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Kommentierte Bibliografie

 
       
   

Sind Singles schuld an der Wohnungsnot in Deutschland?

 
       
   

Eine Bibliografie der Debatte

 
       
       
   

Die Chronologie der Debatte

 
   
     
 

Einführung

In dieser Bibliografie wird ein Teilaspekt der Gentrifizierungsdebatte dokumentiert, der sich mit der Frage nach dem Anteil der "Singles" an der Wohnungsnot in Deutschland beschäftigt. Zum einen wird in der öffentlichen Debatte der Begriff "Single" meist für alle Personen, die in einem Einpersonenhaushalt ("Single-Haushalt") leben, benutzt, obwohl damit in erster Linie ein Lebensstil ("swinging Single" bzw. "Yuppie" als Alternative zur Familie) gemeint ist. In der Debatte dominieren die Vertreter von Yuppie-Interessen und von Interessen der Family-Gentrifier, während die Heterogenität der Einpersonenhaushalte und damit ihrer unterschiedlichen Interessen unterbelichtet bleibt. In den Medien grassiert insbesondere Unwissen über die Statistik der Einpersonenhaushalte, weswegen in den Medienberichten vor allem Vorurteile transportiert werden. Anhand der kommentierten Bibliografie sollen diese Unschärfen der Debatte offen gelegt werden.

Da die Kritik an den "Single-Haushalten" nicht allein das Wohnen an sich, sondern auch den Konsum und seine ökologischen Folgen betrifft, werden hier auch Artikel dokumentiert, die das Alleinleben und seine gesellschaftlichen Konsequenzen im weiteren Sinne betrachten. Dabei kommen auch Phänomene wie Paare mit getrennter Haushaltsführung und Wohngemeinschaften in den Blick, die in der öffentlichen Debatte selten richtig dargestellt werden.   

Kommentierte Bibliografie (Teil 1: 2000 - 2004)

MAROWSKY, Anne (2000): Er ist alleine also kauft er.
Sie haben mehr Geld und geben es auch gerne aus. Trotzdem gilt der Single in der Verkaufswelt und unter Werbetreibenden als uninteressant,
in: Neue Luzerner Zeitung v. 05.04.

BAUMEISTER, Klaus (2000): Senioren, Studenten und Singles leiden am meisten,
in: Westfälische Nachrichten v. 15.08.

Interview mit Gabriele REGENITTER, Leiterin des städtischen Amtes für Wohnungswesen über den Mangel an preisgünstigen Einzimmer-Appartements.

In der Single-Debatte der 1980er und 1990er Jahre wurde das Bild vom einkommensstarken Alleinlebenden mit großer Wohnung geprägt. Man sprach u.a. von der "Yuppisierung der Großstädte". Der Wohnungsmarkt hat sich auf diese Yuppies eingestellt, vergessen wurden dagegen einkommensschwache Alleinlebende, die auf den Bau von Einzimmer-Appartements angewiesen sind.

SUNDERMANN, Detlef (2000): Der Traum vom Leben unter einem Dach ohne Zwang.
"Anders leben - anders wohnen": eine neue Form der Wohngemeinschaft in Frankfurt/Keine "Hippie-Kommune",
in: Frankfurter Rundschau v. 07.09.

BASTIAN, Till (2000): Die Wiederentdeckung der Geschwisterlichkeit.
"Allein machen sie dich ein!" Diese Erkenntnis ging schon immer dem Zusammenschluss von Gleichaltrigen voraus: In Wohngemeinschaften, Cliquen, Bruderschaften und anderen Gruppierungen ließ sich der Widerstand gegen eine feindliche Welt besser organisieren. Die geschwisterliche Beziehung zwischen Menschen ist eine Ressource, die in der heutigen Leistungs- und Singlegesellschaft wichtiger ist denn je,
in: Psychologie Heute, Dezember

BEYER, Susanne (2000): Stets zu Diensten.
In neuen Luxuswohnungen werden alte Traditionen wieder belebt. Der Portier kehrt zurück, er heißt jetzt Doorman und soll die Bewohner bewachen und bedienen,
in: Spiegel Nr.49 v. 04.12.

BEYER berichtet aus dem Innern der "BoBo & Yettie-Nation" (siehe 03.12.). Die Gründerzeit kehrt nicht nur als Start Up wieder sondern hat auch schon architektonisch ihren adäquaten Ausdruck gefunden: das Konzept der Gründerzeit-Bürgerhäuser kehrt zurück in die Geschichte. Für die Wenigerbetuchten gibt es die Rückkehr der "Concièrge", das Schreckgespenst aller Studenten der Vor-68er-Zeit.

Marissa PIESMAN hat diesen Typ der Luxuswohnhäuser in New York bereits 1995 in dem Krimi "Alternate Sides" (deutsch: Parkverbot) beschrieben. Der "hilfsbereite" Doorman (die Übersetzung spricht vom "Türsteher", als ob es sich um eine Disco handeln würde) wird jedoch Opfer eines Mörders.

Der Freibeuter hat bereits im Jahr 1985 die deutschen Yuppies, die im Herzen noch Hippies waren, mental auf die Gründerzeit-Epoche vorzubereiten versucht. Möglicherweise haben aber ihre Kinder von der Generation X oder @ heimlich den Freibeuter unter der Bettdecke gelesen und ziehen jetzt in die Gründerzeithäuser ein. Der Priveteye Nestor Burma zeigt wie man an der Concièrge ungesehen vorbei kommt, aber nicht jeder ist so versiert wie ein Privatdetektiv. Welche Probleme studentische Untermieter mit Hauswirt/innen gehabt hatten, das liest man dagegen bei Uwe TIMM in dem Roman Heißer Sommer.

FELSING, Monika (2000): Die Beginen sind nicht auf Rosen gebettet.
Expo-Projekt bisher ohne finanzielle Unterstützung/Kosten: 34 Millionen Mark/Richtfest im Februar,
in: Bremer Zeitung v. 15.12.

MAKOWSKY, Arno (2000): Der Fluch des Erfolgs,
in: Süddeutsche Zeitung v. 30.12.

Arno MAKOWSKY macht Stimmung gegen Singles. Das Vermieter-Credo kann man auf das schlagzeilenträchtige Motto bringen: Lieber einen Single mit Kampfhund als eine Familie mit Kind...

2001

BÖHMER, Willi (2001): Single sucht Solohaus, pflegeleicht.
Ulms Bürgermeister Wetzig: Gebot der Stunde heißt flächensparend und urban. Die Wohnwünsche haben sich gewandelt, sagt Bürgermeister Wetzig. Gesucht ist verstärkt das pflegeleichte Einfamilienhaus für Singles und Pärchen ohne Kinder,
in: Schwäbische Donauzeitung v. 08.01.

Die Ulmer möchten sich die Rosinen aus dem Singlekuchen picken:

"Die Familie mit zwei Kindern, die viel Wohnraum und einen großen Garten sucht, wird immer seltener. (...) An ihre Stelle treten zunehmend der Single oder das kinderlose Paar, das 60 statt 38 Stunden in der Woche arbeitet und mit der Rasenmäher-Generation der Väter nichts mehr am Hut hat. Ein klein wenig Grün wollen sie rund um ihr freistehendes Heim, aber tunlichst so, dass sie dafür nicht zu viel Zeit aufwenden müssen. Darauf muss die Stadt reagieren, wenn es darum geht, neue Baugebiete auszuweisen".

Single meint hier Yuppie oder Karrierefrau.

KRENTZ, Karin (2001): Investoren verschlafen die aktuellen Wohnungsbautrends.
Trotz schrumpfender Bevölkerung und wachsender Leerstände fehlen Wohnungen: solche mit viel Raum für Singles,
in: Welt v. 08.01.

Ein Institut mit dem Aufgabenbereich "Zukunftskonditionierung" (klingt nach einer Produktionsstätte für selbsterfüllende Prophezeiungen) prognostiziert bis zum Jahr 2020:

"höhere Lebenserwartung, Zunahme der Haushalte bei gleichzeitiger Verringerung der Haushaltsquote (der Zahl der im Haushalt lebenden Personen) sowie ein Anwachsen des Wohnflächenverbrauchs".

Warum in der Schlagzeile nur von Singles die Rede ist, obwohl der Flächenverbrauch bei Paaren und Familien ebenfalls steigt, das liegt wohl daran, dass familiärer Flächenzuwachs politisch korrekt und Flächenzuwachs bei Singles moralisch bedenklich ist.
Spätestens hier muss aber ein Hinweis auf die krassen Unterschiede bei den Einkommen der verschiedenen Single-Gruppen stehen, denn nur sehr wenige und sehr gut verdienende Yuppies können sich Lofts leisten, Karrierefrauen (nicht zu verwechseln mit erwerbstätigen Singlefrauen in schlecht bezahlten Berufen) leisten sich eine Reihenhaushälfte, ältere Witwen verbleiben in der zu großen Familienwohnung, während der Rest entweder nicht das Geld hat oder sich als unfreiwilliger (meist männlicher) Single mit einem engen Single-Appartement begnügt.
Die Angabe von durchschnittlichen Flächenverbräuchen täuscht eine nicht vorhandene Homogenität bei den Singles vor, ist aber ein beliebtes Stilmittel, um die Polarisierung Singles contra Familien zu betonen.

