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Günter Burkart: Mythos Single

 
       
     
       
     
       
   

Günter Burkart in seiner eigenen Schreibe

 
       
   

BURKART, Günter (1995): Biographische Übergänge und rationale Entscheidungen,
in:
BIOS - Zeitschrift für Biographieforschung und Oral History, 8, 1, S. 59-88

BURKART, Günter (1995): Zum Strukturwandel der Familie. Mythen und Fakten,
in:
Aus Politik und Zeitgeschichte, B 52-53, S.3-13

Neu:
BURKART, Günter (2007): Eine Kultur des Zweifels: Kinderlosigkeit und die Zukunft der Familie. In: Dirk Konietzka & Michaela Kreyenfeld (Hrsg.) Eine Leben ohne Kinder? Kinderlosigkeit in Deutschland. Wiesbaden, Verlag für Sozialwissenschaften, S. 401-423.

Günter BURKART stellt an den Anfang seiner Beitrags Aspekte, die für eine Kultur der Kinderlosigkeit sprechen:

"Ausgangspunkt ist die Annahme, dass in der westlichen Welt, und in Deutschland ganz besonders ausgeprägt, in den letzten Jahrzehnten eine Kultur der Kinderlosigkeit entstanden ist. Wenn dieser Ausdruck mehr sein soll als eine wohlfeile Provokation, dann heißt das: Kinderlosigkeit hat eine gewisse Attraktivität erlangt, sie wird nicht mehr als Problem oder Defizit von Paaren und Individuen gesehen, sondern als kultureller Wert. Für immer mehr Paare und Individuen wäre sie sogar ein neues Ideal und die Kinderlosen würden zunehmend beneidet. Diese Behauptung mag erst einmal weit überzogen wirken, insbesondere, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Kinderwunsch und Familienorientierung immer noch stark ausgeprägt sind. (...).
Aber es gibt seit längerem deutliche Anzeichen eines Wandels. Der Kinderwunsch ist inzwischen rückläufig, die Kinderlosigkeit steigt an und der Anteil jener, die keine Kinder wollen, ist heute höher als der Anteil jener, die mehr als zwei Kinder wollen (...). Die Anzeichen mehren sich, dass der Kinderwunsch nicht mehr uneingeschränkt als Basis der Lebensperspektive gilt, dass eine gute Beziehung, Selbstverwirklichung oder ein erfülltes Berufsleben wichtiger sein können.

»Ich war mir vor allem bewusst, dass Kinder meine Ehe grundlegend verändern würden. Bis sie aufs College gingen, hätten wir nicht mehr viel Zeit für ungestörte Zweisamkeit, die mein Leben wie kaum etwas anderes bereicherte. Wann würde Rick mir das nächste Mal ein Buch vorlesen oder mit mir essen gehen? Wie oft würden wir einen Nachmittag im Bett verbringen können?«

So äußert sich eine Psychoanalytikerin in ihrem Buch »Kinderlos glücklich«, für das sie zahlreiche Frauen interviewte, die in ähnlicher Weise gegen Kinder argumentierten (Safer 1998, zitiert bei Müller-Lissner 2002: 41)." (2007, S.401f.)

Im Anschluss formuliert BURKART seine These einer Kultur des Zweifels:

"Im Folgenden versuche ich die These zu begründen, dass Kinderlosigkeit ein neues Element des individualistischen Wertsystems geworden ist, spezifischer: ein Element einer Kultur der Selbstreflexion und Selbstthematisierung, die sich in Bezug auf Elternschaft als eine Kultur des Zweifels darstellt. Wenn dies zutrifft, haben wir es mit einer historisch völlig neuartigen Situation zu tun. Ein Leben ohne Kinder war bisher überall die Ausnahme und war im Normalfall nicht freiwillig; wenn doch, dann war dies ein klarer Fall von Abweichung, ein Ausdruck von Verantwortungslosigkeit oder eines anderen Charakterfehlers. In manchen politischen Kommentaren ist dies auch heute noch - oder wieder - so: Kinderlosigkeit wird etwa als Egoismus kritisiert. Besonders im demographisch-politischen Diskurs wird die Tonlage seit einigen Jahren wieder schärfer. Mindestens höhere Steuern für Kinderlose, so wird gefordert (Borchert 2003). Aber beim Großteil der Diskutanten steht doch erkennbar die demographische Sorge im Vordergrund und weniger eine moralische Kritik gegenüber verantwortungslosen Hedonisten. Man zeigt ein gewisses Verständnis für die kinderlos Bleibenden, weist auf Fehler in der Gesellschaftsorganisation hin, die das so genannte Vereinbarkeitsproblem verschärfen. Im Großen und Ganzen ist die kulturelle Bewertung von Kinderlosigkeit heute nicht mehr negativ. Auch das ist ein Indiz für eine Kultur der Kinderlosigkeit. (2007, S.402)

