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Erwin K. Scheuch: Gründe für den Geburtenrückgang jenseits des individuellen Zeugungsverhaltens

 
       
   
  • Kurzbiographie

 
       
     
       
   

Erwin K. Scheuch in seiner eigenen Schreibe

 
       
   

SCHEUCH, Erwin K. (1978): Kein "Pillenknick". Der Geburtenrückgang ist Ausdruck eines veränderten Zeugungsverhaltens. In: Warnfried Dettling (Hg.) Schrumpfende Bevölkerung. Wachsende Probleme? Ursachen - Folgen - Strategien, München-Wien: Günter Olzog Verlag, S.43-62

SCHEUCH, Erwin K. (2000): Meistens kommt es anders.
Über die Haltbarkeit von Voraussagen,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 21.10.

 
       
   

Nachrufe zum Tod von Erwin K. Scheuch

 
       
   

BESIER, Gerhard (2003): Ein Informant für den mündigen Bürger.
Zum Tod von Erwin K. Scheuch (1928 - 2003),
in: Welt v. 14.10.

BEUCKER, Pascal (2003): Gegen den Klüngel.
Erwin K. Scheuch ist tot. Der Korruptionsforscher hat auch seine Parteifreunde von der CDU nicht geschont,
in: TAZ v. 15.10.

KAUBE, Jürgen (2004): Heimatgefühle im Soziotop.
Seine Geburtsstadt Köln gab das ideale Forschungsfeld für Studien zur Korruption ab: Zum Tod von Erwin K. Scheuch,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 15.10.

LEPENIES, Wolf (2003): Entrüstung und Empirie.
Zum Tod des Kölner Soziologen Erwin K. Scheuch,
in: Süddeutsche Zeitung v. 15.10.

Wolf LEPENIES hebt u .a. die soziologischen Schulenbildung hervor: "In Köln war 1919 durch den Oberbürgermeister Konrad Adenauer das erste deutsche Forschungsinstitut für Sozialwissenschaften gegründet worden. Ihm gab nach dem Zweiten Weltkrieg der Emigrant René König entscheidende Impulse. Mit König war Erwin K. Scheuch, der wohl oder übel die Rolle des Kronprinzen spielen musste, maßgeblich an der Entwicklung der »Kölner Schule« beteiligt. Zur »Frankfurter Schule« bestand nicht nur eine Regionalkonkurrenz: König und Scheuch, die sich in ihrer Lust an Polemik nicht nachstanden, erzogen ihre Schüler bewusst zu nüchterner Empirie. Auf der soziologischen Landkarte blieb Frankfurt für sie eine Hochburg der Spekulation."

LEPSIUS, M. Rainer (2003): Ein unermüdlicher Soziologe und Journalist.
Zum Tode von Erwin K. Scheuch,
in: Tagesspiegel v. 15.10.

Der ermeritierte Heidelberger Soziologe M. Rainer LEPSIUS hebt die Bedeutung von SCHEUCH für die empirische Sozialforschung in Deutschland hervor: "Für die Soziologie war er der wichtigste Promotor der Methoden der empirischen Sozialforschung. Er gehörte auch zu den Gründern der Infrastruktureinrichtungen der empirischen Sozialforschung, des Zentralarchivs für Umfragedaten in Köln, des Zentrums für Umfragen, Methoden und Analysen in Mannheim und des Informationszentrums für Sozialwissenschaften in Bonn. Diese Einrichtungen haben das methodische Niveau der Sozialforschung nachhaltig gehoben und Erwin K. Scheuch einen Ehrenplatz gesichert als unermüdlichen Motor der Soziologie."

SCHLAK, Stephan (2003): Je älter, desto zorniger.
Zum Tod des Soziologen Erwin K. Scheuch, des Kämpfers gegen den Klüngel,
in: Berliner Zeitung v. 15.10.