MOHR, Seraina (2001): Ein Luxus-Problem.
Jeder dritte Mieter sucht eine neue Bleibe. Die teuren Wohnungen sind am heissesten umkämpft,
in: Facts Nr. 2 v. 11.01.

MOHR beschreibt den Kampf zwischen kinderreichen, wohlhabenden Familien, Doppel-Karrierepaaren (im Artikel fälschlicherweise als doppelverdienende Paare bezeichnet) und einkommensstarker Singles (auch Yuppies oder Yetties genannt) um prestigeträchtige Wohnlagen und Luxuswohnungen. Das urbane Wohnen im Loft ist gefragt bei dieser kleinen Gruppe, die wirtschaftliche Zentren wie Zürich, Zug und Genf bevorzugt.

HARTMANN, Elke (2001): Leben wie Sandra?
Sicherheit und Separation: Wohlhabende Berliner verschanzen sich in modernen Festungen. Zutritt verboten,
in: Focus Nr.4 v. 22.01.

Der Focus hat das Thema "Luxuswohnungen mit Doorman" entdeckt (siehe Spiegel Nr.49 v. 04.12.2000). Auf einem Foto kann man eine 26jährige Karrierefrau mit "Roboterkatze" (das passende Symbol für ultramoderne Singles) bestaunen. So soll also der typische Bewohner einer modernen Festung aussehen?

BERTRAM, Jörg (2001): Wohnen im Loft ist Lebensart.
Der Charme des Außergewöhnlichen ist in Berlin Trend geworden - schöner wohnen in ehemaligen Fabrikanlagen,
in: Welt am Sonntag v. 28.01.

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG (2001): aktuelles Lexikon: Wohngemeinschaft,
in: Süddeutsche Zeitung v. 20.02.

Im Lexikon geht es um die Wohngemeinschaft im Sinne des Deutschen Studentenwerkes. Bei den Studierenden geht der langfristige Trend

"vom 'möblierten Zimmer' der Sechziger Jahre über die WG zur eigenen Wohnung (allein oder mit Partner), die um rund 150 Mark pro Monat teurer ist."

RISCH, Wolfgang (2001): Bügeln für typische Junggesellen.
15 Mark kostet ein normaler Waschkorb - Hilfe auch im Haushalt,
in: Schwäbische Donauzeitung v. 21.02.

"Der typische Junggeselle lebt allein, wenn auch durchaus mit Partnerin, hat keine Lust, den Haushalt zu führen - und trägt wöchentlich 15 bis 20 Hemden. Er gehört ebenso zu den Kunden der Firma ATB - 'Arbeit-Training-Beschäftigung' Ulm-Alb-Donau - wie die zunehmende Spezies der gut verdienenden Singles, Mütter mit Kleinkindern, Ältere im Betreuten Wohnen, auch Behinderte. Vor mehr als einem Jahr gestartet, bietet ATB einem Dutzend schwerbehinderter und psychisch kranker Arbeitsloser eine Anstellung - und die Chance einer Wiedereingliederung in den ersten Arbeitsmarkt", schreibt RISCH.

MU (2001): Mehr als die Hälfte der Frankfurter lebt alleine,
in:
Taunus-Zeitung v. 23.04.

HORSTMANN, Angela (2001): Die starke Gemeinschaft der Frauen.
Die Beginen-Bewegung erwacht zu neuem Leben,
in: Bonner Rundschau v. 18.05.

PFEIFFER, Franziska (2001): Lass mich Dein Untermieter sein.
Sie sind jung, ledig, vermögend und suchen eine Stadtwohnung? Geben Sie es auf. Drei Zimmer, Küche, Bad gibt es nur in Verbindung mit Ehefrau, Babys oder schrulligen Wirtinnen. Falls es Sie tröstet: Sie sind nicht allein.
in: Frankfurter Rundschau v. 09.06.

In den Zeiten der Familienpolitik ein politisch unkorrekter Artikel über den Wohnungsmarkt für Singles.

HACKER, Doja (2001): Auf Wohnungssuche.
Zusammenziehen oder Standhalten?
in: Tagesspiegel v. 25.06.

WI (2001): Singles haben mehr Platz als Haushalte mit Kindern,
in: Berliner Zeitung v. 30.06.

Während "die durchschnittliche Mietwohnungsgröße von Singles und kinderlosen Paaren in Westdeutschland zwischen 1972 und 1998 um 28 Prozent von 52 auf 66,5 Quadratmeter zulegte, verbesserte sich die Durchschnittsgröße bei Haushalten mit Kindern nur um 16 Prozent von 75 auf 86,9 Quadratmeter", wird gemeldet. Was soll der Leser mit einer solchen Meldung anfangen? Familien sind benachteiligt ist die offensichtliche Behauptung! Schauen wir uns die Nachricht deshalb genauer an.

Es geht erstens nur um die Mietwohnungen, d.h. der Wohnflächenzuwachs bei Eigentumswohnungen und Eigenheimen bleibt ausgeklammert. "Familien" wohnen aber in höherem Masse in Eigentumswohnungen oder Eigenheimen als "Singles". Daraus kann geschlossen werden, dass die wohlhabenderen Familien und damit ein Grossteil des Wohnflächenzuwachses von Familien einfach weggefallen ist.

Zweitens wird nichts über das Alter der Mieter gesagt. Es wird also der Familienzyklus ignoriert. Nach dem Auszug der Kinder aus der elterlichen Wohnung bleibt ein Paar zurück und hat dadurch mehr Wohnraum. Stirbt der eine Partner, dann zieht eine ältere Witwe selten gleich in eine kleinere Wohnung. Wenn sie es sich finanziell leisten kann, dann behält sie die Paarwohnung sogar ihr ganzes Leben bei. Die Wohnraumverschwendung ist also in erster Linie die Folge des modernen Familienzyklus.

Mit der Meldung sollen egoistische Singles gegen benachteiligte Familien ausgespielt werden. Dies ist nur deshalb möglich, weil beide Lebensformen als einander ausschließende Lebensformen dargestellt werden, aber nicht als Lebensphasen im Lebenslauf.

TA (2001): Viele Singles mit Wohngeld,
in: Thüringer Allgemeine v. 04.07.

Die Hälfte der ca. 97.000 Haushalte in Thüringen, die Wohngeld beziehen, sind Ein-Personen-Haushalte. Das ist jeder siebte "Single-Haushalt".

GRÖCKEL, Mathias (2001): Single-Wohnungen auf dem Vormarsch.
Alleinstehende leben zumeist in Hochhaus-Vierteln,
in: Schweriner Volkszeitung v. 19.07.

GRÖCKEL räumt auf mit dem Yuppie-Klischee der Alleinstehenden:

"Das Bild vom jungen, bindungsunwilligen, karriereorientierten und gutverdienenden Alleinwohnenden trifft zumindest für Schwerin nicht zu. Im Gegenteil: In den genannten Stadtteilen leben viele verwitwete oder geschiedene Personen zumeist fortgeschritteneren Alters. Ebenso finanziell eher weniger gut gestellte junge Personen, darunter viele alleinerziehende Mütter. Die Armut ist in Mecklenburg-Vorpommern nirgendwo größer als im Mueßer Holz: 40 Prozent aller hier lebenden unter 15-Jährigen sind laut Bericht der SPD-Stadtvertreterin Karen Müller auf Sozialhilfe angewiesen. Die Einkommen der Singles liegen mehrheitlich zwischen 1000 und 2500 Mark brutto."

LEBENSMITTELZEITUNG -Spezial: Singles.
Individualisten machen mobil.

ROSENKRANZ, Doris (2001): Dinner for one.
Wie leben, fühlen, konsumieren Singles? Nur wenig ist darüber bekannt,
in: LebensmittelZeitung Spezial Nr.3, August

CZIMMER-GAUSS, Barbara (2001): Ein Drittel der Stuttgarter Singles ist über 60.
Umzug in kleinere Wohnungen wird selten gewünscht: Senioren möchten "in ihrem Quartier bleiben'',
in: Stuttgarter Nachrichten v. 06.08.

