwickelt schließlich Empfehlungen, wie die Realisierung von Kinderwünschen besser ermöglicht werden kann. Der Ländervergleich zeigt eindrücklich, dass eine erfolgreiche Familienpolitik neben den Dimensionen Zeit, Geld und Infrastruktur unbedingt den jeweiligen sozialen Kontext berücksichtigen muss."
(Klappentext)

Die Entwicklung der Kinderlosigkeit in Deutschland

"Die Kinderlosigkeit ist im Westen zunächst langsam, dann beschleunigt angestiegen und erreicht in den Jahrgängen 1965 – 1969 einen Wert von 24,1 %. In Ostdeutschland ist die Kinderlosigkeit konstant niedrig geblieben. Die gleichen Geburtsjahrgänge werden nur zu 11,3 % kinderlos bleiben. Danach setzt bei den jüngeren Kohorten ebenfalls ein Anstieg ein. Der Wert von 14,0 % in den Frauengeburtsjahrgängen 1970 – 1974 unterschreitet den Wert der westdeutschen Vergleichsgruppe aber immer noch deutlich. Im Gegensatz dazu ist ein starker Anstieg bei den Frauen mit nur einem Kind zu beobachten, von 25,9 % (Jahrgänge 1933 – 1938) auf 36,2 % (Jahrgänge 1965 – 1969). Da diese Jahrgänge zum Zeitpunkt der Befragung bereits 41 bis 45 Jahre alt waren, können durch späte Geburten nur noch geringe Veränderungen in der Paritätsverteilung eintreten. Das Entstehen einer grundsätzlich neuen Fertilitätssituation ist allerdings nicht zu erwarten."
(2012, S.12f.)

 

Tabelle: Lebensformen von Frauen in den Geburtsjahrgängen 1965 - 1969 (35 - 39-Jährige) im Jahr 2008 in Deutschland (%)
Lebensformen Kinderzahl Summe
  0 1 2 3+  
Ehe 7,7 16,4 30,8 13,4 68,3
NEL 3,7 3,0 2,3 0,7 9,7
Ohne Partner im Haushalt 12,4 7,1 1,7 0,7 21,9
Summe (Spalten) 23,8 27,5 36,7 14,9 100,0
Quelle: BIB 2012, S.18; Datenquelle Mikrozensus 2008; eigene Darstellung
Abkürzungen: NEL = Nichteheliche Lebensgemeinschaft

Kinderzahl und Kinderlosigkeit nach Lebensform in den Frauenjahrgängen der 1965 - 1969 Geborenen im Jahr 2008

"Die durchschnittliche Kinderzahl in den Geburtsjahrgängen 1965 – 1969 beträgt 1,41. Allgemein ist für Deutschland festzustellen, dass Kinder haben und Verheiratetsein noch immer eng zusammengehören. Die verheirateten Frauen dieser Jahrgänge haben durchschnittlich 1,73 Kinder zur Welt gebracht. Die Kinderlosigkeit ist mit 11,3 % außerordentlich gering. Basiert die Partnerschaft wie in nichtehelichen Lebensgemeinschaften nicht auf einer Ehe, verringert sich die Zahl der geborenen Kinder auf 1,01 und die Kinderlosigkeit steigt auf 37,7 %. Es dominieren Kinderlosigkeit und Einkindfamilien. Das gilt auch, nur extremer, für die Frauen, zu deren Haushalt kein Partner gehört. Die durchschnittliche Kinderzahl beträgt dann nur noch 0,58 und die Kinderlosigkeit wächst auf 56,6 % an."
(2012, S.21)

Inhaltsverzeichnis

1. Demografischer Wandel und Geburtenentwicklung
2. Geburten in Deutschland – Aktuelle Situation und Trends
Die zwei Geburtenrückgänge
Der erste demografische Übergang
Der zweite Geburtenrückgang
Endgültige Kinderzahlen nach Geburtsjahrgängen
Effekte der DDR-Familienpolitik
Besonderheiten in der Paritätsverteilung
Immer spätere Geburten
Nichteheliche Geburten
3. Lebensformen
Daten des Mikrozensus
Daten des Generations and Gender Surveys
4. Sozialstrukturelle Unterschiede im generativen Verhalten
Lebensformen und generatives Verhalten
Berufliche Bildung
Paarspezifische Erwerbssituation
Migrationshintergrund und Migrationserfahrung
Fertilitätsmuster nach der Kombination verschiedener Merkmale
5. Regionale Differenzierungen
Niedrige Fertilität in Universitätsstädten
Altersspezifische Unterschiede im Fertilitätsverhalten
Jüngere Mütter in Ostdeutschland
Späte Geburten und wenig Kinder in Großstädten
Niedrige Kinderlosigkeit in Ostdeutschland
Starke Geburtenrückgänge in ländlichen Räumen
6. Einstellungen zu Familie und Kindern
Die Bedeutung von Kindern in Deutschland
Die Wichtigkeit einzelner Lebensbereiche
Kinder als Quelle von Zufriedenheit und Lebensfreude
Gesellschaftliche Anerkennung von Elternschaft
Vorstellungen über das Leben mit Kindern
Erwartungen an die Rolle der Mutter
Erwartungen an die Rolle des Vaters
Einstellungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf
Kinderwünsche
Erwartungen an die Familienpolitik
7. Deutschland im europäischen Vergleich
Deutschland – ein Niedrig-Fertilitäts-Land
Gebäralter in Europa
Nichteheliche Geburten
Heirats- und Geburtenhäufigkeit
Besonderheiten der deutschen Fertilitätssituation
8. Warum so wenig Kinder?
Erklärungen

DDP/EPD/AP (2012): Die Deutschen haben keine Lust auf Kinder.
Der Kinderwunsch ist hierzulande deutlich weniger ausgeprägt als in anderen Ländern Europas. Schuld daran ist laut Studie das Mutterbild,
in: Berliner Morgenpost v. 17.12.

Es gibt nichts Neues zur Geburtenentwicklung in Deutschland? Macht nichts! Bringen wir einfach eine Broschüre mit den Best of Hits heraus, weshalb das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung nun eine neue Broschüre mit dem Titel (Keine) Lust auf Kinder? in der nachrichtenarmen Vorweihnachtszeit lanciert. Das BIB wärmt darin nochmals seine altbekannten Thesen zur Kinderlosigkeit in Deutschland auf.

