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Kommentierte Bibliografie

 
       
   

Sind Singles schuld an der Wohnungsnot in Deutschland? 

 
       
   

Eine Bibliografie der Debatte

 
       
       
   

Die Chronologie der Debatte

 
   
     
 

Kommentierte Bibliografie (Teil 2: 2005 - 2011)

BURMEISTER, Jutta (2005): Mobilität rechnet sich.
Wer aus beruflichen Gründen eine Zweitwohnung bezieht, profitiert von erheblichen Steuervorteilen,
in: Tagesspiegel v. 23.01

KETTELHAKE, Silke (2005): Ghettos in Göttingen.
"Ganz unten", das kann ein Slum in Niedersachsen sein. Am Rande der Gesellschaft wohnen ihre Verlierer, die Sozialfälle, die Süchtigen - und keine Hoffnung mehr,
in: TAZ v. 30.03.

Single-Appartements einmal ganz anders:

"Im Hagenweg 20, das war die einzige Chance, hatte sie eine neue Wohnung für Wilma B. Hierhin, in Wohnungen mit von Kakerlakenautobahnen durchzogenen Wänden, kann man niemanden ruhigen Gewissens bringen: Alkohol pur, über 165 Einzimmerapartments, deren Eigentümer sich einen Dreck um die Instandhaltung kümmern. Zur eigenen Altersvorsorge gedacht, entpuppten sich die schicken Studentenappartements als verwohnte Aufbewahrungsschachteln für soziale Problemfälle - renovieren lohnt sich hier nicht mehr. "

CARL, Verena (2005): Wohnt ihr noch oder trennt ihr euch schon?
Eine gemeinsame Wohnung kann beides sein: Der erste Schritt in Richtung Immer-und-ewig. Oder in Richtung Nie-mehr-wieder,
in: Welt am Sonntag v. 08.05

NEON-Titelgeschichte: Willst du mit mir wohnen?
Zehn wichtige Fragen, die Frauen und Männer vor dem Zusammenwohnen klären sollten

BÄUERLEIN, Theresa & Tobias KNIEBE (2005): Komm rein!
Ihr seid verliebt? Toll! Jetzt wollt ihr in eine gemeinsame Wohnung ziehen. Davor solltet ihr euch eure Partnerin oder euren Partner aber noch mal ganz genau anschauen. Und euch genau zehn wichtige Fragen stellen,
in: Neon, Juli/August

ZEKRI, Sonja (2005): Tausend Tage unterwegs.
Aufzeichnungen einer Wochenend-Pendlerin. Montage sind Mitchum-Tage. Oder: München vs Berlin - ein Leben zwischen zwei Welten,
in: Süddeutsche Zeitung v. 06.08.

Sonja ZEKRI schreibt über berufliche Mobilität und Lebensform:

"Ein Kneipenabend in Berlin. Der Freund eines Freundes sagt: »Du lebst in München und in Berlin? Phantastisch! Zwei so großartige Städte!« Drei Biere lang setze ich ihm auseinander, dass er der größten Mobilitätslegende seit dem Ponyexpress aufgesessen ist; dass mir Berlin fremd wird, ohne dass mir München näher kommt; dass jedes Konzert, jedes Fest stattfindet, wenn ich gerade in der anderen Stadt bin; dass ich überhaupt nur arbeite, damit ich zwei Wohnungen bezahlen kann, also Geld verdiene, um mir das Geldverdienen leisten zu können; kurz, dass ich jeden Baumwollsklaven um seine Sesshaftigkeit beneide."

VORBRINGER, Anne (2005): Nicht nur für Muttersöhnchen,
in: Berliner Zeitung v. 16.08

VORBRINGER geht kurz auf die Geschichte der Wohngemeinschaften ein, stellt das Problem der Nichterfassbarkeit vor, weil sie mehrheitlich den Single-Haushalten zugerechnet werden. Daneben gibt es WG-Tipps und es werden 5 WG-Typen vorgestellt:
- Die Riesen WG: Wohnen wie in einer Großfamilie (Claas WEINMANN)
- Die Villen WG: Zwischen Ölgemälden und Kronleuchtern
- Die Ex-Häftlings-WG: Ein Leben nach dem Gefängnis
- Die Demenz-WG: Würdevolles Vergessen (Antje LANG-LENDORFF)
- Die Politikerinnen-WG: Ein Ersatz-Zuhause fernab vom Wahlkreis

BUCHHOLZ, Jana (2005): Friends auf Französisch.
Die TV-Serie "Friends" und steigende Mieten haben in Paris einen WG-Boom ausgelöst. Aber wie den passenden Mitbewohner finden? Dafür gibt es nun WG-Partys, auf denen man in entspannter Atmosphäre andere Wohnungssuchende kennen lernt. Und wenn's sein muss auch mal hübsche Singles,
in: Neon, September

RICHTER, Christine (2005): Die wundersame Zellteilung,
in: Berliner Zeitung v. 11.10

Im Jahr 1980 schrieb Joseph HUBER in dem Buch Wer soll das alles ändern? darüber, dass ein neues Familiensystem unumgänglich ist, denn die Single-Gesellschaft führt in den Sozialpolizeistaat. Die Hartz-Reformen könnten einen Schritt in diese Richtung bedeuten:

"Das Auseinanderziehen, das Ummelden in eine eigene Wohnung, auch wenn man ein Paar bleibt, ist angesichts der Lage des Sozialstaates moralisch verwerflich, rechtlich aber zulässig. Daran ändern kann man im Moment nicht viel, aber auf jeden Fall sollten die neuen Singles, die sich bei den Arbeitsagenturen melden, genau und über einen längeren Zeitraum kontrolliert werden. Denn einige nutzen, wie sich in den letzten Monaten gezeigt hat, die Wohnung nur für kurze Zeit nur zum Schein oder schlimmer noch, vermieten sie unter und betrügen den Sozialstaat damit nun wirklich. Und das kann Berlin weder dulden noch sich leisten",

empört sich RICHTER in ihrem Kommentar über die Zunahme der Single-Haushalte.