Ein Bericht über ein Thema, das in Deutschland totgeschwiegen wird: Die überwiegende Zahl der großen Wohnungen werden nicht von jungen Singles, sondern von älteren Witwen bewohnt, die ihre Familienwohnung nicht aufgegeben haben. Wenn wieder einmal darauf hingewiesen wird, dass Singles mehr Wohnfläche für sich beanspruchen als Familien, dann sollte auch hinzugefügt werden, dass es vor allem verwitwete Eltern sind, die alleine in großzügigen Wohnungen leben. Die Stadt Stuttgart versucht im Bereich Sozialwohnungen dieser Immobilität durch Umzugsprämien entgegenzuwirken:

"es gibt seit 1970 eine Umzugsprämie, die älteren Leuten den Auszug aus zu großen Sozialwohnungen in kleinere erleichtern soll. »Wer eine Vier- bis Fünf-Zimmer-Wohnung räumt, bekommt 150 Mark pro Quadratmeter für die Differenzwohnfläche. Wer in eine Privatwohnung umzieht, erhält zwischen 5000 und 6000 Mark pauschal.«
            Auf diese Weise sind seit 1970 mehr als 1200 große Wohnungen frei geworden, was die Stadt acht Millionen Mark gekostet hat".

KAHLWEIT, Cathrin (2001): Frauenkommune in Bremen.
Männer müssen draußen bleiben,
in: Süddeutsche Zeitung v. 10.08.

PETSCH, Martin (2001): Das Bett im Wohnzimmer.
Ungewohnte Transparenz: Ein Wohnexperiment am Teutoburger Platz,
in: Berliner Zeitung v. 14.08.

PETSCH stellt das Wohnhaus Christinenstraße 3 im Berliner Altbauviertel um den Teutoburger Platz vor. U.a. soll die Anlage "als Wohnmodell vor allem für Singles" dienen:

"Die Grenzen der Doppel- und Dreifachnutzung liegen bei traditionellen Wohnvorstellungen und beim Aufkommen turbulenten Familienlebens: Nicht jeder möchte Küche und Wanne als Möbel im Wohnzimmer haben, und manchmal braucht man Ruhe. Die dem Loftwohnen abgeschaute Offenheit fordert ihre Klientel in jeder Hinsicht, gibt ihr aber das Image modernen, kommunikativen Lebens."

HEBEL, Christina (2001): Geh' aus, mein Herz, und suche Freud' - notfalls bis nach Hamburg.
Pendelnde Herzen: Fernbeziehungen werden immer häufiger / Soziologen nennen das "Dual Career Couple (DCC)" - zwei Karrieren, ein Paar
in: Frankfurter Rundschau v. 17.08.

Berichte über Alleinlebende sind im allgemeinen Berichte über Partnerlose. Dies verkennt die Tatsache, dass viele Alleinlebende feste Partner haben. Die konservative Haushaltsstatistik, die immer noch an der lebenslangen Wohn- und Versorgungsgemeinschaft Ehe orientiert ist, überschätzt deshalb das Phänomen Partnerlosigkeit. In der Reportage von HEBEL kommt eine 32-Jährige Managerin zu Wort, die eine Fernbeziehung führt:

"In der Woche arbeitet sie in Frankfurt und wohnt in ihrem Ein-Zimmer-Apartment in Sachsenhausen. Am Wochenende fährt sie nach Hamburg und lebt mit ihrem Freund in der gemeinsamen Drei-Zimmer-Wohnung im Stadtteil Hamm-Süd. Damit gehört Nissen der immer größer werdenden Gruppe derjenigen Paare an, die für kürzere oder längere Zeit eine Beziehung auf Distanz führen. Dieses Phänomen hat der Mainzer Soziologie-Professor Norbert Schneider im Auftrag des Bundesfamilienministeriums in einer Studie über 'berufliche Mobilität und Lebensform' erarbeitet, deren Ergebnisse am 28. August vorgestellt werden sollen. Danach ist inzwischen jede achte Liebe eine Fernbeziehung. 1985 sollen es nur halb so viele gewesen sein."

Frankfurt, Berlin und Hamburg - Städte mit vielen Arbeitsplätzen bei Banken, an der Uni oder im Medienbereich - sollen Hochburgen der Fernliebenden sein. Bahn, Fluggesellschaften und die Telekombranche verdienen gut an diesen Karrierepaaren. Aber Fernliebende gehören nicht nur zu diesen Spitzenverdienern, sondern auch Jugendliche werden durch Studienplatz oder Bundeswehr zu eher unfreiwilligen getrennt wohnenden Paaren, was im Artikel unerwähnt bleibt. Die Fernbeziehung ist auch nicht nur die Folge einer Aufstiegsorientierung wie dies von HEBEL dargestellt wird, sondern ist eine Möglichkeit dem drohenden beruflichen Abstieg zu entgehen.

NORMAND, Jean-Michel (2001): L'effet TGV et la réduction du temps de travail favorisent la bi-résentialité,
in: Le Monde v. 24.08.

Bericht über die Zunahme der Bi-Lokalität in Frankreich, die durch schnelle TGVs (der französische ICE) und kürzere Arbeitszeiten möglich geworden ist.

HAGER, Angelika (2001): Schräger wohnen.
Lebensräume. Erlebnis-Ghettos wie in der Simmeringer G-Town, Edel-WGs, Großfamilie light und Neo-Nomaden. Anlässlich der Eröffnung der Gasometer stellt sich die Frage: Wie wird die Wohnung des postmodernen Menschen in naher Zukunft aussehen? Die Prognosen der Trendforscher, Soziologen und Architekten.
in: Profil Nr.36 v. 03.09.

SCHMIEDENDORF, Berit (2001): Vom "Bullenbunker" zum Lichthof.
Das denkmalgeschützte Ledigenwohnheim wandelt sich in ein modernes Domizil mit Appartements und Maisonettes,
in: Süddeutsche Zeitung v. 28.09.

In Darmstadt wurde in den 1950er Jahren ein Ledigenwohnheim mit 156 Appartements gebaut. Maximal 25 qm waren damals für Alleinstehende vorgesehen. Der Umbau dokumentiert den Wandel der Wohnverhältnisse in Deutschland. Selbst Studenten wohnen heute lieber in Wohngemeinschaften als in einer solchen Nachkriegswohnung für Alleinstehende.

EBERENZ, Mathias (2001): Mehr Platz für Singles.
Wohnungen aus den 50er- und 60er-Jahren sind out bei den Hamburgern. Selbst Singles wollen heute auf 100 Quadratmetern leben,
in: Hamburger Abendblatt v. 24.10.

Lutz FREITAG, der Präsident des Bundesverbandes deutscher Wohnungsunternehmen spricht von Singles, obwohl er Yuppies meint. Tatsache ist, dass es bei Singles große Einkommensunterschiede gibt. Im mittleren Lebensalter sind es vor allem Karrierefrauen, die sich große Wohnungen leisten wollen und können. Die hohe durchschnittliche Wohnflächenzahl von Einpersonenhaushalten ist in erster Linie durch ältere Witwen verursacht, die nach dem Auszug der Kinder und dem Tod des Ehemannes ihre Familienwohnung beibehalten (siehe hierzu die Stuttgarter Nachrichten vom 06.08.2001).  Gemäß FREITAG soll die Zunahme von Singles für die Nachfrage von größeren Wohnungen bedeutsam sein. Dies scheint eher Wunschdenken zu sein. Tatsache ist jedoch, dass die Zunahme von Singles in den nächsten Jahren nicht mehr so stark sein wird wie bisher. Der Soziologe Stefan HRADIL erklärt dies damit, dass

"derzeit die geburtenschwachen Jahrgänge ins mittlere Lebensalter (kommen). Die absolute Zahl der Singles wird daher nicht mehr so rapide wie in den letzten 20 Jahren weiterwachsen. Es wird einen handfesten Altersstruktureffekt geben, der den Zuwachs der Singles abbremsen wird"
(in:
Armin PONGS "In welcher Gesellschaft leben wir?", 2000, Dilemma-Verlag).

WEBER, Timo (2001): Individuelle Grundrisse für Ältere.
Altengerechtes Wohnhaus entsteht nach Sanierung in der Von-der-Schulenburg-Straße,
in: Schweriner Volkszeitung v. 25.10.

"Aus zwei Vierraum- und zwei Einraum-Wohnungen entstehen zwei große Zweiraum- und eine Dreiraum-Wohnung", schreibt WEBER über eine Modernisierungsmaßnahme in Schwerin. Für ältere Singles sind die Zweiraumwohnungen vorgesehen.

GERBERT, Frank (2001): Keine Lust auf nirgendwo.
Die Deutschen werden zu Job-Nomaden mit wechselnden Wohnsitzen - und pfeifen auf Heimat. Die These klingt einleuchtend, ist aber falsch
in: Focus Nr.52 v. 21.12.

