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Günter Stock: Zukunft mit Kindern

 
       
     
       
   

Günter Stock in seiner eigenen Schreibe

 
       
   

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Günter Stock im Gespräch

 
       
   

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Zukunft mit Kindern (2012).
Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
(herausgegeben zusammen mit Hans Bertram, Alexia Fürnkranz-Prskawetz, Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli, Ursula M. Staudinger)

Frankfurt a/M: Campus Verlag

 
   
     
 

Klappentext

"Warum bleibt der Kinderwunsch vieler Paare unerfüllt, während sich andere gegen Kinder entscheiden? Das Buch präsentiert die Ergebnisse einer Arbeitsgruppe der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Leopoldina zu den Gründen niedriger Geburtenraten in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Es führt auf einmalige Weise den heutigen Wissensstand aus Medizin, Soziologie, Demografie, Ökonomie, Psychologie, Politik- und Geschichtswissenschaften zusammen, räumt mit Legenden auf, beleuchtet Probleme der Datenerhebung und entwickelt schließlich Empfehlungen, wie die Realisierung von Kinderwünschen besser ermöglicht werden kann. Der Ländervergleich zeigt eindrücklich, dass eine erfolgreiche Familienpolitik neben den Dimensionen Zeit, Geld und Infrastruktur unbedingt den jeweiligen sozialen Kontext berücksichtigen muss."

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

Günter Stock, Hans Bertram, Alexia Fürnkranz-Prskawetz,Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli, Ursula M. Staudinger

2. Autoren und Mitwirkende
3. Mythen und Legenden
4. Fertilität in historischer Perspektive

Josef Ehmer, Jens Ehrhardt, Martin Kohli

4.1 Wozu nützt ein Blick in die Geschichte?
4.2 Grenzen der Fruchtbarkeit im vorindustriellen Europa

4.2.1 Historische Variabilität von biologischen Zäsuren
4.2.2 Soziale Einschränkungen der Reproduktion
4.2.3 Bewusste Beeinflussung der »natürlichen Fruchtbarkeit«
4.2.4 Methoden der Geburtenkontrolle

4.3 Das demographische System des vormodernen Europa

4.3.1 Der Mythos der kinderreichen Familie
4.3.2 Der Kinderreichtum des 19. Jahrhunderts

4.4 Wandlungen der Fertilität im 19. und 20. Jahrhundert

4.4.1 Die Theorie des »demographischen Übergangs«
4.4.2 Kritik an der Theorie des demographischen Übergangs
4.4.3 Phasen des Wandels der Fertilität im 20. Jahrhundert
4.4.4 »Erster«
und »zweiter« Geburtenrückgang
4.4.5 Der »Eigensinn« von Fertilitätsentscheidungen

4.5 Einstellungswandel im Hinblick auf Kinder

4.5.1 Kinderrechte als Eltern- bzw. Mütterpflichten
4.5.2 Staatliche Reformen im Interesse der Kinder
4.5.3 Ausweitung der Ansprüche und Rechte der Kinder
4.5.4 Gesellschaftliche, elterliche, väterliche oder mütterliche Pflicht?

4.6 Fertilität als Gegenstand von Bevölkerungsdiskursen und Bevölkerungspolitik

4.6.1 Pronatalismus der frühen Neuzeit: das Streben nach Bevölkerungswachstum
4.6.2 Die »Malthusianische Wende« im Bevölkerungsdiskurs
4.6.3 Neomalthusianismus
4.6.4 Eugenik und Rassenhygiene
4.6.5 Fertilität im Bevölkerungsdiskurs und in der Bevölkerungspolitik des Nationalsozialismus
4.6.6 Strukturmerkmale von Bevölkerungsdiskursen

4.7 Literatur

5. Theorien der Fertilität

Jens Ehrhardt, Johannes Huinink, Martin Kohli, Ursula M. Staudinger

5.1 Einleitung
5.2 Wichtige Erklärungsansätze der Fertilität: ein Überblick

5.2.1 Die evolutionäre Anthropologie und die biologischen Grundlagen von Fertilität
5.2.2 Entscheidungstheoretische Ansätze
und die Rolle sozialer Normen und Leitbilder
5.2.3 Ökonomische
und soziologische Theorien der Fertilität
5.2.4 Rahmenbedingungen von Fertilität
und Elternschaft
5.2.5 Die Lebenslaufperspektive als Rahmenkonzept zur Analyse von Fertilität