Die Daten zur Kinderlosigkeit stammen aus dem Jahr 2008, weil die Politik aktuelle Daten erst wieder mit dem Mikrozensus 2012 erheben ließ, dessen Ergebnisse aber erst nächstes Jahr veröffentlicht werden. Man darf nicht zu Unrecht vermuten, dass diese wieder einmal zu Wahlkampfzwecken missbraucht werden. Oder warum hat man sonst diesen Veröffentlichungstermin gewählt?

RASCHE, Uta (2012): Immer weniger Deutsche wollen Kinder.
Bei Geburtenrate und Kinderwunsch gehört Deutschland im internationalen Vergleich zu den Schlusslichtern. Hinderlich sei nicht zuletzt das kulturelle Leitbild einer „guten Mutter“, die zu Hause erzieht, so eine Studie,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 18.12.

"Die Studie weist auch daraufhin, dass fast ein Drittel (31,6 Prozent) der Akademikerinnen Geburtsjahrgänge 1965 bis1969 kinderlos geblieben seien",

lügt uns Uta RASCHE an. Datenstand war zum einen 2008 und nicht 2012. Die Akademikerinnen des Jahrgangs 1969 waren also erst 38 bzw. 39 Jahre alt, obwohl westdeutsche Akademikerinnen auch in diesem Alter noch erste Kinder bekommen, wie die überhöhten Zahlen zur Akademikerinnenkinderlosigkeit bis Mitte der Nuller Jahre gezeigt haben.

Zudem handelt es sich lediglich um die westdeutschen Akademikerinnen (Broschüre S.52). Der Wert für Deutschland betrug 2008 nur 29,9 % (Broschüre S.24), aber dann könnte man eben nicht von "fast einem Drittel" faseln. Eine Zahl, die Herwig BIRG  Anfang des Jahrtausends den gesamten Jahrgängen  1965 - 1969 und nicht nur den Akademikerinnen andichtete. Eine Zahl, der inzwischen sozusagen mythische oder sogar magische Bedeutung im Bevölkerungsdiskurs zukommt.

GAULHOFER, Karl & Ulrike WEISER (2012): Lieber kinderlos als "Rabenmutter".
Warum bekommen Frauen so wenige Kinder? Eine deutsche Studie zeigt, dass sich viele die Elternrolle nicht mehr zutrauen. Zudem gibt es zunehmend andere Ziele im Leben. Das gilt auch für Österreich,
in: Die Presse v. 18.12.

KRÜGER, Karen (2012): Kinder einer Generation.
Warum wir ein neues Mutterbild brauchen,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 23.12.

Karen KRÜGER hält sich wie Antonia BAUM strikt an die Vorgaben der BIB-Broschüre, kritisiert höchstens deren Fokus auf die Kultur der Kinderlosigkeit bzw. die freiwillige Kinderlosigkeit.

Im dem kürzlich erschienenen Buch Zukunft mit Kindern wird ein Paradigmenwechsel gefordert: im Fokus des Aufklärungsunterrichts soll zukünftig die ungewollte Kinderlosigkeit stehen. In diesem Sinne kritisiert KRÜGER Antonia BAUM:

"Im »Guardian« stand kürzlich (Anmerkung: vor fast einem halben Jahr) ein kluger Artikel über ungewollte Kinderlosigkeit. Die Journalistin Kate Brian wies darauf hin, dass es im Sexualunterricht letztendlich immer nur darum gehe, wie Schwangerschaften verhindert werden können. Um ungewollte, nicht medizinisch begründete Kinderlosigkeit ginge es hingegen nie, und das, obwohl in einer Klasse, in der dreißig Schüler sitzen, mindestens fünf Mädchen davon betroffen sein werden (die Zahl ungewollter Schwangerschaften ist weitaus geringer). Noch viel wichtiger als diese Beobachtung, die, wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke oder mich mit meiner Schwester, die Lehrerin ist, unterhalte, offenbar auch immer noch für Deutschland gilt, war das, was ein gewisser Professor Michael Reiss dazu der Journalistin vom »Guardian« erklärte. Früher sei die Situation immer so dargestellt worden, als wolle jedes Mädchen möglichst früh Mutter werden: »Unbewusst werden solche Themen noch immer durch die Sichtweisen vorangehender Generationen abgesteckt.«".

2013

BUHR, Petra & Anne-Kristin KUHNT (2013): Die kurzfristige Stabilität des Kinderwunsches von Kinderlosen in Ost- und Westdeutschland: Eine Analyse mit den ersten beiden Wellen des deutschen Beziehungs- und Familienpanels, in: Johannes Huninink/Michaela Kreyenfeld/Heike Trappe (Hrsg.): Familie und Partnerschaft in Ost- und Westdeutschland. Sonderheft 9 der Zeitschrift für Familienforschung, S.275-297

Die kurzfristige Stabilität des Kinderwunsches von Kinderlosen in Ost- und Westdeutschland

"Während bisher Personen ohne Kinderwunsch, ungeachtet der Tatsache, dass sie nicht reduzieren können, in ein Gesamtmodell integriert wurden, haben wir diese separat betrachtet. Eine Gruppe, die bisher in der Literatur kaum Beachtung fand, sind die Personen mit einem unsicheren Kinderwunsch. Diese haben wir als Subsample in unsere Analysen integriert.
Insgesamt gesehen bestätigen unsere Analysen bisherige Forschungsergebnisse, die besagen, dass der Kinderwunsch über die Zeit hinweg eher instabil ist. (...). Ein relativ hoher Anteil, nämlich gut ein Drittel aller betrachteten Personen, verändert seine realistisch erwartete Kinderzahl innerhalb nur eines Jahres."

(
2013, S.294)

FRANZ, Marcus (2013): Wenn Kinderlosigkeit zum Lebensziel wird, liegt Welt im Sterbebett.
Ein gewolltes Leben ohne Kinder kann keine gültige Maxime sein, wenn man eine funktionierende Gesellschaft haben möchte,
in:
Die Presse v. 21.02.