BEIKLER, Sabine/KNEIST, Sigrid/ZAWATKA-GERLACH, Ulrich (2005): Erste eigene Wohnung - die Arbeitsagentur bezahlt.
Kritik an Hartz IV-Förderung für Jugendliche. Seit Mai 20000 Single-Haushalte mehr in Berlin. Finanzsenator fordert Änderung,
in: Tagesspiegel v. 25.10.

WINKELMANN, Ulrike (2005): Die Parasiten wohnen woanders.
Die Koalitionäre wollen für die gigantischen Mehrkosten von Hartz IV junge Leute verantwortlich machen, die ausziehen und ALG II bekommen. Mit den Zahlen der Bundesagentur für Arbeit ist das allerdings nicht belegbar,
in: TAZ v. 27.10.

Ulrike WINKELMANN liefert neue Berechnungen im Hartz-Krieg um die Single-Haushalte:

"Wäre es wahr, dass Partner und Kinder ausziehen, müsste ja die Zahl der »1-Personen-Gemeinschaften« zugenommen haben. Doch das ist nicht belegbar. Im Januar zählte die BA 1.855.000 »1-Personen-Gemeinschaften« - im März 2.005.000. Für den Juni gibt's nur vorläufige Zahlen, doch demnach haben die 1-Personen-Haushalte jedenfalls nicht zugenommen.
Der messbare Zuwachs der 1-Personen-Haushalte beträgt also 150.000. Veranschlagt man die Kosten jedes Haushalts für den Steuerzahler mit dem Durchschnittswert von 840 Euro, so entspricht dies Mehrkosten von 125 Millionen Euro. Das ist rund ein Hundertstel des diesjährigen Planungsfehlbetrags.
Die geleugnete Partnerschaft sowie die Kinder, die Mamas und Papas Haus verlassen und es sich lieber auf Staatskosten in einer eigenen Wohnung gemütlich machen, mag es geben - viele können es laut Statistik nicht sein."

KNÜPLING, Friederike (2005): Das erste Mal: eigene Wohnung statt WG.
Unsere Kolumnistin fürchtet zunächst, das Alleinwohnen sei der Heroinsucht recht ähnlich. Dann muss sie aber feststellen: An Stoff kommt man leichter als an Wohnraum,
in: Neon, November

DRIBBUSCH, Barbara (2005): Keine Kuschelgemeinschaft.
Alternative Wohnformen in der zweiten Lebenshälfte werden immer beliebter - obwohl das Zusammenleben im Alltag oft schwierig ist. Was tun, wenn die Frauen zicken? Und wie sich ausklinken, wenn die WG nervt? Drei Besuche vor Ort,
in: TAZ v. 08.11

FAZNET (2005): Verfassungsgericht.
Zweitwohnungssteuer für Eheleute verfassungswidrig,
in: FAZ.NET v. 10.11

GEGNER, Martin (2005): Boomtown gegen Schrumpfhausen.
Dual Cities.
Die Stadtentwicklung ist von widersprüchlichen Tendenzen geprägt und fordert kreatives Management,
in: Freitag Nr.45 v. 11.11.

GEGNER berichtet über die

"widersprüchliche Entwicklung von schrumpfenden Großstädten, boomenden Zwischenstädten, stagnierenden Klein- und Mittelstädten und wenigen wachsenden Dienstleistungsmetropolen".

Im Anschluss an das Gentrificationskonzept von Hartmut HÄUSSERMANN & Walter SIEBEL hält GEGNER - angesichts der neoliberalen Übermacht - eine "alternative Zwischennutzung" in niedergegangenen Vierteln für sinnvoll:

"Die vielen Arbeitslosen werden nicht alle in der Kommunikationsbranche Arbeit finden (...). Die Zukunft dieser Vergessenen der Globalisierung liegt in ihrer Funktion als Dienstleister für die Kommunikationsprofis als Servicepersonal, Putzdienst und Wachleute. (...).
Somit wird sich der Trend zur Dual City verstärken, in der gut ausgebildete und bezahlte Konsumorientierte ihr Geld mit schneller Kommunikation verdienen und sich von mäßig ausgebildetem, zumeist aus Migrationshintergrund stammendem Personal bedienen lassen. Beide Milieus werden sich in unterschiedlichen Stadtgegenden niederlassen, was eine verstärkte Segregation zur Folge haben wird.
(...).
Kürzlich forderte der in Cottbus und Erkner forschende Regionalplaner Dieter Keim einen kreativen Umgang mit schrumpfenden Städten. Doch worin könnte der bestehen? Da neben den Großsiedlungen vor allen Dingen auch viele Altbauten in den ostdeutschen Innenstädten leer stehen, ließe sich möglicherweise aus der Berliner
Geschichte der letzten 25 Jahre eine »kreative« Handlungsoption für die Stadtplanung ableiten. Denn großer Leerstand von Wohnraum bedeutet einen entspannten Wohnungsmarkt und der bietet Handlungsmöglichkeiten für alternative Lebensstile und Wohnraum für die nicht so gut betuchten Migranten.
"

2006

SCHMID, Eva Dorothée (2006): Gemeinsam statt einsam.
WOHNFORMEN - Fast eine Million Singlehaushalte gibt es in Berlin. Besonders viele Frauen leben allein. Immer mehr Menschen suchen nach gemeinschaftlichen Wohnprojekten, vor allem fürs Alter. Vier Beispiele,
in: Berliner Zeitung v. 31.07.

"Allein in Berlin gibt es über 950 000 Einpersonenhaushalte und rund 420 000 Menschen über 50 leben allein. Hierin liegt ein großes Potenzial für alternative Lebensformen wie Wohn-, Haus- und Nachbarschaftsgemeinschaften und Wohnprojekte mit begleitenden Serviceangeboten", berichtet SCHMID.

