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Robert Jütte: Lust ohne Last

 
       
   
  • Kurzbiographie

    • 1954 geboren
      Studium der Geschichte, Germanistik und Politikwissenschaft
    • 2003 Buch "Lust ohne Last"
    • Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart
 
       
     
       
   

Robert Jütte in seiner eigenen Schreibe

 
   

JÜTTE, Robert (2002): Vermehret euch!
Martin Fuhrmann untersucht die deutsche Bevölkerungspolitik,
in: Süddeutsche Zeitung v. 11.12.

Robert JÜTTE rezensiert das Buch Volksvermehrung als Staatsaufgabe? Bevölkerungs- und Ehepolitik in der deutschen politischen und ökonomischen Theorie des 18. und 19. Jahrhunderts von Martin FUHRMANN.

 
       
   

Lust ohne Last (2003).
Geschichte der Empfängnisverhütung
München: C.H. Beck

 
   
     
 

Klappentext

"Empfängnisverhütung ist keine Erfindung der Neuzeit und auch nie reine Privatsache gewesen. Mächtige Institutionen wie Kirche und Staat machten hier ihren Einfluss ebenso geltend wie bestimmte Berufsgruppen, die für sich besondere Kompetenz in ethischen und sittlichen Fragen beanspruchen. Wie sind unsere Vorfahren mit Empfängnisverhütung umgegangen, und wie haben sich Techniken und Moralvorstellungen, die heute noch aktuell sind, entwickelt? Das Buch verfolgt diese Fragen von der Antike biszur Gegenwart und wirft darüber hinaus noch einen Blick in die Zukunft. Der Schwerpunkt der Darstellung liegt auf dem neuzeitlichen Europa, daneben werden aber auch unterschiedliche Kulturkreise (Europa, Amerika, China, Indien) und Weltreligionen (Christentum, Judentum, Islam) wie auch zentrale demographische und bevölkerungspolitische Aspekte berücksichtigt."

Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Einleitung

Ars erotica oder: Die frühe Kunst der Empfängnisverhütung

Die Ökonomie der sexuellen Reproduktion: Geburtenkontrolle in der Antike?
Einforderungen der Fruchtbarkeit: Anfänge der Fortpflanzungsethik im Judentum, Christentum und Islam
Das gar nicht so geheime Wissen der antiken Medizin
Die Wahrheit der Dichter: Gewollte Unfruchtbarkeit als Thema der antiken Literatur
Unfruchtbare Aktivitäten: "Mutter-Zäpfchen" und Kräutertrank

Transformation oder: Die angebliche Repression des Verhütungswissens im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit

Die Historische Demographie und die Anfänge der Geburtenbeschränkung
Secreta mulierum: Weibliches Wissen um Schwangerschaft und Empfängnisverhütung
Begehrlichkeit und Buße: Die Theologie des "sündigen Fleisches"
Kastraten, Kondome, Casanovas: Alte und neue Techniken der Empfängnisverhütung

Die Anfänge der scientia sexualis im 19. Jahrhundert: Der Diskurs über die Empfängnisverhütung unter dem Imperativ von Moral und Politik

Der (Neo-)Malthusianismus und seine demographischen Schlußfolgerungen
Die Neuformierung des Wissens: Aufklärungsbroschüren und ihre Leser
Sexualpolitiken: Verstärkte Kontrolle und Widerstände
Die Praxis des "Sich-in-acht-Nehmens" zwischen Tradition und Fortschritt

Das Regime des Normalen: Die "Demokratisierung" der Geburtenkontrolle im 20. Jahrhundert

Das Verspechen einer Befreiung: Empfängnisverhütung als Emanzipation
Die "Verstaatlichung" der Schwangerschaftsverhütung: Zwangssterilisation und staatliche Geburtenkontrollprogramme
Der Wandel der Sexualmoral und der schwindende Einfluß der Religion
Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen: Alte und neue Verhütungstechniken

Ausblick

Die "Pille für den Mann" oder: Die Empfängnisverhütung der Zukunft

Zitate:

Die Rezeption des Bevölkerungsgesetzes von Thomas R. Malthus in Deutschland

"Im Vergleich zu Frankreich übte die Mehrheit der deutschen Nationalökonomen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts keine grundsätzliche Kritik an Malthus' Bevölkerungsgesetz. Erst 1901 fand die Frage des Soziologen Franz Oppenheimer (1864-1943), ob dieses Axiom »Ausgeburt einer verrenkten Logik sei«, in der deutschen Volkswirtschaftslehre verstärkt Widerhall. Bis dahin hatte der Malthusianismus selbst im Verein für Socialpolitik, dem so renommierte Wissenschaftler wie Lujo Brentano (1844-1931) und Gustav Schmoller (1838-1917) angehörten, zahlreiche Anhänger. Als spiritus rector des deutschen Neomalthusianismus gilt aber ein Nationalökonom, dessen Name heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist: Albert Schäffle (1831-1903). (...).
Im Vergleich zu Frankreich hielt also in Deutschland der Einfluß Malthus' länger an, und zwar bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs."
(2003, S.172)