SCHLAK beschreibt SCHEUCH als einen Angehörigen der Flakhelfer-Generation, der sich im Alter des Gestus der ehemaligen Gegenspieler bedient hat:

"Scheuch, 1928 geboren, zählt zu jener Bonner Gründergeneration, die sein konservativer Kollege Helmuth Schelsky als »skeptische Generation«  beschrieben hat. Scheuchs erste Aufstiegsschritte vom Flakhelfer über den Schwarzhändler verbinden ihn mit seinen Generationsgenossen Enzensberger und Kohl. Die Skeptiker waren gebrannte Kinder des Krieges; von allen hochtrabenden Visionen ernüchtert, leisteten sie in den Nachkriegsjahren Flankenschutz für den pragmatischen Wiederaufbau der Nation. Da konnte der Streit mit der nachwachsenden Studentengeneration nicht ausbleiben, die radikal noch einmal alles ganz anders machen wollte.
Es ist eine seltsame bundesrepublikanische Pointe, dass Scheuch zuletzt die aggressive Pose des zivilen Ungehorsams besetzte, die er bei den 68ern immer vehement politisch bekämpfte. Erinnern einen nicht die vielen
Bürgerkonvente und politischen Protest- und Sektierergrüppchen abseits des etablierten Parteienspektrums, denen Scheuch zuletzt seine Stimme schenkte, an die diversen K-Grüppchen und den Mickey-Maus-Stalinismus der Siebziger?
Wie Arnulf Baring bunkerte sich auch Erwin K. Scheuch zuletzt immer mehr in der Polemik gegen die korrupte Republik ein.
"

WALTHER, Rudolf (2003): Beinharte Empirie.
Zum Tode des Kölner Soziologen Erwin K. Scheuch,
in: Frankfurter Rundschau v. 15.10.

WENZEL, Uwe Justus (2003): Soziologisch-politisches Profil.
Zum Tod von Erwin K. Scheuch,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 15.10.

 
       
       
   

Kein "Pillenknick" (1978)

 
   
     
 

Zitate:

 Ursachen des Geburtenrückgangs jenseits des individuellen Zeugungsverhaltens:

1) Die Nichtgeborenen - Der Einfluss der Altersstruktur auf die Geburtenrate

"Als Folge zweier Weltkriege und der Weltwirtschaftskrise war in Deutschland der Altersaufbau der Bevölkerung im 20. Jahrhundert schon immer gestört. So wurden auch nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst wenig Kinder geboren - vor allem weil den Frauen im Alter der höchsten Geburtenzahlen der Partner fehlte. Diese Nichtgeborenen fallen dann 20 bis 25 Jahre später als mögliche Eltern aus. Damit müssen die Geburtenzahlen dann auch schwanken, wenn sich das Zeugungsverhalten nicht ändert. Diese Einflüsse auf die Geburtenraten werden durch Ziffern, welche die Zahl der Lebendgeborenen in Bezug setzt zur Gesamtbevölkerung eines Landes, nicht deutlich." (S.45)

2) Die Störung der Geschlechtsproportion - Männerüberschuss contra Frauenüberschuss

"Faktor: Die Geschlechtsproportion der zeugungsaktiven Jahrgänge. Selbstverständlich muß sich eine Störung der Geschlechtsproportion auch bei unverändertem individuellen Zeugungsverhalten als Verringerung der Geburtenhäufigkeiten ausdrücken.
Tatsächlich gibt es in den Jahrgängen, in denen ein besonders hoher Anteil aller Kinder gezeugt wird, einen Männerüberschuss." (S.50)

Zusammenfassung der Einflüsse

Einflüsse auf die sinkenden Geburtenziffern, die nicht Ausdruck einer Veränderung des individuellen Zeugungsverhalten sind:
Jahrgangseffekt (...)
Rückgang des bäuerlichen Milieus (...)
Rückgang des dörflichen Milieus (...)
Neues Hilfsmittel "Pille" (...)
Sterilität eines Ehegatten (...)
Störung der Geschlechtsproportion" (S.50) 

 
     
 
       
   

Beitrag von single-generation.de zum Thema

Geburtenkrise - Die politische Konstruktion eines Themas
 
       
       
   