5.3 Ist eine Prognose der weiteren Entwicklung möglich?
5.4 Literatur

6. Demographische Analyse der Fertilitätsentwicklung

Alexia Fürnkranz-Prskawetz, Ina Jaschinski, Michaela Kreyenfeld, Tomas Sobotka, Dimiter Philipov, Laura Bernardi, Joshua Goldstein, Krystof Zeman

6.1 Einleitung
6.2 Demographische Perspektiven der Fertilitätsanalyse

6.2.1 Zur Messung der Fertilität — Fertilitätsindikatoren auf dem Prüfstand
6.2.2 Die Fertilitätsentwicklung aus Perioden-
und Kohortenperspektive

6.3 Fertilitätstrends in Deutschland, Österreich und der Schweiz

6.3.1 Familiengröße und Kinderlosigkeit
6.3.2 Der Zusammenhang von Bildung
und Fertilität
6.3.3 Partnerschaft
und Fertilität
6.3.4 Migration
und Fertilität
6.3.5 Regionale Fertilitätsunterschiede

6.4 Der Kinderwunsch im Fokus von Wissenschaft und Öffentlichkeit

6.4.1 Konzepte und Messung von Fertilitätsidealen und Fertilitätsintentionen
6.4.2 Empirische Ergebnisse im Dreiländervergleich
6.4.3 Fertility Gap - die Kluft zwischen Wunsch
und Wirklichkeit

6.5 »Aufgeschoben ist (nicht) aufgehoben!?« — Aufschieben u n d Nachholen von Geburten aus der Kohortenperspektive

6.5.1 Aufschieben und Nachholen von Geburten im Ländervergleich

6.6 Fertilität als Schlüsselindikator für Bevölkerungsprognosen

6.6.1 Nationale Bevölkerungsvorhersagen in den Vergleichsländern
6.6.2 Demographische Stimmigkeit der prognostizierten Fertilitätsindikatoren
6.6.3 Entwicklung der zukünftigen Kohortenfertilität

6.7 Datengrundlagen zur Analyse des Fertilitätsverhaltens - Möglichkeiten und Probleme

6.7.1 Datengrundlagen in Deutschland
6.7.2 Datengrundlagen in Osterreich
6.7.3 Datengrundlagen in der Schweiz

6.8 Literatur

7. Familienpolitik für Kinder und Eltern

Hans Bertram, Martin Bujard, Gerda Neyer, Ilona Ostner, C. Katharina Spieß

7.1 Einleitung
7.2 Familienpolitik u n d die Förderung der Institution Familie
7.2.1 Die vergessenen Kinder
7.2.2 Die unterschätzte Dynamik der familialen Entwicklung
und die Benachteiligung neuer familiärer Lebensformen

7.3 Das Wohlbefinden von Kindern und Eltern als zentrales familienpolitisches Ziel

7.3.1 Wie sich das Wohlbefinden von Kindern und Eltern messen lässt
7.3.2 Zeit-, Infrastruktur-
und Geldpolitik und das Wohlbefinden von Kindern und Eltern

7.4 Nachhaltige Familienpolitik als lebenslauforientierte Politik

7.4.1 Nachhaltige Familienpolitik als Politik für Eltern und Kinder
7.4.2 Nachhaltige Familienpolitik - Lernen bei den Nachbarn
7.4.3 Finanzielle Transferleistungen in der Familienentwicklung
7.4.4 Von der Work-Life-Balance zur Integration von Fürsorge für Kinder
und Berufsarbeit
7.4.5 Alltagszeit, Zeitautonomie
und Zeitmangel
7.4.6 Alltagszeit und Lebenszeit

7.5 Familienpolitik in Deutschland, Österreich und der Schweiz

7.5.1 Vorreiter, Nachzügler und Politiklernen in der Familienpolitik
7.5.2 Geld-, Zeit-
und Infrastrukturpolitik in Deutschland, Österreich und der Schweiz
7.5.3 Nationale Besonderheiten, Institutionen
und familienpolitischer Wandel