UNVERZAGT, Kristin S. (2013): Ungewollt kinderlos.
Eigene Kinder zu bekommen, sie aufwachsen zu sehen, mit ihnen zusammenzuleben - das gehört für viele Menschen zu einem erfüllten Leben dazu. Doch was, wenn die gewünschten Kinder ausbleiben? Über gesellschaftliche Erwartungen, medizinische Möglichkeiten und den Abschied vom Kinderwunsch berichtet MDR FIGARO in einem Themenschwerpunkt,
in: Figaro. Sendung des MDR v. 06.03.

ZIRM, Jakob (2013): Kinderlose profitieren vom Nachwuchs anderer Leute.
Laut deutschen Ökonomen sind Kinderlose "Trittbrettfahrer" im Pensionssystem und sollten daher weniger Rente erhalten. Die Diagnose ist richtig, die Therapie falsch,
in: Die Presse v. 02.04.

KOCINA, Erich (2013): Der Neid der Eltern auf die Kinderlosen.
Für Eltern ist es ein Tabu, zu fragen, ob es ohne Kinder nicht leichter wäre. Und doch bricht gelegentlich eine Neiddebatte zwischen Eltern und Kinderlosen aus - vor allem, wenn es um die Pensionen geht,
in: Die Presse am Sonntag v. 07.04.

KOCINA, Erich (2013): "Wir sollten nicht mit Aufrechnen anfangen".
Sozialrechtler Wolfgang Mazal fordert von Kinderlosen, dass sie Eltern das Leben erleichtern, mehr zahlen müssen sollen sie aber nicht,
in: Die Presse am Sonntag v. 07.04.

POLKE-MAJEWSKI, Karsten (2013): Schicksal ungewollt kinderlos.
Unfruchtbarkeit: Wer kein Kind bekommen kann, leidet im Verborgenen. Zwar gilt Zeugungsunfähigkeit als medizinisch behebbar, aber sie ist gesellschaftlich ein Tabu,
in: ZEIT Online v. 08.04.

SIEGERT, Sonja & Anja UHLING (2013): Ich will kein Kind. Dreizehn Geschichten über eine unpopuläre Entscheidung, Frankfurt a/M: Mabuse Verlag

Ich will kein Kind

"Kinder haben macht glücklich.
Keine Kinder haben auch.
Das Kinderthema ist ein Dauerbrenner. Sterben die Deutschen aus? Was stimmt nur mit den Kinderlosen nicht? Bei dieser Debatte kommen Menschen, die sich einfach keine Kinder wünschen, selten zu Wort. Hier erzählen dreizehn Frauen und Männer: Wieso haben sie sich gegen Kinder entschieden? Was ist ihnen im Leben wichtig? Die Autorinnen ergänzen diese Porträts um Zahlen und Hintergründe. Und es zeigt sich: Kinderlose sind nicht schuld an einer »demografischen Katastrophe«. Sie sind nicht egoistischer als Eltern und auch nicht einsamer. Und nein: Ein Kinderwunsch ist nicht »natürlich«. Ein Buch für alle, die sich bewusst für oder gegen ein Kind entscheiden wollen. Und für alle, die sich für vielfältige und gleichberechtigte Lebensentwürfe einsetzen."
(
Klappentext)

KALARICKAL, Jasmin (2013): "Die Kohortenfertilität nimmt zu".
Demografie: Eine neue Prognose sagt, dass Frauen in Deutschland wieder mehr Kinder kriegen. Das sei ein echter Wendepunkt, meint die Demografin Michaela Kreyenfeld,
in: TAZ v. 29.04.

DOWIDEIT, Anette (2013): Eltern zahlen für Kinderlose mit.
Trotz 156 familienpolitischen Leistungen kommen Kinderlose unterm Strich viel besser weg,
in: Welt am Sonntag v. 28.07.

DORBRITZ, Jürgen & Robert NADERI (2013): Trendwende beim Kinderwunsch?
in: Bevölkerungsforschung aktuell, Nr.4, August

Las man in den vergangenen Jahren Berichte über den  Kinderwunsch der Deutschen aus dem Institut für Bevölkerungsforschung, dann waren das immer Hiobsbotschaften. Kritik an der Kinderwunschforschung war ein Tabu. Auf dieser Website und auf single-generation.de wurde die Kinderwunschforschung immer wieder kritisiert (hier, hier und hier). Nun gibt es neue Töne in Sachen Kinderwunsch:

"Eine der zentralen Schlussfolgerungen des Workshops war es daher, auf längerfristige Zeithorizonte und auf die Zusammenfassung vieler Altersgruppen zu verzichten. Den Kinderwunsch mit einer der zusammengefassten Geburtenziffer adäquaten Altersgruppe von 15 bis 49 Jahren abzubilden, ist daher nicht sinnvoll. Gleichfalls führt es zu eingeschränkten Ergebnissen, wenn 20-Jährige, die ihre Lebensumstände in 15 oder 20 Jahren nur schwer abschätzen können, auf die Frage antworten, wie viele Kinder sie später einmal haben wollen."

Selbst diese Revision greift jedoch viel zu kurz. Wie sinnvoll ist es z.B. Kinderlose, Mütter von einem, zwei oder noch mehr Kinder, in Befragungen zum Kinderwunsch zusammenzufassen, wie das in Umfragen immer noch geschieht?

Mitte der Nuller Jahre machte die Rede von einer "Kultur der Kinderlosigkeit" die Runde und ein Anstieg der Geburtenrate wurde für Niedrigstfertilitätsländer wie Deutschland für unmöglich gehalten. Jetzt gibt das BIB Entwarnung:

"Aufgrund der Vielzahl der Messungen, die in eine Richtung zeigen, ist von einem Wiederanstieg des Kinderwunsches auszugehen. Man hatte es um das Jahr 2000 lediglich mit einer relativ kurzen Phase niedriger Kinderwünsche zu tun. Es scheint sich eine Trendwende bezüglich des »Ideals der freiwilligen Kinderlosigkeit« (Peuckert 2012: 217) abzuzeichnen.
Der zweite hervorzuhebende Sachverhalt ergibt sich aus diesem Trend. Bislang herrschte Unklarheit darüber, ob ein einmal gesunkener Kinderwunsch kurzfristig wieder ansteigen kann oder ob er zu einer wenig veränderbaren Obergröße für das Fertilitätsniveau wird. Letztere Gefahr scheint nicht zu bestehen, da der Kinderwunsch in einem kurzen Zeitraum von etwa 10 Jahren erheblich angewachsen ist."