BURKART verweist darauf, dass das Thema Kinderlosigkeit aufgrund der "demographischen Krise" tabuisiert wird:

"Immer noch dominiert die Unterstellung, dass die Menschen im Prinzip Kinder wollen, und dass man lediglich die Infrastruktur verbessern oder die finanziellen Anreize erhöhen müsse. Aber diese Unterstellung ist fraglich geworden. Kulturelle Entwicklungen dieser Art sind tief greifend und deshalb für politische Steuerungsversuche schwer greifbar." (2007, S.403)

Auf dieser Webseite wurde deshalb davon gesprochen, dass das Tabuthema der gewollten Kinderlosigkeit in den Mittelpunkt der bevölkerungspolitischen Debatte rückt. Gleichzeitig führte diese "Enttabuisierung" zur Tabuisierung ungewollter Kinderlosigkeit, d.h. es fand eine Bedeutungsverschiebung des Begriffs statt. Es dürfte kein Zufall sein, dass die Bedeutungsverschiebung mit dem Kampf um die Einführung des Elterngeldes zusammenfiel. Erst mit der sogenannten  "Fruchtbarkeitskrise" und dem Kampf der Reproduktionsmedizin um die Kostenerstattung bei künstlicher Befruchtung durch die Krankenkassen, stand wieder vermehrt die ungewollte Kinderlosigkeit im Vordergrund. Gleichzeitig geriet auch die Partnerlosigkeit als Ursache der Zunahme ungewollter Kinderlosigkeit vermehrt in den Fokus.

weitere Veröffentlichungen

 
       
       
   

Lebenszeiten (2002).
Erkundungen zur Soziologie der Generationen.
Martin Kohli zum 60. Geburtstag.
(herausgegeben zusammen mit Jürgen Wolf)
Opladen:
Leske + Budrich

 
   
     
 

Klappentext

"Das Buch gibt Auskunft über Forschungsfelder, Themen und methodische Ansätze innerhalb der Soziologie des Lebenslaufs. Für ein breites Spektrum bilanzieren und detaillieren die Beiträge und führen weiter."

 
     
 
       
       
   

Lebensphasen - Liebesphasen (1997)
Vom Paar zur Ehe zum Single und zurück?
Opladen:
Leske + Budrich

 
   
     
 

Klappentext

"Nach wie vor überwiegt eine statistische Betrachtung bei der Analyse alternativer Lebensformen. In einer lebenslauftheoretischen Perspektive wird hier gezeigt, daß Lebensformen eigentlich Lebensphasen sind, die weit weniger frei gewählt werden können als in der Rede von den 'pluralisierten Lebensformen' anklingt."

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Das Paar und die Liebe

Ursprünge der Liebe
Ehekonzeption und Familienpolitik der christlichen Kirche
Höfische Liebe (Minne), Renaissance, Reformation
Liebe und Ehe in der frühen Neuzeit
Vorläufer des modernen ehelichen Liebespaares
Der Übergang zur modernen bürgerlichen Liebesehe
Romantische Liebe, bürgerliche Ehe und Geschlechterverhältnis
Romantische Liebe und Partnerschaft im 20. Jahrhundert

2. Die Theorie und das Paar

Das Paar in der Familienforschung
Historische Ausdifferenzierung des Liebespaares
Ein Bezugsrahmen für Paarbildung und Paarbeziehung
Dauerhaftigkeit und Institutionalisierungsform
Individualität und Paar
Paar und Geschlecht
Liebe, Erotik und Sexualität
Intimität, Bindung und Autonomie

3. Paarbildung und Partnerwahl

Der Bezugsrahmen zur Erklärung von Paarbildungen
Individualisierung der Paarbildung und Partnerwahl?
Sozialer Aufstieg durch geschickte Partnerwahl?
Bedeutungszuwachs von Bildung für die Paarbildung und zunehmende Bildungshomogamie
Sinkender Altersabstand?
Zusammenfassung

4. Zusammen leben

Zur Terminologie
Verbreitung er Kohabitation
Soziale Träger und biographische Bedeutung
Wie kam es zu dieser raschen Ausbreitung?
Kohabitation - ein alter Hut?
Kohabitation als Ausdruck des Individualisierungsprozesses?
Kohabitation als biographischer Übergang
Milieu-Unterschiede
Die Bedeutung des Zusammenlebens als Lebensphase

5. Heiraten?

Rückgang der Heiratsneigung - biographischer Aufschub der Heirat
Die Ehe als Lebensphase
Ledig bleiben
Historische Markierungen
Ablehnung, Ambivalenz, Indifferenz
Strukturelle Angleichung von Ehe und Kohabitation
Wo die Ehe noch selbstverständlich ist
Wiederholungsehen
Ungültige Ehen