GERBERT stellt einen falschen Gegensatz zwischen Heimat und Ortswechseln her, um zu beweisen, dass Heimat Konjunktur hat in Deutschland. Während der empirische Begriff "Ortswechsel" eine objektive Kategorie ist, wird mit Heimat ein subjektives Gefühl angesprochen. Wäre GERBERT konsequent, dann müsste er zwischen erzwungenen und gewünschten Ortswechseln sowie erzwungener und erwünschter Immobilität unterscheiden. Stattdessen unterliegt dem Text der undifferenzierte Mobilitätsbegriff der Individualisierungsthese von Ulrich BECK. Unberücksichtigt bleiben desweiteren die Rahmenbedingungen von hoher Arbeitslosigkeit versus Vollbeschäftigung, die Einfluss auf die Wahrnehmung von Mobilität haben. Unerwähnt bleibt auch die Tatsache, dass moderne Verkehrsmittel in zunehmendem Masse Multilokalität ermöglichen und somit die Entscheidung Umzug oder Zweitwohnsitz eine historische Veränderung erfahren haben. Erwähnt wird stattdessen Martin HECHT, während der Bezugstext des Artikels nicht genannt wird: das vor kurzem erschienene Buch Jobnomaden von Gundula ENGLISCH. Wenn zwei Stereotypen aufeinanderprallen, dann entsteht kein Bild von der Wirklichkeit, sondern eine Scheindebatte.

2002

PIT (2002): "Singles existieren scheinbar gar nicht."
Angebote gibt es meist nur für Junge oder Alte,
in: Südkurier v. 05.01.

PIT stellt die berechtigte Frage danach wie Singles im ländlichen Raum leben. In den Medien steht der großstädtische Single im Mittelpunkt. Für Dörfer im Bodenseeraum nennt PIT folgende Daten:

"In Oberteuringen kommen auf eine Einwohnerzahl von 4100 über 400 Einpersonenhaushalte von Menschen zwischen 30 und 60 Jahren. In Illmensee sind es über 200 bei zirka 2000 Einwohnern und in Wilhelmsdorf gar über 600 bei etwa 5000 Einwohnern".

Es kommen drei Partnerlose im Alter von 45 - 50 Jahren zu Wort, die das fehlende Angebot jenseits der traditionellen Vereine kritisieren. Den Bürgermeistern der Gemeinden ist das Problem überhaupt nicht bewusst, d.h. Alleinstehende sind für die Politik kein Thema. Dies verwundert angesichts des Politikerfeindbilds Single nicht besonders!

OCHS, Birgit (2002): Platz ist in der kleinsten Hütte.
Sie sind klein, passen in Baulücken und eignen sich als Wohnungen auf Zeit: Minihäuser. Beispiele aus Deutschland, Japan und Österreich zeigen, wie man kleinen Baugrund nutzen kann,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 06.01.

OCHS präsentiert mobile Minihäuser für mobile Menschen, so z.B. ein "'one-man house', dessen Quadratmeterpreis zwischen 2000 bis 2500 DM liegt, im Prinzip auch als vorübergehende Stadtwohnung für Singles denkbar" ist.

ZIPS, Martin (2002): Roland - allein zuhaus.
In Bayerns Großstädten lebt jeder Zweite allein. Besuch bei einem von zwei Millionen Singles - wie ein 40-Jähriger das Leben in der Einsamkeit meistert,
in: Süddeutsche Zeitung v. 09.02.

MÜLLER-BIALON, Martin (2002): "Viele Eltern mit kleinen Kindern stehen hier ganz allein".
Expertinnen fordern den Einsatz der Politik für mehr Familienfreundlichkeit in der Stadt der Singles,
in: Frankfurter Rundschau v. 09.03.

EXPRESS (2002): Single - lingle - ling.
Fast jeder 2. lebt in Düsseldorf allein,
in: Express v. 26.03.

Bericht über Singles in Düsseldorf, der sich auf die Focus-Coverstory bezieht. Gemäß der Haushaltsstatistik führen 47,4 % der Düsseldorfer in Privathaushalten einen Einpersonenhaushalt. Nicht jeder 2., sondern nur jeder 3. Düsseldorfer ist deshalb ein Alleinlebender, aber noch lange kein Partnersuchender oder partnerlos. Davon abgesehen sind die größte Gruppe der Alleinlebenden immer noch die allein wohnenden Witwen.
Für jene, die auf Partnersuche sind, hat ein Psychotherapeut die übliche Spassgesellschaft-Diagnose zur Hand:

"Warum klappt‘s bei vielen nicht mit der Partnersuche? Psychotherapeut Dr. Dominik Ruf: »In einer wirtschaftlich attraktiven Stadt wie Düsseldorf siedeln sich Singles gern an. Erstes Ziel: der große Erfolg im Job. Verantwortung für eine Familie oder eine andere Person wird immer mehr nach hinten geschoben. Schließlich haben wir ja eine Spaßgesellschaft.«
Und wann hört der Spaß auf? Ruf: »Spätestens wenn man plötzlich feststellt, dass man richtig einsam ist. Und dann kommt der enorme Druck, auch in der Partnersuche erfolgreich zu sein. Dafür muss man allerdings Kompromisse machen. Und man muss vor allem auch unter Leute gehen, die etwas geben wollen.«"

OX (2002): Besonders Singles stehen Schlange.
Immer mehr Menschen bewerben sich in Frankfurt für eine Sozialwohnung. Besonders hoch ist dabei der Anteil der allein Stehenden. Am stärksten ist unter den Bewerbern insgesamt die Altersgruppe der 31- bis 40-Jährigen vertreten.
in: Frankfurter Rundschau v. 04.04.

LODERER, Benedikt (2002): Der Einzug der Urbaniten.
Die Familienwohnung ist tot. Und auch die Normalwohnung ist gestorben. Überlebt hat die Spezialwohnung, die von Erfindungsgabe geformt ist
,
in: SonntagsZeitung v. 07.04.

Es scheint ein ehernes Gesetz der Wohnungspolitik zu sein, dass sie immer eine Generation zu spät kommt! In den 1950er Jahren plante man Wohnungen für die Vorortfamilie der Alleinverdiener. Ende der 1950er Jahre war dagegen das Doppelverdienerehepaar Standard. In den 1970er Jahren plante man Wohnungen für die Doppelverdienerfamilien und es kamen stattdessen die Singles. Inzwischen hat die Wohnungspolitik die Singles entdeckt und die Family-Gentrifier der Generation Golf kommen stattdessen. LODERER hat gerade die Yuppies und das Loft-Living entdeckt!

NZZ-Zeitfragen "Gefühlshaushalt plus"

HE (2002): Gefühlshaushalt plus,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 11.05.

Überall in Europa wird deutlich, dass die amtliche Statistik nicht in der Lage ist, die Lebensverhältnisse der Bevölkerung korrekt zu erfassen. Während Konservative immer noch das "Ganze Haus" idealisieren, vor dessen Hintergrund das Bild der "Atomisierung" beschworen wird, sehen Liberale im Haushaltsbegriff einen Fortschritt. Die Beschränkungen des Haushaltsbegriffs sind aber spätestens seit den 1970er Jahren sichtbar. Seit damals werden immer weniger Paare und Familien erfasst, weil die haushaltsübergreifenden Beziehungen per Haushaltsbegriff wegdefiniert werden.

In ihrem Beitrag beweist Sylvia GRÄBE eindringlich, dass das Haushaltskonzept den modernen Beziehungen nicht gerecht wird, wenn sie schreibt:

"Unterstützungsleistungen gestalten sich heute (...) als vielfältige Verflechtungen zwischen selbständigen Haushalten, als Leistungen privater sozialer Netze."

In Deutschland bestehen Überlegungen die amtliche Statistik zu reformieren, da die Mängel derart gravierend sind, dass nicht einmal die Politik sie weiter ignorieren kann. Leider gehen die anvisierten Reformen nicht weit genug. Es soll zwar die Lebenslaufperspektive stärker berücksichtigt werden und zusammenwohnende Paare werden besser erfassbar. Ausschlaggebend war jedoch die Tatsache, dass Alleinerziehende oftmals gar nicht allein erziehend sind, sondern mit einem neuen Partner zusammen leben. Der geplante Abbau des Sozialstaats ist somit der Grund, warum man gewisse Lebensformen besser erfassen möchte. Für die Schweiz sieht HE ebenfalls Handlungsbedarf:

"Hausgemeinschaften fallen als Steuer- und Konsumeinheit zwar noch immer ins Gewicht. Doch sind sie nicht länger Modell für das ökonomische Handeln schlechthin und geniessen mehr Freiheitsraum. Im Bereich Steuern freilich wird Regulierungsbedarf seitens des Staates weiterhin geltend gemacht, wie etwa die ungelöste Frage um den Haushaltabzug für Konkubinatspaare in der Schweiz zeigt."

In Deutschland spricht man nicht von "Konkubinatspaaren", sondern hierzulande werden diese Paare als "unverheiratet zusammenlebend" ("Paare ohne Trauschein") bezeichnet.

GRÄBE, Sylvia (2002): Gemeinsames Wohnen und Wirtschaften.
Haushaltsformen im Zeichen der Pluralisierung der Lebensstile,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 11.05.

HOLENSTEIN, André (2002): Oeconomia - das Haus als Welt.
Historische Grundlagen eines sozialen Deutungs- und Ordnungsmodells
in: Neue Zürcher Zeitung v. 11.05.

