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Christoph Conrad: Vom Greis zum Rentner

 
       
     
       
   

Christoph Conrad in seiner eigenen Schreibe

 
   
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Christoph Conrad im Gespräch

 
   
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Vom Greis zum Rentner (1994).
Der Strukturwandel des Alters in Deutschland zwischen 1830 und 1930

Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht (z.Z. vergriffen)

 
   
 
 

Klappentext

"Alter und Altersversorgung, das Leben im Alter sind zentrale Probleme der modernen Gesellschaft. Mit dem Ruhestand als Phase im Lebenslauf rechnet heute jeder, aber das ist noch nicht lange so. Christoph Conrad untersucht die Ausformung des Alters als eigenständige Lebensphase im 19. und 20. Jahrhundert. Alt werden ist ein natürlicher Vorgang, das Alter als Ruhestand dagegen ist gesellschaftlich geschaffen. Greis und Rentner sind die Alterstypen, die den Ausgangs- und den vorläufigen Endpunkt des Weges zum Ruhestand im Wohlfahrtsstaat kennzeichnen. Dieser Prozess berührt viele Bereiche, die Geschichte der Sozialpolitik und der Medizin ebenso wie die Bevölkerungs- und die Familiengeschichte. Nicht zuletzt gehört dazu ein tiefgreifender Wandel der Vorstellungen vom Alter."

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Alter und Lebenslauf in langfristiger Perspektive
1.1.1. Vom Greis zum Rentner
1.1.2 Eine gegenwartsbezogene Problemstellung
1.2 Vorgehen, Quellen, Forschungsstand

Teil A - Eine heterogene Bevölkerung

2. Demographische Prozesse auf städtischer und nationaler Ebene
2.1. Wer waren "die Alten"?
2.2. Altersstruktur im Wandel
2.2.1. Die demographischen Mechanismen
2.2.2. Verjüngung durch Städtewachstum: Das Beispiel Köln
2.3 Wandlungen der Mortalität
2.3.1. Die Verallgemeinerung des Überlebens
2.3.2. Epidemiologische Transition - auch im höheren Alter?
2.4. Zusammenfassung: Das Gewicht der Zahlen

3. Dimensionen der Ungleichheit im städtischen Rahmen
3.1. Alter
3.2. Geschlechtsproportion
3.3. Familienstand
3.4. Beruf und soziale Stellung
3.5. Einkommensschichtung
3.6. Wanderung, Herkunft und Wohnort
3.7. Zusammenfassung: Kontinuitäten und Ungleichheiten

Teil B - Alter als Gegenstand der Sozialpolitik

4. Zur Konstruktion des "problematischen" Alters - theoretische Perspektiven

5. Kölner Sozialpolitik vor dem Ersten Weltkrieg
5.1. Entdeckung der Alten? Das offene Armenwesen
5.2. Stiftungszwecke als Spiegel bürgerlicher Problemwahrnehmung
5.3. Die Ausdifferenzierung der Anstalten
5.4. Eine frühe Form öffentlicher Altersvorsorge
5.5. Zusammenfassung: Zwischen Altersarmut und verdientem Ruhestand

6. Vorgeschichte und Verwirklichung staatlicher Alterssicherung
6.1. Frühe Versicherungsprojekte als Antworten auf die "soziale Frage"
6.2. Der Stellenwert von Erwerbsunfähigkeit und Alter im publizistischen Problemspektrum 1844 - 1933
6.3. Der gestaffelte Zugang zur kollektiven Altersversorgung
6.4. Sozialversicherung als "Signatur der Jetztzeit" - Gesetzgebung und Regelungsprofil
6.4.1. Die Invaliditäts- und Altersversicherung (1889)
6.4.2. Die Angestelltenversicherung (1911)
6.5. Zusammenfassung: Alter als Problem - Versicherung als Lösung

7. Die verwaltete Not: Stadt und Reich zwischen Erstem Weltkrieg und Weltwirtschaftskrise
7.1. Die Folgen von Krieg und Inflation im sozialen Bereich
7.2. Vom Armenwesen zur Fürsorge
7.3. Die Klein- und Sozialrentner
7.4. Der Ausbau des Kölner Anstaltswesen
7.5. Zusammenfassung: Das Thema der "Last"

8. Lebensverhältnisse und Sozialleistungen (1880 - 1933)
8.1. Wie bewertet man den "Output" von Sozialpolitik?
8.2. Überleben mit Armenhilfe und Rente
8.2.1 Berlin und Köln im Kaiserreich
8.2.2. Die Weimarer Republik
8.3. Erwerbsstruktur und Lebenslauf
8.4. Wirkungen der Sozialgesetzgebung
8.4.1. Versicherte, Rentenempfänger und Rentenleistungen
8.4.2. Ausgänge aus der Erwerbsarbeit: Altersgrenze oder Invalidität
8.5. Zusammenfassung: Das öffentlich-private Zusammenspiel