Die Wiedertäufer der Wohlstandsgesellschaft (1968).
Eine kritische Untersuchung der "Neuen Linken" und ihrer Dogmen"
(herausgegeben von Erwin K. Scheuch)

Köln: Markus Verlag

 
   
     
 

Zitate:

 Selbstverständnis der Autoren

"Alle Autoren verstehen Gesellschaft und die Aufgabe von Politik darin als fortwährende Veränderung. Insofern solche allgemeinen Einstellungen auch in die wissenschaftliche Argumentation Eingang finden, ist dieser Band eine Antwort von reformerisch - meist als »links« im Sinne der Sozialdemokratie - zu bezeichnenden Autoren auf die »Neue Linke« " (Scheuch, S.10)

Generationenkonflikt: Flakhelfer-Generation vs. 68er-Generation

"Der Herausgeber (...) wollte in erster Linie Wissenschaftler derjenigen Generation zu Wort kommen lassen, die jetzt dabei ist, in den Führungspositionen diejenige Generation abzulösen, welche in den verschiedenen Industriegesellschaften mehr oder weniger gut die Aufgabe bewältigte, aus dem Chaos der unmittelbaren Nachkriegszeit wieder eine bewohnbare Welt zu machen. (...).
Autoren der Jahrgänge 25 bis 32 waren Zuschauer der Entscheidungen der Nachkriegszeit und Mitarbeiter in ihrer Ausführung - meist in kritischer Distanz. Und dennoch lassen auch diese Beiträge spüren (...): die Hauptlinien des Konflikts verlaufen nicht zwischen Vätern und Söhnen, sondern zwischen dieser mittleren Generation und denjenigen, die in einer Welt aufwuchsen, die materiell erträglich und in der die Unmenschlichkeit des Krieges nicht eigene Lebenserfahrung, sondern Überlieferung war. Selbst am Ton der Beiträge läßt sich meist die Generation der Verfasser ablesen: herrscht bei denjenigen, die Politik und gesellschaftliche Gegensätze noch als Weltanschauung erfuhren, eine gewisse Sympathie für die vertrauten Arten des Infragestellens von überlieferter Ordnung vor, so neigt die Zwischengeneration eher zur Ungeduld - bis hin zu Verachtung - dieses Weltanschauungsprotestes der »Neuen Linken«.
(...).
Weltanschauung als Gegenstand und Gesinnung als ein Ausweis für Überlegenheit der Sprecher: für viele Angehörige der Zwischengeneration ist dies Grund zum Entsetzen. (...). Der Gesinnungskriminelle der Politik ist der typische Brandstifter und Mörder großen Stils in diesem Jahrhundert." (Scheuch, S. 10f.)

Gründe für die Wahl des Titels

"Mit dem Titel »Die Wiedertäufer der Wohlstandsgesellschaft« sollte die böse historische Kontinuität der Vergewaltigung des Mitmenschen aus Gesinnung angesprochen werden. Auch die Bewegung der Täufer war zunächst nicht und blieb nicht vornehmlich eine Bewegung der Armen und Unwissenden, sondern von Menschen, die wir heute als Angehörige von Mittelschichten und höheren Schichten bezeichnen würden. Die Bewegung der Täufer war chiliastisch und vermutete, nun sei die Zeit zur Verwirklichung der Endzeit durch einen »neuen Menschen« gekommen. " (Scheuch, S.11)

 
     
 
       
   

Die Beiträge des Bandes

SCHEUCH, Erwin K. - Zur Einleitung

LOHMAR, Ulrich - Die »Neue Linke« und die Institutionen der Demokratie

LUDZ, Peter Christian - Zur politischen Ideologie der »Neuen Linken«

WATRIN, Christian - Spätkapitalismus?

BOETTCHER, Erik - Von der Industriegesellschaft zum Neokolonialismus?