MÜLLNER, Astrid (2006): Ein Haus für mich allein.
Sind sie Single?
Die Anzahl der Singles steigt, ihre Wohnbedürfnisse ändern sich. Die Architektur reagiert darauf, das Ergebnis sind Häuser, die sich ganz auf einen einstellen - aber auch für mehrere adaptiert werden können,
in: Die Presse v. 02.09

BETANCUR, Karin Ceballos (2006): Haushaltsfragen.
Sie wärmt. Sie nervt. Sie ist billig, praktisch, anstrengend. Und es gibt sie noch, die Wohngemeinschaft. Ein alphabetischer Kodex,
in: Tagesspiegel v. 21.10

"Während Wohngemeinschaften früher den »dritten Weg zwischen Ehe und Alleinsein« (»Psychologie Heute«) darstellten, fließen im 21. Jahrhundert die Grenzen zwischen WG, Patchworkfamilie und Zweckgemeinschaft im Mehrfamilienhaus, wo Senioren Domizil und Pfleger teilen, um nicht im Heim zu landen",

meint BETANCUR, die sich von A-Z den WGs widmet. Dumm gelaufen jedoch, wenn man falsch abschreibt:

"1986 erläuterte der Spiegel den Begriff, um den es gehen soll, folgendermaßen: »Unter einer Wohngemeinschaft versteht man einen gemeinsamen Haushalt von mindestens drei Erwachsenen mit oder ohne Kinder, die in der Regel nicht miteinander verwandt sind.«"

Im Glossar zum Single-Dasein heißt es dagegen:

"Unter einer Wohngemeinschaft versteht man einen gemeinsamen Haushalt von mindestens drei Erwachsenen mit oder ohne Kinder, die in der Regel nicht miteinander verwandt sind (SPIEGEL 1986 (1))."

Der Spiegel heißt Erika SPIEGEL, Frau BETANCUR!

2007

OCHS, Birgit (2007): Von der Kommune 1 zur Alten-Wohngemeinschaft.
Wohngemeinschaften sind im Wandel. Reizvoll, aber auch anstrengend und eine Herausforderung nicht nur für Individualisten,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 11.02.

Bei der Schlagzeile fehlt das Fragezeichen, denn im Artikel wird nicht die Kommune der 68er, sondern die WG der 78er, insbesondere aber die Hausgemeinschaft propagiert:

"»Gemeinschaftliches Wohnen im Alter ist derzeit ein Riesenthema«, sagt Gerda Helbig vom Bundesforum für gemeinschaftliches Wohnen, Hannover. Vor zehn Jahren zählte sie jährlich 2000 Anfragen, 2005 waren es 10.000 Interessenten, die sich Hilfe bei der Suche oder Gründung eines gemeinschaftlichen Wohnprojekts erhofften. Es macht sich bemerkbar, dass eine große Zahl der Singles in die Jahre kommt, immer weniger Menschen auf familiären Zusammenhalt zählen können.
(...).
Die Alten-WG indes wird wohl auch in Zukunft eine Ausnahme bleiben. (...). »Eine eigene Küche, ein eigenes Bad, darauf wollen die Menschen im Alter nicht verzichten, Studenten sind da zum Kompromiss bereit, aber nicht die
Generation 50 plus«, sagt Helbig. Die Zukunft liegt ihrer Erfahrung nach in Wohnprojekten, die den Bewohnern zwar einen gemeinsamen Rahmen bieten, aber auch die eigenen vier Wände."

HARRIEHAUSEN, Christiane (2007): Jeder will alt werden, aber niemand will alt wohnen.
Nur eine frühzeitige Beschäftigung mit dem Wohnen im Alter garantiert für Lebensqualität in diesem Lebensabschnitt, denn es gibt eine Vielfalt von Möglichkeiten,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 11.02

DAMM, Andreas (2007): Die Zahl der Singles hat zugenommen,
in: Kölner Stadt-Anzeiger v. 04.06.

Nach den Zahlen des Amtes für Stadtentwicklung und Statistik führten im Jahr 2006 ca. 32,5 % der volljährigen Einwohner von Köln einen Single-Haushalt

PFEIFER, David (2007): Lieber allein.
Sie können nach Hause kommen, wann sie wollen. Sie dürfen Sex haben, mit wem es ihnen beliebt. Und wenn sie wegen eines Jobs umziehen müssen, macht das überhaupt nichts. Trotzdem wird Singles andauernd eingeredet, sie hätten ein Problem. Neid oder nur Unwissenheit? Ein Plädoyer für eine verkannte Lebensform,
in: Neon, November

Was haben Reaktionäre und Apologeten des Alleinlebens gemein? Sie verbreiten die Single-Lüge. Erstere um das Alleinleben zu bekämpfen, letztere wie David Pfeifer, um ihm das Wort zu reden:

"Die Zahl der Alleinlebenden hat sich in den vergangenen 30 Jahren in Deutschland verdoppelt. In Großstädten machen sie die Hälfte der Bevölkerung aus: 51 Prozent in Berlin, 49 Prozent in Hamburg, 47 Prozent in München. (...) Tatsächlich sind die Anforderungen, die ein modernes, selbstbestimmtes Leben in der westlichen Welt mit sich bringt, so was von beziehungsfeindlich, dass man sich eigentlich wundern muss, dass noch die Hälfte der Großstädter in einer Partnerschaft lebt",

verkündet uns PFEIFER. Auch wenn es Reaktionären und Apologeten nicht passt. Auch nach den neuesten Zahlen für das Jahr 2005 leben in Deutschland nur ca. 20 % der Erwachsenen allein. Selbst in Großstädten sind es nur ca. 35 %. Marie (Ende 20) und Patrick (Mitte 30), die idealtypischen Alleinlebenden, die uns PFEIFER als glückliche Alleinlebende präsentiert, gehören zu einer Minderheit, wie das nachfolgende Schaubild zeigt:

Vor allem sind die Karrierefrauen weit weniger verbreitet als 25-45jährige Singlemänner. Nicht einmal jede 7. Frau, aber jeder 4. Mann lebt im Alter von 25-45Jahren allein. Alleinlebende Frauen sind dagegen vor allem unter den über 65Jährigen zu finden. Ihr Anteil an den Alleinlebenden beträgt über 27 %. Fast 60 % der Alleinlebenden sind 45 Jahre und älter.