Erstaunlich, dass von einer "relativ kurzen Phase niedriger Kinderwünsche" um das Jahr 2000 gesprochen wird. Stattdessen belegt die Tabelle 2, dass die Debatte um eine Kultur der Kinderlosigkeit erst mit Daten der BIB-Surveys PPAS 2003 und GGS 2005 entfacht wurde. Hauptakteur war ausgerechnet Jürgen DORBRITZ, der davon nun nichts mehr wissen will!

Haben wir es hier wieder mit Wahlkampf zu tun? Schließlich war die Kultur der Kinderlosigkeit das Thema des Familienwahlkampfes 2005. Zeichnet sich hier bereits der Trend des diesjährigen Familienwahlkampfes ab? Die Publikation der Zahlen zur Kinderlosigkeit in Deutschland aus dem Mikrozensus 2012 steht immer noch aus. Lässt sich aus dem Artikel also herauslesen, dass die Kinderlosigkeit zwischen 2008 und 2012 weiter zurückgegangen ist?

TIME-Titelgeschichte: The Childfree Life.
When having it all means not having children

SANDLER, Lauren (2013): Having It All Without Having Children.
The American birthrate is at a record low. What happens when having it all means not having children?,
in:
Time v. 12.08.

WEBER, Bettina (2013): Sie wollen alles – aber keine Kinder.
Vor allem gut ausgebildete Frauen bleiben zunehmend kinderlos – gewollt. Sie werden deshalb gern abschätzig behandelt oder bemitleidet. Dabei zeigt ihre Entscheidung ein politisches Problem auf,
in:
Tages-Anzeiger Online v. 13.08.

BERENDSEN, Eva (2013): Kinder? Nein danke.
Willkommen im Zeitalter der neuen Mütterlichkeit. Wer nicht auf natürliche Weise schwanger werden kann, darf auf die Wunder der Reproduktionstechnologie hoffen. Frauen, die keine Kinder haben wollen, geraten umso stärker unter Druck,
in: Frankfurter Allgemeine
Sonntagszeitung v. 18.08.

Eva BERENDSEN, die Lena CORRELLs Studie Anrufungen zur Mutterschaft zitiert, beschreibt zuerst die Situation von kinderlosen Frauen in unserer Gesellschaft. Ihr Fazit:

"Kinderlose Frauen sind eine Provokation, wenn die Bevölkerung schrumpft und der Zusammenbruch der sozialen Sicherung droht."

Auch die Fortschritte der Reproduktionsmedizin setzt Kinderlose zusätzlich unter Druck. Nach Meinung von BERENDSEN soll die Geburtenrate mit gesellschaftspolitischen statt mit reproduktionsmedizinischen Mitteln gesteigert werden:

"letztlich kapitulieren wir mit der Hoffnung auf den medizinischen Fortschritt vor einem gesellschaftspolitischen Problem, verlagern die Lösung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie auf die Ebene der Technik".

Die dahinter stehende Hoffnung ist, dass die kinderlosen Frauen dann in Ruhe gelassen werden. Es gäbe aber noch zwei weitere Alternativen:

"kinderlose Frauen wird man wohl erst in Ruhe lassen, wenn die Bevölkerungskurve wieder ansteigt. Oder wenn man einen Weg gefunden hat, die Finanzierung der sozialen Sicherung von der Logik des Generationenvertrages zu entkoppeln. Oder wenn wir einen Zustand erreicht haben, in dem die Gesellschaft nicht alle Frauen auf ihr biologisches Potential reduziert."

Sowohl elitäre Feministinnen als auch Marktradikale sehen in der Abkopplung der Finanzierung der sozialen Sicherung von der Logik des Generationenvertrages einen Lösungsweg. Kapitaldeckung in Form privater Altersvorsorge und/oder eine Mindestsicherung gelten als Ausweg.

BERENDSEN macht letztlich aber auch subtil (im Gegensatz zu Evelyn HOLST und im Einklang mit einer bevölkerungspolitisch orientierten Wissenschaft) Front gegen späte Mütter:

"Erst das Kind und dann die Ausbildung? Oha! Wer muss da nicht an die Unterschichtenmamis in Jogginghosen denken? Aber warum sollten Frauen nicht Kinder bekommen, wenn sie noch auf der Höhe ihrer Kräfte sind - vorausgesetzt, sie erhalten Unterstützung von der Gesellschaft?"

Warum also in Zukunft kinderlos bleiben, wenn man junge Mutter werden könnte?

Man könnte aber auch grundlegender fragen, warum die Demografisierung gesellschaftlicher Probleme - wie sie hier auch von BERENDSEN betrieben wird - in unser aller Interesse sein soll.

SCHÄFER, Christoph (2013): AfD will Kinderlose deutlich stärker belasten.
Die Anti-Euro-Partei Alternative für Deutschland (AfD) will Geld von Kinderlosen hin zu kinderreichen Familien umverteilen. Und Zuwanderung anders kontrollieren,
in:
FAZ v. 23.08.

VOWINKEL, Heike (2013): Warum willst du denn kein Kind?
Lebensplanung: Wer keine Kinder will, provoziert. Welche Rolle spielt Egoismus bei der Entscheidung für oder gegen ein Kind? Im Buch "Ich will kein Kind" erzählen freiwillig Kinderlose von ihren Gründen,
in: Welt Online v. 17.09.

FOCUS-Titelgeschichte: Projekt Kind.
Mit High-Tech-Medizin zum Baby - aber kann man Glück planen?

SEITZ, J. u.a. (2013): Abenteuer Baby.
Es wird geplant wie für eine Dschungel-Expedition voll unbekannter Gefahren: Das Projekt Kind fordert Eltern - und überfordert viele, die den richtigen Zeitpunkt verpassen,
in:
Focus Nr.41 v. 07.10.