6. Elternpaare und Kinderlose

Wenn Paare zu Eltern werden
Biographische Aspekte des Geburtenrückgangs
Entscheidung zur Elternschaft? - Grenzen biographischer Planbarkeit
Fallbeispiele
Biographische Zwangsläufigkeiten beim Übergang in die Elternschaft
Milieu-Unterschiede: Teenage-Mothers, späte Mütter, Kinderlose
Der kritische Zeitpunkt: "Wie lange kann ich noch warten?"
Entscheidungskoordination zwischen Mann und Frau
Kinderlosigkeit

7. Getrenntleben, Alleinleben, Mythos Single

Partnerlos Alleinlebende und getrenntlebende Paare
Wer oder was ist ein Single?
Die Singles und die Tücken der Haushaltsstatistik
"Richtige Singles": nur im mittleren Alter
Alleinleben als Übergangsphase im Lebenslauf
Determinanten der "Single"-Gesellschaft: Bildungsexpansion und Individualisierung
Alleinleben und Bildungsexpansion
Individualisierte Milieus
Zu Bewußtseinslage, Habitus und Lebensstil von Singles
Sind Singles individualisiert?
Sind Singles eher einsam, depressiv und krank als andere?
Getrenntlebende Paare - Singles in Paarbeziehungen

8. Geschlechtsnormen in Paarbeziehungen

Sozialisation, Konstruktion, Geschlecht
Das System der Zweigeschlechtlichkeit und die Institution des Paares
Stützung des Geschlechtersystems durch Paarbildung
Entschärfung des Geschlechterkampfes durch Koalitionsbildung
Partnerschafts-Diskurs und Geschlechtsnormen
Partnerschaftsideologie und Milieu
Normen der komplementären Funktionsteilung (häusliche Arbeitsteilung)
Normen der Unterstützung und der Kooperation
Normen der Attraktivität

9. Treue und Sexualität

"Treue" (deutsch)
Treue als soziologischer Begriff - Versuch einer Definition
Bedeutungswandel: Treue aus Vernunft?
Eine Gegentendenz der Remoralisierung und Romantisierung
Treue im Milieu-Vergleich
Bedeutungswandel der Treue?
Sexualität und Intimität in den neunziger Jahren

10. Das Ende der Liebe: Trennung und Scheidung

Das Ende der Liebe
Gesellschaftliche und rechtliche Entwicklung: Die Ordnung der Trennung
Preußisches Landrecht und Bürgerliches Gesetzbuch
Habsburg und Österreich
Die Rechtslage im internationalen Vergleich
Scheidungshäufigkeit im internationalen Vergleich
Trennungs- und Scheidungsgründe
Kulturelle Modernisierung
Ehescheidung als rationale Entscheidung?
Scheidungsfolgen

11. Lebenszeitliche Perspektiven

Alltagszeit und Lebenszeit
Liebe im Lebensverlauf
Phasen der Liebe
Übergänge und Rituale
Ein natürliches Ende der Liebe?
Zeitstrukturen und Zeitperspektiven in verschiedenen Milieus
Das Synchronisationsproblem des individualisierten Paares
Offener biographischer Horizont bei den Alternativen
Das Liebespaar auf Zeit
Biographische Kontinuität und "Lebensplanung"?

12. Individualisierungsdiskurse

Strukturwandel und familiensoziologische Debatten
Ursachenforschung
"Individualisierung" als Erklärung?
Der Aufstieg der Idee des Individualismus
Amerikanischer Individualismus
Standardisierte Struktur und individualistische Ideologie
Dimensionen der Individualisierung
Schwächen der Individualisierungstheorie
Individualisierte Milieus
Selbstverständlichkeit von Ehe und Familie in den anderen Milieus
Spannungen zwischen Familismus und Individualismus im akademisch-alternativen Milieu

13. Die Zukunft de Paares und der Liebe

Verschärfte Individualisierung?
Das postmoderne Paar
Weitere Ausdifferenzierung des Intimsystems?
Polarisierung: Kinderlose Karrierepaare und Hausfrau-Ernährer-Paare
Steigende Bedeutung von Bildung für Sozialstruktur und soziale Entwicklung
Bildungsgesellschaft und Geschlechterdifferenz
Die Zukunft der "Liebe"

Zitate:

Die Generation der Bildungsexpansion und mögliche Probleme der Paarbildung

"Die Kohabitation wurde (...) in den siebziger Jahren als neue Lebensform etabliert, zunächst nicht als Alternative zur Ehe im allgemeinen, sondern als Alternative zur frühen Ehe, zum Alleinleben und zum längeren Verweilen im Elternhaus. Ihre Träger waren die jungen Erwachsenen der Bildungsexpansionsphase.
Hier taucht die Frage auf, ob vielleicht diese Generation der Bildungsexpansion besonders anfällig ist für das Scheitern von Ehe und Familie, nicht nur, weil sie die erste ist, die das Experiment versucht, anders zu leben (erst mal nicht den gesicherten Weg zu Familie und Karriere einzuschlagen, aber dann, später, vielleicht nicht mehr dazu in der Lage zu sein), sondern auch weil es sich dabei häufig um soziale Aufsteiger handelt. Bei ihnen sind Probleme mit der habituellen Übereinstimmung in der Partnerschaft wahrscheinlicher, sind sie doch hin- und hergerissen zwischen dem Herkunftsmilieu (meist Arbeiter- oder kleinbürgerliches »Harmoniemilieu«) und dem durch den Gang ins Bildungsmilieu erworbenen Selbstverwirklichungsdiskurs." (1997, S.90f.)

Die Begriffsverwirrung um die Singles

"»Singles« erfahren (...) seit längerem starke öffentliche Aufmerksamkeit. Und auch die Wissenschaft beschäftigt sich allmählich mehr mit ihnen (...). Doch die Begriffsverwirrung ist immer noch groß. Diese notorische Unklarheit und begriffliche Unschärfe in der »Singles«-Literatur rührt daher, daß mit dem Begriff unterschiedliche Phänomene erfaßt werden: Ursprünglich meinte der Begriff im Englischen den Gegensatz zu »married«, als nichts anderes als »ledig«. Es war klar: Wer nicht verheiratet (oder wenigstens verlobt) war, hatte keine ernsthafte Beziehung, ist als single (und lebte selbstverständlich noch bei den Eltern). Bezieht man sich heute auf die »Singles« in eher essayistischer oder journalistischer Zugriffsweise, sind jene gemeint, die keine »feste« Partnerschaft haben oder haben wollen (zunächst unabhängig von der Wohnform und dem Familienstand). Wer sich auf demographische Daten der Haushaltsstatistik stützt, bezieht sich auf die Alleinlebenden (zunächst unabhängig von ihrem Familienstand oder der Frage, ob sie einen »festen« Partner haben). Andere wollen den Begriff »Single« für jene »Bewegung« von Personen reservieren, die sich »freiwillig für ein unbefristetes Alleinleben entschieden haben«.
Es gibt weite und enge Single-Begriffe: Der weiteste Single-Begriff, häufig benutzt, schließt sämtliche Personen in Einpersonenhaushalten ein (und manchmal noch mehr, weil die Statistik deren Zahl überschätzt - siehe unten). Ein sehr enger Single-Begriff könnte etwa so definiert werden: Alle Alleinlebenden, die freiwillig und mit Entschiedenheit auf eine feste Partnerschaft verzichten - und zwar in einer Lebensphase, in der man im Normalfall verheiratet ist bzw. eheähnlich zusammenlebt, also im Alter von etwa 30-40. Bei der engen Definition lassen sich noch einmal zwei Ausprägungen unterscheiden: Die asketische und die hedonistische Variante. Die erste verzichtet nicht nur auf eine feste Partnerschaft, sondern auch auf Sexualität. Die zweite Variante geht auf die Pirsch, wenn das sexuelle Verlangen wieder erwacht und befriedigt es (...).
Manche rechnen auch die Alleinlebenden mit festem Partner zu den Singles. Die Begründung ist allerdings oft rein technisch (...). Doch für eine soziologische Theorie des Paares wäre das Kriterium »feste Partnerschaft« sehr wichtig (...). Der Verlauf einer Paarbeziehung hat einen definitiven Übergangspunkt, an dem die Beziehung als »fest« definiert ist. Wir unterscheiden im folgenden in erster Linie zwei Grundtypen: Alleinlebende ohne festen Partner (»singles«) und Alleinlebende mit festem Partner. Zwei Personen aus der letzten Kategorie bilden zusammen ein getrenntlebendes Paar (»living apart together«), das im Rahmen einer Theorie des Paares die interessanteste Kategorie ist." (1997, S.147f.)