Die Mehrheit der glücklichen Alleinlebenden wohnt zwar allein, aber sie sind nicht partnerlos. Manche wohnen gar zusammen, aber haben sich gegenüber den Zählern als Alleinwirtschaftende ausgegeben. Und wenn die Alleinlebenden gerade partnerlos sind, dann ist das die Konsequenz der seriellen Monogamie.

Es gibt sie also die glücklichen Alleinlebenden, aber sie sind gesamtgesellschaftlich weit weniger verbreitet als es ihre Apologeten oder Kritiker behaupten. In der Zielgruppe der Lifestyle-Zeitschrift Neon sind sie wohl überrepräsentiert, weshalb dieser Artikel dann doch seine Berechtigung hat.

MENNING, Sonja (2007): Haushalte, familiale Lebensformen und Wohnsituation älterer Menschen, GeroStat Report Altersdaten, Heft 2, Dezember

BERG, Jean-Michel (2007): Wer lebt, stört.
Wird Klimaschutz zur neuen Religion? Mit wachsendem Umweltbewusstsein erscheint menschliches Verhalten generell als Fehler - der CO2-Ausstoß wird zum Maß aller Dinge. So punktet etwa Hillary Clinton mit karbonneutralem Wahlkampf,
in: Süddeutsche Zeitung v. 06.12.

Eine "Scheidung muss man fortan nicht nur vor Gott, sondern ebenso vor dem Klima verantworten, denn Ehehaushalte sind ökologischer als die von Singles", meint BERG.

2008

LEUSCH, Peter (2008): Gemeinsam leben, getrennt wohnen.
Berliner Psychologen untersuchen ein neues Partnerschaftsmodell,
in: DeutschlandRadio v. 10.01

SCHOLZ, Rembrandt & Dimitri JDANOV (2008): Weniger Hochbetagte als gedacht.
Korrekturen in der amtlichen Statistik für Westdeutschland notwendig,
in:
Demographische Forschung aus erster Hand, April

SCHOLZ & JDANOV haben herausgefunden, dass die amtliche Statistik die Bevölkerung im Alter von 90 Jahre und älter überschätzt. Für die westdeutschen Männer liegt dieser Anteil am Ende des Jahres 2004 um rund 40 % zu hoch. Ursache ist die fehlerhafte Fortschreibung der Bestände durch nicht vollständig erfasste Wohnortwechsel.

DRIBBUSCH, Barbara (2008): Die Wiederkehr des Hochbettes.
Auch meine Bekannten Lisa und Bernd zogen in eine kleinere Wohnung. Weil die Mittelschicht schrumpft,
in: TAZ v. 24.04

FENGER, Christine (2008): Du gehörst zu dir.
In eine gemeinsame Wohnung zu ziehen, gilt als logische Weiterentwicklung einer Beziehung. Stimmt: wenn man dauernde Diskussionen und nachlassende Lust auf Sex als logische Entwicklung sieht. Unsere Autorin rät: Wehrt euch gegen den Drang solang es geht,
in: Neon,
Mai

TINGLER, Philipp (2008): Mein Geld, dein Geld.
Bett, Wohnung, Auto – Paare teilen sich viel. Nur beim gemeinsamen Konto ist meist Schluss. Warum eigentlich? Von Soll und Haben in der Liebe,
in: Tagesspiegel v. 18.05

BÖNISCH, Julia (2008): "Akademiker pendeln, um nicht abzusteigen".
Die Deutschen sind erstaunlich mobil - erzwungenermaßen: Denn Firmen verlangen, dass ihre Angestellten beweglich und flexibel sind. Der Soziologe Detlev Lück über Arbeit, Reisen und soziale Belastungen,
in: sueddeutsche.de v. 30.05.

Noch im Jahr 2002 galt der Wissenschaft und den Medien Mobilität als Mittel zum Aufstieg. Single-generation.de kritisierte diese einseitige Sichtweise bereits während der New Economy-Euphorie und erst recht nach dem Niedergang.
Die Rezension einer Psychologie-Heute-Titelgeschichte aus dem Jahr 2002 fasst die Kritik von single-dasein.de an der medialen Rezeption der Mainzer Studie über Berufsmobilität erstmals zusammen.
Im April 2006 hat single-generation ein Thema des Monats über das Thema Fernbeziehungen als Konsequenz des veränderten Arbeitsmarktes veröffentlicht. Im gleichen Jahr startete das Forschungsprojekt Job Mobilities and Family Lives in Europe, über dessen Ergebnisse der Soziologe Detlev LÜCK in der SZ Online berichtet. Erst jetzt wird deutlich gemacht, dass Mobilität in erster Linie ein Mittel im Kampf gegen den Abstieg ist:

"sueddeutsche.de: Warum nehmen die Betroffenen das auf sich - aus Karrieregründen?
Lück: Nein. Wir haben festgestellt, dass es den meisten Mobilen nicht darum geht, aufzusteigen. Sie pendeln und reisen vielmehr, um nicht abzusteigen. Sie stehen häufig vor der Wahl, sich entweder mit einem Umzug oder der Pendelei zu arrangieren, oder arbeitslos zu werden. Das sieht man auch an der Art der Jobs, für die Mobile die Strapazen auf sich nehmen: Akademiker etwa ziehen häufig für befristete Arbeitsverhältnisse um. In einer neuen Stadt wartet also keine Stelle mit großem Prestige, sondern eine mit einer ungewissen Zukunft. Abgesehen davon hat sich aber auch die Gesellschaft gewandelt: Frauen geben sich heute nicht mehr damit zufrieden, nur Hausfrau zu sein und sind deshalb längst nicht mehr so oft bereit, ihrem Partner hinterher zu ziehen, wenn er aus beruflichen Gründen in eine andere Stadt muss. So wohnen Paare häufig nicht mehr dort, wo beide arbeiten."

SEIBT, Gustav (2008): Heimat existiert.
Das überraschende Resultat einer Umfrage zum Wohnverhalten der Deutschen zeigt: Die Bürger sind auffallend standortfest,
in: Süddeutsche Zeitung v. 19.07.