Deutsche "mit dem höchsten Bildungsgrad Abitur/Universität (...) Anteil der Kinderlosen mit 47 Prozent deutlich am höchsten",

behaupten SEITZ u.a. Sie beziehen sich jedoch auf eine Umfrage unter 30-39Jährigen, was dem Text nicht zu entnehmen ist, sondern nur einem Schaubild, das zudem nicht direkt dem Text zugeordnet ist. Es handelt sich bei den 47 Prozent also nicht um lebenslang Kinderlose, sondern nur um Noch-Kinderlose. Denn wie dem Text weiter zu entnehmen ist, bekamen bereits 2010 noch 19 % der 36-49Jährigen - insbesondere Akademikerinnen - Kinder. Seriöse Daten gehen dagegen von ca. 30 % Kinderlosen unter den Akademikerinnen der 1965-1968 Geborenen aus. Jüngere könnten sogar zu einem niedrigeren Prozentanteil kinderlos sein. Erst der Mikrozensus 2012 mit seiner Zusatzauswertung zur Kinderlosigkeit wird darüber Klarheit schaffen.

Der Anteil der kinderlosen Akademikerinnen ist in Deutschland aufgrund der nationalsozialistischen bzw. nationalkonservativen Bevölkerungspolitik traditionell hoch. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Akademikerinnen war bis Mitte der 1980er Jahre in Westdeutschland noch nicht einmal ein Thema gewesen. Erst seit Mitte der Nuller Jahre wird mit dem Ausbau der nicht-familialen Kinderbetreuung ein Politik der Vereinbarkeit von Beruf und Familie betrieben. Wir haben es hier also nicht mit einer "Verweigerung an der Gebärfront" zu tun, wie der Focus behauptet, sondern mit einem gravierenden Staatsversagen.

KREYENFELD, Michaela & Dirk KONIETZKA (Hrsg.)(2013): Ein Leben ohne Kinder. Ausmaß, Strukturen und Ursachen von Kinderlosigkeit, Wiesbaden, 2. überarbeitete Auflage, Springer VS

Ein Leben ohne Kinder

"Trotz der offensichtlichen sozialpolitischen Relevanz und großen medialen Aufmerksamkeit des Phänomens Kinderlosigkeit sind das Ausmaß, die Ursachen und die Konsequenzen der Kinderlosigkeit in Deutschland bislang unzureichend untersucht worden, mit der Folge, dass in öffentlichen Debatten häufig unkritische und irreführende Diagnosen über Kinderlosigkeit erstellt werden. Das Ziel des Bandes besteht vor diesem Hintergrund darin, das Phänomen der Kinderlosigkeit in Deutschland analytisch differenziert zu durchdringen und belastbare Daten und Ergebnisse über das Ausmaß und die Struktur, die Ursachen und Folgen von Kinderlosigkeit zu präsentieren. Die vorliegende zweite Auflage ist grundlegend aktualisiert und erweitert worden."
(
Klappentext)

MISCHER, Ralf T. (2013): Behindert, kinderlos – Rente gekürzt.
Werner Rugen kann nicht Vater sein und soll deshalb mehr für Pflegeversicherung zahlen,
in:
Neue Westfälische Online v. 10.10.

Kinderlose müssen einen höheren Beitrag zur Pflegeversicherung zahlen. Aber eine Statistik darüber wird nicht geführt. Begründet wird dies mit dem Verwaltungsaufwand. Das ist mehr als lächerlich, denn zu jedem Blödsinn gibt es in Deutschland Statistiken. Ausgerechnet Kinderlosen gegenüber wird diese Transparenz verweigert.  Dabei führt das Gesetz dazu, dass sogar bei Schwerbehinderten dieser Beitrag eingezogen wird. Darf das sein?

Unsere verlogene Doppelmoral führt so weit einerseits Designer-Kinder zu verdammen, aber andererseits schwerbehinderte Kinderlose durch Gesetze wie das Kinderberücksichtigungsgesetz der Pflegeversicherung zu bestrafen.

Die etablierten Parteien verhindern jegliche Transparenz zu diesem Thema. Und wo sind die Journalisten, die diesen Skandal aufgreifen müssten? Fehlanzeige!

LINSINGER, Eva (2013): Marcus Franz über "Anomalien" Kinderlosigkeit und Homosexualität.
Marcus Franz, Primararzt und Politiker im Team Stronach, über das Amoralische an Kinderlosigkeit, Demonstrationsverbot für Schwule in der Innenstadt und den Altersstarrsinn von Frank Stronach,
in:
Profil Nr.44 v. 04.11.

DESTATIS (2013): Jede fünfte Frau zwischen 40 und 44 Jahren ist kinderlos,
in: Pressemitteilung Statistisches Bundesamt Wiesbaden v. 07.11.

Erst nach dem Bundestagswahlkampf 2005 und nach der Durchsetzung der Agenda 2010 wurden vereinzelt Stimmen laut, dass die Kinderlosigkeit mit ca. 33 % bei den 1965 geborenen Frauen und 40 % bei den westdeutschen Akademikerinnen zu hoch geschätzt ist. Die zweite Mikrozensus-Erhebung der Kinderlosigkeit in Deutschland zeigt, dass Anfang des Jahrtausends krasse Fehleinschätzungen im Umlauf waren. Für die  1970er Geburtsjahrgänge wurden sogar Kinderlosenzahlen von 40 % prognostiziert. Akademikerinnen sollten gar zu 50 % kinderlos bleiben. Die Tendenzen zeigen dagegen, dass die Anfang der 1970er Jahre geborenen Frauenjahrgänge eher zu einem niedrigeren Anteil kinderlos bleiben werden, was bereits im Jahr 2003 erkennbar war.

Auf dieser Webseite werden die Fakten in nächster Zeit genau analysiert werden, da die Interpretationen des Statistischen Bundesamtes bevölkerungspolitisch motiviert sind, d.h. Trendwenden werden erst dann verkündet, wenn sie sich nicht mehr leugnen lassen.

Mit 1,38 Kindern pro gebärfähiger Frau lag die Geburtenrate (TFR) 2012 höher als 2011 (1,36). Da diese Geburtenrate jedoch auf veralteten Volkszählungsdaten basiert, muss die Geburtenrate nach oben korrigiert werden, was jedoch - unverständlicherweise - erst mit dem Mikrozensus 2013 geschehen wird.