7.6 Wirkungsanalysen zum Zusammenhang von Familienpolitik und Fertilität

7.6.1 Einleitung
7.6.2 Mikrostudien
7.6.3 Potenziale
und Grenzen von Makroanalysen
7.6.4 Qualitative Analysen, Kontexte
und Nichteffekte
7.6.5 Perspektiven zukünftiger Wirkungsforschung

7.7 Literatur

8. Medizinische u n d biologische Aspekte der Fertilität

Henning M. Beter, Wolfgang van den Daele, Klaus Diedrich, Joachim W. Dudenhausen, Ricardo Felberbaum, Gerd Gigerenzer, Gisela Gille, Ursula-Friederike Habenicht, Philipp Hinderberger, Wolfgang Holzgreve, William Ledger, Eberhard Nieschlag, Petra Ritzinger, Jochen Taupitz, Egbert te Velde

8.1 Einleitung
8.2 Fekundität (Fertilität von Mann
und Frau)

8.2.1 Was sind Fekundität und Fertilität?
8.2.2 Ursachen, Diagnose
und Prognose der In- und Subfekundität
8.2.3 Nimmt die Fekundität der Bevölkerung in Europa ab?
8.2.4 Auswirkungen des Geburtenaufschubs
8.2.5 Sexuell übertragbare Infektionen
und dauerhafte ungewollte Kinderlosigkeit
8.2.6 Auswirkungen von Lifestyle-Faktoren auf die Fekundität
und Fertilität
8.2.7 Beeinflussen hormonaktive Substanzen die menschliche Reproduktion?
8.2.8 Fazit

8.3 Risikokommunikation
8.4 Späte Mutterschaft

8.4.1 Gesundheitliche Risiken für Mutter und Kind und deren Prävention
8.4.2 Pränataldiagnostik im Kontext später Elternschaft

8.5 Medizinisch-biologische Aspekte von Fertilität zu Beginn des 21. Jahrhunderts: jenseits von Eugenik und Bevölkerungspolitik
8.6 Familienplanung im Lebenslauf
8.7 Aufklärung und Prävention

8.7.1 Vermittlung von Kenntnissen zu Fekundität, Sexualität und Kontrazeption
8.7.2 Wissen u m Risikofaktoren hinsichtlich der Fekundität
8.7.3 Sexualaufklärung von Kindern mit Migrationshintergrund
8.7.4 Sexualaufklärung
und Prävention in Schulen

8.8. Die Rolle der assistierten Reproduktionstechniken (ART)

8.8.1 Entwicklung der Reproduktionsmedizin — der heutige Stand
8.8.2 ART-Erfolgsraten
und gesundheitliche Risiken für Mutter und Kind(er)
8.8.3 Psychosoziale Aspekte der ungewollten Kinderlosigkeit nach ART
8.8.4 Akzeptanz
und Legitimität von ART: der Vorrang des Kinderwunsches
8.8.5 Reproduktionsmedizin in Deutschland, Osterreich
und der Schweiz im europäischen und internationalen Vergleich
8.8.6 Folgen des Gesundheitsmodernisierungsgesetzes in Deutschland
und Erstattung der ART-Kosten in Österreich u n d der Schweiz

8.9 Welche Perspektiven bietet die Forschung im Hinblick auf die Fekundität?

8.9.1 Bewahrung der Fekundität von Mann u n d Frau
8.9.2 In-vitro-Erzeugung von Keimzellen (»künstliche« Samen- und Eizellen)
8.9.3 Embryoteilung für die Reproduktion (Klonen)
8.9.4 Fetale Inkubation außerhalb der Gebärmutter (künstliche Plazenta)

8.10 Literatur

9. Kernaussagen
10. Empfehlungen
11. Glossar
12. Fachpublikationen aus der Akademiengruppe
13. Autorinnen und Autoren

Zitate:

Die Geburtenrate (TFR) bildet die Geburtenentwicklung nicht richtig ab

"Wer sich empirisch mit der Geburtenentwicklung in verschiedenen Ländern auseinandersetzt, wird mit einer Vielzahl unterschiedlicher Konzepte und Daten konfrontiert, die sich nicht ohne Weiteres zu einem stimmigen Ganzen fügen. Selbst das, was häufig als sichere Datenbasis wahrgenommen wird, ist zu hinterfragen. So wird die in der Öffentlichkeit immer wieder diskutierte »zusammengefasste Geburtenziffer« (Total Fertility Rate, TFR) in diesem Bericht kritisch betrachtet, weil sie die tatsächliche Geburtenentwicklung nicht richtig abbildet. Hier müssen möglicherweise andere Indikatoren entwickelt werden.
Auch die Frage, ob Ländervergleiche - etwa auf OECD-Ebene - automatisch zuverlässige Aussagen ermöglichen, drängt sich auf. Denn die Variation zwischen verschiedenen Regionen innerhalb der Länder ist so groß, dass Mittelwerte nicht automatisch aussagekräftig sind. Das mag nach einer fachinternen Diskussion der demographischen Forschung klingen, doch es hat erhebliche politische Implikationen. Denn einzelne Maßnahmen wirken sich in verschiedenen regionalen Kontexten möglicherweise ganz unterschiedlich aus." (S.15)

Die lebenslange Kinderlosigkeit in Deutschland, Österreich und der Schweiz

"Die lebenslange Kinderlosigkeit von Frauen und Männern in den drei Vergleichsländern (Österreich, Deutschland und der Schweiz) liegt auf einem hohen Niveau. Die Frauen, die um 1965 geboren wurden, sind zu etwa 20 Prozent kinderlos geblieben. Jedoch bestehen große Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. Während die Kinderlosigkeit in Ostdeutschland zehn Prozent beträgt, ist diese in Westdeutschland mit 22 Prozent eine der höchsten in Europa. Im historischen Kontext ist hohe Kinderlosigkeit jedoch kein neues Phänomen. Im vorindustriellen Europa blieben viele Menschen zeitlebens unverheiratet und kinderlos, und auch verheiratete Paare konnten aufgrund der hohen Kindersterblichkeit ohne Nachkommen bleiben. Ebenso lag in unseren Vergleichsländern die Kinderlosigkeit bei Frauen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts geboren wurden, bei über 25 Prozent. Für diese Kohorten fielen die Altersjahre der reproduktiven Phase mit der Wirtschaftskrise der 1930er Jahre zusammen." (S.26)

Die Kinderlosigkeit von Akademikerinnen wurde in Deutschland überschätzt

"Die Kinderlosigkeit von Akademikerinnen ist deutlich höher als die anderer Frauen. Jedoch wurde das Ausmaß der Kinderlosigkeit in der Vergangenheit aufgrund fehlender Daten zu hoch eingeschätzt. Zum Beispiel zeigen aktuelle Mikrozensusergebnisse aus dem Jahr 2008 für Deutschland, dass 28 Prozent der um 1965 geborenen Akademikerinnen kinderlos geblieben sind." (S.26f.)

Es gibt keinen zwangsläufigen Zusammenhang zwischen Bildung und Kinderzahl

"Es gibt keinen zwangsläufigen Zusammenhang zwischen Bildung und Kinderzahl. In Ländern wie Deutschland, Österreich und der Schweiz, die in Hinblick auf die Vereinbarkeit von Elternschaft und Erwerbskarriere schlechte Bedingungen aufweisen, bleiben Frauen mit einem hohen Bildungsabschluss besonders häufig kinderlos. In Ländern mit guten Bedingungen, wie etwa Schweden, Dänemark und Finnland, unterscheidet sich der Anteil von Kinderlosen zwischen den Bildungsgruppen kaum. In Deutschland bleiben heute gerade Männer mit geringem Einkommen und Bildungsniveau häufig kinderlos – auch deshalb, weil sie seltener in einer festen Partnerschaft oder Ehe leben." (S.27)

Kinderwunschstudien sind skeptisch zu betrachten

"Die gewünschte Kinderzahl in Europa liegt bei ungefähr zwei Kindern pro Frau, während die zusammengefasste Geburtenziffer (Total Fertility Rate, TFR) im Durchschnitt bei 1,5 Kindern pro Frau liegt. Diese Differenz, die in der Fachliteratur als »Fertility Gap« bezeichnet wird, dient oft als Argument für neue familienpolitische Maßnahmen. Jedoch wird die Differenz zwischen geplanter und tatsächlich realisierter Kinderzahl überschätzt.