Single-Haushalte als Indikator der Individualisierung? Oder die Tücken der Haushaltsstatistik

"Es scheint für den Bedeutungszuwachs der Singles einen handfesten statistischen Hinweis zu geben; und daher spricht alles für einen Anstieg der Zahl Alleinlebender: Gemeint ist die Zunahme der Einpersonenhaushalte. (...). Seit den sechziger Jahren kletterte der Anteil dieser »Single-Haushalte« immer schneller (...).
Demographen und Familiensoziologen sind sich deshalb einig: »Immer mehr Menschen leben allein«. Wir sind auf dem Weg in die »Gesellschaft der Einzelgänger«. Der »vollmobile Single« prägt ebenso unser Zeitalter wie die »Verhandlungsfamilie auf Zeit«. Der oder das Single scheint die paradigmatische Lebensform der Zukunft - und in gewisser Weise Endpunkt einer Entwicklung der permanenten Individualisierung (...). Auf den ersten Blick scheinen diese Veränderungen der Haushaltsgröße ein klares Symptom für eine wachsende Bedeutung der Single-Existenz, für »Individualisierung« (...). Bevor man dieses Faktum aber im Sinne der Zunahme der selbstgewählten Lebensform Single interpretiert, muß man genauer hinsehen, und dann ergeben sich mehrere Probleme. (...).
Zunächst einmal täuscht die Statistik. (...). Es handelt sich bei der statistischen Kategorie »Ehepaare ohne Kinder« keineswegs mehrheitlich um kinderlose Ehepaare, sondern in dieser Kategorie stecken ein paar Millionen ältere Elternpaare, deren Kinder inzwischen den gemeinsamen Haushalt verlassen haben. Soziologisch handelt es sich dabei um »Familien«, wenn auch nicht um Familien-Haushalte im Sinne der Demographie. Eine zweite Täuschungsquelle könnte die Verwechslung von »Haushalt« und »Person« in solchen statistischen Aussagen darstellen (...).
Im übrigen - eine dritte Fehlerquelle - wird in der Haushaltsstatistik die Zahl der Einpersonenhaushalte überschätzt, weil zum Beispiel Wohngemeinschaften oder andere Gemeinschaftshaushalte häufig nicht als ein Mehrpersonenhaushalt gezählt werden. (...) Die Mitglieder von studentischen Wohngemeinschaften zum Beispiel haben meist getrennte Kasse, wirtschaften also nicht gemeinsam, und so füllt jeder seinen eigenen Haushaltsbogen aus." (1997, S.149ff.)

richtige Singles

"Seit Anfang der siebziger Jahre stieg der Anteil der Personen, die in einem Einpersonenhaushalt wohnen (...). Das Problem ist, daß diese Zahlen wenig über Singles im eigentlichen Sinn aussagen. Erstens gibt es einen sehr hohen Anteil von älteren Alleinstehenden, insbesondere Witwen. Das hängt mit dem »Altern der Gesellschaft« zusammen (...)
Die »richtigen« Singles kann man wohl kaum unter den Alten suchen. Doch genauso wenig sinnvoll ist es, Jugendliche und junge Erwachsene dazuzurechnen, deren Ausbildungsphasen sich verlängert haben. Das ist aber ein zweiter wesentlicher Grund für die Zunahme der Einpersonenhaushalte (...).
In welcher Altersgruppe soll man also die »richtigen Singles« suchen? (...). Wir würden uns (...) pragmatisch und etwas vorsichtig auf die Altersgruppe 30-45 festlegen.

Alleinleben ist keine Lebensform, sondern eine Lebensphase: lebenszeitliche Varianten von Singles

"Alleinleben ist (...) noch keine Lebensform, die (...) gleichberechtigt neben die alten Lebensformen träte. Es ist immer noch eher eine Lebensphase, eine Übergangsphase im Lebenslauf. Und dabei gibt es unübersehbare Unterschiede in der jeweiligen biographischen Bedeutung des Alleinlebens. Deshalb ist die Sammelkategorie »Single« heute soziologisch unbrauchbar. (...). Folgende lebenszeitliche Varianten von Alleinlebenden oder Partnerlosen sollten deshalb unterschieden werden:

1. Jugendliche und junge Erwachsene (bis etwa 30), die nach Auszug aus dem Elternhaus alleine leben. Ob es sich dabei mehrheitlich um »prämaritale« Singles handelt, das heißt solche, die später typischerweise verheiratet sein werden, kann nur durch Längsschnittuntersuchungen geklärt werden."
2. »Richtige« Singles, das heißt längerfristig Alleinlebende im Alter zwischen 30 und 45, ledig, ohne längerdauernde, fest Paarbeziehung.
3. Living apart together-Singles, d.h. Alleinlebende mit einem festen Partner (der selber alleine lebt).
4. Personen, die zwar nicht alleine leben (sondern zum Beispiel in Wohngemeinschaften, die aber »Singles« in dem Sinne sind, daß sie über eine längere Zeit keine feste Partnerschaft eingehen.
5. »Postmaritale Singles«, d.h. vorübergehend Alleinlebende nach Trennung oder Scheidung.
6. Ältere Alleinstehende, meist verwitwet.