HOLENSTEIN beklagt die Ablösung des Hauses als regulierendes gesellschafts-politisches Prinzip durch den Markt.
Nicht die Sozialgeschichte, sondern die Ideengeschichte steht dabei im Mittelpunkt. Von ARISTOTELES bis zur reformatorischen Hausväterliteratur wird das "Haus als 'Monarchie' im Kleinen" skizziert. Das Haus erscheint in dieser konservativen Sicht als Ordnungsmodell, das der Unzucht von "Eigenbrötlerinnen" Einhalt gebietet:

"Als «Eigenbrötlerinnen» wurden (...) unverheiratete Frauen bezeichnet, die ihr eigenes Brot assen, mit anderen Worten: allein einen Haushalt führten. Sie lebten ohne Mann, blieben dem Gottesdienst fern, betrieben Kuppelei und scheuten das Licht, kurz: Sie verstiessen gegen die herrschende Moralvorstellung.
Das negative soziale Urteil über die «Eigenbrötlerinnen» basierte auf einem Ordnungsideal, das von erwachsenen Personen ausging, die nicht allein eine Haushaltung führten, sondern im Rahmen einer geordneten, ehelichen Beziehung. Es implizierte ein Lob der Ordnung, wie sie in Häusern herrschen sollte, und ein Lob der Ordnung, wie sie vom Haus aus gedacht wurde."

Aber bereits damals ging es nicht primär um moralische, sondern um ökonomische Interessen:

"Die Obrigkeiten waren an der Funktionstüchtigkeit des Hauses interessiert. Dieses wurde als Produktionseinheit und als fiskalisch belastbare Einheit gestützt, was sich etwa in der Flut von Gesindeordnungen zeigt, die den Bedarf der adeligen, bäuerlichen und bürgerlichen «Häuser» an billigen Arbeitsplätzen befriedigen sollten."

SCHMIDT, Renate (2002): Ist die klassische Familie hier zu Lande ein Auslaufmodell?
"Nein, denn das traditionelle Beziehungsmodell erfreut sich neuer Beliebtheit," meint Renate Schmidt - Serie Signale, Teil 3,
in: Saarbrücker Zeitung v. 17.05.

OCHS, Birgit (2002): "Wahlverwandtschaften".
Alt und Jung wohnen unter einem Dach,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 26.05.

ERD (2002): Westdeutsche Großstädte bluten aus.
Wohnungswirtschaft prangert verfehlte Boden- und Planungspolitik an, der Abwanderungstrend hält an
in: Welt v. 19.06.

Gerd KOPPENHÖFER, Vositzender vom Bundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen (BFW) nutzt ebenfalls (siehe RHEINISCHE POST vom 19.06.2002) die bevölkerungspolitische Problemdefinition, um die Interessen des Verbandes durchzusetzen. In diesem Zusammenhang werden Singles und Familien gegeneinander ausgespielt:

"Mit den Familien verschwanden Einkommensteuer und Kaufkraft aus der Stadt. Ballungszentren sind heute von Singles und geringverdienenden Haushalten dominiert, Luxusboutiquen auf der einen und Discounter-Ketten auf der anderen Seite sorgen für Monokulturen"

wird behauptet. Der Single-Begriff wird hier in der Bedeutung von Yuppie benutzt, obwohl viele Einpersonenhaushalte zu den gering verdienendenen Haushalten gehören. Außerdem wird offensichtlich, dass auch gering verdienende Familien unerwünscht sind.

TT (2002): "Es ist erschreckend, was da herausgearbeitet wurde".
Armutsbericht betont besondere soziale Situation Gießens - Sozialhilfequote übertrifft alles,
in: Gießener Anzeiger v. 04.07.

Der Armutsbericht der Stadt Gießen offenbart, dass Kinderlose und Singles nicht mit Yuppies gleichgesetzt werden können:

"oberhalb des Sozialhilfeniveaus leben viele Gießener in Armutsnähe. Dies drückt sich laut Silke Mardorf auch in der Zahl der Wohngeldempfänger aus: Hauptbetroffen sind hierbei vor allem Singlehaushalte, Kinderlose und Erwerbstätige sowie Rentner."

SIEDENBIEDEL, Christian (2002): Mit Tempo 300 zur Arbeit fahren.
Die ICE-Strecke Köln-Frankfurt. Pendeln zwischen Rhein und Main,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 21.07.

Mit der Einweihung der neuen ICE-Strecke werden Montabaur und Limburg zu Vorstädten von Frankfurt bzw. Köln. SIEDENBIEDEL schildert den Fall eines Lufthansa-Angestellten, der in Köln wohnt, in Frankfurt arbeitet und dessen Lebensgefährtin in München lebt:

"Der hohe Preis schreckt Opp nicht. Er hat eine sogenannte Netzkarte für 5300 Euro im Jahr, mit der er gleich auch noch seine Lebensgefährtin in München am Wochenende besuchen kann. Wenn er abends bei niedrigstehender Sonne mit dem Zug in Köln einfahre und die Domtürme sehe, entschädige ihn das für alles. 'Dann noch ein Kölsch im Brauhaus Früh - und die Welt ist wieder in Ordnung', schwärmt er. Er habe eine wunderschöne Wohnung in der Altstadt am Rhein im Schatten der romanischen Kirche Groß St.Martin - sowas gebe es in Frankfurt gar nicht."

Obwohl berufsbedingte Wochenendbeziehungen in zunehmendem Masse die Realität im Mittelschichtdeutschland prägen, gehört nicht jeder zu diesen Besserverdienenden. Die Vorschläge der HARTZ-Kommission könnten dazu führen, dass demnächst vermehrt Geringverdienende das gleiche Schicksal ereilt, nur sind deren Voraussetzungen ungleich schlechter.

MÖLLER, Ute (2002): Partnervermittlungen umwerben die Singles in der Stadt.
Suche nach dem Glück. Erstes Magazin für allein Stehende - Mit Talkrunden fit fürs Flirten,
in: Nürnberger Nachrichten v. 25.07.

SZ (2002): Allein zu Haus.
Immobilien speziell für Singles,
in: Süddeutsche Zeitung v. 26.07.

Yuppies geben sich nicht mehr mit "Wohnklos", d.h. den klassischen 1-Zimmer-Appartements zufrieden. Die Immobilienbranche reagiert damit u. a. mit "Community-Immobilien":

"Wo früher elf Mietparteien und ein Laden das denkmalwürdige Gebäude nutzten, wird demnächst Singlekommunikation und Service groß geschrieben. Ja, der Einsame muss hier nicht einsam sein. Die Singles können in einer Club-Atmosphäre doch so etwas wie ein Gefühl wie in einer Großfamilie erfahren. Single sucht Single. Das Haus wurde komplett von der Außenfassade bis zur Inneneinrichtung nach Feng-Shui-Grundsätzen geplant, realisiert und eingerichtet.
Das Ambiente kommt den hohen Anforderungen seiner Mieter voll entgegen: Jede Etage im Gebäude zeichnet sich durch ein individuelles Ambiente aus. Der Innenhof ist im Stil einer italienischen Terrasse gestaltet. Eine Conciergerie fehlt ebenso wenig wie ein umfassendes Serviceangebot, etwa Wäsche- und Reinigung, Lieferdienste oder Postservice."

KNUF, Thorsten (2002): Arbeitslose sollen mobiler werden.
Ledige müssen bundesweite Job-Offerten annehmen,
in: Berliner Zeitung v. 16.08.

LAW (2002): Die Immobilienwünsche der Singles.
Immer mehr Alleinlebende in den Großstädten. Und sie haben einen großen Raumbedarf,
in: Welt v. 01.10.

Im Gegensatz zu den Single-Mythen in den Feuilleton- und Politikteilen der Neue-Mitte-Zeitungen, gibt es in den Immobilienteilen manchmal auch Informatives über Singles.

Im Wahlkampf haben sich SCHRÖDER und STOIBER als Familienväter präsentiert. Sie sind jedoch auch Teilzeit-Singles und tragen dadurch zum Mythos Single bei:

"Wieder einmal stellt eine Statistik die Wirklichkeit auf den Kopf. So gelten Gerhard Schröder und Edmund Stoiber statistisch als Single, denn beide unterhalten in Berlin eine (Single-)Wohnung für den Arbeitsmittelpunkt, ihr »richtiges« Zuhause aber findet sich in den Heimatstädten".
Berlin ist also weniger die Hauptstadt der einsamen Partnerlosen, sondern die Hauptstadt der
Wochenendväter bzw. Fernliebenden.
Solange es der Politik jedoch um die Verdammung von Singles geht, wird es keine realistische Daten über das Leben in Deutschland geben, sondern nur politisch korrekte!"

Der Autor wirft der Statistik in Nordrhein-Westfalen Falschzählungen vor:

"Dort wird jeder 18-Jährige, der bei seinen Eltern lebt, als Single geführt. Für Essen bedeutet dies, dass dort 70 Prozent Single-Haushalte registriert sind".