Wenn wir korrekterweise die geplante und die realisierte Familiengröße der gleichen Geburtskohorte vergleichen, so reduziert sich diese Differenz um rund 50 Prozent. Ebenso werden oft gesellschaftliche Normen und Werte (die sich um einen Wert von zwei Kindern pro Frau konzentrieren) anstelle des individuellen Kinderwunsches angegeben, wenn Menschen nach ihrer idealen Kinderzahl gefragt werden." (S.29)

Tempoeffekte führen zu einer Fehleinschätzung der Geburtenentwicklung

"Der Rückgang der Geburtenziffern, den wir seit Dekaden für fast alle europäischen Länder beobachten konnten, kam zu einem Stillstand, bzw. es kam zu einem Anstieg der Geburtenziffern. Erklärt wird diese Entwicklung damit, dass die Geburtenziffern bislang durch Verschiebungen im Alter bei Geburt (Tempoeffekte) verzerrt waren. Da sich der Anstieg des Alters bei Geburt verlangsamt hat und sich die Tempoeffekte abgeschwächt haben, sind die jährlichen Geburtenraten gestiegen. Dieser Trend gilt auch für Österreich, die Schweiz und Ostdeutschland. Für Westdeutschland lässt sich dieser Trend nicht bestätigen, obwohl davon auszugehen ist, dass er sich auch dort bald zeigen wird. Zudem scheint der langfristige Rückgang der Kohortenfertilität zu einem Ende zu kommen." (S.31)

Die zukünftige Geburtenentwicklung lässt sich nicht sicher prognostizieren

"Versucht man die weitere Fertilitätsentwicklung (...) zu prognostizieren, dann kann man mit großer Sicherheit sagen, dass in modernen Wohlfahrtsgesellschaften hohe Kinderzahlen von durchschnittlich deutlich mehr als zwei Kindern der Vergangenheit angehören. (...).
Dagegen fällt die Prognose, ob die Fertilität einen Wiederanstieg vom jetzigen sehr niedrigen Niveau erlebt oder auch in Zukunft anhaltend niedrig bleibt, nicht eindeutig aus, da sich auf der Grundlage der diskutierten Ansätze beide Szenarien begründen lassen:
(1) Die evolutionäre Anthropologie geht davon aus, dass Menschen sich auch in Zukunft Nachkommen wünschen
(»Disposition zur Fortpflanzung«), auch wenn genetische Studien diese Annahme ein wenig einschränken (...). Legt man dies zugrunde und nimmt weiter an, dass deshalb der psychische und kulturelle Nutzen von Kindern, so wie ihn etwa der Value-of-children-Ansatz beschreibt, hoch ist, dann kann man schlussfolgern, dass die gegenwärtig sehr niedrigen Fertilitätswerte auf ungünstige und widersprüchliche Rahmenbedingungen von Elternschaft zurückzuführen sind. (...). Verbessern sich die Rahmenbedingungen, werden auch die Geburtenzahlen wieder steigen. (...).
Folglich würde es sich bei den sehr niedrigen Geburtenraten in Ländern wie Deutschland, Österreich und der Schweiz um einen vorübergehenden Zustand handeln, auch wenn unklar ist, wie viel Zeit der Wandel hin zu höheren Geburtenraten in Anspruch nehmen würde. Der Blick auf die diskutieren Probleme macht aber deutlich, dass es sich nicht um unlösbare Fragen handelt: So dürfte der Anteil der Kinderlosen sinken und die Zahl der Paare mit mehr als einem Kind steigen - das legen die Werte in vielen Nachbarländern nahe -, wenn man die Vereinbarkeit von Elternschaft und Berufstätigkeit verbessert. (...).
(2) Individualisierungstheoretische Arbeiten im Anschluss an Ron Lesthaeghe begründen dagegen ein Szenario, wonach auch in Zukunft mit einem niedrigen Fertilitätsniveau gerechnet werden muss. Durch den kulturellen Wandel werden nicht nur Familiengründungen in großem Umfang aufgeschoben, sondern es wird auch der Anteil von kinderlosen Menschen und solchen mit nur einem Kind ansteigen (Lesthaeghe 1988; 1999; 2011). Mehr und mehr Menschen streben aus dieser Perspektive nach unmittelbarer Selbstverwirklichung, und die Verantwortung für Kinder steht diesem Streben im Wege. (...) Diese Position wird auch durch die low-fertility-trap-These vertreten, die annimmt, dass sich ein Ideal der Kinderlosigkeit ausbildet und verbreitet - in einer Gesellschaft, in der Kinder immer weniger sichtbar sind und die deshalb auf die Bedürfnisse von Familien immer weniger Rücksicht nehmen muss (Lutz/Skirbekk/Testa 2006). Günter Burkart (2008) spricht in ähnlicher Weise von einer »Kultur der Kinderlosigkeit«.
Der gegenwärtige Forschungsstand ermöglicht zwar kein eindeutiges Votum für eine der beiden Sichtweisen, doch erscheint uns ein wieder ansteigendes Geburtenniveau in Deutschland, Österreich und der Schweiz wahrscheinlicher. Das zweite Szenario, das anhaltend niedrige oder gar weiter sinkende Geburtenraten für wahrscheinlich hält, erklärt nicht, warum etwa in Frankreich und Schweden er Anteil von Kinderlosen weit geringer ist als in Deutschland, obwohl diese Gesellschaften keineswegs weniger individualisiert sind." (S.105ff.)