Wie häufig bei solchen neuen Phänomenen ist es nicht ganz leicht, griffige und passende Begriffe zu finden. Der »postmaritale Single« wird sich kaum in der Alltagssprache duchsetzen (der »prämortale« erst recht nicht). Auch die Bezeichnung »gebrauchte Junggesellen« (für postmaritale Singles) ist wohl nicht mehr als ein Gag." (1997, S.154)

Die Single-Gesellschaft in der Individualisierungs- und Differenzierungstheorie

"Für die Individualisierungstheorie ist der Trend zum Alleinleben (...) eine logische Konsequenz der Individualisierung. Je individualistischer eine Gesellschaft, desto weniger Kinder, desto mehr Singles. Relativ selten wurde bisher allerdings versucht, am Beispiel der »Singles« die Individualisierungstheorie durch die Verknüpfung von strukturellen und individuellen Aspekten zu testen. (...).
Differenzierungstheorien kommen zu einem etwas anderen Ergebnis: Hier geht es im wesentlichen darum, daß das bisher relativ homogen-diffuse »Familien- und Intimsystem« sich nun in mehrere Teilsysteme ausdifferenziert. Meyer beispielsweise unterscheidet drei Privatheitstypen, die in Zukunft zunehmend ausdifferenziert seien: Der partnerschaftsorientierte, der kindorientierte und der individualistische Privatheitstyp. (...). Der individualistischen Variante (»Singles«) wird dabei (...) keine eigenständige systembildende Kraft zugetraut. Es scheint, daß die Konfliktlinie tatsächlich eher zwischen kinderlosen Paaren und Familien, aber nicht zwischen Singles und Familien verläuft." (1997, S.156f.)  

 
     
 
       
   

Günter Burkart in der Debatte

LENZ, Karl (1998): Soziologie der Zweierbeziehung. Eine Einführung, Opladen: Westdeutscher Verlag

 
       
       
   

Biographische Übergänge und rationale Entscheidungen (1995)
in: BIOS - Zeitschrift für Biographieforschung und Oral History, 8, 1, S.59-88

 
   
     
 

Inhaltsverzeichnis

1. Fragestellung

2. Empirische Illustrationen

Entscheidung - Art der Entscheidung?
Entscheidungskoordination zwischen Mann und Frau
Biographische Wurzeln des Familialismus

3. Rationalität und Entscheidung

Entscheidung: Eine vorläufige formale Definition
Kritik des Rational-Choice-Entscheidungsbegriffs

4. "Entscheidung" in der soziologischen Theorie

Entscheidung als Problemlösung

5. Exkurs: Das Verhältnis von Handlung und Entscheidung und die Rationalität von Entscheidungen

6. Zur Psychologie der Entscheidung

Ursprünge des Entscheidungsbegriffs bei William James
Unbewußte Aspekte und biographische Hintergründe von Entscheidungen

7. Biographische Übergänge und biographische Entscheidungen

8. Autonome Entscheidung, biographische Zwangsläufigkeit und sozio-kulturelle Selbstverständlichkeit beim Übergang in die Elternschaft

Zitat:

Strukturelle Überforderung, Entscheidungsdruck und ungeplante Elternschaft

"Die Entscheidung zur Elternschaft ist (...) häufig nicht das Ergebnis einer Entscheidung; zumindest nicht das Ergebnis einer einfachen »rationalen« Entscheidung. Zu sehr scheinen hier auf der einen Seite strukturelle Überforderung (Nichtanwendbarkeit des Nutzenkalküls, Unabsehbarkeit der Folgen etc.), auf der anderen Seite starke biographische Wurzeln des »Kinderwunsches« - die basale Motivation - eine Bedeutung zu haben. Der Anteil ungeplanter Schwangerschaften ist hoch, die Motive oft ungeklärt, es gibt Ambivalenzen zwischen Familismus und Individualismus, gerade auch im individualisierten - und rationalisierten - Akademikermilieu. Nach unserer Erfahrung fällt die »Entscheidung« deshalb eher aufgrund manchmal tiefsitzender Affekte, die einen bestimmbaren biographischen Hintergrund haben, aber den Akteuren nur potentiell klar sind. Auf der anderen Seite ist der Übergang zur Elternschaft für viele Paare - in bestimmten Milieus - immer noch selbstverständlich und insofern keine Frage von Rationalität und Entscheidung. Also: Entweder der Übergang in die Elternschaft erfolgt unreflektiert selbstverständlich oder die Frage ist unter Rationalitätsgesichtspunkten kaum entscheidbar.
(...).
Häufig kann überhaupt nicht von Entscheidung gesprochen werden; häufig wird nur unter unmittelbarem Entscheidungsdruck die Frage: Abtreibung oder nicht? entschieden. Und selbst diese Entscheidung überlassen die Paare manchmal dem »Schicksal« oder der »Zeit«." (S.83)