Auch in anderen Bundesländern dürften solche Verzerrungen die Regel sein, weil viele Kinder zwar im gleichen Haus wie die Eltern wohnen, aber keinen gemeinsamen Haushalt führen. In der Soziologie spricht man hier vom Phänomen der multilokalen Mehrgenerationen-Familie. Diese haushaltsübergreifende Lebensform wird von den Haushaltsstatistiken ignoriert. Zu den Singles werden statistisch außerdem die allein lebenden Witwen gezählt. Dies führt dazu, dass den Singles ein hoher Wohnraumbedarf zugeschrieben wird.

"Bleibt nach dem Sterbefall der Partner weiter in der gemeinsamen Wohnung, hat er als Einzelperson deutlich mehr Platz. Und da immer mehr ältere Menschen im selbstgenutzten Eigenheim wohnen, schnellt die Statistik nach oben."

Dieser Sachverhalt dringt nur selten in die Öffentlichkeit. Wer hier den Single-Mythos hinterfragt hat, das ist Peter HETTENBACH, der Leiter des Instituts Innovatives Bauen in Plankstadt bei Schwetzingen. Die Bauwirtschaft wäre eigentlich auf realistische Daten angewiesen, aber oftmals vertraut sie lieber auf sozialpopulistische Vorurteile und weniger auf empirische Forschungen.

Ein Manko zum Schluss: Im Artikel wird nur auf die Wohnwünsche der Yuppies eingegangen. Die Wohnwünsche der Singles jenseits der Neuen Mitte werden sowohl von den privaten Investoren als auch von der staatlichen Wohnförderung ignoriert.

GILLIES, Peter (2002): Expertenurteil: Eigenheimzulage muss bestehen bleiben.
Wirkungsanalyse des Bundesamtes für Bauwesen fällt uneingeschränkt positiv aus - "Hohe soziale Treffsicherheit",
in: Welt v. 10.10.

GILLIES ist von der hohen sozialen Treffsicherheit der Eigenheimzulage überzeugt:

"Fast 60 Prozent aller Förderfälle betrafen Familien mit einem oder mehr Kindern. Die Empfänger der Zuschüsse waren im Durchschnitt 39 Jahre alt. Da fast zwei Drittel von ihnen auch die zusätzliche Kinderzulage bekamen, gehen die Verfasser der Analyse davon aus, dass diese Eigentümer sich überwiegend in der "Familiengründungs- oder Familienerweiterungsphase" befanden. Bei den jungen Haushalten unter 30 Jahren dominieren Singles und kinderlose Paare."

SCHUMACHER, Oliver (2002): Angesichts fehlender Milliarden im Haushalt.
Koalition will Kinderlose zur Kasse bitten. Rot-Grün plant Kürzung der Wohnungsbauförderung,
in: Süddeutsche Zeitung v. 12.10.

Die Eigenheimförderung soll gekürzt werden. Dazu liegt eine noch unveröffentlichte Studie vor, "deren Ergebnisse Bund und Ländern vorliegen. Danach entfällt gut ein Drittel des Fördervolumens bei der Eigenheimzulage auf Singles". (siehe zu einer anderen Einschätzung die WELT vom 10.10.2002)

BAUMBUSCH, Kirsten (2002): Heidelberg hat ein dickes Plus bei den jungen Singles.
Noch steigt die Zahl der Bevölkerung leicht, doch der Mangel an preiswerten Wohnungen treibt Familien verstärkt ins Umland,
in: Rhein Neckar Zeitung v. 03.12.

KÜPPER, Mechthild (2002): Die Berliner sterben nicht aus.
Dank Zweitwohnungssteuer und Studentenprämien wächst die Bevölkerung der Hauptstadt wieder,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 12.12

DPA (2002): Immer mehr "Single"-Haushalte im Südwesten.
Alleine Leben nimmt in verschiedenen Bevölkerungsgruppen unterschiedliche Bedeutung ein,
in: Mannheimer Morgen v. 17.12.

Es ist wirklich schade, dass sich kein kompetenter Kabarettist mit der Haushaltsstatistik beschäftigt. Die amtliche Statistik wäre eine Fundgrube für jeden Humoristen. Statt eines Steuersongs, müsste man einen Statistiksong komponieren. Eine Formulierung wie "im Haushalt leben" müsste sofortige Lachkrämpfe hervorrufen! In Grund und Boden lachen sollte man jene, die uns mit den Mitteln der Statistik verdummen wollen.

Gewöhnlich leben Menschen in Wohnungen und führen einen Haushalt allein oder zusammen. Jene Schreiberlinge, die den Sozialpopulisten auf den Leim gehen oder bewusst Halbwahrheiten verbreiten, verwenden mit Vorliebe die irreführende Wendung "im Haushalt leben". Darin wird die Gleichsetzung von Haushalt mit Wohnung betrieben. Tatsächlich war die Differenz noch nie größer! Es gibt genügend Wohnungen, in denen 2, 3, 4 und noch mehr Haushalte geführt werden.

Wollte man eine Karikatur zeichnen, dann müsste man eine Wohnung zeichnen, in der z.B. 5 Menschen - jeder für sich - in seinem Haushaltsgefängnis sitzt. Am 6. Oktober 1993 hat der FOCUS ein Cover zum Thema Einsamkeit ("Schicksal Single") veröffentlicht. Damals wurden Ulrich BECKs "Gitterstäbe der Einsamkeit" symbolisiert. Tatsächlich müssten es jedoch "Gitterstäbe eines Haushaltsgefängnisses" sein. Dann wäre jedoch zu fragen, ob es sich um ein Gefängnis handelt, oder ob die Sozialpopulisten nicht nur die schlechte alte Zwangsgemeinschaft verherrlichen.

Tatsächlich leben vor allem Sozialpopulisten in einem eigenen Haushalt - das sollte zu denken geben!

OCHS, Birgit (2002): Es geht auch anders: Wohnen in einer Alten-WG.
Elf Seniorinnen zeigen, daß auch im Alter individuelles Wohnen möglich und bezahlbar sein kann,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 22.12.

2003

BÜSER, Wolfgang (2003): Arbeitslose müssen umziehen.
Wohnungswechsel für einen neuen Job gilt als zumutbar. Arbeitsplatzverlust muss den Behörden früher als bisher gemeldet werden. Bescheid wissen, Nachteile vermeiden: Das Hartz-Konzept (1),
in: Süddeutsche Zeitung v. 08.01.

KÜCHEN, Marina (2003): Der Single-Haushalt ist schuld!
Die zunehmende Individualisierung der Gesellschaft belastete die Umwelt schwer,
in: Welt v. 13.01.

KÜCHEN argumentiert sozialpopulistisch korrekt:

"der Pro-Kopf-Verbrauch von Energie und Ressourcen ist in Single-Haushalten höher als in Familien. Kurz gesagt: Single-Haushalte schädigen die Natur mehr als Familien".

Diese Argumentation klingt nur auf den ersten Blick plausibel, denn KÜCHEN vergleicht Äpfel (Haushalte) mit Birnen (Familien). Der Gegensatz zu Single-Haushalten sind Familienhaushalte und nicht Familien! Dies mag manchem wie Haarspalterei erscheinen, gehört stattdessen jedoch zur zentralen Lebenslüge unserer Gesellschaft.
Verfolgt man die Argumentation weiter, dann kommt man zum entscheidenden Fehlschluss der Autorin:

"Zunächst bedeuten mehr Haushalte mehr Wohneinheiten, für die mehr Land und Baumaterial beansprucht wird."

Dies ist eine Halbwahrheit! Es gibt viel mehr Haushalte als Wohnungen. Die Vermehrung der Haushalte hat u.a. auch steuerpolitische Gründe.
Das zeigt uns eine Nachricht der Ostsee-Zeitung von heute. Silke ZSCHÄCKEL schreibt dort über eine geplante Zweitwohnungssteuer in Greifswald:

"Die Statistik geht von 5340 Nebenwohnern aus. Da die Steuer aber auf die Wohnung und nicht pro Kopf erhoben wird, könnte die Stadt für rund 1100 Nebenwohnungen Steuern kassieren."

Im Zuge des Nachdenkens über neue Einnahmequellen haben die Universitätsstädte eine Vorreiterrolle bei der Zweitwohnungssteuer eingenommen. Früher hat oftmals ein Student seinen Zweitwohnsitz erst gar nicht angemeldet. Viele Alleinwirtschaftende leben in Wohngemeinschaften oder als Paar, beziehen also keineswegs eine eigene Wohnung. Von der Haushaltsgröße kann also keineswegs direkt auf einen erhöhten Ressourcenverbrauch geschlossen werden.
Die Zunahme der Single-Haushalte ist zum einen ein statistisches Artefakt der Erhebung oder das Ergebnis politischer Interessen und nur zum anderen Teil die Folge eines vermehrten AlleinWOHNENs!