DESTATIS (2013): Geburtentrends und Familiensituation in Deutschland 2012.  Begleitheft zur Pressekonferenz am 07.11., Statistisches Bundesamt: Wiesbaden,

Geburtentrends und Familiensituation in Deutschland 2012

Einleitung

"Der Mikrozensus liefert seit 2008 im vierjährlichen Rhythmus Angaben über Frauen nach der Zahl ihrer leiblichen Kinder. Damit ist eine statistisch fundierte Aussage zur Kinderlosigkeit in Deutschland überhaupt erst möglich geworden.
In diesem Bericht werden die Angaben der Geburtenstatistik bis zum Jahr 2012 und der zweiten Mikrozensus-Befragung im Jahr 2012 zur Anzahl der geborenen Kinder miteinander verknüpft. Damit wird das Bild über die Geburtenentwicklung vollständiger. Alle Angaben beziehen sich hier auf den Bevölkerungsbestand, in dem die Ergebnisse des Zensus 2011 noch nicht berücksichtigt sind. Nach erster Einschätzung auf Grundlage der zum Veröffentlichungszeitpunkt bekannten Zensusergebnisse haben die hier dargestellten Trends und Zusammenhänge jedoch weiterhin Bestand.
"
(2013, S.6)

Der Anteil der Kinderlosen an den 40 - 44-jährigen Frauen im Jahr 2008 im Vergleich zum Jahr 2012

"In Deutschland insgesamt nahm der Anteil der Frauen ohne Kind an allen Frauen im Alter zwischen 40 und 44 Jahren innerhalb der vier Jahre von 20 % auf 22 % zu (...). Im früheren Bundesgebiet betrug die Veränderung von 22 % auf 23 % lediglich einen Prozentpunkt. In den neuen Ländern ist die Kinderlosigkeit insgesamt zwar geringer, der Kinderlosenanteil bei den 40- bis 44-Jährigen stieg hier jedoch von 10 % auf 15 % und damit viel stärker als im Westen Deutschlands."
(2013, S.33)

Der Anteil der kinderlosen Akademikerinnen hat sich in West- und Ostdeutschland gegensätzlich entwickelt

"Bei den westdeutschen Geburtsjahrgängen 1963 bis 1967 (im Jahr 2012 zwischen 45 und 49 Jahre alt) betrug die Kinderlosenquote bei den Frauen mit einem akademischen Bildungsabschluss 30 %, bei den Nicht-Akademikerinnen war sie mit 20 % um zehn Prozentpunkte niedriger. Diese große Differenz ist im früheren Bundesgebiet kein neues Phänomen. Bereits bei den zwischen 1937 und 1942 geborenen Frauen war der Kinderlosenanteil bei den akademisch Gebildeten mit 24 % um elf Prozentpunkte höher als bei den Frauen mit anderen beruflichen Abschlüssen.
Neu allerdings ist, dass im Jahr 2012 der Kinderlosenanteil bei westdeutschen Akademikerinnen der Geburtsjahrgänge 1968 bis 1972 nicht höher war als bei den fünf Jahre älteren Frauen (Jahrgänge 1963 bis 1967). Beide Frauengruppen wiesen einen Kinderlosenanteil von 30 % auf. Dies ist eine positive Veränderung angesichts des bisher kontinuierlich ansteigenden Trends. Allerdings ist das Niveau, bei dem drei von zehn akademisch gebildeten Frauen kinderlos bleiben, nach wie vor exorbitant hoch.
Bei den Nicht-Akademikerinnen war dagegen der Kinderlosenanteil der Frauenjahrgänge 1968 bis 1972 mit 23 % um drei Prozentpunkte höher als bei den Jahrgängen 1963 bis 1967 (20 %).
In den neuen Ländern betrug der Kinderlosenanteil bei den Akademikerinnen der Jahrgänge 1963 bis 1967 13 % und war damit lediglich um drei Prozentpunkte höher als bei den Nicht-Akademikerinnen (10 %). Auch bei den fünf Jahre jüngeren Jahrgängen 1968 bis 1972 blieb die Differenz in der Kinderlosenquote relativ gering. Allerdings stieg der Anteil der Kinderlosen in den neuen Ländern bei den Frauenkohorten 1968 bis 1972 gegenüber den Jahrgängen 1963 bis 1967 in beiden Bildungsgruppen deutlich."
(2013, S.35)

Inhaltsverzeichnis

Einleitung
Wichtigste Ergebnisse auf einen Blick
1 Geburtenentwicklung
1.1 Geburten im Kontext der Bevölkerungsentwicklung
1.2 Zeitpunkt der Familiengründung
1.3 Familienzuwachs und Mütter nach Zahl der Kinder
2 Kinderlosigkeit
2.1 Kinderlosenquote 2012 und Veränderung seit 2008
2.2 Kinderlosigkeit und Bildungsstand
3 Situation in Familien
3.1 Erwerbsbeteiligung
3.1.1 Erwerbsbeteiligung in Abhängigkeit vom Alter des jüngsten Kindes
3.1.2 Gründe für die Abwesenheit vom Arbeitsplatz
3.1.3 Umfang der Erwerbstätigkeit
3.1.4 Erwerbsbeteiligung in Paargemeinschaften
3.1.5 Umfang der Erwerbstätigkeit bei Partnern in Paargemeinschaften
3.1.6 Berufe
3.2 Kinderreiche Familien
3.2.1 Wichtigste Eckdaten und Entwicklung
3.2.2 Familienform
3.2.3 Regionale und räumliche Verteilung
3.2.4 Erwerbstätigkeit der Eltern
3.2.5 Armutsgefährdung, Einkommenssituation und überwiegender Lebensunterhalt
4 Quellen und Qualität der Daten

ÖCHSNER, Thomas (2013): Jede fünfte Frau bleibt kinderlos.
Besonders Akademikerinnen bekommen weniger Babys. Statistiker erwarten weiteren Rückgang der Geburtenrate,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 08.11.