 
     
 
       
       
   

Die Entscheidung zur Elternschaft (1994).
Eine empirische Kritik von Individualisierungs- und Rational-Choice-Theorien
Stuttgart: Enke

 
   
     
 

Zitate:

Die biografischen Wurzeln von Entscheidungen

"Biographische Übergänge - wie jene zur Elternschaft - können das Ergebnis von Entscheidungen oder von Nichtentscheidungs-Handlungen sein. In Entscheidungen drückt sich ein gewisser Grad von Handlungsautonomie des Subjekts aus, doch sind Entscheidungen ebenso wie Nichtentscheidungen immer auch das Ergebnis von strukturellem Zwang (vor allem im Sinne von Geschlechts-, Klassen-, Milieu- und Generationszugehörigkeit). Vermittelt über diese sozialstrukturellen Einschränkungen reduzieren auch Normen und Werte, vor allem solche, die Lebenslaufmuster regulieren, die Handlungsautonomie. In ihrer Verarbeitung durch individuelle biographische Erfahrungen bilden sie den Kern der »biographischen Wurzeln« individueller Entscheidungen. Dazu gehören auch nichtbewußte Motive und Antriebe." (S.103)

Elemente des Individualisierungsprozesses

Strukturen Werte und Normen Demogra-phische Ebene Biographische Ebene Handlungs-ebene
Arbeitsmarkt-Freisetzung und Bildungsex-pansion Werterosion Pluralisierung Verlust biographischer Stabilität (Destandar-disierung) Sicherheits-verlust
Geschlechts-rollenwandel wachsende normative Unverbind-
lichkeit
Bedeutungs-zuwachs individua-listischer Lebensformen Mehr Autonomie und Kontrolle über das eigene Leben Mehr Optionen. Mehr Wahl- und Entscheidungs--möglichkeiten
Quelle: Günter Burkart 1994, S.116

"Werterosion und normative Unverbindlichkeit: Beck spricht meines Wissens nicht von normativer Unverbindlichkeit oder Werterosion (...). Indirekt hat er solche Prozesse aber im Auge, wenn er von »verblassenden« Sozialmilieus spricht oder von der Auflösung der »Normalbiographie«. (...).
Pluralisierung: (...). In dem hier skizzierten Modell von Individualisierung ist »Pluralisierung« ein Begriff auf der demographischen Ebene: Er kennzeichnet eine Pluralität von Lebens-, Wohn- und Familienformen. Diese beiden Stichworte (Pluralisierung und Werterosion) werden in der Diskussion kaum empirisch klar geprüft. (...).
Bedeutungszuwachs individualistischer Lebensformen: Für manche Forscher steht eine Version der Individualisierungstheorie im Vordergrund, bei der angenommen wird, daß sich individualisierte Lebensformen allmählich immer mehr durchsetzen und wenn auch nicht zum statistischen Normfall, so doch zu einem wesentlichen Faktor werden, der die private Lebensführung der Zukunft charakterisiert. Alleinlebende (Singles oder getrenntlebende Paare: living apart together), nichteheliche Lebensgemeinschaften, die individualisierte Partnerschaft, Alleinerziehende, kinderlose Doppelverdiener-Paare." (1994, S.116)

"Optionsvielfalt und Entscheidungsbedarf: Durch Freisetzung aus vergemeinschaftenden Bindungen ergibt sich ein individueller Entscheidungszuwachs - als Möglichkeit, aber auch als Zwang: Wahlfreiheit und Entscheidungsnotwendigkeit für die Individuen. Individualisierung war bei Beck zunächst sehr stark auf den Bereich von sozialer Lage und Arbeit bezogen, dann immer mehr auf das weite Feld der Liebe (Beck/Beck-Gernsheim 1990)" (1994, S.119)