KOGON, Eugen - Klassen und Revolution im Denken der »Neuen Linken«

SCHEUCH, Erwin K. - Das Gesellschaftsbild der »Neuen Linken«

HÄTTICH, Manfred - Demokratie und Demokratismus - zum Demokratieverständnis der »Neuen Linken«

HENNIS, Wilhelm - Die hochschulpolitischen Forderungen der »Neuen Linken«

HOEFNAGELS SJ, Harry - Gesellschaftskritik und Engagement für den Menschen als rationales Unternehmen

LEPSIUS, M. Rainer - Zu Mißverständnissen der Soziologie durch die »Neue Linken«

REBLIN, Klaus - Der Voluntarismus der »Neuen Linken« - eine Analyse ihres Geschichtsverständnisses

RITTER, Gerhard A. - »Direkte Demokratie« und Rätewesen in Geschichte und Theorie

BRZEZINSKI, Zbibniew - Revolution oder Konterrevolution - zum historischen Standort des Revolutionismus der »Neuen Linken«

 
       
   

Die rohe Geburtenziffer in der Debatte

SCHEUCH, Erwin K. (1978): Kein "Pillenknick". Der Geburtenrückgang ist Ausdruck eines veränderten Zeugungsverhaltens. In: Warnfried Dettling (Hg.) Schrumpfende Bevölkerung. Wachsende Probleme? Ursachen - Folgen - Strategien, München-Wien: Günter Olzog Verlag, S.43-62

STERN-Titelgeschichte: Land ohne Kinder.
Die familienfeindliche Gesellschaft: Wie Deutschland seine Zukunft verspielt

ROSENKRANZ, Stefanie & Anne SCHÖNHARTING (2005): Land ohne Kinder.
Deutschland hat die niedrigste Geburtenrate in der Europäischen Union. Die Republik vergreist - Resultat völlig verfehlter Familienpolitik. Wir investieren viel Geld in Familien, aber mit weit weniger Erfolg als die Franzosen. Und die letzten mutigen Mütter bezahlen einen schmerzhaft hohen Preis,
in: Stern Nr.27 v. 30.06.

Die Stern-Autoren konstruieren die Geburtenkrise durch unseriöse Berichterstattung. Nicht die Geburtenrate (TFR oder CFR) wird als Maß für internationale Vergleiche verwendet, sondern die rohe Geburtenziffer.

HOFFMANN, Christiane (2006): Wir Seelchen.
Eingeholt vom wahren Leben. Warum Kinder sein müssen,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 13.04.

Herwig BIRG hat ein Buch herausgebracht: Die ausgefallene Generation. Nachweislich sind die Zahlen, die BIRG zum Jahrgang 1965 liefert, mindestens 5 Jahre alt. Warum werden uns also neuere Zahlen vorenthalten? BIRG hat eine Geburtenrate von 1,5 für den Jahrgang 1965 berechnet. Diese Zahl ist überholt. Warum wird also keine Debatte über den "Babyboom" der jüngeren Generationen geführt?

Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat vor kurzem das Buch Die demographische Lage der Nation veröffentlicht. Dieses Buch will uns weismachen, etwas über die Zukunftsfähigkeit Deutschlands aussagen zu können. Wie ist das möglich, wenn darin die Geburtenraten der jüngeren Jahrgänge schlichtweg ignoriert werden? Man verwendet gerne die zusammengesetzte Geburtenziffer oder rohe Geburtenziffern. Schön und gut, aber das ist keine ausreichende Analyse! Die Herangehensweise des Berlin-Instituts ist geprägt von einer Diktatur der Bestandserhaltung. Wenn man also wissen will, wie es aussieht, wenn jede Frau dazu verpflichtet wird den selben Anteil zur Bestandserhaltung zu leisten, dann ist dieses Buch nützlich. Die Sprache ist technokratisch: Arme, Alte, Arbeitslose - alles unnötiger Ballast. Die junge Familie ist die einzige relevante Größe. Eltern, die alt sind, belasten dagegen den Index der Zukunftsfähigkeit. So einfach kann man sich das machen!