Was Gustav SEIBT als Überraschung präsentiert, ist nichts als eine Binsenweisheit. Jede wissenschaftliche Studie der letzten Jahrzehnte hat ergeben, dass die Deutschen nicht so mobil sind, wie es die Wirtschaft, die Politik (Moblitätszwang durch die Hartz-Reform) und die Demografen (Nesthocker gründen keine Familien) fordern. Statt umzuziehen, pendeln die Deutschen lieber. Dies als "Gekräusel an der Oberfläche" abzutun, verharmlost die Tatsache, dass dieser Spagat der Vereinbarkeit von Beruf und Partnerschaft/Familie mit erheblichen Kosten verbunden ist

NIENHAUS, Lisa & Bettina WEIGUNY (2008): Das teure Leben der Pendler.
In Köln wohnen - in Frankfurt arbeiten. Den Liebsten in Lausanne - den Job in Berlin. Der Anteil der Menschen, die weite Strecken zur Arbeit fahren oder fliegen, wächst. Nicht nur, weil sie in der Heimat keinen Job finden. Fünf Pendler erzählen,
in: faz.net v. 21.07

GESTERKAMP, Thomas (2008): Fernpendeln gefährdet die Gesundheit.
Immer mehr Deutsche arbeiten so weit weg von ihren Wohnorten, dass sie nur am Wochenende dorthin zurückkehren. Die ständige Mobilität erzeugt Stress, macht krank und belastet die Partnerschaft. Das zeigt eine neue Studie,
in: TAZ v. 19.08

Thomas GESTERKAMP hat einen mehr als einseitigen und undifferenziert argumentierenden Artikel verfasst.
Was er als neue Studie bezeichnet, sind Erkenntnisse und der Lösungsvorschlag Umzug, den man bereits im Jahr 2002 in der Zeitschrift Pyschologie Heute in ähnlicher Weise lesen konnte.
In einem lesenswerten Interview der SZ-Online vom 30. Mai mit dem Soziologen Detlev LÜCK konnte man dagegen eine differenziertere Einschätzung zum Thema lesen

HEINZE, Hendrik (2008): Kinderzimmer kann Studenten teuer kommen.
Ein Urteil verdonnert Studierende vielerorts zur Zweitwohnsteuer, auch wenn ihr Erstwohnsitz bei Mama und Papa ist,
in: TAZ v. 18.09

POSTEL, Tonio (2008): Vertreibung aus dem Paradies.
Semesterstart, Zeit der Notunterkünfte. Lieber wohnen Studenten im Altbau, neben Kneipen und Cafés. Dass solche Wohnungen kaum zu bezahlen sind, ist Folge der "Gentrifizierung". Die Studenten selbst sind die Pioniere dieser Entwicklung,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 18.10.

KIONTKE, Jürgen (2008): Gebiete knacken.
Reihe über Gentrifizierung in der Hauptstadt. Nicht der Zuzug der Studenten ist das Problem, sondern die Aufwertung der Wohnungen. So weit die Theorie. Bericht aus der Nord-Neuköllner Praxis,
in: Jungle World Nr.44 v. 30.10

2009

HARNISCH, Michaela (2009): Meine Eltern - und neuen Nachbarn.
Die Gesellschaft altert, neue Wohnbedürfnisse entstehen. Doch obwohl Senioren mobiler werden, braucht es für den Umzug im Alter noch immer einen guten Grund - die Familie zum Beispiel,
in:
Berliner Zeitung v. 10.01.

STAHNCKE, Holmer (2009): Gelebte Nachbarschaft unter Frauen.
Arche Nora: Wohnraum für weibliche Singles ab 40,
in:
Hamburger Abendblatt v. 10.01.

BECKMANN, Kerstin (2009): Rostock wird zur Stadt der Singles.
Mit 60 800 Single-Haushalten liegt die Hansestadt in MV auf Rang 2 hinter Schwerin. Der Bedarf an kleinen Wohnungen ist enorm,
in:
Ostsee-Zeitung v. 25.03

LAMPART, Christof (2009): Das Haus für den Single.
Die Singles von heute sind selbstbewusst. Das zeigt sich auch an einer noch jungen Wohnidee, welche in der Region ein Wiler Architekt entwickelt hat: dem Single-Haus,
in: Tages-Anzeiger Online v. 18.06

BUTTJER, Mareeke (2009): Im Namen der Liebe.
Unverheiratete Pendler dürfen sich freuen: Der Fiskus zahlt bei einer Zweitwohnung am Arbeitsort künftig mit - zwei Urteile machen es möglich,
in: Financial Times Deutschland
v. 05.08.

OßWALD, Hildegund (2009): Servicewohnen für Singles,
in: Stuttgarter Zeitung v. 10.08.

OPPERMANN, Nicole (2009): Pendlerin zwischen Heimat und Einsamkeit.
Putzjobs:
In Berlin hat Bascha Arbeit. Keine legale, aber immerhin. Und in Sagan wohnt ihre Familie. Bascha pendelt zwischen Einsamkeit und Heimat,
in: Berliner Morgenpost v. 24.08

SCHNEIDER, Carola (2009): Rückzugsort und Wohlstandsphänomen.
Weshalb sich Menschen Zweitwohnsitze zulegen,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 17.10.

2010

GIRGERT, Werner (2010): Die sesshafte Klasse,
in: Frankfurter Rundschau v. 02.01

"Früher ging man immer davon aus, dass die Leute dahin gehen, wo die Jobs sind. Jetzt scheint das Gegenteil zu gelten. Die Jobs gehen dahin, wo die Leute sind. Kein Mensch weiß, ob das stimmt oder nicht, aber es ist eine Erzählung, die allen Beteiligten Vorteile verspricht",

erläutert Tobias RAPP in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift De:Bug.
GIRGERT berichtet nun über eine Wissenschaftlergruppe, die es genauer wissen wollte und die Wohnortwahl der Kreativen untersucht hat. An der großen Erzählung, die Richard FLORIDA populär gemacht hat, scheint zumindest in Europa nicht viel dran zu sein, wie GIRGERT ausführt:

"Europäische Kultur- und Wissensarbeiter hält es in der Mehrzahl an ihrem Geburts- oder Studienort. Bei einem Wechsel des Wohnorts ist ihnen die Aussicht auf einen sicheren und gut bezahlten Arbeitsplatz wichtiger als Toleranz und kulturelle Vielfalt. Bei der Mobilität unterscheiden sich die Kreativen in Europa kaum von anderen Berufsgruppen."