Der Anteil der Kinderlosen am Geburtenrückgang

"Die Berechnung der Kohortenfertilität für den Jahrgang 1965 unter der Annahme, dass die Kinderlosigkeit auf dem Niveau der Kohorte 1940 bleibt, zeigt mit Ausnahme Westdeutschlands einen geringeren Effekt als erwartet. In Westdeutschland würde dieses Szenario die Kohortenfertilität von 1,5 auf 1,7 ansteigen lassen; dementsprechend wären 44 Prozent des Rückgangs in der Kohortenfertilität auf den Anstieg der Kinderlosigkeit zurückzuführen (...). In Österreich und der Schweiz lässt sich der Rückgang der Kohortenfertilität zum größten Teil darauf zurückführen, dass die Wahrscheinlichkeit gesunken ist, ein drittes Kind zu bekommen. In Ostdeutschland dagegen kann dies mit sinkenden Zweitgeburtenraten in Verbindung gebracht werden, und die Kinderlosigkeit erklärt nur einen Anteil von 12 Prozent des Rückgangs (Sobotka 2011)." (S.131)

Sozialer Druck und Geburtenverhalten

"Im Rahmen der »Theory of planned behavior« wird sozialen Netzwerken eine besondere Bedeutung hinsichtlich des Fertilitätsverhalten zugeschrieben, was die Forschungsliteratur unter dem Aspekt des normativen Drucks aufgreift". (S.147)

Die Gültigkeit der Low-Fertily-Trap-These ist skeptisch zu beurteilen

"Neuere Auswertungen des österreichischen GGS aus dem Jahr 2008/09, der deutschen parfaim-Daten aus dem Jahr 2008 und des Eurobarometer 2006 zeigen, dass die ideale Kinderzahl Ende der 2000er Jahre oberhalb des Reproduktionsniveau lag (...). Die Hypothese zum Einfluss eines von niedriger Fertilität geprägten Umfeldes und zu eventuell daraus resultierenden normativen Veränderungen auf eine kleiner werdende ideale Kinderzahl muss daher hinterfragt und anhand aktueller Daten überprüft werden."

Die Fertilitätsannahmen bisheriger Bevölkerungsvorausberechnungen und ihre mangelnde Treffsicherheit

"In der Vergangenheit konnte weder der Geburtenzuwachs der 1950er Jahre noch der darauf in den 1960er Jahren einsetzende Geburtenrückgang vorausgesagt werden. Geburtenraten wurden langfristig überschätzt, und die Dynamik des sinkenden Geburtenniveaus konnte nicht abgebildet werden. Es erwies sich als falsch, bei der Erstellung der Prognose den Fortbestand der gegenwärtigen Fertilitätsmuster anzunehmen. Folglich wurde die konservative Fortschreibung bisheriger Trends durch Szenarien niedriger und hoher Fertilitätsentwicklungen erweitert, um die Möglichkeit einer Trendwende in Betracht zu ziehen". (S.162)