KÖLNER STADT-ANZEIGER-Tagesthema: Später zur Familie.
In Deutschland setzt sich der Trend fort, dass Frauen mit der Mutterschaft warten. Laut Statistik sind sie beim ersten Nachwuchs 29 Jahre alt

STOLZENBACH, Kathy (2013): Gebildet, westdeutsch, kinderlos.
Frauen gründen immer später eine Familie - Geburtenrate bleibt dennoch zunächst stabil,
in:
Kölner Stadt-Anzeiger v. 08.11.

SIEMS, Dorothea (2013): Studiert und kinderlos.
Noch nie blieben in Deutschland so viele Frauen ohne Nachwuchs,
in:
Welt v. 08.11.

EPD (2013): Zahl der Kinderlosen steigt,
in: TAZ v. 08.11.

"In Deutschland bleibt jede fünfte Frau kinderlos. Das geht aus Daten zur Geburtenentwicklung und zur Kinderlosigkeit hervor, die das Statistische Bundesamt vorstellte. Nach dem Mikrozensus von 2012 haben 22 Prozent der Frauen zwischen 40 und 44 Jahren kein Kind. Die Kinderlosigkeit ist in den alten Ländern mit 23 Prozent deutlich ausgeprägter als im Osten (15 Prozent). Sie nimmt laut Statistik aber auch in den neuen Ländern zu, bei Akademikerinnen stärker als bei Frauen ohne Hochschulabschluss"

läßt die taz durch den Evangelischen Pressedienst (epd) verkünden. Dadurch wird verschwiegen, dass sich die Kinderlosenzahlen in den für die zukünftige Geburtenentwicklung relevanten Altersgruppen verschoben haben:

"Drei von zehn westdeutschen Akademikerinnen im Alter zwischen 45 und 49 Jahren haben kein Kind geboren. Im Hinblick auf die weitere Entwicklung ist allerdings zu erwarten, dass Akademikerinnen der etwas jüngeren Jahrgänge (1968 bis 1972) zu weniger als 30 % kinderlos bleiben werden. Sie hatten die 30 %-Marke bereits im Jahr 2012 erreicht. Bei gleichem Geburtenverhalten wie bei den fünf Jahre älteren Frauen würde ihre Kinderlosenquote in den nächsten Jahren voraussichtlich noch um weitere zwei Prozentpunkte sinken.

Bei den Frauen ohne einen akademischen Bildungsabschluss, die rund 80 % eines Jahrgangs stellen, ist dagegen mit einem weiteren Anstieg des Anteils der Frauen ohne Kind zu rechnen. Dies gilt auch für die Frauen in den neuen Ländern." (2013, S.9)

heißt es in der Publikation Geburtentrends und Familiensituation in Deutschland des Statistischen Bundesamtes. Die unsägliche Medienkampagne mit dem Motto, dass die Falschen die Kinder bekommen, war also außerordentlich erfolgreich, mit der Konsequenz, dass die Kinderlosigkeit gestiegen ist, weil Akademikerinnen für die Geburtenrate (noch) nicht annähernd so relevant sind, wie es die Medienelite gerne hätten.

Wer eine höhere Geburtenrate möchte, der muss akzeptieren, dass auch die "Falschen" Kinder bekommen. Oder es gilt den Geburtenrückgang zu akzeptieren, was nicht das Schlechteste wäre.

Es gilt somit Schluss zu machen mit der Heuchelei in Sachen Geburtenrückgang und den Kult um die Geburtenrate (TFR).

RHEINISCHE POST-Tagesthema: Leben ohne Kind

KRINGS, Dorothee (2013): Warum Paare kinderlos bleiben.
Analyse: Jede fünfte Frau in Deutschland zwischen 40 und 44 Jahren hat kein Kind. Doch steht dahinter oft keine bewusste Entscheidung, sondern Lebenswege ergeben sich so – und darin spiegeln sich die sozialen Verhältnisse,
in:
Rheinische Post v. 09.11.

Jetzt schlägt wieder die Stunde der Heuchler. Angeblich spiegelt die wachsende Kinderlosigkeit die sozialen Verhältnisse wider. Wenn man dies ernst nehmen würde, dann müssten sich nicht Frauen für ihre Kinderlosigkeit rechtfertigen wie im untenstehenden Artikel, sondern die Wirtschaft, die Bildungseinrichtungen und die Politik. Warum, so müssten sich ihre Repräsentanten fragen lassen, wurde eine Politik der Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht bereits Mitte der 1980er Jahre betrieben, als sich abzeichnete, dass das traditionelle Familienbild in der jüngeren Generation an Allgemeinverbindlichkeit verloren hat?

Offenbar waren die Wirtschaft, die Bildungseinrichtungen und die Politik damals nicht an einer verbesserten Vereinbarkeit von Beruf und Familie interessiert. Jetzt den Rückgang der Geburtenzahlen zu beklagen ist deshalb heuchlerisch. Hätte man vor 30 Jahren in Wirtschaft, Politik und Bildung umgesteuert, statt an der traditionellen Familie als Leitbild festzuhalten, dann könnte man heutzutage darauf verzichten Kinderlose an den Pranger zu stellen 

Es stellt sich jedoch die Frage, inwiefern wir es momentan überhaupt mit einer steigenden Kinderlosigkeit zu tun haben. Angeblich haben wir derzeit den höchsten Stand der Kinderlosigkeit in Deutschland. Dabei wurde der Anteil der Kinderlosen erstmals 2008 erfasst (sieht man von einer Vorerhebung im Jahr 2006 ab). Wie hoch die Kinderlosigkeit in Deutschland in der Vergangenheit war, das wissen wir überhaupt nicht. Vor 10 Jahren wurden noch Kinderlosenanteile von einem Drittel (bei Akademikerinnen sogar von 40 und 50 %) in Umlauf gebracht, weil Eltern in Kinderlose umdefiniert wurden. Alles schon wieder vergessen?

Unberücksichtigt bleiben auch die sozialstrukturellen Verschiebungen innerhalb der Gruppe der Kinderlosen, sowie der Rückgang der Kinderlosenanteile in speziellen Altersgruppen und Milieus.

Nicht zuletzt täuscht die Geburtenrate (TFR) darüber hinweg, dass bislang noch kein einziger Frauenjahrgang nur 1,4 Kinder pro gebärfähiger Frau erreicht hat, sondern der niedrigste Wert lag bei 1,5 (CFR).