MOHR, Mirjam (2006): Die Mär von den aussterbenden Deutschen.
Die Demografie liefert scheinbar immer neue Hiobsbotschaften: Die Geburtenrate sinkt, die Gesellschaft vergreist, die Deutschen sterben aus. Doch Experten warnen vor übereilten Schlüssen: Oft werde mit gewagten Interpretationen lückenhafter Daten Panikmache betrieben,
in: Spiegel Online v. 23.08.

"Verwechslung der zusammengefassten und der rohen Geburtenziffer: Die rohe Geburtenziffer gibt die Zahl der Geburten je 1000 Einwohner an. Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hatte im März mit der Mitteilung Entsetzen ausgelöst, Deutschland liege in dieser Hinsicht seit mehr als 30 Jahren auf dem letzten Platz weltweit. In der Berichterstattung wurde dies mit der zusammengefassten Geburtenziffer verwechselt, bei der aber laut Eurostat 2003 und 2004 allein zehn EU-Länder hinter Deutschland lagen," kritisiert Mirjam MOHR.

BRAUER, Markus & Jan SELLNER (2009): Die Deutschen bekommen EU-weit die wenigsten Babys.
Nur 8,2 Geburten auf 1000 Einwohner - Die Familienpolitik muss modernisiert werden, fordert Ministerin Ursula von der Leyen.
in: Stuttgarter Nachrichten
v. 04.08.

Die meisten Zeitungen haben heute eine Agenturmeldung übernommen, die sich auf die Geburten pro Einwohner eines Landes beziehen. In Fachkreisen ist seit langem bekannt, dass diese rohe Geburtenziffer für einen internationalen Vergleich untauglich ist. BRAUER & SELLNER liefern zwei Einwände gegen diese Berechnungsart mit:

"Das Statistische Landesamt in Stuttgart wies aber darauf hin, dass diese Berechnungsart nur ein grobes Ergebnis liefert."

Dieser Punkt wurde unter dem Thema Die politische Konstruktion der Geburtenkrise ausführlich dargestellt.

"Ein Sprecher von Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) erklärte, allen Unkenrufen zum Trotz habe es 2008 keinen gravierenden Geburtenrückgang gegeben. Im selben Zeitraum sei die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter um 176 000 gesunken. "Deshalb ist es ein großer Erfolg, wenn die Geburtenzahlen annähernd stabil bleiben - das ist gelungen."

Der zweite Einwand ist auch nicht von der Hand zu weisen, wenngleich er aus dem Familienministerium kommt. Single-generation.de hat des Öfteren darauf hingewiesen, dass die Abnahme potenzieller Mütter ein Faktor ist, der in der Debatte um Geburtenzahlen mitberücksichtigt werden muss.

Stimmt es, dass Deutschland heute bereits weniger Einwohner hat als die jährliche Fortschreibung der Bevölkerung im Mikrozensus aus dem Jahr 1987 ausweist, dann stände mit der nächsten Volkszählung Deutschland bei der rohen Geburtenziffer möglicherweise viel besser da. Bereits 2006 behauptete z.B. Reiner KLINGHOLZ, dass es in Deutschland 1,5 Millionen weniger Menschen geben könnte als auf dem Papier stehen. Gerade die rohe Geburtenziffer ist besonders anfällig für solche Fehler der Bevölkerungsfortschreibung.

NIENHAUS, Lisa (2011): Nein.
Geld fördert Frauenkarrieren,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 22.05.

Klar ist aber auch: die Zensusergebnisse werden auch zu einer Revidierung der Geburtenrate führen, denn diese Zahl ist abhängig von der Bevölkerung. Wird festgestellt, dass es in Deutschland bereits heute 1 Million weniger Bürger gibt, dann bedeutet dies, dass sich die Geburtenrate erhöht, wenn davon Frauen im gebärfähigen Alter betroffen sind, aber auch die rohe Geburtenziffer, die gerne von Nachrichtenmagazinen im Ländervergleich benutzt werden, ändert sich. Die Auswirkungen werden sich voraussichtlich nur hinter dem Komma bemerkbar machen, aber selbst in diesem Bereich wird ja in Deutschland heftig gestritten.