Hinzu kommt, dass der Mobilitätszwang das Problem erhöht, denn nicht nur Studenten und Singles, sondern auch Familienväter gehören zu jenen, die die Anzahl der Single-Haushalte in die Höhe treibt. Bei ZSCHÄCKEL liest man über die steuerpolitische Seite:

"Die Mitglieder des Finanzausschusses stehen der Zweitwohnungssteuer (...) recht aufgeschlossen gegenüber. Sie betonen aber, dass das erstrebenswertere Ziel sein müsste, (...) lieber mehr Leute für einen Hauptwohnsitz zu gewinnen. Parallel zur Zweitwohnungssteuer müssten also die Anreize steigen, den Hauptwohnsitz in Greifswald zu nehmen. Dies trifft natürlich in erster Linie auf die Studenten und Singles zu. Leute, die hier arbeiten und deren Familie an einem anderen Ort lebt, werden kaum Haupteinwohner".

Die erste - zwar mit Bundes- und Landesmitteln finanzierte, aber keineswegs befriedigende Studie - zu diesem virulenten Thema wurde gerade unter dem Titel Mobil, flexibel, gebunden veröffentlicht. Dort wird nur die Spitze des Eisbergs sichtbar, da die Datenlage mehr als unbefriedigend ist

DPA (2003): Kritik an Zweitwohnungssteuer.
Bund der Steuerzahler spricht sich gegen neue Abgabe in Frankfurt aus,
in: Welt v. 14.01.

HAAS, Lucien (2003): Klein heißt keineswegs rein.
Haushalte mit wenig Personen verbrauchen mehr Natur,
in: Frankfurter Rundschau v. 14.01.

HAAS verbreitet die selben Halbwahrheiten wie KÜCHEN, nur ausführlicher. Naturschützer sollen nicht nur die Natur, sondern gleich die Großfamilie mit schützen! Länderübergreifende Haushaltsvergleiche, die sich als Vergleiche von Lebensverhältnissen ausgeben, sind mehr als fragwürdig.

Bereits innerhalb eines Landes divergieren die Erhebungsverfahren. Zwischen den Ländern jedoch sind die Probleme noch viel größer. Der Demograph Christopher PRINZ hat im Jahr 1995 in dem Buch Cohabiting, Married or Single? den Vergleich der Lebensformen in Europa aufgrund fehlender Daten so einschränken müssen, dass von einem Vergleich verschiedener Lebensformen nur bedingt gesprochen werden kann.

Der französische Soziologe Jean-Claude KAUFMANN weist 1994 darauf hin, dass sich die Haushaltskonzepte in Europa danach unterscheiden lassen, ob das Wirtschaften oder das Wohnen Ausgangspunkt ist.
In Dänemark, Frankreich und Spanien existieren allein aufgrund der Tatsache, dass jede Person nur einen einzigen Haushalt führen kann, weniger Haushalte. Hier ist also die Identität von Alleinwirtschaften und Alleinwohnen gegeben. Dagegen ist in Deutschland die doppelte Haushaltsführung möglich. Zum Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland heißt es z.B.:

"les sous-locataires et pensionnaires font partie du ménage en France alors qui'ils sont comptés séparément en Allemagne".

In Großbritannien verkündet Dr. Jonathan SCALES im Jahr 2002 stolz, dass man nun mit dem Britischen Haushalts-Panel Survey die Gruppe der "Living apart together", also Paare ohne gemeinsamen Haushalt erfassen kann. Seit über 20 Jahren ist dieses Phänomen bekannt. Jetzt entdeckt man plötzlich den Mythos Single. Bisher hatte man Paare und Partnerlose nicht unterscheiden wollen. Nun ist jedoch die große Sehnsucht nach der Liebe angesagt und es ist das möglich, was die ganze Zeit schon möglich gewesen wäre. Es existieren also für die vergangenen 30 Jahre in Großbritannien keine Daten zu diesem Phänomen.

Wenn also nicht nur die europäischen Länder gravierende Unterschiede bei der Erfassung aufweisen, wie groß müssen die Unterschiede erst bei 141 verglichenen Ländern sein? Wenn diese Wissenschaftler dann noch behaupten, dass sie die Lebensverhältnisse vergleichen können, dann grenzt dies an Hybris.

SCHÜTZE, Elmar & Jan THOMSEN (2003): "Die Jungen werden weniger".
Bevölkerungswissenschaftler Rainer Münz sagt für die Hauptstadt einen Alten-Boom voraus,
in: Berliner Zeitung v. 20.01.

Rainer MÜNZ stimmt dem Vorurteil über Berlins junge Einwohnerschaft nicht zu:

"Das Durchschnittsalter ist etwa so hoch wie im Rest Deutschlands. Vor der Wende war das mal anders. Ins alte West-Berlin zogen junge Männer, die sich die Wehrpflicht ersparen wollten, andere kamen wegen des Lebensgefühls. Und in Ost-Berlin lebten gerade in Marzahn und Hellersdorf fast nur junge Familien, die oft aus anderen Teilen der DDR herzogen. Inzwischen wandern viele Jüngere aus Berlin ab".

JAHR-WEIDAUER, K. (2003): Berliner wandern ins Umland ab.
Neue Studie des Statistischen Landesamtes zeichnet düsteres Bild: In zehn Jahren zogen 269 900 weg,
in: Welt v. 28.02.

Das Statistische Landesamt Berlin hat in Pressemitteilungen am 12.02.2003 und am 27.02.2003 neue Zahlen zur Berliner Bevölkerungsentwicklung veröffentlicht. JAHR-WEIDAUER beklagt Steuerausfälle und Wohnungsleerstände wegen Suburbanisierung. Die Abwanderung wird dramatisiert, indem ein Zeitraum von 10 Jahren betrachtet wird. Nicht gemeldet wird deshalb, dass die Bevölkerung in den letzten beiden Jahren gewachsen ist.

STOLLOWSKY wiederum sieht Berlin auf dem Weg zur Hauptstadt der Singles (andere Journalisten behaupten seit Jahren, dass Berlin, bereits die Hauptstadt der Singles sei). Im Gegensatz zu Bevölkerungswissenschaftlern wie Rainer MÜNZ (Berliner Zeitung v. 20.01.2003) bezeichnet er Berlin als sich verjüngende Stadt:

"Zu verdanken ist das allein den 18- bis 35-Jährigen, denn nur in dieser Altersgruppe ist die Bilanz der Zu- und Weggezogenen positiv: Im Jahr 2001 gewann Berlin deshalb rund 22800 jüngere Bürger hinzu".

STOLLOWSKY, Christoph (2003): Gute Nachricht für Berlin: Viele junge Menschen ziehen in die Stadt. Die schlechte: Es gibt zu wenig Kinder,
in: Tagesspiegel v. 28.02.

LUTZ, Cosima (2003): Der Single als Umwelt-Belastung.
Einzelhaushalte setzen der Natur angeblich mehr zu als die Bevölkerungsexplosion. Können Millionen wirklich irren?
in: Welt v. 18.03.

Schon fast vergessen! Nach über zwei Monaten darf Cosima LUTZ auf Marina KÜCHEN (13. 01.) reagieren. Was wäre, wenn Alleinwirtschaften identisch wäre mit Alleinwohnen und Partnerlosigkeit. Darüber reflektiert die Autorin:

"der Single-Haushalt als Umweltproblem, damit habe ich wirklich nicht gerechnet.
Dabei muss man ja nur mal kurz nachdenken. Ein redender Partner kostet weniger Strom als ein Radio- oder Fernsehgerät. Er dämmt auch schon durch bloße schweigende Anwesenheit Heizkosten ein. Der fünf-Kilo-Sack Kartoffeln ist aufgebraucht, bevor er schöne weiße Blüten treibt und auf den Müll kommt.
Und wenn ich es recht überlege, hat auch Herr Mehdorn Recht, wenn er mich zum Bahnreisen in Horden verdonnert. Er versucht der Zersplitterung der Gesellschaft und damit verbundener Umweltbelastung entgegenzutreten. Aber alles in allem ist das Leben als einzelnes Mängelwesen durchaus okay. Millionen Singles können schließlich nicht irren. Man müsste es eigentlich nur schaffen, Müll- und Partnertrennung doch noch als gleichwertiges umweltbewusstes Verhalten zu etablieren".

POP/MUT (2003): Schön, erfolgreich und dennoch Single.
Prominente auf der Suche nach dem Richtigen: Heute die Schauspieler Rosalind Baffoe und Daniel Fehlow,
in: Welt Berlin v. 10.04.

"Als Single ist man in Berlin auch niemals richtig alleine, weil in der Hauptstadt noch ungefähr 860 000 andere Singles wohnen. Schauen Sie Ihren Nachbarn ruhig mal ins Fenster. Wetten, dass mindestens zwei Drittel der Wohnungen »Ein-Personen-Haushalte« sind und dort Pizza-Packungen für Singles im Tiefkühlfach liegen?"