Erstmals ignoriert das Statistische Bundesamt in einer Publikation die Kohortenfertilität (CFR) und die Tempoeffekte nicht. Bisher wurde strikt geleugnet, dass die Geburtenrate (TFR) für die zukünftige Geburtenentwicklung in Deutschland nicht aussagekräftig ist:

"Die in den 1930er Jahren geborenen Frauen brachten in beiden Teilen Deutschlands im Durchschnitt etwa gleich viele Kinder zur Welt: die endgültige Kinderzahl der Frauen dieser Kohorten lag bei über zwei Kindern je Frau. Innerhalb der nächsten 30 Jahre ging die Kohortenfertilität im früheren Bundesgebiet um etwa 25 % zurück. Besonders schnell sank sie zwischen den Jahrgängen 1934 (2,2 Kinder je Frau) und 1943 (1,8). Dieser Rückgang spiegelte den Übergang vom stark ausgeprägten familienorientierten Geburtenverhalten in den Zeiten des sogenannten Babybooms (Ende der 1950er bis Mitte der 1960er Jahre) zu neuen Lebensverläufen wider, die sich infolge des sozialen Wandels um das Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre herausgebildet haben. Danach hat sich der Rückgang fortgesetzt, er verlief aber langsamer. Die Frauen der Kohorte 1963, die im Jahr 2012 das 50. Lebensjahr erreichten, haben im früheren Bundesgebiet durchschnittlich nur noch 1,5 Kinder zur Welt gebracht" (2013, S.17),

heißt es nun. Im Jahr 2003 forderte die frühere ZEIT-Redakteurin und vor kurzem als Kieler Oberbürgermeisterin zurückgetretene Susanne GASCHKE: Kein Nachwuchs, keine Rente. Sie begründete dies mit falschen Zahlen zur Geburtenrate der 68er und nachfolgender Generationen. Das Statistische Bundesamt bestätigt nun die damalige Analyse von single-generation.de und Detlef GÜRTLER.

Wir erinnern uns: Weil angeblich die Nach-68er im besonderen Maße zum Geburtenrückgang unter das Bestandserhaltungsniveau beigetragen hätten, so die Argumentation, müssen die jüngeren Jahrgänge umso länger arbeiten und Rentenkürzungen in Kauf nehmen. Faktisch waren dagegen bereits die 68er für den größten Rückgang der Geburtenrate verantwortlich.

Es ist an der Zeit die Lebenslügen dieser Republik zur Kenntnis zu nehmen. In Deutschland wurde jahrelang Sozialabbau mit Hilfe angeblicher demografischer Sachzwänge begründet, die unhaltbar sind. Dabei ist erst die Spitze des Eisbergs sichtbar.

ISRINGHAUS, Jörg (2013): "Ich mag Kinder, aber es müssen nicht meine eigenen sein".
Kinderlosigkeit – Zwei Frauen erzählen,
in:
Rheinische Post v. 09.11.

Statt journalistisch aufbereitete Artikel zu lesen, sollte man sich die Internet-Foren zum Thema, z.B. dem der FAZ, ansehen. Dort lassen sich die Klischeevorstellungen, die von unseren Medien jahrzehntelang in Umlauf gebracht wurden, in ihren tatsächlichen Wirkungen studieren.

NIENHAUS, Lisa (2013): Der kinderlose Mann.
Das Statistische Bundesamt hat herausgefunden, wer schuld daran ist, dass die Deutschen so wenig Nachwuchs bekommen: die Frauen. Was da schiefgelaufen ist? Vor allem, dass Männer in der Statistik keine Erwähnung finden,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 10.11.

BILD (2013): Weniger Rente für Kinderlose?
Wirtschafts-Experten diskutieren,
in:
Bild v. 16.11.

Single-Feind Hans-Werner SINN hat sein Pamphlet aus dem Jahre 2003 ein wenig aufgefrischt, um die Rente nach Kinderzahl wieder ins Gespräch zu bringen.

Dabei wird verschwiegen, dass das Niveau der Kinderlosigkeit 2003 um 40 % höher angesetzt wurde, als sie tatsächlich ist.

Hintergrund ist der Ausstieg der Arbeitgeber aus der Verantwortung für die Alterssicherung, der seit dem Jahr 2001 durch die Teilprivatisierung der Altersvorsorge forciert wird. Ziel der Rentendebatten seit den 1990er Jahren ist es die Bevölkerung gegeneinander auszuspielen, um davon abzulenken, dass die Profitinteressen von Arbeitgebern und Finanzbranche gesteigert werden. Dabei wird mit statistischen Taschenspielertricks die Lage schlecht geredet, wie der Statistiker Gerd BOSBACH eindrucksvoll zeigt.

Der Vorstoß von SINN zielt in erster Linie darauf ab, die Profite der Finanzbranche durch die Abzocke von Kinderlosen zu steigern. Man schreckt - wie das Beispiel Pflegeversicherung zeigt - dabei nicht einmal davor zurück schwer behinderte Kinderlose abzuzocken.

Die Rente nach Kinderzahl wird keineswegs zur Sicherheit der gesetzlichen Rente beitragen, sondern im Gegenteil die soziale Ungleichheit weiter verschärfen. Das Problem der späteren Familiengründung und unfreiwilliger Kinderlosigkeit fängt bereits mit der mangelnden Vereinbarkeit von Beruf und Partnerschaft sowie mit den ungleichen Chancen auf dem Partnermarkt an.

Kinderlosigkeit hat also weniger mit der gesetzlichen Rente als Versicherung gegen Kinderlosigkeit zu tun (SINN interessiert sowieso nur die Profite der Finanzbranche), sondern ist größtenteils ein Resultat der Märkte (vom Arbeits- bis zum Partnermarkt) und der Agenda-Politik.

WEBER-Herfort, Christine (2013): Kinder! Kinder?
In einigen Teilen der Welt werden Frauen unter Druck gesetzt, möglichst wenige Kinder zu bekommen. Hierzulande müssen sich freiwillig Kinderlose noch immer rechtfertigen,
in: Psychologie Heute,
Dezember

 
     
 
       
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 23. Januar 2016
Update: 30. Dezember 2017