DESTATIS (2011): Durchschnittliche Kinderzahl je Frau steigt 2010 auf 1,39,
in: Pressemeldung Statistischen Bundesamt Wiesbaden v. 18.08.

Hysterie herrscht in Deutschland immer dann, wenn neue Meldungen zu den Geburten vorliegen. Erst vor 2 Wochen hat das Statistische Bundesamt eine Pressekonferenz veranstaltet, um wenig aussagekräftige Zahlen vorzulegen. Jetzt also die zusammengefasste Geburtenziffer, deren Aussagekraft im Grunde nur im Zusammenhang mit dem durchschnittlichen Gebäralter betrachtet werden darf, denn steigende bzw. fallende Gebäralter verzerren das Gesamtbild.

Die Welt Online behauptet fälschlicherweise, dass Deutschland Schlusslicht bei den Geburtenzahlen sei. Die taz sieht das genauso. Jedoch wird nicht die Geburtenrate 2010 verglichen, sondern die rohen Geburtenziffern des Jahres 2009. In diese Ziffern fließen jedoch auch die Frauen ein, die gar nicht gebärfähig sind. Axel WERMELSKIRCHEN schreibt dagegen auf faz.net: "In Europa liegt Deutschland (...) auf den hinteren Rängen."

BOS/RIC (2015): Überraschende Statistik: Plötzlich haben wir die niedrigste Geburtenrate der Welt.
Laut einer Studie des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts hat Deutschland die niedrigste Geburtenrate der Welt - noch hinter Japan. Die Wissenschaftler verwendeten eine ungewöhnliche Maßzahl, die aber durchaus sinnvoll ist,
in: Spiegel Online v. 01.06.

SCHARNIGG, Max (2015): Keine Kinderüberraschung.
Neue Studien sehen Deutschlands Geburtenrate auf dem letzten Platz - weltweit,
in: Süddeutsche Zeitung v. 01.06.

BILD AM SONNTAG-Titelgeschichte: Warum wollen deutsche Frauen keine Babys?
Zu verunsichert? Zu feige? Oder sind die Männer schuld?

Angeblich hat Deutschland die niedrigste Geburtenrate der Welt. Angegeben werden jedoch keine Zahlen zur Geburtenrate, sondern ein Vergleich roher Geburtenziffern, bei denen auch z.B. 65jährige Großmütter mitgezählt werden. Zwar wurde vor kurzem eine 65Jährige Deutsche Mutter von Vierlingen - was jedoch auf breite Ablehnung stieß. Wenn man also schon Geburtenzahlen vergleicht, bei denen auch 100 jährige Frauen mitgezählt werden, dann sollte man endlich auch dafür plädieren, dass 100 jährige Frauen noch Kinder in die Welt setzen sollen. Alles andere wäre scheinheilig!

DESTATIS (2015): Mehr Geburten und weniger Sterbefälle im Jahr 2014,
in: Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes v. 21.08.

Noch vor einer Woche hieß es auf Spiegel Online:

"Deutschland steht weltweit auf dem letzten Platz, wenn es um die Zahl der Geburten pro 1000 Einwohner geht. Ein Grund: Der Anteil der Frauen ohne Kind ist im Laufe der vergangen Jahrzehnte kontinuierlich angestiegen, 2012 blieb jede fünfte Frau zwischen 40 und 44 Jahren kinderlos."

Den angeblich letzten Platz bastelte sich das - nicht gerade hippe - Hamburger Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) zurecht, um endlich wieder einmal die Medien auf sich aufmerksam zu machen. Die Presse griff das im Juni auch gierig auf.

Die Presse verspielt ihre Glaubwürdigkeit, weil sie lediglich auf Klickzahlen starrt und Analysen vermissen lässt. Stephan RUSS-MOHL sieht die Journalisten gar in einer Blase leben:

"viele Journalisten, Chefredakteure und Medienmanager inklusive, folgen ziemlich blindlings ihrem irrationalem Herdentrieb und sind längst »Victims of Groupthink«, Gefangene ihrer Ingroup, geworden".