MÜLLNER, Astrid (2010): Zielgruppen: Jeder nach seiner Façon.
Wie wohnen Schwule, was wollen Singles? Warum sich Makler und Bauträger für Lebensstile interessieren, und was sie daraus machen. Oder nicht,
in: Die Presse v. 30.01.

TREIBER, Dietmar (2010): Für viele Singles wird Wohnen zum Luxusgut.
Studie über Baulücken und geringe Einkommen: 2025 droht Rentnern und jungen Erwachsenen der soziale Abstieg,
in: Welt v. 18.03.

CPA (2010): München: Treiben Singles die Mieten in die Höhe?
Ist das wahr? Laut einer neuen Studie sollen Singles die Mieten in München in schwindelerregende Höhen treiben. Die reagieren in Foren mit Wut und Unverständnis,
in: Augsburger Allgemeine Online v. 31.03

HANNEMANN, Christine (2010): Heimischsein, Übernachten und Residieren - wie das Wohnen die Stadt verändert,
in:
Aus Politik und Zeitgeschichte Nr.17 v. 26.04.

Was immer noch nicht selbstverständlich ist: HANNEMANN weist darauf hin, dass die Zahl der Alleinwohnenden üblicherweise überschätzt wird:

"Hinsichtlich dieses Trends sind gerade aus den Medien quantitative Alarmierungen nach dem Motto »Die Gesellschaft vereinsamt – immer mehr Singles in den Großstädten« bekannt. So präsentiert eine aktuelle Studie eines Wirtschaftsberatungsunternehmens die Erkenntnis, dass der Anteil der Einpersonenhaushalte in Deutschland weiter wachse. Laut dieser Studie wohnen 38 Prozent der Deutschen allein. Berlin ist mit einem Anteil von 52 Prozent »Singlehauptstadt«. (...) Allerdings, und darauf verweist zurecht die Webseite www.single-generation.de, die sich mit Akteuren, Positionen und Abgrenzungspolitiken gegenüber der Singles beschäftigt, sind solche Aussagen nur bedingt aussagekräftig: Da das Statistische Bundesamt nicht die Haushaltsstrukturstatistik mit der Bevölkerungsstruktur verknüpft, ergibt sich ein verzerrtes Bild der tatsächlichen Lebensverhältnisse in Deutschland. Aus der Haushaltsstatistik resultiert eine Überschätzung des Alleinwohnens."

WEIGUNY, Bettina (2010): Unser Leben ist unsicher, aber spannend.
Die Kleinfamilie in der Einzimmerwohnung: Annalina und Gerrit Nolte leben auf Abruf: Ständig bereit zum Wechsel, ein Leben in Metropolen, so lieben es die beiden,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 23.05

ROSEN, Björn (2010): Alles für eine.
Es heißt schon so: Einfamilienhaus. Doch manche wollen den Traum davon auch ohne Familie wahrmachen. Ganz ohne Probleme ist das nicht zu haben. Hausbesuche bei drei Singles,
in: Tagesspiegel v. 29.08.

HAIST, Lorraine (2010): Getrennt wohnen, zusammen schlafen.
Sich lieben, aber trotzdem nicht zusammenwohnen - geht das überhaupt? Lorraine Haist über eine Beziehungsform, die in den westlichen Industrienationen zwar für zunehmende Irritationen, dafür aber glückende Beziehungen sorgt: "Living Apart Together",
in: Welt am Sonntag v. 31.10

2011

MUCH, Mauritius (2011): Auf der Durchreise.
Business-WGs sind die Konsequenz von mehr Flexibilität im Arbeitsleben. In Hamburg wohnen 56 Jobnomaden in einer der größten Wohngemeinschaften Deutschlands,
in: Neon,
März

JÜRGENS, Isabell & Wolf-Hendrik MÜLLENBERG (2011): Singles treiben die Mieten in Berlin hoch,
in: Berliner Morgenpost v. 02.03.

Vermieter und ihre Lobbyisten haben ein Interesse an steigenden Mieten. Eine ihrer Lieblingslügen lautet deshalb, dass Haushalte und Wohnungen identisch seien, d.h. jeder Haushalt erhöht angeblich den Bedarf an Wohnungen. Dies ist jedoch falsch. Nicht nur Wohngemeinschaften verfälschen das Bild.

BEHRISCH, Sven (2011): Gentrifizierung, umgekehrt.
Warum Münchner Hartz-IV-Empfänger im Luxusviertel wohnen dürfen,
in: Die ZEIT Nr.10 v. 03.03.

ZAPPE, Carina (2011): Zuhause auf Zeit.
Heute Hamburg, morgen Berlin oder New York: Junge Leute müssen im Berufsleben mobil sein. XXL-Wohngemeinschaften bieten rasch ein neues Dach über dem Kopf - können aber auch Ziemlich stressig sein,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 16.04.

HAAS, Birgit (2011): Die neue Berliner Jugendbewegung.
Immer mehr 18- bis 30-Jährige zieht es an die Spree. Sie machen die Stadt lebendig und kreativ und sichern die Zukunft der Wirtschaft,
in: Berliner Morgenpost v. 07.08.