"Ab der 7. koordinierten Bevölkerungsvorausschätzung (1990 bis 2030) wurden erstmals Berechnungen für das gesamte Bundesgebiet angestellt. Die getrennt getroffenen Annahmen für Westdeutschland und Ostdeutschland zielten auf eine Konvergenz des Fertilitätsniveaus beider Landesteile bereits im Jahr 1995 ab (Sommer 1992: 217). Die Phase der Angleichung der neuen Länder an das westdeutsche Niveau wurde in den folgenden Prognosen erweitert. In der 8. koordinierten Bevölkerungsvorausschätzung wurden für Westdeutschland die altersspezifischen Geburtenziffern des Jahres 1992 zugrunde gelegt und dementsprechend eine konstante zusammengefasste Geburtenziffer von 1,4 angenommen (Sommer 1994: 497).
Während in der 9. koordinierten Bevölkerungsvorausschätzung der Zeitpunkt der Angleichung auf das Jahr 2005 festgelegt wurde, war es in der 10. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung das Jahr 2010. Diese Phase der Angleichung der Geburtenhäufigkeit konnte in den jeweiligen Berechnungen sehr gut nachgezeichnet werden, da im Jahr 2008 erstmalig gleiche Werte für die TFR in beiden Teilen Deutschlands gemessen wurden. Seit der 11. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung (2006 bis 2050) werden drei Annahmen zur künftigen Geburtenentwicklung vorgestellt, um die Auswirkungen alternativer Entwicklungen der Fertilität zu skizzieren. Die Annahmen der aktuellen 12. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnungen (2009 bis 2060) unterscheiden sich nicht wesentlich von der vorherigen Berechnung." (S.163)

"Die zugrunde liegenden Fertilitätsannahmen der aktuellen Bevölkerungsprognosen für Deutschland, Österreich und die Schweiz sind unter der Berücksichtigung von Tempoeffekten nicht konsistent und sollten revidiert werden." (S.170)

 
     
 
       
   

Rezensionen

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Das Buch in der Debatte

HAACK, Franziska & Daniel BAX (2012): Zeit ist Kind.
Demografie: Wissenschaftler schlagen "Grundsicherung für Kinder" vor. Familienpolitik allein wird die Geburtenraten aber nicht steigern, sagt die Studie "Zukunft mit Kindern",
in: TAZ v. 16.10.

Warum für einen Anstieg der zusammengefassten Geburtenziffer (TFR) auf 1,6 keinerlei familienpolitischen Maßnahmen notwendig sind, sondern lediglich eine statistische Korrektur durch Tempobereinigung - an der hinter den Kulissen längst gearbeitet wird:  

"Was wir heute wissen: Die lebenslange Kinderlosigkeit von Frauen und Männern in den drei Vergleichsländern (Österreich, Deutschland und der Schweiz) liegt auf einem hohen Niveau. Die Frauen, die um 1965 geboren wurden, sind zu etwa 20 Prozent kinderlos geblieben. Jedoch bestehen große Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. Während die Kinderlosigkeit in Ostdeutschland zehn Prozent beträgt, ist diese in Westdeutschland mit 22 Prozent eine der höchsten in Europa. (...).
Die Kinderlosigkeit von Akademikerinnen ist deutlich höher als die anderer Frauen. Jedoch wurde das Ausmaß der Kinderlosigkeit in der Vergangenheit aufgrund fehlender Daten zu hoch eingeschätzt. Zum Beispiel zeigen aktuelle Mikrozensusergebnisse aus dem Jahr 2008 für Deutschland, dass 28 Prozent der um 1965 geborenen Akademikerinnen kinderlos geblieben sind",

heißt es in einer wenig informativen Zusammenfassung der Studie.