Diese Wette würden POP & MUT garantiert verlieren! Erstens liegt der Anteil der Einpersonenhaushalte in der Dienstleistungsmetropole Berlin unter 50 % und zweitens leben weniger als 30 % der Berliner in einem "Single"-Haushalt. Da es viele Wohngemeinschaften in Berlin gibt, führen oftmals Singles zwar einen eigenen Haushalt, wohnen aber nicht in einer eigenen Wohnung (Alleinwirtschaften ist nicht gleich Alleinwohnen).
Auch die Tiefkühlpizza auf Single-Haushalt-Tischen ist ein Mythos, den z.B. die Konsumsoziologin
Doris Rosenkranz in Frage stellt.
Immer noch sind allein lebende Witwen die größte Gruppe und nicht der "Swinging Single" wie er von den beiden Journalisten vorgestellt wird.
Und nicht zuletzt sind Alleinlebende im mittleren nicht unbedingt
partnerlos.

LEHMANN, Andreas (2003): "Ich bin kein Mensch mit zehn Versicherungen".
Als Kind hat sie vor Wut ihr Zeugnis zerrissen, weil ihre Mutter sich nicht dafür interessierte. Als Mutter hat sie ein Faible für bürgerliche Strukturen - allerdings mit einem ironischen Lächeln.
Ein Gespräch mit der Schriftstellerin Julia Franck über Brennesselsuppen, Disziplin und Ordnung und die Frage, warum man überhaupt Kinder kriegt,
in: Das Magazin, August

ASI (2003): Echt allein,
in: Tagesspiegel v. 14.08.

"Echt allein" bezieht sich hier auf Alleinerziehende, die auf einen höheren Haushaltsfreibetrag hoffen können. Geduldet wird jedoch, dass auch Alleinerziehende, die mit einem Partner zusammenwohnen in den Genuss kommen, freut sich ASI. Dieser Missbrauch wird kein öffentliches Thema sein, weil Alleinerziehende im Gegensatz zu Alleinlebenden eine hohe Wertschätzung besitzen.

Die mangelhafte Trennschärfe des sozialrechtlichen Begriffs erklärt jedoch die steigende Zahl der Alleinerziehenden, denn während alleinwohnende und alleinerziehende Partnerlose tatsächlich benachteiligt sind, stellen sich unverheiratete Alleinerziehende, die mit einem Partner zusammenwohnen, gegenüber Verheirateten besser. Der Partner der Alleinerziehenden fällt dagegen statistisch unter die Rubrik "Single" und zieht damit den Zorn der Gesellschaft auf sich. Dies ist die Schizophrenie einer Gesellschaft, die sich als "Single-Gesellschaft" definiert...

LEHNART, Stefanie (2003): Reden gegen die Wand.
Zwei Mainzer Innenarchitektinnen haben die ideale Mitbewohnerin erfunden - die Single-Tapete,
in: Die ZEIT Nr.41 v. 02.10.

HEYDUCK, Elke (2003): Städte zu Steinmehl.
Wohnungswirtschaft meets Wissenschaft: Über 350 Unternehmer und Planer trafen sich beim 2. Wohnungspolitischen Kongress Niedersachsens und lauschten gebannt den Diagnosen und Prognosen der Akademiker,
in: TAZ Nord v. 08.11.

"Der Single von morgen ist kein Yuppie im Loft, sondern ein alter, inkontinenter Mann, der es wegen seiner langjährigen Parkinson-Erkrankung die Treppe nicht mehr hochschafft",

schreibt HEYDUCK im Hinblick auf die bevölkerungspolitischen Prognosen, für die Rainer MÜNZ das pessimistische Szenario entwarf.

HARRIEHAUSEN, Christiane (2003): Die Metamorphose des Wohnens.
Flexibles Wohnen muß kein Wunschtraum sein. In Frankfurt wird ein Bauvorhaben realisiert, das für Aufmerksamkeit sorgt,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 23.11.

SUSSEBACH, Henning (2003): Wie man in Deutschland wohnt und sich einrichtet.
Leben in Deutschland (9). Die Nasszelle wird Wellnesszone, das Einfamilienhaus wird Kleinfamilienhaus: Immer weniger Menschen wohnen auf immer mehr Quadratmetern - jede Menge Platz für Inszenierung und Isolation,
in: Die ZEIT Nr.49 v. 27.11.

2004

HARRIEHAUSEN, Christiane (2004): Die Lebensabschnittsimmobilie - passend zum Partner.
Auf den Wohnungsmärkten wird wieder experimentiert. Mobilität und Wohnen sollen zusammenkommen,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 18.04.

HERRMANN, Ulrike und Barbara DRIBBUSCH (2004): Der Trick mit der "Revisionsklausel".
Das Arbeitslosengeld II kommt wahrscheinlich doch am 1. Januar. Wirtschaftsminister Clement einigte sich mit den Kommunen, dass er zum Teil die Unterkunftskosten für die Langzeitarbeitslosen zahlt. Jedenfalls abstrakt. Reales Geld fließt später,
in: TAZ v. 10.06.

Die Hartz-Reformen definieren nicht nur neue Zumutbarkeitsregeln für die Annahme von Arbeit, sondern auch für die zumutbare Wohnungsgröße von Singles:

"Arbeitslosenhilfeempfänger (...) dürfen mit Beginn des Arbeitslosengeldes II nur noch »angemessenen« Wohnraum haben. Als »angemessen« gelten für einen Alleinstehenden Wohnungen mit einer Größe von 45 Quadratmetern, die Miete darf in Ballungsgebieten meist 300 Euro nicht übersteigen. Im Klartext bedeutet dies, dass die Arbeitsagenturen zwar fürs Erste die Miete übernehmen müssen, dann aber auf die Joblosen Druck ausüben können, in billigere Wohnungen umzuziehen."

WOLTER, Peter (2004): "Angemessene" Wohnkosten: Macht "Hartz IV" obdachlos?
jW sprach mit Franz-Georg Rips, Direktor des Deutschen Mieterbundes e.V.,
in: junge Welt v. 26.07.

SCHMIDT, Sarah (2004): Sparen durch Affären.
Jungle World-Debatte: Singles haben keine Beziehungsprobleme, mehr Sex und bekämpfen die Krise politisch mit ihren Freunden,
in: Jungle World Nr.32 v. 28.07.

Sarah SCHMIDT betrachtet das Single-Dasein optimistisch aus weiblicher Perspektive. Ob nun Affären oder Distanzbeziehungen bevorzugt werden, Frauen leben im mittleren Lebensalter zwar seltener allein (sondern eher als Alleinerziehende), kommen - als Karrierefrauen - mit dem Alleinleben jedoch besser zurecht als die Männer. SCHMIDT sieht anlässlich der Hartz-Reformen die Vorteile des Single-Daseins:

"Wer wird denn da so richtig gemein zur Kasse gebeten? Na? Genau, die Paare, die eheähnlichen Verhältnisse! Und als Paar ist man doch fast gezwungen, gemeinsam zu wohnen, denn zwei Wohnungen, das rechnet sich doch wirklich nicht. Ha! Auf den 16 Seiten des Fragebogens zur Hartz IV-Reform ist nicht eine einzige Frage, die mich zwingen will, meine Affären als eventuelle Versorger anzugeben. Nö, da wird nach Lebensgemeinschaften gefragt, die sollen sich nach dem Willen der Regierung gegenseitig das Geld aus den Taschen ziehen. Da kann ich nur sagen: Voilà! Es lebe das Singledasein!"

SIEMONS, Mark (2004): Eingegliedert.
Unmittelbar zum Staat: Der Mensch nach Hartz IV,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 29.07.

HERRMANN, Ulrike (2004): Handreichung für ein paar Euro,
in: TAZ v. 02.08.

MENSING, Kolja (2004): "Sparen Sie bloß nicht!"
13. Stock (1): Ingrid Galla wohnt seit 1971 in der Bremer Neubausiedlung Grohner Düne. Nun müssen die Gallas ausziehen. Die Sozialwohnung ist einfach zu teuer für ihre Rente,
in: TAZ v. 10.08.

LÜNSTROTZ, Michael (2004): Von A nach B der Arbeit wegen.
Moderne Nomaden sind immer flexibel und mobil, weil sie ihren Wohnort dem Beruf unterordnen müssen. Doch immer mehr Menschen haben dieses Leben mit Dauer-"Jetlag" satt
in: TAZ v. 03.12.

LÜNSTROTZ hat sich anlässlich einer überflüssigen Umfrage (wird hier als Studie aufgewertet!) des Tabakindustrie-gesponserten Freizeitpädagogen Horst W. OPASCHOWSKI auf die Spur der "Jobnomaden" (Gundula ENGLISCH) gemacht. Die einzige repräsentative Studie von Norbert F. SCHNEIDER zum Thema Mobilität und Lebensform wird dagegen nicht einmal erwähnt...

 
     
 
       
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 29. September 2013
Update: 08. März 2017