"Zwischen 2005 und 2010 ist die Zahl der Haushalte in Berlin um fast 100.000 gestiegen, gibt der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen an (BBU). Da im gleichen Zeitraum nur 3100 neue Wohnungen errichtet worden sind, ergibt sich diese Zahl aus Haushaltsverkleinerungen",

erläutert uns HAAS. Der ungeübte Leser mag darüber hinweglesen und wundert sich nicht mal, was er aber sollte! Das krasse Missverhältnis zwischen Haushaltszahl und Wohnungsanzahl würde ja bedeuten, dass auf 1 Wohnung ca. 32 Haushalte kämen. Selbst für Wohngemeinschaften, die ja als Einpersonenhaushalte zählen, wäre das zuviel!

Des Rätsels Lösung: HAAS hat offenbar von ihrer Kollegin Isabell JÜRGENS Textteile falsch übernommen und durch unsinniges Redigieren auch noch den Nachvollzug des Geschriebenen für den Leser der Printausgabe unmöglich gemacht. JÜRGENS schreibt:

"2010 lebten rund 65 000 Menschen mehr in der Stadt als noch 2005. Das entspricht einem Zuwachs von rund 13 000 Menschen pro Jahr. Dass die Zahl der Haushalte wesentlich stärker gestiegen ist, liegt vor allem daran, dass in mehr als der Hälfte der Wohnungen (54,1 Prozent) nur noch eine Person lebt. Im gleichen Zeitraum wurden im Durchschnitt pro Jahr nur rund 3100 neue Wohnungen errichtet, so die Verbandschefin." (Abruf aus dem Internet)

HAAS hat den Satzteil "pro Jahr" weggelassen, weshalb aus 15.500 Wohnungen in 5 Jahren ganze 3.100 wurden. 65.000 Menschen auf 15.500 Wohnungen, das sind immer noch durchschnittlich 4,2 Menschen pro Wohnung, aber viel nachvollziehbarer als 32 Haushalte pro Wohnung.

Was mit Haushaltverkleinerung bei HAAS gemeint ist, aber nicht deutlich wird, wird bei JÜRGENS zumindest im Ansatz klar: In den 100.000 Haushalten leben nur 65.000 Menschen.

EXKURS: Die Aussage von JÜRGENS:

"Dass die Zahl der Haushalte wesentlich stärker gestiegen ist, liegt vor allem daran, dass in mehr als der Hälfte der Wohnungen (54,1 Prozent) nur noch eine Person lebt."

enthält eine Falschaussage. Es ist unzulässig Haushalt und Wohnung gleich zu setzen, weil es mehr Haushalte als Wohnungen gibt. Die Haushaltsstatistik gibt lediglich über Haushalte Auskunft, während man die Anzahl von Wohnungen der Wohnungsstatistik entnehmen muss. Wie viele Einpersonenhaushalte in wie vielen Wohnungen existieren ist schlichtweg unbekannt.

Das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg weist 1.988.500 Haushalte für Berlin im Jahr 2010 aus, aber nur ca. 1.898.800 Wohnungen (hier als PDF-downloadbar) aus. Das ist immerhin eine Differenz von 89.700.

Zumindest amtlich korrekt (also unter Ausblendung der erhebungs- und definitionstechnischen Probleme) muss es also heißen:

"Dass die Zahl der Haushalte wesentlich stärker gestiegen ist, liegt vor allem daran, dass in mehr als der Hälfte der HAUSHALTE nur noch eine Person lebt."

Um als Leser beurteilen zu können, ob in Berlin die Wohnungsknappheit von 2005 bis 2010 größer geworden ist, fehlen im Artikel von HAAS Vergleichsangaben. Der Leser muss sich also darauf verlassen, dass die Journalisten den nötigen Sachstand zur Beurteilung haben bzw. den zitierten Experten Vertrauen. Die zitierten Sätze lassen jedoch am nötigen Verständnis der Journalistin zweifeln.

RIEDEL, Sonja & Alexander SCHULLER (2011): Barmbek-Nord: Willkommen im Single-Paradies.
In mehr als 71 Prozent der Haushalte in Barmbek-Nord leben die Menschen allein,
in: Hamburger Abendblatt v. 09.08.

"Die Wohnungsnachfrage wird (...) nicht vorrangig durch die Zahl der Einwohner bestimmt, sondern von der Zahl der Haushalte. Und in den vergangenen 20 Jahren hat sich nach Einschätzung des Bundesverbands deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW) eben diese Zahl der Haushalte im Vergleich zur Bevölkerungszahl nahezu vervierfacht. Mit anderen Worten: Hamburg versingelt.

(...).

Schon fast 30 Prozent aller Hamburger und Hamburgerinnen leben inzwischen allein, was 53 Prozent der Haushalte entspricht. Und Barmbek-Nord nimmt dabei mit mehr als 71 Prozent Einpersonenhaushalten eine Spitzenstellung unter den Stadtteilen ein."

berichten RIEDEL & SCHULLER. Einpersonenhaushalte gelten auf dem Wohnungsmarkt als Problemgeneratoren. Immer wieder wird jedoch ein falscher Zusammenhang zwischen Wohnung und Haushalt hergestellt. Im Gegensatz zu Berlin lässt sich anhand einer Veröffentlichung des Statistischen Amtes für Hamburg und Schleswig Holstein zeigen, dass der Zusammenhang komplexer ist.

So sind ausgerechnet Hamburger Stadtteile mit hohem Anteil an Einpersonenhaushalten jene, in denen die Relation Wohnung und Haushalt (meistens) höher ist als in jenen mit geringerem Anteil an Einpersonenhaushalten.

TABELLE: Zusammenhang Anteil Einpersonenhaushalte und Relation Haushalte je Wohnung in ausgewählten Hamburger Stadtteilen
Stadtteil Anteil Einper-sonenhaushalte (2009) Haushalte je Wohnung (2009)
Hammerbrook 69,7 % 1,34
St. Georg 67,2 % 1,33
St. Pauli 65,8 % 1,27
Blankenese 45,2 % 0,95
Othmarschen 44,7 % 0,96
Quelle: Adriane Hartmann - Haushalte in Hamburg  (November 2010; hier als PDF-Datei  downloadbar) Tabelle 3, S.5 und Tabelle 6, S.8f.