Wohlfahrtsstaat und Individualisierung

"Zusammenhänge zwischen dem Individualisierungsprozeß und dem sozialstaatlichen Sicherungssystem werden in der Regel so gesehen: Der Staat sorgt für Sicherheit (Sozialpolitik), weil Individualisierung die Unsicherheit verstärkt - der Wohlfahrtsstaat dient als Auffanginstrument zunehmender biographischer Unsicherheit. Er muß einen Rahmen sozialer Sicherheit bereitstellen, damit sich Individualität in einem politisch vertretbaren Sinn entfalten kann (Zapf et al. 1987).
(...).
In Becks Konzeption ist die wohlfahrtsstaatliche Entwicklung nach 1950 entscheidend für den neuen Individualisierungsschub: Mit ihr brechen die beiden Dämme zusammen, die die Freisetzungstendenzen der entwickelten Marktgesellschaft aufgefangen hatten: Klassenbildung durch Verelendung (Marx) oder durch ständische Vergemeinschaftung (
Beck, 1986: 139). Man könnte - im Gegensatz dazu - vermuten, daß ein relativ schwach entwickelter Wohlfahrtsstaat (wie in den Vereinigten Staaten) den Individualisierungstrend fördert, da er individuelle Konkurrenz begünstigt, während er in Ländern wie Schweden, wo sich jeder in gleicher Weise aus dem großen Topf bedienen kann, eher gebremst würde. Dem widerspricht allerdings die bekannte Vorreiterrolle Schwedens in beiden Dimensionen: Wohlfahrtsstaat und Individualisierung. (...). Sowohl Schweden als auch die USA haben je spezifische individualistische Traditionen. Diese brauchen durch wohlfahrtsstaatliche Maßnahmen nicht notwendigerweise eingeschränkt zu werden. Auf der anderen Seite sind manche der in Schweden besonders ausgeprägten Züge der familialen Destabilisierung (hohe Ehelosigkeit und hohe »Illegitimitätsraten«) keine besonders guten Indikatoren für den Individualisierungstrend." (1994, S.124f.)

Strukturen, Bedingungen und Optionen der privaten Lebensführung

Bedingungen und Strukturzwänge vermittelt durch Optionen der privaten Lebensführung
Bildung, Arbeitsmarkt, Normen und Werte zu Geschlecht, Familie und dem "guten Leben" Soziale Herkunft, "Milieu", Heiratsmarkt, Soziale Beziehungen (Netzwerke), Lebenslaufstufe, Persönliche Interessen Alleinleben, Ledigbleiben (Späte Heirat), Kinderlosigkeit (Aufschub der Elternschaft), Erwerbstätige Mutter (Doppelverdiener), Alleinverdiener-Familie, Große Familie
Quelle: Günter Burkart 1994, S.131
 
     
 
       
   

Weitere Veröffentlichungen

BURKART, Günter/FIETZE, Barbara/KOHLI, Martin (1989): Liebe, Ehe, Elternschaft.
Eine qualitative Untersuchung über den Bedeutungswandel von Paarbeziehungen und seine demographischen Konsequenzen, Schriftenreihe des Bundesinstitut für Bevölkerungswissenschaft, Materialien zur Bevölkerungswissenschaft, Heft 60, Wiesbaden

BURKART, Günter (1990): Paarbeziehungen.
Probleme der Typenbildung bei der Auswertung von biographischen Interviews,
in:
Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Hg.) Methoden zur Auswertung demographischer Biographien, Materialien zur Bevölkerungswissenschaft, Heft 67, Wiesbaden, S. 47-67

BURKART, Günter (1991): Individualisierung und Familialismus.
In: Wolfgang Glatzer (Hg.) 25. Deutscher Soziologentag 1990. Die Modernisierung moderner Gesellschaften. Sektionen, Arbeits- und Ad hoc-Gruppen, Ausschuß für Lehre, Westdeutscher Verlag, S.126-129

BURKART, Günter (1991): Kohabitation und Individualisierung.
Nichteheliche Paarbeziehungen im kulturellen Wandel,
in: Zeitschrift für Familienforschung, 3, 3, S. 26-48

BURKART, Günter (1992): Auf dem Weg zur vollmobilen Single-Gesellschaft?
Kommentar zum Artikel von Schofer/Bender/Utz (ZfBW 4/1991),
in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, 18, 3, S. 355-360

BURKART, Günter/KOHLI, Martin (1992): Liebe, Ehe, Elternschaft: Die Zukunft der Familie, München: Piper

BURKART, Günter & Kornelia Hahn (1998): Liebe am Ende des 20. Jahrhunderts. Neue Wege in der Soziologie intimer Beziehungen, Opladen: Leske + Budrich

KOPPETSCH, Cornelia/MAIER, Maja S./BURKART, Günter (1999): Individualisierung und Partnerschaft im Verhältnis der Geschlechter. Der Alltag von Paarbeziehungen im Milieuvergleich,
in:
HONNEGGER, Claudia/HRADIL, Stefan/TRAXLER, Franz (Hg.) Grenzenlose Gesellschaft? Verhandlungen des 29. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, des 16. Kongresses der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie, des 11. Kongresses der Schweizerischen Gesellschaft für Soziologie in Freiburg i. Br. 1998, Teil 1, Opladen: Leske + Budrich, S.609-622

KOPPETSCH, Cornelia & Günter BURKART (1999): Die Illusion der Emanzipation. Zur Wirksamkeit latenter Geschlechtsnormen im Milieuvergleich. Unter Mitarbeit von Maja S. Maier, Konstanz: Universitäts-Verlag

 
       
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 26. November 2001
Update: 09. März 2017