9. Altern und Lebensende zwischen familiärer Unterstützung und öffentlicher Zuständigkeit
9.1. Familie und Haushaltsstruktur
9.1.1. Recht und Familie
9.1.2. Haushaltsstrukturen im Wandel
9.2. Haushaltseinkommen im Lebenslauf
9.3. Kleine Netze in Köln - unsichtbar oder unerheblich?
9.4. Zusammenfassung: Familie und Lebenslauf

10. Schluß: Lange Entwicklungslinien

Zitate:

Begründung der Altersgrenze von 60 Jahren

"Meine Untersuchung orientiert sich durchgehend an der Altersgrenze von sechzig Jahren. Dafür sprechen zwei Gründe: Erstens die (...) Verankerung in den zeitgenössischen Lebensphaseneinteilungen, zweitens die praktische Anwendung dieser Schwelle in der öffentlichen Statistik, wodurch alternative Grenzziehungen nicht durchgehend mit Inhalt gefüllt werden könnten. Gegen eine höhere Schwelle spricht drittens, daß dann bis ins frühe 20. Jahrhundert nur eine noch weit geringere Minderheit der Bevölkerung beschrieben würde.
Bis zum Ersten Weltkrieg orientierten sich auch amtliche Stellen hauptsächlich an der Altersgrenze 60. In erster Linie ist die offizielle Alters-Definition der preußischen Statistik anzuführen: Bereits in den Verfügungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde das vollendete 60. Lebensjahr für die Zählungen der Bevölkerung als oberste Einteilung festgelegt. Die Altersklassen der Jugendlichen und Erwachsenen entsprachen ausdrücklich dem staatlichen Interesse an der Überwachung der Schul-, Militär-, Landwehr- und Steuerpflichtigen und waren deshalb wesentlich differenzierter.
(...).
Die administrative Grenzziehung, die sich in verschiedenen Kontexten am 60. Geburtstag finden läßt, scheint mit alltäglichen Auffassungen von einer dann beginnenden Schonfrist für das Alter korrespondiert zu haben." (S.49f.)

Abweichende Definition des Alters durch den Sozialstaat

"Gegen den Einwand, daß die Grenzziehung des sich entwickelnden Sozialstaats zunächst bei 70, dann bei 65 Jahren doch gewissermaßen den »offiziellen« Beginn des Alters markierte, läßt sich erwidern, daß beide Werte innerhalb der untersuchten Altersspanne liegen, so daß eventuelle Schwerpunktverlagerungen nicht unbemerkt bleiben. Richtig ist, daß in der Zwischenkriegszeit (seit 1916) für Arbeiter, Angestellte und Beamte gemeinsame gesetzliche (wenn auch nicht tatsächlich erreichte) Ruhestandsalter bei 65 Jahren lag und dadurch im öffentlichen Bewußtsein zur normalen Altersgrenze wurde." (S.50)

Der Rückgang der Geburten ist Schuld an alternden Gesellschaften

"Entgegen dem ersten Eindruck und trotz vielfacher gegenteiliger Behauptungen war es nicht die erhöhte Lebenserwartung, sondern die gesunkene Geburtenrate, die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts und vor allem in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts eine rasche Erhöhung des Anteils älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung des Deutschen Reiches hervorrief. (...). Das bessere Verständnis dieser Prozesse, in denen die Wandlungen der Geburtlichkeit langfristig die Altersstruktur der Bevölkerung prägen, hat entscheidende Konsequenz für die Betrachtung von Altersproblemen in Geschichte und Gegenwart. Dadurch wird hervorgehoben, daß es nicht an den Alten liegt, daß sie eine in Relation zur Gesamtbevölkerung wachsende Gruppe ausmachen. Ganz im Gegenteil, wollte man »Verantwortliche« benennen, daß müßte man auf die jungen Ehepaare zeigen. Im gesellschaftsgeschichtlichen Zusammenhang ist die Alterung der Bevölkerung als Folge der demographischen Transition zu sehen, die den Übergang von einer Gesellschaft, die Menschenleben »verschwendet« (viele Geburten, hohe Sterblichkeit) zu einer Gesellschaft des »sparsamen« Umgang mit Leben, d.h. mit niedriger Natalität, aber hoher Chance, nicht nur geboren, sondern auch alt zu werden, bezeichnet" (S.59)

Debatte um die "Vergreisung" in den 1920er und 1930er Jahren

"Es wurde nicht als Trost empfunden, daß die Gesamtbelastungsquote während der 1920er und 1930er Jahre das niedrigste Niveau des 19. und 20. Jahrhunderts erreicht hatte. Vielmehr machte sich an der Beobachtung der Bevölkerungsentwicklung zum ersten Mal in Deutschland ein breiter, pessimistisch getönter Diskurs über »Vergreisung« fest." (S.58)