Das heißt nichts anderes: Einpersonenhaushalte teilen sich öfters Wohnungen als andere Haushaltstypen. Dies gilt vor allem für jüngere Alleinlebende in Wohngemeinschaften. Die Gründe können jedoch von Stadtteil zu Stadtteil unterschiedlich sein. Auch Falschzuordnungen spielen eine Rolle. Eines ist jedoch klar: Versingelung ist ein Etikett für fehlende Analyse.

Die Erfassung der Haushalte - hier per Melderegister im Gegensatz zum Mikrozensus - ist mit Problemen behaftet, denn die Werte 0,95 bzw. 0,96 sind unrealistisch.  Haushalte, die sich über mehrere Wohnungen erstrecken, gibt es nicht.

KAUNE, Juliane (2011): Hannover ist die Hauptstadt der Singles.
In jeder zweiten Wohnung im Stadtgebiet lebt nur eine Person – damit führt Hannover im Großstadtvergleich die Statistik der Ein-Personen-Haushalte an. Doch das heißt keineswegs, dass die Hannoveraner einsam wären. Viele wohnen allein, weil sie sich bewusst dafür entschieden haben. Drei Hausbesuche,
in: Welt v. 13.08.

Was für Hamburg, Berlin oder Köln gilt, das gilt auch für Hannover: die falsche Gleichsetzung von Haushalt und Wohnung.

Quelle: Lagebericht zur Stadtentwicklung 2010. Schriften zur Stadtentwicklung 109, Hannover, Juli 2011, S.23 (PDF-Datei hier downloadbar) B = Berlin; H = Hannover; L = Leipzig; F = Frankfurt; M = München; K = Köln; HH = Hamburg; DD = Dresden; HB = Bremen; D = Düsseldorf; S = Stuttgart; N = Nürnberg; E = Essen; DO = Dortmund; DU = Duisburg

In der Broschüre wird darauf hingewiesen, dass bei Einpersonenhaushalte nicht in jeder Wohnung nur eine Person gemeldet sein muss, wie das im Bericht von KAUNE fälschlicherweise behauptet wird:

"Außerdem lebt nicht in jedem Einpersonenhaushalt nur eine Person im Sinne eines Singlehaushalts. In einer Wohngemeinschaft z. B., in der jedes Mitglied allein wirtschaftet, wird jeder Bewohner als Einpersonenhaushalt gezählt." (2011, S.22) 

KAUNE porträtiert 3 alleinwohnende Partnerlose (2 Frauen (Studentin, Rentnerin) und einen Mann, der Geschäftsführer ist). Das Spektrum des Alleinlebens, das sich hinter dem statistischen Begriff "Einpersonenhaushalt" verbirgt, bleibt auch im Bericht unterbelichtet, wenngleich zumindest auf Fernbeziehungen oder Paare ohne gemeinsamen Haushalt hingewiesen wird.

ANDRE, Thomas (2011): Der lange Fluch über die Entfernung der Liebe.
Fernbeziehungen: Sie lebt in Hamburg, er in Berlin. Oder er wohnt in Deutschland, die Familie in den USA. Fernbeziehungen schaffen Weltfamilien, sagen Soziologen,
in: Hamburger Abendblatt v. 10.09.

STAUDINGER, Melanie (2011): Rein ins pralle Leben.
Single-Hochburg München: In München wohnen immer mehr Singles. Viele davon leisten sich teure Zwei-Zimmer-Wohnungen im Zentrum. Das treibt die Mietpreise weiter nach oben,
in: Süddeutsche Zeitung v. 07.12.

"Der Anteil der Singles in München hat kontinuierlich zugenommen. Lag die Zahl der Ein-Personen-Haushalte im Jahr 1961 noch bei 34,3 Prozent, so schwankt sie heute zwischen 50 und 54 Prozent. Daraus lässt sich natürlich nicht die wirkliche Zahl der Singles ablesen. Enthalten sind etwa Menschen, die eine Beziehung haben, dennoch aber alleine wohnen, Alleinstehende, die in Wohngemeinschaften leben, hingegen nicht",

behauptet STAUDINGER. Bei Paaren ohne gemeinsamen Haushalt hat STAUDINGER Recht, nicht jedoch bei Wohngemeinschaften, die ebenfalls die Single-Haushaltszahlen erhöhen, denn die wenigsten WG begreifen sich als Wirtschaftsgemeinschaft.

Auch der Klassiker aller Single-Lügen wird von STAUDINGER verbreitet:

"Laut Regionalem Planungsverband hat jeder Münchner im Schnitt 39 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung, mehr als die Hälfte der Menschen hier leben in Ein-Personen-Haushalten."

Auch wenn die Hälfte der Haushalte Single-Haushalte sind, heißt das nicht, dass mehr als die Hälfte der Menschen im Single-Haushalt lebt.

"Der klassische Single hat ausreichend Geld zur Verfügung und verbraucht überproportional viel Wohnraum",

wird ein Makler zitiert. Der klassische Single, wer soll das sein? Historisch gesehen ist der Single-Klassiker ein männlicher Junggeselle bzw. eine Witwe. Und nicht der Yuppie, der hier wieder einmal den Familien gegenübergestellt wird. Tatsächlich sind es jedoch die Family-Gentrifier (Doppel-Karriere-Familien), die in München die Preise hochtreiben.

Überproportional hohen Wohnraum verbrauchen Witwer/n, die sich weiterhin die eheliche Familienwohnung leisten können. Politisch korrekt liest sich das folgendermaßen:

"Aber auch bei Hagen melden sich Singles. Seniorinnen zum Beispiel, die wegen ihrer Kinder früher längere Zeit nicht gearbeitet und damit nur wenig in die Rentenkasse einbezahlt haben. Nach dem Tod ihrer Männer hätten diese Frauen nur sehr geringe Einnahmen, sagt Hagen. »Solche Fälle haben wir immer wieder, dass Seniorinnen sich die eheliche Wohnung nicht mehr leisten können.«"

Mehr Merkwürdigkeiten aus der Welt der Single-Haushalte gibt es hier, hier und hier.

 
     
 
       
   

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Update: 08. März 2017