"Der einflußreichste ärztliche Propagandist für eine Geburtenkontrolle war in Deutschland des 19. Jahrhunderts Wilhelm Peter Johan Mensinga (1836-1910). In seinem vielbeachteten und mehrfach nachgedruckten Werk Facultative Sterilität (1. Auflage 1882) (...) ließ er nicht nur eine medizinische Indikation für eine Empfängnisverhütung gelten. Auch bevölkerungspolitische Gründe sprachen seiner Meinung nach für eine Geburtenkontrolle".
(2003, S.174)

Empfängnisverhütung und bevölkerungspolitische Debatte

"Mit der öffentlichen Debatte über die Ursachen des Geburtenrückgangs, die in Frankreich bereits in den 1860er Jahren einsetzte und in Deutschland und England mit einigen Jahrzehnten Verspätung in Erscheinung trat, war das Thema »Empfängnisverhütung« längst nicht mehr nur Teil eines moralisch-sittlichen Diskurses, sondern stand im Zentrum einer mit Verve geführten bevölkerungspolitischen Debatte, bei der es um den Erhalt des Wohlstands und der Wehrhaftigkeit - also um die Macht - ging."
(2003, S.180)

Gebärstreik

"In England gab es zwar einige Frauenrechtlerinnen (...), die sich in der Öffentlichkeit für eine Begrenzung der Kinderzahl einsetzten, doch fand der Neomalthusianismus dort in der frühen Frauenbewegung ebenfalls keinen Rückhalt. (...). So stieß selbst der agitorische Roman A Strike of Sex des amerikanischen Schriftstellers George Noyes Miller, den die Malthusian League 1891 herausbrachte, in der englischen Frauenbewegung kaum auf Resonanz. Die Idee eines »Gebärstreiks«, die darin propagiert wird, erschien sogar den Feministinnen, die den erfolgreich Streik der Londoner Dockarbeiter erlebt hatten, als weltfremd und in der Sache wenig hilfreich."
(2003, S.243f.)

"Frauen- und Arbeiterbewegung zogen in der Frage der Geburtenkontrolle nicht immer an einem Strang, wie die Debatte um den sogenannten »Gebärstreik« in Deutschland und Frankreich zeigt, die um die Jahrhundertwende einsetzte und 1913 in Berlin ihren Höhepunkt erreichte. Die meisten sozialistischen Strömungen lehnten nämlich den Neomalthusianismus aus ideologischen Gründen ab. Stellvertretend für diese ablehnende Haltung sei hier August Bebels wegweisende Schrift Die Frau und der Sozialismus (1. Aufl. 1879) genannt."
(2003, S.252)

Doch die Haltung der Arbeiterbewegung in dieser Frage war weder in Deutschland noch in anderen Ländern einheitlich, wenngleich die ideologische überwog. Daneben gab es aber vereinzelt auch Befürworter einer Geburtenkontrolle, wobei nach Christiane Dienel zwei Richtungen zu unterscheiden sind: »eine - progressiv oder hygienisch eingefärbte - Nachsicht und Toleranz gegenüber dem individuellen Verhalten; oder die ideologisch gewendete Befürwortung von Geburtenkontrolle als Gebärstreik«.
Zu denjenigen, die den Gebrauch von Verhütungsmitteln tolerierten und als Privatsache betrachteten, (...) zählt der Eugeniker und Sozialmediziner Alfred Grotjahn (1869-1931)".
(2003. S.253)

Qualitative Bevölkerungspolitik und Zwangssterilisation im Nationalsozialismus

"»Die Unfruchtbarmachung wird sich als eugenisches Mittel langsam durchsetzen und auch in der Gesetzgebung ihren Niederschlag finden, nachdem die öffentliche Meinung mehr als gegenwärtig auf sie vorbereitet worden ist«, prophezeite 1926 der Sozialhygieniker Alfred Grotjahn. Er sollte damit recht behalten, nicht nur im Hinblick auf Deutschland."
(2003, S.263)

"In Schweden wurden Zwangssterilisationen 1935 durch ein entsprechendes Gesetz erlaubt. Unter den Befürwortern dieser Maßnahme waren (...) Sozialdemokraten, wie das berühmte Ehepaar Gunnar (1898-1987) und Alvar Myrdal (1902-1986)."
(2003, S.268)

Die Anti-Baby-Pille als Auslöser der sexuellen Revolution?