"Demografen gehen für die Zukunft davon aus, dass etwa die Hälfte aller Akademikerinnen für immer kinderlos bleiben werden",

hieß es noch 2005 in Susanne GASCHKEs Bestseller Die Emanzipationsfalle. Diese krassen Fehleinschätzungen sind keine Folge fehlender Daten gewesen, sondern gezielter Propaganda. So hieß es z.B. im Jahr 2011 in einer Publikation des Instituts für Bevölkerungsforschung:

"In der Nachlese zeigt sich (...) dass (...) bereits mit den Daten des Mikrozensus des Jahres 1997 für die westdeutschen Akademikerinnen die Betrachtung der 38- bis 43-jährigen (gesamtdeutschen) Akademikerinnen einen Wert von 28 Prozent generiert."

Wer es wissen wollte, so zeigt es www.single-dasein.de und www.single-generation.de, der konnte bereits zum Zeitpunkt des Pflegeurteils des Bundesverfassungsgerichts im Jahr 2001 wissen, dass die Zahlen zur Kinderlosigkeit in der öffentlichen Debatte weit überhöht waren. Es mangelte also nicht an Daten, sondern an politischem Willen und wissenschaftlichem Mut zur Wahrheit. Kinderlose mussten jahrelang für eine verfehlte Familienpolitik als Sündenböcke herhalten. Man hätte den Ausbau der Kinderbetreuung viel früher forcieren müssen, stattdessen hat man Kinderlose an den Pranger gestellt.

Auch die 28 % kinderlose Akademikerinnen der "um 1965 Geborenen" ist noch überhöht, weil der Mikrozensus 2008 die 1965 Geborenen mit den 1964-1968 Geborenen zusammenfasste. Erst die Daten des Mikrozensus 2012 werden die (fast) endgültige Kinderlosigkeit dieser Frauenjahrgänge ausweisen.

Das nächste Thema von single-generation.de wird sich mit der Kinderlosigkeit der Akademikerinnen befassen, denn nun kann nachgewiesen werden, dass bis 2007 Politik, Medien und Wissenschaft bewusst zu hohe Zahlen zur Kinderlosigkeit und zu niedrige Zahlen für die Geburtenrate der jüngeren Jahrgänge ausgewiesen hat. Nach Einführung des Elterngeldes im Jahr 2007 müssen dagegen politische Erfolge her. Nun ist deshalb möglich, was vorher politisch mit allen Mitteln verhindert wurde: der Nachweis, dass die Geburtenrate der jüngeren Jahrgänge zu niedrig ausgewiesen wird, selbst die Kinderlosigkeit ist niedriger.

Wenn jetzt behauptet wird, dass ein Anstieg der Geburtenrate von 1,3 auf 1,6 möglich sei, dann ist das auch nur die halbe Wahrheit. Die tempobereinigte, d.h. die unverzerrte zusammengefasste Geburtenziffer lag bereits im Jahr 2008 bei 1,6, wie man bei LUY & PÖTZSCH nachlesen kann.

Eine Umstellung der amtlichen Statistik von der verzerrten zusammengefassten Geburtenziffer (TFR) auf tempobereinigte Daten (TFR*) würde von heute auf morgen - ohne irgendwelche zusätzliche familienpolitische Maßnahmen - das gleiche Ergebnis bringen: ein Anstieg auf 1,6. Das wäre die wahre Revolution! Man darf also gespannt sein, wann diese Umstellung der Statistik erfolgt...

MÜLLER-LISSNER, Adelheid (2012): Zeit, Geld und eine verlässliche Betreuung.
Leben mit Kindern: Die Geburtenrate in Deutschland ist niedrig. Eine Arbeitsgruppe der Berlin-Brandenburgischen Akademie und der Nationalakademie Leopoldina hat sich Gedanken darüber gemacht, wie die Familie wieder an Wertschätzung gewinnen kann,
in: Tagesspiegel v. 16.10.

Infos zu: Adelheid Müller-Lissner - Autorin der Single-Generation

SCHRADER, Christopher (2012): Geburtenplanung.
Wie lässt sich die Zahl der Kinder in Deutschland erhöhen? Ein hochkarätiges Forscherteam macht dazu eine Reihe von Vorschlägen, deren Umsetzung fas schon einer Revolution gleichkäme,
in: Süddeutsche Zeitung v. 16.10.

 
       
   

Die Webseite zum Buch im WWW

www.zukunft-mit-kindern.eu/publikationen/studie

 
       
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 28. Februar 2014
Update: 09. März 2017