THIELE, Magdalena/KNA/DPA (2015): Kinderlein kommen.
Geburtenrate erreicht Höchststand seit 1990 - ein Babyboom ist das allerdings noch lange nicht,
in: Tagesspiegel
v. 17.12.

Dem Tagesspiegel ist wie der FAZ die Meldung des Statistischen Bundesamts zu positiv, weshalb der hirnrissige "PR-Gag" des HWWI nochmals aufgewärmt wird: man hat die rohen Geburtenziffern der Jahre 2009-2013 zusammenaddiert und den Durchschnitt dieser Jahre gebildet. Die Zahlen spielen also gar nicht die Geburtensituation im Jahr 2014 wieder - ganz davon zu schweigen, dass diese Art des Vergleichs mehr über die Vergangenheit als über die Zukunft aussagt.

Dass in Deutschland derzeit vergleichsweise "wenige Frauen im gebärfähigen Alter" sind, ist ebenfalls ein Märchen, denn der Frauenjahrgang 1990 war einer der zahlenmäßig größten seit dem Babyboom der 1960er Jahre. Man muss schon bis zum Jahr 1971 zurückgehen, um einen größeren Frauenjahrgang zu finden (siehe mehr dazu hier).

DPA (2015): Deutschland ist nicht mehr Letzter.
Im internationalen Vergleich der Geburtenraten belegt Deutschland nicht mehr den letzten Platz. Doch Experten warnen: Um den Alterungsprozess zu stoppen, müssten die Geburtenzahlen deutlich höher liegen,
in:
faz.net v. 11.06.

Letzter Platz? Nur durch Rechentricks hatte das HWWI im Jahr 2015 die rohe Geburtenziffer und nicht die Geburtenrate so hingetrickst, dass die perverse Ökonomie der Aufmerksamkeit größtmöglichst bedient werden konnte. Ein Jahr später wird mit den gleichen Rechentricks wiederum die Aufmerksamkeit auf einen Indikator gelenkt, der wenig über Deutschlands Zukunft, aber viel über die Vergangenheit aussagt: Der Soziologe Erwin K. SCHEUCH wies schon im Jahr 1978 darauf hin, dass der Altersaufbau in Deutschland aufgrund von zwei Weltkriegen immer schon gestört war, was sich nun auch auf das 21. Jahrhundert auswirkt.

Warum hat das HWWI solche Rechentricks nötig? Neben Münchener Ifo-Institut, Berliner DIW und Kölner IW droht das HWWI der mediale Untergang in der Aufmerksamkeitsökonomie. Angebliche Sensationen im Bereich Geburtenentwicklung werden im hysterischen Deutschland immer begierig aufgegriffen, das weiß selbst das unhippe HWWI.     

Neu:
BIB (2016): Glossar - Rohe Geburtenziffer,
in: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (abgerufen am 20.06.)

"Zur Berechnung der rohen Geburtenziffer wird die Anzahl der Lebendgeborenen eines Jahres auf die mittlere Bevölkerung des jeweiligen Jahres bezogen, diese Ziffer wird in der Regel je 1.000 Einwohner ausgewiesen. Damit hängt die rohe Geburtenziffer nicht nur vom Umfang der Geburten ab, sondern auch von der Größe und der Altersstruktur der Bevölkerung.

Die rohe Geburtenziffer ergibt sich aus der Zahl der Geburten dividiert durch die Zahl der Einwohner (Jahresdurchschnitt) multipliziert mit 1.000.

Die rohe Geburtenziffer erreichte in Deutschland im Jahr 2014 einen Wert von 8,8 Lebendgeborenen je 1.000 Einwohner und weist damit seit 2005 nur geringe Schwankungen nach oben und unten auf, in den letzten Jahren allerdings mit leicht steigender Tendenz. Im Vergleich dazu wurden im Jahr 1990 noch 11,4 Kinder je 1.000 Einwohner geboren", heißt es beim Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung zur Entwicklung der rohen Geburtenziffer in Deutschland

 
       
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 26. August 2003
Update: 09. März 2017