"Am 1. Juni 1961 kam die erste deutsche »Pille« auf den Markt: Anovlar von Schering. Auch hier bezeichnete der Beipackzettel die empfängnisverhütende Wirkung lediglich als »Nebenwirkung«. Nur ein kleiner Kreis von Gynäkologen wurde zunächst über das neue Produkt informiert. Erst nachdem die Hamburger Illustrierte Stern kurz nach der Markteinführung einen Bericht mit dem vielversprechenden Titel »Eine 'Pille' reguliert die Fruchtbarkeit« veröffentlichte, sah sich die Geschäftszentrale in Berlin gezwungen, die deutsche Ärzteschaft in großem Stil mit Informationen über Anovlar zu versorgen. Der Umsatz (...) blieb zunächst etwas hinter den Erwartungen zurück. Doch bereits 1970 wurden allein in Westdeutschland über 27 Millionen Monatspackungen dieses Mittels verkauft. Und schon 1966 hatte nahezu jeder Bundesbürger, wie aus einer Meinungsumfrage hervorgeht, schon einmal von der »Pille« gehört.
Mit der »Pille« stand erstmals ein Verhütungsmittel zur Verfügung, das sicher und einfach anzuwenden war. Eine Folge der Entkopplung von Sex und Fortpflanzung war, wie vielfach behauptet wird, die sexuelle Revolution. Diese Meinung vertritt unter anderem der Frankfurter Sozialwissenschaftler Günter Amendt, der 1970 Sexfront, ein heftig umstrittenes Sexualaufklärungsbuch für Studenten und Schüler, veröffentlichte (...).
Daß die »Pille« insbesondere auf Jugendliche damals befreiend wirkte, bestätigten auch zeitgenössische Berichte und Stellungnahmen. (...).
Gleichwohl wird die These, daß die »Pille« die sexuelle Revolution ausgelöst habe, inzwischen von der Forschung angezweifelt. Ein Argument lautet, daß die »Pille« zwar die Empfängnisverhütung revolutioniert habe, aber zur sexuellen Revolution keine kausalen Verbindungen beständen. Das meinte auch Carl Djerassi, einer der »Väter der 'Pille'« in einem Interview mit dem deutschen Nachrichtenmagazin Der Spiegel (21.1.2002)(...).
Die Frauenbewegung, die Anfang der 1960er Jahre die »Pille« zunächst enthusiastisch begrüßte, weil sie darin die Erfüllung eines jahrtausendealten weiblichen Traums von einem sicheren Verhütungsmittels sah, änderte im Laufe der Zeit radikal ihren Standpunkt. Sie ging sogar so weit, in der Entwicklung der »Pille« ein männliches Komplott zu sehen, mit dem Ziel, den weiblichen Körper zu »medikalisieren«. Doch solche Positionen haben das Image der »Pille« bei den meisten Frauen nicht auf Dauer verändern können. Interessant sind in diesem Zusammenhang die Beobachtungen der Freiburger Sozialwissenschaftlerin Cornelia Helfferich. Sie hat nach 1990 in mehreren Studien Frauen in Ost- und Westdeutschland miteinander verglichen und dabei auffällige Unterschiede festgestellt. Nicht nur, daß mehr Ost- als Westfrauen die »Pille« nehmen, die jungen Frauen im Osten übernehmen auch das Positivimage, das die »Pille« in der DDR hatte. Zur »starken Frau im Sozialismus« habe das Hormonpräparat als Schild der Unabhängigkeit einfach dazugehört. »Während sich die jungen Frauen im Westen dagegen wehren, das Hausfrauendasein ihrer Mütter fortzusetzen, eifern die Frauen im Osten ihren Müttern nach«, so Helfferich."
(2003, S.315ff.)

     
 
       
   

Rezensionen

HAUßMANN, Balthasar (2003): Vor und nach dem Gummi.
Robert Jütte rollt die komplette Geschichte der Empfängnisverhütung auf,
in:
Frankfurter Rundschau v. 03.04.

STOCKINGER, Günther (2003): Innen dreschen, außen streuen.
Sexualität: Ein Stuttgarter Historiker hat eine Geschichte der Verhütung geschrieben. Überraschendstes Ergebnis: Lange Zeit war die Geburtenkontrolle Männersache,
in:
Spiegel Nr.18 v. 28.04.

SPERR, Franziska (2003): Listige Lust.
Robert Jütte über die Geschichte der Empfängnisverhütung,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 17.05.

LÜHE, Marion (2003): Vom Coitus interruptus aus Habgier,
in: Welt v. 24.05.

ALBRECHT, Christoph (2003): Vater werden ist nicht schwer, muß aber nicht sein.
Safer sex damals und heute: Robert Jüttes hygienische Geschichte der Empfängnisverhütung,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 24.11.

 
   

Die Empfängnisverhütung in der Debatte

Die Pille in der Debatte

Neu:
WEYH, Florian Felix (2004): Der Preis der Freiheit,
in: Politisches Feuilleton. Sendung des DeutschlandRadio Berlin v. 10.06.

Florian Felix WEYH fügt den inflationär verbreiteten Mitte-Erzählungen über die demografische Zeitbombe eine weitere hinzu: "Monographien zur Geschichte der Empfängnisverhütung überliefern uns deren Grundideen. »Kampf gegen die Überbevölkerung« lautete die erste, »weibliche Autonomie« die zweite, während die dritte nur hinter vorgehaltener Hand geäußert wurde. Man könnte sie als »demographische Bombe« bezeichnen, denn die politischen Triebkräfte hinter der Entwicklung hormoneller Kontrazeptiva fürchteten sich vor dem Kinderreichtum armer Familien, der in einer Demokratie den politischen Konsens nach links verschoben hätte - zumindest in den Augen amerikanischer Ideologen. Es kam ganz anders."

 
   

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Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 17. August 2014
Update: 19. Juli 2015