Vom Greisenalter zum Ruhestand

"Vom Greisenalter der späten Aufklärung als hauptsächlich kulturellem Deutungsmuster mit hoher normativer Aufladung, aber geringer praktischer Konsequenz führte der Weg zum Ruhestand im Wohlfahrtsstaat als neugeschaffener Lebensphase mit geringem Symbolwert, aber umfassender materieller Bedeutung.
(...).
Neu am modernen Alter waren drei große Tendenzen, die sich seit dem Ende des 19. Jahrhundert durchsetzten: Neu war erstens, daß Alter als solches zunehmend als gesellschaftliches Problem gesehen wurde; zweitens, daß sein Hauptinhalt, der Ruhestand, im Zusammenspiel von Arbeitsmarkt und Sozialpolitik geschaffen wurde, und drittens, daß immer mehr Menschen so alt wurden, daß sie diese Phase durchleben konnten. Sozialpolitik, Erwerbssystem und Demographie - das sind die drei großen Motoren der Entwicklung vom Greisenalter zum Ruhestand (...). Mit diesen drei Elementen läßt sich eine Strukturgeschichte des Alters nachzeichnen." (S.398)

"Vergleicht man Anfangs- und Endpunkt dieses Strukturwandels, springen die Unterschiede ins Auge. Einer der wesentlichen liegt in der Klassenzugehörigkeit der beiden Idealtypen. Der Greis war offensichtlich ein Bürger, der Rentner dagegen gehörte vorher zur großen Mehrheit der abhängig Erwerbstätigen. Ihr Ruhestand unterscheidet sich dementsprechend: auf der einen Seite der Rückzug von Geschäften und einigen Ämtern, gesichert durch eigenes Vermögen - auf der anderen Seite das Ende des Arbeitsvertrags, der Verlust eigener Erwerbsmöglichkeiten und die Abhängigkeit von Transfereinkommen.
(...).
Personifiziert durch Greis und Rentner, weist diese Bewegung zwischen den zwei Modellen der Lebensphase Alter über die vorliegende Untersuchung hinaus: Allgemeiner statt elitärer Ruhestand, gesicherte Lebenserwartung statt Zufall des Überlebens, vorwiegend öffentliche statt privater Altersversorgung - diese Kontraste erfüllen sich erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts." (S.399)

Prognose

"Zur Zeit herrscht ein gewisser Gleichgewichtszustand, auf dessen Dauer sich etwa die Rentenreform 1992 beschränkt hat. Wenn allerdings die Baby-Boom-Jahrgänge - und mit ihnen der Autor - ab etwa den Jahren 2015/2020 in den Ruhestand treten, könnte sich das Schwergewicht demographischer Prozesse mit drastischen Konsequenzen für Sozialpolitik und Gesellschaft tatsächlich durchsetzen." (407)

 
 
 
       
     
       
   

Workers versus Pensioners (1989).
Intergenerational Justice in an Ageing World
(zusammen mit Paul Johnson und David Thomson)

Manchester: University Press (z. Z. vergriffen)

 
   
 
 

Das Buch in der Debatte

"Am 27. März 1990 stellte die britische Zeitung The Guardian in einem Leitartikel die provokante Frage »Will the Third World War be a war between generations rather than states?«. Hintergrund des Artikels war der kurz zuvor erschienene Sammelband »Workers vs. Pensioners« (1989). Die Sozialhistoriker Paul Johnson, David Thomson und Christoph Conrad versammelten in diesem Band Beiträge zur Performanz westlicher Wohlfahrtsstaaten, die mehr oder weniger alle zum selben Ergebnis kamen: Sinkende Fertilität, verlängerte Lebenserwartung und Frühverrentung stellten in einem ohnehin wirtschaftlich kriselnden Wohlfahrtsstaat die Fundamente der Sozialversicherung in Frage; immer größere Gruppen alter Unproduktiver müssten durch immer kleinere Gruppen junger Aktiver unterstützt werden. Diese Konstellation führt laut den Herausgebern zu Interessengegensätzen zwischen Altersgruppen bzw. Kohorten, die wahrscheinlich früher oder später in einen offenen Generationenkonflikt münden würden".
(Christina May "Generation als Argument", 2010, S.31)

 
 
 
       
   
  • Beiträge des Buchs

    • JOHNSON, Paul/CONRAD, Christoph/THOMSON, David - Introduction
    • Part I: Welfare, Age and Generation
      • ERMISCH, John - Demographic Change and Intergenerational Transfers in Industrialised Countries
      • THOMSON, David - The Welfare State and Generation Conflict: Winners and Losers
      • DANIELS, Norman - Justice and Transfers Between Generations
      • KESSLER, Denis - But Why Is There Social Security?
    • Part II: Paying für Retirement
      • SASS, Steven - Pension Bargains: The Heyday of US Collectively Bargained Pension Arrangements
      • ACHENBAUM, W. Andrey - Public Pensions as Intergenerational Transfers in the United States
      • SCHMÄHL, Winfried - Labour Force Participation and Social Pension Systems
    • Part III: Restruction the Life Course
      • GUILLEMARD, Anne-Marie - The Trend Towards Early Labour Force Withdrawal and the Reorganisation of the Life Course: A Cross-national Analysis
      • CRIBIER, François - Changes in Life Course and Retirement in Recent Years: The Example of Two Cohorts of Parisians
 
       
     
   

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Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 14. Juli 2010
Update: 15. Juli 2010